Schweißgebadet erwachte Brooke. Er flüchtete aus dem Haus und machte sich auf den Weg zu dem Häuschen bei Jesus Lock. Er hatte darum gebeten, dass ein Constable an der Schleuse blieb und das Telefon bemannte. Die Nachtschicht war umorganisiert worden, sodass am Ufer Streifen patrouillierten für den Fall, dass der Leichnam des Kindes auftauchte. Boot-zu-Boot-Befragungen waren nach Einbruch der Dunkelheit flussabwärts in Richtung Baits Bite fortgesetzt worden. Aber die Moral war eingebrochen; es gab keine Hoffnung mehr. Flusswächter, Wasserpolizei und Collegepförtner waren ersucht worden, die Augen aufzuhalten: Irgendwann würde der Leichnam auftauchen. Da ihm der Schlaf sowieso vorenthalten blieb, hatte Brooke das Bedürfnis, die Vorkehrungen zu kontrollieren.
An der Tür zum Schleusenwärterhäuschen begegnete er PC Cable, der gerade auf dem Weg hinaus war und seinen Kinnriemen richtete. Cable war ein gescheiter, zuverlässiger Officer und doch dazu bestimmt, noch vor dem Frühjahr zum Militärdienst einberufen zu werden. Wenn das in diesem Tempo weiterging, würden dem Borough nur die Krummen und Lahmen bleiben.
»Sir, die Wache hat gerade angerufen. PC Harris am anderen Ufer sagt, eine Frau auf dem Treidelpfad vermutet, dass jemand in Newtons Fabrik einbricht. Sie sagt, sie hat drei Männer am Sicherheitszaun gesehen. Sieht nach Einbrechern aus, die die Verdunkelung ausnutzen. Sie ist jetzt dort und zeigt Harris die Stelle.«
Sie gingen flussabwärts, vorbei am Midsummer Common, den College-Bootshäusern am anderen Ufer und weiter über die Newton Bridge; ihr Name ein Scherz, der sich weitgehend etabliert hatte, aufgebracht von den Hunderten von Frauen und Männern, die in der Elektrofabrik auf der anderen Seite arbeiteten. Das Gebäude war niedrig und mit einem modernistischen, wellenförmigen Dach ausgestattet. Im Mondschein war die brutale Schlichtheit der Anlage gut erkennbar: drei Stockwerke, lange Reihen Crittall-Strahlrahmenfenster. Der ganze Komplex stand zurückgesetzt hinter einem vereisten Fußballfeld auf der Aue. Als Brooke das Schneefeld überquerte, erinnerte er sich, dass die Fabrik Rundfunkempfänger und neumodische Fernsehgeräte herstellte, möglicherweise auch elektronische Laborgeräte. Es gab mehrere ähnliche Fabrikanlagen, sowohl flussauf- als auch flussabwärts, gegründet von geschäftstüchtigen Akademikern, die die Liebesaffäre der Stadt mit der Mathematik genommen und in eine Leidenschaft für Technik umgewandelt hatten.
Vor sich konnten sie im Licht von Taschenlampen an einem Drahtzaun eine Gruppe Leute lebhaft miteinander reden sehen: zwei Police Constables, jemand, der aussah wie ein Nachtwächter mit Sturmlaterne, und eine Frau in einem schwarzen Mantel mit Pelzkragen und einer Fellmütze.
PC Harris zog seinen Notizblock zurate und stellte die Zeugin als Dr. Augustine Bodart vor, Dozentin am Davison College. Sie war auf dem Heimweg gewesen, als ihr etwas Verdächtiges oben am Zaun aufgefallen war, das sie dem Constable gemeldet hatte, der auf dem Treidelpfad patrouillierte.
»Der Constable sagt, ein Kind wird vermisst?«, fragte sie Brooke, eine Hand vor den Mund geschlagen. Sie war vielleicht vierzig, stämmig und hatte bemerkenswert lebendige und ausdrucksstarke Züge, die den Eindruck vermittelten, sie spräche mit einem nicht besonders hellen Kind.
Brooke sagte ihr, sie wären immer noch hoffnungsvoll und eine Suche sei im Gang. Dann bat er sie, zu erzählen, was sie gesehen hatte.
»Drei Männer, gleich hier«, antwortete sie, und Brooke fiel ein deutlicher, gutturaler Akzent auf: deutsch, möglicherweise, oder vielleicht ungarisch oder osteuropäisch. »Sie sind in Richtung Stadt gelaufen. Ich zweifle nicht, dass sie durch den Zaun gekommen sind. Auf jeden Fall habe ich ihre Gesichter gesehen. Arbeiterklasse, vielleicht?«
»Haben Sie sie gerufen?«, fragte der Nachtwächter, der, wie Brooke nun sah, ein älterer Mann mit grauem Schnurrbart und Eisenbahnermütze war und außerordentlich besorgt wirkte.
Bodart hielt die Frage offenbar für recht dumm, denn sie schüttelte lachend den Kopf. »Gewiss nicht. Das sind Verbrecher. Und ich war hier, auf dem Treidelpfad, nicht weit entfernt.«
»Sie haben Alarm geschlagen?«, erkundigte sich Brooke.
»Ich sagte es dem Constable, als ich ihn gleich darauf auf dem Pfad gesehen habe – eine Minute später, vielleicht zwei.«
»Da war keine Spur von denen mehr zu sehen, Sir«, berichtete Harris.
Brooke nahm seinen Hut ab und strich sich mit der Hand durch das schwarze Haar. »Sie sind Staatsbürgerin welchen Landes, Doktor Bodart?«
Der Krieg hatte derartige Fragen notwendig gemacht.
Sie spannte sich ein wenig und zog den Pelzkragen enger zu. »Ich bin Österreicherin, Inspector. Österreicherin. Die Nazis sind in mein Land einmarschiert, so, wie sie es zweifellos mit ihrem vorhaben. Ich melde mich einmal in der Woche im Spinning House. Ich kann Ihnen versichern, dass ich keine Gefahr für das Königreich darstelle.«
Sie lächelte und sah einen nach dem anderen an, offenkundig zufrieden mit ihrer Erklärung.
Brooke erinnerte sich an die Wochenschau, in der von Hitlers triumphalem Einmarsch in Wien berichtet worden war. In seinen Augen war das Konzept der »Invasion« überstrapaziert worden. Und ganz nebenbei hatte der »Anschluss« Österreichs, oder besser die Annexion, Dr. Bodart gewissermaßen zu einer Bürgerin des Reichs gemacht, ob ihr das nun gefiel oder nicht. Bei Kriegsausbruch hatten von der Regierung eingesetzte Tribunale den Status Tausender Deutscher und Österreicher überprüft, die dauerhaft in England lebten. Ein paar hundert waren eingesperrt worden, weitaus mehr hatte man laufen lassen, allerdings unter Restriktionen hinsichtlich ihres Bewegungsradius. Eine dieser Restriktionen bestand darin, dass sie sich regelmäßig auf einem örtlichen Polizeirevier zu melden hatten.
Brooke überließ sie einem der Constables, der mit ihr einen Termin für ihre Aussage auf dem Revier vereinbaren und sich eine möglichst genaue Beschreibung der drei Männer geben lassen würde. Derweil trat er, unterstützt von dem Nachtwächter, dessen Name Ridley lautete, durch das Loch im Zaun.
»Ich denke, wir sollten nachsehen, worauf die es abgesehen hatten, meinen Sie nicht?«, fragte Brooke.
Ridley, der in einem Häuschen auf einer Seite der Fabrik wohnte, folgte Brooke auf dem Fuße. »Ich wollte gerade meine Runde machen«, erzählte er. »Und es war auch nicht meine erste. Das ist nicht meine Schuld. Der Laden hat die höchste Sicherheitsstufe. Die werden nicht in die Labore gelangt sein. Da ist alles abgesperrt.« Der Wachmann klimperte mit einem Haufen Schlüssel an seinem Gürtel.
Brooke musterte die Fassade, und ihm ging durch den Kopf, dass die Fabrik jetzt die höchste Sicherheitsstufe hatte.
Sie begannen, das Gebäude zu umrunden: Das Werktor befand sich am nördlichen Ende, einem Fahrradschuppen und etwas, das aussah wie ein Generator, gegenüber. Die andere Seite der Fabrik, hinter der die Straße und die Kirche St. Andrews lagen, verschwand beinahe in einem Hain aus hoch aufragenden Kiefern und einer mächtigen Zeder. Auf der Südseite gab es keine Türen, aber einige Funkantennen ragten auf dem Gelände auf, und in einer Ecke stand ein hoher Mast – eine Sehenswürdigkeit in einer weitgehend eben gelegenen Stadt.
Ridley folgte Brookes nach oben gewandtem Blick. »Zweihundert Fuß hoch«, sagte er. »Und der Scheinwerfer ist dafür da, Flugzeuge zu warnen. Im Sommer haben wir einen Tagesausflug nach Ely gemacht und konnten es sogar von dort aus sehen«, fügte er mit einem Hauch von Berufsstolz hinzu.
Sie kehrten zum Haupteingang zurück, der in der Tat sicher verriegelt war. Unterwegs hatten sie jedes Fenster im Erdgeschoss kontrolliert, und keines war zerbrochen oder gewaltsam geöffnet worden. Kellertüren für Lieferanten waren mit Ketten gesichert. Es sah aus, als wären die Einbrecher mit leeren Händen geflohen.
»Was denken Sie, hinter was waren die her?«, fragte Brooke, während er sich im Licht der Taschenlampe Notizen machte.
Der Nachtwächter zuckte mit den Schultern.
»Was stellt Newton her?«
Ridley schüttelte den Kopf. »Das Gleiche wie eh und je. Radios. Fernsehgeräte – dafür ist das Ding da«, fügte er hinzu und deutete mit einem Nicken in Richtung Mast. »Verstärkt das Signal von Ally Pally, damit sie das Bild richtig hinkriegen. Nach dem Krieg werden die Tausende von den Dingern herstellen, wissen Sie? Einen für jedes Haus, sagen die.«
Ally Pally – Alexandra Palace am nördlichen Stadtrand von London – wurde von der BBC zum Testen von TV-Übertragungen eingesetzt.
Ridleys futuristische Vision löste einen Moment der Stille aus.
Und da fiel Brooke eine winzige Welle auf, eine kaum wahrnehmbare Veränderung des Luftdrucks. Plötzlich loderte am Fuß des Masts eine zitronengelbe Flamme auf und jagte glühende Schmerzen durch Brookes Augen in sein Gehirn, von wo aus sie sich einen Weg hinab in sein Rückenmark zu brennen schienen. Die Druckwelle zwang ihn auf die Knie; das Geräusch, ein dumpfer Schlag, ein schwerer Schlag, wurde gefolgt von einem ätzenden Zischen, begleitet von einer Wolke erstickenden Qualms.
Brooke mühte sich auf die Beine, tastete in seiner Tasche nach der schwarz getönten Brille und zwang sich, die Augen aufzumachen. Der Fernsehmast brannte, metallene Querstangen erglühten in einem geometrischen Muster vor den tief hängenden Schneewolken. Ridley stand da, Blut strömte aus einer Wunde über dem Haaransatz, und er zitterte erbärmlich.
Die Explosion hatte Brooke taub zurückgelassen. PC Harris näherte sich mit Dr. Bodart im Schlepptau und schrie offensichtlich etwas, doch kein Wort war zu hören. Lichter flammten auf, als in den Häusern an den nahegelegenen Straßen Türen und Fenster aufgerissen wurden. Vom Flussufer wanderte der Lichtschein einer Flakgeschützstellung über die Szenerie.
Die Flammen leckten an dem Mast empor, flackerten und erloschen, bis nur noch ein kleines Feuer am Fuß übrig war. Für einen Moment stellte sich die Illusion ein, der Turm würde in sich zusammenfallen und umstürzen, aber er stand sicher auf seinem kastenförmigen Betonsockel. Und in dem unsteten Feuerschein sah Brooke die in Tünche auf den Beton aufgemalten Buchstaben, jeder einen Fuß hoch.
Er sorgte dafür, dass Ridley sich auf eine niedrige Mauer setzte, während er auf den Mast zuging. Das Feuer erlosch nun schnell und zerfiel zu einem Bündel sonderbar blau flackernder Flammen.
Aus zwanzig Fuß Entfernung konnte Brooke die Worte entziffern.
Zwei Dinge wusste er: Er hatte keine Bombe vom Himmel fallen gehört, und ein Flugzeug war auch nicht über ihnen hergeflogen. Also musste der Sprengstoff am Fuß des Masts platziert worden sein, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von den geflohenen »Einbrechern«. Und wenn er auch kein Linguist war, wusste er doch genau, dass diese getünchte Botschaft nicht Englisch war.