Lennard stieg die Stufen hinauf und rüstete sich innerlich für eines dieser Gespräche, bei denen er nie sicher war, ob er sich in einem unausgesprochenen Wettkampf befand, und wenn ja, um welchen Preis es eigentlich ging.
Als er oben ankam, stand Pamela Schlonski nicht in der Tür. Die war nur angelehnt, und von drinnen waren Stimmen zu hören.
Er klopfte.
Niemand antwortete.
Er klopfte noch mal.
»Küche!«, rief die ihm inzwischen vertraute Stimme.
Er ging hinein und schloss die Tür hinter sich. Auf der rechten Flurseite lagen zwei Türen. An der einen war ein Schild mit Ladies angebracht. Die zweite stand offen.
Er lugte um die Ecke. Die Küche war ein schmaler, länglicher Raum, auf der rechten Seite komplett eingenommen von einer Einbauküche mit den üblichen Großgeräten. Links neben der Tür befand sich ein großer alter Küchenschrank, durch dessen Scheiben Teller und Becher zu sehen waren. Unter dem Fenster vor Kopf stand ein kleiner Tisch, gerade groß genug für zwei Personen. Auf dem einen Stuhl saß Pamela Schlonski und strich mit einer Hand über den Rücken ihrer Tochter, die auf dem anderen Stuhl saß. Wie hieß das Mäken noch gleich? So wie die Prinzessin aus Star Wars? Leia!
Leia hatte die Arme auf den Tisch gelegt und das Gesicht darin vergraben. Ihre Schultern bebten, und sie weinte lauthals.
Pamela sah zu ihm und formte mit den Lippen ein Wort, das Lennard als »Tiefpunkt!« interpretierte. Es sah nicht so aus, als könne er die geplante Verwarnung schnell abwickeln.
»Hallo, Herr Vogt, kommen Sie doch rein«, begrüßte Pamela ihn betont freundlich, als seien sie sich nicht vor einer Stunde in einer prekären Situation im Wohnzimmer einer Tatverdächtigen begegnet.
Lennard zögerte. »Vielleicht komme ich besser morgen noch mal vorbei?«, schlug er vor.
Weinende Frauen an sich waren ihm schon unangenehm, weil er nie wusste, wie er sich verhalten sollte. Ignorieren? Trösten? Aber wie? Ein Taschentuch reichen? Schulter tätscheln? Ein weinendes vierzehnjähriges Mädchen war definitiv die Steigerung. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie mit solch verzweifelter Weltuntergangsstimmung umzugehen war.
»Ach was. Das hier haben wir gleich im Griff«, sagte Pamela zuversichtlich und deutet ihm mit dem Kopf an, näher zu kommen. »Vielleicht können Sie uns ja sogar bei dieser Notlage helfen. Schließlich sind Sie bei der Kripo und auch mit Cyberkriminalität vertraut. Oder?«
Das letzte Wort klang verdammt nach einer dringlichen Aufforderung. Ohne Gesichtsverlust würde er hier nicht rauskommen. Also betrat er die Küche, um drei Schritte weiter neben der Spüle wieder stehen zu bleiben. Viel mehr Platz war nicht, ohne dass er dem unglücklichen Teenager zu nah gerückt wäre.
»Worum geht’s denn?«, erkundigte er sich in möglichst sachlichem Tonfall.
»Quasi um Diebstahl«, klärte Pamela ihn auf. »Also, um Diebstahl geistigen Eigentums. So nennt man das doch, wenn jemand eine Megaidee gehabt hat und dann ein anderer sich draufsetzt und so tut, als sei es seine Idee gewesen, oder?«
»Ja, so was gibt es. Bei Texten, bei Musik. Ist durch das Urheberrecht geregelt«, bestätigte Lennard.
»Ist Diebstahl von geistigem Eigentum strafbar?«, wollte Pamela wissen.
Meinte er es nur, oder war das Schluchzen mit einem Mal leiser geworden? Ja, es stimmte. Auch die schmalen Schultern zuckten nicht mehr so heftig. Leia schien auf seine Antwort zu lauschen.
Lennard nickte. »Natürlich ist das strafbar. Ist allerdings nicht immer so leicht nachzuweisen wie ein Ladendiebstahl oder ein Bankraub.«
Der blonde Kopf am Tisch hob sich von den Armen. Das verquollene, tränenverschmierte Gesicht wandte sich ihm zu.
»Aber wenn ich den Post schon vorgestern gemacht hab und sie erst heute, dann ist doch klar, wer die Idee zuerst hatte, oder?«
»Es geht um eine Buchrezension auf Leias Instagram-Account«, erklärte Pamela ihm rasch, weil sie offenbar an seiner ratlosen Miene erkannt hatte, dass er ziemlich auf dem Schlauch stand.
Lennard überlegte. Es war nicht so, dass er vollkommen abstinent war, was die sozialen Medien anging – das hätte er sich schon beruflich nicht erlauben können. Allerdings kannte er sich ausgerechnet in der Szene der Buchblogger nicht gut aus, na ja, eher gar nicht.
»Wer die Idee zuerst hatte, ist nicht ausschlaggebend«, antwortete er vorsichtig. »Ausschlaggebend ist, wer damit als Erstes in die Öffentlichkeit tritt. Bei einem Buch oder einem Song zum Beispiel zählt die Veröffentlichung. Deswegen sollte man als Songtexter besser nicht seine Lyrics bei der Konkurrenz herumzeigen, bevor das neue Album erschienen ist.« Gut, dass ihm das eingefallen war. So einen Fall hatte er vor Jahren einmal in der Bremerhavener Rapszene gehabt. Ein ziemlich scheußlicher Fall von Lynchjustiz.
Leia zog die Stirn kraus und die Nase hoch. Pamela schob ihr eine Packung Taschentücher hin. Ihre Tochter nahm eines, schnäuzte kräftig hinein und wischte sich mit der Hand über die verweinten Augen. Plötzlich wirkte sie verlegen.
»Wenn das so gewesen wäre, dann hätte PrettySandy aber doch mir was von diesem Post erzählen müssen, was sie ganz genau schreiben will und so, und ich wär ihr dann blitzschnell zuvorgekommen?«, fasste sie zusammen.
»So in etwa hätte es ablaufen können«, stimmte Lennard zu.
Die Kleine schüttelte energisch den Kopf. »Aber die schreibt mit mir doch gar nicht. Nicht mal ’ne PN. Ich mein, wieso sollte sie? Die hat über elftausend Follower und ich nur vierhundertzwölf. Ich dachte ja eigentlich, die hat keine Ahnung, dass es mich gibt. Aber dann hat sie heute Morgen plötzlich das hier gepostet.«
Leia griff nach ihrem Smartphone, das auf dem Tisch lag, und wischte so schnell darauf herum, dass Lennard den Profi erkannte.
Innerhalb von wenigen Sekunden hielt sie ihm ein Bild hin. Darauf war ein Buch zu sehen, das in einer Inszenierung aus bunten Kerzen, Blüten und kleinen Figuren auf kuscheligem altrosa Untergrund lag. Die Schlacht der Königinnen. Offenbar ein Fantasybuch für Jugendliche, denn die beiden Figuren auf dem Cover waren gewiss nicht älter als zwanzig. Das Foto war wirklich nicht schlecht. Der darüber gelegte Filter suggerierte beinahe, das Buch stünde in Flammen.
»Der Text ist fast Wort für Wort derselbe, den Leia in ihrer Rezension verwendet hat«, sagte Pamela. »Zeig mal dein Bild, Leia.«
Wisch, wisch, tipp, tipp.
Das Foto sah aus wie die hübsche, aber nicht so glamouröse kleine Schwester des anderen. Kerzen, Blüten, Kuscheldecke. Nur der Filter war ein anderer und ließ das Bild weniger pompös erscheinen.
Pamela Schlonski und ihre Tochter sahen ihn gespannt an. Lennard spürte ihre Blicke, obwohl er seinen angestrengt auf den kleinen Bildschirm des Smartphones gerichtet hielt.
»Viel besser!«, entschied er dann und deutete auf das aktuelle. »Irgendwie … natürlicher.«
In den beiden Gesichtern ihm gegenüber löste seine Bemerkung zweierlei aus: Auf Leias Gesicht wurde der kummervolle, leicht verlegene Ausdruck von einem spontanen Lächeln abgelöst, das ihn mit seiner Leuchtkraft beinahe überraschte, auf jeden Fall aber extrem erleichterte. Eine strahlende Leia war so viel besser als eine weinende.
Auch Pamela lächelte. Aber anders. Irgendwie dankbar.
Lennard stellte mit leisem Erschrecken fest, dass sich in seinen eigenen Zustand der Erleichterung auch eine Spur Stolz zu mischen drohte.
»Meine bisher höchste Zahl von Likes«, sagte Leia da und blickte zur Bestätigung noch einmal aufs Display. »Hundertzwölf.« Doch dann verzog sich ihre Miene von einer Sekunde auf die andere wieder, und ihre Augen begannen, gefährlich zu schimmern. »PrettySandy hat dafür schon über zweitausend.«
Prompt flossen erneut Tränen.
»Ach, Schätzchen. Aber eigentlich sollte es dich doch gar nicht jucken, was diese dusselige PupsySandy schreibt und wie viele Likes sie bekommt. Du kannst so stolz auf deinen Post sein. Der Hauptkommissar findet es auch viel besser«, tröstete Pamela ihre Tochter und streckte erneut den Arm nach ihr aus.
Doch Leia war offenbar über die erste Phase der Verzweiflung hinaus. Wütend wischte sie sich die feuchten Spuren von den Wangen.
»Das ist so arschig von der!«, schniefte sie grimmig. »Mega-arschig! Wahrscheinlich macht sie das mit dem Account sowieso nur, um immer wieder Bilder von sich in ihren neuen Klamotten und voll geschminkt und so zu posten, damit ihr alle sagen, wie toll sie aussieht. Um die Bücher geht’s der doch gar nicht. Sie schreibt Kack-Rezis! Und jetzt klaut sie auch noch meine bisher beste einfach so. Die weiß doch gar nicht, wie sich das anfühlt: Wie amputiert fühlt sich das an. Als hätte die einfach einen Teil von mir geklaut und sich selbst angeklebt. Die Arschziege! Boah, ich könnt die echt umbringen!«
»Leia!«
»Is doch wahr!« Das Mädchen sprang auf, am ganzen, noch so zarten Körper bebend. »Nützt mir auch nix, dass die damit das Gesetz bricht. Weil, das interessiert doch eh keinen! Die kommt doch einfach damit durch mit ihren Tausenden von Likes. Und was ist mit mir? Das war mein Jahreshighlight! Und jetzt … geschissen!« Hilflos vor ohnmächtiger Wut, stampfte sie auf und warf sich herum.
Lennard presste sich an die Küchenzeile, als der aufgebrachte Teenager an ihm vorbeistürmte. Wenige Sekunden später erbebte das Haus unter dem Knall einer zugeworfenen Zimmertür.
Lennard sah Pamela an. »Habe ich damit jetzt helfen können?«, wollte er wissen.
Doch die Mutter der kleinen Dramaqueen hatte den Kopf weggedreht und blickte nachdenklich aus dem Fenster, hinüber über die Felder.
Als sie nach einer kurzen Weile immer noch nicht geantwortet hatte, räusperte Lennard sich. Schließlich musste er noch seine Verwarnung anbringen, wegen der er eigentlich hergekommen war. Doch als Pamela sich ihm nun zuwandte, ließ der Ausdruck auf ihrem Gesicht ihn ahnen, dass er damit noch warten musste. In den graublauen Augen glitzerte ein gewisser Eifer, der ihm bereits vertraut vorkam.
»Herr Kommissar, ich glaube, wir haben bisher eine Sache noch gar nicht bedacht«, sagte sie und deutete auf den Platz neben sich.
Er setzte sich. Zwar gestand er es sich selbst nicht gern ein, aber er war neugierig, was jetzt kommen würde.
Pamela Schlonski griff nach dem Handy ihrer Tochter, das die dort hatte liegen lassen.
Sie betätigte eine Suchmaschine und rief darüber eine Liste von bundesweiten Fotoausstellungen samt ihrer ausgelobten Preise auf. Schließlich schien sie gefunden zu haben, was sie suchte.
»Hier.« Sie schob ihm das Handy hin.
Darauf zu sehen war ein Stillleben: eine glänzende alte Holztischplatte, eine brennende Kerze in einer Messinghalterung, ein aufgeschlagenes Buch und darauf eine schlichte Drahtgestellbrille.
Lennard hob den Kopf und sah sein Gegenüber fragend an.
»Mit diesem Bild hat Neumann den ersten Platz bei dieser Ausstellung gemacht. Riesentamtam. Presse. Interviews. Preisgeld. Mächtig viel Aufmerksamkeit«, sagte sie. »Das Foto ist auch wirklich schön. Ich hab das Original beim letzten Putzen im Klub gesehen. Klappert hat es vom Ausstellungsort abgeholt, weil Neumann ja nicht mehr konnte, ne? Jetzt steht es da so rum wie … amputiert.«
Sie sah ihn an und schien darauf zu warten, dass bei ihm etwas klingelte. Und tatsächlich lösten ihre Worte in ihm etwas aus. Insbesondere das letzte. Amputiert. Genau das hatte Leia gerade gesagt: Wie amputiert fühlt sich das an!
»Ich weiß ja, dass die meisten Mordfälle Beziehungstaten sind und so«, fuhr Pamela fort. »Dass es meistens was damit zu tun hatte, was zwischen Mörder und Opfer abgelaufen ist. Aber der Neumann wurde im Fotoklub umgebracht. Und auf eine Weise, die ziemlich viel mit Fotografie zu tun hat, mit den ganzen Blitzlichtern und so, ne? Was, wenn es bei dem Mord nicht unbedingt so doll um was Zwischenmenschliches ging, als vielmehr um …«
» … ein Foto?«, vollendete Lennard.
Sie nickte, immer noch dieses Glitzern in den Augen.
»Ein paar Sachen, die ich in der letzten Zeit so aufgeschnappt habe, hab ich nämlich noch gar nicht erwähnt. Schienen mir einfach nicht wichtig. Aber ich glaube, das sind sie. Sie sind sogar sehr wichtig.«
Lennard verschob die Verwarnung auf später, vielleicht auch sehr viel später.
»Dann schießen Sie mal los!«, sagte er und rückte näher an den Tisch.