„Elenna, wir müssen uns beeilen“, sagte Tom und weckte seine Freundin auf, dann sattelte er eilig sein Pferd. „Freya läuft die Zeit davon. Sie wird von Tag zu Tag schwächer.“
Elenna stand schnell auf und half ihm, sodass sie schon unterwegs waren, bevor die Sonne ganz aufgegangen war. Tom hatte Mühe, aufrecht zu sitzen und die Zügel zu halten. Der Traum schien alle Kraft aus ihm gesaugt zu haben.
Er wusste, dass auch Elenna erschöpft war. Sie hatte sich an ihn gelehnt und sagte kaum etwas.
Die Sonne wanderte jetzt schnell am Himmel empor und Tom ahnte, dass es wieder ein kurzer Tag werden würde. An einem kleinen Bach brachte er Storm zum Stehen.
„Wir machen besser eine Frühstückspause. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns“, sagte er.
Elenna glitt ohne ein Wort von Storms Rücken. Sie kniete sich ans Ufer und wusch sich Gesicht und Hände. Tom führte Storm zum Wasser und Silver folgte ihnen.
Als der Wolf genug getrunken hatte, trottete er mit wedelndem Schwanz zu Storm und stupste ihn spielerisch gegen das Bein. Storm schnaubte verärgert und holte mit dem Huf nach Silver aus. Der Wolf sprang schnell aus dem Weg.
„Storm, hör auf!“, schimpfte Elenna.
„Sag doch Silver, dass er Storm nicht ärgern soll“, sagte Tom gereizt.
Elenna wollte etwas erwidern, doch dann schlug sie sich die Hand vor den Mund.
Tom sah sie bestürzt an. „Was ist nur los? Wir streiten uns doch sonst nie“, dachte er.
„Tut mir leid, Elenna“, sagte er. „Das sind diese kurzen Nächte hier in Kayonia. Wir schlafen zu wenig und das macht uns reizbar.“
„Du hast recht“, erwiderte Elenna. „Mir tut es auch leid.“
Tom war froh, dass der Streit beendet war, aber als er das Essen aus der Satteltasche holte, überkam ihn ein mulmiges Gefühl. Diese Mission hatte sie bereits viel Kraft gekostet.
„Wenn wir uns schon nach zwei erledigten Aufgaben so verhalten, was wird dann am Ende der Mission aus unserer Freundschaft?“
Zwei weitere kurze Tage und Nächte vergingen, bevor Tom und seine Freunde die Straße erreichten, die ins Goldene Tal führte. Daneben schlängelte sich ein Fluss entlang. Tom starrte wie gebannt in das rauschende Wasser.
„Die Strömung dürfte eigentlich nicht so stark sein“, sagte er verwundert. „Irgendetwas ist seltsam an der Art, wie das Wasser fließt …“
„Du hast recht“, stimmte Elenna zu. „Es ist, als ob …“ Sie keuchte vor Erstaunen auf.
Vor ihnen lag ein tosender Wasserfall, der über eine Klippe stürzte. Tom betrachtete ihn einen Augenblick verwundert, dann begriff er, was er sah. Der Fluss stürzte nicht von oben die Klippe hinunter, sondern strömte von unten hinauf!
„Das Wasser fließt bergauf … unmöglich …“, murmelte Tom. In seinem Nacken kribbelte es, als ob er beobachtet würde. Er sah sich um, konnte aber niemanden entdecken. „Außer es ist das Werk dunkler Magie.“
„Oder es ist nur eine weitere Merkwürdigkeit von Kayonia“, bemerkte Elenna und bestaunte weiter den Wasserfall. „Wir halten besser die Augen offen.“
Sie rief Silver zu sich und befahl ihm, dicht bei ihr zu bleiben. Tom führte Storm zu dem See unterhalb des Wasserfalls, der von Büschen und Felsen umgeben war. Erst als sie näher kamen, entdeckte Tom einen schmalen Pfad, der den steilen Hang hinaufführte.
„Das sieht gefährlich aus“, sagte er. „Ich führe Storm am Zügel hinauf. Bleib du erstmal hier.“
Tom hielt seinen Schild vor sich, während er vorsichtig mit Storm den steilen Pfad hinaufkletterte. Auf dem losen Gestein war es nicht leicht, Halt zu finden.
Er seufzte erleichtert, als sie oben angekommen waren und das Goldene Tal sich vor ihnen erstreckte. Die Straße führte weiter am Fluss entlang. Sanft geschwungene Heidelandschaft breitete sich auf beiden Uferseiten bis zu den Rändern des Tals aus.
Aber Toms Erleichterung hielt nicht lange an. Irgendetwas an der Landschaft kam ihm seltsam vor, aber er wusste nicht, was es war.
„Du kannst jetzt hochkommen!“, rief er Elenna zu.
„Was ist los?“, fragte seine Freundin, als sie mit Silver den Pfad erklommen hatte. „Du siehst besorgt aus.“
„Irgendwas stimmt hier nicht“, erwiderte Tom und zog das Amulett aus seinem Hemd.
„Da entlang soll es zur Stadt gehen“, sagte er und deutete auf die Straße. „Auf der Karte sind Häuser eingezeichnet, aber ich kann sie nirgendwo sehen. Da ist nur ein See.“
„Das ist seltsam“, murmelte Elenna und blickte über Toms Schulter auf die Karte.
Tom steckte das Amulett zurück in sein Hemd. „Das Amulett hat uns noch nie in die falsche Richtung geführt“, meinte er.
Tom stieg auf Storms Rücken und half Elenna hinauf, dann ritten sie in das Tal. Als sie sich dem See näherten, konnte Tom dunkle Umrisse erkennen, die aus dem Wasser ragten. Unter der Wasseroberfläche war etwas. Plötzlich begriff er und erschauderte.
Er lenkte Storm an das Seeufer und sprang aus dem Sattel. Elenna stieg ebenfalls ab und zusammen traten sie an das sanft schwappende Wasser.
„Elenna, guck mal!“, sagte Tom. „Dieser gebogene Balken sieht aus wie ein Teil von einem Hausdach und die Äste da müssen Baumspitzen sein.“
„Ich sehe … Ställe“, sagte Elenna. „Da ist eine Scheune und ein Marktstand. Tom, das ist eine versunkene Stadt!“
„Wie konnte das geschehen?“, wunderte er sich.
Nebeneinander knieten sich Elenna und Tom ans Ufer und betrachteten die Unterwasserstadt. Silver schnüffelte misstrauisch am Wasser.
„Trink das bloß nicht“, warnte Elenna ihn und legte eine Hand in seinen pelzigen Nacken.
Tom betrachtete die Gebäude unter Wasser noch genauer. „Irgendetwas stimmt hier nicht. Es sieht so aus, als wäre der See von Menschenhand geschaffen. Jemand muss das Wasser vom Fluss hierher geleitet haben.“
Elennas Augen weiteten sich vor Überraschung.
„Warum sollte jemand eine Stadt überfluten wollen?“, grübelte sie nachdenklich. „Und was ist aus den Leuten geworden, die hier gewohnt haben?“
Tom stellte sich dieselbe Frage. Dann schüttelte er den Kopf. „Wir haben keine Zeit, uns darüber Gedanken zu machen“, sagte er entschlossen. „Wir müssen unsere Mission zu Ende führen und das nächste Biest finden.“
Tom blickte noch einmal auf das Amulett. Der Weg führte weiter durch das Tal zu einem felsigen Gebiet im Norden, das am Rand eines weiteren Sees lag.
Über diesem zweiten See erschien die Gestalt einer Fledermaus.
„Da ist das nächste Biest“, erklärte Tom.
Eiseskälte kroch seinen Rücken hinunter, als der Name des Biests auf der Karte erschien: Pharox.