Athelstan stand vor seiner Kirche und schaute voll ungläubiger Freude in den blitzblauen Himmel. Die frühe Morgensonne tanzte schimmernd auf den schneebedeckten Dächern seiner Pfarrei. Der Ordensbruder atmete tief durch und seufzte. Er hatte gut geschlafen, war früh aufgewacht, hatte das Offizium gesprochen, die Messe gefeiert, gefrühstückt und dann das Haus und Philomels Stall ausgefegt. Auf dem Friedhof war er auch schon gewesen. Die Aussätzigen waren fort und alle Gräber unberührt. Athelstan war zufrieden, um so mehr, weil das kalte Winterwetter sich so plötzlich aufgeheitert hatte, als wolle Christus höchstpersönlich an seinem hohen Festtag schönes Wetter haben. Athelstan schaute sich um und lächelte Cecily zu, die die Kirchentreppe fegte. Sie lächelte und schaute dann mit unergründlichem Blick zu Huddle hinüber, der verträumt mit Holzkohle eines seiner kraftvollen Gemälde für die Kirche skizzierte.
»Laß dich nicht ablenken, Cecily«, brummte Athelstan, streckte sich und wandte das Gesicht zur Sonne. »Gelobt seist Du, O Herr«, betete er, »für den Bruder Tag. Gelobt seist Du, O Herr«, fuhr er im Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi fort, »für unsere Schwester, die Mutter Erde.« Er schnupperte und rümpfte die Nase. »Auch wenn sie in Southwark eher nach saurem Gemüse und Müll stinkt«, fügte er im stillen hinzu. Andere schöne Morgen fielen ihm ein, auf dem Bauernhof seines Vaters in Sussex, und gleich schien die Sonne weniger hell zu strahlen. »Seid ihr glücklich, Pater?«
Athelstan lächelte Benedicta an. »Ja. Du bist heute nicht bis zum Ende der Messe geblieben!«
»Ich konnte nicht, Pater - hattet Ihr das vergessen?«
Athelstan fiel das Datum ein, und er verzog das Gesicht. Nein, Simon, den Zimmermann, hatte er nicht vergessen - eines seiner ungeratenen Pfarrkinder, einen rotgesichtigen, vierschrötigen Mann voller Jähzorn und mit einem langen walisischen Dolch. Vor zwei Wochen hatte Simon nach einem Saufgelage in der Old Fish Street ein Mädchen vergewaltigt und danach brutal verprügelt. Man hatte ihm im Rathaus den Prozeß gemacht, und morgen würde er hängen. Simon besaß weder Familie noch Freunde, und vor drei Tagen hatte der Gemeinderat Athelstan und Benedicta gebeten, den Unglücklichen noch einmal zu besuchen. Der Ordensbruder hatte Cranston sogar um Umwandlung des Urteils gebeten, aber der Coroner hatte bedauernd den Kopf geschüttelt.
»Bruder«, hatte er gesagt, »selbst wenn ich wollte, ich könnte wenig tun: Das Mädchen ist erst zwölf Jahre alt und wird nie mehr laufen können. Der Kerl muß sterben.«
Athelstan schaute zum Himmel. »Gott im Himmel, erbarme Dich seiner«, sagte er leise. »Und hilf auch seinem armen Opfer!«
»Was sagt Ihr, Pater?«
»Nichts, Benedicta, gar nichts.« Athelstan wollte gerade in die Kirche zurückgehen, als ein junger Bote schlitternd um die Ecke kam und seinen Namen rief. Athelstan stöhnte auf. »Was gibt’s, Mann?« Als wüßte er es nicht schon längst.
»Sir John Cranston erwartet Euch, Pater, in der Taverne Zum Goldenen Lamm beim Rathaus. Er sagt, es sei dringend, Pater. Ihr müßt sofort kommen.«
Athelstan fischte einen Penny aus seiner Geldbörse und warf ihn dem Jungen zu. »Lauf zu Sir John und sag ihm, er soll bleiben, wo er ist, und nicht zuviel trinken. Ich bin bald da.«
Athelstan nahm die Schlüssel zur Kirche, die er an einer Schnur um den Leib trug, und drückte sie Benedicta in die weiche, warme Hand.
»Kümmere dich um die Kirche«, bat er.
Ihre Augen weiteten sich in gespieltem Erstaunen. »Als Frau verantwortlich für die Kirche, Pater? Als nächstes werdet Ihr sagen, Gott liebe die Frauen mehr als die Männer, weil er Eva erst im Paradies erschaffen hat und nicht vorher wie Adam.«
»Es heißt aber auch, die Schlange habe das Gesicht eines Weibes gehabt.«
»Aye, und das verlogene Herz eines Mannes.«
»Du wirst die Kirche abschließen?«
»So viel Vertrauen, Pater?«
Athelstan lächelte. »Ich glaube, du wirst die Aufgabe besser erfüllen als irgendein Mann. Im Ernst, Benedicta, paß auf, daß Ranulf nicht Bonaventura mitnimmt. Und die Kinder sollen keine Schneeballschlachten auf dem Vorplatz machen. Ursulas Schwein soll die Überreste meines Gartens in Ruhe lassen, und kümmere dich vor allem um Cecily. Ich glaube, sie ist schon wieder drauf und dran, sich zu verlieben.« Er ging die Treppe hinunter und drehte sich noch einmal um. »Ach, Benedicta?«
»Ja, Pater?«
»Gestern abend - dieses köstliche Essen. Ich danke dir. Ein sonderbarer Mann, dieser Doktor Vincentius.«
Benedicta lächelte. »Nicht so sonderbar wie manche Priester, denen ich begegnet bin.«
Athelstan funkelte sie in gespielter Empörung an, und sie hüpfte wie ein junges Mädchen in die Kirche.
Er weckte den schnarchenden Philomel, sattelte ihn und war bald darauf unterwegs zur London Bridge. Bei den Bordellen am Flußufer herrschte ein so reges Treiben wie auf einem aufgewühlten Ameisenhaufen im Sommer; Bootsleute, Matrosen und Fischer strömten in Scharen zur Uferböschung hinunter, um zu sehen, wie das Eis schmolz. Athelstan trieb Philomel behutsam durch das Gedränge an der Brücke. Er schaute nicht nach rechts oder links; diese Brücke zu überqueren konnte schon an wunderschönen Tagen ein beängstigendes Erlebnis sein; heute galt das um so mehr, da das Eis unter ihr brach und krachte. Athelstan schaute lieber hinüber zu den Schiffen, die an den Docks von Billingsgate und Queenshithe hektisch lavierten. Galeonen aus der Gascogne, beladen mit Weinfässern, Holzfrachter für die Picardie, die kleinen Schalenboote aus Essex und mächtige Schiffe aus Alamein und Norwegen, die sich zur großen Fahrt rüsteten. Fischerboote, Barken und Leichter umschwärmten geschäftig die Schiffe, und Männer zerschlugen das Eis mit Hacken und Schaufeln und Hämmern. Auf dem hochragenden Achterkastell einer genuesischen Kogge sang ein Junge eine Hymne an die Jungfrau zum Dank für den Wetterumschwung, während die Matrosen auf einer griechischen Galeere singend um Gnade beteten:»Kyrie eleison, Christe eleison, kyrie eleison - Herr, erbarme Dich, Christus, erbarme Dich.« Ihr Gesang war so schön, daß Athelstan anhielt und mit geschlossenen Augen zuhörte, bis ein wüst fluchender Kutscher mit seiner Peitsche knallte und brüllte, manche Leute müßten arbeiten und könnten nicht herumtrödeln wie die blöden Pfaffen. Athelstan machte ein Kreuzzeichen für seinen Quälgeist, stieg ab und führte Philomel an der Kirche St. Magnus an der Ecke zur Bridge Street vorbei.
In der Candlewick Street drängten sich jetzt Karren, Packpferde und Lastwagen, denn buchstäblich jeder Händler in der Stadt nutzte die Gelegenheit, die der Wetterumschwung bot. Athelstan ritt weiter in Richtung Walbrook. Auf der einen Seite der Straße floß in einem tiefen Graben ein träger Bach. Das Wasser war schwarz und voller Eisstücke, und auf einem der kotverschmierten Stege prügelten zwei Halbwüchsige mit Stöcken aufeinander ein. Athelstan und Philomel stapften weiter, mußten allerdings kurz an die überhängenden Häuser flüchten, als eine Gruppe Ratsherren wichtigtuerisch die Straße herunterkam. Ein Herold lief vor ihnen her, die Silbertrompete an den Lippen, während zwei Ratsdiener ihnen mit empfindlichen Stockhieben den Weg frei machten. Über den Ratsherren knatterte die Stadtflagge in prachtvollem Zinnoberrot, und die golden aufgestickte St.-Pauls-Figur schien eigenartig zu strahlen. An der Ecke der Walbrook waren Straßenkehrer an der Arbeit; mit mächtigen Holzrechen schoben sie Matsch und Müll zu hohen, stinkenden Bergen zusammen. Ein Büttel hatte ein Schwein gefunden, das sich herumtrieb, und ihm, den städtischen Verordnungen entsprechend, auf der Stelle die Kehle durchgeschnitten. Das Blut schoß in heißem, rotem Strom hervor, und der Besitzer des Schweins, ein kleiner, kahlköpfiger Mann, überschüttete den Beamten mit einem Schwall grausiger Flüche. Athelstan mußte an Ursula und ihre große, fette Sau denken und fragte sich, ob der Büttel wohl auch nach Southwark gehen würde. Die Parasiten der Stadt wimmelten umher wie Fliegen über einem Stück Scheiße: samthäutige Burschen, Taschendiebe, Quacksalber, Nachtwanderer, Schauspieler und täppische Gaukler.
Endlich fand Athelstan das Goldene Lamm, eine kleine Schenke an der Ecke einer Gasse. Der dunkle Schankraum war beherrscht von einem mißmutigen Cranston, der mit dem Rücken zur Wand auf einer Bank hockte. Die leeren Ale-Krüge, die vor ihm auf dem Tisch standen, ließen den Coroner wie einen erbosten, von Votivopfem umgebenen Bacchus aussehen. Athelstan ging auf ihn zu, und Cranston fixierte ihn.
»Wo hast du gesteckt?« fauchte der Coroner.
»Ich bin gekommen, so schnell ich konnte.«
»Das war nicht schnell genug!«
Athelstan betete im stillen um Geduld und setzte sich Sir John gegenüber auf einen Schemel. Das Aussehen des Coroners machte ihm Sorgen. Cranston war ein Trinker, aber meist eine joviale Seele, sich seiner Sünden, Fehler und Unzulänglichkeiten bewußt und deshalb tolerant gegen die der anderen. Jetzt wirkte er regelrecht unheimlich; mit blitzenden Augen sah er sich ständig um, als hoffe er auf Streit. Seine Lippen bewegten sich lautlos, und sogar sein weißer Schnurrbart bebte vor innerer Raserei.
»Willst du Wein, Priester?«
»Nein, Sir John, und ich glaube, Ihr habt auch genug.«
»Du kannst mich mal!«
Athelstan beugte sich vor. »Sir John, bitte, was ist los? Vielleicht kann ich helfen?«
»Kümmere dich um deinen eigenen Kram.«
Athelstan hustete und wich zurück. »Das wird ein sehr anstrengender Tag werden«, sagte er leise. »Ihr sagtet, der Bürgermeister und die Sheriffs wollten uns sprechen?«
»Sie haben mit mir gesprochen. Sie hatten keine Lust, auf dich zu warten.«
»Und was haben sie gesagt, Sir John?« fragte Athelstan unschuldig.
Der Coroner schüttelte sich und grinste Athelstan beschämt an. »Verzeih mir, Bruder«, murmelte er. »Eine schlechte Nacht… ich habe Kopfschmerzen.«
Und eine miese Laune dazu, dachte Athelstan, hielt es aber für klüger, den Mund zu halten. Sir John würde schon noch reden. Cranston nagte an seiner Unterlippe und starrte wütend in eine Ecke, wo eine dicke Ratte in der schmutzigen Binsenstreu an einem großen, blutigen Fettklumpen nagte. »Ist es die schwarze oder die braune Ratte, die Krankheiten überträgt?« wollte er plötzlich wissen.
Athelstan folgte seinem Blick und schüttelte sich angewidert. »Ich glaube, beide. Deshalb werde ich hier nichts essen, Sir John, und ich schlage vor, Ihr tut es auch nicht. Aber sagt mir doch, was passiert ist.«
»Im Tower hat es weiteres Blutvergießen gegeben. Sir Gérard Mowbray, der ebenfalls eine Todeswamung bekommen hatte, ist auf der Mauer ausgerutscht und abgestürzt.«
»Und?«
»Etwa um die Zeit seines Todes wurde die große Sturmglocke des Tower geläutet, und die Garnison glaubte, der Tower werde angegriffen.«
»Aber er wurde nicht angegriffen«, sagte Athelstan. »Und bestimmt gibt es keine Spur von einem Glöckner.«
»Anscheinend nicht.«
»Was wollte denn der Bürgermeister?«
Athelstan sprang auf, als ein wilder Kater aus dem Schatten hervorschoß, die Ratte am Bein packte und das quiekende Tier in die Mitte des Raumes zerrte.
»Herrgott noch mal!« brüllte Cranston den Wirt an.
Der Bursche kam herüber, schwenkte einen Besenstiel, und der Kater flüchtete, die Beute im Maul, die hölzerne Wendeltreppe hinauf. Cranston griff nach seinem Ale-Krug, dachte an die Ratte und knallte ihn wieder auf den Tisch.
»Der Bürgermeister, mein lieber Athelstan, hatte folgendes auf dem Herzen: Sir Adam Horne, Bürger, Ratsherr und enger Freund des verstorbenen Sir Ralph, hat die Zeichnung einer dreimastigen Kogge erhalten, und dazu einen kleinen, flachen Sesamkuchen.«
»Und wo ist Horne jetzt?«
»In seinem Speicher unten an der Themse. Seine Frau hat dem Bürgermeister davon erzählt, nicht er. Die Nachricht und der Kuchen wurden ihr anonym gebracht. Sie hat beides ihrem Mann gegeben und war von seiner Reaktion schockiert. Er wurde bleich und krank wie nach einem plötzlichen Anfall.«
»Wann war das?«
»Heute vormittag. Die Frau ist sofort zu einem der Sheriffs gelaufen. Den Rest kennst du.«
»Lady Horne hat sehr schnell gehandelt.«
»Ja, auch der Bürgermeister ist mißtrauisch. Er glaubt, daß Lady Horne mehr weiß, als sie zugibt.«
Athelstan schaute zur Tür; eine Horde Hausierer mit verschrammten Umhängetabletts drängte herein und brüllte wüst nach Ale. Ein einäugiger Bettler folgte, und für einen Penny war er bereit zu tanzen. Der klapperdürre, in schmutzige Lumpen gehüllte Körper hüpfte grotesk und unter dem höhnischen Gelächter der Kesselflicker von einem Fuß auf den anderen. »Ist es nicht merkwürdig, Sir John«, meinte Athelstan leise, »wie wir Menschen ein solches Vergnügen an der Demütigung anderer finden?«
Cranston dachte an Lady Maude, blinzelte und schaute weg. Athelstan wurde unmhig. »Also, Sir John, befragen wir jetzt Horne oder gehen wir zum Tower?«
Cranston stand auf. »Meine Aufgabe ist es, die Ursache des Todes zu ergründen«, verkündete er großspurig. »Nicht, Botengänge für die Mächtigen der Stadt zu erledigen. Also gehen wir zum Tower. Schließlich - wie heißt es in der Schrift? Wo der Leichnam liegt, da sammeln sich die Geier.«
»Sir John?« Athelstan kratzte sich am Kopf. »Diese Warnung - der Sesamkuchen und das Schiff… das beunruhigt mich immer noch.«
»Was meinst du damit?« fragte Cranston schwerzüngig und schwankte gefährlich.
»Nun, Horne zum Beispiel hat den Sesamkuchen als Drohung erkannt. Aber weshalb ist diese plumpe Zeichnung von einem Schiff für ihn und die anderen so schrecklich?«
»Alle haben Angst, weil sie Lügner sind«, fauchte Cranston. »Keiner sagt die Wahrheit.« Er funkelte Athelstan unter borstigen Brauen hinweg an.
»Was ist mit Euch, Sir John?« fragte Athelstan hartnäckig. »Ich spüre doch die Wut und den Schmerz, der in Euch gärt. Ihr müßt es mir sagen.«
»Bald«, knurrte der Coroner. »Laß uns gehen.«
Sie holten ihre Pferde aus dem Stall und gingen durch die kalten, vollgestopften Straßen. Jeder Londoner schien unterwegs zu sein; die Standbesitzer versuchten, entgangene Geschäfte wettzumachen, und die Luft war schwer vom würzigen Duft aus Schenken und Küchen. Sie kamen nach Comhill, und dann ging es vorbei an Leadenhall und Aldgate. Bei einer Menschenmenge blieben sie stehen, die sich an der Ecke von Poor Jewry um einen Redner drängte, eine erstaunliche Gestalt mit langem, strengem Gesicht; sein Kopf war völlig kahlgeschoren und der dürre Körper von Kopf bis Fuß in ein schwarzes Gewand gehüllt. Der Mann verstummte, als er Cranston erblickte, und sein Mund und Kinn strafften sich vor Wut. Der Zorn ließ seine Augen glühen, und Athelstan fühlte sich an die Gestalt Johannes des Täufers im Mummenschanz erinnert. Der Mann ließ Cranston nicht aus den Augen, holte tief Luft und reckte einen knochigen Finger in den klaren blauen Himmel.
»Weh dieser Stadt!« schnarrte er. »Weh ihren korrupten Beamten! Weh jenen, denen sie dienen, die, in Seide gekleidet, sich faul auf den Kissen lümmeln und die Bäuche mit bestem Essen und schwerstem Wein füllen! Sie werden der Wut, die dakommt, nicht entrinnen. Wie können wir essen und trinken, wenn unsere armen Brüder und Schwestern hungern? Was werden sie uns dereinst antworten?«
Cranston trat wütend nach vom, aber Athelstan hielt ihn am Ärmel fest.
»Nicht jetzt, Sir John!«
»Wer ist das?« fauchte Cranston.
»Der Heckenpriester. John Ball. Ein großer Prediger«, flüsterte Athelstan. »Der Mann ist sehr beliebt. Dies ist weder die richtige Zeit noch der richtige Ort.«
Cranston holte tief Luft, machte auf dem Absatz kehrt und stapfte weiter. Die flammende Rede des Predigers folgte ihnen bis zum Ordenshaus der Kreuzbrüder und weiter durch eine Gasse Richtung Tower.
»Eines Tages«, knirschte Cranston, »werde ich diesen Bastard hängen sehen!«
»Sir John, was er sagt, ist die Wahrheit.«
Der Coroner drehte sich um. Alle Wut wich, und sein Gesicht und sein Körper schienen zu schrumpfen.
»Was soll ich tun, Athelstan? Wie kann ich die Armen von Kent ernähren? Vielleicht esse ich zuviel, und sicher trinke ich zuviel, aber ich strebe nach Gerechtigkeit und tue, was ich kann.« Cranstons große dicke Hände flatterten wie die Flügel eines verletzten Vogels, und Athelstan sah den Schmerz in seinen Augen.
»In drei Teufels Namen, Bruder, ich habe ja nicht einmal meinen eigenen Haushalt im Griff.«
»Lady Maude?« fragte Athelstan.
Cranston nickte. »Ich fürchte, sie hat einen anderen kennengelernt. Vielleicht einen Stutzer vom Hofe.«
Athelstan starrte ihn ungläubig an.
»Lady Maude? Niemals! Sir John, Ihr seid verrückt!«
»Wenn jemand anderes das zu mir sagte, würde ich ihn umbringen.«
»Also ich sage es. Lady Maude ist eine ehrbare Frau, und sie liebt Euch von Herzen. Allerdings frage ich mich manchmal«, knurrte er erbost, »wie sie das schafft.« Er packte den dicken Coroner beim Mantel. »Welchen Beweis habt Ihr dafür?«
»Gestern abend habe ich sie über die London Bridge aus Southwark kommen sehen, aber als ich sie fragte, wo sie war, sagte sie: Nur bis zur Cheapside.«
Athelstan war im Begriff, knapp und wütend zu antworten, aber die Worte des Coroners erinnerten ihn: Eine Woche zuvor, kurz vor dem Fest der Heiligen Jungfrau, hatte er Lady Maude in der Nähe des Gasthauses in Southwark gesehen. Er hatte es merkwürdig gefunden, dann aber vergessen. Cranstons Augen wurden schmal.
»Du weißt etwas, nicht wahr, du verfluchter Mönch?« Athelstan wandte sich ab. »Ich bin ein Ordensbruder«, entgegnete er sanft. »Sir John, ich weiß nur, daß ich Euch und Lady Maude sehr schätze. Und ich weiß, daß sie Euch niemals betrügen würde.«
Cranston drängte an ihm vorbei. »Los!« bellte er. »Wir haben zu tun!«
Am Ende der Gasse angelangt, gingen sie den Hang hinauf und betraten den Tower durch eine Seitenpforte. Eine der Wachen nahm ihnen die Pferde ab und führte sie über das Tower Green, das jetzt knöcheltief von Schneematsch bedeckt war, zu Colebrooke, der sie niedergeschlagen erwartete.
»Wieder ein Toter« sagte er betrübt. »Sir John, ich wünschte, ich könnte sagen, Ihr seid mir willkommen.« Er schaute zum blauen Himmel hinauf, wo die Raben krächzten, und deutete in die Höhe. »Ihr kennt die Legenden, Sir John? Solange die Raben hier sind, wird der Tower nicht fallen. Und wenn sie so durchdringend krächzen, ist das immer ein Zeichen des nahenden Todes.« Colebrooke blies sich auf die Fingerspitzen. »Unglücklicherweise nimmt das Lied der Raben allmählich kein Ende mehr.«
»Wußte irgend jemand, daß Mowbray die gleiche Warnung erhalten hatte wie Sir Ralph?« fragte Cranston unvermittelt. Colebrooke schüttelte den Kopf. »Nein. Mowbray fühlte sich unbehaglich, aber nach Sir Ralphs Tod ging es uns allen so. Er und Sir Brian zogen sich zurück. Gestern nacht machte Mowbray seinen üblichen Spaziergang oben auf der Mauer zwischen dem Salt Tower und dem Broad Arrow Tower. Dort war er, als die Sturmglocke läutete. Anscheinend hörte er den Alarm, lief los, rutschte aus und stürzte zu Tode.«
»War niemand bei ihm auf dem Wehrgang?«
»Nein. Und wenn wir die Warnung nicht in seiner Tasche gefunden hätten, hätten wir das Ganze tatsächlich für einen simplen Unfall gehalten.«
»War es rutschig dort oben?«
»Nein, selbstverständlich nicht. Sir John, Sir Ralph war äußerst streng in diesen Dingen. Sowie das Wetter sich verschlechtert, wird jede Stufe mit Sand oder Kies bestreut.«
»Und wer hat die Glocke geläutet?« fragte Athelstan.
»Das ist das Geheimnis. Kommt, ich zeig’s Euch.«
Sie gingen in die Mitte des Tower Green. Der Schnee war dort fast unberührt und türmte sich um einen mächtigen Holzpfahl, an dem ein waagerechter Balken angebracht war, wie bei einem Galgen. An einem eisernen Ring hing die Sturmglocke, und vom schweren Messingklöppel baumelte ein langes Seil.
»Seht Ihr«, sagte Colebrooke und zeigte auf die Glocke, »sie wird nur geläutet, wenn der Tower direkt angegriffen wird. Die Glocke ist so aufgehängt, daß sie, wenn man das Seil auch nur berührt, pausenlos läutet.«
Sir John schaute hoch und nickte weise. »Natürlich«, sagte er. »Solch einen Mechanismus habe ich schon mal gesehen. Auch wenn die Wache verwundet ist, braucht sie die Glocke nur in Gang zu setzen, und dann schwingt und läutet sie so lange, bis sie angehalten wird.«
»Genau!« sagte Colebrooke. »Und da liegt das Geheimnis. Ich selbst habe die Glocke angehalten. Es war niemand in der Nähe.«
»Aber jemand könnte sie geläutet haben und dann weggelaufen sein«, meinte Cranston.
Colebrooke schüttelte den Kopf. »Unmöglich. Ich kam mit einer Fackel heraus und brachte die Glocke zur Ruhe, aber als ich den Schnee untersuchte, fand ich weit und breit keine Fußspuren.«
»Wie?« fragte Cranston. »Überhaupt keine?«
»Keine einzige, Sir John.« Colebrooke deutete auf den Schneeteppich ringsum. »Weil diese Glocke so wichtig ist«, erklärte er, »darf niemand ihr nahe kommen. Sogar wenn die Soldaten betrunken sind, halten sie Abstand, damit sie nicht dagegen stolpern und die Glocke in Gang setzen.«
»Und es fand sich auch sonst nichts?«
»Nichts. Nur die Klauenspuren der Raben.«
»Aber das kann nicht sein«, meinte Athelstan.
Colebrooke seufzte. »Da bin ich ganz Eurer Meinung, Pater. Und die Sache wird noch geheimnisvoller, weil die Wachen, die rund um die Wiese patrouillierten, niemanden gesehen haben, der in die Nähe der Glocke gekommen wäre. Und es wurden keine Fußspuren gefunden.« Colebrooke wandte sich ab und spuckte aus. »Zeit zum Sterben«, klagte er. »Das Lied der Raben ist das einzige, das wir hören.«
»Und wo waren alle?« fragte Cranston.
»Oh, Mistress Philippa hatte uns alle zum Abendessen in den Beauchamp Tower eingeladen.«
»Alle?« wiederholte Athelstan.
»Naja, die beiden Hospitaliter hatten abgesagt. Rastani ist nicht gekommen, und ich war nicht ständig da, weil ich meinen Rundgang machen mußte. Ich war gerade wieder zu Mistress Philippas Gesellschaft zurückgekehrt, als die Glocke losging.«
»Und Ihr habt niemanden entdeckt?« Cranston blieb beharrlich.
»Niemanden«, bekräftigte Colebrooke. »Jetzt wird es den Soldaten unbehaglich. Sie führen düstere Reden von Dämonen und Gespenstern, und der Tower ist keine beliebte Garnison. Ihr kennt ja Soldaten, Sir John; sie sind schlimmer als Seeleute. Sie erzählen sich jetzt die alten Geschichten von der uralten Opferstätte, auf deren Überresten der Tower angeblich steht. Vom Blut, das in den Mörtel gemischt sei, und von den Leichen in den Fundamenten.«
»Unsinn!« knurrte Cranston. »Was meinst du, Bruder?« Athelstan zuckte die Achseln. »Der Lieutenant hat vielleicht recht, Sir John. Es gibt mehr Mächte zwischen Himmel und Erde, als wir kennen.«
»Du glaubst also den Unsinn von den Gespenstern?«
»Natürlich nicht. Aber der Tower ist ein blutiger Ort. Männer und Frauen sind hier eines schrecklichen Todes gestorben.« Athelstan schaute sich um und schauderte trotz des strahlenden Sonnenscheins.
»Die Angst ist das eigentliche Gespenst«, fuhr er dann fort. »Sie saugt uns die Harmonie aus dem Herzen und verstört unsere Seele. Sie schafft eine Atmosphäre der Gefahr, der unheimlichen Bedrohung. Unser Mörder ist höchst geschickt und intelligent. Er erreicht genau das, was er will.«
»Wer hat den Toten gefunden?« fragte Cranston.
»Fitzormonde. Als die Glocke läutete, rannte alles umher und kontrollierte Türen und Tore. Fitzormonde suchte Mowbray und fand die Leiche.«
»Wir werden uns den Wehrgang ansehen«, sagte Athelstan. »Master Lieutenant, ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr alle in Mistress Philippas Gemächern versammeln könntet. Übermittelt der Lady meine Entschuldigung und meine Bitte um Nachsicht, aber es ist wichtig, daß wir uns dort treffen, wo Ihr gestern abend wart, als die Sturmglocke läutete.«
Cranston und Athelstan sahen Colebrooke nach.
»Glaubst du, da ist ein Zusammenhang?« fragte Cranston. »Wo?«
»Zwischen der Sturmglocke und Mowbrays Absturz.«
»Selbstverständlich, Sir John.« Athelstan zog ihn am Ärmel, und sie gingen über den menschenleeren Innenhof zu der Treppe, die zum Wehrgang hinaufführte. Dort blieben sie stehen und schauten an der Festungsmauer hinauf.
»Ein furchtbarer Sturz«, murmelte Athelstan.
»Du sagst, da ist ein Zusammenhang«, drängte Cranston gereizt, »zwischen der Sturmglocke und Mowbrays Absturz.«
»Nur eine Hypothese, Sir John. Mowbray ging oben auf der Mauer spazieren. Wie viele alte Soldaten war er gern allein, um nachzudenken. Da steht er nun und schaut in die Dunkelheit. Er hat Warnungen erhalten: Sein Tod soll unmittelbar bevorstehen. Er ist versunken in Gedanken, Befürchtungen, Ängsten. Plötzlich gellt die Sturmglocke; also wird die größte Festung des Königreiches angegriffen.« Athelstan schaute Sir John in die traurigen Augen. »Was hättet Ihr getan - an Mowbrays Stelle? Schließlich, Sir John«, fügte er verschmitzt hinzu, »seid auch Ihr ein Kriegsmann, ein Soldat.«
Cranston schob die Biberfellmütze in den Nacken, kratzte sich den fast kahlen Schädel und schürzte die Lippen wie Alexander der Große persönlich. »Ich würde losrennen, um herauszukriegen, was dahintersteckt«, antwortete er dann nachdenklich. »Ja, das würde ich tun.« Er sah Athelstan an. »Natürlich, Mowbray wird das gleiche getan haben. Aber was ist dann passiert? Ist er ausgerutscht? Oder wurde er gestoßen?«
»Ich glaube nicht, daß er ausgerutscht ist. Mowbray dürfte zu vorsichtig gewesen sein. Und ich bezweifle, daß er sich von irgend jemandem dort kampflos hätte herunterstürzen lassen.«
»Also wie dann?«
»Ich weiß es nicht, Sir John. Laßt uns zunächst die Tatsachen sichten.«
Sie wollten gerade die Treppe hinaufsteigen, als plötzlich eine Stimme sang: »Guten Morgen, meine Freunde!« Rothand sprang, von seinen bunten Lumpen umflattert, durch den Matsch auf sie zu. »Guten Morgen, Master Coroner. Guten Morgen, Sir Pfaffe! Mögt Ihr den alten Rothand?«
Athelstan sah das Huhn in seiner Hand zappeln. Der arme Vogel kreischte und flatterte, und seine Krallen schlugen gegen Rothands Bauch und zerrissen seine Lumpen noch mehr, aber Rothand hielt ihn fest bei der Kehle.
»Wieder ist der Tod gekommen!« sang er, und in seinen hellblauen Augen funkelte grausame Freude. »Der alte Rote Schlächter ist zurückgekommen, und noch mehr Menschen werden sterben. Wartet’s nur ab. Der Tod kommt, schnapp, gerade so!«
Und ehe Athelstan und Cranston etwas tun konnten, biß der Verrückte in den Hühnerhals und riß die Gurgel heraus. Der Vogel krächzte noch einmal, zappelte und erschlaffte dann. Rothand starrte sie an, und sein Mund war voller Blut, Schleim und Federn.
»Tod! Tod! Tod!« sang er.
»Verschwinde!« kläffte Cranston. »Hau ab, du kleiner Scheißer!« Rothand drehte sich um und rannte davon; das Blut des getöteten Huhns spritzte in den Schneematsch. Cranston sah ihm nach, bis er hinter einer Mauer verschwunden war.
»In meiner Abhandlung, Bruder«, sagte er leise, »werde ich Häuser für solche Menschen vorschlagen. Allerdings frage ich mich…«
»Was, Sir John?«
»Nun, ich frage mich, ob Rothand so verrückt ist, wie er tut.« Athelstan zuckte die Achseln. »Wer könnte entscheiden, wer verrückt ist, Sir John? Vielleicht hält Rothand sich für den einzigen vernünftigen Menschen hier.«
Athelstan ging voran, die steile Treppe hinauf. Sir John folgte ihm schnaufend und finstere Flüche murmelnd. Der Wind peitschte ihre Gesichter. Auf halber Höhe blieb Athelstan stehen, bückte sich und hob eine Handvoll des mit Kies gemischten Sandes hoch, der jede Treppenstufe bedeckte.
»Niemand würde hier ausrutschen, Sir John.«
»Außer, er wäre betrunken oder unvorsichtig«, erwiderte Cranston.
»Aye, Sir John. Und ein nüchterner Soldat ist in der Tat eine Seltenheit.«
»Aye, Mönchlein, eine große Seltenheit, aber nicht so selten wie ein heiliger Priester.«
Athelstan grinste und ging weiter bis zur Brustwehr hinauf. Der Wehrgang war etwa anderthalb Schritt breit und ebenso sorgfältig wie die Treppe mit Sand und Kies bestreut. Die beiden lehnten sich an die Brüstung. Schwer atmend spähte Cranston hinunter und beobachtete neugierig die Gestalten, die dort wie schwarze Ameisen den diversen Geschäften einer Garnison nachgingen. Dann schaute er hinauf in den blauen Himmel; zarte Wolkenschleier strahlten in der kräftigen Mittagssonne. Dem Coroner war plötzlich ziemlich schwindlig, und er verfluchte sich insgeheim, weil er so viel getrunken hatte.
»Das Alter«, murmelte er.
»Wie bitte?«
»In media vitae sumus in morte«, sagte Cranston. »Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, Bruder. Ich fühle mich hier oben nicht allzu sicher. Damals in Frankreich, als ich jünger, aber noch nicht so weise war wie heute, habe ich einen solchen Wehrgang gegen die Besten gehalten, die die Franzosen uns heraufschickten.« Cranston fühlte, wie ihn Selbstmitleid durchströmte. Ob auch Maude ihn alt fand? Sir John holte tief Luft und bemühte sich, Wut und Angst, die ihn durchzuckten, zu unterdrücken. »Geh du weiter, Athelstan«, brummte er. »Sichte deine verfluchten Tatsachen.«
»Bleibt hier, Sir John«, sagte Athelstan leise, und ließ mutlos den Blick über den Kiessand wandern. »Vermutlich sind seit Mowbrays Absturz so viele hier oben gewesen, daß wir gar nichts mehr finden werden.«
Mit vorsichtigen Schritten ging Athelstan an der von Schießscharten unterbrochenen Mauer entlang. Er ging langsam und wagte nicht, in den Abgrund zu seiner Rechten hinunterzuschauen. Immer mehr spürte er die Kälte, den schneidenden Wind und ein gespenstisches Gefühl von Einsamkeit.
Der Wehrgang erstreckte sich zwischen zwei Türmen. In der Nähe des Salt Tower sah er, daß der kiesbestreute Schneematsch aufgewühlt war. Hier hatte wohl jemand längere Zeit gestanden. Athelstan untersuchte die Stelle gründlich.
»Was hast du gefunden, Bruder?« brüllte Cranston.
Athelstan kam vorsichtig zurück.
»Mowbray stand dort, wo ich gerade stehengeblieben bin. So, Sir John - wenn Ihr jetzt vorausgehen möchtet…«
Cranston ging zurück, und Athelstan folgte ihm.
»Weiter, Sir John. Bleibt auf der obersten Stufe stehen.« Cranston gehorchte mit geschlossenen Augen, denn ihm ging es inzwischen gar nicht gut.
»Was ist, Bruder?« ächzte er.
Athelstan hockte sich nieder und betrachtete aufmerksam den verstreuten Kiessand. »Ich vermute, hier ist Mowbray gefallen«, sagte er. »Aber warum? Und wie?« Er untersuchte die Schießscharten, durch die die Bogenschützen die Mauer verteidigen würden. »Seltsam«, murmelte er. »Da ist eine frische Kerbe in der Mauer, als hätte jemand mit der Axt dagegengeschlagen. Und seht nur, Sir John…« Erhob ein paar Holzsplitter auf. »Die sind frisch.«
Cranston öffnete die Augen. »Ja, Bruder, aber was bedeutet das?«
»Ich weiß es nicht, aber es sieht aus, als hätte jemand eine Axt mit solcher Wucht gegen die Mauer geschlagen, daß der Stein 'abgesplittert und der Holzstiel zerbrochen ist.«
Cranston schüttelte ungläubig den Kopf.
»Ich weiß nicht«, sagte Athelstan. »Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen Mowbrays Sturz und diesen Spuren.« Der Dominikaner warf einen mißtrauischen Blick auf Cranstons weißes, eingefallenes Gesicht, die trüben, roten Augen und bemerkte sein gefährliches Schwanken auf der obersten Treppenstufe. »Kommt, Sir John«, sagte er sanft, »hier sind wir fertig, und die Leute erwarten uns.«
Vorsichtig stiegen sie hinunter. Unten angekommen, war es Cranston gleich wohler, und er drehte sich um und strahlte Athelstan an.
»Gott sei Dank!« dröhnte er. »So was geschieht nicht jeden Tag, was, Bruder?«
Gott sei Dank hast du auch nicht jeden Tag eine solche Laune, dachte Athelstan und sah sich um. In der Garnison herrschte reges Treiben. Soldaten in halbangelegter Rüstung räkelten sich auf den Bänken; trotz der Kälte wollten sie die Sonne genießen. Einige würfelten, andere teilten sich einen Weinschlauch. Ein Küchenjunge lief mit einem Korb voll frischgekochtem Fleisch über den Platz zu einer der Küchen, wo es geräuchert, gewürzt, gepökelt und für den Winter eingelagert werden sollte. Hammerschläge hallten aus der Schmiede wie eine Glocke. Irgendwo weinte ein Kind, Sohn oder Tochter eines Soldaten. Im Außenhof befahl ein Offizier brüllend, ein Tor zu ölen. Ein Hund bellte, und aus einer der Küchen drang Gelächter. Athelstan lächelte und entspannte sich.
Man durfte die kleinen Dinge des Lebens nicht vergessen, ermahnte er sich, denn sie hielten einen bei Verstand. Er hakte sich bei Sir John unter; sie schlenderten vorsichtig durch den schmutzigen Matsch und nahmen sich in acht vor noch nicht aufgetauten Stellen.
*
Ein Wächter führte sie in den Beauchamp Tower und in Mistress Philippas Gemach im ersten Stock. Es war ein geräumiges Zimmer mit großem Erkerfenster, das zum Tower Green hinausging. Die Fensterbänke waren mit gesteppten Polstern geschmückt und die Fenster bunt verglast. Schon beim Eintreten spürte Athelstan, daß dies das Zimmer einer Frau war. Handgewebte Gobelins hingen an den Wänden; einer zeigte eine goldene Schlange im Kampf mit einem silbernen Drachen. Auf einem zweiten lächelte das Jesuskind mit ausgestreckten Armen in seiner Krippe in Bethlehem, und die Mutter Gottes stand in goldenem Kleid und einem Mantel von tiefem Himmelblau daneben. Die Backsteine waren abwechselnd weiß und rot angemalt. In großen Schränken, deren Türen halb offen standen, sah man Gewänder, Kleider, Umhänge und Kapuzenmäntel in verschiedenen Farben und Stoffen. Ein kleines Kiefemholzfeuer flackerte im Kamin. In einer Ecke stand ein Spinnrad, die Fäden straff gespannt. In der anderen war das Bett, durch einen Vorhang abgeschirmt. Ein großer, blankpolierter Tisch stand mitten im Zimmer; darauf waren Wärmpfannen mit glühender Holzkohle, Kräutern und Gewürzen verteilt. Ihr Duft erinnerte Athelstan an einen frischen Frühlingsmorgen auf dem Bauernhof seiner Eltern in Sussex. Er sah auch die Tür am anderen Ende des Raumes, die hinter einem dicken roten Teppich fast verborgen war. Athelstan grinste und zwinkerte Sir John zu. »Eine Kemenate, Mylord Coroner«, flüsterte er.
Cranston grinste, dachte aber dann an Lady Maude, und sein Gesicht wurde lang.
Mistress Philippa erhob sich, als sie eintraten. In ihrem Temperament erinnerte sie Athelstan an Benedicta, allerdings nicht im Aussehen; sie zeigte die gleiche Fassung, und er hatte den stählernen Ausdruck in ihrem Blick bemerkt. War Philippa stark und skrupellos genug, um einen Mord zu begehen?
Die anderen waren bereits versammelt; sie plauderten leise miteinander wie Leute, die den Schein zu wahren suchten, obwohl ihre Anspannung fühlbar war. Als Cranston schwerfällig durch den Raum schwankte, brach das Gespräch abrupt ab. Entweder Philippa oder die feminine Atmosphäre ihres Gemaches erinnerten Cranston an Lady Maude; jedenfalls benahm er sich dem Mädchen gegenüber plötzlich sehr streitsüchtig. »Noch so ein verdammter Mord!« donnerte er. »Was nun, he?« Geoffrey Parchmeiner, Philippas Verlobter, erhob sich und kam herüber. Er sah ängstlich aus, blasser und auch nüchterner als beim letzten Mal, da Athelstan ihn gesehen hatte.
»Ein Mord, Mylord Coroner?« stammelte er. »Wie könnt Ihr das beweisen? Ihr kommt hier hereinstolziert - in das Gemach meiner Dame - und schreit Verdächtigungen heraus, zeigt uns aber keinen Beweis. Wie sollen wir das verstehen?«
Athelstan sah sich um. Sir Fulke wirkte bedrückt und hing zusammengesunken auf seinem Stuhl. Der Kaplan hockte auf einem Schemel am Kamin, starrte in die Flammen und rang die Hände, während Rastani, der stumme, dunkle Diener, mit dem Rücken an der Wand saß, als sollten die Steine sich auftun und ihn verschlucken. Fitzormonde, der andere Hospitaliter, stand mit gefalteten Händen am Fenster und starrte zu Boden, als habe er Cranston noch gar nicht bemerkt. Colebrooke wirkte verlegen, tappte mit dem Fuß auf den Boden und pfiff lauüos vor sich hin.
»Mein Verlobter hat Euch etwas gefragt«, bekräftigte Philippa. »Woher wißt Ihr, daß der Ritter ermordet wurde? Und wieso interessiert Euch das, Sir Coroner? Auch mein Vater wurde ermordet - und seid Ihr dem Mörder inzwischen etwa auf die Spur gekommen?«
»Der Mord an Eurem Vater wird gesühnt werden«, blaffte Cranston. »Was Mowbray betrifft, so hatte er das verfluchte Pergament und einen zerbrochenen Sesamkuchen bei sich. Welchen Beweis braucht Ihr noch?«
Philippa schaute ihn kühl an.
»Nun«, brüllte Cranston, »jetzt habe ich Eure blöde Frage beantwortet!«
»Sir John«, erwiderte sie eisig, »mäßigt Euch. Mein Vater« - fast brach ihr die Stimme - »liegt aufgebahrt im Sarg in der Kapelle St. Peter ad Vincula. Ich, seine Tochter, trauere und verlange Gerechtigkeit, bekomme aber nichts außer der anstößigen Sprache der Gassen und Gossen von Southwark. Sir, ich bin eine Lady.«
Cranstons Augen wurden schmal und böse.
»Na und?« versetzte er, bevor Athelstan sich einschalten konnte. »Zeigt mir eine Lady, und ich zeige Euch eine Hure!«
Das Mädchen schnappte nach Luft. Ihr Verlobter sprang auf, und seine Hand griff nach dem Messer an seinem Gürtel, aber Cranston schenkte ihm nur einen verächtlichen Blick. Athelstan sah eine schnelle Bewegung des Hospitaliters und bemerkte mit Erschrecken, daß der Ritter einen seiner Handschuhe umklammerte.
Guter Gott! dachte der Ordensbruder, nicht hier, nicht jetzt! Das letzte, was Sir John gebrauchen kann, ist eine Forderung zum Duell!
»Sir John!« rief er. »Mistress Philippa hat recht. Ihr seid der Coroner des Königs. Sie ist eine Lady von hohem Stand, die ihren Vater verloren hat und nun erleben muß, daß einen seiner Freunde ein ähnlich schrecklicher Tod ereilt.« Er packte den Coroner beim Arm und drehte ihn zu sich; dabei behielt er den Hospitaliter, der jetzt hinter ihnen stand, im Auge.
»Sir John, reißt Euch zusammen, bitte«, sagte er leise. »Um meinetwillen.«
Cranston starrte ihn aus rotgeränderten Augen an. Er erinnerte den Bruder an den großen, zottigen Bären, der unten im Hof hockte. Der Priester berührte sanft Cranstons Hand.
»Sir John«, flüsterte er. »Bitte. Ihr seid ein Gentleman und ein Ritter.«
Der Coroner schloß die Augen, holte tief Luft, öffnete sie wieder und grinste.
»Wenn du da bist, Mönch«, knurrte er, »brauche ich kein verdammtes Gewissen.« Er wandte sich Philippa zu. »Mylady«, sagte er, »bevor Sir Brian oder Sir Fulke« - er warf einen verächtlichen Blick auf den Onkel des Mädchens, der immer noch zusammengesunken auf seinem Stuhl hockte - »mich zum Duell fordern, bitte ich überschwenglich um Vergebung.« Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. »Es gibt alte Männer, Mistress, und es gibt Trottel. Aber es gibt nichts Schlimmeres als einen alten Trottel.« Er griff nach der nicht widerstrebenden Hand des Mädchens und küßte sie auf eine Weise, um die ihn der professionellste Höfling beneidet hätte.
»Ich war äußerst unhöflich«, dröhnte er. »Ihr müßt mir verzeihen, zumal jetzt, da der Leichnam Eures Vaters noch nicht unter der Erde ist.«