1. Kapitel

5. Mai, Mittwoch, morgens

»Boah, Leia, wie oft soll ich das noch sagen? Nicht beim Essen! Weg mit dem Ding!« Pamela Schlonski knallte zwei Müslischalen, Löffel und Hafermilch auf den kleinen Tisch neben der Küchenzeile, und ihre Tochter beeilte sich, ihr Smartphone in Sicherheit zu bringen.

»Menno. Ich wollte nur schnell meine Rezi zum neuen Buch aus der Stachelkronen-Reihe posten, bevor Sandy sich da wieder draufsetzt«, maulte sie. Wie grundsätzlich alle Vierzehnjährigen ordnete sie die Prioritäten im Leben anders an als ihre Erziehungsberechtigte.

»Es gibt Wichtigeres, als die Erste vor Sandy-ich-kenne-alle-neuen-Bücher zu sein«, kommentierte Pamela das. »Ein ordentliches Frühstück gehört dazu. Hier, schäl schon mal den Apfel. Aber die Kitsche nicht wieder in mein Müsli, klar? Ich mach den Kaffee.«

Während Leia nach dem Obst und dem Küchenmesser griff, erklärte sie: »Bei Sandy ist das was anderes, Mama. Prettysandy_buchkritik ist schon siebzehn, wohnt in München und hat über elftausend Follower. Aktuell sind es elftausendzweihundertunddrei!« Leia seufzte tief, was Pamela wohl die bewundernswerte Unglaublichkeit einer solchen Zahl vor Augen führen sollte. »Wenn sie das Buch vor mir bespricht, sieht das so aus, als hätte ich das abgeguckt.«

»Beachte ihre Seite doch einfach nicht mehr«, schlug Pamela vor.

»Ich soll Pretty Sandy nicht mehr folgen? Aber dann krieg ich doch gar nicht mit, was die postet!«, empörte Leia sich und holte bereits Luft für weitere Argumente.

»Das wäre der Sinn der Sache«, brummte Pamela, während sie mit Filtertüte und Kaffeedose hantierte. Doch ihre Worte verhallten ungehört im Schwall der hohen Teenagerstimme. Im Kopf ging Pamela bereits die Jobs des heutigen Tages durch. Blick zur Küchenuhr. Wie jeden Wochentag würde sie sich in einer halben Stunde mit Ahsen in der Basis treffen. So nannten sie den von ihnen angemieteten Abstellraum unten im Garagenhof, in dem sie alles lagerten, was die kleine Firma Sauberzauber für ihre Arbeit so benötigte. Sauberzauber bestand nur aus ihrer Kollegin und besten Freundin Ahsen und Pamela selbst. Die Bezeichnung Basis stammte natürlich von Ahsen, die als leidenschaftlicher Fernsehkrimifan gern so tat, als gehöre sie selbst zu einem Ermittlerteam. Auch wenn sie bei Tatort und Co. nie erriet, wer der Mörder wirklich war. Pamela liebte ihre morgendlichen Zusammenkünfte. Ohne die Runde Klatsch und Tratsch wäre der Arbeitsalltag nur halb so schön. Meist besprachen sie, was bei ihnen am jeweiligen Tag anlag.

Für Pamela stand heute der Fotoklub ganz oben auf der Liste. Der machte in der Regel nicht viel Arbeit. Nur nach diesen Vernissagen alle paar Wochen war immer mal wieder mehr zu tun, vor allem in der Teeküche und auf den Toiletten. Aber heute war nur die übliche wöchentliche Grundreinigung dran. Danach Ehepaar Kerstin und Olga in Bredenscheid. Und nach der Mittagspause noch Opa Klöke. Für den würde sie auf dem Hinweg schnell in den Rewe springen und ein bisschen frisches Gemüse einkaufen. Natürlich gehörte das nicht zu ihrem eigentlichen Job, aber der zerknitterte Alte war Pamela in den letzten Jahren ans Herz gewachsen. Und bis Opa Klöke mit seinem Rollator mal in Gang käme, wäre er schon an Vitaminmangel dahingesiecht.

» … deswegen ist es total wichtig, dass ich schon gleich morgens meinen Post absetze. Das musst du doch verstehen«, schloss Leia gerade ihre Argumentationskette und schnipste das letzte Apfelstückchen in Pamelas Müslischale.

»Dann stellst du dir morgen den Wecker zehn Minuten früher. So hast du auf jeden Fall Zeit, um das vor dem Frühstück zu erledigen, okay?«, schlug Pamela vor. Verfügten eigentlich alle Alleinerziehenden über die Fähigkeit, das Frühstück vorzubereiten, über die anstehende Arbeit nachzu­denken und im richtigen Augenblick in die selbst­reflektierenden Monologe ihrer pubertierenden Nachkommen hineinzugrätschen?

Leia überlegte kurz. Der Kampf des Teenagerschlafmonsters in ihr gegen den Bloggerinnenehrgeiz war ihrem stupsnasigen Gesicht deutlich anzusehen. Doch schließlich siegte der Eifer, die weltbeste Buchbesprecherin auf Instagram zu werden. »Gut. Mach ich«, entschied sie nickend. »Aber heute darf ich noch mal ganz schnell …?« Sie zog ihr Handy unter dem Tisch hervor, und ihre Finger flogen über das Display.

Pamela seufzte und goss sich Hafermilch über ihr Müsli. Manchmal kam ihr das Leben der heutigen Halbwüchsigen um Meilen entfernt vor von dem, was sie damals am Rand des Ruhrgebiets erlebt hatte. Sie war hier in Hattingen aufgewachsen, nahe Bochum und Essen, hatte immer im Stadtteil Holthausen gewohnt und kannte die Umgebung wie ihre Westentasche. In ihrer Kindheit und Teeniezeit hatte es Abenteuerspiele auf dem Hüttengelände gegeben. Osterfeuer bei der Landjugend. Kino und Eisdiele und Freibad. Paddeln auf der Ruhr. Rollschuhlaufen am Kemnader Stausee. Die Vergnügungen damals kamen ihr im Gegensatz zu diesem ganzen Social-Media-Gedöns von Leia und ihren Freundinnen reichlich naiv und kindlich vor. Aber es hatte seinen ganz eigenen Reiz gehabt. Kindheit am Rande des Potts, wo der Himmel abends rot aufglühte, wenn die Hochöfen abgestochen wurden.

Zwanzig Minuten später verabschiedete Pamela sich vor der Haustür mit einem »Vergiss nicht, nach der Schule bei Papa vorbeizugehen!« von ihrer Tochter.

Leia schwenkte die Handyhand und rief: »Kann ich nicht vergessen. Mike schickt mir bestimmt noch zwanzig Messages als Erinnerung.« Damit war sie verschwunden.

»Mike?«, ertönte hinter Pamela die vertraute tiefe Stimme ihrer liebsten Freundin.

Sie wandte sich um; Ahsen stand bereits an der Tür zur Basis. Ihre Kollegin war einen Kopf kleiner als sie, mit strahlenden Augen im schönen Gesicht und anziehenden Rundungen.

»Morgen, Süße«, begrüßte Pamela sie, während Ahsen die Tür aufschloss.

»Was soll denn dieses Ge-Mike deiner Kleinen?«, erkundigte Ahsen sich, während sie drinnen routiniert Eimer, Putzmittel, Mikrofasertücher und Baumwolllappen in ihre Putzboxen packten, die sie heute für ihre Jobs benötigten.

»Das ist jetzt ganz neu«, erklärte Pamela. »Leia findet es erwachsener, wenn sie ihren Vater beim Vornamen nennt.«

Die sieben Jahre jüngere Ahsen, deren Kinder Abdi und Kaya noch im Grundschulalter waren, rollte mit den dunkelbraunen Augen. »Und wie nennt sie dich?«

»Mama«, erwiderte Pamela. Sie mussten lachen.

»Meine Mutter würde mir was tuten, wenn ich sie plötzlich Aisha nennen würde«, erklärte Ahsen. Durch das schmale Fenster der Basis sah Pamela kurz zu dem fünfstöckigen Wohnhaus hinüber, in dem sie mit Leia in der dritten Etage wohnte. Oft erschien ihre eigene Mutter um diese Uhrzeit hinter dem Küchenfenster der Erdgeschosswohnung und winkte ihnen zu, mit dem ersten starken Kaffee in der anderen Hand. Doch heute ließ sie sich nicht blicken. Vielleicht war sie auch schon mit den Mädels von der AWO zum Frühstück unterwegs.

»Ja, ich werd auch immer Mama zu meiner Mama sagen und nicht Marlies«, stimmte Pamela ihrer Freundin zu. Und ihr Vater, setzte sie still für sich in Gedanken hinzu, würde für sie niemals etwas anderes sein als Papa – wenn er doch noch da wäre.

»Ich wette, du errätst nicht, wie viel Trinkgeld ich gestern von der Doktor Hahnenfuß-Weipeler bekommen habe«, flötete Ahsen und läutete damit die tägliche, von beiden heiß geliebte Runde Klatsch und Tratsch ein. Frau Dr. Hahnenfuß-Weipeler und ihr Mann Prof. Dr. Hahnenfuß waren beide Dozenten an der Bochumer Uni und stets darauf bedacht, auch für Sonderleistungen wie Fensterputzen einen möglichst geringen Aufpreis auszuhandeln. Pamela legte den Kopf schief. »Wenn du das so sagst, mit diesem …«, sie warf ihrer Freundin einen Seitenblick zu, »triumphierenden Grinsen, tippe ich mal auf … einen Zehner?«

»Es war ein Hunni!« Ahsen freute sich.

Pamela klappte der Unterkiefer runter. »Darf ich fragen …?« Ahsen hob in theatralischer Geste die Hände. »Es war mal wieder Bettenbeziehen dran. Dr. Hahnenfuß, also sie, war im Arbeitszimmer mit ihrem Diktiergerät zugange. Das konnte ich hören, weil sie die ganze Zeit vor sich hin näselte. Jedenfalls, wie ich so die Decke vom Ehebett zurückschlage, liegt da so ein Ding. Wie heißt das noch?« Ahsen wandte sich zu ihr um und machte mit der Hand vorm Schritt eine eindeutige Geste.

»Ein Dildo?«, riet Pamela und musste sich jetzt schon ein Grinsen verkneifen.

»Genau. Mit so einem Gürtel dran.« Wieder die Geste rund um ihren Unterleib. »Du weißt schon.«

»Ein Harness?«

Ahsen sah sie für einen Moment mit großen Augen an. »Woher weißt du, wie die Dinger alle heißen – so als geschiedene Singlefrau?« Pamela hob die Brauen. Ahsen winkte ab. »Ist ja egal. Jedenfalls, ich denk so: Was mach ich jetzt damit? Stört doch beim Bettenmachen. Hab es dann auf die Kommode gelegt. Mit der war ich schon fertig. Bett beziehen, Bad machen, gesaugt, gewischt. Alles wie immer. Ehrlich, ich hab an das Ding gar nicht mehr gedacht. Kann mir doch egal sein, was die Doktorin und der Professor so machen. Als ich mit meinem ganzen Kram dann runtergehe, ruf ich zu Dr. Hahnenfuß rein: ›Hier oben bin ich fertig. Das Bett ist auch bezogen. Ich mach dann unten weiter.‹ Sie so: ›Ja, danke.‹ Aber dann. Dann ist da plötzlich so ’ne Stille. Und ich meine Totenstille, verstehst du? Nix mehr Näseln oder Telefonieren oder Tastaturgeklapper. Und als ich dann zwei Stunden später unten auch fertig bin, liegt da neben meiner Tasche im Flur ein Hunni. Ich ruf so zu ihr hoch, die haben oben ja die Galerie, ›Ähm … Frau Dr. Hahnenfuß-Weipeler, hier liegt Geld‹, ruf ich so. Sie so aus dem Arbeitszimmer: ›Ein bisschen Trinkgeld für Sie, Ahsen.‹ Sie sagt Ahsen immer so, als wollte sie eigentlich Arsch sagen, aber gerade noch die Kurve kriegen, zum Piepen, oder? Ich wieder: ›Haben Sie sich da vielleicht beim Schein vergriffen? Das ist ziemlich viel.‹ Da kommt sie ans Geländer von der Galerie und lächelt mich ganz freundlich an – obwohl man doch sonst immer denkt, die kann gar nicht lächeln. ›Ein kleiner Bonus, weil Sie immer so diskret sind‹«, ahmte Ahsen ein von klimpernden Wimpern begleitetes Säuseln nach. Sie prusteten beide los und mussten so sehr lachen, dass für ein paar Minuten nichts mehr ging.

»Das bleibt unter uns, klar?!«, mahnte Ahsen, als sie sich schließlich die Tränen aus den Augen wischten und ihre Boxen noch einmal überprüften. »Nicht Marlies erzählen!« Pamela würde einen Teufel tun und Ahsens betuchte Kunden ihrer klatschsüchtigen Mutter zum Fraß vorzuwerfen und hob die Hand zum Schwur. »Versprochen! Aber danke für den Lachflash des Morgens.«

»Gern. Dann haben wir das auch schon erledigt«, sagte Ahsen, und sie wieherten wieder los.