»Kennst du das?«, fragt Paul und legt sein kürzlich erworbenes Taschenbuch auf das schmale Tischchen in Jacks Wohnmobil.
Der Manchurian Kandidat von Richard Condon.
Dr. Murr ist schon auf seinem Posten und mit der Feinjustierung seiner Abhörgeräte beschäftigt.
Er hat den Wagen wieder in seine alte Parkposition vom Vortag gefahren und erst mal eine Selbstgedrehte ohne Zusatz geraucht, bis Paul Simon verabredungsgemäß aufgetaucht ist und jetzt in der Sitzecke Platz genommen hat.
Diesmal hat Jack sich nicht fein gemacht, weil kein Gastauftritt von ihm vorgesehen ist. Ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift »The other ones are complete bullshit«, eine kurze Cargohose und Flip-Flops genügen vollkommen, vor allem, weil die Temperatur im Wohnmobil im Laufe des Tages wieder Treibhauswerte erreichen wird, wie ihm seine Wetter-App prognostiziert hat.
Zu Pauls Erleichterung scheint Jack ausnahmsweise noch nicht stoned zu sein. Er trinkt Instantkaffee aus der Thermoskanne, von dem er auch Paul eine Tasse einschenkt, und wirkt nicht so hyperaktiv und aufgekratzt wie sonst. Kurz nimmt er das Buch in die Hand und wirft einen Blick auf das Cover.
»Der Manchurian Kandidat«, liest er. »Kommt mir bekannt vor, hab ich schon mal gehört. Nein – gesehen. Ist zweimal verfilmt worden. Irgendeine Paranoia- und Verschwörungsnummer, wenn mich nicht alles täuscht. Was hat das mit uns zu tun? Und wo ist dein Kumpel Nobody?«
»Es gibt eine kleine Planänderung. Das ist heute dein letzter Tag. Wenn wieder nichts passiert, wird die Sache abgeblasen.«
»Schade. Kann die Kohle gut gebrauchen.«
»Verstehe. Ist aber nicht zu ändern. Und Abel kommt auch nicht mehr. Die Akte ›Heckenschütze‹ wird geschlossen. Außerdem habe ich heute gekündigt.«
»Was? Bist du meschugge? Als Beamter? Mit Pensionsberechtigung und allem Pipapo? Mann, du hast zwei Kinder! Was sagt deine Frau dazu?«
»Sie weiß es noch nicht. Warum hast du damals alles hingeworfen?«
»Weil ich es nicht mehr ausgehalten habe mit Dienstplan und den ewig gleichen, stinklangweiligen Laborgeschichten, das war vielleicht nervig. Und dann gleich ein Anschiss, wenn man mal blaugemacht hat … Nee, das war nichts für mich. Da kam dann doch die Hippie-DNA meiner Eltern durch. Aber hey – was zum Teufel treiben wir dann hier?«
»Ich habe noch einen Wurf frei. Wenn du verstehst, was ich meine.«
»Nein, das verstehe ich nicht.«
»Ich will auf Nummer sicher gehen. Wenn es nicht klappt, dann war’s das.«
Er deutet auf die blinkenden Gerätschaften.
»Hat sich schon was getan? In der Praxis?«
»Bis jetzt nicht. Business as usual. Aber ich bin dran. Wenn sich was rührt, schaltet sich das Equipment von selbst ein. Keine Sorge, wird alles aufgezeichnet.«
Er nimmt einen Schluck von seinem Kaffee und sieht Paul erwartungsvoll an.
»Okay, dann mal Butter bei die Fische. Lass hören. Man will ja wenigstens wissen, bei welcher illegalen Aktion man jetzt wieder dabei ist. Vor allem, wenn der Sheriff seinen Sheriff-Stern dem Marshall vor die Füße geworfen hat …«
»Na schön. Dann mal Klartext. Das Buch habe ich neulich im Bücherregal von Dr. Sokratis gesehen. Es beschreibt, wie man im Kalten Krieg mithilfe von Substanzen und Implantaten Menschen zu kontrollierbaren Wesen gemacht hat.«
Dr. Murr will etwas sagen, aber Paul hebt den Finger.
»Moment! Du bist der Erste, dem ich meine Theorie des Tathergangs erläutere. Kommentare, vor allem wissenschaftlich fundierte, sind anschließend willkommen. Aber hör erst mal nur zu. Regina Kerenski, Miterbin eines nicht gerade unbedeutenden Pharmaunternehmens, will ihren Bruder aus dem Weg räumen. Weil er krumme Geschäfte macht und damit die Existenz der ganzen Firma aufs Spiel setzt oder weil die Schwester alles für sich allein haben will − such es dir aus. Motive gibt es jedenfalls genügend. Nehmen wir mal an, Regina hat bei der Sache einen Komplizen.«
»Dr. Sokratis.«
»Richtig. Vielleicht ihr Lover, was auch immer. Er ist Spezialist für bewusstseinsverändernde Drogen. Und nebenher Hypnosetherapeut. Seine Klientel ist durch schwere Traumata anfällig für Psychospielchen. Ich weiß, das klingt jetzt laienhaft, aber du kannst gern nachher deinen Senf dazugeben. Also, dieser Dr. Sokratis hat schon eine Weile mit Hypnose herumexperimentiert und hat damit eine Menge Erfahrung. Regina Kerenski ist als Chemikerin vom Fach und kennt sich mit bewusstseinserweiternden Drogen aus. Die beiden tun sich zusammen, um Robert Kerenski aus dem Weg zu räumen. Und zwar so, dass niemals irgendjemand auf die Idee kommen kann, dass sie dahinterstecken. Und dann hat Dr. Sokratis auch noch den perfekten Kandidaten für ihren perfekten Plan gefunden.«
»Marvin Voigt.«
»Richtig. Sie programmieren Voigt mithilfe einer raffiniert ausgeklügelten Mixtur aus Drogen und Hypnose, damit er etwas tut, was er so ähnlich immer schon gern tun wollte: ein Zeichen gegen den Kriegseinsatz im Irak und in Afghanistan setzen.«
Dr. Murr nickt.
»Es ist eminent wichtig, dass er die grundsätzliche Disposition dazu hat. Sonst funktioniert das Ganze nicht.«
»Davon können wir ausgehen.«
»Es gibt jede Menge psychotrope Stoffe, die das Verhalten von Menschen beeinflussen und Hemmschwellen beseitigen können. Und wenn dann noch dazukommt, dass jemand anfällig ist für Suggestion und Hypnose … Es gab in den USA während des Kalten Kriegs ein CIA-Programm, natürlich streng geheim, das MKULTRA hieß. Man hat da nach dem Wahrheitsserum gesucht und mit Menschen experimentiert, teilweise, ohne dass die davon wussten. Was denkst du, was heutzutage erst möglich ist!«
»Genau das ist ja das Thema von The Manchurian Candidate. Okay, weiter im Text. Nehmen wir also an, dass so eine Substanz bei Marvin Voigt eingesetzt wird und funktioniert. Er ist von da an eine Marionette in den Händen von Dr. Sokratis und Regina Kerenski. Er führt das Attentat aus. Und zwar so, dass es aussieht, als habe ein Verrückter wahllos fünf Menschen erschossen, um auf ein politisches Problem und seine eigene Lage aufmerksam zu machen und die Öffentlichkeit wachzurütteln. Anschließend zieht er sich in sein Hotelzimmer zurück, das irgendjemand für ihn auf seinen Namen gebucht hat, und verbringt dort einige Zeit, um die Polizei und die Medien erst einmal an einem Nasenring durch die Manege zu führen. Dann, als Sokratis und Regina Kerenski den richtigen Zeitpunkt für gekommen halten, springt er unter Drogeneinfluss und möglicherweise unter Zuhilfenahme eines kleinen Schubsers vom Balkon aus in den Tod. Ich frage dich: Ist das denkbar?«
»Warum nicht? Der oder die Täter dürfen normalerweise davon ausgehen, dass nie jemand auf diesen Zusammenhang kommen wird. Und was die Drogen angeht, hat eine Firma wie Kerenski-Pharma alle Möglichkeiten. Labors, Zugriff auf sämtliche chemische Zutaten, ohne Verdacht zu erregen …«
»Und beide haben die nötige Kompetenz und Erfahrung. Kann man so etwas beweisen?«
Dr. Murr schüttelt den Kopf.
»Wenn du mich fragst: nie und nimmer. Schon den Ansatz glaubt dir keiner.«
»Warum bist du dir da so sicher?«
»Okay, du hast ein plausibles Motiv vorzuweisen. Die Möglichkeit, manipulative Drogen herzustellen. Jemanden, der beeinflussbar ist, Drogen nimmt und dann hingeht und Leute killt wie ein Roboter in Terminator oder RoboCop – aber glaubst du wirklich allen Ernstes, irgendein Staatsanwalt nimmt dir so eine Story ab? Das ist Science-Fiction für die!«
»Science-Fiction? Das ist Realität!«
»Das wissen wir, du und ich. Aber das glaubt uns sonst kein Mensch. Was du dir da zusammengereimt hast, das ist nichts anderes als der perfekte Mord. Ausgeführt von einem Zombie, der sich selbst anschließend umbringt, falls die Polizei dahinterkommt und in ihm einen Schuldigen sieht.«
»Den Alleinschuldigen.«
»Du hast nicht den Hauch einer Chance, deine Theorie zu beweisen. Und du handelst dir nichts als Scherereien ein, wenn du da weiterbohrst. Warum tust du dir das an?«
»Weil ich die Fotos von den fünf Opfern gesehen habe. Wie sie auf diesen Stahltischen in der Pathologie liegen. Da war ein Mädchen dabei, das war genauso alt wie meine große Tochter. Ich war auf ihrer Beerdigung. Magdalena hat Rotz und Wasser geheult. In dem Moment habe ich mir geschworen, dass ihr Mörder nicht davonkommen darf. Ich habe das meiner Tochter versprechen müssen. Das Mädchen war unschuldig und hatte sein ganzes Leben noch vor sich. Ich werde die Verantwortlichen nicht so einfach davonkommen lassen. Weil ich es einfach nicht kann. Verstehst du das?«
»Ja, natürlich verstehe ich das.«
Dr. Murr kramt in seiner Tasche und fördert ein Döschen zutage. Er öffnet es und zieht eine Marihuanadolde heraus. Aus einer anderen Tasche seiner ausgebeulten Cargohose fischt er Tabak und Papers und baut sich einen Joint.
»Ich sehe da nur eine einzige Möglichkeit«, sagt er nebenher.
»Und die wäre?«
»Ein Geständnis. Du bringst Dr. Sokratis oder Regina Kerenski oder am besten beide dazu, alles zu gestehen.«
Sie sehen sich an und wissen beide, dass das nie der Fall sein wird.
Dr. Murr schüttelt den Kopf.
»Das dürfte ungefähr so wahrscheinlich sein wie … dass ich der Menschheit demnächst die Weltformel präsentiere.«
»So in etwa.«
»Obwohl – ich bin auf dem besten Weg…«, erklärt Jack alias Dr. Murr selbstironisch und zündet sich genüsslich seine Tüte an. Der Vortrag von Paul hat ihn so aufgewühlt, dass er dringend etwas braucht, um sich wieder auf Normalzustand zu bringen. Er inhaliert kräftig und bläst den Rauch nach einigen Sekunden direkt in Pauls Gesicht.
»Schon gut«, sagt Paul, »ich weiß so gut wie du, dass es aussichtslos ist. Aber ich brauche Gewissheit. Ich gehe jetzt in die Praxis von Dr. Sokratis und spiele meine letzte Karte aus.«
»Ist es eine Trumpfkarte?«
»Nein. Ich bluffe nur.«
»Ein Bluff aus Verzweiflung? Na, dann viel Glück. Ich bleibe auf meinem Posten.«
Paul nickt und verlässt das Wohnmobil. Er schließt die Tür, klopft von außen zweimal aus alter Gewohnheit gegen die Bordwand und macht sich auf den Weg.