Bevor Tom eine Möglichkeit einfiel, wie er das Wasser in die Mine leiten konnte, griff Pharox erneut an. Tom hob schützend seinen Schild hoch und ging rückwärts. Dabei zog er Elenna am Seil mit sich. Plötzlich entdeckte er einen Lichtstrahl, der durch einen Spalt in der Tunneldecke hereinschien und seine vernebelte Sicht kurzzeitig verbesserte.
„Hier entlang“, drängte er Elenna. „Pharox wird es nicht wagen, durch das Licht zu fliegen.“
„Besiegen wird ihn das aber auch nicht“, meinte Elenna.
„Ich weiß“, erwiderte Tom und steckte sein Schwert ein. „Aber ich habe eine Idee!“
Er durchsuchte den Beutel, den er an seinem Gürtel befestigt hatte. Er brauchte den magischen Spiegel aus Gwildor, mit dem er Paragor, den Teufelswurm, besiegt hatte. Wenn Licht von dem Spiegel reflektiert wurde, dann konnte es den härtesten Stein durchschneiden. Er hörte Pharox wütend zischen, als er versuchte, an dem Lichtstrahl vorbeizukommen.
„Beeil dich!“, sagte Elenna. „Das Licht wird Pharox nicht ewig aufhalten.“
Tom zog den magischen Spiegel hervor. Die Diamanten auf der Rückseite glitzerten im Sonnenlicht. Tom wünschte, er könnte besser sehen.
Er hielt den Spiegel schräg ins Licht und fing einen Sonnenstrahl auf. Dieser wurde gespiegelt und traf gegen die Tunnelwand. Schon bald roch es nach Rauch und Tom hörte, wie Steine sich aus der Wand lösten, dann zischte es laut. Schließlich sprenkelten Wassertropfen sein Gesicht. Er hatte ein Loch in die Wand gebrannt!
„Es funktioniert“, freute sich Elenna.
Ein lautes Krachen übertönte ihre Worte und mit einem lauten Wusch! schoss das Wasser aus der Wand. Sofort wurden Tom und Elenna von den Fluten mitgerissen.
Tom spürte, wie sich der Beutel mit den Schatzstücken aus Gwildor durch den Wasserdruck von seinem Gürtel löste. Er griff schnell danach, aber es war schon zu spät! Das Wasser hatte ihm den Beutel gestohlen!
„Nein!“, rief Tom und dachte an die Mühe, die es ihn gekostet hatte, die Schatzstücke zu gewinnen. „Ich werde sie nie wiederfinden!“ Tom und Elenna wurden von der Flut herumgewirbelt und Tom konnte sich nur schwer über Wasser halten. Immer tiefer wurden sie in die Mine hineingespült. Tom spürte, wie sich das Seil an seinem Handgelenk straffte. Er wurde hin und her geschleudert und das Seil wickelte sich dabei um seine Brust.
Tom konnte Pharox nicht sehen, aber er hörte ihn kreischen und um sich schlagen. Eine Kralle erwischte ihn an der Schulter und ihm wurde schwindelig. Betäubt vor Schmerzen sank Tom unter die Wasseroberfläche und konnte sich nur mit großer Mühe wieder nach oben kämpfen. Als er wieder Luft bekam, entdeckte er ein Licht über sich. Tom begriff, dass sie in die große Höhle gespült worden waren, wo sie zuvor gearbeitet hatten. Sonnenstrahlen tanzten jetzt auf dem Wasser. Sie fielen durch Spalten in der Decke, die mit der steigenden Flut immer näher kam.
Tom hörte Pharox’ Flügel auf das Wasser klopfen. Das Biest schrie vor Schmerz, als es von dem Sonnenlicht getroffen wurde. Toms Sehkraft verbesserte sich langsam wieder.
Er konnte die Riesenfledermaus erkennen, die von der Flut unter den größten Spalt in der Decke gedrängt wurde. Das Biest kämpfte gegen das Ertrinken, schlug mit den Flügeln und trat wild mit den Füßen um sich. Seine Schreie hallten ein letztes Mal von den Wänden wider, dann ging Pharox gurgelnd unter. Plötzlich explodierte der Körper des Biests und Hunderte kleiner Fledermäuse flogen in die Luft.
„Du hast es geschafft, Tom“, keuchte Elenna. „Wir haben gewonnen!“
Tom war erleichtert, dass das Biest besiegt war.
„Aber es ist noch nicht vorbei“, sagte er und hielt angestrengt Mund und Nase über Wasser. „Wenn wir der Flut nicht entkommen, ertrinken wir.“
Tom und Elenna konnten nicht richtig schwimmen, weil das Seil zwischen ihnen sie immer wieder unter Wasser zog. Toms Brust brannte heftig, als er sich zur Oberfläche hoch kämpfte, um Luft zu holen. Wenn er nur den Beutel mit den Schatzstücken noch hätte! In dem Beutel war eine Perle, mit der er unter Wasser atmen konnte.
„Hier, nimm das!“, rief er Elenna zu und reichte ihr den Schild. „Leg dich drauf, dann bleibst du über Wasser. Ich brauche eine freie Hand für mein Schwert.“
Tom zog das Schwert aus der Scheide und säbelte das Seil durch, das ihn mit Elenna verband. Jetzt konnten sie viel besser schwimmen.
Tom suchte keuchend nach einem Ausweg. Die steigende Flut trug sie zu den Spalten in der Höhlendecke.
„Da können wir rausklettern“, sagte er.
Plötzlich erinnerte Tom sich daran, was sich noch in der Höhle befand. „Der rote Edelstein!“, rief er. „Ich kann nicht ohne ihn gehen, sonst wird meine Mutter sterben!“
Tom tauchte unter und suchte nach dem Edelstein. Schwach konnte er den roten Schimmer erkennen. Dann holte er so tief Luft, wie er nur konnte, und tauchte in Richtung des roten Schimmers.
Als Tom die Stelle erreichte, wo der Edelstein in der Höhlenwand steckte, brannte seine Lunge und in seinen Armen war kaum noch Kraft.
Das Gewicht des Wassers drückte Tom nach unten und alle Bewegungen erschienen ihm schwerer. Mit der Schwertspitze versuchte Tom, den Juwel aus der Wand zu hebeln. „Es geht nicht“, dachte er. „Ich muss Luft holen. Moment …“ Der Edelstein löste sich langsam aus der Wand. Er hatte es geschafft! Tom schnappte sich den roten Stein, bevor er sinken konnte.
„Jetzt schwimm!“, befahl er sich selbst.
Als er die Wasseroberfläche durchbrach, holte er gierig Luft. Elenna schwamm neben ihm.
„Du hast ihn gefunden!“, rief sie und deutete auf den glänzenden Edelstein in Toms Hand.
„Ja!“, keuchte Tom. „Und jetzt müssen wir –“
Er unterbrach sich, als sein Kopf gegen die Höhlendecke stieß. „Das Wasser steigt immer noch!“, rief er. „Wir müssen hier raus!“