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Blinder Kampf

Der Waggon raste durch den Tunnel und Tom bemerkte, dass er das Licht der Fackeln nur unscharf erkennen konnte. „Meine Sehkraft lässt schon wieder nach“, dachte er. „Und ich weiß, was das bedeutet. Das Biest ist in der Nähe.“

Tom war es, als könnte er den stinkenden Atem der Fledermaus riechen. Er hob seinen Schild in dem Moment, als das Biest sich von der Decke fallen ließ. Mit seinen ledrigen Flügeln schlug Pharox nach Tom. Die Krallen des Biests kratzten über den Schild und Tom wurde durch die Last der riesigen Fledermaus gegen die Wand des Waggons gedrückt.

Immer wieder holte Tom mit dem Schwert aus, aber er verpasste das Biest jedes Mal knapp, weil der Waggon jetzt immer schneller weiterraste. Pharox stieß einen wütenden Schrei aus. Mit seinem unverletzten Flügel schwang er sich in die Luft und flog ihnen nach. Er holte sie ein und krallte sich am Rand des Waggons fest. Tom und Elenna schrien erschrocken auf, als der Wagen zur Seite kippte.

Sie wurden aus dem Waggon geschleudert und landeten hart auf dem Boden. Tom tastete im schwachen Licht um sich, bis er Elennas Arm fand.

„Alles in Ordnung?“, fragte er.

„Ich glaube schon“, stöhnte Elenna.

Tom drehte sich nach Pharox um. Die Riesenfledermaus hockte hinter dem umgestürzten Waggon. Wut loderte in ihren Augen und sie schleuderte den Wagen zur Seite.

„Wir sollten dicht zusammenbleiben, falls wir im Kampf mit dem Biest blind werden“, sagte Tom zu Elenna. „Am besten wir binden uns mit deinem Seil aneinander, damit wir immer wissen, wo der andere ist.“

„Gute Idee“, erwiderte Elenna. Sie zog ein Seil aus ihrem Köcher und band das eine Ende um ihr Handgelenk und das andere um Toms.

Tom blinzelte, aber er konnte seine Freundin nicht mehr sehen. Die Fackeln an der Wand waren nur noch helle Flecken, die den Tunnel nicht genug erleuchteten. Seine Sehkraft war fast vollständig verschwunden.

„Ich muss blind kämpfen“, dachte er und unterdrückte seine Angst. „Dann soll es so sein. Ich kämpfe weiter, egal was passiert.“

Tom stand auf und stieß mit Elenna zusammen. Nur das Flügelschlagen und ein Windstoß verrieten ihm, dass Pharox ganz nah sein musste. Bevor er sein Schwert jedoch heben konnte, bekam er einen Schlag gegen die Schulter. Der Hieb war so hart, dass er beinahe auf die Knie fiel.

Irgendwie gelang es Tom, auf den Füßen zu bleiben. Er holte aus und spürte, wie sein Schwert durch einen ledernen Flügel schnitt. Der schrille Schrei des Biests dröhnte in Toms Kopf. Er machte einen Schritt rückwärts und fühlte, wie Elenna an dem Seil zog.

„Dreh dich mit dem Rücken zur Wand“, sagte er. „Dann kann uns Pharox nicht von hinten angreifen.“

Er packte den Schwertgriff mit beiden Händen und holte aus. Doch er erwischte nur Luft. Plötzlich hörte er Flügelschlagen über sich. Gerade noch rechtzeitig hob er sein Schwert nach oben und wehrte Pharox ab, der sich von der Decke auf ihn stürzte.

„Ich glaube, mein Gehörsinn wird besser“, dachte Tom.

Sehen konnte er von Pharox nur einen schattenhaften Umriss. Aber hören konnte er das Biest sehr gut – jedes Zischen und Flügelschlagen. Tom hieb in Richtung des Geräuschs und hörte Pharox knurren, als er dem Schlag auswich.

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„Du hast mir meine Sehkraft geraubt, aber hören kann ich dich trotzdem!“, rief Tom.

Im gleichen Moment hörte er Elenna triumphierend aufschreien. „Ich kann ihn auch hören! Jetzt weiß ich, wohin ich zielen muss.“

Tom blieb ganz still stehen. Er hörte Krallen über Stein scharren. Das Biest versuchte, sich über den Boden anzuschleichen. Schnell ließ er sein Schwert nach unten sausen und spürte, wie es Pharox’ Körper traf.

Die Riesenfledermaus schrie vor Schmerz und erhob sich in die Luft. Tom spürte warmes Blut auf seinen Arm tropfen.

„Ich habe ihn verletzt!“, dachte Tom. Vielleicht konnte er diesen Kampf doch noch gewinnen.

Das Biest hatte sich zurückgezogen. Tom spitzte die Ohren und hörte sein zorniges Grummeln. Sein Gehör war jetzt so gut, dass er sogar Pharox’ Herzschlag hören konnte. Zögernd trat er vor und folgte dem Geräusch.

Pharox sauste wieder durch die Luft. Diesmal war er so schnell, dass er Tom gegen die Wand schleuderte. Tom stolperte und fiel hin. Sein Schwert fiel klappernd zu Boden.

Verzweifelt tastete Tom auf dem schmutzigen Tunnelboden nach dem Schwert. Als sich seine Finger um den Griff schlossen, hörte er ein neues Geräusch. Es dauerte einen Moment, bis er es erkannte.

„Wasser!“, rief er. Tom streckte die Hand nach der Wand aus und drückte das Ohr dagegen. „Hinter dem Fels ist Wasser.“

„Das muss der See sein“, meinte Elenna.

Tom dachte an die überflutete Stadt und das viele Wasser, das sich hinter der Wand befand.

„In dem Wasser würde die Fledermaus ertrinken“, dachte er. „Oder es würde sie nach draußen ins Sonnenlicht spülen. Es gibt nur ein Problem – wie soll ich die Mine fluten?“