Tom blinzelte mit zusammengekniffenen Augen in das schwache Licht. Er erkannte riesige Lederschwingen, die um den Körper einer gigantischen Fledermaus gewickelt waren, die von der Decke hing.
„Das ist also der Meister“, dachte Tom. „Pharox!“
Plötzlich ließ einer der Arbeiter seine Spitzhacke fallen, taumelte ein paar Schritte von der Wand weg und brach zusammen. Elenna wollte ihm helfen, aber Tom packte sie am Handgelenk. „Ich weiß, dass es schrecklich ist, nichts zu tun“, sagte er. „Aber wir dürfen uns nicht verraten.“
Elenna nickte und bedeutete Silver ebenfalls zurückzubleiben. Tom sah zu den Männern und ein Schaudern erfasste ihn, weil keiner dem Arbeiter zu Hilfe kam.
„Steh auf, na los!“, rief einer von ihnen vorsichtig.
„Du musst weiterarbeiten“, sagte ein anderer.
Doch keiner der Männer verließ seinen Posten. Unermüdlich hackten sie auf die Höhlenwand ein.
„Sie haben zu große Angst, um ihre Arbeit zu unterbrechen“, murmelte Tom. „So wie der Mann draußen im Krater.“
Der am Boden liegende Arbeiter versuchte, sich auf die Füße zu stemmen, aber jedes Mal, wenn er sich aufrichten wollte, brach er wieder zusammen. Tom sah die Verzweiflung in seinen Augen.
„Wir können doch nicht einfach hier stehen bleiben“, wisperte Elenna voller Mitgefühl.
Bevor Tom antworten konnte, ertönte ein ohrenbetäubender Schrei in der Höhle. Im dumpfen Licht war die Gestalt einer riesigen Fledermaus zu erkennen. Ein starker Windstoß fegte Tom die Haare aus der Stirn und er presste sich noch enger an die Felswand. Die Fledermaus, die neben dem Edelstein an der Decke gehangen hatte, flog nun mit weit ausgebreiteten Flügeln durch die Höhle. Ihre spitzen Ohren drehten sich hin und her und ihre Augen glühten bedrohlich.
„Pharox …“, wisperte Elenna.
Mit gebleckten Zähnen und ausgestreckten Krallen sauste das Biest auf den am Boden liegenden Mann zu. Als es näher kam, umgab Tom und Elenna plötzlich ein unheimlicher Nebel.
Elenna klammerte sich an Toms Arm fest. „Was ist los?“, zischte sie. „Ich kann nichts mehr sehen.“
Tom blinzelte heftig, bis er wieder klare Sicht hatte. Doch die Fledermaus und der Arbeiter waren verschwunden.
Die Arbeiter hatten nicht einen Moment aufgehört zu hacken. Stattdessen schwangen sie ihre Spitzhacken noch schneller.
„Hast du auch nichts mehr gesehen?“, fragte Elenna.
Tom nickte. „Der Minenarbeiter mit dem Pferdewagen war blind“, sagte er. „Und alle anderen Arbeiter hier sind es auch. Das muss Pharox’ Werk sein. Ist dir aufgefallen, dass wir in dem Augenblick nichts mehr sehen konnten, als er von seinem Platz an der Decke runtergekommen ist?“
„Ja, und jetzt, wo er weg ist, können wir wieder normal sehen“, erwiderte Elenna.
„Fledermäuse haben keine gute Sehkraft“, sagte Tom. „Aber Pharox schon. Er stiehlt sie von den Menschen, die in seiner Nähe sind.“
Elenna holte tief Luft. „Er ist das grausamste Biest, das wir je getroffen haben!“
Tom ballte die Fäuste. „Vielleicht“, sagte er. „Aber um den Edelstein zu bekommen, den wir für Freyas Heiltrank brauchen, müssen wir mit ihm kämpfen.“
„Das ist nicht alles, was wir tun müssen“, entgegnete Elenna. „Was auch geschehen mag, wir dürfen diese armen, blinden Männer nicht hier zurücklassen.“
Silver winselte leise, als ob er ihr zustimmte.
Tom rieb sich die Augen. Plötzlich fühlte er sich müde. Er musste an das schmerzverzerrte Gesicht seiner Mutter aus seinem Traum denken und große Sorge erfüllte ihn. Wie viel Zeit blieb ihnen noch, um sie zu retten?
Aber er konnte Elenna nicht widersprechen. „In Ordnung. Zuerst befreien wir die Minenarbeiter und dann kümmern wir uns um Pharox.“