Charlotte hatte noch ein letztes Bild auf dem Film, also nahm sie die Brownie mit nach draußen auf den Minigolfplatz. Das Motiv: Joan bereitet sich auf ihren Schlag vor, Frank hinter ihr in der Hocke, während Rosemary in den Himmel starrt, abgelenkt von einem Flugzeug, einer Wolke oder einem Vogel.
Die Drittel-Regel. Mr. Hotchkiss wäre angetan gewesen. Aber von Las Vegas als solches natürlich ganz und gar nicht. Zu laut, zu aufdringlich, zu viel ungefilterte, unbändige Leidenschaft. Insgesamt einfach überwältigend, o weh.
Charlotte fand all das jedoch faszinierend. Gestern Abend waren sie den Strip hinauf- nach Downtown und wieder hinuntergefahren. Die Leute! Männer und Frauen aus allen erdenklichen Bereichen des Lebens. Sie schritten stolz vorbei, sie taumelten vorbei, sie umarmten und küssten sich, sie stießen sich aus dem Weg und duckten sich verstohlen in wartende Autos. Ein Mann zog sich das Smokingjackett aus und schwenkte es wie eine Fahne. Warum? Eine Frau saß auf der Bordsteinkante, den Kopf in den Händen, aber mit einem Lächeln auf den Lippen. Warum? Charlotte fand es wunderbar, dass jeder Mensch, an dem sie vorbeikamen, jeder einzelne Mensch auf der großen weiten Welt, seine eigene Geschichte hatte.
Ein Revuegirl eilte mit großen Schritten über die Kreuzung. Wer war sie? Welche Absicht trieb sie derart an, dass sie keine Zeit gehabt hatte, ihr Kostüm auszuziehen? Das Kostüm bestand aus schimmernden Perlen und extravaganten Federn und sehr wenig, falls überhaupt, tatsächlichem Stoff. Mr. Hotchkiss hätte diesen Schock nicht überlebt.
Los Angeles war noch viel größer als Las Vegas. Bei dem Gedanken wurde es Charlotte schwindelig. Wenn Las Vegas schon derart viel war, so unglaublich viel, viel zu viel, was erwartete sie dann in Los Angeles? Ihr fiel ein, was sie zu den Mädchen gesagt hatte, unmittelbar bevor sie Oklahoma verlassen hatten. Wir lassen uns einfach überraschen.
Joan konzentrierte sich auf ihren Schlag. Rosemary sah staunend nach oben in den Himmel. Charlotte wartete geduldig ab, während sich die Flügel der Windmühle immer weiter drehten. Sie wollte den Moment im perfekten Gittermuster aus Schatten festhalten.
Jetzt. Sie drückte auf den Auslöser. Die Zeit stand still.
Und dann setzte die Windmühle ihre langsame, ächzende Drehbewegung fort. Der Kopf von Joans Schläger traf mit einem Klicken den Ball. Während der Ball über eine Bodenwelle rollte und eine Kurve beschrieb, murmelte Frank leise Ermunterungen: »Rein ins Loch mit dir.« Rosemary drehte sich auf Zehenspitzen im Kreis, ein Versuch, die Pirouette der Tänzerin nachzuahmen, die sie auf einem Werbeposter für die Revue der Jewel Box, des hauseigenen Theaters, gesehen hatte.
Charlotte würde erst herausfinden, ob sie das Bild einen Sekundenbruchteil zu früh oder zu spät gemacht hatte, wenn sie die fertigen Abzüge sah. Das machte das Fotografieren so nervenaufreibend, aber auch so spannend. Man konnte das Resultat von dem, was man da machte, erst richtig beurteilen, wenn es bereits geschehen war.
»In zwei Stunden bin ich wieder da«, sagte Frank. »Drückt mir die Daumen.«
Nachdem Frank gegangen war, um sich mit seinem Freund, dem Autohändler, zu treffen, aßen Charlotte und die Mädchen zu Mittag, gingen mit dem Hund spazieren und sahen einer Gedenkfeier für Präsident Kennedy auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu. Vor dem McCarran-Flughafen zog ein Trüppchen Cub Scouts eine Fahne auf, salutierte und setzte sie dann auf halbmast.
Der Hund brauchte ein Mittagsschläfchen, aber die Mädchen waren noch voller Energie. Also machten sie sich auf, um eine Dunkelkammer zu suchen. In ihrem Hotel gab es alles, was man sich nur vorstellen konnte, überlegte Charlotte, warum dann nicht auch so etwas?
Der Verkäufer des Souvenirgeschäfts, ein bärbeißiger Emigrant namens Otto, verkaufte ihr eine neue Rolle Film, aber er wusste nichts von einer Dunkelkammer oder einem Fotolabor im Hacienda. Er selbst war jedoch ein aufstrebender Zauberkünstler und führte ihnen diverse Kunststücke mit einem Satz Andenkenkarten vor. Rosemary zupfte Charlotte am Ärmel, woraufhin sie sich zu ihr hinunterbeugte.
»Mommy«, flüsterte Rosemary, »fragst du ihn, ob er uns ein Kunststück beibringt?«
»Du fragst ihn«, entgegnete Charlotte.
Also nahm Rosemary ihren Mut zusammen, und Otto tat ihr den Gefallen. Geduldig erklärte er ihnen Schritt für Schritt ein Kunststück namens »Wer ist der Zauberer?«. Während sie es übten, beschrieb er ihnen das Salzbergwerk in der Nähe seiner Heimatstadt in Österreich, dessen Wände von glitzernden Kristallen bedeckt waren und wo es einen riesigen unterirdischen See gegeben hatte, über den man mit dem Boot rudern konnte.
Otto schickte Charlotte und die Mädchen zu Gigi, der Fotografin in der Jewel Box, die Aufnahmen von jedem Champagner-Toast und jedem Kuss zum Hochzeitstag machte. Otto bot ihnen an, einen Hotelpagen zu rufen, um ihnen den Weg zu zeigen, aber das hätte ja keinen Spaß gemacht.
Natürlich verliefen sie sich und landeten draußen in einem ruhigen kleinen Kaktusgarten. Ein Mexikaner namens Luis, der gerade den Sand rechte, fragte die Mädchen, ob sie wüssten, dass ein Kaktus dreihundert Jahre alt werden und ein Gewicht von über zweitausend Kilogramm erreichen konnte? Nein? Er lud sie ein, die unterschiedlichen stacheligen Dornen zu berühren, manche weich und gerade, andere hart und gebogen. Die Dornen dienten zur Abwehr von Tieren, die den Kaktus fressen wollten, und sorgten zudem dafür, dass das Wasser im Inneren der Pflanze verdunstete und an die Luft abgegeben wurde.
Und Charlotte hatte befürchtet, dass die Mädchen den Unterricht verpassen und im Lernstoff zurückfallen könnten!
Schließlich fanden sie Gigi, die sich gerade im Pausenraum der Angestellten die Zehennägel lackierte. Es stellte sich heraus, dass sie eine Polaroid-Highlander-Sofortbildkamera verwendete, sodass sich eine Dunkelkammer erübrigte. Allerdings gab es ein Entwicklungslabor in Downtown, in der Nähe von Gigis Apartment, und sie bot an, Charlottes Rollfilm dort abzugeben.
»Was ist Ihre Zimmernummer?«, fragte Gigi.
»Zimmer 216«, sagte Charlotte. »Aber ich weiß nicht genau, wie lange wir bleiben.«
»Dann werde ich denen ein wenig Dampf machen. Keine Sorge.«
Die Mädchen waren fasziniert von der Highlander. Zu Charlottes Überraschung war es Joan, die sich traute, etwas zu sagen, und zwar ohne jegliche Ermunterung ihrerseits.
»Bitte, dürfen wir sie mal ausprobieren?«, fragte Joan Gigi.
»Aber natürlich dürft ihr«, sagte Gigi.
Sie ließ Joan ein Foto von Rosemary machen. Und Rosemary eins von Joan. Gigi zeigte ihnen, wie man die Abzüge vorsichtig hin und her schwenkte, bis das Fixiermittel getrocknet war und die schemenhaften Umrisse des Bildes langsam hervortraten. Neugierig geworden, erkundigte sich Charlotte bei Gigi, ob ihr die Arbeit am Hotel gefiel.
»Ach, es ist zum Schreien«, antwortete Gigi. »Meine Güte, was ich da alles mitbekomme. Die Hälfte davon würden Sie mir nicht glauben.«
Genau die Art von Stelle, beschloss Charlotte, die sie sich gerne in Los Angeles suchen würde. Und warum auch nicht? Was sollte sie davon abhalten?
Sie und die Mädchen beschlossen, zum Flughafen hinüberzugehen. Als sie aus dem Hotel kamen, entstieg Frank gerade einer Limousine.
»Du kommst genau rechtzeitig«, sagte Charlotte. »Wir wollten gerade los, um uns die Flugzeuge anzusehen.«
Ein zweiter Mann stieg ebenfalls aus der Limousine. Er umrundete den Wagen und lächelte Charlotte zu. Der Mann war groß und kräftig gebaut, und mit seiner tiefen, satten Bräune, dem Kranz weicher weißer Haare rund um den kahlen Schädel und einem so kraftvollen Lächeln, dass es einen mehr oder weniger umhaute und so schnell nicht wieder aufstehen ließ, wirkte er nicht nur überlebensgroß, sondern irgendwie auch lebendiger als Normalsterbliche.
Der hatte eine Geschichte, vermutete Charlotte. O ja, ganz sicher sogar.
»Na, so was, wen haben wir denn da?«, fragte er.
»Sie müssen Ed sein.« Charlotte erwiderte sein Lächeln. »Freut mich sehr, Sie kennenzulernen.«
Frank hatte Mühe, sich zu ihnen herüberzukämpfen. Die Mädchen hatten sich auf ihn gestürzt; Rosemary hing an seiner einen Hand, Joan an der anderen.
»Ed, das ist sie«, sagte Frank. »Das ist Charlotte. Die Jungfer in Nöten, von der ich dir erzählt habe.«
»Ich komme mir wegen der ganzen Sache schrecklich anmaßend vor«, sagte Charlotte. »Ich hoffe, Frank hat Sie meinetwegen nicht in eine schwierige Lage gebracht. Normalerweise frage ich keine wildfremden Menschen, ob ich mir eins ihrer Autos leihen darf.«
Ed hob die Sonnenbrille, um sie besser betrachten zu können. Wie von Charlotte erwartet, waren seine Augen von einem strahlenden Kodachrome-Blau. »Eins meiner Autos leihen?«
Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Langsam wurde ihr klar, dass der Mann nicht die leiseste Ahnung hatte, wovon sie sprach.
Und dann, als sie bereits fieberhaft nachdachte – wieso hatte Frank das Auto noch nicht erwähnt? –, fing Ed an zu lachen. Er beugte sich nach vorn, hob Charlottes Hand an die Lippen und drückte einen Kuss darauf. Sein Atem war warm, seine Hand weich und die Fingernägel perfekt manikürt.
»Ich wollte Sie nur ein wenig aufziehen«, sagte er. »Natürlich dürfen Sie sich eins meiner Autos leihen, meine liebe Charlotte. Ich habe Frank gesagt, Sie dürfen sich das beste der ganzen Flotte aussuchen. Stimmt’s nicht, Frank?«
»Doch, das hast du«, antwortete Frank.
»Eine Freundin von Frank ist auch meine Freundin. Ist doch klar, er ist wie ein Sohn für mich. Was mir gehört, gehört auch ihm, und umgekehrt. Nicht wahr, Frank?«
Charlotte entspannte sich. »Vielen, vielen Dank. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin.«
Ed wandte sich den Mädchen zu. »Und das hier müssen die niedlichen Töchter sein, von denen ich schon so viel gehört habe. Ich bin euer Onkel Ed. Sehr erfreut. Gefällt euch Las Vegas bis jetzt?«
»Sehr erfreut«, antwortete Rosemary. »Ja, das tut es. Es gibt Kakteen und Minigolf und einen Mann, der uns Kunststücke mit Karten beigebracht hat. Hier ist es genau wie im Zauberer von Oz, oder, Joan?«
»Ja«, bekräftigte Joan.
Frank schob die Mädchen langsam in Richtung Charlotte. »Wir wollen dich nicht aufhalten, Ed. Wir reden morgen, einverstanden?«
Ed schnalzte dreimal mit den Fingern, drei lässige Bewegungen des Handgelenks, wie ein Jazzsänger, der seiner Band den Takt vorgibt.
»Wisst ihr, wer diese Woche hier in der Stadt, oben im Stardust, ein Konzert gibt?«, fragte er. »Ihr werdet’s nicht glauben! Ray Bolger, die Vogelscheuche höchstpersönlich.«
»Sie kennen die Vogelscheuche?«, fragte Rosemary ehrfürchtig.
Selbst Joan, der nur alle Schaltjahre einmal ihr beherrschter Gesichtsausdruck entglitt, starrte mit offenem Mund zu Ed hinauf.
»Kennen? Ray und ich sind alte Freunde. Hört mal, ich habe ein kleines Boot am Lake Mead. Wart ihr schon am Lake Mead? Warum fahren wir morgen nicht raus, ein kleiner Familienausflug. Ich schaue mal, ob Ray Lust hat, mitzukommen.«
»Wirklich großzügig von dir, Ed, aber …« Frank versuchte, die Mädchen unauffällig weiterzuschieben, aber vor lauter Staunen waren die Mädchen nicht vom Fleck zu bewegen.
Charlotte sah zu ihm herüber. Warum eigentlich nicht? Es wäre ein Abenteuer. Ed faszinierte sie. Wie Las Vegas selbst war er einfach überwältigend.
Frank lächelte nach wie vor sein entspanntes Lächeln, aber sie hatte einen kurzen Blick auf eine Falte zwischen seinen Augenbrauen erhascht, ein kaum erkennbares Stirnrunzeln des Zögerns, ein Anflug von Besorgnis. Oder doch nicht? Nur ganz kurz war es da gewesen und im nächsten Augenblick schon wieder verschwunden. Charlotte war sich nicht sicher.
Frank klopfte Ed freundschaftlich auf die Schulter. »Ich finde die Idee großartig, Ed. Wann laufen wir aus?«
Die Mädchen aßen im Garden Room früh zu Abend. Im Anschluss ließen Charlotte und Frank sie in der Obhut des hoteleigenen Babysitters. Rosemary reagierte gereizt auf den Namen der Einrichtung, Hänsel-und-Gretel-Kindergarten – wir gehen doch schon in die Schule! –, aber dann fand sie heraus, dass der sogenannte Kindergarten Kinder jeden Alters betreute und es dort diverse Brettspiele, Baukästen und Puzzle gab.
Der vornehme Speisesaal des Hotels befand sich auf der gegenüberliegenden Seite der Lobby. Frank führte Charlotte an einen Tisch in der Nähe des Pianisten. Ihre erste offizielle Verabredung. Diese Erkenntnis kam ihr, als sie Sekt tranken, und sie musste lachen.
»Was ist so lustig?«, fragte Frank.
»Das alles hier. Findest du nicht auch?«
Er lächelte. »Ja.«
Er wusste genau, was sie meinte. Wie konnte das sein? Wie konnten zwei Menschen sich so gut kennen und gleichzeitig nichts voneinander wissen?
»Du willst morgen nicht mit Ed zum Lake Mead rausfahren«, bemerkte sie.
Er nahm die Sektflasche aus dem Eiskübel und schenkte ihr nach. »Wie kommst du darauf?«
»Ach, nur so ein Gefühl.«
»Du hast recht. Ich will nicht.«
»Warum denn nicht?«
»Ich will euch ganz für mich haben. Dich und die Mädchen. Ich will euch mit niemandem teilen, noch nicht mal für einen Nachmittag.«
Sie glaubte ihm. Er beugte sich über den Tisch und küsste sie. Es war ein zauberhafter Augenblick. Der Sekt, das Kerzenlicht, die sanfte Musik. Erst als Frank seine Serviette ordentlich gefaltet hatte und aufgestanden war, um auf die Toilette zu gehen, kam sie auf den Gedanken, sich zu fragen, warum sie ihm überhaupt diese Frage gestellt hatte und ob sie ihm wirklich glaubte.