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Der Weg in die Freiheit

„Siehst du auch alles verschwommen?“, fragte Tom seine Freundin.

Elenna sah ihn verängstigt an. „Wir müssen hier raus – wir alle!“

Als sie hinter den Sklaven durch die Höhle gingen, hatte Tom auf einmal eine Idee. „Erinnerst du dich an den Weg, den wir hergekommen sind?“, murmelte er. „Wir sind an einer Gabelung vorbeigekommen. Der zweite Gang muss zur Schlafhöhle führen.“

Elenna machte ein hoffnungsvolles Gesicht. „Glaubst du, wir können die Fahrtrichtung der Waggons ändern, damit sie uns nach draußen bringen?“

„Wir können es versuchen“, meinte Tom. „Aber dafür müssten wir im ersten Wagen sitzen.“

„Ich weiß, wie wir das anstellen können“, sagte Elenna zuversichtlich.

Sie beschleunigte ihre Schritte, bis sie an der Spitze der Schlange war. Tom folgte ihr und hörte, wie sie mit dem Vorarbeiter redete.

„Ich bin noch nie im Schlafquartier gewesen. Ich fürchte mich ein bisschen.“

Tom musste ein Lachen unterdrücken. Wenn die Arbeiter wüssten, wie mutig Elenna in Wirklichkeit war!

Der Vorarbeiter brummte. „Das sind nur Höhlen. Nichts, wovor man Angst haben müsste.“

„Darf ich im ersten Wagen sitzen?“, fragte Elenna. „Damit ich besser erkennen kann, wo es hingeht?“

Tom hielt den Atem an, als der Mann zögerte, aber dann nickte er. „In Ordnung.“

„Ich setze mich zu ihr“, sagte Tom und legte einen Arm um Elennas Schultern. „Gut gemacht“, flüsterte er Elenna zu, als sie in den vordersten Waggon stieg. „Auf so eine Idee wäre ich nie gekommen.“

Tom gab dem Wagen einen Schubs, um ihn in Fahrt zu bringen, dann sprang er selbst hinein. Der Waggon fuhr ratternd über die holprigen Schienen. Plötzlich sprang etwas aus dem Dunklen zu ihnen herein und Tom erschrak.

„Es ist nur Silver“, sagte Elenna und lachte erleichtert.

Der Wolf saß hinter Tom und seine bernsteinfarbenen Augen glänzten im Fackellicht. Die Waggons mit den Arbeitern folgten ihnen die Schienen entlang.

„Da vorne ist die Gabelung“, sagte Elenna.

Auch Tom sah nun die Stelle, an der sich die Schienen verzweigten. „Dort ist der Schalthebel für die Weiche“, sagte er und deutete auf einen Metallhebel, der neben den Schienen aufragte. „Wenn ich ihn umschalte, sollten die Waggons in die andere Richtung fahren.“

Tom zog sein Schwert und kletterte auf den Rand des Wagens. Elenna hielt ihn fest und half ihm, das Gleichgewicht zu halten. Als sich der Waggon dem Hebel näherte, gab Tom ihm mit dem Schwert einen kräftigen Hieb. Der Hebel schwang herum. Die Schienen verschoben sich und alle Wagen fuhren auf die Gleise, die nach draußen führten.

„Ja!“, rief Tom begeistert und kletterte zurück in den Wagen.

Zunächst bemerkten die Minenarbeiter nicht, was geschah, aber als sie sich dem Minenausgang näherten, hörte Tom verwirrtes Gemurmel aus den Waggons.

„Was ist los?“, fragte ein Mann.

„Wohin bringt uns der Meister?“, fragte ein anderer. „Ich habe genug gearbeitet. Ich will etwas essen und mich ausruhen.“

„Sch!“, warnte ein dritter. „Du machst den Meister wütend. Er –“

Ein zorniges Kreischen ertönte aus dem Tunnel hinter ihnen. Das Gemurmel der Arbeiter verwandelte sich in panische Schreie. Tom hatte das Gefühl, als würde jeden Moment sein Herz stehen bleiben.

„Pharox hat uns entdeckt“, keuchte er.

Tom drehte sich um und sah die Fledermaus hinter dem letzten Wagen durch den Tunnel fliegen. Pharox’ glühende Augen waren starr auf die Sklaven gerichtet und er hatte die Zähne gebleckt. Sein Körper war mit Fell bedeckt, auch wenn Tom das nur schwach erkennen konnte. Das Biest verschwamm vor seinen Augen.

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„Er stiehlt noch mehr von unserer Sehkraft, wenn er näher kommt“, sagte Tom zu Elenna. „Wir müssen dieses Biest schnell besiegen!“

Er sprang aus dem Wagen und Elenna und Silver folgten ihm. Sie blieben neben den Schienen stehen, während die Waggons in Richtung Freiheit ratterten.

Tom packte sein Schwert und wartete auf seinen schrecklichen Gegner. Aber durch die Bewegung der Fledermausflügel wurde Staub aufgewirbelt, der den Tunnel vollständig einhüllte.

Tom konnte immer weniger sehen, je näher das Biest kam. Er wusste, dass er Pharox besiegen musste, um an den wertvollen Edelstein zu gelangen.

Plötzlich tauchte die Fledermaus wie aus dem Nichts auf und schwebte drohend über Tom. Er hob Schwert und Schild, um sich vor den Flügeln und den Krallen zu schützen. Er schlug wild auf das Biest ein und versuchte, es zurückzudrängen, aber die Schwertklinge rutschte immer wieder an dem dichten Fell ab.

Pfeile zischten an Toms Schulter vorbei. Doch die meisten von Elennas Geschossen verfehlten ihr Ziel. „Sie sieht nicht mehr gut“, dachte Tom. „Wir beide nicht. Wir müssen hier raus!“

Tom griff nach Elennas Hand und gemeinsam mit Silver flüchteten sie in Richtung Minenausgang. Pharox war ihnen dicht auf den Fersen und kreischte bedrohlich.

Endlich hatten sie das Ende des Tunnels erreicht. Toms Augen tränten und brann-ten, als er ins Freie trat. Das Sonnenlicht blendete ihn so sehr, dass er nun gar nichts mehr sah.

Da hörte Tom ein Kreischen, aber dieses Mal war der Schrei des Biests schmerzerfüllt. Tom blinzelte angestrengt und entdeckte Pharox im Mineneingang. An der Stelle, wo ein Sonnenstrahl auf seinen Flügel fiel, stieg Rauch auf. Pharox wand sich vor Schmerz und Verwirrung. Es schien so, als ob er nicht wüsste, wie er sich gegen das grelle Licht wehren sollte.

„Er verträgt das Sonnenlicht nicht!“, rief Tom Elenna zu.

Schnell zog sich Pharox in den Tunnel zurück. Sein verletzter Flügel hing schlaff herunter, als er schwerfällig davonflog. Dann war er verschwunden.

„Meine Augen werden wieder besser“, stellte Elenna erleichtert fest.

„Meine auch“, sagte Tom.

Die Minenarbeiter kletterten erstaunt aus den Waggons und konnten nicht glauben, dass sie im Freien waren. Tom hatte keine Zeit, mit ihnen zu sprechen. Er musste seine Mission erfüllen.

„Wir müssen wieder in die Mine“, sagte er zu Elenna. Seine Freundin folgte ihm, als er zum hintersten Wagen ging. Elenna kletterte hinein und Silver wollte ihr nach, aber sie drückte ihn sanft weg. „Nein, Silver“, sagte sie. „Du musst auf die Männer aufpassen.“

Silver jaulte protestierend, setzte sich dann aber gehorsam hin. Sein wedelnder Schwanz klopfte auf den Boden.

Tom schob den Wagen an und sprang zu Elenna hinein.

Sie fuhren aus dem Sonnenlicht in den dunklen Tunnel … zurück zu dem Biest.