13. Kapitel

Sir John Cranston saß auf dem hochlehnigen Stuhl in seiner geräumigen Küche und schaute liebevoll Lady Maude an, die am Tisch stand und Gläser mit kandierten Früchten füllte. Er hatte Athelstans Geschichte kaum glauben können, wenigstens nicht sofort. Erst nach drei weiteren Bechern Bordeaux hatte es ihm gedämmert, und Athelstan hatte ein paarmal wiederholen müssen, was er von Doktor Vincentius erfahren hatte. Endlich, dachte Cranston, ergibt das alles einen Sinn …

Er warf einen verstohlenen Blick auf die Taille seines Weibes und sah, daß die voluminösen Röcke jede Rundung verbergen würden; selbst Lady Maudes Nachthemden waren wattiert, und der Gedanke an ein weiteres Kind war ihm einfach nie gekommen. Nachdem Matthew vor so langer Zeit mit drei Jahren an der Pest gestorben war, hatte Cranston alle Hoffnung auf einen Erben aufgegeben. Er trommelte mit den Fingern auf der Armlehne. Lady Maude sah seinen Blick und schnupperte an einem Glas, um ihre Verwunderung über Sir Johns plötzlichen Stimmungsumschwung zu verbergen. Sollte sie es ihm jetzt erzählen? überlegte sie. Oder sollte sie, wie geplant, bis Weihnachten warten?

Lady Maude war wie vom Donner gerührt gewesen, als ihre Monatsregel ausgeblieben war; eine Freundin hatte ihr Doktor Vincentius empfohlen. Der Arzt hatte ihre Hoffnungen bestätigt und ihr geraten, was sie essen und trinken und daß sie behutsam mit sich umgehen sollte. Sir Johns amouröse Annäherungen mußte sie zurückweisen, konnte ihm aber nicht sagen, warum. Erst mußte sie sich ganz sicher sein. Lady Maude biß sich auf die Lippe. Es gab noch einen zweiten Grund: Wenn Sir John erst einmal die Wahrheit wüßte, würde sie keinen Frieden mehr finden. Er würde sie umkreisen wie ein großer, zottiger Wachhund, jede ihrer Bewegungen beobachten und endlose Vorträge halten, wie man »vorsichtig und gesund« lebte. Lady Maude senkte den Kopf. Laß das Kind gesund sein, betete sie. Nie würde sie vergessen, wie Matthew gestorben war. Sir John, sonst mutig wie ein Löwe, hatte dagesessen wie ein kleiner Junge, ohne ein Wort, ohne ein Seufzen - stumm waren ihm endlose Tränen übers Gesicht gelaufen.

Sir Johns Gedanken gingen einen ähnlichen Weg: Er hatte Athelstan feierlich versprochen, die Sache nicht zur Sprache zu bringen, bevor seine Frau es täte. Außerdem hatte er versprochen, Vincentius unbehelligt aus London verschwinden zu lassen. Aber das - Cranstons Augen wurden schmal - würde er sich noch einmal überlegen müssen. Vielleicht sollte man im neuen Jahr Briefe an alle Sheriffs von England schicken und Doktor Vincentius und sein gottloses Treiben auf den Friedhöfen anderer Leute schildern? Der Coroner schaute hinüber zu Athelstan, der sich munter mit Leif, dem Bettler, unterhielt.

»Bruder, bleibst du zum Essen?«

»Nein, Sir John, ich muß gehen. Vielleicht ein andermal?«

»Und die Sache im Tower?«

Athelstan erhob sich. »Ich weiß nicht, Sir John. Vielleicht ist es das beste, wenn Ihr eßt und über das nachdenkt, was wir bisher herausgefunden haben. Morgen sprechen wir darüber, hm?« Voller Bewunderung schaute er auf die Einmachgläser, die Lady Maude da füllte. »Ihr erwartet Gäste zu Weihnachten?«

»Eigentlich ja, Pater«, antwortete sie. »Meine Verwandten aus Tiverton in Devon.« Lady Maude warf einen amüsiert ärgerlichen Blick auf Cranstons Grimasse. »Sie sollten kommen, aber die Straßen sind unpassierbar; nicht einmal Boten kommen durch. Ich habe mit einer der Ratsherrengattinnen gesprochen; das Geschäft ihres Mannes hat arg gelitten. Alle seine Reisenden, die in den Südwesten wollten, mußten umkehren.« Athelstan lächelte, und Lady Maude wandte sich wieder ihren Einmachgläsern zu und hatte Mühe, ihre Aufregung zu verbergen, als Athelstan dem Coroner erzählte, daß eines seiner Gemeindemitglieder, ein gewisser Doktor Vincentius, Southwark für immer verlasse. Lady Maude verbarg ihr Gesicht. Sie bedauerte, daß der Arzt fortging. Er war ein überaus tüchtiger Mann. Seufzend starrte sie auf den Tisch. Nun würde sie sich einen anderen guten Arzt suchen müssen; einen, der besser war als die üblichen Blutsauger von Cheapside.   

Athelstan zwinkerte Cranston zu, verabschiedete sich und trat hinaus auf die dunkle Straße. Er holte Philomel aus dem Stell des Heiligen Lammes und ritt durch die Dunkelheit heimwärts. Beim Gedanken an Sir Johns Reaktion auf seine Neuigkeiten mußte er leise lachen. Hoffentlich hatte Lady Maude zugehört, als er von Vincentius’ Abreise gesprochen hatte. Vielleicht, überlegte der Ordensbruder, war es so am besten für alle. Plötzlich geriet Philomel auf einer vereisten Stelle ins Rutschen. Athelstan stöhnte auf, stieg ab und führte den alten Gaul vorsichtig am Zügel über die dunkle Straße. Die Häuser ringsumher wirkten düster. Vor jedem der großen Herrenhäuser in der Cheapside brannte eine Öllampe, aber als Athelstan bei St. Peter Comhill um die Ecke bog und zur Bridge Street hinunterging, wurden die Straßen dunkler. Vorsichtig mußte er sich seinen Weg bahnen, zwischen Müll, Nachtkot und Essensabfällen hindurch, wo die Ratten knabbernd umherhuschten. Hinter ihm wurde eine Tür zugeschlagen, und ein Nachtvogel, der unter der Dachkante eines Hauses nistete, flatterte in einer Wolke schwarzer Federn auf, daß Athelstan zusammenfuhr. Bettler wimmerten um Almosen. Eine Hure stand an der Ecke; die orangegelbe Perücke, die struppig über ihrem rötelgeschminkten Gesicht thronte, sah im Licht der Kerze in ihrer Hand um so gespenstischer aus. Sie lachte, als Athelstan vorüberzog, und machte eine obszöne Gebärde. Er schlug ein Kreuz in ihre Richtung. Ein Schläger, der an der Tür einer Ale-Schenke lehnte, sah die einsame Gestalt herankommen und tastete nach dem Holzgriff seines Messers. Aber als er Athelstans Tonsur und das Kruzifix an seinem Hals sah, überlegte er es sich anders.

Athelstan zog weiter; erleichtert sah er im Fackelschein die Soldaten, die an der London Bridge auf Posten standen. Die Tore waren geschlossen, aber die städtischen Bogenschützen erkannten den »Kaplan des Coroners«, wie sie ihn nannten, und ließen ihn passieren.

Der Bruder überquerte die Brücke; Philomels Hufe dröhnten hohl auf den Bohlen. Es war gespenstisch. Sonst herrschte auf der Brücke immer großer Betrieb, aber jetzt lag sie still da und umhüllt von dichtem Flußnebel. Athelstan hatte das unheimliche Gefühl, über einen Abgrund zwischen Himmel und Hölle zu wandeln. Die Möwen, die in den Holzbögen nisteten, flogen auf und protestierten kreischend gegen die unerwartete Störung. Athelstan dachte an die Raben im Tower. Schon wieder ein Toter, dachte er - zwei, wenn man den Bären mitzählte. Athelstan hatte Mitleid mit dem Tier. 

»Vielleicht war es am besten so. Noch nie habe ich ein so unglückliches Tier gesehen.« Er dachte an die Lehren einiger Franziskanerbrüder, die wie ihr Ordensgründer überzeugt waren, daß alle Tiere Gottes Geschöpfe seien und deshalb niemals schlecht behandelt oder gefangengehalten werden dürften.       

Athelstan kam an der stillen, dunklen Kapelle von St. Thomas von Canterbury vorbei, die in der Mitte der Brücke stand. Die Wachposten am Ufer von Southwark riefen ihm zu; einige hielten ihn sogar für einen Geist. Athelstan rief seinen Namen; man ließ ihn durch und neckte ihn wegen seines unverhofften Erscheinens.

Der Ordensbruder führte Philomel durch die dunklen Gassen von Southwark. Hier fühlte er sich sicherer. Man kannte ihn, und niemand würde wagen, ihn zu überfallen. Er kam an einer Schenke vorbei, wo ein Junge, der sich ein paar Brotkrusten verdienen wollte, im Eingang stand und mit wunderschöner Stimme ein Weihnachtslied sang. Athelstan lauschte den Worten, die Wärme und Fröhlichkeit verhießen. Er tätschelte Philomels Hals. »Wo werden wir das Weihnachtsfest verbringen, he, alter Freund?« fragte er und wanderte weiter. »Vielleicht lädt Lady Cranston mich ein, jetzt, wo ihre Verwandten aus dem West Country nicht kommen.«

Unvermittelt blieb er stehen. »Lady Maudes Verwandte!« murmelte er auf der stillen, ruhigen Straße, und ein Schauder lief ihm über den Rücken. »Seltsam«, fuhr er fort. »Eine solche Kleinigkeit, bloß ein Schaum auf den Ereignissen des Tages…« Er rieb sich das Gesicht. Lady Maudes Worte hatten die Erinnerung an etwas anderes geweckt.

Fast zerrte er nun Philomel nach St. Erconwald zurück und hatte es so eilig, daß das Pferd ihn erbost anwieherte. Athelstan brachte das alte Streitroß in seinen Stall, schaute nach der Kirche und erinnerte sich schuldbewußt an den Zorn, den er heute an den Tag gelegt hatte. Bonaventura war anscheinend auf Freiersfüßen unterwegs. Athelstan ging in sein Haus, zündete ein Feuer an und aß hastig ein Stück kaltes Fleisch. Nach wenigen Bissen warf er den Rest ins Feuer; das Schweinefleisch war faulig. Er goß sich einen Becher verdünnten Wein ein, räumte den Tisch ab und machte sich daran, alles aufzulisten, was er über die Morde im Tower wußte.

Der Gedanke, der vorhin seine Erinnerung in Gang gesetzt hatte, war möglicherweise der Schlüssel zur Lösung des ganzen Problems. Lächelnd dachte er an Pater Anselm und dessen oft wiederholtes Axiom in seinen Vorlesungen über die Logik. »Wo es ein Problem gibt, muß es auch eine Lösung geben. Man muß nur den Weg finden. Manchmal genügt das kleinste Lichtfünkchen.« Dann hatte Anselm ihn mit seinen schwarzen Äuglein angesehen. »Denke immer daran, mein junger Athelstan. Das gilt für das Reich der Metaphysik ebenso wie für die Ereignisse eines jeden Tages.«

Athelstan schloß die Augen. »Ich denke immer noch daran, Vater«, murmelte er. »Der Herr lasse dich ruhen in Frieden.« Er rückte sein Schreibtablett zurecht, ordnete seine Gedanken und tauchte die graue Gänsefeder in die Tinte. Fluchend stellte er fest, daß die Tinte zu kalt war; er hielt den Topf über die Kerze, um sie zu wärmen, und las noch einmal schnell durch, was er sich im Tower notiert hatte. Als die Tinte warm genug war, schrieb er sorgfältig auf, zu welchen Schlußfolgerungen er gekommen war.

Primo: Obwohl gut geschützt, war Sir Ralph Whitton im Turm der Nordbastion ermordet worden. Sir Ralph hatte hinter einer verschlossenen Tür geschlafen, für die er und die Wachen draußen einen Schlüssel gehabt hatten. Die Tür zu dem Gang, der zu der Schlafkammer führte, war ebenfalls verschlossen, und auch diese Schlüssel hatten nur er und seine vertrauten Leibwächter. Aber all diese Vorsichtsmaßnahmen hatten nichts genützt. Sein Mörder war anscheinend über den gefrorenen Festungsgraben gekommen, die Trittkerben in der Turmwand hinaufgeklettert, hatte den Fensterladen entriegelt und Sir Ralph getötet.

Secundo: Der Mörder mußte den Tower gut kennen, um von den Trittkerben in der Mauer zu wissen. Warum hatte das Geräusch der Fensterläden, die geöffnet wurden - vom Eindringen des Mörders in die Schlafkammer ganz zu schweigen -, Sir Ralph nicht geweckt? Eine Stiefelschnalle von Sir Fulke hatte auf dem Eis gelegen. War das ein Hinweis auf den möglichen Mörder?

Tertio: Der junge Parchmeiner hatte als erster versucht, Sir Ralph zu wecken, aber geöffnet hatte die Kammer der Lieutenant, Master Colebrooke. Spielte Sir Ralphs Stellvertreter eine Rolle bei diesem Mord?

Quarto: Mowbray war durch einen Sturz von der Mauer ums Leben gekommen, aber wie war er gefallen? Wer hatte die Sturmglocke geläutet? Wer war nicht in Mistress Philippas Gemach gewesen? Nur zwei: Fitzormonde und Colebrooke. Wieder schüttelte Athelstan den Kopf.

Quinto: Der Tod des Ratsherrn Horne. Athelstan zog eine Grimasse. Überhaupt keine Hinweise.

Sexto: Fitzormondes Tod. Er und Cranston hatten wohl gesehen, daß man die Kette des Bären besser hätte befestigen können, und Fitzormonde hatte die Gewohnheit gehabt, den Bären anzuschauen. Aber wer war der Mörder gewesen? Wer hatte den Bolzen abgeschossen und das Tier damit zu so mörderischer Wut angestachelt?

Septimo: Sir Ralph und andere waren wegen eines schrecklichen Verrats an Sir Bartholomew Burghgesh gestorben. War Burghgesh vor all den Jahren auf dem Schiff gestorben oder war er nach England zurückgekehrt? Der Pfarrer von Woodforde behauptete, ihn gesehen zu haben, und der Wirt des Gasthauses ebenfalls. War es dieselbe geheimnisvolle Person, die auch der Wirt in der Goldenen Mitra gesehen hatte? Wenn ja, dann war Burghgesh vor drei Jahren im Advent von mindestens drei Leuten gesehen worden; zur selben Zeit war Sir Ralph Whitton in einen Zustand tiefer Niedergeschlagenheit verfallen. Aber wenn Burghgesh überlebt hatte und nach England zurückgekehrt war, wo verbarg er sich jetzt? Und noch ein Problem: Sir Ralphs Bestürzung hatte sich anscheinend wieder gelegt. Das wäre sicher nicht geschehen, wenn Burghgesh noch lebte. Sir Ralph hätte nur dann Ruhe gefunden, wenn er vor drei Jahren aufgetaucht und dann gestorben wäre.

Octavo: Wer immer die unheimlichen Mitteilungen an Whitton und die anderen gesandt hatte, mußte Zugang zum Tower haben. Waren Burghgesh oder sein Sohn irgendwo in der Stadt versteckt und schickten ihre Botschaften und Komplizen in den Tower?

Nono: Wer profitierte von den Morden? Colebrooke? Der wollte befördert werden, kannte sich gut aus und war bei allen drei Todesfällen im Tower gewesen. Sir Fulke? Auch er hatte einen Gewinn vom Tod seines Bruders, und seine Stiefelschnalle hatte auf dem Eis vor der Nordbastion gelegen. Auch er kannte den Tower gut und war dort gewesen, als die beiden Hospitaliter den Tod gefunden hatten. Und Rastani? Ein verstohlener, feinnerviger Mann, der Sir Ralph und seinen Kameraden ebenfalls Rache geschworen haben mochte. Er kannte sich in der Festung aus und war dort gewesen, als die Hospitaliter gestorben waren. Athelstan schüttelte den Kopf. Das gleiche galt auch für Hammond, diesen recht düsteren Kaplan. Oder waren es Mistress Philippa und ihr Geliebter? Und was war mit Rothand, dem Verrückten, der vielleicht vernünftiger war, als er aussah? Athelstan hob den Kopf und schnappte nach Luft. Rothand! Der bucklige Albino hatte von zugemauerten Geheimverliesen geredet, und Simon, der Zimmermann, hatte etwas Ähnliches gemurmelt. 

Athelstan stützte den Kopf auf beide Hände. Dann griff er nach seinem Federkiel und sah sich in der dunklen Küche um. In der Ecke stand ein Stechpalmenzweig. In ein paar Tagen war Weihnachten. Er stand auf, wärmte sich die Finger am Kohlebecken und wünschte, Benedicta wäre dagewesen, um einen Becher Glühwein mit ihm zu trinken. Er dachte an das, was Doktor Vincentius über seine Zuneigung zu der Witwe gesagt hatte, und starrte ins Feuer. War es so offensichtlich? Wußten auch andere in der Gemeinde um seine Gefühle? Er schüttelte den Kopf. Nein, jetzt mußte er sich auf ein anderes Problem konzentrieren.

Ein Fensterladen klapperte, und Athelstan fuhr zusammen, als ein dunkler Schatten auf dem binsenbestreuten Fußboden landete.

»Bonaventura!« murmelte er. Der Kater kam herangetappt und rieb sich majestätisch am Bein des Ordensbruders. »Nun, Herr Kater, seid Ihr gekommen, um zu speisen?«

Der Kater streckte sich und machte dann einen Buckel. Athelstan ging in die Speisekammer, goß Milch in eine rissige Zinnschüssel und sah zu, wie der Kater alles aufschleckte, bevor er sich vorm Feuer ausstreckte. Athelstan ging zum Fenster und schloß die Läden. Fenster, Türen, Gänge, dachte er - und Rothands Gestammel und Simons düstere Warnungen gingen ihm durch den Kopf. Neidisch sah er den Kater an. »Manche haben’s gut«, knurrte er und setzte sich wieder an seine Pergamente. Er nahm sich jeden Namen einzeln vor und baute eine Argumentationskette auf, als gelte es, eine theologische Disputation zu verfassen.

Die Stunden vergingen. Athelstan rieb sich müde die Augen. Nur ein Weg blieb noch: der, den Lady Maude ihm mit ihrer unschuldigen Bemerkung gezeigt und der ihn so abrupt nach Southwark hatte zurückkehren lassen. Athelstan zeichnete einen groben Grundriß des Tower und bedachte die Schlüsse, die er gezogen hatte. Kurz vor Tagesanbruch war er dann endlich zufrieden. Er hatte den Mörder gefunden - mehr aber nicht. Für alles weitere brauchte er Cranston.

Am nächsten Morgen ritt Sir John wie ein junger Ritter die Cheapside hinunter zur Goldenen Mitra. Er hatte das Gefühl zu schweben. Sogar der kalte Morgenwind war warm und sanft wie die Liebkosung einer jungen Frau.

Cranston hatte Lady Maude auf das leidenschaftlichste umarmt, bevor er aufgestanden war. Tränenreich hatte sie sich an seine Brust geschmiegt und gestammelt, daß sie bald mit ihm sprechen wolle. Er hatte süße Nichtigkeiten gemurmelt, ihr den Kopf gestreichelt, und dann war er aufgestanden, hatte sich angekleidet und war nach unten gegangen. Dort hatte er nach einem Becher Sherry gebrüllt, während ein Hausknecht sein Pferd sattelte. Zu wissen, daß er wieder Vater werden würde, machte ihn stolz wie einen Pfau. Er belohnte sich mit einem Schluck aus seinem »wunderbaren Weinschlauch«, wie Athelstan ihn nannte, und genoß den kräftigen roten Saft. Überschwenglich strahlte er in die Runde. Oh, der Tag war herrlich und das Leben eine Wonne! 

Sir John streute einer Schar Bettler, die fröstelnd an der Ecke der Mercery hockten, eine Handvoll Pennies hin. Er brüllte den Geflügelmetzgern, die an ihren großen Eisenbottichen standen und Hühner und anderes Federvieh für das Weihnachtsfest säuberten und ausnahmen, fröhliche Beschimpfungen zu. Eine Hure wurde mit nackten Schultern durch die Straßen geführt; auf ihrem kahlrasierten Schädel trug sie eine spitze weiße Mütze. Ein Dudelsackpfeifer schritt vor ihr her, und ein gekritzeltes Schild, das an ihrem schmutzigen Mieder steckte, erklärte sie zur stadtbekannten Schlampe. Cranston hielt die Prozession an und befahl, sie freizulassen.       

»Aber warum, Sir John?« fragte ein rattenmäuliger Büttel verblüfft.

»Weil Weihnachten ist!« dröhnte Cranston. »Und weil Christus, der schöne Knabe aus Bethlehem, wieder zu uns kommt!«

Der Büttel wollte widersprechen, aber Cranston griff nach seinem Dolch, und der Kerl schnitt die Fesseln durch. Die Frau streckte dem Büttel die Zunge heraus, bedachte Cranston mit einer obszönen Geste und huschte durch eine Gasse davon. Sir John ritt weiter nach Petty Wales. An der Schenke warf er dem Hausknecht die Zügel zu und betrat den angenehm duftenden Schankraum.

»Mönch, wo zum Teufel steckst du?« brüllte er, daß die anderen Gäste um ihr liebes Leben fürchteten und der Wirt mit aufgerissenen Augen angelaufen kam, um ihn zu bedienen.

»Sir John, Ihr seid glücklich?«

»Glücklich wie eine Fliege auf einem Pferdearsch im Sommer!« brüllte Sir John und warf dem Wirt den wunderbaren Weinschlauch zu. »Vollmachen! Der Bruder hat gesagt, wir treffen uns hier«, knurrte er. Er spähte durch das verräucherte Halbdunkel, sah Athelstan dösend an einem Tisch sitzen und nickte.

»Bring mir einen Becher Wein«, befahl Cranston dem Wirt. »Frische Haferbrötchen und einen Streifen gedörrten Speck.« Er schmatzte. »Für den Bruder eine dicke Suppe - und auch wenn Advent ist, wird er einen Krug verdünntes Ale nicht ablehnen!«

Der Coroner trat breitbeinig an Athelstans Tisch und klopfte dem dösenden Ordensbruder auf die Schulter. »Auf, auf, Bruder!« blökte er. »Denn, verflucht, der Teufel geht um wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen könnte!«

»Hoffentlich hat er nicht so schwere Pranken wie Ihr, Sir John«, murrte Athelstan, schlug die Augen auf und hob müde den Kopf. Cranston beugte sich zu ihm herunter. »Guten Morgen, Mönch!«

»Ich bin Ordensbruder.«

»Guten Morgen, Ordensbruder. Und warum bist du nicht voller Weihnachtsfreude?«

»Weil ich friere, Sir John, weil ich müde bin und völlig erschöpft.« Athelstan wollte die Litanei seiner Leiden fortsetzen, als er den Schelm sah, der wie kleine Teufel in Cranstons Augen tanzte. »Aber es ist schön, Euch glücklich zu sehen, Sir John. Ich nehme an, Ihr habt etwas zu essen bestellt?«

Cranston nickte, riß sich den mächtigen Biberhut vom Kopf und ließ sich gegenüber auf die Bank fallen.

Sie hatten sich satt gegessen, und Cranston hatte zwei Becher Rotwein vertilgt, bevor Athelstan mit seinem Bericht fertig war. Der Coroner schüttelte den Kopf, stellte ein paar Fragen und pfiff dann leise.

»In drei Teufels Namen - bist du sicher, Bruder? So viel aus einer unschuldigen kleinen Bemerkung von Lady Maude?«

Athelstan zuckte die Achseln. »Lady Maudes kleine Bemerkungen haben in den letzten paar Tagen für eine Menge Bestürzung gesorgt, Sir John.«

Cranston rülpste, stand auf und brüllte nach seinem Weinschlauch, und dabei warf er dem Wirt ein paar Münzen hin. »Habt Ihr getan, worum ich Euch gebeten hatte, Sir John?«

»Ja, Bruder, das habe ich.« Sir John streckte sich und gähnte. »Alle unsere Verdächtigen warten im Tower; nur Parchmeiner kommt später. Willst du zuerst Colebrooke sehen?«

»Und Rothand?«

»Ah ja, Rothand.«

»Ihr habt den Haftbefehl, Sir John?«

»Ich brauche keinen verdammten Haftbefehl, Mönch! Ich bin Cranston, der Coroner des Königs in dieser Stadt. Entweder sie beantworten die Frage, oder sie werden die Folgen zu tragen haben.«

Die beiden ließen die Pferde an der Schenke und wanderten durch ein paar Gassen zum gähnenden Eingang des Tower. Colebrooke erwartete sie im Torhaus. Athelstan sah, daß er Halsberge, Kettenhemd und Beinschienen trug.

»Ihr erwartet Schwierigkeiten, Master Lieutenant?«

»Sir Johns Anweisungen waren ziemlich strikt«, antwortete Colebrooke.

»Wo ist Rothand?«

»Warum wollt Ihr diesen verrückten Hund sehen?«

»Weil ich es befohlen habe«, antwortete Cranston.

Sie überquerten die Wiese; das kärgliche Gras schimmerte jetzt durch den grauen Matsch. Zwei Soldaten trotteten hinter ihnen her. Colebrooke schickte den einen zu einer kleinen Tür im Fuße des White Tower. Athelstan schaute betrübt zu der Ecke hin, wo der große Bär gesessen hatte. Die Stelle wirkte jetzt leer und einsam, aber der Boden trug noch Spuren des Aufenthaltes, und ein paar klägliche Essensreste lagen auf dem Kopfsteinpflaster verstreut.

»Gott schenke der Seele des Bären die ewige Ruhe«, betete Athelstan.

Cranston drehte sich um. »Haben Bären eine Seele, Bruder? Kommen sie in den Himmel?«

Athelstan grinste. »Wenn Ihr im Himmel Bären braucht, Sir John, dann wird es sie dort auch geben. Aber in Eurem Fall besteht der Himmel vermutlich aus einer endlosen Reihe von Schenken und geräumigen Ale-Stuben.«

Cranston schlug sich mit dem Handschuh auf den Schenkel. »Du gefällst mir, Bruder!« Und er strahlte den überraschten Colebrooke an.

Plötzlich wurde die Pforte des White Tower aufgestoßen, der Soldat kam hervor und zerrte Rothand am Kragen hinter sich her.

»Loslassen!« rief Athelstan. Er lief zu dem Buckligen hinüber, hockte sich vor ihn und ergriff seine Hand. Er schaute in die eisblauen Augen des Narren und sah die Tränen auf den fleckigen Wangen. »Du trauerst um den Bären, Rothand?«

»Ja. Rothands Freund ist fort.«

Athelstan bedeutete dem Soldaten, er solle verschwinden. »Ich weiß, Rothand«, flüsterte er dann. »Der Bär war ein prachtvolles Tier. Aber er ist jetzt glücklich. Sein Geist ist frei.«

Rothand sah Athelstan mit wäßrigen Augen an und lächelte. »Bist du Rothands Freund?«

Athelstan betrachtete das Gesicht des Buckligen, das schüttere weiße Haar und die grotesken kunterbunten Lumpen. Er dachte an Pater Anselms weise Worte: »Bedenke stets, Athelstan: Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild. In einem zerbrochenen Glas brennt die Flamme ebenso hell wie in einer kunstvoll verzierten Lampe.«

»Ich bin dein Freund«, antwortete er. »Und ich brauche deine Hilfe.«

Rothands Blick wurde wachsam.

»Ich möchte, daß du mir deine Geheimnisse zeigst.«

»Was für Geheimnisse, Herr?«

»Was zum Teufel machst du da, Bruder?« rief Cranston. Athelstan warf ihm einen warnenden Blick zu.

»Hör zu, Rothand«, sagte er leise. »Du hast mir doch von Kerkern erzählt, von Verliesen, die zugemauert wurden.«

Rothand wollte sich losreißen, aber Athelstan hielt seine Hand fest.

»Bitte«, drängte er. »Hatte Sir Ralph solche geheimen Gewölbe? Wenn du es mir sagst, Rothand, dann kann ich den Mann fangen, der schuld ist am Tod des Bären.«

Mehr Ermutigung brauchte der Verrückte nicht. Er drehte sich um. »Warte. Warte hier«, bat er und verschwand wieder durch die kleine Pforte im White Tower. Sekunden später war er wieder da und hielt ein klingendes Glöckchen in der Hand. »Folgt Rothand!« schrie er. »Folgt Rothand!«   

Cranston schaute Athelstan ungläubig an. Colebrooke winkte verärgert.

»Was hat der kleine Halunke vor?« fragte Cranston leise, als der Narr sie hüpfend über das Tower Green zu einer völlig eingerosteten Tür im Wakefield Tower führte. Rothand blieb davor stehen, verbeugte sich dreimal und ließ sein Glöckchen klingeln.

»Was ist da drin?« fragte Athelstan.

Colebrooke zuckte die Achseln. »Irgendwelche Gewölbe tief unter der Erde.«

»Aufmachen!«

»Ich habe keinen Schlüssel.«

»Macht uns keine Schwierigkeiten!« kläffte Cranston. »Schließt das verdammte Ding auf!«

Colebrooke stemmte die Hände in die Hüften, drehte sich um und brüllte einen Befehl. Soldaten kamen gerannt. Unter Colebrookes Leitung schoben sie einen mächtigen Rammbock heran und stießen seinen eisenbeschlagenen Kopf gegen die Pforte, bis diese nachgab und aus den Angeln flog.

»Fackeln!« befahl Cranston.

Man brachte Pechfackeln und zündete sie hastig an. Rothand hüpfte die glitschigen Treppenstufen hinunter in eiskalte Finsternis.

Am Fuße der Treppe begann ein Korridor, schmal, klamm und stinkend. Zur Rechten waren nur schimmelige Wände, zur Linken zwei Zellentüren mit eingerosteten Schlössern. Athelstan erstarrte, als er etwas quieken und rascheln hörte; er fuhr herum und sah ein braunes, fettglänzendes Etwas, das ins Dunkel glitt und verschwand.

»Schlagt die Türen ein!« rief Cranston.

Die Soldaten attackierten das schwere, aber verrottete Holz und schlugen ein großes Loch hinein. Athelstan nahm eine Fackel und kletterte hinein. Dahinter war nichts außer ein paar Ratten, die quiekend und raschelnd in einem vermoderten Strohhaufen in der Ecke saßen.

»Bei allen Zähnen der Hölle!« zischte Cranston. »Nichts!«

Sie kletterten durch das Loch in der Türwieder hinaus. Cranston hielt die Fackel hoch und untersuchte die Wand zwischen den Türen.

»Sieh doch, Athelstan!« rief er.

Der Ordensbruder betrachtete die Wand aufmerksam.

»Da ist noch eine Tür«, stellte Cranston fest. »Aber sie ist zugemauert. Hier, sie wölbt sich, und der Putz ist frischer.«

»Ihr habt’s gefunden! Ihr habt’s gefunden! Ihr habt’s gefunden!« Rothand klatschte in die Hände und hüpfte wie ein spielendes Kind. »Sie haben die Geheimtür gefunden!« krähte er. »Sie haben das Spiel gewonnen!« Der Irre wurde plötzlich still. »Ich hab das gemacht«, erklärte er dann stolz. »Sir Ralph Whitton hat es mir befohlen. Die Tür wurde abgeschlossen, und ich habe den Eingang zugemauert.«

»Wann?« fragte Athelstan.

»Oh, vor Jahren. Vor Jahren!«

Cranston schnippte gebieterisch mit den Fingern. »Reißt die Mauer ein!«

Die Soldaten machten sich mit eisernen Hämmern und Schlegeln an die Arbeit. Bald war der Gang voll weißem, modrigem Staub.

»Da ist eine Tür!« rief einer.

»Einschlagen!« befahl Cranston.

Wenig später brach und krachte das verrottete Holz, das hinter der niedergerissenen Mauer zum Vorschein gekommen war; die Soldaten schlugen ein Loch hinein, und Cranston und Athelstan krochen hindurch. Cranston rief nach Fackeln und hielt dann eine in die Höhe. 

»Barmherziger Gott!« wisperte er und starrte das zerfallene Skelett an, das auf einem verfaulten Strohsack lag. »Wer ist das?

Und welcher gräßliche Sohn des Satans hat einen so furchtbaren Tod befohlen?«

»Um Eure Fragen zu beantworten, Sir John: Ich nehme an, dies sind die sterblichen Überreste des Bartholomew Burghgesh. Und Whitton, ein Mann, dessen Herz eine Mördergrube ist, hat den Befehl gegeben.«

»Sieh doch!« zischte Sir John und leuchtete mit seiner Fackel an die Wand, wo der weiße Knochenarm lehnte. Athelstan spähte genauer hin und sah die grobe Zeichnung eines Dreimasters in den Stein geritzt; es war die gleiche Zeichnung wie in den Briefen an Sir Ralph und die anderen. Cranstons Augen rundeten sich überrascht.       

»Bruder, du hast recht!«

»Ja, Sir John. Jetzt wollen wir sehen, ob der Rest meiner Theorie ebenfalls standhält.«

Sie befahlen Colebrooke, Wachen vor der Zelle aufzustellen, und kehrten schnell in die kalte, frische Luft des Tower Green zurück.

»Was habt Ihr denn gefunden?« fragte der Lieutenant besorgt hinter ihnen.

»Nur Geduld, Master Lieutenant. Aber kommt, ich muß Euch noch um weitere Gefälligkeiten bitten.« Athelstan nahm Colebrooke beim Ellbogen und führte ihn beiseite, und Cranston sah, wie Ordensmann und Soldat leise miteinander sprachen.

»Braucht Ihr Rothand noch?« Plötzlich hüpfte der Bucklige wieder neben ihnen.

Cranston lächelte und wühlte in seiner Börse nach zwei Silberstücken und drückte sie dem Mann in die Hand. Dann tätschelte er ihm sanft die Wange.

»Im Augenblick nicht, Rothand. Aber ich danke dir, und ebenso der Regent, der Bürgermeister und die Stadt London.«

Die Augen des Buckligen blitzten entzückt. Er rannte davon, machte Bocksprünge vor Freude, schlug Purzelbäume und lachte den Raben zu, die lautstark über ihm krächzten.

»Rothand ist der Größte! Rothand ist der Beste!« kreischte er. Athelstan trat zu Sir John. »Der Lieutenant weiß, was er zu tun hat«, sagte er. »Kommt, Mylord Coroner, das Drama kann beginnen.«

Die anderen warteten in Philippas Gemach. Sir Fulke war sehr elegant in ein dunkles Gewand in goldgesäumtem Maulbeerrot gekleidet. Philippa trug Trauerkleidung und einen schwarzen Schleier; sie saß am Fenster, den Kopf über eine Stickerei gebeugt. Rastani hockte vor dem Feuer, und der Kaplan saß ihm gegenüber auf einem Schemel. Alle außer Philippa blickten wütend auf, als Athelstan und Cranston hereinkamen.

»Wir warten schon seit einer Stunde!« schimpfte Sir Fulke. »Gut«, erwiderte Sir John. »Und in drei Teufels Namen, wenn ich will, wartet Ihr noch mal eine verdammte Stunde! Wir sind hier im Auftrag des Königs. Vier Männer sind tot, und einer von ihnen ist Sir Ralph Whitton, ein hoher Staatsbeamter, wenn auch ein vollendeter Dreckskerl!«

Mistress Philippa blickte auf, und ihr Gesicht war eine weiße Maske der Wut. Athelstan schloß die Augen, während Sir John das Mädchen mit überschwenglichsten Entschuldigungen überschüttete.

»So - können wir jetzt anfangen?« fragte Sir Fulke.

»Gleich, gleich«, brummte Athelstan. »Ich glaube, wir warten noch auf Master Colebrooke und den jungen Geoffrey.« Cranston ließ sich neben Philippa auf die Fensterbank fallen, aber sie wandte ihm den Rücken zu. Athelstan trug einen Schemel zum Tisch und legte Tablett, Tintenfaß und Federkiel bereit. Colebrooke stieß schwer atmend die Tür auf.

»Es ist alles bereit, Sir John.« Der Lieutenant kam zu Athelstan. »Hier, Bruder.«

Athelstan nahm, was der Lieutenant ihm gab, und verbarg es in seinem voluminösen Ärmel. Er schaute in die schweigende Runde. Hier, dachte er, werden wir den Mörder fangen.