II. Quellen (Ressourcen) der Sklaverei

Walter Scheidel: Mobilität im römischen Italien, I.: zusammengefasst v.
W. Scheidel, II. & III.: a. d. Engl. übs. v. M. Simonis, (Originalausgabe:
Human Mobility in Roman Italy, II: The Slave Population, aus: Journal of
Roman Studies, Volume 95, 64-79, (2005)) © The Roman Society,
published by Cambridge University Press, reproduced with permission

Walter Scheidel

Mobilität im römischen Italien, II:
Die Sklavenbevölkerung

I. Die Anzahl der Sklaven im römischen Italien1

Die Frage nach dem Ausmaß der Sklaverei im römischen Italien hat seit langem die Forschung beschäftigt und zu sehr unterschiedlichen Vorschlägen geführt: bestehende Rekonstruktionen reichen von zwei bis über zwanzig Millionen Sklaven. Wie alle früheren Annahmen erweisen sich allerdings auch die gegenwärtig dominanten Schätzungen von Julius Beloch, der von zwei Millionen Sklaven ausgeht, und von Peter Brunt, der drei Millionen bevorzugt, als schlecht fundiert und gehen kaum über ein reines Ratespiel hinaus.2 Diesen Zahlen liegt zudem eine Vorliebe für einen Sklavenanteil von ungefähr einem Drittel der Gesamtbevölkerung zugrunde, die sich auch in anderen Fällen findet, in denen wie auch für das römische Italien einschlägiges Zahlenmaterial schlicht und einfach nicht vorhanden ist.3 Anstatt also wie üblich einfach schematische Gesamtzahlen zu erfinden, versucht diese Studie den Umfang der Sklavenbevölkerung ausgehend von der Frage nach dem Bedarf an Sklavenarbeit einzuengen und damit – soweit überhaupt möglich – zu weniger spekulativen Ergebnissen zu gelangen.

Hinsichtlich der Sklavenarbeit außerhalb des Agrarsektors ist das allerdings nur sehr begrenzt möglich. Wir können mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, daß die in Italien ansässigen Angehörigen der römischen Oberschicht (Senatoren, Ritter und Dekurionen) über mehrere hunderttausend Sklaven im häuslichen Dienst verfügten. Das Ausmaß des Sklavenbesitzes in weniger gehobenen Schichten ist dagegen nur schwer einzuschätzen: in Analogie zu den in den Zensusdokumenten des römischen Ägyptens bezeugten Sklavenquoten wäre von einem Minimum von einer Viertelmillion Sklaven in subelitären Haushalten auszugehen, wobei das im Fall des wahrscheinlich allgemein sklavenreicheren Italien wohl als eine Untergrenze gelten sollte.4 Um überhaupt Berechnungen zur Struktur der römischen Sklavenbevölkerung anstellen zu können (siehe Teil II-III), setze ich mit aller Vorsicht 300.000 Sklaven in der Stadt Rom und nochmals die gleiche Zahl für alle anderen italischen Städte zusammen an.

Im Gegensatz zu dieser sehr unsicheren und mit großen Fehlergrenzen behafteten Schätzung ist es etwas weniger schwierig, Obergrenzen für die Zahl der im ländlichen Bereich beschäftigten Sklaven zu erschließen. Der Grund dafür liegt darin, daß anders als im städtischen Dienstleistungsbereich die Zahl der Agrarsklaven relativ eng an den Bedarf nach bestimmten Produkten geknüpft gewesen sein muss. So hätten bereits die Arbeit von etwa 50.000 Sklaven ausgereicht, um zwei Millionen städtische Konsumenten mit jeweils einem Hektoliter Wein pro Jahr zu versorgen.5 Selbst wenn man die Möglichkeit beträchtlicher Nachfrage nach zusätzlichem Wein für Exportzwecke in Betracht zieht, lässt sich also kaum mit mehr als 100.000 Sklaven in der Weinproduktion rechnen. Der Olivenanbau für die gleiche Zahl von Abnehmern kam mit noch weniger Sklavenarbeitern aus, vielleicht 20-40.000. Selbst unter großzügiger Hinzurechnung von nicht unmittelbar in diesen Landwirtschaftszweigen tätigen Familienmitgliedern solcher Arbeiter ginge die Gesamtzahl nicht über eine Viertelmillion hinaus. Andere Bereiche wie Viehzucht, Forstwirtschaft oder Bergbau bot schwerlich mehr als weiteren 50.000 Sklaven Beschäftigung. Allein dem Getreideanbau war es zumindest theoretisch möglich, eine wesentlich größere Sklavenbevölkerung zu unterhalten.6 Jedoch sind auch hier unseren Vorstellungen Grenzen gesetzt: Um eine Gesamtzahl von einer Million oder mehr ländlichen Sklaven im römischen Italien zu erreichen, müssten wir annehmen, daß der Grossteil des gesamten Brotbedarfs aller italischer Städte außerhalb Roms von Sklavenarbeit gedeckt wurde. Da diese Vorstellung einer plausiblen Grundlage entbehrt, ist eine geringere Präsenz von Sklaven im Ackerbau – von zehntausenden bis maximal einigen hunderttausend – viel wahrscheinlicher. Insgesamt reichen vertretbare Schätzungen für den ländlichen Bereich von einer Viertelmillion bis zu einer Dreiviertelmillion, wobei ich der Einfachheit wegen wie bereits im städtischen Sektor von 600.000 Sklaven ausgehe. Dies ergibt eine Sklavenbevölkerung von etwa einer bis eineinhalb Millionen Sklaven im römischen Italien der frühen Kaiserzeit, oder 1,2 Millionen für rechnerische Zwecke.

IL Die demographische Struktur der italischen Sklavenbevölkerung

Die Alters- und Geschlechterverteilung der Sklavenbevölkerung des römischen Italiens basiert auf drei Faktoren: Der Sterblichkeit, der Geburtenrate und der Migration. Die Geburtenrate wiederum wird hauptsächlich durch das Geschlechterverhältnis und die Familienstruktur bestimmt. Um eine wahrscheinliche Größe der Immigration bestimmen zu können, brauchen wir sowohl eine grobe Vorstellung der beiden anderen Variablen als auch der Größe der Sklavenbevölkerung.7

Geschlechterverhältnis

Wir müssen zwischen dem Geschlechterverhältnis innerhalb des Sklavenhandels und dem der Zielbevölkerung unterscheiden. Als Faustregel gilt, daß die Relation dazu tendiert, sich im Laufe der Zeit anzugleichen: während die Importe durchaus dauerhaft zugunsten eines Geschlechts ausfallen können, ändert die Sklavengeburt im Laufe der Zeit das Gesamtverhältnis hin zu einer ausgeglichenen Verteilung. Dies kann mit beachtlicher Geschwindigkeit geschehen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Trotz der Tatsache, daß zwei Drittel aller Sklaven, die nach Nordamerika verschifft wurden, männlich waren, fiel die Relation von Sklaven gegenüber Sklavinnen in South Carolina von 170 (d.h., 170 Männern auf 100 Frauen) im Jahre 1705 auf 130 im Jahre 1775, und im gleichen Zeitraum in Chesapeake von 150 auf 120.8 Dieser Prozess kann bei einer weniger fruchtbaren Sklavenbevölkerung länger dauern. Seit den großen italischen Kriegen des späten 4. und frühen 3. Jahrhunderts v. Chr. sorgte der römische Imperialismus für eine große und stetig wachsende Zahl an Sklaven. Am Ende der republikanischen Ära war die Kaufsklaverei bereits eine voll etablierte Institution. Aus rein mathematischen Gründen ist es daher höchst unwahrscheinlich, daß sich die Geschlechterrelation zu dieser Zeit nicht allmählich angeglichen hat, unabhängig vom Geschlechterverhältnis innerhalb des Sklavenhandels. Dieser Punkt ist von entscheidender Bedeutung für unser Verständnis jedes etablierten Sklavereisystems.9

Darüber hinaus gibt es keinen guten Grund für die Annahme, im römischen Sklavenhandel dominierten die männlichen Sklaven. Frauen und Kinder überlebten häufiger Niederlagen im Krieg als die erwachsenen Männer und dürften daher eher auf dem Sklavenmarkt gelandet sein. Bei Mädchen war zudem das Risiko größer, nach der Geburt ausgesetzt und folglich von Sklavenhändlern oder Privatpersonen aufgegriffen und als Sklavinnen großgezogen zu werden. Die antiken Quellen berichten beinahe klischeehaft über die Versklavung von Frauen und Kindern in Zeiten gewaltsamer Auseinandersetzungen.10 Der einem Topos gleichende Charakter der Belege stärkt eher meine Ansicht als sie zu relativieren. Das Heranziehen solcher typischen Motive sogar in der legendären Überlieferung deutet stark darauf hin, daß die antiken Autoren Versklavung von Nicht-Kämpfenden als natürliches Resultat eines Krieges ansahen: So werden z.B. bei der Eroberung der Städte Arpiola, Corniculum und Suessa Pometia, die die annalistische Geschichtsschreibung Tarquinius Priscus zuschreibt, die meisten Männer getötet, während die Frauen und Kinder als Sklaven weggeführt werden.11 Wenn nicht auswärtige Käufer alle Frauen und Kinder aufgekauft haben und nur die Männer für den italischen Sklavenmarkt beließen,12 müssen Sklavinnen, die ins Kernland des Reiches gebracht wurden, gegenüber den Männern nicht in der Unterzahl gewesen sein.13 Daher, und wegen des ausgleichenden Effektes der Sklavenreproduktion, wäre es absolut ungerechtfertigt, eine einseitige Altersverteilung innerhalb der Sklavenschaft des spätrepublikanischen und frühkaiserzeitlichen Italiens anzunehmen.

Die besten antiken Zeugnisse für das Geschlechterverhältnis von Sklaven zeigen ein ähnliches Bild. Wie ich bereits aufgezeigt habe, belegen die veröffentlichten Zensusnachweise aus Mittelägypten 22 Sklaven und 31 Sklavinnen mit einem Alter von bis zu 30 Jahren. Nahezu alle männlichen Sklaven waren in diesem Alter bereits freigelassen, während die Frauen bis zur Menopause in der Sklaverei verblieben. Dieses Muster zeigt, daß das Geschlechterverhältnis im Römischen Reich nicht allzu hoch war und daß die Möglichkeit der Sklaven zur Reproduktion von ihren Besitzern geschätzt wurde.14 Es stimmt, daß diese Zahlen aus einer anderen Region und späteren Zeit stammen und nichts für das spätrepublikanische Italien belegen. Aufzeichnungen aus Italien selbst können dies leider ebenfalls nicht. Einige inschriftliche Belege aus dieser Region offenbaren eine Geschlechterrelation zugunsten der Männer unter Sklaven. Dennoch wissen wir schlichtweg nicht, was dies zu bedeuten hat: während die Zensuspflichtigen dazu angehalten waren, alle zu nennen, die tatsächlich in ihrem Haushalt lebten, waren reiche Besitzer, die die Grabsteine für ihre Sklaven in Auftrag gaben, freier in ihrer Auswahl. 77 % der in einer Inschrift gedachten Mitglieder des Haushaltes der Livia waren ebenso Sklaven wie 66 % der in einer Inschrift gedachten Haussklaven zweier anderer adliger Familien.15 ‚Gedenken‘ ist das Schlüsselwort. Gleichhohe Geschlechterrelationen von Freien, deren Namen für eine epigraphische Erinnerung als Wert erachtet wurden, sind aus dem antiken Mittelmeerraum bekannt. Das vielleicht bekannteste Beispiel stellen die Bürgerrechtsinschriften des hellenistischen Milets dar, in denen die Söhne der neu eingebürgerten Söldner die Töchter im Verhältnis 4:1 übertreffen. Dieses extreme Ungleichgewicht ist wiederholt als Beleg für eine hohe Zahl an Frauentötung gesehen worden.16 Die Unterrepräsentation von sehr jungen Mädchen selbst in den Zensusnachweisen des römischen Ägyptens und die patriarchalische Gewohnheit, sich selbst als kinderlos zu sehen, sollte kein Sohn vorhanden sein, lassen eine weniger extreme Erklärung zu: anstatt zu der drastischen Schlussfolgerung zu greifen, Mädchen seien so wenig geschätzt worden, daß sie regelmäßig getötet oder ausgesetzt wurden, können wir die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß ihre Wertschätzung lediglich zu gering war, um ihrer inschriftlich zu gedenken.17 Neubabylonische keilschriftliche Belege vom 7. bis 4. Jahrhundert v. Chr. erwähnen knapp 45.000 Personen namentlich, darunter 1.200 Privatsklaven. Unter den letzteren befinden sich 850 Männer und 360 Frauen, das entspricht einem Verhältnis von 2,4:1. Für den gleichen Zeitraum wissen wir durch einige Belege, daß die meisten Sklaven Frauen und Kinder hatten.18 Dieser anscheinende Widerspruch löst sich auf, wenn wir annehmen, Männer seien schlichtweg wesentlich häufiger namentlich erwähnt als Frauen. Die hohe Differenz in der Geschlechterrelation in den römischen Inschriften kann vielleicht auf gleiche Weise erklärt werden.

Während es keine Belege für ein hohes Geschlechterverhältnis im Sklavenhandel gibt, betonen die antiken Quellen die Verfügbarkeit von Frauen und Kindern. Da es keinen Hinweis auf eine besonders einseitige Verteilung der eingehenden Sklaven gibt, gibt es genauso wenig einen Grund zur Annahme, daß es der natürlichen Reproduktion mehrerer Jahrhunderte bedurfte, um ein bestehendes Ungleichgewicht auszugleichen. Um es kurz zu machen: Nichts unterstützt die Annahme, daß die Geschlechterrelation der Sklaven ein großes Hindernis für eine erfolgreiche Reproduktion darstellte.

Sterblichkeit

Dieser Faktor ist empirisch unbekannt. Die gelegentliche Behauptung, antike Sklaven hätten eine kürzere Lebensdauer als die freie Bevölkerung gehabt, ist pure Spekulation und setzt zwangsläufig voraus, daß der rechtliche Status ein entscheidender Faktor für die Lebenserwartung war.19 Diese Annahme ist nicht haltbar angesichts unserer Kenntnis über die Lebensbedingungen in vormodernen Gesellschaften. Bevor sich moderne Hygiene und Medizin durchsetzten verbesserten materieller Besitz und sozialer Status nicht zwangsläufig die Lebensdauer. Wie ich bereits anderenorts dargelegt habe, lebten römische Kaiser, die eines natürlichen Todes starben, Senatoren und Stadträte nicht erheblich länger als andere.20 Allgemeiner ausgedrückt: Es gibt keinen guten Beleg für ein wesentliches Zusammenspiel zwischen Reichtum und Langlebigkeit bis ins 18. Jahrhundert.21 Die Gefahr infektiöser Krankheiten war eine wesentlich wichtigere Variable. So lebten z.B. die Sklaven in den USA im Vergleich zu ihren Leidensgenossen in der Karibik oder in Brasilien hauptsächlich wegen des weniger gefährlichen Krankheitspotenzials länger. Zwischen der Lebenserwartung der Sklaven in den mit Malaria verseuchten Reissümpfen der Carolinas und dem gesünderen Inland der nördlichen Südstaaten können ähnliche Unterschiede festgestellt werden.22 Im römischen Italien lebten die Haussklaven in den Städten in denselben Häusern wie ihre Herren, benutzen das selbe Wasser und wurden von den selben Insekten gestochen. Bergbausklaven und Gladiatoren sind kaum repräsentativ für die gesamte Sklavenbevölkerung. Das Landleben wird gewöhnlich auf Grund der geringeren Besiedelung und (wo zutreffend) höherer Höhenlage mit einer überdurchschnittlichen Lebenserwartung gleichgesetzt. Wie Sallares allerdings aufgezeigt hat, waren die ländlichen Sklaven in dem Maße, in dem sie in den tief liegenden und stark mit Malaria verseuchten Ebenen Zentralitaliens eingesetzt wurden, auch einem erhöhten Risiko für Krankheiten und Tod ausgesetzt.23 Das wirft einen entscheidenden Punkt auf: Wenn Sklaven unverhältnismäßig stark in Städten und ungesunden Regionen auf dem Lande lebten, würde ihre durchschnittliche Lebenserwartung tatsächlich unter das regionale Gesamtmaß fallen. Selbst bei Ausbleiben anderer Bedingungen würde dieser Faktor allein ausreichen, um den Erhalt der Sklavenzahlen durch natürliche Reproduktion zu verhindern. Dieser Nachteil entstand nicht durch ihre rechtliche Situation per se, sondern war eine indirekte Folge der Tatsache, daß das Fehlen der persönlichen Freiheit den Aufenthaltsort bestimmte.

Zieht man die Zahlen etablierter karibischer Sklavengesellschaften als Vergleich heran, so belegen diese nicht nur eine enge Verknüpfung zwischen der Geschlechterrelation und der Geburtenrate, sondern auch zwischen der Todesrate und der natürlichen Wachstumsrate (Tabelle 1).

Tabelle 1: Demographische Angaben für 15 karibische Sklavenbevölkerungen (1816-1832)24

Image

Diese einfache Aufstellung zeigt, daß die Todesrate der bestimmende Faktor ist: Sie nimmt bereits die Wachstumsrate in allen Gruppen voraus mit Ausnahme der einen Gruppe, in der das Geschlechterverhältnis und die Geburtenrate das Wachstum vorhersagen. Umwelteinflüsse und die Altersstruktur der Bevölkerung sind die Hauptindikatoren des Erfolges der Reproduktion. Da sich letztere zusammen mit der Geschlechterrelation im Laufe der Zeit angleicht, kann das Krankheitspotenzial als der stabilste Faktor des natürlichen Wachstums angesehen werden.

Familienstruktur

Wie wir wissen, können die Modelle der Familienbildung und Freilassung von entscheidender Bedeutung für die Bestimmung des reproduktiven Erfolges unter Sklaven sein. So waren z.B. Kleinfamilien, die für das natürliche Wachstum förderlich sind, in den USA und den Bahamas (die einen raschen natürlichen Anstieg erlebten) verbreitet, während sie in Trinidad und Jamaika (die dauerhafte Verlustquoten hatten) eher selten waren.25 Dies stellt ein großes Problem für Althistoriker dar, die keine Möglichkeit haben, die Zahl der römischen Sklaven zu bestimmen, die in einer festen Beziehung lebten.26 Grabinschriften und Rechtstexte sind unbrauchbar, da sie lediglich bestätigen, daß einige Sklaven Familien hatten. Auch die ägyptischen Zensusangaben bieten nur indirekte Hinweise. Bagnall und Frier haben belegt, daß die durchschnittliche Fruchtbarkeit von Sklavinnen der aller Frauen ähnelte.27 Da die allgemeine Fruchtbarkeit den Erhalt der bestehenden Bevölkerungszahl gewährleistete, sollte daher auch die Fruchtbarkeit der Sklavinnen ausgereicht haben, um die Sklavenzahlen durch Reproduktion zu erhalten. Dennoch wissen wir nicht, wie sich dies mit den Bedingungen im römischen Italien verhielt. Zumindest lassen Grabinschriften keinen Zweifel daran, daß in einigen Gesellschaften fruchtbare Frauen in großer Zahl freigelassen wurden. Ich möchte keinen Platz damit vergeuden, meine früheren Ausführungen zur möglichen Freilassungsrate im Römischen Reich zu wiederholen. Es reicht aus, darauf zu verweisen, daß selbst unter Annahme häufiger Freilassungen während des Erwachsenenlebens diese Freilassungen die Fruchtbarkeit innerhalb der Sklaverei nicht entscheidend verringert haben würde.28 Entsprechend der gesteigerten Fertilität der Frauen in ihren späten 10er und 20er Lebensjahren müsste eine große Anzahl aller Sklavinnen zu dieser Zeit bereits freigelassen sein, um eine große Lücke in der Gesamtfertilität der Sklaven zu verursachen. In Anbetracht des vollständigen Fehlens eines solchen Vorgehens im römischen Ägypten erscheint es unangebracht, das genaue Gegenteil für das römische Italien anzunehmen. Die überlieferten Sklavenpreise lassen den Schluss zu, daß der beachtliche Wert von Sklaven einer gewohnheitsmäßigen Freilassung von jugendlichen Sklaven widerspricht.29

Um es zusammenzufassen: die Geschlechterrelation der Sklaven behinderte wahrscheinlich nicht die natürliche Reproduktion. Überdurchschnittliche Sterblichkeit in Städten und ländlichen gravia loca dürfte eine wesentlich stärkere Einschränkung der Sklavenfertilität bedeutet haben. Die Freilassung von Frauen, wie begrenzt auch immer, muss ebenfalls zu dieser Entwicklung beigetragen haben. Was wir jetzt brauchen ist einen plausiblen Durchschnittswert für die Abnahme.

III. Darstellung der römischen Sklaverei

Ich beginne mit einer einfachen und sicherlich unwidersprochenen Annahme: Die Sklaven waren zur Zeit des Augustus in Italien wesentlich zahlreicher als noch zwei Jahrhunderte zuvor. Brunt nennt für 225 v. Chr. die willkürliche Schätzung von 500.000 Sklaven. Würden wir den hypothetischen Mittelwert von 7 % aus dem römische Ägypten ohne Alexandria30 auf Italien anwenden, ergäbe dies bei einer freien Bevölkerung von 4 Millionen Menschen 300.000 Sklaven, während eine Reduzierung von Brunts Schätzung um 60 % (um den Unterscheid zwischen seinen und meinen endgültigen Zahlen aufzuzeigen) 200.000 ergeben würde. Ich sehe keine Möglichkeit, diese Vermutungen weiter voranzubringen. Glücklicherweise spielt die Ausgangszahl keine entscheidende Rolle: Auf Grund des nachfolgenden Wachstums und einer spekulativen Sklavenzahl zur Zeit des Augustus von 1,2 Millionen würde der Unterschied zwischen 200.000 und 300.000 Sklaven für das Jahr 225 v. Chr. lediglich einen Zuwachs von nicht mehr als 10 % bedeuten. Der Zuwachs von knapp einer Million Sklaven über den Zeitraum von 200 Jahren kann nicht durch eine gleichbleibende Rate erfolgt sein: Neben den Schwankungen in Angebot und Nachfrage müssen Zuwächse stufenweise erfolgt sein. Das folgende Modell folgt dieser Überlegung dadurch, daß es einen dauerhaften jährlichen Nettozuwachs festlegt. Auf Grund des wachsenden Bedarfs zur Deckung der Verlustzahlen beinhaltet die Annahme grundsätzlich steigende Importe.

In meinen früheren Ausführungen zur Demographie der römischen Sklaven habe ich versäumt, den Effekt der höheren städtischen Mortalität auf die natürliche Reproduktion mit einzubeziehen. Ich stimme mittlerweile mit Jongman darin überein, daß seine Schätzung eines Rückganges um 1 % in Rom und 0,5 % in den anderen italischen Städten auch auf die Sklaven in den Städten angewandt werden sollte.31 Ein durchschnittlicher Wert von 0,75 % oder 7,5 auf 1.000 sollte für die Sklaven in allen Städten angenommen werden. Der Rückgang durch Freilassungen ist hingegen wesentlich schwerer zu fassen. In einem hypothetischen Szenario, nach dem 10 % aller Sklaven mit 25 Jahren freigelassen wurden und jeweils weitere 10 % der verbleibenden alle 5 Jahre bis hin zum Alter von 85 Jahren, würde die Gesamtfertilität der Sklaven (nimmt man eine natürliche Fruchtbarkeitscharakteristik an) um ein Achtel niedriger liegen als bei einem vollständigen Verzicht auf Freilassungen (bei einem jährlichen Verlust von 5 auf 1.000).32 Fünfjährige Freilassungsraten von 20 % würden die Fertilität um ein Viertel (bei einem jährlichen Verlust von 10 auf 1.000) verringern. Im ersten Fall würden ein Drittel aller Sklaven, die das 25. Lebensjahr überleben, schließlich ihre Freiheit erhalten; im zweiten Fall 55 %. Wenn wir die Wirkung der gesteigerten städtischen Mortalität mit den Freilassungen grob kombinieren, würde die städtische Sklavenbevölkerung im Durchschnitt um l,25bis 1,75 % pro Jahr zurückgehen. Bei einer solchen Rate würde sie sich alle 55 bzw. 40 Jahre halbieren.

Es sei darauf hingewiesen, daß diese Zahlen kaum mit den entsprechenden Angaben für die karibischen Sklavengesellschaften übereinstimmen. Man nahm bisher an, daß der natürliche Rückgang in dieser Region hoch war: dennoch zeigen die Auswertungen Highmans aus 205 jährlichen Angaben 15 verschiedener Inseln einen Gesamtmittelwert von kaum −4,19 auf 1.000 oder einen Rückgang von 0,419 % pro Jahr. Das ist nicht mehr als ein Drittel bis ein Viertel meiner Schätzungen für die Sklaven in den Städten Italiens. Nur 9 % der Jahresangaben von 6 dieser 15 karibischen Regionen zeigt einen Rückgang von 1,25 % oder mehr. Und selbst im mit Abstand schlechtesten Wert, dem von Grenada in den Jahren 1820 bis 1832, als die jährliche Todesrate teilweise bis zu 50 auf 1.000 stieg, überstieg die jährliche Durchschnittsrate des Rückganges nicht 1,75 %. Das Beispiel mit der höchsten Geschlechterrelation (123), das von Trinidad, ergibt eine entsprechende Rate von 1 % pro Jahr. Ich muss erneut darauf hinweisen, daß diese Daten aus einer Umgebung mit hoher Verlustquote stammen: sie sind weit entfernt von den zeitgleichen Raten des natürlichen Zuwachses von 2 bis 3 % aus den südliehen USA. Meiner Meinung nach liegt die Beweispflicht bei denen, die meinen, der römische Rückgang müsse wesentlich höher gewesen sein als der der schlechtesten karibischen Plantagensklaverei.

Für die Berechnung werde ich die jährliche Abnahme in den Städten mit 1,75 % beziffern, um die erhöhte Sterblichkeit in den Städten und die regelmäßigen Freilassungen zu simulieren. Das mögliche Ausmaß der krankheitsbedingt erhöhten Sterblichkeit auf dem Lande können wir nur erahnen. Wenn ein Zehntel/ein Sechstel/ein Drittel der ländlichen Sklaven in malariaverseuchtem Gebiet arbeiteten und eine erhöhte jährliche Sterblichkeit von 1 % hatten, würde die Gesamtquote des Rückganges der ländlichen Sklaven 0,1/0,17/0,33 % pro Jahr betragen. Dies bleibt eine ziemlich unbedeutende Menge, unabhängig davon, welche Schätzung wir vornehmen. Nehmen wir ein geringeres Ausmaß an Freilassungen auf dem Lande an (für einen jährlichen Rückgang von 0,5 %), so würden sich die Gesamtverluste auf 0,6 bis 0,8 % pro Jahr belaufen. Für die Berechnung werde ich 0,7 % benutzen.

Wie ich bereits oben ausgeführt habe, ist es höchst unwahrscheinlich, daß die Alters- oder die Geschlechterverteilung innerhalb des Sklavenhandels oder in der sich daraus ergebenden Sklavenbevölkerung stark zugunsten der erwachsenen männlichen Sklaven ausfiel. Dennoch ist es an sich schon wünschenswert, eine Schätzung des möglichen Aufkommens an Sklavenimporten zu entwickeln, die nicht von der Akzeptanz irgendwelcher Annahmen über die demographische Struktur abhängig ist. Aus diesem Grund biete ich zwei hypothetische Auflistungen, die Grenzfälle zeigen. Auflistung 1 basiert auf der unwahrscheinlichen Annahme, daß nur männliche Sklaven zwischen 15 und 50 Jahren nach Italien importiert wurden. Ohne andere Faktoren für einen Rückgang zu berücksichtigen, würde die Bevölkerung jährlich um 3,85 % der ursprünglichen Zahl sinken. In Verbindung mit den Quoten für erhöhte Sterblichkeit und Freilassungen, die oben geschätzt wurden, beliefe sich der jährliche Rückgang um die 5 %. Die endgültige Größe der Sklavenbevölkerung leitet sich aus meinen Schätzungen über die mögliche Zahl an Arbeitskräften her, die in den verschiedenen Bereichen gebraucht wurden.33 Im Gegensatz dazu nimmt Auflistung 2 eine ausgeglichene Alters- und Geschlechterrelation unter den italischen Sklaven an; erhöhte Sterblichkeit und Freilassung sind die einzigen Gründe für einen Rückgang. Nimmt man an, daß erwachsene Sklavinnen im Durchschnitt halb soviel Arbeit ausführten wie erwachsene Sklaven, so erhalten wir nur zwei Drittel der 15 bis 50jährigen aus der Auflistung 1, aber insgesamt 2⅔ Mal so viele Sklaven (Tabelle 2).34

Tabelle 2: Hypothetische Auflistung der italischen Sklavendemographie, 200-1 v. Chr.

Image

Keine der beiden Auflistungen ist als wahrscheinliche Realität gedacht. Die tatsächliche Rückgangsquote und daher die tatsächliche Zahl der Sklaven muss zwischen diesen beiden Extremen liegen. So würde z.B. meine angenommene finale Bevölkerungszahl von 1,2 Millionen Sklaven in Italien mit einer jährlichen Rückgangsrate von 1,5 % und 3,1 Millionen Importen, 2 % und 3,8 Millionen Importen oder 2,5 % und 4,5 Millionen Importen übereinstimmen; das entspräche einem Import-Bevölkerungs-Verhältnis von 2,6-3,8:1. Dieses theoretische Konstrukt zeigt deutlich, daß sich dramatische Unterschiede in den Alters- und Geschlechterrelationen mit ähnlichem Bedarf nach Importen vereinbaren lassen: während eine kleine Sklavenbevölkerung von erwachsenen Männern einen hohen Rückgang bewirkt, könnte eine größere und ausgeglichenere Bevölkerung die selbe Arbeitsleistung mit wesentlich geringerem natürlichem Rückgang erbringen. Mit anderen Worten: eine kleinere, mehrheitlich aus Männern bestehende Sklavenschaft, für die hohe Produktivität und eine hohe Abnahme typisch wäre, und eine größere und ausgeglichenere Sklavenschaft mit geringerer Produktivität und weniger Rückgang würden schlussendlich eine ähnliche Quantität an Importe benötigen. Ich schließe daraus, daß unabhängig von unseren Annahmen über die demographische Struktur der römischen Sklaverei in Italien meine Schätzungen zu den gesamten Quoten der Verteilung zwangsläufig sehr starr sind.

Mit Ausnahme von Auflistung 1 sind diese Schätzungen streng genommen von den Lebendgeburten betroffen. Dennoch brauchen die tatsächlichen Zahlen der importierten Sklaven bei der Annahme, daß Frauen und Kinder in dieser Rechnung zahlreich vertreten sind, nicht großartig von diesen Endzahlen abweichen. Ein langfristiger Durchschnitt von 15-20.000 (bei einer Gesamtzahl von 3 bis 4 Millionen Importen) ist zwischen 2 und 3 mal so viel wie die Versklavungszahl von 7.600 während Kriegszeiten, die wir für die Zeit von 217 bis 167 v. Chr. aus den literarischen Quellen ziehen können.35 (Diese Zahl beinhaltet die außerordentlich hohe Zahl von 150.000 Sklaven aus Epirus im Jahre 167 v. Chr.: ohne sie würde der Mittelwert auf 4.700 fallen.) Nimm man an, daß die durchschnittliche Zufuhr im 1. Jahrhundert v. Chr. höher gewesen ist, lässt meine Schätzung genug Platz für einen Sklavenhandel zu Friedenszeiten.36 Mein Freilassungsschema nimmt 200.000 Freigelassene in den Städten und weitere ca. 100.000 auf dem Lande an (obwohl ehemalige ländliche Sklaven in die Städte übergesiedelt haben können).37

Wie sehen Importzahlen von 3 bis 4 Millionen über einen Zeitraum von 200 Jahren und ein Import-Bevölkerungs-Verhältnis von etwa 3:1 im Vergleich zu anderen Sklavengesellschaften aus? Die Südstaaten der USA mit 4 Millionen Sklaven im Jahre 1860 und Brasilien mit 1,5 Millionen Sklaven in den 1860er und 1870er sind die am besten dokumentierten Sklavengesellschaften der Geschichte. Die US-Sklaverei wird gewöhnlich als einzigartig dargestellt: nach dem offiziellen Ende des atlantischen Sklavenhandels stieg die Sklavenbevölkerung der Südstaaten um mehr als das Dreifache an: von 1.191.364 im Jahre 1810 auf 3.953.760 im Jahre 1860.38 Diese Endzahl ist das Resultat einer ursprünglichen Importbevölkerung von 600-650.000 Sklaven. Der brasilianische Fall ist wesentlich relevanter. Von 1550 bis 1850 wurden je nach Schätzung zwischen 3,5 und 4,5 Millionen afrikanische Sklaven nach Brasilien verschifft, dennoch überstieg die Gesamtbevölkerung nie die Zahl von 1,5 Millionen.39 Das Verhältnis zwischen Import und Bevölkerungszahl von 2-3:1 entspricht grob meinen Schätzungen für das römische Italien. Das muss nicht unbedingt Zufall sein. Die brasilianische Sklavengesellschaft war für ein relativ hohes Maß an Freilassungen in den Städten und eine erfolgreiche Integration der ehemaligen Sklaven bekannt. Die Städte und ländlichen Plantagen waren ungesunde Gebiete.

Ich muss betonen, daß meine von unten nach oben durchgeführte Rekonstruktion nicht durch die brasilianischen Belege beeinflusst wurde. Nichtsdestotrotz verwundern einige Größen der Annäherung kaum, weil es schlichtweg unwahrscheinlich ist, daß die Demographie der römischen Sklaverei fundamental unterschiedlich zu anderen historischen Beispielen ist. Rom war nicht Rio und Italien nicht Brasilien. Dennoch ähnelt das römische System, so fern es sich um die Praktizierung und die Institution der Sklaverei geht, eher dem Brasiliens als dem der USA.40 Auch wenn dieser Vergleich als wenig hilfreich angesehen werden mag, können wir immerhin eine gewisse Bestätigung durch die Tatsache erhalten, daß das Transfer-Bevölkerungs-Verhältnis, das meine Studie darlegt, tatsächlich durch das einer wesentlich größeren Sklavengesellschaft bestätigt wird und somit nicht zwangsläufig unglaubwürdig oder unmöglich ist.41

Was sagt uns dieses Modell über die Entwicklung der Sklaverei im römischen Italien nach dem 1. Jahrhundert v. Chr.? Der einzige sichere Schluss ist der, daß auch nur ein kleiner jährlicher Nettorückgang zwangsläufig die Sklavenzahl in großem Ausmaß verringert hätte. So hätte ein durchschnittlicher Rückgang von 0,3 % pro Jahr (dies entspricht lediglich einem Viertel meiner oben genannten Schätzung) die italische Sklavenbevölkerung innerhalb der ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderte um die Hälfte reduziert, wobei entweder die ländliche Sklaverei vollständig verschwunden oder die Sklavenzahl sowohl in den Städten wie auf dem Lande halbiert worden wäre. Obwohl die Sklaverei auf den Landgütern durch die rückläufigen Importe zurückgegangen sein mag, erscheint keine dieser Optionen besonders überzeugend. Ein jährlicher Rückgang um knapp 0,1 % könnte die ländliche Sklaverei während derselben Zeit um ein Drittel reduziert haben. Diese Zahlen lassen vermuten, daß im Falle des Rückganges der Sklaverei in Italien dies eher mit abnehmender Nachfrage denn mit abnehmendem Angebot zu erklären ist. Auch bei einer moderaten jährlichen Bruttoquote des Rückgangs von 1,5 % würde die kontinuierliche Zahl von 1,2 Millionen Sklaven 18.000 Importe pro Jahr erfordern. Wir können nicht glaubhaft annehmen, daß die italischen Sklavenbesitzer in der Lage waren, etwa 15.000 neue Sklaven pro Jahr zu kaufen, wenn sie gleichzeitig nicht fähig gewesen wären, trotz eigener Bemühungen 18.000 Sklaven zu erhalten. Fragen bezüglich des Nachschubs sind in der Debatte zum Sklavensystem der Kaiserzeit vor dem 5. Jahrhundert n. Chr. fehl am Platz.

Anmerkungen

   1 Bei diesem Abschnitt handelt es sich um eine sehr knappe Zusammenfassung der Ergebnisse der ersten Hälfte (64-71) des Aufsatzes in: JRS 95 (2005), 64-79. Er enthält nur einige wenige wichtige bibliographische Hinweise.

   2 J. Beloch, Die Bevölkerung der griechisch-römischen Welt, Leipzig 1886, 415-418. P.A. Brunt, Italian Manpower 225 B.C. – A.D. 14, Oxford 1971 (ND 1987), 124-125.

   3 M.I. Finley, Ancient Slavery and Modern Ideology, erw. Ausgabe, Princeton 1998, 148; vgl. Auch K. Bradley, Slavery and Society in Rome, Cambridge 1994, 12.

   4 R.S. Bagall/B.W. Frier/I.C. Rutherford, The Census Register P. Oxy 984. The Reverse of Pindar’s Paeans (Papyrologica Bruxellensia 29), Bruxelles 1997, 98; R.S. Bagnall/B.W. Fier, The Demography of Roman Egypt, Cambridge 1994, 49, 71.

   5 Vgl. W. Jongman, Slavery and the Growth of Rome: the Transformation of Italy in the Second and First Centuries BCE, in: C. Edwards/G. Woolf (Hrsg.), Rome the Cosmopolis, Cambridge 2003, 114 [falsch zitiert im Originalartikel 67 Anm.26].

   6 Zur Sklavenarbeit im griechisch-römischen Getreidebau siehe M.S. Spurr, Arable Cultivation in Roman Italy c.200 B.C.-c.A.D. 100 (Journal of Roman Studies Monographs 3), London 1986, 133-143; W. Scheidel, Grain Cultivation in the Villa Economy of Roman Italy, in: J. Carlsen u.a. (Hrsg.), Landuse in the Roman Empire, Rom 1994, 159-166.

   7 Die folgenden Ausführungen entwickeln ein alternatives Szenario zu W.V. Harris, Demography, Geography and the Sources of Roman Slaves, in: JRS 89, 1999, 62-75. Ich glaube, daß meine Hauptpunkte eine umfangreichere Widerlegung seiner Sicht überflüssig machen. Für eine weitere Untersuchung der Sklavendemographie im gesamten Reich s. meinen Beitrag The Roman Slave Supply, in: K. Bradley/P. Cartledge (Hrsg.), The Cambridge World History of Slavery 1, Cambridge 2011, 287-310.

   8 P.D. Morgan, Slave Counterpoint, Chapel Hill 1998, 82.

   9 Harris (s. Anm.7), 70 lässt diesen Punkt grundsätzlich, de facto aber nur für die römische Sklaverei in „the era of Justinian, or even of Diocletian“ (70 Anm.62) zu. Er bietet keine Erklärung für diese 600-800 Jahre lange Verzögerung, die auf jeden Fall nicht mit der möglichen Geschlechterrelation der Kriegsgefangenen vereinbar ist (s.u.). Vgl. auch unten Tabelle 1 für die geringe Geschlechterrelation in den Gebieten der mit hohen Verlusten an Sklaven arbeitenden karibischen Plantagenwirtschaft nur ein paar Jahre nach dem Ende des atlantischen Sklavenhandels.

  10 Z.B. App. Kelt. 11; Samn. 6,1; Liv. 31,27,3; Paus. 7,16,8; Sall. Iug. 91,7; App. Illyr. 16; Strab. 4,205; Tac. ann. 13,39,6-7; los. bell. Iud. 3,304; 4,488; 7,208; Herodian 3,9,11; Prok. Vand. 2,21,14; Goth. 1,10,29. Vgl. auch App. Civ. 4,64; Aug. epist. 10∗. Für nicht-römische Beispiele s. z.B. Paus. 3,10,4; Diod. 15,79,6; 16,34,3; 17,46,4; 17,70,2 u. 6; Just. Epit. 9,2,15; Arr. Anab. 2,27,7; 4,2,4; Polyb. 9,39,2-3; 28,14,4; Liv. 43,19,12 (mit 43,20,3); 1 Makk. 1,32; Zos. 5,5,6; Prok. Goth. 2,21,39. Harris’ unbelegte Behauptung, daß „male war-prisoners are likely to have been more numerous than female“ (s. Anm.7), 70 macht nur Sinn, wenn sie sich ausschließlich auf die Kämpfenden bezieht.

  11 Dion. Hal. 3,49,3; 3,50,6; 4,50,4. Vgl. 10,26,3.

  12 Von 1650 bis 1900 exportierten die westafrikanischen Sklavenjägergesellschaften männliche Sklaven und behielten die Frauen, da die europäischen Händler höhere Preise für Männer zahlten, während die einheimischen Käufer Frauen bevorzugten. Ostafrikanische Sklavenjägergesellschaften exportieren Sklavinnen trotz der starken ein heimischen Nachfrage, da die islamischen Händler höhere Preise bezahlten: P. Manning, Slavery and African Life: Oriental and African Slave Trades, New York 1990, 41-46. Die überdurchschnittliche Nachfrage nach Sklavinnen lag hauptsächlich an der Polygynie, die im antiken Mittelmeerraum nicht üblich war. Das lässt die Möglichkeit zu, daß Nicht-Italiker bei ihrer Suche nach männlichen Sklaven von Italikern überboten wurden. Dennoch bleibt unklar, ob die steigenden Kosten für vollgültige (im Gegensatz zu bedingter) Freilassung von Männern in den Freilassungsinschriften aus Delphi und Calymnia (200-1 v. Chr.) eine Folge der römischen (italischen) Nachfrage nach männlichen Sklaven war oder Ausdruck verbesserter Mobilität unter vollgültig Freigelassenen: K. Hopkins, Conquerors and Slaves, Cambridge 1978, 159, 162 (oder vielleicht eher Ausdruck einer bestimmten Dokumentationsgewohnheit: R.P. Duncan-Jones, Problems of the Delphic Manumission Payments 200-1 B.C., in: ZPE 57, 1984, 203-209). Wichtiger ist aber, daß steigende Preise für männliche Sklaven genauso gut eine fallende Geschlechterrelation innerhalb des Sklavenhandels widerspiegeln können: im Grunde sind sie mit jeder denkbaren Geschlechterrelation logisch vereinbar.

  13 Das Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land in den Untersuchungsregionen ist ein anderes Thema, aber erneut fehlen uns hierfür brauchbare Belege.

  14 R.S. Bagnall/B.W. Frier/I.C. Rutherford (s. Anm.4), 342f.; W. Scheidel, Quantifying the Sources of Slaves in the Early Roman Empire, in JRS 87, 1997, 160-163. Um das Übergewicht männlicher Sklaven zu verteidigen muss Harris (s. Anm.7), 71 den repräsentativen Charakter dieser Belege herunterspielen. R.S. Bagnall, Missing Females in Roman Egypt, in: SCI 16, 1997, 121-138 meint, daß viele junge Mädchen ausgesetzt und als Sklavinnen großgezogen wurden (entgegen Harris’ unbelegter Vermutung, daß „males were probably in the majority […] among […] foundling” (s. Anm.7), 70: sollte dies stimmen, würde es auch eine gewisse Bevorzugung von Sklavinnen (im Gegensatz zu Töchtern) andeuten. Entgegen Harris’ Ansicht kann aber eine geringere Anzahl an Freilassungen von Frauen in den stadtrömischen Inschriften nicht auf die selbe Stufe gestellt werden. Harris beruft sich auch auf die Tatsache, daß 63 % der freigelassenen Sklaven in den Freilassungsinschriften aus Delphi (2./1. Jahrhundert v. Chr.) Frauen sind: dies kann aber auch bedeuten, daß (a) Sklavinnen wesentlich häufiger freigelassen wurden als Männer (wie Harris auch anzunehmen scheint), (b) es mehr Sklavinnen als Sklaven gab oder (c) keines von beiden. Für sich allein können diese Daten weder (a) noch (b) unterstützen.

  15 Harris (s. Anm.7), 69.

  16 S.B. Pomeroy, Infanticide in Hellenistic Greece, in: A. Cameron/A. Kuhrt (Hrsg.), Images of Women in Antiquity, London/Canberra 1983, 207-222; P. Brulé, Infanticide et abondon d’enfants: pratique grecques et comparaisons anthropologique, in: DHA 18, 1992, 53-90.

  17 Vgl. Bagnall/Frier (s. Anm.4), 334. S. auch W. Scheidel, What’s in an Age? A Comparative View of Bias in the Census Returns of Roman Egypt, in: BASP 33, 1996, 25-59, bes. 34-48; Ders., Greco-Roman Sex Ratios and Femicide in Comparative Perspective, in: Princeton/Stanford Working Papers in Classics, Version 1.0, Januar 2010 [online-Resource].

  18 M.A. Dandamaev, Slavery in Babylonia, Illinois 1984, 218, 406.

  19 Harris (s. Anm.7), 71; L. Schumacher, Sklaverei in der Antike. Alltag und Schicksal der Unfreien, München 2001, 42.

  20 W. Scheidel, Emperors, Aristocrats, and the Grim Reaper: Towards a Demographic Profile of the Roman Élite, in: CQ 49, 1999, 255-266.

  21 M. Livi-Bacci, Population and Nutrition, Cambridge 1991, 633-667; S.R. Johansson, Food for Thought: Rhetoric and Reality in Modern Mortality History, in: Historical Methods 27, 1994, 113f. Allein aus diesem Grund können wir keine Belege für unterschiedliche Sterblichkeit unter Weißen und Sklaven in der Mitte des 19. Jahrhunderts nutzen (wie z.B. in T.L. Savitt, Medicine and Slavery. The Diseases and Health Care of Blacks in. Antebellum Virginia, London 1978, 141).

  22 Z.B. H.S. Klein, African Slavery in Latin America and the Caribbean, Oxford 1986, 159f.; R.W. Fogel, Without Consent or Contract. The Rise and Fall of American Slavery, New York 1989, 127f.; W. Dusinberre, Them Dark Days: Slavery in the American Rice Swamps, New York 1996, 410-416 (Reissümpfe).

  23 R. Sallares, Malaria and Rome A History of Malaria in Ancient Italy, Oxford 2002, 247-255.

  24 Aus B.W. Higman, The Slave Populations of the British Caribbean: Some Nineteenth-Century Variations, 1976, wiederabgedruckt in: H. Beckles/V. Shepherd (Hrsg.), Caribbean Slave Society and Economy, London 1991, 226f. Gruppe 1 besteht aus den Bahamas, Barbados, Montserrat, St. Christopher, Antigua, Nevis und den Jungferninseln; Gruppe 2 aus Trinidad, Demerara, Berbice und St. Vincent; Gruppe 3 aus Jamaika und der Dominikanischen Republik. Die Zahlen in Klammern zeigen die Rangfolge der jeweiligen Belege in den einzelnen Rubriken im Hinblick auf ihre Vorteilhaftigkeit für ein natürliches Wachstum (1 = beste Voraussetzungen). JGR = jährliche Geburtenrate auf 1.000; JTR = jährliche Todesrate auf 1.000.

  25 Fogel (s. Anm.22), 150. Für weitere Hinweise s. Scheidel (s. Anm.14), 169.

  26 Ich weise nebenbei daraufhin, daß sexuelle Ausbeutung von Sklavinnen durch die Herren ein allgegenwärtiges Phänomen zu allen Zeiten war. Auf Grund des Rassismus und der Abwesenheit („absenteeism“) der Herren sind die Ergebnisse der amerikanischen Plantagensklaverei ein schlechter Indikator für den beachtlichen demographischen Einfluss dieses Phänomens auf traditionellere städtische, überwiegend auf den Haushalt beschränkte Sklavereisysteme. Für die römische Kaufsklaverei als zweckmäßiges Äquivalent zur Polygynie der Haremsgesellschaften s. W. Scheidel, Sex and Empire: a Darwinian Perspective, in: I. Morris/W. Scheidel (Hrsg.), The Dynamics of Ancient Empires. State Power from Assyria to Byzantium, Oxford 2009, 255-324 mit zahlreichen Belegen.

  27 Bagnall/Frier (s. Anm.4), 158.

  28 Scheidel (s. Anm.14), 160f., 165-167.

  29 Ich habe dies ausführlicher dargelegt in: Scheidel, Real Slave Prices and the Relative Cost of Slave Labor in the Greco-Roman World, in: AncSoc 35, 2005, 1-17. S. auch R. Duncan-Jones, The Economy of the Roman Empire, Cambridge 21982, 348-350; J. Straus, L’achat et la vente des esclaves dans l’ Égypte romaine. München/Leipzig 2004, 296-298.

  30 W. Scheidel, Rez.: R.S. Bagnall/B.W. Frier/I.C. Rutherford, The Census Register P. Oxy 984, in: BASP 38, 2001, 149 Anm.2.

  31 W. Jongman, The Economy and Society of Pompeii. Amsterdam 1988, 118. Vgl. Scheidel, (s. Anm.14), 166 (wo der Tippfehler „0.5 per 1,000“ anstatt „5 per 1,000” die weitere Berechnung nicht beeinträchtigt).

  32 Diesem liegen meine zwischenstuflichen und hohen Freilassungsmuster zugrunde (s. Anm.14), 160, 166. Ich habe die Zahlen gerundet.

  33 Ich rechne mit einem Minimum von 2,5 erwachsenen Haussklaven pro decurio, etc., zusätzlich 80.000 in den Haushalten unterhalb der städtischen Elite, und einem Minimum von 20.000 erwachsenen Männern im nicht landwirtschaftlichen Sektor auf dem Lande. Die anderen Zahlen sollten selbsterklärend sein.

  34 Um einen allmählichen Anstieg der Importe über die Jahre hinweg zu berücksichtigen, nehme ich schematisch eine beständige jährliche Nettozuwachsrate an.

  35 A. Ziolkowski, The Plundering of Epirus in 167 BC: Economic Considerations, in: PBSR 54, 1986, 74f.

  36 Republikanische Sklavenpreise sind nicht belegt, vgl. Scheidel (s. Anm.8), aber sollten relativ gering (d.h. verglichen mit der hohen Kaiserzeit) gewesen sein: s. mein Aufsatz: The Comparative Economics of Slavery in the Greco-Roman World, in: E. Dal Lago/C. Katsari (Hrsg.), Slave Systems, Ancient and Modern, Cambridge 2008, 105-126.

  37 S. W. Scheidel, Human Mobility in Roman Italy, I: The free population, in: JRS 94, 2004, 1-26, 14f. Wie ich aufgezeigt habe (s. Anm.14), 167f, muss ihr durchschnittlicher reproduktiver Erfolg nach der Freilassung sehr gering gewesen sein.

  38 Für das mittelalterliche Korea und das Kalifat Sokoto liegen vergleichbare Sklavenzahlen vor, doch sind die dazu durchgeführten quantitativen Studien zu gewagt.

  39 M. Karasch/R.E. Conrad in: P. Finkelman/J.C. Miller (Hrsg.), Macmillan Encyclopedia of World Slavery l, 1998, 116, 128.

  40 Komparative Arbeiten haben sich gewöhnlich auf die USA (Verweise in W. Scheidel, Rez. v. K. Bradley, Slavery and Society at Rome, Cambridge 1994, in: Phoenix 50, 1996, 176 Anm.5) konzentriert. K. Bradley, Slavery and Society at Rome. Cambridge 1994, betonte die brasilianischen Vergleiche. M.C. Karasch, Slave Life in Rio de Janeiro 1808-1850, New York 1987 ist besonders anregend. Ich plane eine Untersuchung dieses Aspektes in einer zukünftigen Monographie mit dem wahrscheinlichen Titel „Ancient Slavery and Modern Comparisons“.

  41 Vgl. auch P. Manning, Demography of Slavery, in: P. Demeny/G. McNicoll (Hrsg.), Encyclopedia of Population, New York 2003, 895, für ein Verhältnis von 3:1 (Region des Indischen Ozeans, 19. Jahrhundert).