Es regnete in Strömen.
Pamela stakste mit ihrer Putzbox bewaffnet durch den Vorgarten der Familie Petrow. Die Haustür wurde aufgerissen, und zwei Jungs in Leias Alter stürzten heraus.
»Hi, Pamela!«, tönte es stimmbruchquietschend.
»Tach, ihr Dullis!«
Den Jungen folgte mit flatterndem Jackett ihr Helikoptervater Uri.
»Wir sind zu spät!«, rief er ihr zu und galoppierte seinen Söhnen hinterher zum vor dem Haus geparkten VW-Bus. Die Haustür ließ er für sie offen stehen, und sie schlüpfte schnell hinein. Gerade als sie sie hinter sich zukickte, düste der Petrow’sche Bus los.
Pamela fragte sich, wann die Söhne von Uri und Jan jemals pünktlich zur Schule kamen. Freitags jedenfalls nicht, denn da tobte regelmäßig das Männerhaushaltschaos. Uris Ehemann Jan war bereits aus dem Haus, wenn sie ankam. Aber Uri und die Jungs steckten meist gerade mitten in der Flucht.
Sie stellte die Box ab und begab sich auf einen kurzen Orientierungsgang durchs Untergeschoss.
Ihre Stellen hatte sie in drei unterschiedliche Kategorien eingeteilt: Die Ordentlichen, die vor ihrem Erscheinen die Bude tippitoppi aufräumten, sodass sie wie ein Orkan durch die Wohnung donnern konnte, das liebte sie. Dann gab es die Häufchenmacher. Und die Nippesleute, die neben Unordnung auch noch jede Menge unnützen Krams herumstehen hatten – bei denen dauerte eine Grundreinigung dann eine Stunde länger.
Die Petrows gehörten zu den Kunden, die vor Pamelas wöchentlichem Einsatz dem Häufchenprinzip folgten: Da vier Männer in einem Haus es einfach nicht fertigzubringen schienen, ordentlich aufzuräumen, wurde alles, was sich in der Woche an Krempel auf Tischen, Stühlen, Sideboards, Fensterbänken und dem Fußboden angehäuft hatte, dem jeweiligen Verursacher zugeteilt und zu praktischen Häufchen aufgetürmt, die Pamela beim Putzen nur von links nach rechts zu schieben brauchte. Sie konnte also starten, füllte den Eimer mit warmem Wasser und Putzmittel, schnappte sich zwei Tücher, eins für nass, eins zum Trocknen, und machte sich über die Küche her.
Während sie zuerst von den Oberflächen alle Krümel auf den Boden wischte und dann sauber nachpolierte, versuchte sie, nicht nachzudenken.
Weder über die Fotos mit den Lack-und-Leder-Ladys noch über Winters krebsrotes Gesicht, als er auf der wackeligen Treppe an ihr vorbeigestürmt war, und schon gar nicht über den Oberschlaukommissar, der ihr mit ernster Miene sagte, sie habe sich strafbar gemacht und … sie solle nicht mehr daran denken.
»Hat ja recht«, brummelte sie, während sie die Kaffeemaschine säuberte. »Dat is nix für mich. Genauso wenig wie die Drecksarbeit bei Tatortreinigungen und so. Hätte mit dem Winter auch ganz schön in die Hose gehen können.«
Da fiel ihr ein: Wer würde eigentlich das Fotostudio in Ordnung bringen, wenn es wieder freigegeben war? Musste sie das etwa machen?
Das Studio, in dem Neumann seinen letzten Atemzug getan hatte. Und in dem so viele Fotos von streng oder lasziv in die Kamera guckenden Dominas gemacht worden waren.
Nicht dran denken, hatte Vogt gesagt. Leichter gesagt als getan. Vor allem, weil sie schon den ganzen Morgen ein schlechtes Gewissen piesackte. Weil sie ihm ja nichts davon gesagt hatte, dass sie mit dem Handy diese Fotos geschossen hatte, von den Bildern und von den Zetteln, auf denen die horrenden Einnahmen standen.
Sie hatte es ja sagen wollen. Aber dann hatte er damit angefangen, dass Ahsen und sie Hausfriedensbruch begangen hatten und so. Wer weiß, was er dazu gesagt hätte, wenn sie ihm dann noch mit den Bildern gekommen wär? Eine vorbestrafte Mutter wollte sie Leia nicht zumuten. Obwohl die das womöglich sogar spannend fände. Vielleicht würde sich das auf Instagram sogar gut machen?
Ahsen jedenfalls hatte nach ihrem Anruf gestern Abend beteuert, dass sie ab jetzt doch lieber nur die Fernsehkrimis lösen würde.
»Hausfriedensbruch?«, hatte sie geflüstert. »Mann ey, wenn Papa das erfährt. Nee, da bin ich raus.«
Vollkommen verständlich. Aber ihre Freundin hatte ja nicht die Originale der Bilder gesehen. Sie hatte nicht diese Zettel in der Hand gehalten, die in Pamela diese untrügliche Gewissheit ausgelöst hatten, dass hier etwas verdammt noch mal nicht stimmte. Ja, bei Winter stimmte etwas ganz sicher nicht, und Pamela hätte beide Hände dafür ins Feuer gelegt, dass es etwas mit den Geldbeträgen für die Domina-Fotos zu tun hatte.
Leider hatte sie natürlich keine Chance rauszufinden, ob sie mit diesem Verdacht richtiglag. Wie sollte sie in Erfahrung bringen, ob Winter die hohen Einnahmen, die er mit den Fotos der Lack-und Leder-Ladys einstrich, auch ordnungsgemäß versteuerte?
Moment mal! Was dachte sie da eigentlich? Sie wollte doch nicht mehr darüber nachdenken! Energisch schüttelte Pamela den Kopf und setzte ihre Arbeit fort.
Das Petrow’sche Haus kannte sie schon seit Jahren, jeder Winkel war ihr vertraut, jede Ecke, auf die sie ein besonderes Auge haben musste. Verflixt, so hatte sie jede Menge Zeit für neue Ideen.
Sie nahm sich ein Beispiel an Ahsen und sang ein paar Songs. Dann stellte sie Spotify an, tanzte zu ihren Lieblingshits mit dem Staubwedel, schmetterte die Refrains mit. Nichts funktionierte.
Sie war ganz sicher eine der weltbesten Reinigungskräfte, kochte sehr gut, konnte Rollschuh laufen, puzzeln und Knoten entwirren, verstopfte Abflüsse beheben, den Receiver selbst programmieren und beherrschte das Wechseln von Autoreifen ebenso wie komplizierte Hochsteckfrisuren für Teenager. Aber in An-irgendwas-super-Spannendes-nicht-Denken war sie eine echte Niete.
Als sie nach drei Stunden die Haustür hinter sich abschloss, tröpfelte es nur noch vom Himmel.
Sie verstaute die Putzbox und fuhr ein paar Straßen weiter, wo sie in nicht mal zwei Stunden die Wohnung von Ursula zum Glänzen brachte. Die Dramaturgin am Bochumer Schauspielhaus war eigentlich nie zu Hause. Entsprechend wenig war zu tun. Entsprechend viel konnte Pamela denken. Es war wie verhext.
Um kurz nach eins hatte sie auch diesen Job erledigt, schrieb Ursula einen Zettel, dass das Fenster im Bad sich nicht mehr kippen ließ und repariert werden musste, und saß schon wieder in ihrem Auto.
»So«, machte sie und trommelte mit den Fingern aufs Lenkrad. »Leia kommt nach dem Chor heute erst abends heim. Kochen also erst später. Ich könnte jetzt in der Mittagspause einkaufen. Ja, gute Idee«, stimmte sie sich selbst zu. Und hatte plötzlich ihr Smartphone in der Hand und das Internet geöffnet.
Eine harmlose Internetrecherche galt doch nicht als Einmischung? Hausfriedensbruch war es jedenfalls definitiv nicht. Und schließlich wusste niemand, dass sie diese Internetadressen besaß.
Pamela öffnete die erste.
Oha. Okay. Das war wirklich speziell. Diese Lady hier konnte nicht nur Lack und Leder, sondern auch Dirndl in Böse. Das musste man erst mal bringen. Die genannte Adresse erklärte es: Wenn man Die strenge Maid besuchen wollte, musste man nach Bayern fahren.
Die nächste Domina, deren Webadresse Pamela eingab, war in Hamburg zu finden. Eine weitere irgendwo in Sachsen.
Ganz schön weit verstreut übers Land waren die Damen. Und scheuten offenbar nicht den Weg in das Studio des Fotoklubs Hattingen.
War Winter wirklich so gut? Die Bilder waren gestochen scharf und strahlten eine gewisse Kühle aus, wirkten tatsächlich künstlerisch. Jede der Frauen hatte ihren ganz eigenen unverwechselbaren Stil. Diese beiden hier zum Beispiel: Eine Weißblonde und eine Rothaarige posierten gemeinsam in mittelalterlich wirkenden Kostümen, die viele Stofflücken für Haut und jede Menge Raum für Fantasie ließen. Schneeflittchen und Dornhöschen, las Pamela am unteren Bildrand und kicherte. Humor hatten die jedenfalls.
Die Weißblonde wirkte so unnahbar wie eine Göttin. Die Rothaarige dagegen … Pamela zog mit Daumen und Zeigefinger das Bild groß. Die Rothaarige sah aus wie … Sie sah aus wie … Pamela starrte in das Gesicht der hübschen Frau, das vor Sommersprossen beinahe braun schien.
Dann suchte sie auf der Webseite nach den Kontaktdaten.
»Ha!«, entfuhr es ihr laut.
Eine ältere Dame auf dem Bürgersteig, die mit ihrem Einkaufstrolli gerade neben dem Auto unterwegs war, zuckte zusammen und starrte erbost zu ihr herein.
»Tschuldigung!«, rief Pamela ihr mit einem Winken zu. Doch dann richtete sie den Blick wieder auf den Schriftzug der Stadt. Und plötzlich war glasklar, was sie mit ihrer Mittagspause anstellen würde.
»Das ist sie doch, oder?«, fragte Pamela und hielt Totti ihr Smartphone hin.
Ihr bester Freund nahm ihr das Gerät ab und betrachtete das Foto darauf genau. Dann zog auch er es groß, blinzelte und hob verdattert den Blick.
»Klar, das ist Jessi. Mein lieber Scholli, was ’n flotter Feger, odda?«
»Wusstest du, dass sie …?«
»Nee, hatte keine Ahnung. Aber wir sprechen uns ja auch nur so ein- oder zweimal im Jahr, gehen mal ’nen Kaffee trinken. Wir haben doch am gleichen Tag Geburtstag, weißt du noch? Das war echt cool, als wir damals zusammen waren. Da gab es ’ne Riesensause. Aber das ist ja jetzt auch … hm, zwanzig Jahre her. Hatte keinen blassen Schimmer, dass sie so was macht. Irgendwie dachte ich immer, sie arbeitet in ’nem Kindergarten, mit so kleinen Stöpseln. Aber so was … ker, dat is getz ’ne Überraschung.«
Sie saßen in Tottis Bude auf den beiden Klappstühlen, die er im hinteren Bereich für solche Gelegenheiten bereithielt. Neben ihnen türmten sich Kartons, die ein Lieferant gerade abgeworfen hatte. Zeitschriften und Zeitungen, Schokoriegel und kleine Gebinde von Reis, Salz, Zucker, halt Sachen, die die Leute aus dem Stadtteil bei ihrem Supermarkteinkauf vergessen haben könnten und deswegen »noch schnell zur Bude wetzten«.
»Aber den Kontakt zu Jessi hast du noch, oder?«, erkundigte sich Pamela.
Sie war noch immer elektrisiert von der Tatsache, dass eine der Dominas aus Winters verschlossenem Aktenschrank Tottis Ex-Freundin war.
»Klar. Sie hat mich doch damals auf die vegane Ernährung gebracht, weißte nicht mehr? Na, is ja egal! Jedenfalls ist die jetzt vielleicht ’ne wichtige Zeugin in deinem Mordfall, oder wie?«
»Mein Mordfall? Lass das bloß den Kommissar Vogt nicht hören«, sagte sie grinsend. »Aber … tja, könnte wirklich so sein. Ich meine, nur wenn diese Dominabilder wirklich was mit der Sache zu tun haben.«
»Ahsen meint, da ist sie hundertprozentig sicher!«, ereiferte sich Totti. »Au Mann, und die Jessi mittendrin!«
»Meinst du, du könntest sie für mich anrufen und fragen, ob sie sich mit mir treffen würde?«, hörte Pamela sich sagen. »Wir haben früher ja nicht so viel miteinander zu tun gehabt. Vielleicht macht es sich dann nicht so gut, wenn ich plötzlich vor ihrer Tür stehe.«
Totti sah sie prüfend an.
»Echt jetzt? Ich meine, nachdem der Kommissar gesagt hat, dass du dich raushalten sollst und so?«
Pamela spitzte die Lippen. »Also wirklich. Warum sollte ich mich denn nicht mit einer langjährigen Freundin meines besten Freundes treffen? Einfach nur mal zu einem kleinen Schwätzchen?«
»Stimmt.« Totti nickte. Und Pamela verdrängte vehement jeden Gedanken an Vogts ernsten Gesichtsausdruck.
Im Verkaufsfenster vorn hatte Totti neben der Öffnung diverse durchsichtige Behälter gestapelt, deren Inhalt von außen begutachtet werden konnte: in erster Linie Süßigkeiten für Groß und Klein.
Vor diesen Naschtürmchen bezogen jetzt gerade zwei Mädchen mit kohleschwarzen Haaren und ebensolchen Augen Stellung und diskutierten, wie sie ihr Geld am besten anlegen sollten.
»Kundschaft«, sagte Totti zu Pamela und ging zum Fenster.
»Na, ihr Piratinnen, was kann ich für euch tun?«
Die beiden kicherten über diese Ansprache. Dann sagte die etwas Ältere: »Eine Tüte Bömskes. Für zwei Euro.«
»Und ihr sucht aus?«, schlug Totti vor.
Die beiden nickten eifrig.
Also wurde eine Weile auf diese und jene Plastikbox gedeutet, kurz gestritten, als es um die Investition der letzten Cents ging.
»Ich mach einen Vorschlag«, meinte Totti. »Ich geb euch welche von den sauren Einhörnern hier, und zwar vier statt der zwei, die ihr eigentlich für die Moneten kriegen würdet. Die Einhörner habt ihr noch gar nicht, und die haben einen Megavorteil vor den Schaumerdbeeren und den Schnullis: Dafür musste nämlich kein Tier sterben. Und noch dazu kriegt ihr von mir das hier.« Er stellte einen kleinen Beutel mit Keksen ins Fenster. »Selbst gebacken, ohne Butter, Eier und Milch, sondern ganz tierfreundlich, nennt man vegan. Ihr mögt doch Tiere?« Die Mädchen nickten verunsichert. »Seht ihr! Deswegen gibt es das Rezept an dem Zettelchen hier gleich dazu. Das zeigt ihr eurer Mutti, und die kann das dann nachbacken. Deal?«
Die beiden Kleinen sahen sich an.
»Deal«, sagte die Größere dann mit geschäftsmäßigem Nicken.
Das Zweieurostück wechselte den Besitzer ebenso wie die Tüten mit den Süßigkeiten.
Als die Mädchen davongingen, hörten sie noch, wie die Kleinere ihre Schwester fragte: »Wieso müssen denn für Schaumerdbeeren Tiere sterben?«
Totti kam zu Pamela herüber und setzte sich wieder zu ihr.
»Was?«, fragte er, als er ihren Blick bemerkte.
»Ach, nichts.«
Sie sah sich zwischen den Kartons um. »Komm, du Held, wir packen mal schnell die Klamotten aus, und dann rufst du bei Jessi an. Abends wird sie wohl eher … ähm, arbeiten müssen, aber vielleicht hat sie ja gleich heute Nachmittag Zeit. Deal?«, schlug sie vor.
Totti grinste.
»Und was ist mit Opa Klöke? Den hast du doch Freitagnachmittag immer. Wenn du dem nicht sein Gemüse bringst, kaut der wieder das ganze Wochenende an Schuhsohlen.«
Pamela liebte ihren Freund nicht zuletzt deswegen so sehr, weil er immer an die Schwachen und Benachteiligten dachte.
Opa Klöke gehörte auf jeden Fall in diese Kategorie.
»Ahsen hat freitagnachmittags frei. Ich frag sie, ob sie das für mich übernimmt. Ist ja kein großer Putzjob. Nur mal kurz durch Bad und Küche und den Einkauf in den Kühlschrank räumen.«
Totti sprang auf und hielt ihr die Hand zum Give-me-five entgegen. »Deal!«
Pamela schlug ein.