5. Kapitel

Sie blieben noch eine Weile im Wirtshaus. Athelstan hatte erwartet, daß Cranston schließlich sein Pferd besteigen und nach Cheapside zurückreiten werde, aber der Coroner schüttelte den Kopf.

»Ich will zu deinem verfluchten Friedhof«, schnaubte er. »Du brauchst jemanden mit einem scharfen Verstand, um das Geheimnis dort zu ergründen.«

»Aber Lady Maude wartet sicher.«

»Soll sie!«

»Sir John, stimmt etwas nicht?«

Cranston runzelte die Stirn und blickte woanders hin.

»Geht es um Matthew?« fragte Athelstan sanft. »Ist es der Jahrestag seines Todes?«

Cranston stand auf und hakte sich bei Athelstan unter, als sie hinausgingen. Vor der Tür blieben sie stehen und warteten, bis der Hausknecht ihre Pferde gesattelt hatte. »Sag mir, Bruder, als du damals als Novize von deinem Orden weggelaufen und mit deinem kleinen Bruder nach Frankreich in den Krieg gezogen bist, warst du da glücklich?«

Athelstan spürte, wie sein Herz einen Satz tat. »Natürlich.« Er lächelte schmal. »Ich war damals jung. Das Blut kochte in meinen Adern, und ich sehnte mich nach großen Abenteuern.«

»Und als du deinen Bruder tot und kalt wie Eis auf dem Schlachtfeld fandest und nach England zurückfuhrst, um deinen Eltern zu beichten, was du getan hattest - was war da?«

Athelstan schaute in den Hof hinaus; es wurde langsam dunkel. »Im Evangelium, Sir John, sagt Christus, am Ende der Welt wird der Himmel wanken, und die Planeten werden in loderndem Feuer auf die Erde fallen.« Athelstan schloß die Augen. Er fühlte Francis’ Geist ganz deutlich. »Als ich meinen Bruder tot auf dem Feld fand«, fuhr er fort, »da stürzte für mich der Himmel auf die Erde.«

»Und was dachtest du da über das Leben?«

Athelstan rieb sich den Mund und schaute in Cranstons trauriges Gesicht. »Ich fühlte mich von ihm verraten«, sagte er leise. Cranston klopfte ihm sanft auf die Schulter. »Aye, Bruder - vergiß nicht: Der blutrote Kuß des Verräters ist immer der süßeste. Daran wirst du dich erinnern, ebenso wie ich.« Athelstan starrte ihn sprachlos an. So hatte er Cranston noch nie gesehen. Der Coroner hätte längst aus vollem Hals irgendein lästerliches Lied singen und dem Wirt Beschimpfungen an den Kopf werfen oder Athelstan drängen müssen, mit ihm nach Hause zu kommen.

Sie stiegen auf ihre Pferde, ritten still zum verschneiten Billingsgate hinauf und dann nach links in die Zuführung zur London Bridge. Dort wimmelte es von Menschen, obwohl der kalte Wind einem in Gesicht und Hände biß. Unter verhangenem Himmel bewarfen sich ein paar Jungen mit Schneebällen und kreischten vor Lachen, wenn sie trafen. Ein Bettler ohne Beine zog sich auf Brettern durch den Matsch. Ein paar zerlumpte Fährleute standen murrend am Ufer des zugefrorenen Flusses und fluchten über das Wetter, das ihnen ihren Lebensunterhalt genommen hatte. Mützen und Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, drängten andere stadteinwärts oder überquerten zusammen mit Athelstan und Cranston die schmale, eisbedeckte Brücke nach Southwark.

Der Coroner zügelte plötzlich sein Pferd und drehte sich nach einer Schar dunkler Gestalten um, die eben vorübergehuscht waren. War es eine Gruppe gewesen oder eher eine Handvoll einzelner, die aus Bequemlichkeit und Sicherheit zusammen unterwegs waren? Er war sicher, Lady Maude unter ihnen gesehen zu haben, wie sie mit blassem Gesicht unter ihrer Kapuze hervorgelugt hatte. Aber was wollte sie in Southwark? Außer Athelstan kannte sie dort niemanden, und an so einem Wintertag war Southwark ein gefährlicher Ort.

»Sir John, ist alles in Ordnung?«

Cranston blickte noch einmal der kleinen Gruppe nach, die in der Dunkelheit verschwand. Sollte er zurückreiten? Aber dann kam ein großer Karren mit eisenberingten Rädern krachend vorbei, die Leute hinter Cranston begannen, zu murren und zu stöhnen. Der Coroner gab seinem Gefährten zu verstehen, sie sollten weiterreiten. Beide überquerten die Brücke, kamen auf der anderen Seite am Priorat von St. Mary Overy vorbei und nahmen die Hauptstraße nach Southwark. Sie ritten durch enge Gassen, vorbei an großen, vierstöckigen Häusern und den wackligen Hütten und Verschlägen der Arbeiter und Handwerker. Dem Coroner drang der stechende Geruch von Hundepisse in die Nase.

Athelstan zog sich die Kapuze dichter ums Gesicht, um dem Anblick des verfaulenden Abfalls zu entgehen, den weggeworfenen Essensresten und menschlichen Exkrementen aus den Nachttöpfen, die morgens geleert wurden, und dem Kehricht aus den Häusern, die von ihren Bewohnern jetzt für die Festtage geputzt wurden. Southwark kam freilich nie zur Ruhe. Die Handwerker und Kätner gingen unablässig ihren Berufen nach: Lichtzieher kochten Schweinefett zu Talg, Abdecker, Käsehändler, Mützenmacher und Schmiede gingen ihrem Tagwerk nach, und abends, wenn die Läden schlossen, kamen die grobknochigen Gauner der Unterwelt hervor und suchten zwischen Bordellen und Garküchen am Ufer der Themse nach leichter Beute. Aber niemand kam Cranston oder Athelstan zu nahe. Der Bruder war überall hochgeachtet und Cranston gefürchteter als der Oberrichter persönlich.

St. Erconwald lag im Dunkel; Athelstan sah erfreut, daß Watkin die Lichter gelöscht hatte. Er wollte gerade Sir John durch die Pforte zum Pfarrhaus geleiten, als eine dunkle Gestalt aus dem Schatten hervorsprang und Philomel beim Zaumzeug packte. Athelstan blickte in ein langes, bleiches Gesicht unter einer teerschwarzen Kapuze.

»Ranulf, um Gottes willen, was ist los?«

»Pater, ich habe den ganzen Nachmittag auf Euch gewartet.«

»Sag ihm, er soll verschwinden, Athelstan! Mir ist kalt!«

»Kümmere dich nicht um Sir John«, sagte Athelstan beruhigend. »Was willst du, Ranulf?«

Der Rattenfänger leckte sich die blutleeren Lippen.

»Ich habe eine Idee, Pater. Ihr wißt doch, daß die großen Zünfte drüben am anderen Ufer ihre eigenen Kirchen haben. St. Mary Le Bow für die Seidenhändler, St. Paul für die Pergamentmacher.«   

»Ja. Und?«

Der Rattenfänger schaute flehentlich.

»Weiter, Ranulf. Was willst du?«

»Na ja, Pater, ich und die anderen Rattenfänger haben uns gefragt, ob St. Erconwald nicht die Kirche unserer Zunftbruderschaft sein könnte.«

Athelstan unterdrückte ein Lächeln, warf einen Blick in Cranstons finsteres Gesicht und raffte die Zügel in der Faust.

»Die Bruderschaft der Rattenfänger, Ranulf? Mit St. Erconwald als Zunftkirche und mir als Kaplan?«

»Ja, Pater.«

Athelstan stieg ab. »Aber gem.«

»Wir würden natürlich unsere Abgaben zahlen.«

»In was?« johlte Cranston. »In Ratten? Ein Zehntel eures Fangs?« Ranulf warf dem Coroner einen scharfen Blick zu, aber Cranston bog sich bereits im Sattel und lachte unbändig über seinen eigenen Witz.

»Ich finde die Idee ausgezeichnet«, sagte Athelstan leise. »Wir werden uns noch darüber unterhalten. Du hast meine grundsätzliche Zustimmung, Ranulf, aber im Augenblick sind Sir John und ich sehr beschäftigt mit anderen Dingen. Wenn du vielleicht unsere Pferde in den Stall bringen und ihnen ein wenig Heu geben könntest…«

Der Rattenfänger nickte heftig, packte die Zügel von Sir Johns Pferd und verschwand damit in der Dunkelheit. Philomel folgte ihm etwas flotter als üblich; er spürte, daß die Futterzeit nahte. Athelstan führte Cranston um die Kirche, blieb stehen und bat den Coroner zu warten, damit er eine Fackel holen könne. Er lief zum Pfarrhaus, nahm eine aus der Wandhalterung, zündete sie an und lief zurück, bevor die Flüche des Coroners allzu deutlich hörbar wurden.        

Sie betraten den Friedhof. Selbst zur Sommerzeit war es ein düsterer Ort. Jetzt lag er unter einem Schneeteppich, und die Äste der Eiben spreizten sich wie große, weiße Krallen über den einsamen Erdhügeln, den plumpen Kreuzen und zerbröckelnden Grabsteinen. Athelstan fühlte sich mutterseelenallein. Gespenstische Stille hing wie eine Wolke über dem Land, und selbst der Wind wehte leiser. Die Bäume standen regungslos. Kein Nachtvogel war zu hören. Hier und dort wirkten die Schatten bedrückend und finster, wie unheimliche Verstecke, in denen Dämonen oder böse Geister lauerten. Athelstan hob die Fackel in die Höhe, und Cranston schaute sich auf dem düstersten aller Gottesäcker um.

»In drei Teufels Namen, Athelstan!« zischelte er. »Wer kommt mitten in der Nacht hierher und reißt Leichen aus der letzten Ruhestätte? Wo sind die Gräber?«

Athelstan zeigte ihm die flachen Löcher im Boden. Die Erde türmte sich zu beiden Seiten, als hätte irgendeine wahnsinnige Kreatur die Leichname mit bloßen Klauen hervorgewühlt. Cranston kniete am Rande einer Grube nieder und pfiff leise durch die Zähne. Er blickte hoch, und sein fettes Gesicht schien im Fackelschein zur Grimasse verzerrt.

»Bruder, du sagst, nur die Leichen von Bettlern und Fremden wurden gestohlen?«

»Ja, Sir John.«

»Und wie sind sie beerdigt worden?«

»Der Leichnam wird in Segeltuch gehüllt und auf einem Stück Korbgeflecht in den Gemeindesarg gelegt. Während der Totenmesse wird dieser mit einer purpurnen Schabracke bedeckt, und wenn der Körper in die Erde gesenkt wird, bleibt der Sarg zurück.«

»Und ihr habt keine Spur von den Grabräubem gefunden?«

»Keine einzige.«

Cranston stand auf und wischte sich den Schneematsch von den Händen. »Wir haben drei Möglichkeiten, Bruder. Erstens: Es könnte ein makabrer Scherz sein. Manche unserer gelangweilten, reichen jungen Stutzer finden es komisch, einem Freund eine solche Leiche ins Bett zu legen. Aber in letzter Zeit hat man nichts von einem solchen üblen Streich gehört. Zweitens: Es könnten Tiere gewesen sein, vierfüßige oder menschliche. O ja«, fügte er leise hinzu, als er Athelstans schockiertes Gesicht sah, »beim Militär in Frankreich habe ich solche Abscheulichkeiten in der Gegend von Poitou gesehen.« Er stampfte mit den Füßen und blickte hinauf zu den dunklen Umrissen der Kirche. »Aber nicht einmal in Southwark kann jemand so verkommen sein. Und schließlich sind da noch die Satanisten, die Astrasoi, die unter einem bösen Stern geboren sind.« Er zuckte die Achseln. »Aber von solchen Leuten weißt du mehr als ich, Bruder. Die Leiche mag als Altar benutzt worden sein, oder man hat ihr das Blut abgezapft, um einen Dämon heraufzubeschwören. Oder sie brauchen eines der Gliedmaßen. Hast du schon von der ›Hand der Herrlichkeit‹ gehört?«

Athelstan schüttelte den Kopf.

»Nun, da wird einem Leichnam die Hand abgehackt. Der Name desjenigen, dem die Hexe oder der Hexenmeister schaden will, wird auf einen Zettel geschrieben und zwischen die Finger geschoben. Dann wird die Hand beim ersten Schlag der Mitternachtsstunde am Fuße eines Galgens vergraben.«

Athelstan rieb sich das Gesicht. »Aber wie kann ich einem solchen Frevel ein Ende machen, Sir John? Die Gemeindediener und Büttel kümmert es nicht. Niemand will unseren Friedhof bewachen.«

»Ich werde sehen, was ich tun kann«, sagte Cranston. Plötzlich drehte er sich um. »Da ist jemand.« Er zeigte auf zwei dunkle Gestalten neben dem Leichenhaus am anderen Ende des Friedhofes. »Siehst du, dort!« Er stürmte über die verschneite Wiese wie ein angreifender Stier, und Athelstan folgte ihm eilig.

»Halt!« brüllte Sir John. »Im Namen des Königs - halt!«

Die beiden in Mäntel gehüllten Gestalten drehten sich um und kamen ihnen langsam entgegen. Das Klappern von Stöcken und das leise Klingen einer Glocke ließ Cranston schnell zurückweichen.

»Aussätzige!« flüsterte er, und er packte Athelstans Fackel und hielt sie hoch. »In drei Teufels Namen!« hauchte er und starrte mitleidig auf die Gesichter unter den weißen Kapuzen. »Du läßt sie hier wohnen?«

Athelstan nickte. »Tagsüber. Nachts ist es leichter für sie, unbehelligt zu bleiben.«

»Haben sie etwas gesehen?«

Athelstan schüttelte den Kopf. »Sie sind stumm, aber ich glaube, sie würden sich sowieso nicht einmischen. Man muß schon ein tapferer Mann sein, Sir John, und ein gesunder sowieso, wenn man sich Grabräubem entgegenstellen will.«

»Du bist sicher, daß sie Lepra haben?« fragte Cranston leise. Athelstan grinste in die Dunkelheit. »Sie haben Briefe von den Bischöfen. Seht Euch ihre Handgelenke und die Hände an. Allerdings, wenn Ihr sie untersuchen wollt…?«

Cranston fluchte und warf einer der Kreaturen eine Münze zu. Dann stapfte er zum Haus zurück und röhrte, er habe nun genug gesehen. Ranulf, der Rattenfänger, war offenbar verschwunden, und auch alle anderen Gemeindekinder hatten sich verdrückt, als der Coroner aufgekreuzt war.

»Bleibt Ihr noch auf eine Schale Suppe, Sir John? Ich habe auch guten Rotwein.«

Cranston untersuchte ächzend und prustend den Sattelgurt seines Pferdes. »Das würde ich gern, Bruder«, antwortete er über die Schulter, »aber ich muß nach Hause.« Er wollte nicht, daß Athelstan seinen Sorgen um Lady Maude auf den Grund ging. »Ich muß nachdenken über das, was wir im Tower gesehen haben.« Er deutete auf den Kirchhof. »Mal sehen, wie ich dir dort helfen kann.« Er schwang sich aufs Pferd und trappelte in die Dunkelheit davon.

Athelstan seufzte und ging die Kirche aufschließen. Drinnen war es kalt, aber der Ordensbruder registrierte erfreut, daß der muffige Geruch verflogen war. Genüßlich roch er den Duft der grünen Zweige, die so liebevoll im Kirchenschiff und auf den Stufen zum Chorraum verteilt worden waren. Die St.-Johns-Kapelle im Tower fiel ihm ein, und er überlegte, wieviel Lügen ihm dort wohl erzählt worden waren. Athelstan war sicher, daß der Mörder im Tower lebte, und ebenso überzeugt davon, daß eine böse Tat aus der Vergangenheit Sir Ralph schließlich doch noch eingeholt hatte.

Er nahm etwas Zunder aus seinem Beutel, zündete zwei Fackeln im Kirchenschiff an und ging in die Sakristei, um sein zerfleddertes Gebetbuch zu holen. Dann kniete er nieder und begann seine Gebete. Als er bei der Psalmzeile »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« ankam, hielt er inne, ließ sich auf die Fersen sinken und starrte in das Flackerlicht einer Kerze.

Hatte Gott ihn verlassen? Warum geschahen solche Dinge wie die Schändung des Friedhofes, der Mord an Sir Ralph oder Cranstons Schmerz? Oh, Athelstan wußte um das Böse, aber manchmal, vor allem, wenn er so in die Dunkelheit starrte, fragte er sich doch, ob ihm jemand zuhörte. Was, wenn nicht? Wenn Christus nicht von den Toten auferstanden und wenn die Religion nichts als Hokuspokus war?

Schmerzerfüllt wich Athelstan vor dem Abgrund des Zweifels und der Niedergeschlagenheit zurück. Er beendete seine Gebete, schlug ein Kreuz und hockte sich mit dem Rücken ans Chorgitter. Er atmete tief durch und versuchte, Geist und Seele zu beruhigen, damit er sich auf die jüngsten Ereignisse im Tower konzentrieren konnte.

»Was ist«, fragte er in die Dunkelheit, »wenn Sir Ralph von geheimen Bauemführern ermordet worden war? Und wenn der Aufstand kommt… ?«

Er döste etwa eine Stunde; dann schob sich ein warmes, pelziges Etwas unter seine Hand. »Guten Abend, Bonaventura«, sagte er. »Ein kalter Tag für einen Gentleman mit Sinn für Muße.«

Er streichelte den Kater zärtlich und kraulte ihn hinter den Ohren; Bonaventura schnurrte vor Wohlbehagen. »Hast du alle deine Damen in der Nachbarschaft besucht?« Athelstan kannte Bonaventuras sexuelle Talente. Manchmal brachte der Kater seine »Damen« sogar mit auf die Kirchentreppe, wo sie dann einem kalten Silbermond ihre eigenen gespenstischen Vespern sangen. »Was wird geschehen, Bonaventura, wenn der Aufstand kommt? Werden wir uns auf die Seite von Pike, dem Grabenbauer, und den anderen Besitzlosen stellen?«

Bonaventura grinste und zeigte dabei rosiges Zahnfleisch und spitze Elfenbeinzähne. Pike, der Grabenbauer! Merkwürdig, dachte Athelstan, aber so war es nun mal. Er konnte es nicht beweisen, war aber sicher, daß der Grabenbauer der Großen Gemeinde angehörte und für ihre Anführer geheime Botschaften überbrachte. Athelstan straffte sich, als die Kirchentür aufging.

»Bruder Athelstan? Bruder Athelstan?«

Der Ordensbruder lächelte. Benedicta. Vielleicht würde sie das Abendbrot mit ihm teilen? Sie könnten über die Gemeinde plaudern und klatschen; alles, solange es nur Ablenkung brachte. Er setzte Bonaventura hin, stand auf und lächelte dann noch etwas breiter, um seine Enttäuschung zu verbergen. Neben Benedicta stand, im Fackelschein deutlich sichtbar, ein hochgewachsener Mann. Sein Gesicht war von der Sonne dunkelbraun gebrannt, und sein rabenschwarzes Haar am Hinterkopf zu einem Knoten zusammengebunden. Er trug einen blauen Mantel, der bis auf die schneefleckigen Stiefel reichte. Athelstan ging ihnen entgegen. Der Mann sah auffallend gut aus, fand er; er hatte die scharfen Züge eines Wanderfalken, lebhafte dunkelbraune Augen, eine Hakennase und einen sauber getrimmten Bart. Athelstan sah eine Perle, die an einer goldenen Kette an seinem Ohrläppchen hing.   

»Das ist Doktor Vincentius«, erklärte Benedicta.

Athelstan ergriff eine kraftvolle braune Hand. »Guten Abend, Sir. Ich habe von Euch gehört.«

Und wer hätte das nicht? dachte er bei sich. Der Arzt wohnte in der Duckets Lane, abseits der Windmill Street, auf der anderen Seite des Gasthofes Zum Wappenrock. Dort hatte er vor kurzem ein großes Haus gekauft, mit einem Garten, der an den Fluß grenzte - direkt gegenüber von Botolph’s Wharf. Vincentius hatte sich als Arzt einen Namen gemacht. Seine Honorare waren gering, er ließ die Patienten nicht mit Blutegeln zur Ader und benutzte auch keine wunderlichen Sternenkarten oder törichte Beschwörungsgesänge. Statt dessen legte er großes Gewicht auf Sauberkeit, vernünftige Ernährung, die Wirkung von abgekochtem Wasser und die Notwendigkeit, Wunden sauberzuhalten. Cecily, die Hure, hatte einmal angedeutet, daß er eine Salbe verwende, die gewisse Geschwüre an den empfindlichsten Körperteilen höchst wirkungsvoll zum Abklingen bringe. Athelstan betrachtete das gutaussehende Gesicht, und er sah auch Benedictas strahlendes Lächeln. Eifersucht durchfuhr ihn wie ein Stich.       

»Ich habe von Euch gehört, Pater«, erwiderte der Doktor lächelnd.

Athelstan zuckte die Achseln. »Ich bin Priester, Ordensbruder, einer von Tausenden.«

Der Arzt spreizte die Hände, und die Ringe an seinen Fingern funkelten. »Es steht auch auf vielen Grabsteinen: Ich war ein reicher Mann, bevor ich einem Arzt begegnete …«

Athelstan lachte. Der Mann gefiel ihm. »Man sieht Euch nicht in der Kirche«, neckte er.

»Eines Tages vielleicht, Pater.«

»Doktor Vincentius wollte Euch unbedingt kennenlemen.« Benedicta sprach schüchtern wie ein junges Mädchen. »Ich dachte mir, Pater, Ihr könntet vielleicht mit uns zu Abend essen?« Athelstan hatte große Lust abzulehnen, aber das wäre unhöflich gewesen. Er klatschte in die Hände, löschte die Lichter in der Kirche und schloß die Tür ab; Bonaventura konnte auch im Dunkeln auf die Jagd gehen. Er ging zum Haus hinüber; Benedicta und ihr fremder Gast warteten auf der Kirchentreppe. Philomel mampfte immer noch geräuschvoll seinen Hafer. Athelstan klopfte ihm sanft den Hals, holte seinen Mantel und kehrte zurück zu Benedicta und Vincentius.

Durch stille, vereiste Straßen gingen sie zur Flete Lane, nicht weit vom Holyrood Walk, wo die Witwe wohnte. Es war das erste Mal, daß Athelstan ihr Haus betrat, ein einstöckiges, alleinstehendes Gebäude mit Garten zwischen zwei schmalen Gassen. Im Erdgeschoß lagen eine große Küche, eine Wohnstube und eine Vorratskammer. Die Steinplatten waren geschrubbt und sauber gefegt, aber ohne Binsenstreu. Zwei Stühle standen vor einem lodernden Holzfeuer. Den Kamin schmückte ein breites Eichenholzbord mit Silber- und Zinnbechem, die im Licht zweier vielarmiger Kerzenleuchter schimmerten. Dunkelrote Wollteppiche hingen an weißgekalkten Wänden. Ein warmer, anheimelnder Ort, fand Athelstan, genau so, wie er ihn sich vorgestellt hatte. Die beiden Männer halfen Benedicta, das Essen zuzubereiten und aufzutischen. Erst gab es einen Brei aus Eiern und gewürztem Brot, dann einen saftigen Hasen, in Wein gekocht, mit einem Pudding in Form einer Burg, einen Krug kühlen Weißwein und Rotwein, den Cranston im Handumdrehen leer getrunken hätte.

Vincentius beherrschte die Unterhaltung mit seiner ruhigen Art. Athelstan fand sein höfliches Benehmen und seine sanfte, wohlmodulierte Stimme faszinierend. Vincentius merkte schließlich, daß er zuviel redete, wechselte das Thema und erkundigte sich nach dem Tag des Ordensbruders. Athelstan erzählte von seinem Ausflug in den Tower und von Sir Ralph Whittons Tod. »Keiner wird ihn vermissen«, bemerkte Vincentius. »Ein finsterer, kriegerischer Mann.«

»Ihr kanntet ihn?«

Der Arzt lächelte. »Ich habe von ihm gehört, aber eigentlich finde ich den Tower interessanter. Ich war gestern dort. Ein wunderbares Zeugnis der Feinsinnigkeit des menschlichen Geistes, zumal, wenn es um kriegerische Maschinen und Anlagen geht.« Vincentius nahm einen Schluck aus seinem Kelch. »Ihr sagt, man hat Sir Ralph die Kehle durchgeschnitten?«

»Ja«, sagte Athelstan. »Warum?«

»In welchem Zustand war der Leichnam, als man ihn entdeckte?«

»Wie meint Ihr das?«

»War er kalt? War das Blut geronnen?«

»Ja«, antwortete Athelstan, erinnerte sich, daß er diese Frage nicht gestellt hatte, und wechselte geschickt das Thema. »Woher kommt Ihr, Doktor?« Der Arzt stellte seinen Weinbecher behutsam hin.

»Ich bin in Griechenland geboren, als Sohn fränkischer Eltern. Ich habe in Cambridge studiert, später in Santiago und Salerno.« Er grinste. »In Salerno«, fuhr er fort, »habe ich die meiste Zeit darauf verwendet zu vergessen, was ich in Cambridge gelernt hatte. Die Araber haben die Medizin gründlicher begriffen als wir. Sie wissen mehr über den Körper des Menschen, und sie haben gute griechische Übersetzungen von Galens Kunst der Medizin und Hippokrates’ Buch der Symptome.«

»Und was hat Euch nach Southwark zurückgebracht?« wollte Benedicta wissen.

Der Arzt lächelte wie über einen geheimen Scherz. »Was spräche dagegen?« sagte er scherzhaft. »Reichtum? Ich habe genug. Und, wie Ihr wißt, Bruder: Die Armen brauchen jede nur mögliche Hilfe.« Er beugte sich vor und schaute Athelstan aufmerksam an.

»Was werdet Ihr empfehlen, Doktor?« fragte Athelstan spöttisch. »Die Arznei des Adlers gegen schlechte Augen?«

»Was ist das?« fragte Benedicta.

»Bruder Athelstan scherzt«, sagte Vincentius. »Die Scharlatane behaupten, der Adler habe so scharfe Augen, weil er rohen Salat frißt. Deshalb behaupten sie, die Augen mit Salatsaft einzureiben helfe gegen jede Art von Augenentzündung.«

»Und stimmt das?«

»Ein Haufen Unsinn ist das«, brauste Vincentius auf. »Warmes Wasser und ein sauberes Tuch leisten bessere Dienste! Nein, Bruder.« Er klopfte Athelstan sanft auf die Finger. »Was Ihr braucht, ist mehr Schlaf. Und wenn Ihr Salat habt, dann eßt ihn. Er wird Euch guttun.«

Athelstan lachte. »Wenn ich noch welchen hätte! Der Frost hat fast alles in meinem Garten vernichtet, und Ursulas Schwein frißt den Rest.«

Benedicta erzählte von Ursula und dem bösartigen Schwein; Athelstan fühlte sich versucht, mit Vincentius über die Entweihung seines Friedhofes zu sprechen, fand dann aber dieses Thema für ein Tischgespräch nicht besonders geeignet. Er warf einen Blick auf die Stundenkerze, sah, daß es spät war, und stand auf, um sich zu verabschieden. Als Benedicta bat, noch zu bleiben, lehnte er höflich ab. Das Essen hatte ihm gut geschmeckt, aber jetzt war er froh, verschwinden zu können: Er war Priester, ermahnte er sich, und Benedicta war Herrin über ihr Leben. Er verließ das Haus und stapfte müde durch den Schnee. Die Nacht war kalt und schwarz, aber als er stehenblieb und zwischen den dunklen, überhängenden Hausgiebeln in die Höhe schaute, sah er zu seiner Freude, daß die Wolken aufzureißen begannen. Eigentlich wollte er sofort nach Hause gehen, doch da entdeckte er Pike, den Grabenbauer, betrunken wie ein Bischof, am Weg zur Kirche. Athelstan half seinem verirrten Gemeindekind auf die Beine.

»Guten Abend, Pater.«

Athelstan zuckte zurück vor den Dünsten, die ihm entgegenwallten.

»Pike, Pike«, tadelte er. »Du Trottel. Du solltest bei deiner Frau im Bett liegen.«

Pike wankte davon und rieb sich die Nase. »Ich habe mich mit Leuten getroffen, Pater.«

»Das weiß ich, Pike.« Athelstan packte ihn am Arm. »Um Gottes willen, Mann, sieh dich vor! Oder willst du am Ende an irgendeinem Galgen baumeln, wo die Krähen dir die Augen aushacken?«

»Wir werden herrschen wie der König«, lallte Pike. Er riß sich los und machte ein paar Tanzschritte. »Als Adam pflügt’ und Eva spann«, sang er, »wo war denn da der Edelmann?« Er grinste Athelstan betrunken an. »Aber dir wird nichts geschehen, Pater. Dir und deinem Kater und deinen blöden Sternen!« Er lachte.

»Du bist ein Schatz! Du forderst keine Steuer! Wenn du bloß, verflucht noch mal, manchmal lachen würdest.«

»Ich werde, verflucht noch mal, lachen, wenn du wieder nüchtern bist«, zischte Athelstan. Und er schleifte den Grabenbauer zu seiner Frau, die wütend in der Hütte in der Crooked Lane wartete.

Dankbar erreichte Athelstan schließlich St. Erconwald, sah nach, ob alle Türen verschlossen waren, und ging dann zu seinem Haus. Erst als er auf seinem Strohbett lag und versuchte zu beten, statt an Benedictas hübsches Gesicht zu denken, fiel ihm plötzlich ein, was Vincentius gesagt hatte. Was hatte der gute Arzt im Tower gesucht? Außerdem hatte Vincentius zugegeben, daß er in dem Teil des Mittelmeerraumes ausgebildet worden war, wo auch Sir Ralph und andere gewesen waren. Ob es da einen Zusammenhang gab? Athelstan grübelte über dieses Problem nach und versank bald in tiefen, traumlosen Schlaf.

*

Auch Cranston dachte an die Ereignisse im Tower, war aber zu beunruhigt, um sich zu konzentrieren. Einsam und verlassen saß der Coroner an seinem Pult in der Kammer, seiner Kanzlei oder Schreibstube, wie er gern sagte; es war ein Zimmer, das er liebte, im hinteren Teil des Hauses gelegen, abseits der lärmenden Cheapside. Er schaute sich um. Der Fußboden war mit kleinen, roten und weißen rautenförmigen Fliesen ausgelegt und mit wollenen Teppichen bedeckt. Die Fenster hatten Glasscheiben, und die Läden waren gegen die schneidende Zugluft fest verrammelt. Kiefernholz knackte und prasselte im kleinen Kamin, und Wärmpfannen standen auf Gestellen zu beiden Seiten des großen Schreibpultes. Sir John verbrachte gern seine Zeit hier, mit seiner großen Abhandlung über die Verwaltung der Stadt. Aber heute abend konnte er sich nicht entspannen; zu sehr war er abgelenkt von der unbehaglichen Atmosphäre in seinem Haus. Oh, Maude hatte er ein bißchen fröhlicher vorgefunden; sie hatten die üblichen Nettigkeiten ausgetauscht, aber Cranston wurde das Gefühl nicht los, daß sie ihm etwas verheimlichte.

Als das Hausmädchen unten eine Glocke läutete, um zum Essen zu rufen, stemmte er ächzend seine Körpermassen hoch und watschelte betrübt hinunter in die von Düften erfüllte Küche. Leif, der Bettler, kauerte am Herd und stopfte sich Hirschfleisch mit dicker Tunke in den Mund. Er grinste Sir John zu und starrte ihm überrascht nach, als dieser bedrückt vorbeiging. Normalerweise begrüßte Cranston ihn mit einem Schwall gutmütiger Beschimpfungen.   

Achselzuckend wandte der Bettler sich wieder seinem Essen zu. Er war guter Dinge. Lady Maude hatte ihm ein paar Pennies gegeben, und morgen würde er seinen Freund in der Grabbe Street besuchen. Sie würden in einer Schenke essen und dann nach Moorfields gehen, wo Mastiffs mit blutigen Mäulern auf schäumende Bären, Keiler mit mächtigen Hauern und fette Stiere gehetzt wurden.

In dem mit Leinen ausgeschlagenen Speisezimmer war der Tisch besonders liebevoll gedeckt; auf weißem Batist standen Kerzenleuchter aus ziseliertem Gold. Cranston warf seiner Frau einen argwöhnischen Blick zu. Sie sah glücklich aus. Ihre Wangen waren gerötet, und ihre Augen blitzten vor Vergnügen. Sir John wurde noch trauriger. Hatte Lady Maude einen anderen gefunden? Einen jungen Liebhaber, mannhafter und wollüstiger als er? Oh, er wußte, daß so etwas oft vorkam. Die gelangweilten Ehefrauen alter Männer und Bürger fanden oft neues Glück in den Armen eines Hofgecken oder adeligen Stutzers.        

Sir John ließ sich in seinen großen Stuhl am Kopf der Tafel sinken und dachte düster an die Vergangenheit. Ja, seine Heirat war damals arrangiert worden. Maude Philpott, die Tochter eines Klingenschmieds, war feierlich mit dem jungen Cranston verlobt worden. Jung? Fünfzehn Jahre älter als sie war er gewesen, als sie einander vor der Kirchentür begegneten, aber er war schlanker gewesen, geschmeidig wie ein Windhund, ein wahrer Hektor auf dem Schlachtfeld und ein Paris im Schlafgemach. Sir John sah seine Frau wehmütig an, und sie lächelte zurück. Sollte er davon anfangen? Sir John schluckte. Er wagte es nicht. Cranston hatte vor niemandem Angst; er hatte den Körper eines Stieres und das Herz eines Löwen. Aber insgeheim war er auf der Hut vor seiner zierlichen, puppenhaften Frau. Oh, sie schrie niemals und bewarf ihn auch nicht mit Gegenständen. Sie saß einfach da und widersprach ihm und schälte seine Aufgeblasenheit ab wie die Häute einer Zwiebel, bevor sie dann schließlich schmollte und tagelang kein Wort mit ihm sprach.

»Sir John, ist alles in Ordnung?«

»Ja, Mylady«, murmelte Cranston.

Die Magd trug das Essen auf. Geschmorte Rindspasteten, die Teighülle knusprig und golden. Das Fleisch darin war mit Kräutern gewürzt und in einer dicken Zwiebeltunke gegart. Befeuert durch zwei großzügig gefüllte Becher Rotwein, besserte sich Cranstons Laune.

»Ihr wart heute im Tower, Sir John?«

»Jawohl - wegen Sir Ralph Whitton, dem Konstabler. Gestern war er noch ganz, und heute morgen war seine Kehle durchgeschnitten.«

Lady Maude nickte; sie hatte gehört, daß Sir Ralph ein harter, grausamer Mann sei.

»Und Ihr, Mylady?«

»Oh, heute morgen habe ich die Haushaltsbücher geführt, und dann war ich an der frischen Luft.«

»Wo denn?«

»In Cheapside. Warum?«

»Ihr wart nicht in Southwark?«

»Bei der Heiligen Messe, Sir John, nein! Warum fragt Ihr?« Cranston schüttelte den Kopf und wandte den Blick ab. Er hatte gemerkt, wie ihre Stimme zitterte. Sein Herz krampfte sich zusammen, und er ließ den dunkelroten Wein plätschernd in seinen Becher fließen, bis dieser randvoll war.

*

Im dunklen Tower wanderte der Hospitaliter Gérard Mowbray an der hohen Brustwehr entlang, die auf der inneren Mauer vom Broad Arrow Tower zum Salt Tower reichte. Der Nachtwind zerrte an seinem schütteren grauen Haar, biß ihm in Ohren und Wangen und krallte sich in seinen grauen Umhang. Sir Gérard kümmerte sich nicht um die Kälte. Er kam immer hierher. Hier ging er am liebsten spazieren. Oft blieb er stehen und hielt in der Dunkelheit Ausschau nach den Ruinen aus Caesars Zeiten, aber nicht heute nacht. Der Nebel war zu dicht. Im Norden konnte er noch das Leuchtfeuer im Turm von St. Mary Grace erkennen und im Süden die Feuer und den Fackelschein vom Hospital von St. Katharina. Sir Gérard schaute in den Himmel hinauf. Die Wolken rissen auf und enthüllten einen Wirbel von Sternen. Seltsam, dachte er. In Outremer wirkten die Sterne näher, und das samtene Dunkel des Himmels war so nah gewesen, daß man auf Zehenspitzen die Lichter vom Himmel pflücken zu können meinte.

Mowbray lehnte sich an die Zinnenmauer. Ja, das waren glücklichere Zeiten gewesen! Er dachte an den brennend heißen Sand vor Alexandria, wo er, Sir Brian, Sir Ralph und die anderen ein Trupp sorgenfreier Ritter gewesen waren, die nur zu gern das Gold des Feindes eingesackt hatten. Mowbray erinnerte sich an den Höhepunkt dieses Feldzuges. In Alexandria hatte es einen Aufstand gegeben, und das Heer des Kalifen, Mowbrays Truppe eingeschlossen, war vor der Stadt aufgezogen. Die Luft hatte vibriert im Rhythmus der Kesselpauken, die großen grünen Banner im Wind geknattert, und die silbernen Halbmonde auf den Standarten hatten in der sengenden Sonne geblitzt. Monatelang war die Stadt belagert worden; schließlich hatte man eine Bresche in die Mauer schlagen können. Er und Sir Brian waren als erste hineingestürmt, hatten Schulter an Schulter mit ihren Kameraden einen kämpfenden Ring aus Stahl gebildet, der sich langsam in die Stadt hineinschob. Die Heerscharen des Kalifen waren ihnen mit ihrem Kampfgeschrei gefolgt, das anschwoll und nachließ wie ein dämonischer Chorgesang. Die Ritter hatten sich ihren Weg durch die Bresche gebahnt und weiter an der Mauer entlang zu den Stufen, die zur Brustwehr über dem Haupttor hinaufführten.

Sir Gerards Gedanken versanken bereitwillig in der Vergangenheit. Er dachte an die durchdringende Hitze, an das Sonnenlicht, das auf Schwertklingen und Dolchen tanzte, an das Tosen der Schlacht und das Blut, das emporsprühte wie aus tausend Springbrunnen, wenn Männer mit furchtbaren Wunden an Kopf, Körper oder Bein schreiend zu Boden fielen. Langsam hatten sie sich die Treppe hinaufgekämpft, einen Weg durch menschliches Fleisch gehackt, bis sie über dem Haupttor angekommen waren. Und dann, wer war’s gewesen? Natürlich, wie immer - Bartholomew. Er war hinuntergesprungen, hatte einen riesigen Mamelucken angegriffen, anmutig wie ein Tänzer, und sein Schwert war zur silbernen Schlange geworden. Eine Finte zum Unterleib, dann aufwärts und im Halbkreis, genau zwischen Helm und Halsberge, hatte er den Feind aufgeschlitzt. Ralph war ihm gefolgt. Damals war er ein ehrenhafter Ritter gewesen.

Der schwere Riegel am Tor war gehoben worden, und die Männer des Kalifen hatten sich in die Stadt ergossen. Was für ein Blutbad! Erbarmen wurde weder erfleht noch gewährt. Die engen, heißen Straßen hallten wider vom silbernen Schmettern der Trompeten und den Schreien sterbender Männer und Frauen. Die Ritter hatten an diesem Massaker nicht teilgenommen; sie hatten ihre Aufgabe erfüllt und hielten jetzt nach entsprechender Belohnung Ausschau. Schließlich gelangten sie auf einen großen Platz mit einem weißen Marmorspringbrunnen.

In der Nähe stand das verlassene Haus eines Bankiers. Oh, welche Schätze sie dort gefunden hatten! Adam war knietief durch silberne Dukaten und juwelenbesetzte Kelche voller Perlen gewatet.

Mowbray schüttelte die Erinnerungen jäh ab. Er glaubte ein Geräusch gehört zu haben, dort hinten am Ende der Brüstung, wo die Treppe begann. Nein, dachte er dann, es war nur der Wind. Er kehrte zu seinen Erinnerungen zurück. Merkwürdig, daß Adam dieses Jahr zu Weihnachten nicht gekommen war. Vielleicht hatte er zuviel Angst gehabt. Oder hatten der tote Sir Ralph und der jetzt so reiche Bürger Adam etwas gewußt, was er nicht wußte? Was war vor drei Jahren passiert, daß der Konstabler solche Angst bekommen hatte?

»Wir alle fürchten uns«, flüsterte Mowbray. Diese Angst hatte sie alle verändert. Das tut das Böse mit dir, dachte er: Es zerfrißt den Willen, läßt die Seele verrotten und erfüllt die Kammern und Gänge des Verstandes mit seinem üblen Geruch. Und was damals geschehen war, vor so vielen Jahren in Outremer, war böse! Bartholomew war ihr Anführer gewesen. Die Hälfte des Schatzes hatte ihm gehört, und er hatte ihnen vertraut - ein schrecklicher Fehler. Betrug! Verrat! Die Worte kreischten wie gepeinigte Geister durch die düsteren Tiefen in Mowbrays Seele. Ralph hatte es geplant, aber sie alle hatten sich beteiligt an der bösen Tat. Mowbray stampfte mit den Füßen, um die Kälte zu vertreiben. Oh, er hatte seine Sünden gebeichtet, war barfuß zum Schrein des heiligen Jakob zu Compostela gepilgert, und er und Fitzormonde waren Hospitaliter-Ritter geworden, um Sühne zu leisten.

Er starrte hinaus in die Finsternis. »O gütiger Jesus«, betete er, »war das noch nicht genug?«

Der Hospitaliter fühlte, wie die schwarzen Dämonen der Hölle ihn umzingelten. Welches Grauen barg die ewige Verdammnis für den Verräter? Würde man ihn mit Pech bestreichen und in eine schwarze Grube voller Schwefel werfen, wo Nattern ihm die Augen aussaugten und Ottern sich um seine lügenhafte Zunge wanden? Was konnte er tun, um sich von solchen Phantasien zu befreien? Mit Cranston reden? Nein! Vielleicht Bruder Athelstan? Mowbray dachte an die dunklen Augen und das verschlossene Gesicht des Dominikaners. Er war solchen Männern schon begegnet; einige seiner Oberen bei den Hospitalitern hatten die gleiche Gabe, konnten, wie Athelstan, jeden Gedanken spüren. Der Ordensbruder wußte, daß hinter Sir Ralphs Tod etwas Böses, Verkommenes steckte.

Mowbray fuhr hoch, als ein Nachtvogel hinter den Mauern kreischte. Ein Hund heulte protestierend. War es ein Hund? Oder einer von Satans Spähern, der die Legionen der Verdammten aus den Abgründen der Hölle heraufbefahl? Eine Glocke schepperte. Mowbray stöhnte voller Angst, seine Phantasiegebilde hatten ihn im Griff. Die Glocke schien aus den Eingeweiden der Erde heraufzuschallen. Fluchend versuchte er, sich zu beruhigen.

Es war die Sturmglocke des Tower! Mowbrays Hand fuhr zum Schwertgriff; diese große Messingstimme erklang nur, wenn der Tower angegriffen wurde! Fest umklammerte er das Schwert. Vielleicht hatte er sich geirrt? Vielleicht war Sir Ralphs Tod das Werk von Rebellen gewesen, die jetzt zurückkamen? Er lief auf der kiesbestreuten Mauer entlang. Er wollte kämpfen. Er wollte töten, wollte der Wut, die in ihm kochte, Luft machen. Plötzlich stolperte er. Er schlug mit den Armen wie ein Vogel mit den Flügeln, rabenschwarz gegen den Himmel, und dann verlor er das Gleichgewicht und fiel, und sein Geist war noch in den Klauen des Deliriums. Er war wieder ein Junge, und er sprang von einer Klippe in einen der lieblichen Flüsse in South Yorkshire. Er war der tapfere junge Ritter, der die Mauern von Alexandria erstürmte und den anderen zurief, sie sollten ihm folgen. Und dann - Dunkelheit.   

Mowbrays Körper schlug krachend auf dem Boden auf, und als sein Kopf auf die scharfen, vereisten Steine traf, zerspritzte sein Gehirn. Er zuckte noch einmal und lag dann still; nur eine sterbende Hand schob sich tastend unter den Mantel zu der Tasche mit dem gelben Pergament, auf das ein Schiff gezeichnet war, mit dunklen Kreuzen in jeder Ecke.