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Was für ein Anblick! The Big Easy in seiner ganzen verruchten, verkommenen Pracht!

Frank Guidry hielt an der Ecke Toulouse einen Moment inne, um den neonfarbenen Schein dieses Glutofens in sich aufzunehmen. Er hatte zwar den Großteil seines siebenunddreißigjährigen Lebens in New Orleans verbracht, aber das dreckige Funkeln und Knistern des French Quarter gaben ihm immer noch denselben Kick wie eh und je. Landeier und Einheimische, Gelegenheitsdiebe und Stricher, Feuerschlucker und Zauberer. Ein Go-go-Girl hing im ersten Stock eines Hauses über die schmiedeeiserne Balkonbrüstung, ein Busen war ihr aus dem paillettenbesetzten Negligé gerutscht und schwang im Takt zum Jazz-Trio drinnen gleichmäßig hin und her wie ein Metronom. Bass, Schlagzeug, Klavier, die sich im rasanten Tempo durch »Night and Day« spielten. In dieser Stadt konnte selbst die mieseste Band in der übelsten Neppkaschemme so richtig swingen.

Unter lautem Geschrei kam ein Typ die Straße raufgerannt. Ihm auf den Fersen eine Frau, die mit einem Schlachtermesser herumfuchtelte und ebenfalls aus vollem Hals brüllte.

Leichtfüßig trat Guidry zur Seite, um sie vorbeizulassen. Der Streifenpolizist an der Ecke gähnte. Der Jongleur vor Caracci’s 500 Club ließ keinen seiner Bälle fallen. Ein ganz gewöhnlicher Mittwochabend auf der Bourbon Street.

»Na los, Jungs!« Das Go-go-Girl auf dem Balkon wackelte mit ihrem nackten Busen einladend in Richtung zweier besoffener Matrosen. Die standen schwankend am Bordstein und sahen zu, wie ihr Kumpel in den Rinnstein kotzte. »Seid nicht knickerig und spendiert ner Lady nen Drink!«

Die Matrosen sahen mit gierigen Blicken zu ihr rauf. »Was soll’s denn kosten?«

»Wie viel habt ihr denn?«

Guidry musste schmunzeln. Und so drehte das Rad sich immer weiter. Über den auftoupierten Haaren des Go-go-Girls wippten schwarze Katzenohren aus Samt, und ihre falschen Wimpern waren so lang, dass Guidry sich fragte, wie sie dadurch etwas erkennen konnte. Vielleicht war aber genau das der Sinn und Zweck.

Er bog in die Bienville ab und bahnte sich langsam einen Weg durch die Menge. Er trug einen anthrazitfarbenen Anzug mit feinem Nailhead-Muster aus einem leichten Wolle-Seide-Gemisch, das sein Schneider extra aus Italien hatte kommen lassen. Weißes Hemd, dunkelrote Krawatte. Kein Hut. Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten keinen Hut brauchte, dann brauchte auch Guidry keinen.

Der Page des Monteleone-Hotels beeilte sich, um ihm die Tür aufzuhalten. »Was gibt’s Neues, Mr. Guidry?«

»Weißt du, Tommy«, antwortete Guidry, »ich bin zu alt für was Neues, aber das Alte funktioniert immer noch tadellos.«

In der Carousel Bar war wie immer die Hölle los. Guidry ließ ein »Hallo, wie geht’s« nach dem anderen vom Stapel, als er sich durch das Lokal arbeitete. Schüttelte Hände, klopfte auf Schultern und fragte Fat Phil Lorenzo, ob er nur gut zu Abend gegessen hatte oder den Kellner gleich mit, der es gebracht hatte. Dafür erntete er einige Lacher. Einer der Jungs, die für Sam Saia arbeiteten, legte ihm den Arm um die Schultern und flüsterte ihm ins Ohr.

»Ich muss dich dringend sprechen.«

»Dann sollten wir das nicht aufschieben«, sagte Guidry.

Der Tisch ganz hinten in der Ecke. Guidry bevorzugte es, den Überblick zu haben. Eine der Grundwahrheiten des Lebens: Wenn etwas einem an den Kragen wollte, sollte man es wenigstens kommen sehen.

Eine Kellnerin brachte ihm einen doppelten Macallan, Eiswürfel extra. Sam Saias Knabe fing an zu reden. Guidry nahm einen Schluck von seinem Drink und sah sich an, was sich vor seinen Augen abspielte. Die Männer umgarnten die Mädchen, und die Mädchen umgarnten die Männer. Überall Lächeln und Lügen und Blicke, verschleiert vom dichten Qualm, der in der Luft hing. Eine Hand, die unter den Saum eines Kleides fuhr, Lippen, die ganz leicht ein Ohr streiften. Guidry war in seinem Element. Jeder hier war auf der Suche nach etwas, wo er ansetzen konnte, einem Schwachpunkt.

»Den Ort haben wir schon, Frank, ganz große Klasse. Der Typ, dem das Gebäude und die Bar unten gehören, macht für ’n bisschen Kleingeld Fassade für uns. Genauso gut könnte er’s umsonst machen.«

»Großes Spiel«, folgerte Guidry.

»Nur das Beste vom Besten. Ein richtiger Luxusladen. Aber die Bullen wollen nicht mit uns reden. Wir brauchen dich, um diesen Scheißkerl Dorsey auf unsere Seite zu bringen. Du weißt doch, worauf er steht.«

Die Kunst der Bestechung. Guidry kannte den Preis von jedem, das entscheidende Argument, um einen Deal zum Abschluss zu bringen. Ein Mädchen? Ein Junge? Ein Mädchen und ein Junge? Wie sich Guidry erinnerte, hatte Lieutenant Dorsey vom Eighth District eine Frau, die sich ganz besonders über ein Paar Diamantohrringe von Adler’s freuen würde.

»Du weißt ja, dass Carlos zustimmen muss«, antwortete Guidry.

»Das wird er auch, wenn du ihm erklärst, wie gut die Nummer ist, Frank. Für deinen Part würden wir dir fünf Prozent geben.«

Eine Rothaarige an der Bar hatte ein Auge auf Guidry geworfen. Sie stand wohl auf sein dunkles Haar und die olivfarbene Haut, seine schlanke Statur und das Grübchen im Kinn, die leichte Cajun-Mandelform seiner Augen. Genau diese Form seiner Augen verriet den Itakern, dass er keiner von ihnen war.

»Fünf?«, fragte Guidry.

»Komm schon, Frank. Wir machen schließlich die ganze Arbeit.«

»Dann braucht ihr mich ja auch nicht, oder?«

»Jetzt sei vernünftig.«

Guidry konnte sehen, wie die Rothaarige mit jeder langsamen Umdrehung des Karussells mehr Mut fasste. Ihre Freundin stachelte sie an. Auf jeder Rückseite der gepolsterten, seidenbespannten Rücklehnen der Sitze an der Carousel Bar prangte ein handgemaltes Dschungeltier. Tiger, Elefant, Hyäne.

»›Ob auch an Klaue rot und Zahn / Natur‹«, deklamierte Guidry.

»Hä?«, sagte Saias Junge.

»Ich zitiere gerade Lord Tennyson, du Barbar.«

»Zehn, Frank. Mehr ist nicht drin.«

»Fünfzehn. Und ein Blick in die Bücher, wann immer’s mir einfällt. Jetzt ab mit dir.«

Saias Junge warf ihm einen wütenden Blick zu und kochte innerlich, aber so sah’s nun mal aus im Spiel von Angebot und Nachfrage. Lieutenant Dorsey war der sturste Bulle in ganz New Orleans. Und nur Guidry besaß das Talent, ihn weichzukriegen.

Er bestellte sich noch einen Scotch. Die Rothaarige drückte ihre Zigarette aus und kam langsam zu ihm rüber. Sie hatte Kleopatra-Augen, der letzte Schrei, und ihre Haut hatte eine goldene Bräune. Vielleicht war sie eine Stewardess, zurück von einem Zwischenstopp in Miami oder Vegas. Beeindruckt von ihrer eigenen Kühnheit, nahm sie Platz, ohne zu fragen.

»Meine Freundin da drüben hat gesagt, ich soll mich von dir fernhalten«, sagte sie.

Guidry fragte sich, wie viele Gesprächseinleitungen sie im Kopf durchgegangen war, bis sie sich für diese entschieden hatte. »Und trotzdem bist du hier.«

»Meine Freundin sagt, du hast ein paar sehr interessante Freunde.«

»Aber auch eine Menge langweilige«, sagte Guidry.

»Sie sagt, du arbeitest für, na, du weißt schon.«

»Den berüchtigten Carlos Marcello?«

»Ist es wahr?«

»Nie von ihm gehört.«

Sie spielte demonstrativ mit der Kirsche in ihrem Drink. Sie war neunzehn oder zwanzig. In ein paar Jahren würde sie das größte Uptown-Bankkonto heiraten, das sie finden konnte, und eine Familie gründen. Jetzt war sie allerdings auf ein kleines Abenteuer aus. Den Gefallen wollte Guidry ihr nur zu gerne tun.

»Bist du denn gar nicht neugierig?«, fragte die Rothaarige. »Warum ich nicht auf meine Freundin gehört und einen Bogen um dich gemacht habe?«

»Weil du’s nicht ausstehen kannst, wenn dir jemand sagt, dass du etwas nicht haben kannst.«

Sie sah ihn mit schmalen Augen an, als ob er heimlich ihre Handtasche durchwühlt hätte. »Stimmt.«

»Ich auch nicht«, sagte Guidry. »In diesem Leben kriegen wir nur eine einzige Chance, nur dieses eine Mal. Wenn wir nicht jede Sekunde davon auskosten, wenn wir unser Vergnügen nicht mit offenen Armen empfangen, wessen Schuld ist es dann?«

»Ich koste gerne jede Sekunde aus«, sagte sie.

»Das hör ich gern.«

»Ich heiße Eileen.«

Guidry sah, dass Mackey Pagano in die Bar gekommen war. Ausgezehrt, grau und unrasiert, wie er war, sah Mackey aus, als habe er unter einer Brücke geschlafen. Er hatte Guidry entdeckt und bedeutete ihm mit einer Kopfbewegung, dass er ihn sprechen musste. Ach, Mackey. Sein Timing war beschissen. Aber er hatte einen guten Riecher für günstige Gelegenheiten und brachte ihm nie einen Deal, der sich nicht gelohnt hätte.

Guidry stand auf. »Warte hier, Eileen.«

»Wo gehst du hin?«, fragte sie überrascht.

Er ging durchs Lokal und umarmte Mackey. Herr des Himmels. Mackey roch genauso, wie er aussah. Er brauchte dringend eine Dusche und einen sauberen Anzug, und zwar sofort.

»Muss ja ne Wahnsinnsparty gewesen sein, Mack«, sagte Guidry. »Erzähl mir alles.«

»Ich will dir ein Angebot machen.«

»Hab ich mir schon gedacht.«

»Lass uns ne kleine Runde drehen.«

Er nahm Guidry beim Ellbogen und lotste ihn raus in die Lobby, am Zigarrenstand vorbei, einen menschenleeren Flur hinunter, dann noch einen.

»Laufen wir bis nach Kuba, Mack?«, fragte Guidry. »Ein Bart steht mir allerdings nicht besonders.«

Endlich hielten sie an, und zwar vor den Türen des Lieferanteneingangs an der Rückseite des Hotels.

»Also, was hast du für mich?«, fragte Guidry.

»Ich hab gar nichts.«

»Was?«

»Ich musste nur unbedingt mit dir reden.«

»Dir ist nicht entgangen, dass ich momentan Besseres zu tun habe.«

»Tut mir leid. Ich steck in der Klemme, Frankie. Vielleicht sogar in ner richtig üblen.«

Guidry hatte für jede Situation das passende Lächeln. Auch eines, um das mulmige Gefühl zu überspielen, das sich in ihm breitmachte. Er drückte kurz Mackeys Schulter. Wird schon nicht so schlimm sein, alter Kumpel, alter Freund, was soll schon passieren? Aber Guidry gefiel das Zittern in Mackeys Stimme ganz und gar nicht oder wie er sich an dem Ärmel seines Jacketts festkrallte.

Hatte jemand bemerkt, dass sie beide das Carousel gemeinsam verlassen hatten? Was, wenn jemand genau jetzt zufällig um die Ecke bog und sie hier herumlungern sah? Ärger in diesem Geschäft verbreitete sich rasant, genau wie eine Erkältung oder der Tripper. Guidry wusste, man konnte sich schnell anstecken, durch ein Händeschütteln mit dem Falschen, einen unbedachten Blick.

»Am Wochenende komme ich bei dir in der Bude vorbei«, sagte Guidry. »Dann helfe ich dir, die Sache zu regeln.«

»Das muss jetzt geregelt werden.«

Guidry versuchte, peu à peu einen Abgang zu machen. »Ich muss los. Morgen, Mack. Du kannst dich drauf verlassen.«

»Ich bin seit ner Woche nicht mehr bei mir zu Hause gewesen«, sagte Mackey.

»Schlag was vor. Ich treffe mich mit dir, wo immer du willst.«

Mackey musterte ihn. Diese Augen, mit den schweren Lidern, konnten in einem bestimmten Licht fast weich aussehen. Mackey wusste, dass Guidry wegen des Treffens morgen gelogen hatte. Natürlich tat er das. Guidrys Begabung für Betrug und Täuschung war ihm zwar in die Wiege gelegt worden, aber Mackey hatte ihm die Feinheiten beigebracht, hatte ihm geholfen, sein Handwerk zu perfektionieren.

»Wie lange kennen wir uns jetzt, Frankie?«, fragte Mackey.

»Verstehe«, seufzte Guidry. »Die sentimentale Schiene.«

»Du warst sechzehn.«

Fünfzehn. Guidry, frisch vom Rübenlaster aus Ascension Parish, Louisiana, hatte sich damals im Faubourg Marigny rumgetrieben. Lebte von der Hand in den Mund und klaute Dosen Schweinefleisch mit Bohnen aus den Regalen des A&P-Markts. Mackey sah etwas in ihm und gab Guidry seinen ersten Job. Ein Jahr lang hatte Guidry jeden Morgen den Anteil von den Mädchen in der St. Peter eingesammelt und schnell rüber zu Snake Gonzalez geschafft, dem legendären Zuhälter. Fünf Dollar am Tag und schon ziemlich bald keinerlei Illusionen mehr, was die menschliche Spezies anging, die er am Anfang vielleicht noch gehabt hatte.

»Bitte, Frankie«, sagte Mackey eindringlich.

»Was willst du?«

»Red mit Seraphine. Finde für mich raus, wie die Lage ist. Vielleicht bild ich’s mir auch nur ein.«

»Was ist passiert? Egal. Geht mich nichts an.« Guidry interessierten die Details von Mackeys misslicher Lage nicht im Geringsten. Alles, was ihn interessierte, waren die Details seiner misslichen Lage, in die Mackey ihn gerade gebracht hatte.

»Du erinnerst dich, vor ungefähr einem Jahr«, fing Mackey an, »als ich raus nach Frisco gefahren bin, um mit diesem Typen wegen der Sache mit dem Richter zu sprechen. Carlos hat das Ganze dann abgeblasen, wie du weißt, aber …«

»Halt«, unterbrach ihn Guidry. »Ich will’s gar nicht wissen. Verdammt, Mack.«

»Tut mir leid, Frankie. Du bist der Einzige, dem ich vertrauen kann. Sonst würd ich nicht fragen.«

Mackey wartete. Guidry löste den Knoten seiner Krawatte. Genau daraus bestand doch das Leben: eine Abfolge blitzschneller Berechnungen. Das Verschieben von Gewichten, das Austarieren der Waagschalen. Die einzige schlechte Entscheidung war die, die man einem anderen überließ.

»Na schön, also gut«, sagte Guidry schließlich. »Aber ich kann kein Wort für dich einlegen, Mack. Dann bin ich auch dran. Das verstehst du doch?«

»Klar versteh ich das«, antwortete Mack erleichtert. »Finde nur raus, ob ich aus der Stadt verschwinden muss. Ich verschwinde noch heute Nacht.«

»Rühr dich nicht vom Fleck, bis ich mich melde.«

»Ich bin momentan drüben in der Frenchmen Street, in der Wohnung von Darlene Monette. Komm danach da vorbei. Aber hinterlass keine Nachricht.«

»Darlene Monette?«

»Sie schuldet mir noch nen Gefallen«, erläuterte Mack. Unter seinen halbgeschlossenen Lidern hervor sah er Guidry an. Flehentlich. Eigentlich hieß das: Guidry, du schuldest mir noch nen Gefallen.

»Rühr dich nicht vom Fleck, bis ich mich melde«, wiederholte Guidry.

»Danke dir, Frankie.«

Von einem Münzfernsprecher in der Lobby rief Guidry Seraphine an. Bei sich zu Hause ging sie nicht ans Telefon, also versuchte er es in Carlos’ privatem Büro draußen am Airline Highway in Metairie. Wie viele Leute hatten diese Nummer? Sicher nicht mehr als ein Dutzend. Guck mal, was aus mir geworden ist, Ma!

»Sehen wir uns etwa nicht am Freitag, mon cher?«, fragte Seraphine.

»Doch, doch«, antwortete Guidry. »Kann ich nicht einfach anrufen, um nett mit dir zu plaudern?«

»Aber das mache ich doch am liebsten.«

»Mir ist zu Ohren gekommen, dass Onkel Carlos auf der Suche nach einem Penny ist, den er verloren hat. Unser Freund Mackey. Oder liege ich da falsch?«

Durchs Telefon konnte Guidry das Rascheln eines seidigen Stoffs hören. Wenn Seraphine sich streckte, machte sie den Rücken krumm wie eine Katze. Er hörte auch das helle Klirren eines einzelnen Eiswürfels in einem Drink.

»Da liegst du nicht falsch«, antwortete sie.

Verdammt. Also hatte Mackey mit seinen Befürchtungen recht gehabt. Carlos wollte ihn aus dem Weg schaffen.

»Bist du noch dran, mon cher

Verflucht. Mackey hatte Guidry unzählige Male bekocht. Er hatte ihn den Marcello-Brüdern vorgestellt. Und er hatte für Guidry gebürgt, als niemand sonst auf der Welt überhaupt wusste, dass es ihn gab.

Aber all das war Schnee von gestern. Guidry interessierte nur, was heute war – und was morgen.

»Bestell Carlos, er soll mal in der Frenchmen Street nachsehen«, sagte Guidry. »An der Ecke Rampart gibt’s ein Haus mit grünen Fensterläden. Bei Darlene Monette. Oberster Stock, die Wohnung ganz hinten.«

»Danke, mon cher«, antwortete Seraphine.

Guidry schlenderte zurück zum Carousel. Die Rothaarige hatte auf ihn gewartet. Vom Türrahmen aus beobachtete er sie eine Zeit lang. Ja oder nein, meine Damen und Herren Geschworene? Ihm gefiel, wie ihre mühevolle Aufmachung ein klein wenig zu leiden begonnen hatte; der Kleopatra-Lidstrich war verlaufen, und ihre Frisur machte langsam schlapp. Sie wimmelte eine Niete ab, die sich an sie heranmachen wollte, und fuhr mit dem Finger am Rand ihres leeren Highball-Glases entlang. Entschloss sich, Guidry noch weitere fünf Minuten zu geben, aber das wäre es dann wirklich, keine Sekunde länger, und diesmal meinte sie es auch so.

Er wünschte, die Sache mit Mackey wäre anders gelaufen. Dass Seraphine gesagt hätte: Da musst du dich verhört haben, mon cher. Carlos hat nichts gegen Mackey. Jetzt konnte Guidry nur noch mit den Achseln zucken. Gewichte und Waagschalen, einfache Mathematik. Jemand hatte ihn heute Abend vielleicht mit Mackey gesehen. Guidry durfte es nicht darauf ankommen lassen. Warum sollte er auch?

Er nahm die Rothaarige mit zu sich nach Hause. Seine Wohnung lag fünfzehn Stockwerke über der Canal Street in einem modernen Hochhaus, das aussah wie ein stromlinienförmiger Stachel aus Stahl und Beton, außen komplett plan und mit hauseigener Klimaanlage. Im Sommer, wenn der Rest der Stadt im eigenen Saft kochte, zeigte sich bei Guidry nicht die kleinste Schweißperle.

»Oooh«, quietschte die Rothaarige. »Ist das irre!«

Der Blick durch die große Fensterfront, das schwarze Ledersofa, der Barwagen aus Glas und Chrom, die teure Hi-Fi-Anlage. Sie stellte sich ans Fenster, die Hand an der Hüfte, das Gewicht auf einem Bein, um ihre Kurven richtig zur Geltung zu bringen, Blick zurück über die Schulter, wie es die Fotomodelle in den Zeitschriften machten.

»Ich bin ganz versessen drauf, auch mal so hoch oben zu wohnen«, sagte sie. »Die ganzen Lichter. Die ganzen Sterne. Wie in nem Raumschiff.«

Guidry wollte vermeiden, dass sie den falschen Eindruck bekam, er wollte mit ihr reden, also drückte er sie ans Fenster. Die Scheibe gab etwas nach, und die Sterne wackelten. Er küsste sie. Ihren Hals, die empfindliche Stelle zwischen Kiefer und Ohr. Sie roch wie eine Kippe in einer Pfütze Lanvin-Parfüm.

Sie fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar. Er packte ihre Hand, drehte sie ihr auf den Rücken und hielt sie fest. Mit der anderen griff er ihr unter den Rock.

»Oh«, hauchte sie.

Satinhöschen. Die konnte sie erst mal anbehalten, und ganz sachte fuhr er die Konturen entlang von dem, was darunterlag, mit zwei Fingern, die langsam über jede kleine Wölbung glitten. Gleichzeitig küsste er ihren Hals fordernder, ließ sie ein wenig seine Zähne spüren.

»Oh.« Diesmal war’s ernst gemeint.

Er schob das Gummiband des Höschens zur Seite und ließ seine Finger in sie hineingleiten. Rein und raus, dabei den Daumenballen auf ihrem Kitzler, als er versuchte rauszufinden, welcher Rhythmus ihr am besten gefiel, welcher Druck. Als er merkte, wie sich ihre Atmung veränderte und sich ihre Hüften mitbewegten, hörte er auf. Vor Überraschung spannten sich die Muskeln an ihrem Hals an. Er wartete kurz ab, dann fing er wieder an. Erleichterung durchzuckte ihren gesamten Körper wie ein Stromschlag. Als er ein zweites Mal innehielt, stöhnte sie auf, als habe er ihr einen Tritt versetzt.

»Nicht aufhören«, bettelte sie.

Er lehnte sich ein Stück zurück, damit er sie ansehen konnte. Ihre Augen waren ganz glasig, das Gesicht eine verschmierte Mischung aus Lust und Verlangen. »Sag bitte.«

»Bitte.«

»Sag bitte, bitte.«

»Bitte.«

Er brachte sie zum Höhepunkt. Jede Frau kam auf eine andere Weise. Die Augen zu Schlitzen verengt oder das Kinn vorgereckt, mit geöffneten Lippen oder geweiteten Nasenlöchern, mit einem Seufzen oder einem Schrei. Aber jedes Mal gab es diesen einen Moment, in dem die Welt um sie herum verschwamm, diesen grellweißen Atomblitz.

»Meine Güte.« Die Rothaarige kam gerade wieder in der wirklichen Welt an. »Mir zittern ja die Beine.«

Gewichte und Waagschalen, einfache Mathematik. Mackey hätte dieselben Berechnungen angestellt wie er, wäre er an Guidrys Stelle gewesen. Mackey hätte zum Telefon gegriffen und denselben Anruf getätigt wie Guidry, gar kein Zweifel. Und Guidry hätte ihn dafür respektiert. C’est la vie. Zumindest seines.

Er drehte die Rothaarige um, schob ihr den Rock hoch und zog ihr das Höschen runter. Als er in sie stieß, gab die Scheibe wieder nach. Guidrys Vermieter behauptete zwar, die Fenster im Gebäude würden einem Hurrikan standhalten, aber das musste sich erst noch zeigen.