„Wir tun am besten so, als wären wir neue Arbeiter“, sagte Tom. „Dann können wir auch etwas mehr über die Mine herausfinden.“
Elenna nickte und kniete sich vor Silver auf den Boden. „Bleib schön brav hier“, sagte sie und streichelte ihm über den Kopf. „Wir brauchen nicht lange.“
Silver winselte leise und ließ sich dann gehorsam neben dem Tunneleingang nieder.
Tom ging voraus in die Höhle. Als sie sich der gegenüberliegenden Wand näherten, blickte einer der Männer über die Schulter, aber er hörte nicht auf zu arbeiten.
„Wer ist da?“, rief er.
„Wir sind die neuen Arbeiter“, antwortete Tom. „Ich bin Tom und das ist Elenna.“
„Ihr seid der Ersatz für Toby, nehme ich an“, erwiderte der Mann, ohne seine Arbeit zu unterbrechen.
„Ihr kommt gerade recht“, fügte ein zweiter Arbeiter hinzu. „Mein Name ist Jed und das ist Hal.“
Tom warf Elenna einen Blick zu. Der Minenarbeiter draußen hatte Toby auch erwähnt. „Was ist mit Toby passiert?“, fragte er.
„Der Meister mag Leute nicht, die Fragen stellen“, sagte Hal.
Jed murmelte etwas, aber seine Worte wurden vom Hämmern seiner Spitzhacke fast vollständig verschluckt. Tom hörte nur das Wort „rebelliert“.
„Der Meister mag es außerdem nicht, wenn Arbeiter untätig herumstehen“, fuhr Hal fort. „Euer Werkzeug ist da drüben.“ Er deutete zu einer Stelle an der Wand gegenüber.
Tom und Elenna liefen hinüber und nahmen sich Spitzhacken von einem großen Werkzeughaufen. Zwischen Jed und Hal fanden sie Platz zum Arbeiten.
Tom schwang die Spitzhacke und ließ sie gegen die Wand krachen. Seine Arme wurden erschüttert, aber obwohl er mit aller Kraft zugeschlagen hatte, war auf dem Fels nur ein kleiner Kratzer erschienen.
„Das ist echt hart“, wisperte er Elenna zu.
„Ja, sehr hart“, sagte Jed. „Aber es ist eine gute Arbeit. Ihr könnt euch glücklich schätzen, dass ihr hierher geschickt worden seid.“
Tom sah, dass Elenna mit den Augen rollte. Sie war eindeutig anderer Meinung, sagte aber nichts.
Während er auf die Felswand einhackte, wandte Tom sich an Jed. „Auf unserer Reise sind wir an einer überfluteten Stadt vorbeigekommen“, sagte er. „Kommt das Wasser von hier?“
„Ihr müsst von weit weg stammen, wenn ihr das nicht wisst“, antwortete Jed. „Die Stadt war unsere Heimat. Als die Flut über sie hereinbrach, war es für uns eine Katastrophe, aber dann kam ein alter Mann zu uns –“ Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er aufgehört hatte zu arbeiten und er hackte aufs Neue los.
Hal erzählte weiter. „Der alte Mann berichtete uns, dass er Gold gefunden hatte. Also kamen wir hierher, um nach Gold zu schürfen. Es entschädigte uns für den Verlust unserer Heimat. Außerdem ist Kayonia auf unser Gold angewiesen“, sagte er mit stolzgeschwellter Brust. „Es hat uns alle reich gemacht!“
„Reich?“, rief Tom misstrauisch und konnte nicht glauben, was er da hörte.
„Ja“, sagte Jed. Dann senkte er die Stimme zu einem leisen Murmeln, das Tom im Lärm der Spitzhacken kaum hören konnte. „Es gibt das Gerücht, dass das Gold nur mithilfe starker Magie gefunden werden konnte.“
Tom erstarrte mitten in der Bewegung, seine Hacke hing in der Luft. Velmal! Wut erfasste ihn. Der böse Zauberer hatte das Leben dieser Menschen zerstört. Sie waren Sklaven, die arbeiten mussten, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrachen.
„Magie?“, wiederholte Elenna. Tom sah den Zorn in ihren Augen. „Habt ihr keine Angst, hier zu arbeiten?“
„Nein“, antwortete Jed. „Ich denke, es war gute Magie. Auch wenn wir unsere Sehkraft verloren haben, sind wir dankbar für die Arbeit, denn es bedeutet, dass für unsere Familien gut gesorgt wird.“
„Das stimmt“, sagte Hal. „Es gibt eine neue Stadt ein paar Meilen in Richtung Norden. Dort können sie wohnen, solange wir hier arbeiten.“
„Es ist nur ein kleiner Preis, den wir zahlen.“ Jed hieb mit aller Kraft gegen den Fels, um zu zeigen, wie hart er arbeiten konnte. Hal tat es ihm nach. Tom begriff, dass sie nicht noch mehr erzählen würden.
Schweiß rann Toms Rücken hinunter, obwohl er erst seit kurzer Zeit arbeitete. Nach dem Gold zu graben war anstrengender als die Arbeit in der Schmiede seines Onkels. Er konnte nicht glauben, dass die Männer freiwillig Sklaven waren. „Sich den Lebensunterhalt zu verdienen muss doch auch leichter gehen“, dachte er.
Nachdem Tom und Elenna eine Weile Steinbrocken aus dem Fels gehackt hatten, holte Tom einen Sack und schaufelte sie hinein. Goldstückchen glitzerten in den Steinen. Elenna half Tom, den Sack zu einem der wartenden Waggons zu schleifen. „Das Biest hat ihnen nicht nur die Sehkraft gestohlen“, wisperte Tom. „Es hat ihnen offenbar auch eine Gehirnwäsche verpasst.“
Elenna nickte. „Wir müssen einen Weg finden, ihnen zu helfen.“
Sie kehrten zur Felswand zurück und hackten weiter nach Gold. Tom fiel einfach nichts ein, was sie tun konnten. Es schien keine Möglichkeit zu geben, die Arbeiter aus der Mine zu bringen, ohne dass die Riesenfledermaus es bemerkte.
Plötzlich hallte ein lautes Kreischen durch die Höhle. Tom streckte sich und blinzelte in das rote Licht unter der Decke. Er fürchtete, dass sich das Biest wieder auf einen erschöpften Arbeiter stürzte. Aber stattdessen ließen die Männer ihre Werkzeuge fallen.
„Das ist das Signal, die Arbeit einzustellen“, sagte Jed zu Tom und Elenna. „Wir fahren jetzt zu unserer Schlafhöhle.“
Die anderen Männer hatten sich bereits in einer Reihe aufgestellt und jeder Arbeiter hatte die Hand auf die Schulter seines Vordermannes gelegt. Langsam schlurften sie durch die Höhle auf die Waggons zu, die sie wegbringen würden.
Tom und Elenna reihten sich in die Schlange ein. Da bemerkte Tom, dass er die Waggons nur verschwommen erkennen konnte. Egal, wie heftig er blinzelte, sie blieben unscharf.
Panik erfasste ihn und ihm wurde eiskalt. „Ich verliere meine Sehkraft, weil das Biest die ganze Zeit in der Nähe ist. Ich muss etwas unternehmen und zwar schnell!“