4. Kapitel

Das Pergament war fettig und trug Fingerspuren. Es maß sechs Zoll im Quadrat; ein Dreimaster war roh in die Mitte und in jede Ecke ein dickes schwarzes Kreuz gezeichnet.

»Ist das alles?« fragte Athelstan und reichte das Pergament zurück.

Das Mädchen straffte sich. Ihre Unterlippe zitterte, und ihre Augen schwammen in Tränen.

»Da war doch noch etwas«, stellte Athelstan fest. »Nicht wahr?« Philippa nickte. Geoffrey nahm ihre Hand und streichelte sie sanft wie die eines Kindes.

»Da war noch ein Sesamkuchen.«

»Was?» bellte Cranston.

»Ein kleiner Sesamkuchen, wie ein Biskuit, und schmutziggelb.«

»Was ist daraus geworden?« fragte Cranston.

»Ich habe gesehen, wie mein Vater oben an der Brustwehr entlangging. Er wirkte sehr aufgeregt, holte weit aus und warf den Kuchen in den Wassergraben. Danach war er ein anderer Mensch, hielt jeden von sich fern und bestand darauf, in die Nordbastion umzuziehen.«

»Stimmt das?« fragte Cranston die anderen. »Selbstverständlich!« fauchte der Kaplan. »Mistress Philippa ist doch keine Lügnerin.«   

»Nun, Pater?« fragte Cranston seidig, »hat Sir Ralph Euch seine Geheimnisse anvertraut?« Er hielt eine fette Hand in die Höhe. »Ich kenne das Siegel der heiligen Beichte. Ich frage nur: Hat er sich Euch anvertraut?«

»Das glaube ich kaum«, warf Colebrooke hämisch ein. »Sir Ralph hat dem Kaplan gewisse Fragen gestellt, was Vorräte und Lebensmittel anging, die anscheinend verschwunden sind.« Der Priester fuhr herum, und seine Lippen kräuselten sich wie die Lefzen eines wütenden Hundes.        

»Hütet Eure Zunge, Lieutenant!« schnarrte er. »Sachen sind verschwunden, das stimmt. Aber das heißt nicht, daß ich der Dieb bin. Schließlich haben noch andere Zugang zum Wardrobe Tower«, fügte er vielsagend hinzu.

»Was soll das heißen?« rief Colebrooke.

»Ach, seid schon still!« befahl Cranston. »Hier geht es nicht um Lebensmittel, sondern um das Leben eines Menschen. Ich frage Euch alle: Bei Eurer Treue zum König - hier geht es vielleicht um einen Hochverrat -, hat Sir Ralph sich einem von Euch anvertraut? Sagt dieses Pergament einem von Euch etwas?« Ein vielfaches »Nein« ertönte, aber Athelstan sah, daß die Hospitaliter beiseite blickten, als sie ihre Antwort murmelten. »Hoffentlich sagt Ihr auch die Wahrheit«, meinte Cranston bissig. »Vielleicht wurde Sir Ralph von Bauemführem ermordet, die einen Aufstand planen. Euer Vater, Mistress Philippa, war ein naher Freund und treuer Verbündeter des Hofes.«

Athelstan versuchte, die Situation zu beruhigen. »Mistress Philippa, erzählt mir von Eurem Vater.«

Das Mädchen verschränkte nervös die Finger und schaute zu Boden.

»Er war immer Soldat«, begann sie. »Er diente in Preußen gegen die Letten, auf dem Kaspischen Meer, und dann reiste er nach Outremer, Ägypten, Palästina und Zypern.« Sie blinzelte und nickte zu den Hospitalitern hinüber. »Sie können mehr darüber berichten als ich.« Sie holte tief Luft. »Vor fünfzehn Jahren war er in Ägypten bei der Armee des Kalifen, und danach kam er als reicher Mann und ruhmbedeckt nach Hause. Ich war drei Jahre alt. Meine Mutter starb ein Jahr später, und wir kamen zum Haushalt John von Gaunts. Mein Vater wurde einer seiner wichtigsten Gefolgsleute. Vor vier Jahren wurde er zum Konstabler des Tower ernannt.«

Athelstan lächelte verständig. Er kannte Menschen wie Sir Ralph: ein Berufssoldat, ein Söldner, der für den Glauben auf einen Kreuzzug gehen würde, aber nichts dagegen hatte, in den Armeen der Ungläubigen zu dienen. Athelstan sah sich in der Gruppe um. Alle schienen ruhig und gelassen, aber er spürte, daß etwas nicht stimmte. Hinter dem Übereifer, mit dem sie seine Fragen beantworteten, verbargen sie Abneigungen und Rivalitäten.

»Ich nehme an«, bemerkte er trocken, »Ihr habt Sir Ralphs Papiere bereits durchgesehen?«

Er sah Sir Fulke an, und der nickte.

»Selbstverständlich habe ich die Dokumente meines Bruders geprüft, seine Haushaltsabrechnungen, Memoranden und Briefe. Es war nichts Ungewöhnliches dabei. Schließlich« - er sah sich im Raum um, als erwarte er Widerspruch - »bin ich Sir Ralphs Testamentsvollstrecker.«

»Natürlich, natürlich«, meinte Cranston beschwichtigend. Athelstan stöhnte leise auf. Ja, dachte er, und wenn irgend etwas Kompromittierendes dabei war, dann ist es jetzt weg. Er schaute den jungen Mann an Philippas Seite an.

»Wie lange, Sir, kennt Ihr Eure Verlobte schon?«

Geoffreys vom Wein gerötetes Gesicht erstrahlte, und er umfaßte ihre Hand noch fester. »Zwei Jahre.«

Athelstan entging das verschwörerische Lächeln nicht, das die beiden Verliebten wechselten. Cranston glotzte das Mädchen lüstern an und dachte, wie wenig die beiden zueinander paßten. Geoffrey war außergewöhnlich gutaussehend und vermutlich ziemlich reich, Philippa dagegen geradezu reizlos. Überdies war Sir Ralph Soldat gewesen, und Geoffrey schien auf den ersten Blick nicht der Mann zu sein, den eine solche Familie willkommen heißen würde. Dann mußte Cranston an Maude denken und an die Leidenschaft, mit der er sie umworben hatte. Die Liebe ging seltsame Wege, wie Athelstan immer wieder sagte, und Gegensätze zogen sich oft an.

»Sagt mir, Geoffrey, wieso seid Ihr in den Tower gezogen?« Der junge Mann rülpste und blinzelte, als sei er kurz davor einzuschlafen. »Nun«, murmelte er, »der große Frost hat allen Handel in der Stadt zum Stillstand gebracht. Sir Ralph wollte mich in der Weihnachtszeit hier haben - um so mehr, seit er so verstört und aufgebracht war.«

»Kanntet Ihr den Grund für seine Furcht?«

»Nein«, lallte Geoffrey. »Woher?«

»Mochtet Ihr Sir Ralph?«

»Ich habe ihn geliebt wie ein Sohn den Vater.«

Cranston wandte seine Aufmerksamkeit Sir Fulke zu, der jetzt unverhohlen unruhig wurde.

»Sir Fulke, Ihr seid Sir Ralphs Testamentsvollstrecker?«

»Jawohl. Und bevor Ihr fragt: Ich bin auch einer der Erben, sofern das Testament vom Nachlaßgericht für Rechtens befunden wird.«

»Was sieht das Testament vor?«

»Nun, Sir Ralph hatte Grundbesitz neben dem Kartäuserkloster in St. Giles. Dieser und alles Geld, das sich auf der Bank der Lombards in Comhill befindet, geht an Philippa.«

»Und Ihr?«

»Ich bekomme die Wiesen und Weiden von Holywell in der Nähe von Oxford.«

»Ein reiches Gut?«

»Ja, Sir John, ein reiches Gut, aber nicht reich genug, um dafür einen Mord zu begehen.«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Aber angedeutet.«

»Sir Ralph«, unterbrach Athelstan heftig, »war wohl ein reicher Mann?«

»Er hat seinen Reichtum auf seinen Reisen gesammelt«, erwiderte Sir Fulke bissig. »Und er ist mit seinen Finanzen vorsichtig umgegangen.«

Athelstan bemerkte das säuerliche Lächeln des Kaplans. Sir Ralph war sicher ein Geizkragen, dachte er. Er warf einen Seitenblick auf Cranston und stöhnte leise. Der brave Coroner machte eines seiner kurzen Nickerchen; sein fetter Wanst hing schlaff herab, und der Mund stand halb offen. O Gott, betete Athelstan, bitte sorge dafür, daß er nicht schnarcht.

»Warum wohnt Ihr im Tower, der schließlich für jedermann eine trostlose Behausung ist?« fragte Athelstan unvermittelt.

Sir Fulke zuckte die Achseln. »Mein Bruder hat mich bezahlt, damit ich ihm offiziell zur Seite stand.«

Er wie Athelstan ignorierte das schnaubende Gelächter, in das Colebrooke ausbrach. Cranston nickte still vor sich hin, rülpste leise und schmatzte. Mistress Philippa machte einen schmalen Mund, und Athelstan fluchte insgeheim: Er wollte seine Vernehmung nicht in Hohngelächter untergehen sehen.

»Sir Gérard, Sir Brian!« Er brüllte fast, um Cranston zu wecken. »Wie lange seid Ihr schon im Tower?«

»Seit zwei Wochen«, antwortete Fitzormonde. »Wir kommen jedes Jahr.«

»Es ist ein Ritual«, antwortete Mowbray. »Seit wir mit Sir Ralph in Ägypten waren. Wir treffen uns und sprechen über alte Zeiten.«

»Ihr wart also mit Sir Ralph eng befreundet?«

»In gewissem Sinne. Kollegen, Veteranen aus alten Kriegen.« Mowbray strich sich über den sorgfältig getrimmten Bart. »Aber ich will ehrlich mit Euch sein: Sir Ralph war jemand, dem jeder eher Furcht und Respekt als Liebe entgegenbrachte.« Athelstan hielt ihnen das vergilbte Pergament hin.

»Wißt Ihr, was diese Zeichnung oder der Sesamkuchen zu bedeuten haben?«

Die beiden Ritter schüttelten den Kopf, aber Athelstan war sicher, daß sie logen. »Warum?« fragte er leise. »Warum sollte Sir Ralph solche Angst davor haben?« Langsam ließ er den Blick durch die Runde wandern.

»Einen Becher Weißen!« murmelte Cranston undeutlich.

»Wer hat es gefunden?« fragte Athelstan rasch.

Sir Fulke deutete auf Rastani, dessen dunkles Gesicht ängstlich wirkte.

»Was bedeutet das, Rastani?« fragte Athelstan.

Der Diener starrte ihn ausdruckslos an.

»Wo hast du es gefunden?«

Der Mann machte plötzlich seltsame Zeichen mit den Händen.

»Er kann hören, aber nicht sprechen«, erinnerte Philippa den Ordensbruder.

Fasziniert beobachtete Athelstan die seltsamen Gebärden, die Philippa ihm übersetzte.

»Auf einem Tisch in der Kammer meines Vaters hat er es gefunden«, sagte sie. »Vor vier Tagen. Früh am Morgen des neunten Dezember - das Pergament und den hartgebackenen Kömerkuchen.«

Athelstan schaute Rastani fest in die Augen.

»Du warst Sir Ralph ein treuer Diener?«

Der Mann nickte.

»Warum bist du nicht mit deinem Herrn in die Nordbastion gezogen?«

Der Mann klappte den Mund auf und zu wie ein gestrandeter Karpfen.

»Darauf kann ich Euch antworten«, erbot sich Philippa. »Als diese Botschaft gefunden wurde, zog sich mein Vater von Rastani zurück - weiß Gott, warum.« Sie streichelte dem Mann sanft die Hand. »Wie gesagt, Vater wurde sonderbar. Selbst ich erkannte ihn nicht wieder.«

Cranston schmatzte mit den Lippen und geriet plötzlich in Bewegung.

»Ja, ja, alles sehr schön«, blökte er. »Aber ist denn einer von Euch in der Mordnacht zum Turm an der Nordbastion gegangen?«

Diese Frage wurde entschieden verneint.

»Ihr könnt alle Rechenschaft über Euren Aufenthalt geben?«

»Ich kann es«, erklärte der Bruder. »Rastani und ich waren überhaupt nicht hier. Wir hatten den Auftrag, bei einem Händler in Cripplegate Vorräte zu kaufen. Dort ist zumindest sein Speicher. Ihr könnte Master Christopher Manley in der Heyward Lane bei All Hallows fragen.«

»Ist das in der Nähe des Tower?«

»Jawohl, Sir John.«

»Und wann seid Ihr hier fortgegangen?«

»Vor dem Abendessen. Wir sind erst heute morgen nach dem Frühgebet zurückgekommen und erfuhren hier, daß Sir Ralph tot ist. Rastani und ich können füreinander zeugen. Und wenn Ihr noch Zweifel habt, sprecht mit Master Manley. Er hat gesehen, wie wir in einem Gasthaus in der Musewell Street Quartier bezogen.«

Sir John stand auf und streckte sich.

»Nun gut«, trompetete er. »Jetzt würden mein Schreiber und ich gern jeden von Euch allein befragen. Mistress Philippa und Geoffrey sollten allerdings besser zusammenbleiben.« Er grinste das Mädchen an. »Master Colebrooke, es gibt ein Stockwerk tiefer noch einen Raum. Vielleicht könnten unsere Gäste dort warten?«

Protestgemurmel und Gestöhn folgten, aber Cranston, erfrischt nach seinem Nickerchen, zog die dichten Brauen zusammen und funkelte in die Runde. Von Colebrooke angeführt, gingen alle hinaus; nur Philippa und Geoffrey blieben sitzen.   

»Euer Gemach, Master Geoffrey«, begann Athelstan, »wo liegt es?«

»Über dem Torhaus.«

»Und dort wart Ihr die ganze Nacht?«

Der junge Mann lächelte schwach. »Ihr seid ein Mann, dem nichts entgeht, Sir John. Deshalb habt Ihr mich aufgefordert zu bleiben, oder? Ich habe die Nacht bei Philippa verbracht.«

Das Mädchen schlug errötend die Augen nieder. Cranston grinste und klopfte dem Mann leicht auf die Schulter. »Warum habt Ihr Sir Ralph nicht selbst geweckt?«

Der junge Mann rieb sich die Augen. »Ich hatte keinen Schlüssel, und - Gott ist mein Zeuge! - ich wußte, daß da etwas nicht stimmte. Im Gang war es kalt, und aus Sir Ralphs Kammer kam kein Laut.« Er lächelte Athelstan betrübt an. »Ich bin nicht gerade der Tapferste. Ehrlich gesagt, mir hat es nicht gepaßt, daß Sir Ralph mich als Pagen benutzte, aber den anderen hat er mißtraut.«        

»Ihr meint, Colebrooke und den anderen.«

»Ja, das glaube ich.«

Cranston schaute Philippa an. »War Euer Vater schon öfter in solch dunkler Stimmung?«

»Ja, vor etwa drei Jahren einmal, kurz vor Weihnachten. Aber das ging vorüber, als, wie immer, seine Kameraden kamen und er mit ihnen in der Goldenen Mitra speiste.«

»Wer waren diese Kameraden?« wollte Athelstan wissen.

»Nun, die beiden Hospitaliter, Sir Gérard Mowbray und Sir Brian Fitzormonde. Und dann noch Sir Adam Horne; der ist Kaufmann in der Stadt.«

»Waren das alle Waffenbrüder Eures Vaters?«

»O nein, da war noch einer namens Bartholomew …« Das Mädchen nagte an der Oberlippe. »… Burghgesh, glaube ich. Aber der ist nie gekommen.«

»Warum nicht?«

»Ich weiß es nicht. Ich glaube, er ist tot.«

»Und wieso hat Euer Vater sich jedes Jahr vor Weihnachten mit seinen Freunden getroffen?«

»Ich weiß es nicht. Irgendein Pakt, den sie vor langer Zeit geschlossen haben.«

Athelstan musterte das Mädchen aufmerksam. Er war sicher, daß sie etwas verheimlichte. Er versuchte es auf anderem Weg. »Sagt, gibt es eigentlich mehr als eine Seitenpforte zum Wassergraben?«

»O ja«, sagte Philippa. »Mehrere sogar.«

Athelstan warf Cranston einen Blick zu. »Mylord Coroner, habt Ihr noch Fragen?«

»Nein«, sagte Sir John. »Genug ist genug. Master William Hammond soll jetzt hereinkommen.«

Der Priester kam, mißmutig und verdrossen, und er nagte an seinem Daumennagel, bis das Blut kam, während er Athelstans Fragen wortkarg beantwortete. Ja, er habe den Abend in der Festung verbracht, aber in seiner Kammer im Beauchamp Tower, in der Nähe der Kirche St. Peter ad Vincula.

Die beiden Hospitaliter-Ritter waren höflicher, aber ebenso unerschütterlich. Sie bewohnten Gemächer im Martins Tower und hatten fast den ganzen Abend über getrunken oder sich am Schachspiel versucht.

»Ich versichere Euch, Sir John«, schnarrte Mowbray, »wir finden uns ja schon bei Tage kaum im Tower zurecht, von einer eiskalten Wintemacht ganz zu schweigen.«

»Aber Ihr wißt, was das hier bedeutet, nicht wahr?« attackierte Athelstan die beiden und hielt das gelbe Pergament in die Höhe. »Beim Himmel, das wissen wir nicht!« antwortete Fitzormonde. »Sir«, versetzte Athelstan, »ich glaube, Ihr wißt es, und Ihr wißt auch, was der Kuchen bedeutet.«

Die beiden Hospitaliter schüttelten die Köpfe.

»Laßt uns nicht Versteck spielen«, sagte Athelstan. »Ihr seid Mönche und Ritter. Euer Orden kämpft für das Kreuz in Outremer. Auch Brüder meines Ordens dienen dort. Sie kommen mit Geschichten zurück, die sie dann beim Abendbrot in Blackfriars erzählen.«

»Was für Geschichten?« fragte Mowbray herausfordernd.

»Von einer geheimen Sekte von Ungläubigen in den Bergen Palästinas, den Assassinen, deren Oberhaupt der Alte vom Berge heißt. Das Geschäft dieser Gemeinschaft ist der Meuchelmord. Ihr Meister füttert sie mit Rauschgift und sendet sie mit goldenen Dolchen aus. Sie töten, wen er zu vernichten bestimmt hat.«

Cranston sah, wie die beiden Ritter sich strafften und zum ersten Mal nervös wurden - vor allem Fitzormonde.

»Diese Assassinen«, fuhr Athelstan fort, »lassen ihren Opfern immer eine faire Warnung zukommen. Ein Bild hinterlassen sie nicht, wohl aber einen flachen, kleinen Sesamkuchen zum Zeichen dafür, daß der gewaltsame Tod nahe ist.« Athelstan stand auf und streckte die verkrampften Beine. »Ich frage mich: Warum begeht diese geheime Sekte, die am Mittelmeer blüht, einen Mord in den kalten, düsteren Gemächern des Tower zu London?«

»Wollt Ihr uns beschuldigen?« rief Mowbray. »Wenn ja, so tut es nur!«

»Ich will niemanden beschuldigen. Ich konstatiere nur einen merkwürdigen Zufall.«

»Rastani ist aus Palästina!« rief Mowbray. »Und Sir Ralph hat sich von seinem angeblich treuen Diener abgewandt.«

»Warum sagt Ihr angeblich?« fragte Cranston rasch.

»Weil ich nicht glaube, daß Rastanis Bekehrung zu unserem Glauben ehrlich war. Wenn solche Leute einen Groll hegen, warten sie jahrelang, bis sie die Rechnung präsentieren.«

»Aber Rastani war doch nicht im Tower?«

»Er könnte sich zurückgeschlichen haben.«

»Nein, nein, nein.« Athelstan schüttelte den Kopf. »Sir Ralphs Tod ist komplizierter. Ihr habt mit ihm gedient?«

»Ja. Der Kalif von Kairo hat uns in seinen Sold genommen, um die Aufstände in der Stadt Alexandria niederzuschlagen.«

»Und danach?«

»Sir Ralph fuhr nach Hause. Wir blieben noch eine Weile, bevor wir in unser Ordenshaus in Clerkenwell heimkehrten.«

»Seid Ihr je übers Meer zurückgekehrt?« fragte Cranston. Mowbray schüttelte den Kopf. »Nein, Fitzormonde irrt sich da in einer Kleinigkeit. Als wir mit Sir Ralph dienten, waren wir keine Hospitaliter. Wir sind erst in den Orden eingetreten, nachdem Sir Ralph weg war. Der Orden hat uns dann nach England zurückgeschickt. Ich bin in Clerkenwell, Fitzormonde in unserem Ordenshaus in Rievaulx in der Nähe von York.« Athelstan studierte die verschlossenen, finsteren Gesichter der beiden Ritter.

»Verzeiht mir«, sagte er ruhig, »ich möchte Euch nicht Lügner nennen, aber hier ist etwas sehr Geheimnisvolles im Gange, und Ihr seid daran beteiligt.« Er beugte sich vor und zog plötzlich Mowbrays Mantel zur Seite. »Ihr tragt ein Kettenhemd? Und Ihr auch, Sir Brian? Warum? Fürchtet auch Ihr den Dolch des Assassinen? Wie gut schlaft Ihr des Nachts? Welche Geheimnisse teiltet Ihr mit Sir Ralph?«

»Beim Heiligen Kreuz!« Sir Brian sprang auf. »Das habe ich mir jetzt lange genug angehört. Wir haben Euch gesagt, was wir können. Belaßt es dabei!«

Die beiden Hospitaliter rauschten hinaus. Cranston ließ sich auf einen Schemel fallen und streckte die Beine aus.

»Ein ziemliches Durcheinander, was, Bruder? Womit haben wir es hier zu tun? Mit Hochverrat, begangen von Unbekannten? Oder mit gemeinem Mord um Mitternacht?«

»Ich weiß es nicht.« Athelstan drückte den Stopfen auf sein Tintenhorn und ordnete sein Schreibzeug. »Aber wir haben die Schnalle, die wir auf dem Eis des Festungsgraben gefunden haben, und ich weiß, wem sie gehört.«

»In drei Teufels Namen!« rief Cranston. »Für einen Mönch hast du scharfe Augen, Athelstan.«

»Für einen Ordensbruder bin ich ziemlich flink, Mylord Coroner, und das wäret Ihr auch, wenn Ihr weniger Rotwein trinken wolltet.«

»Ich trinke, um meinen Schmerz zu ertränken.« Cranston wandte den Blick ab. Was Maude wohl gerade tat? dachte er bang. Was verbarg sie vor ihm? Warum sprach sie es nicht aus, statt ihm diese langen, trauervollen Blicke zuzuwerfen? Cranston starrte wütend die kleine Statue in einer Nische an, die Jungfrau mit dem Kind. Insgeheim haßte er das Weihnachtsfest. Um diese Zeit erwachte immer die Erinnerung an den kleinen Matthew, den die Pest geholt hatte - aber nicht, bevor der Kleine ihn jenes Staunen hatte sehen lassen, mit dem jedes Kind das Weihnachtsfest begrüßt. Hatte auch Maude ihre Erinnerungen? »Sir John!«

Cranston blinzelte die Tränen weg und grinste zu Athelstan hinüber.

»Ich brauche eine Erfrischung, Mönch!«

Athelstan sah den Schmerz im Gesicht seines Freundes und wandte sich ab.

»Nachher, Sir John. Erst müssen wir mit Sir Fulke sprechen. Ich möchte Sir Ralphs Schlafgemach hier im White Tower durchsuchen.«

Cranston nickte und schwankte schwerfällig davon. Athelstan packte sein Schreibpapier ein, blieb sitzen und bewunderte die Schönheit der St.-Johns-Kapelle und verglich sie mit der Düsternis von St. Erconwald. Dann dachte er an Benedicta. Wie hübsch sie in der Frühmesse ausgesehen hatte. Ob Huddle sie für sein Gemälde von Mariä Heimsuchung verwenden würde, das für einen der Gänge geplant war? Und was würde sie wohl Weihnachten Vorhaben? Sie hatte von einem Bruder in Colchester gesprochen. Vielleicht würde sie aber auch in Southwark bleiben, mit ihm Spazierengehen oder sich wenigstens auf einen Becher Wein zu ihm setzen und über die Vergangenheit plaudern. Weihnachten konnte so einsam sein … Athelstans Blick fiel auf ein Kruzifix, und plötzlich fielen ihm die Greuel ein, die auf dem Friedhof von St. Erconwald geschahen. Er mußte dieser Sache auf den Grund kommen. Wer tat so etwas, und warum? »Bruder Athelstan! Bruder Athelstan!« Cranston stand vor ihm und grinste spöttisch auf ihn herab. »Du trinkst zuviel Rotspon, Priester«, verkündete der Coroner feixend. »Komm, wir müssen uns die Gemächer des verstorbenen Konstablers anschauen. Colebrooke und Sir Fulke sind schon unterwegs.«

Sir Ralphs Quartier erreichte man über eine blankgebohnerte Holztreppe in einem der Türme des White Tower: ein angenehmes, von Wohlgeruch erfülltes Gemach, so ganz anders als die finstere Zelle drüben in der Nordbastion. Durch zwei kleine Nischenfenster mit gepolsterten Fensterbänken und ein großes Erkerfenster, dessen buntes Glas das Lamm Gottes darstellte, fiel Licht herein. Die verputzten Wände waren hellgrün und mit silbernen und goldenen Rauten verziert. Ein dicker Teppich hing über dem kleinen Kamin, der Boden glänzte, und auf dem großen Bett lag eine goldbetreßte Decke. Am Fußende des Vierpfostenbettes stand aufgeklappt Sir Ralphs große Privattruhe.

»Das ist ja luxuriös!« flüsterte Cranston. »Was hat Sir Ralph nur so sehr geängstigt, daß er von hier in diese trostlose Kerkerzelle umgezogen ist?«   

Cranston und Athelstan hockten sich vor die Truhe und sahen Sir Ralphs persönliche Papiere durch, fanden aber nichts über seine Jahre in Outremer. Alle Dokumente betrafen sein Amt als Konstabler oder seinen Dienst in John von Gaunts Gefolge. Etwa eine Stunde verbrachten sie damit, Briefe, Verträge und Memoranden zu sichten. Nur ein Stundenbuch fiel Athelstan auf. Jede Seite war mit zarten, filigranen Schnörkeln in strahlenden Farben verziert: Auf einer Seite fanden sich mit leichter Hand gemalte Engelsgestalten, auf einer anderen besprengte ein Priester einen in Tücher gehüllten Leichnam mit Weihwasser, bevor er ihn ins Grab legte. Auch die Christgeburt war dargestellt, Maria und Joseph beugten sich über das schlafende Kind, und Christus im Fegefeuer, wie er schwarzgesichtige Dämonen mit der bloßen Kraft seines goldenen Auges vertrieb. Athelstan war fasziniert von der Schönheit des Buches. Er schaute auf die Innenseite des Einbandes und sah Stoßgebete an den heiligen Julian, die Sir Ralph hingekritzelt hatte. »St. Julian, bitte für mich! St. Julian, wende ab den Zorn Gottes! St. Julian, sei mein Fürsprecher bei der Mutter des Herrn!« Die leeren Seiten am Ende des Buches waren mit ähnlichen Beschwörungen gefüllt. Athelstan las sie gründlich und ignorierte Cranstons Murren und Sir Fulkes verärgertes Stiefelknarren. Endlich klappte er die Truhe zu und richtete sich auf.        

»Seid Ihr fertig, Bruder?« fauchte der Edelmann.

Athelstan sah ihn scharf an. Sir Fulke war offensichtlich ein Mann, der sich hinter einer Mauer aus Leutseligkeit und Gutmütigkeit verbarg; jetzt aber schien er wütend, mißtrauisch und verärgert über ihr Eindringen.

»Bin ich fertig?« echote Athelstan. »Ja und nein, Sir Fulke.«

Der Ritter blies die Wangen auf. »Der Tag vergeht, Bruder«, bemerkte er schnippisch und spähte aus dem Fenster. »Ich bin ein vielbeschäftigter Mann, der sich um manches zu kümmern hat. Was wollt Ihr noch?«

»Ihr tragt Stiefel, Sir Fulke?«

»Ja, ich trage Stiefel«, äffte er Athelstans Tonfall nach.

»Stiefel mit Schnallen?«

Alle Farbe wich aus Sir Fulkes Gesicht.

»Ja«, murmelte er.

»Nun …« Athelstan zog die Schnalle, die er auf dem gefrorenen Wassergraben gefunden hatte, aus seinem Beutel. »Ich nehme an, die gehört Euch. Wir haben sie vor dem Turm der Nordbastion gefunden. Dennoch sagt Ihr, Ihr wart die ganze Nacht in der Stadt.«

Sir Ralphs Bruder schluckte, alle Arroganz war aus seiner Stimme verschwunden.

»Ich habe die Schnalle gestern verloren.«

»Wart Ihr auf dem Eis?«

Sir Fulke lächelte plötzlich. »Ja. Heute früh. Ihr seid nicht der einzige, Bruder, der auf die Idee gekommen ist, die Mörder könnten nachts an der Mauer hinaufgeklettert sein, um Sir Ralph zu ermorden.«

Athelstan warf ihm die Schnalle zu, und Sir Fulke fing sie ungeschickt auf.

»Damit sind wir hier fertig, Sir John. Vielleicht eine Erfrischung?«

Auf dem Gang trafen sie Colebrooke, dankten ihm für seine Aufmerksamkeit und gingen über die Außentreppe in den Innenhof des Tower. Athelstan schätzte, daß es zwei Uhr mittags sein müsse, und ein Diener, den sie an der Großen Halle trafen, bestätigte dies. Sie wollten gerade durch das Tor von Wakefield hinausgehen, als Athelstan den großen Braunbären entdeckte, der in der Ecke beim Bell Tower an die Mauer gekettet war. »Noch nie habe ich einen so großen Bären gesehen, Sir John«, rief er.

Cranston schlug ihm auf die Schulter. »Dann wird es aber Zeit, mein Junge!«

Der Bruder war fasziniert. Der Bär erwiderte die Komplimente kaum; er saß auf seinem Hinterteil und stopfte sich Abfälle, die um ihn herum verstreut lagen, in den mächtigen Rachen. Cranston klatschte in die Hände, und das Untier wandte den großen, dunklen Schädel. Eine Pranke hob sich, aber Athelstan blieb wie angewurzelt stehen, war hypnotisiert von den großen, sabbernden Lefzen, den Zähnen - lang, weiß und so spitz wie Dolche - und der rasenden Wildheit der rotbraunen Augen. Der Bär kam schwankend auf sie zu und grollte leise. Cranston packte Athelstan beim Arm und zog ihn zurück. Erschreckt durch die plötzliche Bewegung, richtete sich das Tier zu voller Größe auf, und die großen Pranken schlugen in die Luft, als der Bär an dem massiven Eisenhalsband zerrte. Der Coroner und sein Gefährte sahen, wie die an der Mauer befestigte Kette sich an ihren Halterungen spannte.

»Diese Kette«, murmelte Athelstan, »ist nicht so sicher, wie sie sein sollte.«

»Leb wohl, Ursus«, sagte Cranston leise. »Laß uns verschwinden, Athelstan. Ganz ruhig.«

Sie holten ihre Pferde und verließen den Tower. Ein paar Marktstände draußen in Petty Wales waren geöffnet, und eine Handvoll Tapferer bahnte sich einen Weg durch den knöcheltiefen, schlammigen Schneematsch. Zwei Bettlerkinder mit reisigdünnen Armen und Beinen standen an einem Kohlebecken und sangen ein Weihnachtslied. Cranston warf ihnen einen Penny hin; dann sah er zu, wie eine Frau, die wegen ihrer Streitsucht verurteilt worden war, von einem Büttel zum Pranger in der Tower Street geführt wurde. Ein eiserner Zankzaum umspannte ihren Kopf. In den schmutzigen Seitengassen blühte das Geschäft der Huren mit ihren roten Perücken, denn die Garnison im Tower versorgte sie mit einem endlosen Strom von Kunden.

Cranston fragte einen einäugigen Bettler und kam strahlend zurück.

»Ich hab’s gefunden«, verkündete er. »Das Gasthaus Zur Goldenen Mitra. Du weißt schon - wo Sir Ralph und die Hospitaliter-Ritter jedes Jahr zu Weihnachten ihr Bankett abhielten.«

Das Gasthaus lag neben dem Zollhaus an der Ecke der Thames Street: ein großartiges, geräumiges Anwesen. Ein rotnasiger Hausknecht nahm ihnen die Pferde ab. Der Schankraum war luftig, und ein Kaminfeuer sorgte für wohlige Wärme. Die Binsenstreu auf dem Boden war sauber und mit Rosmarin und Thymian durchmischt. Die Wände hatten einen Anstrich aus Kalk, um Insekten femzuhalten, und die Schinken, die von den schwarzen Deckenbalken hingen, verströmten einen so köstlichen scharfen Duft, daß Cranston sich die Lippen leckte. Sie setzten sich an einen Tisch zwischen dem Feuer und den großen, blankpolierten Weinfässern. Der Wirt, ein kleiner, rotgesichtiger, kahlköpfiger Bursche mit erstaunlich sauberer Schürze vor dem umfangreichen Bauch, warf nur einen Blick auf Sir John und brachte sogleich eine tiefe Schale, die bis zum Rand mit blutrotem Wein gefüllt war.

»Sir John!« rief er. »Erinnert Ihr Euch?«

Cranston packte die Schale an den beiden silbernen Henkeln und trank sie in einem Zug halb leer. »Ja«, antwortete er dann und spähte schmatzend über den Rand. »Du bist Miles Talbot und hast früher als Ale-Prüfer in den Schenken rings um St. Paul gearbeitet.« Cranston stellte die Schale hin und schüttelte dem Wirt die Hand. »Laß dich mit einem ehrlichen Mann bekanntmachen, Bruder Athelstan. Talbot hat immer gemerkt, wenn ein Krug Ale verwässert war. So, so, so.« Cranston löste seine Mantelspange und genoß die köstlichen Gerüche und die Wärme des Wirtshauses. »Was kannst du uns auftischen, Master Talbot? Und komm mir nicht mit Fisch! Wir wissen, daß der Fluß zugefroren und die Straße unpassierbar ist; also muß alles, was aus dem Wasser kommt, ein paar Wochen alt sein.«

Der Wirt zählte grinsend auf, was die Speisekammer zu bieten hatte, und keine halbe Stunde später servierte er zwei mit Kräutern gefüllte Hühnchen in einer pikanten Sauce aus süßer Butter und wilden Beeren, eine geschmorte Pastete, einen Apfelpfannkuchen und einen gewaltigen Rindermarkpudding. Athelstan saß sprachlos da und trank sein Bier, während Cranston jeden Teller blankputzte und alles mit einer zweiten Schale Rotwein hinunterspülte. Schließlich rülpste er, streckte sich und blickte strahlend in der Schenke umher. Dann winkte er Talbot heran.

»Master Miles - eine Gefälligkeit!«

»Was Ihr wünscht, Sir John.«

»In deinem Haus verkehrt - besser gesagt, verkehrte - der verstorbene Konstabler des Tower, Sir Ralph Whitton?« Talbots Miene wurde wachsam. »Hin und wieder«, brummelte er. »Er traf sich hier jedes Jahr zur Weihnachtszeit mit zwei Hospitalitern und anderen.«

»Ach, komm schon, Miles. Ich bin nicht dein Feind. Du kannst mir vertrauen. Worüber haben sie geredet?«

Talbot trommelte mit seinen runden Fingern auf dem Tisch. »Die saßen wie Ihr, Sir John, ein gutes Stück abseits von den anderen. Sowie ich oder einer der Hausburschen in ihre Nähe kam, sagten sie kein Wort.«

»Und ihr Benehmen? Waren sie bedrückt oder fröhlich?«

»Manchmal lachten sie, aber meistens taten sie sehr geheimnisvoll. Oft gerieten die beiden Hospitaliter in Streit mit Sir Ralph, und dann wurde er ziemlich feindselig und blaffte sie an.«

»Sonst noch was?«

Talbot schüttelte den Kopf und wandte sich ab. Cranston sah Athelstan an, schnitt eine Grimasse und zuckte die Achseln. Plötzlich stand der Wirt wieder am Tisch.

»Eines noch«, sagte er. »Etwas war merkwürdig: Vor ungefähr drei Jahren, zu Weihnachten, kam ein Fremder herein.«

»Wie sah er aus?«

»Daran kann ich mich nicht erinnern, aber er hatte etwas Besonderes an sich. Er verbarg sich unter Mütze und Kapuze, redete aber wie ein Soldat. Er wollte wissen, ob Sir Ralph hier trank. Ich sagte, ich wüßte von nichts. Er verschwand, und ich habe ihn nie wiedergesehen.« Talbot lächelte bedauernd. »Sir John - auf meinen Eid, aber das ist alles, was ich weiß.«

Der Coroner saß mit geschürzten Lippen da und starrte auf die leeren Teller und Schüsseln, als wünschte er sich, das Essen, das er verzehrt hatte, möge auf magische Weise wiedererscheinen. Athelstan musterte ihn aufmerksam und ein bißchen besorgt, denn eigentlich hätte Sir John inzwischen längst nach mehr Rotwein oder spanischem Weißen brüllen müssen. »Mylord Coroner?«

»Ja, Bruder Athelstan?«

»Wir müssen ein paar Schlußfolgerungen zum Tode Sir Ralphs verfassen.«

Cranston pustete geräuschvoll. »Was können wir sagen?«

»Erstens werdet Ihr mir sicher zustimmen, daß Sir Ralph nicht ermordet wurde, weil er Konstabler im Tower war, ich meine, von irgendwelchen Bauern, die Verrat und Aufstand planen.«

»Da stimme ich dir zu, Bruder, aber der Mörder könnte trotzdem von draußen gekommen und ein Berufsmörder gewesen sein. Es gibt genug ehemalige Soldaten in der Stadt, die ihrer eigenen Mutter die Kehle durchschneiden würden, wenn der Preis stimmt.«   

Athelstan strich mit dem Finger über den Rand des Weinbechers.

»Das würde ich gern glauben, Sir John, aber trotzdem: Es sieht nicht danach aus.« Er hob die Schultern. »Diskussionshalber können wir mal annehmen, daß der Mörder den zugefrorenen Graben überquert, die Nordbastion erklettert, die Fensterläden geöffnet und Sir Ralph lautlos die Kehle durchgeschnitten hat.«

»Das ist möglich und so geschehen, mein guter Priester.«

»Natürlich«, fuhr Athelstan fort, »kann der Mörder auch jemand im Tower gewesen sein, der wußte, wo Sir Ralph schlief, und die Gelegenheit nutzte, die der zugefrorene Wassergraben ihm bot, um zu den Trittkerben in der Mauer der Nordbastion zu gelangen. Entweder hat der Mörder die Tat selbst ausgeführt oder jemanden dafür bezahlt, daß der es tat.«

Cranston nahm einen großen Schluck Wein. »Fügen wir die beiden Möglichkeiten mal zusammen. Sagen wir diskussionshalber, daß Anstifter und Mörder ein und dieselbe Person sind. Buchstäblich jeder von denen, die wir befragt haben - einschließlich Mistress Philippa, die vielleicht ein bißchen rundlich, aber sehr leichtfüßig, jung und beweglich ist -, könnte auf diesen Turm geklettert sein.«

»Aber sie haben praktisch alle eine Geschichte, die den Zeitraum abdeckt.«        

Cranston nickte. »Die haben sie. Und nachzuweisen, daß einer von ihnen lügt, wäre eine Aufgabe für den Teufel. Außerdem - ist dir aufgefallen, daß jeder außer dem Kaplan einen Zeugen hat, der seine Geschichte bestätigen kann? Das bedeutet«, folgerte Cranston, »daß wir es womöglich mit zwei Mördern zu tun haben statt mit einem. Die beiden Hospitaliter. Sir Fulke und Rastani. Philippa und ihr junger Liebhaber. Colebrooke und einer der Wächter.«

Athelstan starrte nachdenklich zu einem der Schinken hinauf, der sich am Balken drehte. »Eigentiich wissen wir überhaupt nichts«, meinte er. »Wir haben keine Ahnung, wer der Mörder ist oder wie er oder sie zu Sir Ralph ins Zimmer kamen. Allerdings haben wir Sir Fulkes Schnalle gefunden.«

»Aber er behauptet, heute morgen vor unserer Ankunft auf dem zugefrorenen Graben herumgelaufen zu sein.«

»Ich glaube ihm«, sagte Athelstan. »Aber erinnert Euch, wie er sagte, er habe die Schnalle am Tag zuvor verloren.«

»Was willst du damit sagen, Bruder?«

»Entweder hat er sie verloren, als er über den Burggraben geschlichen ist, um Sir Ralph umzubringen, oder ein anderer hat sie dort hingelegt. Ich vermute letzteres. Daß Sir Fulke ehrlich zugibt, auf dem Wassergraben gewesen zu sein, bewahrt ihn vor dem Verdacht. Hätte er es abgestritten, und wir könnten später beweisen, daß er doch draußen war, sähe die Sache anders aus.«

»Woher wissen wir, daß er nicht lügt?« rief Cranston. »Ist dir die Pforte vor dem Wassergraben aufgefallen? Die Angeln waren ganz verrostet. Vor uns hat diesen Durchgang seit Jahren keiner mehr benutzt. Könnte also sein, daß Sir Fulke lügt.«

»Er konnte aber auch durch eine andere Pforte gekommen sein.«

»Ein interessanter Einfall, Bruder, aber laß uns die Motive ansehen.«

Athelstan spreizte die Hände. »Es gibt ebenso viele Motive wie Leute im Tower, Sir John. War Sir Fulke habgierig? War der Kaplan wütend, weil man ihn einen Dieb genannt hat? Wollte Colebrooke Sir Ralphs Posten? Sahen Philippa und ihr Liebhaber in Sir Ralph ein Hindernis für ihre Heirat oder für Philippas Erbe?«

»Und damit«, schloß Cranston, »sind wir bei den beiden Hospitalitern. Wir wissen, daß sie nicht die Wahrheit sagen. Auf irgendeine Weise sind das Pergament und der Kuchen mit dem Mord verbunden, und sie wissen über beides etwas. Sir Ralphs Todesankündigung zeigte ein Schiff, einen Dreimaster, wie er oft im Mittelmeer unterwegs ist. Der Sesamkuchen ist das Zeichen der Assassinen. Ergo: Sir Ralphs Tod muß mit irgendeinem Geheimnis in seiner Vergangenheit Zusammenhängen, mit seiner Zeit als Soldat in Outremer.«

Athelstan stellte seinen Krug auf den Tisch. Er klappte den Mund auf und zu.

»Was ist los, Bruder?«

»Es läßt nur eine Schlußfolgerung zu, Master Coroner: Sir Ralph ist vielleicht nicht der letzte, der im Tower stirbt, bevor das Weihnachtsfest beginnt.«