Tom wischte sich über seine tränenden Augen. „Je schneller wir von diesem stinkenden Feld verschwinden, desto besser“, sagte er.
Elenna nickte. „Ich kann es kaum erwarten.“
Tom schluckte schwer und versuchte, nicht zu tief einzuatmen. Seine zweite Aufgabe war bestanden. Er hatte Zestor, die Riesenratte, besiegt und dabei auch die Windmühle zerstört, die einen schrecklichen Gestank verbreitet hatte. Der Gestank wurde langsam schwächer, aber leider nicht so schnell, wie Tom es sich wünschte.
Silver lief nervös hin und her und Toms Hengst Storm schüttelte immer wieder den Kopf. Auch die Tiere wollten so schnell wie möglich fort aus dem Kornfeld.
„Wir müssen noch vier Aufgaben in Kayonia erledigen, um unsere Mission zu erfüllen“, sagte Tom. „Besser, wir beeilen uns.“
„Genau“, erwiderte Elenna. „Und dann können wir zurück nach Avantia.“
Tom seufzte. „Es wäre so schön, jetzt schon heimzukehren“, sagte er. „Aber wir können noch nicht weg. Lass uns nachsehen, wohin wir als Nächstes müssen.“
Tom zog sein magisches Amulett, das er an einem Lederband um den Hals trug, aus seinem Hemd. Er sah zu, wie der Weg zu ihrer nächsten Herausforderung auf der Oberfläche erschien. „Wir müssen nach Norden in die Berge“, sagte er zu Elenna.
Seine Freundin betrachtete die Landkarte genauer, als auf einmal kleine Buchstaben erschienen. „Das Goldene Tal“, las sie laut vor.
Direkt neben den Worten entdeckte Tom einen merkwürdigen roten Edelstein. „Das muss die nächste Zutat sein, die wir finden müssen“, meinte er.
Tom hatte erst vor Kurzem erfahren, dass Freya, die Herrin der Biester von Gwildor, seine Mutter war. Doch nun stand sie unter dem Zauber des bösen Magiers Velmal. Tom musste sechs Zutaten für einen Heiltrank finden, der sie retten würde. Aber die Zutaten waren in ganz Kayonia verstreut und jede wurde von einem bösartigen Biest bewacht.
„Hoffentlich stinkt es im Goldenen Tal nicht so wie hier im Kornfeld“, sagte Elenna und wedelte mit der Hand vor ihrer Nase herum. Dabei verzog sie angewidert das Gesicht.
Tom betrachtete die Karte eingehend. „Hier sind überall Seen und Flüsse eingezeichnet. Dort müssen wir hin“, sagte er.
Er steckte das Amulett zurück in sein Hemd und stieg in den Sattel. „Los geht’s“, sagte er zu Elenna und half ihr hinter sich aufs Pferd. Silver rannte bereits voraus und Storm trabte hinter ihm her.
Zu Toms Erleichterung wurde der Gestank etwas schwächer, als sie aus dem Kornfeld ritten. Ein sanfter Wind kam auf und die Luft wurde kühler und frischer, je weiter sie sich entfernten.
Doch die Sonne sank schnell, tauchte den Himmel kurz in goldene und violette Töne und ging dann unter. Es wurde schlagartig dunkel und Sterne erschienen am Himmel. Drei Monde stiegen auf, doch sie leuchteten so schwach, dass Tom und Elenna den Weg nicht mehr erkennen konnten.
„Es ist zu dunkel, um weiterzureiten“, sagte Tom niedergeschlagen. In Kayonia ging die Sonne auf und unter, wie es ihr gefiel.
„Storm und Silver werden auch langsamer“, stellte Elenna fest. „Sie denken, es ist Schlafenszeit!“
Tom wusste, dass seine Freundin recht hatte. Storm stapfte mit hängendem Kopf vorwärts und Silver, der normalerweise immer vorauslief, trottete langsam neben dem Hengst her.
„Wir schlagen besser ein Nachtlager auf“, sagte Tom. „Das Blöde ist nur, dass wir nicht wissen, wie lange die Nacht diesmal dauern wird. Sie könnte jeden Moment wieder vorbei sein oder so lange dauern wie zwei Nächte in Avantia.“
„Wie sollen wir in so einer unberechenbaren Welt unsere Mission planen?“, fragte Elenna.
„Wir finden eine Lösung“, antwortete Tom und stieg aus dem Sattel. „Das tun wir doch immer.“
Tom starrte in die Finsternis. Plötzlich tauchte ein Gesicht vor ihm auf. Freya …
Ihre Gesichtszüge waren vertraut und doch fremd. Der Anblick seiner Mutter ließ ihn erschaudern. Als Tom sie zuletzt gesehen hatte, war sie stark und schön gewesen, wenn auch böse. Jetzt durchzogen Risse das Gesicht seiner Mutter, die pulsierten, als würde sie von innen verbrennen. Sie stieß einen Schmerzensschrei aus und Tom starrte sie entsetzt an.
„Mutter, halte durch! Ich werde dir den Heiltrank bringen, der dich retten wird!“
Er streckte die Hand nach ihr aus, aber Freyas Gesicht verschwand wie Nebel, der sich langsam auflöste. Erst jetzt spürte Tom den kalten Grasboden unter sich und bemerkte, dass er fror. Neben ihm lag Elenna eingekuschelt in ihre Decke. Hinter ihnen schliefen Storm und Silver.
Es war ein Traum gewesen. Ein Traum, den Velmal ihm geschickt hatte, um ihn zu quälen.
Wut brannte in Toms Herz.
Zornig warf er die Decke zur Seite, stand auf und zog sein Schwert. Er hielt die Klinge hoch in die Luft und wandte sich den Hügeln zu, hinter denen das erste Dämmerlicht des Morgens erschien.
„Ich warne dich, Velmal“, zischte er. „Solange Blut in meinen Adern fließt, werde ich meine Mutter von deinem bösen Zauber befreien!“