Der Fotoklub in der Südstadt lag in einem schick renovierten Altbau. Pamela stellte ihren kleinen Fiat auf dem ansonsten leeren Parkplatz ab, winkte der neugierigen Sekretärin hinter dem Fenster des Immobilienbüros im Erdgeschoss fröhlich zu und marschierte, mit der Putzbox auf der Hüfte, die Treppe hinauf. Sie schloss die Tür der geräumigen Wohnung auf und stellte die Box gleich daneben unter der Garderobe ab.
Aha, neue Ausstellung an den Wänden des riesigen, fast quadratischen Eingangsbereiches. Alle paar Wochen hängten die Klubmitglieder neue Kunstwerke auf – jeweils thematisch zusammenpassend. Pamela betrachtete ein paar der Bilder eingehend. Da gab es welche in Schwarz-Weiß, die qualmende Schlote, kohlschwarzgesichtige Bergleute, Fördertürme und Hochöfen zeigten – genau das, was auch heutzutage noch viele Menschen außerhalb der Region vor sich sahen, wenn sie ans Ruhrgebiet dachten. In Farbe dann: Das alte Hüttengelände, auf dem schon seit 1987 kein Stahl mehr hergestellt wurde, sondern Museumsführungen und Großveranstaltungen stattfanden. Brautpaare posierten. Kinder tobten. Ein Hund schnappte eine Frisbeescheibe aus der Luft. Es gab auch Bilder der grün bewaldeten Hügel, die die Stadt umgaben. Frühlingshaft leuchtendes Laub, durch das Sonnenlicht brach. Geheimnisvoller Morgennebel stieg über den Ruhrauen mit ihren Vögeln auf und am Ufer des Flusses, der heute als einer der saubersten Deutschlands galt. Jo, das hatten sie wirklich gut hingekriegt, die Fotoleute. Pamela verspürte dieses Heimatgefühl, zusammen mit der Lust zum Wandern in den Hügeln, Paddeln auf der Ruhr oder Ausreiten in der sogenannten Elfringhauser Schweiz. In Gedanken strich sie das Ausreiten wieder. Sie konnte nicht reiten, und obwohl sie keine kleine Frau war, schüchterten Pferde sie mit ihrer Größe und Kraft irgendwie ein.
Gut, dass sie nichts musste. Noch nicht mal die großen aufgehängten Fotorahmen abstauben. Die fielen nämlich nicht in ihren Zuständigkeitsbereich, hatte ihr der damals frisch in seine Position gewählte Vorsitzende des Klubs erklärt, als er sie vor drei Jahren in ihre Aufgaben hier einwies. Peter Neumann hatte dabei sanft über einen Rahmen gestrichen.
»Die Pflege ihrer Werke übernehmen die Künstler selbst. So können sie die notwendige Vorsicht walten lassen.«
Pamela hatte sich eine Bemerkung darüber verkniffen, dass sie in den zehn Jahren ihrer Selbstständigkeit als Reinigungskraft nicht ein einziges Glas, keine Vase oder Sonstiges auf dem Gewissen hatte. Schon von Haus aus war sie kein Tollpatsch, aber besondere Vorsicht im Umgang mit den Besitztümern anderer Menschen gehörte zu ihrer Arbeit automatisch dazu und war ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Doch die Entscheidung des Klubs konnte ihr nur recht sein. All diese Rahmen der wechselnden Ausstellungen in der Eingangshalle und im großen Besprechungssaal gründlich zu säubern würde bestimmt viel Zeit kosten. So erwartete Pamela jeden Mittwoch der gleiche Ablauf: Zuerst nach links in die Teeküche abbiegen, um dort nach dem Rechten zu sehen. Wie immer standen dreckige Tassen, Teller und Limoflaschen direkt unter dem Computerausdruck BITTE DAS BENUTZTE GESCHIRR IN DIE SPÜLMASCHINE RÄUMEN!. Pamela füllte die Maschine, stellte sie an und putzte dann die Oberflächen. Anschließend reinigte sie die Tische und Ablagen in dem großen Besprechungsraum am Ende der Eingangshalle und dem kleinen angrenzenden Büro des Vorsitzenden. Auf dem Weg zurück öffnete sie routinemäßig die Tür der Dunkelkammer, die zwischen Teeküche und den Toiletten lag. Na ja, Kammer traf es nicht ganz. Es war ein durchaus großer, wenn auch fensterloser Raum, in dem es immer nach Chemikalien roch. Üblicherweise gab es hier außer der Bodenreinigung nichts zu tun, da die Mitglieder für die Ordnung der Schalen und Behälter auf den Tischen selbst zuständig waren. Üblicherweise herrschte hier drinnen aber auch Dunkelheit. Heute jedoch brannte das Rotlicht an der Wand. In diesem unwirklichen Schein sah Pamela ein paar Wannen auf dem hinteren Tisch nahe dem breiten Spülbecken stehen.
Sie ging hinüber und blickte hinein. Bei dem stechenden Geruch rümpfte sie die Nase. Hm, hier hatte offenbar jemand gearbeitet und nicht hinter sich aufgeräumt. Sie zögerte, beschloss dann aber, die Plastikschalen zu ignorieren. Sie gehörten nicht zu ihren Aufgaben, selbst dann nicht, wenn sie gewusst hätte, in welche der auf dem Regal stehenden Kanister sie die Flüssigkeiten hätte schütten sollen. Im Hinausgehen fiel Pamela ein Papierschnipsel auf, der neben der Tür unter ein Stuhlbein gerutscht war und sich dort verklemmt hatte. Er war in diesem roten Licht kaum zu sehen, doch Pamelas geschultes Sauberzauber-Auge hatte ihn dennoch erspäht. Sie hob ihn auf und warf einen kurzen Blick darauf. Es war der Rest eines Fotos, das offenbar zerrissen worden war. Zwei Paar Beine. Frauenbeine, die schlank und nackt in einen Cordrock mündeten. Das andere Beinpaar steckte in langen Hosen. Mehr war nicht zu sehen. Aber das Bild sah irgendwie schlierig aus. Wahrscheinlich hatte es den Ansprüchen des Fotografen nicht genügt. Tz, aber musste man das dann so in die Gegend pfeffern? Für so was stand doch der Papierkorb da, oder? Pamela steckte den Fetzen in die Tasche ihrer Jeans, um ihn gleich ordnungsgemäß zu entsorgen, und knipste das Licht in der Dunkelkammer aus. Mit dem Wischen würde sie in der Küche anfangen. Dann war der Boden trocken, wenn die Spülmaschine fertig zum Ausräumen sein würde. Die Toilettenräume kamen immer ganz zum Schluss dran. Jetzt musste sie nur noch im Fotostudio die Oberflächen abwischen.
Pamela griff den kleinen Eimer, steckte sich ein frisches Tuch in den Bund ihrer Hose und marschierte durch die Eingangshalle zur Studiotür. Die war schwer und von innen mit schalldämpfendem Material gepolstert.
»Damit die Künstler bei ihrer Arbeit nicht gestört werden, wenn hier im Klub Betrieb ist«, hatte Neumann ihr damals erklärt.
Pamela drückte die Klinke herunter und stemmte die Tür auf. Und augenblicklich war ihr klar, dass hier etwas nicht stimmte. Die Rollläden vor den beiden großen Fenstern waren ohne den geringsten Schlitz heruntergelassen. Obwohl draußen die Sonne schien, war es stockdunkel im Raum und roch … Wonach genau? Pamela schnüffelte. Doch ehe sie noch weiterdenken konnte, hatte sie bereits das Licht eingeschaltet.
Pamela Schlonski war keines von den schreckhaften Weibchen, die bei herumschwirrenden Wespen in schrilles Kreischen ausbrachen oder im Wald hinter jedem Baum einen Überfall witterten. Doch der Anblick, der sich ihr bot, ließ auch sie erstarren. Der kleine Tisch, auf dem oft Requisiten für die Fotos drapiert waren, lag in einer Pfütze aus eingetrockneter Flüssigkeit. Der Hals einer Weinflasche ragte aus den Scherben auf dem Boden, direkt neben einem Kerzenhalter samt abgebrochener Kerze. Eine kleine Vase war heil geblieben, doch die einzelne Rose darin war hinüber. In einem weiten Bogen waren auf der Kopfseite des Zimmers Stative aufgestellt. Das waren Blitzlichter, oder? Einfach nur Blitzlichter, die durch Kabel miteinander verbunden waren. Sie alle waren ausgerichtet auf einen Lehnstuhl, der beinahe mittig im Raum stand. Und in diesem Stuhl saß mit weit aufgerissenen Augen: Peter Neumann.
Pamela hatte keine Ahnung, wie lange sie dort stand. Vielleicht ein paar Sekunden. Oder eine Minute. Schließlich schluckte sie und ging näher an den Stuhl heran.
»Herr Neumann?!«, sprach sie den Mann an. Aber seine starren Augen verrieten, dass er sie nicht mehr hören konnte. Seine Unterarme und Fußgelenke waren mit silbernem Klebeband an den Stuhl fixiert. Seine blau schimmernden Hände waren um die Lehnen gekrampft. Aus seinem leicht geöffneten Mund war ein Rinnsal Blut gelaufen und hinunter auf seine Brust im unangebracht schick wirkenden Hemd und auf die helle Hose getropft. Doch die Spur war eingetrocknet und begann bereits zu bröckeln.
Pamela wandte sich ab und ging hinaus in den Flur, jede Bewegung seltsam eckig, jeder Schritt sonderbar surreal. Ihr Handy? In der Tasche an der Garderobe. War es 112 oder 110? Verdammt, sie hatte sich das noch nie merken können, weil sie bisher weder das eine noch das andere hatte wählen müssen.
Da fiel ihr ein, dass ihr Smartphone die Notrufnummer gespeichert hatte, und sie lauschte auf das Freizeichen. Fast unmittelbar meldete sich jemand.
»Ja, hallo? Hier ist Pamela Schlonski«, hörte sie sich mit ungewohnt hölzerner Stimme sagen. »Ich glaube, ich muss einen Mord melden.«