20. Kapitel

10. Mai, Montag, tagsüber

»Haltet euch fest: Es gibt Neuigkeiten!«, verkündete Thilo, als er am Morgen Lennards Büro betrat.

Lennard schenkte gerade für Tina und sich aus der Kaffeekanne in ihre privaten Becher ein und wandte sich mit erhobenen Brauen um.

»Hoppla!«, machte Thilo beim Blick ins Gesicht seines Vorgesetzten. »Zu lange an der Ruhr rumgelaufen?«

»Hm«, brummte Lennard. Thilo würde so was nie passieren. Wenn er lange in der Sonne war, wurde er tiefbraun und sah fantastisch aus.

»Im Schulenburger Wald kann man auch schön gehen. Da erwischt einen die Sonne nicht so«, riet Tina, die sich gerade bei der Begrüßung eine Bemerkung offenbar noch verkniffen hatte.

»Ja, danke, das hörte ich bereits. Was gibt es denn, Thilo?«

»Winters Alibi für die Tatzeit ist geplatzt!«

»Lass mich raten: Er hat sich bei diesem Online-Meeting erst spät eingeloggt und war deswegen für die anderen Anwesenden nicht permanent im Bild zu sehen?«, mutmaßte Lennard, eine gewisse weibliche Stimme im Ohr.

Tina, die am Whiteboard stand und gerade Notizen zu Neumanns Arbeitskollegen übertrug, starrte ihn an.

Thilo schnalzte mit der Zunge.

»So ähnlich. Er hat zu Anfang behauptet, Probleme mit der Webcam zu haben. Daher hat er sich nicht via Kamera angemeldet, sondern nur mit seinen Initialen auf dem Bildschirm.«

»Das hatte ich neulich auch mal«, wandte Tina ein. »Passiert manchmal.«

»Ja, aber laut Webhost hat Winter zweimal auf Ansprache aus der Gruppe nicht reagiert. Später hat er behauptet, zwischendurch rausgeflogen zu sein. Ganz genau wollte sich der Host auf den Zeitraum, in dem Winter nicht ansprechbar war, nicht festlegen, aber es könnte gut sein, dass er so lange vom Rechner weg war, um mit seinem dicken Wagen in die Stadt zu brausen, den Mord zu begehen und sich danach zu Hause wieder bei den anderen im Meeting zu melden und von den Internetschwierigkeiten zu erzählen.«

Thilo und Lennard traten zu Tina ans Board. Lennard reichte seiner Kollegin den Becher mit der Regenbogenfahne darauf. Auf seinem eigenen stand in weißer Schrift auf blauem Grund: Havenkind.

Am Board war Gero Winters Name mit den Hinweisen zu der Steuerhinterziehung und dem Erpressungsversuch durch Neumann beschriftet, immer noch führte der rote Pfeil zu Neumanns Namen im Zentrum. Das Online-Meeting stand in Grün als Alibi darüber.

»Es gibt Möglichkeiten rauszufinden, ob Winter tatsächlich die ganze Zeit über versucht hat, sich wieder einzuklinken«, sagte Lennard. »Stoßt das bitte an.«

»Ich geb’s an Jenny in der IT, die hat das blitzschnell rausgefunden.« Und schon war Thilo wieder zur Tür hinaus.

Lennard spürte, wie eine vertraute Aufregung von ihm Besitz ergriff, wie ein feines Kribbeln in den Händen und im Bauch. Hier war jemand mit der Gelegenheit zur Tat. Jemand, der bereits eine Straftat begangen hatte – auch wenn Steuerhinterziehung bei Weitem nicht dasselbe Kaliber hatte wie vorsätzliche und, wie in Neumanns Fall, besonders grausame Tötung. Gravierend schien Lennard jedoch das Motiv dieses Verdächtigen: Winter hatte befürchten müssen, dass Neumann seine Drohung wahr machte und Winters Vorgesetztem sein Wissen um die Steuerhinterziehung zuspielte. Das hätte unweigerlich zur fristlosen Kündigung geführt und ihm zudem eine strafrechtliche Anklage eingebracht. Der Wunsch, dies abzuwenden, hätte durchaus zu so einer Reaktion führen können.

So wie Lennard Winter einschätzte, mit seinem Angeber-SUV, dem schicken Architektenhaus in der wohlhabenden Nachbarschaft, wäre der mit dem Jobverlust und der finanziellen Misere einhergehende Makel das Schlimmste gewesen. Sein Leben hätte in Scherben gelegen. Und das konnte durchaus Grund genug gewesen sein, um seinen Mitwisser aus dem Weg zu räumen.

Es klopfte kurz an der Tür, und Thilo kam herein.

»Das ging ja …«, begann Tina, verschluckte aber das schnell, als hinter Thilo eine Frau in gebügelter Leinenhose und getupfter Bluse hereinkam.

»Da haben wir den Kommissar, Frau Klappert«, sagte Thilo zu ihr. »Da haben Sie auf dem Gang genau den Richtigen angesprochen.« Er nickte Lennard zu und verschwand wieder.

Die kleine Frau Klappert klammerte sich an ihre Handtasche und sah sich eingeschüchtert im Büro um. Ihr Auftauchen hier überraschte Lennard nicht sehr. Bei ihrem Anblick verstärkte sich das leise Kribbeln in seinen Händen.

»Guten Morgen, Frau Klappert, wie kann ich Ihnen helfen?«, begrüßte er sie, während sie ihm und Tina unsicher zunickte.

»Ich dachte, ich komm besser vorbei, statt anzurufen, weil …« Sie brach ab und musste tief Luft holen, offenbar überwältigt von ihrem eigenen Handeln.

»Setzen wir uns doch«, schlug Lennard vor, schob rasch einen zweiten Stuhl vor den Schreibtisch und holte seinen eigenen Drehstuhl von der anderen Seite herüber. Etwas in Frau Klapperts Haltung sagte ihm, dass es förderlicher war, wenn er ihr nicht hinter dem Klotz von Büromöbel gegenübersaß.

»Kaffee?«, bot Tina freundlich an und schwenkte bereits einen Becher mit dem Aufdruck Kerwattfroiichmichaufnachemaloche.

»Gerne.«

»Milch? Zucker?«

»Nur schwarz, bitte.«

Sie setzten sich, und Tina reichte Frau Klappert den Kaffee, von dem die sofort einen Schluck nahm.

Lennard wartete ab. Sie war von sich aus zu ihm gekommen. Da konnte er ihr ein bisschen Zeit zum Sammeln geben.

Frau Klappert saß dort, atmete schwer und hatte offenbar Mühe, die richtigen Worte zu finden.

»Ich muss es einfach wissen«, sagte sie schließlich mit bebender Stimme.

»Was denn? Was müssen Sie wissen?«, wollte Lennard möglichst einfühlsam wissen.

»Ob Markus und diese … diese Gundula Schneid …« Sie brach ab und kämpfte mit den Tränen, die bereits in ihren Augen standen. »Ob er mich mit ihr betrügt«, brach es dann aus ihr heraus.

Eine Träne rann über ihre Wange und hinterließ im sorgfältigen Make-up eine feine Spur. Beinahe ärgerlich wischte sie sie fort und richtete sich auf. Ihr Blick suchte den Tinas. »Sie haben da diese Bemerkung gemacht, als Sie bei uns waren. Und ich weiß, dass Gundula schon lange um Markus rumschleicht. Ich bin ja nicht blind, wissen Sie. Auf den Ausstellungseröffnungen oder beim Sommerfest, immer ist sie in seiner Nähe. Und da dachte ich …«

Tina wirkte betroffen. »Ach, Mensch, das … das tut mir sehr leid, Frau Klappert. Ist mir einfach so rausgerutscht. Aber es ist wirklich nicht so … ich meine …« Hilflos sah sie zu Lennard.

»Wie kommen Sie auf den Gedanken, dass Ihr Mann Sie betrügt, Frau Klappert?«, fragte Lennard.

Wieder Zögern. Bis ein Ruck durch die Angesprochene ging: »Es ist wegen dem Dienstag.«

Lennard hob fragend die Hände.

Frau Klappert schluchzte kurz auf, presste sich dann ein eilig hervorgezerrtes, schon arg zerknautschtes Taschentuch auf den Mund, fing sich wieder. »Seit einem Jahr erzählt er mir, dass dienstagabends Klubabend ist. Bildbesprechung.«

Da war es! Das Stichwort, auf das Lennard gewartet hatte, seit Frau Klappert den Raum betreten hatte. Denn genau das war auch kurz Thema gewesen, als Tina und er die Klapperts auf der Terrasse ihres Blankensteiner Häuschens befragten. Er nickte ihr aufmunternd zu. Sie räusperte sich.

»Und als ich gestern Abend mit Elvira telefoniere, das ist die Frau von Udo Senf, einem Klubmitglied, also da sagt sie, dass der Mord doch offenbar ganz bewusst für den Abend geplant worden ist, an dem nie irgendwas im Klub ist. Am Dienstagabend ist der Klub vollkommen … leer.« Wieder drohte eine Emotionswelle sie zu überrollen, doch sie kämpfte sie nieder. Lennard gewann allmählich Achtung vor dieser auf den ersten Blick bieder wirkenden Frau. Es zeugte von einer inneren Stärke, dass sie hergekommen war. Auch wenn sie vielleicht jahrelang naiv genug gewesen war, nichts zu bemerken, wollte sie nun reinen Tisch.

Er wartete ab, bis sie sich wieder gefangen hatte, dann fragte er: »Sind Sie hier, um uns zu sagen, dass Ihr Mann am letzten Dienstagabend doch nicht den ganzen Abend mit Ihnen zu Hause verbracht hat, so wie er es angegeben, und Sie zunächst bestätigt haben?«

Sie sah ihn an. Erschüttert einerseits. Andererseits fest und entschlossen.

»Ja«, sagt sie. »Ja, genau deswegen bin ich hier. Wissen Sie, ich hab mir nichts dabei gedacht. Er ist an dem Abend losgefahren wie immer. Aber dann kam er schon bald zurück, war vielleicht eine Stunde oder etwas mehr. Er sagte, die Bildbesprechung fiele aus. Die Mail, die Peter Neumann dazu rumgeschickt habe, wäre wohl in seinem Spamordner gelandet. Warum sollte ich mir was dazu denken, frag ich Sie? Und als es dann darum ging, dass Sie alle nach ihren Alibis gefragt haben und so, hab ich selbst gesagt: ›Ach, komm, wir sagen, dass du den ganzen Abend hier gewesen bist. Du bist ja nicht im Klub drin gewesen, hast nichts gesehen, oder so. Aber wenn wir sagen, dass du an dem Abend da warst … na, wer weiß? Vielleicht bohren sie dann nach, wie das genau war zwischen diesem grauenvollen Kerl und dir.‹«

Tina hatte sich einen Notizblock vom Schreibtisch genommen und schrieb mit.

»Was meinten Sie damit?«, hakte Lennard nach.

Sie schnaubte. »Peter Neumann hat meinen Mann schikaniert. Obwohl es doch ursprünglich Markus’ Klub war, auf seine Idee hin entstanden. Peter hat sich reingesetzt in das gemachte Nest und dann versucht, Markus rauszuschubsen wie ein Kuckuck das andere Küken. Der war gemein, einfach bösartig war der.«

Tina kritzelte eifrig mit.

»Was hat Ihre Meinung geändert, Frau Klappert?«, erkundigte Lennard sich, obwohl er bereits eine Ahnung hatte. »Warum kommen Sie heute her und revidieren das Alibi, das Sie Ihrem Mann zuerst gegeben haben?«

Jetzt, da sie das Schwierigste ausgesprochen hatte, schien die Frau regelrecht erleichtert. »Na, Elvira hat das doch mit dem Dienstag erwähnt. Und ich hab noch so vorsichtig nachgehakt, ob sie sicher ist, dass dienstags nie etwas im Klub stattfindet. Und sie war felsenfest sicher. Da hab ich mich natürlich gefragt, wo Markus dann jede Woche hinfährt. Und da fiel mir wieder Ihre Bemerkung ein.« Sie nickte Tina zu. »Dass Gundula Schneid doch auf keinen Fall meinen Mann anschwärzen würde.« Aufrichten. Tief einatmen. »Hat mein Mann eine Affäre mit Gundula?«

Lennard sah sie ernst an. »Das wissen wir nicht, Frau Klappert.«

»Aber … also, ich glaub das ja nicht«, warf Tina rasch ein und schielte dann entschuldigend zu ihm herüber.

»Sie sollten Ihren Mann danach fragen«, schlug Lennard vor.

»Das sagen Sie so«, meinte Frau Klappert und schien einen Moment nachzudenken. Lennard hatte das Gefühl, dass sie sich dem Kern näherten, der für ihn und die Ermittlungen wirklich interessant wäre.

»Ich weiß gar nicht, was ich mir wünschen soll«, sagte Frau Klappert dann sehr leise. »Wenn er mich betrügt, wär das natürlich schrecklich. Ich müsste ihn verlassen, oder? Was würden die Kinder sagen? Aber andererseits …«

»Andererseits?«, hakte Lennard nach.

»Wenn er keine Affäre mit Gundula hat und wirklich zum Fotoklub gefahren ist …«

»Ja?«

Sie richtete sich auf und sah ihn mit einem verzweifelten Ausdruck auf dem rundlichen Gesicht an. »Von uns aus ist er in fünf Minuten am Klub. Wenn er dort festgestellt hat, dass niemand da ist, und dann wieder nach Haus gefahren ist, wäre er in einer Viertelstunde zurück gewesen.«

»Das ist er aber nicht, oder?«, hakte Lennard nach. »Sie sagten gerade, er sei über eine Stunde fort gewesen.«

Sie nickte. »An dem Abend habe ich da irgendwie nicht so drüber nachgedacht. Aber jetzt … also … ach, ich fühle mich grauenhaft! Ich meine, wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie überlegen würden, ob Ihr Ehepartner womöglich …?« Sie schüttelte sich. »Ich kann ihn doch nicht einfach danach fragen. Stellen Sie sich vor, für das Ganze gibt es eine ganz harmlose Erklärung. Vielleicht ist er auf dem Heimweg noch schnell bei jemandem vorbeigefahren und hat nur vergessen, es zu erzählen? Oder er war noch bei der Bank, um Kontoauszüge zu holen, oder weiß der Himmel was. Wenn ich ihn danach frage, wird er doch denken, dass ich ihn für fähig halte, jemanden umzubringen. Was würden Sie für jemanden empfinden, der Ihnen so was unterstellt?«

Lennard erkannte in ihr die echte Verzweiflung derer, die vom Grunde ihres Herzens aus lieben und vertrauen und sich plötzlich mit einer Art Parallelwelt konfrontiert sehen, in der alles, woran sie glauben, infrage gestellt wird.

Er beugte sich vor und legte kurz seine Hand auf ihren Unterarm. Als sie ihn ansah, nahm er die Hand wieder fort. Er hatte ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.

»Frau Klappert, wissen Sie, ob Ihr Mann morgen wieder seinen üblichen Dienstagstermin wahrnehmen will?«

Sie nickte. »Das hat er gestern schon erwähnt.«

»Gut. Wenn das so ist, möchte ich Sie um etwas bitten. Das erfordert allerdings eine Kooperation von Ihnen, die ich eigentlich nicht von Ihnen verlangen kann.«

»Können Sie rausfinden, was mein Mann dienstagabends normalerweise macht?«, platzte sie heraus.

Lennard wiegte den Kopf. »Ich würde es zumindest gern versuchen. Das erfordert aber, dass Sie bis morgen Abend Stillschweigen darüber bewahren, dass Sie hier waren und was wir besprochen haben. Sie müssen das nicht tun«, setzte er rasch hinzu. »Als Ehefrau sind Sie …«

»Nein!«, unterbrach sie ihn. »Nein, ich will das. Ich will wissen, woran ich bin. Ich werde Markus nichts von meinem Besuch hier erzählen.« Sie schien tatsächlich entschlossen.

Lennard spürte Tinas aufmerksamen Blick auf sich. Sein Vorhaben war extrem unkonventionell, aber wenn es ihnen Gewissheit verschaffen konnte, wo Klappert sich zur Tatzeit aufgehalten hatte, sollte es ihnen recht sein.

Er sah Frau Klappert ebenso fest an wie sie ihn.

»In Ordnung. Wir machen es.«