D iesmal wallte kein Nebel, keine rote Linie leuchtete. Es war, als hätte jemand laut in die Hände geklatscht, einen Sekundenbruchteil lang war es dunkel, dann herrschte erneut heller Tag. Doch die Landschaft hatte sich völlig verändert.
Lukas blinzelte und sah sich um. Statt des Strandes und des Meers blickte er auf weite grüne Wiesen, mit Obstbäumen und Äckern dazwischen. Im Süden erhob sich eine dunstige Hügelkette, die den ganzen Horizont einnahm. Hinter ihm ragte ein etwa zehn Schritt hoher, schwarzer Felsen auf, ein weiterer schroffer Felsen war ein paar hundert Schritte entfernt zu erkennen.
Hastig griff Lukas nach seinem Beutel mit dem Schatzkästchen. Es war noch da.
Jemand stöhnte ganz in seiner Nähe. Lukas entdeckte Paulus, der unter ihm in einer Sandmulde lag und sich den schmerzenden Kopf rieb.
»Verdammt, eben hab ich noch festen Boden unter den Füßen und plötzlich rutsche ich den verfluchten Hang runter …«, brummte Paulus. »So langsam reicht es mir mit diesem magischen Herumgereise.« Laut rief er: »He, wo seid ihr alle?«
»Hier, du Tollpatsch!«, gab Gwendolyn zurück. Sie stand nicht weit von den Freunden entfernt und überprüfte eben ihren Bogen. Von Merlin war keine Spur zu sehen.
»Sagt bloß, jetzt ist nach Senno auch noch unser großer Magier verschwunden«, sagte Jerome. »Hieß es nicht, wir kommen zu Barbarossas Höhle?« Er sah sich um. »Merde! Hier ist keine Höhle und auch kein Merlin …«
»Hier oben bin ich!«, ertönte eine kindliche Stimme über ihnen. Lukas sah nach oben, wo Merlin auf der Spitze des Felsens stand. Der Knirps grinste frech zu ihnen hinunter. »Schöne Aussicht hier. Wollt ihr nicht hochkommen?«
»Vielleicht sagst du uns erstmal, wo wir hier sind?«, schlug Giovanni vor.
»Erst wenn ihr raufkommt«, erwiderte Merlin und verschränkte trotzig die Arme. »Sonst sag ich gar nichts. Bäh!«
»Der Bengel macht mich jetzt schon wahnsinnig«, schimpfte Paulus, der sich eben den Hang zu ihnen hocharbeitete. Gwendolyn kletterte bereits den Felsen hinauf. Die anderen folgten ihr, und schon bald standen sie gemeinsam oben neben Merlin.
Die Aussicht war tatsächlich atemberaubend. Hinter ihnen war das Land weit und flach, es gab kaum Wälder, dafür einige Kirchtürme, die aus der Landschaft herausspitzten. An manchen Stellen stieg Rauch auf. Im Süden erhob sich die Hügelkette, deren Gipfel in einem grauen dunstigen Nebel lagen.
»Das ist wohl der Harz«, mutmaßte Lukas. »Der Zauber hat also wirklich funktioniert.«
»Nun, nicht ganz«, entgegnete Giovanni. Er deutete auf das Gebirge. »Wir sind nördlich davon gelandet. Der Kyffhäuser mit Barbarossas Höhle befindet sich aber laut Karte auf der anderen Seite des Harzes …«
»Was habt ihr erwartet?«, murrte Merlin. »Ich hatte nur diese poplige Haarsträhne, da ist alles ziemlich ungenau. Bei einem Finger oder gar einer Hand …«
»Jaja, ich weiß«, unterbrach Lukas ungeduldig. »Wären wir genau richtig gelandet. Ich hab schon verstanden. Tut mir leid, dass ich dir keinen Fuß meiner Schwester zur Verfügung stellen konnte. Davon abgesehen wäre es schön gewesen, wenn wir uns ein wenig länger auf die Reise hätten vorbereiten können. Wir haben ja nicht mal Proviant mitgenommen!«
Auch ihm ging der neunmalkluge Knirps mehr und mehr auf die Nerven. Lukas sah hinüber zu dem naheliegenden Gebirge, das ihm im grauen Dunst plötzlich sehr schroff und feindselig erschien. Auf einigen der höheren Gipfel schien noch weißer Schnee zu liegen. »Nun, wie auch immer, dann müssen wir eben das Gebirge überqueren, um auf die andere Seite zu kommen«, sagte er entschlossen.
»Ohne Proviant und Reisegepäck?« Paulus schüttelte den Kopf. »Das kannst du vergessen, nicht im Frühjahr! Was ich so gehört habe, ist der Harz eine ziemlich unwirtliche Gegend. Räuber, Wölfe, Eis und Schnee …«
»Dann eben außenherum«, schlug Lukas vor. Er dachte an die alten römischen Silbermünzen in seinem Schatzkästchen. Wenigstens die hatte er dabei. »Wenn wir eine Stadt finden, können wir uns sicher ein wenig Proviant kaufen, vielleicht sogar einen Packesel.«
»Dann los, bevor die Sonne untergeht.« Gwendolyn kletterte bereits wieder hinunter. »Diese Felsen sind mir irgendwie unheimlich.«
»Es ist eben ein magischer Ort, so wie auch dieser Heiligenberg«, sagte Merlin und nahm seinen Stab. »Nicht umsonst sind wir genau hier gelandet. Immerhin das hat funktioniert. Seid froh, dass ich euch nicht versehentlich sechs Fuß tiefer gezaubert habe! Dann wäre der Felsen hier euer Grabstein.«
Schon bald fanden sie eine Straße, die nicht weit von den Felsen entfernt verlief. Der Boden war schlammig vom letzten Regen, in den Fahrrinnen stand knöcheltief das Wasser. Lukas erkannte jetzt, dass der Rauch, den er vorher an einigen Stellen gesehen hatte, von abgebrannten Scheunen herrührte. Erinnerungen an schlimme Tage kamen in ihm hoch, sein Herz wurde schwer.
»Auch hier herrscht offenbar Krieg. Als gäbe es auf der ganzen Welt keinen Frieden mehr!« Lukas tastete nach seinem Degen. »Wir sollten wachsam sein.«
»Psst, seid mal still!«, meldete sich Gwendolyn. »Ich glaube, da kommt wer. Klingt fast wie Kriegsmusik …«
Tatsächlich hörte Lukas jetzt den wummernden Takt einer Trommel. Genauso klang der Marsch der Trossjungen, wenn es in den Krieg ging.
»Schnell weg von hier!«, zischte er.
Die Freunde warfen sich in die Büsche neben der Straße. Nur kurz darauf tauchten zwei Männer auf, der eine schlug die Trommel, der andere spielte auf einer kleinen Weidenflöte.
»Na, ein ganzer Heerestross ist das nicht«, sagte Giovanni erleichtert. »Lasst sie uns nach der nächsten Stadt fragen.«
Als sie auf die Straße hinaustraten, hielten die Männer erschrocken in ihrem Spiel inne. Sie trugen die bunte Tracht von fahrenden Musikanten, dazu auf dem Kopf Barette mit Federn daran. Der Mann mit der Pauke war der ältere der beiden, am Gewand des Jüngeren hingen überall kleine Glöckchen, die leise klingelten.
Lukas hob die Hand. »Gott zum Gruß, wir wollen euch nichts Böses.«
»Das weiß man in diesen Zeiten nie«, erwiderte der ältere Trommler grimmig, der bereits zu dem langen Hirschfänger an seiner Seite gegriffen hatte. »Auch nicht, ob Gott überhaupt noch in diese Gegend kommt. Überall sind streunende Soldaten unterwegs, wie die Bluthunde.« Er deutete auf eine Rauchsäule, die nicht weit von ihnen in den Himmel züngelte. »Dort drüben haben sie eben erst einen kleinen Weiler angesteckt und die letzten lebenden Bauern über glühende Kohlen laufen lassen, einfach so zum Spaß. Kaiserliche, Dänische, Schwedische … alles das gleiche Pack!« Mit seinem Messer wies der Trommler auf Paulus’ mächtigen Palasch. »Ihr tragt schwere Waffen, wie Söldner …«
»Nur zu unserem Schutz«, beschwichtigte Lukas. »Wir sind fremd in der Gegend. Sagt, kennt ihr eine größere Stadt hier?«
»Eine größere Stadt?« Der junge Flötenspieler hob erstaunt die Augenbrauen. »Offenbar kommt ihr wahrlich von weit her, wenn ihr nicht mal wisst, dass die nächste größere Stadt Quedlinburg ist.«
»Ist es dort denn sicher?«, wollte Giovanni wissen.
»Nun, die Stadt ist nicht zerstört worden, wenn ihr das meint, aber die Einwohner müssen den Schweden Quartier geben«, erwiderte der Trommler achselzuckend. »Und die hausen wie die Schweine. Kein vernünftiger Mann wagt sich dort mehr auf die Straße. Mit euren Waffen würde ich mich da nicht blicken lassen.« Er zögerte und wechselte mit seinem jungen Gefährten einen Blick. »Aber ihr könntet mit uns nach Münzenberg gehen. Wenn ihr euch traut …«
»Warum sollten wir uns nicht trauen?«, fragte Gwendolyn.
»Nun, Münzenberg ist die Stadt der Diebe, Halsabschneider und Ehrlosen. Ein raues Pflaster, vielleicht noch rauer als Quedlinburg.« Der Jüngling mit der Flöte zwinkerte ihnen zu. »Aber es ist eben auch die Heimat der Musikanten, Spielleute und Sänger. Natürlich nur, solange ihnen keiner die hübschen Goldkehlen durchschneidet.« Er verbeugte sich, und die kleinen Glöckchen an seinem Gewand klingelten, als würden sie lachen. »Begleitet uns und versucht dort euer Glück. Wo Musik erklingt, kann es nicht so übel sein.«
Sie schlossen sich den beiden Männern an, die sich als Walther und Wolfram vorstellten und schon bald zu ihnen Vertrauen fassten.
»Wie die zwei berühmten mittelalterlichen Sänger, wenn ihr die kennt«, sagte der Flötenspieler Walther, während sie die schlammige Straße weiter Richtung Nordwesten gingen. »Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach. Die beiden haben sich einst auf der Wartburg einen Sängerwettstreit geliefert. Auch in Münzenberg treten jedes Jahr viele Musikanten gegeneinander an. Dem Sieger winkt eine Belohnung. Die können wir in diesen kargen Zeiten wahrlich gut gebrauchen!«
Er setzte zu einer flinken Melodie an, und der stämmige Wolfram begleitete ihn mit seiner Trommel, von Zeit zu Zeit sangen sie auch gemeinsam. Die beiden hatten sich in der Stadt Goslar, westlich des Harzes, kennengelernt, wo sie vor schwedischen Söldnern geflohen waren. Lukas fand, dass sich ihr Spiel sehr schön anhörte, gleichzeitig traurig und doch auch fröhlich. Auch die anderen fanden Gefallen an der Musik, die sie auf ihrem Weg begleitete. Nur Merlin schien damit nichts anfangen zu können. Er lief allein als letzter, trödelte und blieb immer wieder stehen.
Je länger sie unterwegs waren, desto öfter begegneten ihnen nun Flüchtlinge, die mit wenig Gepäck und erschöpften, verhärmten Gesichtern auf der Straße unterwegs waren. Lukas sah weinende Kinder, die von ihren Müttern getragen wurden, aber auch ältere Männer, die Verbände trugen oder auf Krücken humpelten; gelegentlich ritten Soldaten an ihnen vorbei, die sich aber nicht weiter um die Unglücklichen kümmerten. Auf den Feldern brannten die Scheunen. All das erinnerte Lukas sehr an seine Pfälzer Heimat. Der Krieg hatte überall im Deutschen Reich gewütet, kaum ein Landstrich war verschont geblieben.
Als die Sonne schon fast unterging, tauchte vor ihnen schließlich die Silhouette einer größeren Stadt auf. Sie war von einer hohen Stadtmauer umgeben und mit etlichen Tortürmen bewehrt. Über einen Fluss führte eine breite Steinbrücke, im Hintergrund auf einem Hügel thronte ein großer Dom und daneben eine Art Schloss.
»Das Quedlinburger Stift«, erklärte Wolfram und deutete auf den Hügel. »Adlige unverheiratete Mädchen sind dort untergebracht, das Stift ist ganz in Frauenhand. Die Äbtissin Dorothea hat es bisher geschafft, dass Quedlinburg halbwegs gut durch diesen Krieg gekommen ist.«
»Wenn überall Frauen herrschen würden, gäbe es überhaupt keinen Krieg«, sagte Gwendolyn achselzuckend. »Davon bin ich überzeugt.«
»Und wo ist nun dieses Münzenberg?«, fragte Lukas.
»Dort.«
Walther wies auf einen kleineren Hügel rechts vom Dom, außerhalb der Stadt. Darauf stand ein Kloster, das aber nur noch eine Ruine war. Der ganze Hügel war bebaut mit winzigen schiefen Häuschen, die wie Pusteln an der Klosterruine zu kleben schienen.
»Das Kloster ist schon lange verlassen«, erklärte Walther. »Die Äbtissin hat den Leuten ohne Bürgerrecht Münzenberg als Wohnort zugewiesen. Seitdem tummeln sich dort Schausteller, Wandermusikanten wie wir, aber auch Kesselflicker, Scherenschleifer, fahrende Gesellen und naja … eben auch etliche Diebe und anderes zwielichtiges Gesindel.«
Gwendolyn grinste breit. »Ich liebe diesen Ort jetzt schon!«
Um keinen weiteren Soldaten zu begegnen, umrundeten sie Quedlinburg weitläufig. Sie mussten ein paar stinkende Bäche und einige matschige Felder überqueren, dann standen sie endlich am Fuß des Münzenbergs. Dort fanden sie ein kleines verschlossenes Tor vor.
Von der anderen Seite hörte man Musik, Lärm und Gelächter. Walther schlug seine Trommel, und eine Luke öffnete sich im Tor. Das vernarbte Gesicht eines Wachmanns guckte heraus.
»Was wollt ihr?«, herrschte er die Gruppe an.
»Musikanten sind wir«, erklärte Walther mit hoher singender Stimme. Er spielte eine kleine Weise auf seiner Flöte. »Und zum Wettstreit wollen wir, wenn’s denn recht und genehm ist.«
Das Tor öffnete sich, und sie durften eintreten.
»Aber wir sind doch gar keine Musikanten«, raunte Jerome Paulus zu.
»Das weiß ja keiner«, erwiderte dieser leise. »Jedenfalls nicht, bis wir beide anfangen zu singen.«