In ihrer Vorstellung sah sich Charlotte allein auf der Brücke eines Schiffes stehen. Ein Sturm tobte, und die hohen Wellen brachen über dem Deck. Segeltuch riss, Taue gingen entzwei. Warum nicht noch ein paar berstende Schiffsplanken dazu, um das Bild zu vervollständigen? Die Sonne verbreitete nur ein kaltes, bleiches Licht, sodass Charlotte sich fühlte, als sei sie bereits ertrunken.
»Mommy«, rief Rosemary aus dem Wohnzimmer. »Joan und ich haben eine Frage.«
»Ich hab euch doch schon gesagt, ihr sollt zum Frühstück kommen, meine Süßen«, rief Charlotte zurück.
»September ist doch dein Lieblingsherbstmonat, oder, Mommy? Und November magst du am wenigsten?«
»Kommt frühstücken!«
Der Frühstücksspeck brannte gerade an. Charlotte fiel fast über den Hund, der mitten im Zimmer auf dem Fußboden lag, und verlor dabei ihren Schuh. Als sie die Küche durchquerte – jetzt hatte nämlich auch noch der Toaster angefangen zu qualmen –, stolperte sie über den Schuh. Der Hund zuckte und verzog die Schnauze: Ein Anfall war im Anmarsch. Charlotte hoffte inständig, dass es nur ein falscher Alarm war.
Teller. Gabeln. Charlotte malte sich mit einer Hand die Lippen, während sie mit der anderen Orangensaft in Gläser schenkte. Schon halb acht. Wo war die Zeit hin? Auf jeden Fall hatte sie keine mehr.
»Kinder!«, rief sie.
Dooley kam in die Küche geschlurft. Er war noch im Pyjama und hatte die leicht grünliche Gesichtsfarbe und gekrümmte Haltung eines gemarterten Heiligen von El Greco.
»Du wirst wieder zu spät zur Arbeit kommen, Schatz«, begrüßte ihn Charlotte.
Er ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Heute Morgen fühle ich mich gar nicht gut.«
Das glaubte ihm Charlotte ohne Weiteres. Es war nach eins gewesen, als sie endlich gehört hatte, wie die Haustür aufflog und er durch den Flur getorkelt war und dabei an die Wände stieß. Bevor er ins Bett kam, hatte er zwar die Hose ausgezogen, aber er war so betrunken gewesen, dass er das Sakko vergessen hatte. Mit anderen Worten, so betrunken wie üblich.
»Möchtest du einen Kaffee?«, fragte Charlotte. »Ich mache dir Toast.«
»Ich glaube, es könnte eine Grippe sein.«
Bewundernswürdig, dass ihr Mann nicht über sich selbst lachen musste. Oder vielleicht glaubte er tatsächlich, was er da von sich gab? Schließlich war er ein leichtgläubiger Mensch.
Er trank einen Schluck Kaffee, dann schlurfte er wieder hinaus und ins Bad. Sie konnte hören, wie er würgte und sich dann den Mund ausspülte.
Die Mädchen kamen an den Tisch und kletterten auf ihre Stühle. Rosemary, sieben, und Joan, acht. Wenn man sie ansah, würde man nie vermuten, dass sie Schwestern waren. Joans kleiner blonder Schopf war immer so glatt und glänzend wie frisch poliert, während sich schon mehrere Strähnen von Rosemarys widerspenstigem rotbraunen Haar aus dem Schildpatthaarreif gelöst hatten. In einer Stunde würde sie vollkommen verwildert aussehen.
»Aber ich mag November«, merkte Joan an.
»Nein, Joan, es ist so: September ist der beste, weil er jedes Jahr der einzige Monat ist, in dem wir gleich alt sind«, korrigierte sie Rosemary. »Und im Oktober ist Halloween. Halloween ist natürlich viel besser als Thanksgiving. Also muss November der Herbstmonat sein, den du am wenigsten magst.«
»Na gut«, sagte Joan. Sie war immer mit allem einverstanden. Bei einer kleinen Schwester wie Rosemary war das auch gut so.
Charlotte suchte ihre Handtasche. Hatte sie sie nicht gerade noch in der Hand gehabt? Wieder hörte sie Dooley würgen und sich den Mund spülen. Der Hund hatte sich auf die andere Seite gedreht und schien sich beruhigt zu haben. Der Tierarzt hatte gesagt, die neuen Medikamente würden vielleicht dafür sorgen, dass er weniger Anfälle bekam, vielleicht aber auch nicht. Sie würden abwarten müssen.
Ihren vermissten Schuh fand sie unter dem Hund. Sie musste ihn unter seinem schweren Körper hervorziehen.
»Armer Daddy«, bemerkte Rosemary. »Fühlt er sich wieder etwas angeschlagen?«
»Kann man wohl sagen«, murmelte Charlotte. Dann, lauter: »Ja, das tut er.«
Dooley kam aus dem Bad und sah weniger grün, dafür aber noch märtyrerhafter aus.
»Daddy!«, quietschten die Mädchen.
Er zuckte zusammen. »Psst, leise. Mein Kopf.«
»Daddy, Joan und ich, wir finden beide, dass unser Lieblingsmonat im Herbst der September ist und November der, den wir am wenigsten leiden können. Sollen wir dir erklären, warum?«
»Außer wenn es im November schneit«, wagte Joan sich vor.
»O ja!«, sagte Rosemary schnell. »Wenn’s schneit, ist das der beste Monat. Joan, wir tun jetzt so, als ob’s gerade schneit und der Wind heult und uns der geschmolzene Schnee in den Nacken läuft.«
»Na gut«, sagte Joan.
Charlotte stellte Dooley den Teller mit Toast hin und gab jedem Mädchen einen Kuss auf den Kopf. Die Liebe zu ihren Töchtern konnte man nicht beschreiben. Manchmal durchfuhr sie das Gefühl so heftig und unerwartet wie ein Blitzschlag, den sie in ihrem ganzen Körper spürte.
»Charlie, ein Spiegelei wäre nicht schlecht«, sagte Dooley.
»Du willst doch nicht schon wieder zu spät zur Arbeit kommen, Schatz.«
»Ach was. Pete ist es egal, wann ich in den Laden komme. Vielleicht melde ich mich heute sowieso krank.«
Pete Winemiller gehörte das Eisenwarengeschäft in der Stadt. Er war ein Freund von Dooleys Vater und der Letzte in einer langen Reihe von Freunden und Klienten, die seinem alten Herrn einen Gefallen getan und seinem missratenen Sohn eine Anstellung gegeben hatten. Und auch der Letzte in einer langen Reihe von Arbeitgebern, deren Geduld mit Dooley rasch erschöpft gewesen war.
Charlotte musste jedoch behutsam vorgehen. Schon früh in ihrer Ehe hatte sie herausgefunden, dass ein falsches Wort, der falsche Tonfall oder ein Stirnrunzeln zur falschen Zeit dafür sorgen konnte, dass Dooley eingeschnappt war und manchmal stundenlang schmollte.
»Hat Pete nicht letzte Woche gesagt, er braucht dich jeden Tag, und zwar in aller Frühe?«, deutete sie an.
»Ach, mach dir wegen Pete keine Sorgen. Der erzählt viel, wenn der Tag lang ist.«
»Aber er verlässt sich doch bestimmt auf dich. Wenn du vielleicht einfach …«
»Herrgott noch mal, Charlotte«, brauste Dooley auf. »Ich bin krank. Das siehst du doch. Du versuchst gerade, Wasser aus nem Stein zu pressen.«
Wenn es mit Dooley doch nur so einfach und unkompliziert wäre. Charlotte zögerte kurz, dann drehte sie sich um. »Also gut. Dann mach ich dir eben ein Spiegelei.«
»Ich leg mich nur kurz aufs Sofa. Ruf mich, wenn’s fertig ist.«
Sie sah zu, wie er aus dem Zimmer ging. Ja, wo war sie hin, die Zeit? Eben noch war Charlotte elf gewesen und nicht achtundzwanzig. Eben noch war sie barfuß und braun gebrannt vom langen Präriesommer durch das raschelnde, hüfthohe Blauhalm-Gras und die Rutenhirse gerannt und von der hohen Uferböschung des Redbud River mit angezogenen Beinen, Gesäß voran, ins Wasser gesprungen. Damals ermahnten die Eltern ständig ihre Kinder, im Flachen, auf der der Stadt zugewandten Seite des Flusses zu bleiben, aber Charlotte war eine bessere Schwimmerin als all ihre Freundinnen und ließ sich nicht von der Strömung abschrecken. Fast mühelos hatte sie es bis zum anderen Ufer geschafft, dahin, wo die Abenteuer anfingen.
Charlotte erinnerte sich, wie sie danach auf dem Rücken in der Sonne gelegen und vor sich hin geträumt hatte, von Wolkenkratzern in New York, Filmpremieren in Hollywood und Jeeps in der afrikanischen Savanne, und sich gefragt hatte, welche dieser vielen reizvollen, exotischen Bilder wohl ihre Zukunft darstellten. Jedes einzelne war möglich. Alles war möglich.
Sie wollte Joans Teller abräumen und stieß dabei ihren Saft um. Das Glas fiel auf den Boden und zerbrach in tausend Stücke. Der Hund fing wieder an zu zucken und die Schnauze zu verziehen, diesmal stärker als beim letzten Mal.
»Mommy?«, fragte Rosemary. »Weinst du oder lachst du?«
Charlotte kniete sich hin, um dem Hund den Kopf zu streicheln. Mit der anderen Hand las sie die scharfen, glitzernden Scherben des Saftglases auf.
»Weißt du, Schätzchen. Ich glaube, vielleicht ein bisschen von beidem.«
Um Viertel nach acht hatte sie es endlich ins Zentrum geschafft. Zentrum klang viel zu großartig. Drei Blocks im Karree, eine Handvoll Gebäude aus rotem Backstein mit viktorianischen Kuppeln und Einfassungen aus rauem Sandstein, keines höher als zwei Stockwerke. Ein Diner, ein Bekleidungsgeschäft, eine Eisenwarenhandlung, eine Bäckerei. Die First Bank of Woodrow, Oklahoma – und gleichzeitig auch die einzige.
Das Fotostudio befand sich an der Ecke Main und Oklahoma, gleich neben der Bäckerei. Charlotte arbeitete jetzt seit fast fünf Jahren hier. Mr. Hotchkiss spezialisierte sich auf Porträtaufnahmen. Strahlende Bräute, Kleinkinder in gestärkten Matrosenanzügen, neugeborene Babys. Charlotte rührte die Chemikalien für die Dunkelkammer an, entwickelte den Film, machte die Abzüge und kolorierte die Schwarz-Weiß-Porträts. Stunde um sterbenslangweilige Stunde saß sie an ihrem Tisch und ließ mittels Leinöls und Farbe Haar gülden erstrahlen oder eine Iris blau schimmern.
Sie zündete sich eine Zigarette an und nahm sich die kleinen Richardsons vor, eineiige Zwillinge mit identischen Weihnachtsmannmützen auf dem Kopf und demselben verstörten Gesichtsausdruck.
Mr. Hotchkiss kam zu ihr herübergewackelt und beugte sich über den Tisch, um ihre Arbeit zu begutachten. Er war ein Witwer in den Sechzigern und roch nach Pfeifentabak mit Apfelaroma und fotochemischem Fixiermittel. Als Einleitung zu jeder wichtigen Verlautbarung zog er sich gerne die Hose hoch.
Das tat er auch jetzt. »Na, gar nicht übel.«
»Danke«, sagte Charlotte. »Ich war mir nicht sicher, welches Rot ich für die Mützen nehmen sollte. Ich hatte eine ziemlich lebhafte Auseinandersetzung mit mir selbst.«
Mr. Hotchkiss warf einen Blick auf ihr Transistorradio auf dem Regal. Der AM-Sender, den sie mochte, war in Kansas, also war das Signal ziemlich undeutlich und verzerrt, wenn es in Woodrow ankam. Selbst nach langem Herumgefummel am Einstellknopf und der Antenne klang »Don’t Think Twice, It’s All Right« immer noch, als stünde Bob Dylan irgendwo in einem Kellergewölbe.
»Eins kann ich dir sagen, Charlie«, bemerkte Mr. Hotchkiss. »Der Knabe da ist kein Bobby Vinton.«
»Da haben Sie absolut recht«, antwortete Charlotte.
»Nuschel, nuschel, nuschel. Ich verstehe kein Wort von dem, was er singt.«
»Die Welt ist dabei, sich zu verändern, Mr. Hotchkiss. Sie spricht eine neue Sprache.«
»Aber nicht hier in Logan County. Gott sei Dank.«
Nein, nicht hier in Logan County. In diesem Punkt musste Charlotte ihm leider recht geben.
»Mr. Hotchkiss, hatten Sie schon Gelegenheit, sich das neue Foto anzusehen, das ich Ihnen gegeben habe?«, fragte sie.
Neben seiner Arbeit im Fotostudio fungierte Mr. Hotchkiss als der Bildredakteur der örtlichen Zeitung, der Woodrow Trumpet. Charlottes sehnlichster Wunsch war einer der extern vergebenen Aufträge. Vor einigen Monaten hatte sie Mr. Hotchkiss überredet, ihr eine seiner weniger kostspieligen Kameras zu leihen.
Ihre ersten fotografischen Versuche waren ziemlich kläglich gewesen. Davon hatte sie sich jedoch nicht entmutigen lassen. Sie übte in der Mittagspause, wann immer sie ein paar Minuten Zeit zwischen Besorgungen hatte und auch frühmorgens, bevor die Mädchen aufwachten. Wenn sie samstags mit ihnen in die Bücherei ging, studierte sie Magazine und Kunstbände. Wenn sie Fotos machte und die Welt aus einer Perspektive betrachtete, die ihr normalerweise gar nicht eingefallen wäre, fühlte sie sich genau so, wie sie es tat, wenn sie Bob Dylan oder Ruth Brown hörte: hellwach und quicklebendig, als sei ihr kleines, unbedeutendes Leben für diesen einen Moment Teil eines größeren Ganzen.
»Mr. Hotchkiss?«
Er war in die Morgenpost vertieft. »Hmm?«
»Ich habe gefragt, ob Sie sich schon mein neues Bild ansehen konnten.«
Er zog sich die Hose hoch und räusperte sich. »Ach, genau. Na ja. Also, ja.«
Das Bild, das sie ihm gegeben hatte, zeigte Alice Hubbard und Christine Kuriger, die gegen Abend an der Oklahoma Avenue standen und darauf warteten, sie zu überqueren. Das Gegenlicht, die Kontraste … was Charlotte besonders an dem Motiv interessiert hatte, war, dass ihre Schatten irgendwie mehr Substanz zu haben schienen und beinahe realer wirkten als die beiden Frauen selbst.
»Und, wie hat es Ihnen gefallen?«, fragte Charlotte.
»Tja. Die Drittel-Regel habe ich dir schon erklärt?«
Nur ungefähr hundert Mal. »Ja, ich weiß. Aber in diesem Fall wollte ich versuchen einzufangen, wie …«
»Charlotte«, sagte Hotchkiss nachsichtig. »Meine Liebe. Du bist ein nettes, intelligentes Mädchen, und ich bin froh, dich zu haben. Das Mädchen vor dir, na ja. Zwei linke Hände und nichts im Oberstübchen, die Gute. Ich weiß nicht, was ich ohne dich täte, Charlie.«
Er tätschelte ihr die Schulter. Charlotte war versucht, ihm ein Ultimatum zu stellen. Entweder ließ er sie etwas für die Trumpet machen – sie würde jeden Auftrag annehmen, egal, wie winzig –, oder er konnte hautnah herausfinden, wie er ohne sie zurechtkam.
Hatte sie denn überhaupt Talent als Fotografin? Charlotte war sich nicht sicher, dachte aber, da sei etwas. Zumindest kannte sie den Unterschied zwischen einem interessanten Bild und einem langweiligen. Zwischen den Fotos im Life-Magazin und dem National Geographic, die einem gleich ins Auge sprangen, und denen in der Trumpet, die so leblos wirkten wie Leichen auf dem Seziertisch.
»Mr. Hotchkiss«, setzte sie an.
Er hatte sich bereits umgedreht und war dabei, wieder wegzuzockeln. »Hmm?«
Aber sie konnte es sich natürlich gar nicht leisten, ihre Arbeit im Studio aufzugeben. Das Geld, das sie jede Woche mit nach Hause brachte, war schließlich das, was sie alle über Wasser hielt. Und vielleicht hatte Mr. Hotchkiss auch recht, und Charlotte hatte zwei linke Hände, was das Fotografieren anging. Schließlich war er ein Fachmann, mit einer gerahmten Verdiensturkunde von der Oklahoma Society of Professional Journalists, dem Journalistenverband von Oklahoma. Vielleicht tat er Charlotte ja in Wirklichkeit einen Gefallen. In ein paar Jahren, wenn sie sich an diesen Moment erinnerte, würde sie vielleicht sagen Gott sei Dank. Gott sei Dank, dass ich auf diese Sache nicht noch mehr Zeit verschwendet habe.
»Ach nichts«, sagte sie zu Mr. Hotchkiss. »Schon gut.«
Sie widmete sich wieder den Richardson-Zwillingen. Ihre Eltern waren Harold und Virginia. Harolds Schwester Beanie war Charlottes beste Freundin in der Grundschule gewesen. Sein Vater war Charlottes Chorleiter in der Junior-Highschool. Seine Mutter liebte gestürzten Ananaskuchen, und jedes Jahr achtete Charlotte darauf, ihr einen zum Geburtstag zu backen.
Virginia Richardson (geborene Norton) hatte mit Charlotte zusammen am Jahrbuch gearbeitet und darauf bestanden, dass Charlotte jede Bildunterschrift zweimal überprüfte, ob alles richtig geschrieben war. Bob, Virginias älterer Bruder, war der unglaublich gut aussehende Star des Leichtathletik-, Baseball- und Footballteams gewesen. Jetzt war er mit Hope Kirby verheiratet, die sich ein Jahr nach dem Highschool-Abschluss vom hässlichen Entlein zu einem wunderschönen Schwan gemausert hatte. Hope Kirbys Mutter Irene war die Trauzeugin von Charlottes Mutter gewesen.
Sie alle, die Richardsons, die Nortons und die Kirbys, kannte Charlotte schon ihr ganzes Leben lang. Sie kannte jeden Einzelnen in dieser Stadt schon ihr ganzes Leben lang, wie ihr bewusst wurde. Und jeder hier kannte sie. Das würde sich auch nie ändern.
Sie fragte sich, ob es selbstsüchtig von ihr war, mehr vom Leben zu erwarten. Mehr zu erwarten für Rosemary und Joan. In vielerlei Hinsicht war Woodrow ein idyllisches Fleckchen. Malerisch, sicher, freundlich. Aber auch unendlich dröge, so verhaftet in seinen engstirnigen Ansichten, so ablehnend gegenüber Neuem wie Mr. Hotchkiss. Charlotte sehnte sich danach, an einem Ort zu leben, an dem es leichter war, die Vergangenheit von der Zukunft zu unterscheiden.
Vor ein paar Monaten hatte sie Dooley vorgeschlagen, doch mal darüber nachzudenken, ob sie nicht von hier wegziehen sollten, vielleicht nach Kansas City oder Chicago. Dooley hatte sie nur vollkommen sprachlos angestarrt, als hätte sie vorgeschlagen, sich nackt auszuziehen und schreiend durch die Straßen zu laufen.
In der heutigen Mittagspause hatte Charlotte keine Zeit zum Fotografieren. Sie schlang ihr Sandwich herunter, holte die Medikamente für den Hund beim Tierarzt ab und eilte dann die Straße hinunter zur Bank. Eigentlich hatte Dooley versprochen, diesmal mit Jim Feeney zu reden, aber niemand war so gut darin, unangenehmen Verpflichtungen aus dem Weg zu gehen wie ihr Mann. Bedauerlicherweise war das ein Luxus, den Charlotte sich nicht leisten konnte.
»Ach Mist, hab ich das etwa vergessen?«, sagte Dooley in solchen Fällen, sein Lächeln ein wenig verschämt, aber nicht reumütig. Ein kleiner Junge, dem man in seinem Leben nahezu alles hatte durchgehen lassen und der sich daran gewöhnt hatte.
In der Bank musste Charlotte Platz nehmen und warten, bis Jim Feeney sein Telefonat beendet hatte.
Der kleine Jimmy Feeney. Seit dem Kindergarten waren er und Charlotte in dieselbe Klasse gegangen. In der Grundschule musste er eine Klasse wiederholen, weil er im Rechnen nicht so gut mitkam. In der Highschool hatte er sich einmal den Arm gebrochen, als er versucht hatte, eine Kuh umzukippen. Und trotzdem saß er jetzt hier, am Schreibtisch des stellvertretenden Direktors, weil er ein Mann war. Und sie saß jetzt hier, auf der anderen Seite des Schreibtischs, weil sie keiner war.
»Hallo, Charlie«, begrüßte er sie. »Womit kann ich dir heute behilflich sein?«
Womit wohl? Charlotte fragte sich, ob Jimmy ihre Demütigung genoss oder ob er einfach kein Gespür für so etwas hatte.
»Hallo, Jim«, sagte sie. »Leider muss ich diesen Monat um einen Aufschub der Hypothekenzahlung bitten.«
»Ah.«
Vom vergitterten Schalter sah Bonnie Bublitz zu ihnen herüber. Das tat auch Vernon Phipps, der gerade einen Scheck einlöste. Hope Kirby eilte aufgeregt vorbei, dann eilte sie wieder zurück und reichte Jim einen Aktenordner.
Ich werde nicht betteln, dachte Charlotte, während sie sich innerlich bereit machte, genau das zu tun.
»Wir brauchen nicht viel, Jim. Ein, zwei Wochen.«
»Das bringt mich jetzt ganz schön in Verlegenheit, Charlie«, entgegnete er.
»Entschuldige.«
»Das wäre ja schon die dritte Verlängerung dieses Jahr.«
»Ja, ich weiß. In letzter Zeit waren wir ganz schön knapp bei Kasse. Aber bald geht’s wieder aufwärts.«
Jim klopfte mit seinem Füller gegen den Ordnerrücken. Er dachte nach, oder tat das, was dem in seinem Fall am nächsten kam.
»Du musst jeden Penny umdrehen, Charlie«, sagte er schließlich, obwohl er Dooley kannte und ganz genau wusste, wer für ihre finanziellen Schwierigkeiten verantwortlich war. »Ein genauer Plan kann da sehr hilfreich sein. Mit Ausgaben für den Haushalt und dergleichen.«
»Nur zwei Wochen. Bitte, Jim.«
Das Trommeln des Füllers wurde immer langsamer. Ta-ta-ta, ta-ta, ta. Wie ein ersterbender Herzschlag. »Na ja, ich denke, ich kann dir noch diese eine …«
Plötzlich trat Earl Grindle aus dem Büro des Direktors. Mit weit aufgerissenen Augen sah er sich um, als ob er nicht begreifen könne, wie alle anderen im Bankgebäude seelenruhig sitzen oder stehen bleiben konnten.
Er nahm die Brille ab und setzte sie sofort wieder auf. »Man hat ihn erschossen! Jemand hat Präsident Kennedy erschossen!«
Charlotte ging zurück zum Fotostudio. Mr. Hotchkiss hatte die Nachricht vom Tod des Präsidenten noch nicht mitbekommen. Sie steckte den Kopf in die Dunkelkammer und sah ihn vollkommen nichts ahnend am Lampenhaus des Beseler-Vergrößerungsgerätes herumhantieren.
Sie setzte sich an ihren Tisch und fing an, ein neues Porträt zu kolorieren. Das Moore-Baby, drei Monate. Der Kleine saß auf einem elegant drapierten nelkenpinken Stück Satin, das nach einem gedeckten Elfenbeinton verlangte, beschloss Charlotte.
Der Präsident war erschossen worden. Charlotte war sich nicht sicher, ob sie diese Tatsache überhaupt schon begriffen hatte. In der Bank hatte sie gesehen, wie Hope Kirby der Stapel Ordner aus der Hand gefallen war. Bonnie Bublitz war im vergitterten Schalter in Tränen ausgebrochen. Vernon Phipps war wie in Trance auf die Straße gelaufen und hatte einen Stapel Fünfdollarscheine auf der Theke liegen lassen. Jimmy Feeney hatte immer wieder gefragt: »Ist das ein Scherz? Earl, soll das so ne Art Scherz sein?«
Der Geruch nach Leinöl und Pfeifentabak mit Apfelaroma. Das Brummen und Gluckern der Heizung. Charlotte arbeitete weiter. Nach wie vor war sie seltsam unberührt von den Nachrichten aus Dallas, fühlte sich seltsam distanziert. Kurzzeitig konnte sie sich nicht erinnern, welcher Wochentag es war oder welches Jahr. Es hätte jeder x-beliebige Tag, jedes x-beliebige Jahr sein können.
Das Telefon klingelte. Sie hörte, wie Mr. Hotchkiss in sein Büro ging und abnahm.
»Wie bitte?«, fragte er aufgeregt. »Was? O nein! O nein!«
Die Eltern des Moore-Babys waren Tim und Ann Moore, der Kleine war ihr drittes Kind. Charlottes erster Job als Babysitterin war bei der Horde von Tims jüngeren Brüdern gewesen. Anns Schwester war niemand anderes als Hope Kirby, die mit Virginia Richardsons älterem Bruder Bob verheiratet war. Und es gab auch noch eine weitere Verbindung: Anns Cousin mütterlicherseits war Dooleys Chef bei der Eisenwarenhandlung, Pete Winemiller.
»O nein«, hörte sie Mr. Hotchkiss stammeln. »Ich kann’s einfach nicht glauben.«
Der Präsident war erschossen worden. Charlotte konnte gut verstehen, warum die Leute so entsetzt und bestürzt waren. Sie hatten Angst vor einer ungewissen Zukunft. Sie befürchteten, ihr Leben würde vielleicht nie mehr dasselbe sein.
Und vielleicht würde es das auch nicht. Aber Charlotte wusste, dass ihr Leben in keiner Weise davon betroffen wäre, dass ihre Zukunft – und die ihrer Töchter – für immer feststand. Eine Kugel, die Hunderte von Meilen entfernt abgefeuert worden war, konnte nichts daran ändern.
Sie tauchte den Pinsel in die Farbe und hauchte den schwarzweißen Wangen des Moore-Babys rosiges Leben ein. Als Kind war Der Zauberer von Oz ihr Lieblingsfilm gewesen und ihre Lieblingsszene die, in der Dorothy die Tür des schwarz-weißen Farmhauses aufgestoßen hatte und hinaus in ein seltsames und wundervolles Land getreten war.
Dorothy hatte es gut. Charlotte tauchte erneut den Pinsel ein und stellte sich nicht zum ersten Mal vor, wie sich ein Wirbelsturm vom Himmel herabsenkte und sie weit weg von hier trug, in eine Welt voller Farben.