William V. Harris: Demographie, Geographie und die Quellen der
Römischen Sklaven, aus dem Engl. übs. v. M. Simonis (Originalausgabe:
Demography, Geography and the Sources of Roman Slaves, aus:
W. V. Harris (Hrsg.), Rome’s Imperial Economy, 88-109, Oxford)
© 2011 by permission of Oxford University Press
Woher bekam ein Römer mit großer Sklavenschaft seine neuen Sklaven? Varro sagt es uns eigentlich: aus Ephesos.1 Und die Antwort ist wahrscheinlich die gleiche für viele nachfolgende Generationen. Ist es aber möglich, systematischer und vollständiger die jeweilige Bedeutung verschiedener Arten von Quellen herauszuarbeiten? Die Quellen, die am stärksten einer Betrachtung bedürfen, sind: (1) von Sklavenmüttern im Reich geborene Kinder; (2) in Provinz- oder Grenzkriegen versklavte Personen; (3) über die Grenzen importierte Personen; (4) die ‚Selbstverkäufer‘; und (5) ausgesetzte Kinder innerhalb des Reiches.
Vor einigen Jahren habe ich aufgrund verschiedener Punkte vermutet, daß die letzte dieser Quellen, Kindesaussetzung, wichtiger war als bisher angenommen.2 Spätere Überlegungen zu diesem Problem ließen mich vermuten, daß das Quellenmaterial die Anzahl der Sklavenimporte über die Grenzen unterrepräsentiert, sie ließen mich aber nicht daran zweifeln, daß Kindesaussetzung sehr weit verbreitet war und einen entscheidenden Beitrag zum Sklavennachschub lieferte. Die originellste der vielen darauffolgenden Ausführungen ist die von Ramin und Veyne, die es in einem im englischsprachigen Raum kaum wahrgenommenen Artikel des Jahres 1981 sehr plausibel erscheinen ließen, daß diejenigen, die sich freiwillig selbst in die Sklaverei verkauften, in wesentlich höherer Zahl vorkamen als von den Forschern gewöhnlich angenommen.3
In jüngerer Zeit hat Scheidel versucht, die Diskussion zugunsten der Reproduktion der Sklavenbevölkerung wiederzubeleben, wie dies zuvor u.a. von Shtaerman vorgetragen wurde.4 Dabei fällt er ins Extreme, wenn er behauptet, nach dem abrupten Rückgang römischer Grenzkriege in den ersten beiden Dekaden n. Chr. wäre die Fertilität der bestehenden Sklavenbevölkerung die mit Abstand wichtigste Quelle an Sklaven. Sie war ‚at least five or six times as important as any other single source‘, und er geht soweit, eine Prozentzahl für die Sklaven anzugeben, die aus dieser Quelle stammten, eine Zahl, die um die 80 % liege. Diese Meinung werde ich als SRH (Selbst-Reproduktions-Hypothese) bezeichnen.
Nun habe ich niemals abgestritten, daß eine große Zahl römischer Sklaven Kinder von Sklavenmüttern waren. Auch habe ich nicht, wie Scheidel behauptet, in meinem Artikel zum Sklavenhandel geschrieben, daß mehr als die Hälfte aller neuen Sklaven in dieser Epoche Findlinge waren.5 Ich betrachte es lediglich als im Bereich des Möglichen, doch gibt es meiner Meinung nach nicht genug Belege, um den Anteil dieser Quelle präzise genug zu bestimmen. Zur Zeit können wir, wie die meisten Forscher vermutlich bestätigen würden, zumindest die Bedeutung der Quellen (1), (3), (4) und (5) nur innerhalb eines eher weit gefassten Rahmens abschätzen. Aber Scheidels Position ist extrem und nicht einleuchtend. Er versäumt es, die hohe Schätzung der Sklavenfertilität, die seiner Schätzung von 80 % entspricht, in eine glaubwürdige Hypothese umzusetzen. Dabei vernachlässigt er es, die Gründe zu berücksichtigen, warum die Fertilität der Sklavenbevölkerung vermutlich zu gering war, einschließlich der (wie es mir scheint) starken Belege, die darauf hindeuten, daß das Geschlechterverhältnis der Sklavenbevölkerung über einen langen Zeitraum höchst unausgeglichen war, wobei die Frauen in der Minderheit waren. Er unterschätzt den Anteil anderer Quellen und gelangt zu einer abwegigen Schlussfolgerung bzgl. der versklavten Findlinge. […]
Um aber zum speziellen Fall zurückzukehren: Das erste Thema, das es zu diskutieren gilt, ist die Fertilität der römischen Sklavenbevölkerung. Dann müssen wir den Anteil der anderen Quellen am Sklavennachschub überdenken und uns schließlich kurz mit der Geographie des Sklavenhandels beschäftigen, was an sich schon ausreicht, SRH als höchst unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Wir werden zudem einen Blick auf das umstrittene Thema der wirtschaftlichen Integration werfen.
[…] Das Scheidel-Modell, oder SRH, behauptet, daß sich die Sklavenbevölkerung zu einem großen Teil selbst reproduzierte, nach Scheidels Vermutung 80 % davon. Dies kann sogar als unglaubwürdig erachtet werden, wenn die Sklavenbevölkerung ein natürliches Geschlechterverhältnis hätte, da es allgemein als gesichert erscheint, daß hohe Fertilität und annehmbar geringe Kindersterblichkeit von der Existenz von Familienstrukturen abhängt.6 In der römischen Welt muss eine große Anzahl an Sklavinnen im gebärfähigen Alter ein ungeregeltes Sexualleben geführt haben, und für jede ancilla, die bei einer flüchtigen Begegnung geschwängert wurde, gab es eine andere, deren Wunsch nach einem geregelten Liebesleben durch ihren Herrn oder dessen Stellvertreter enttäuscht wurde. Mehr Sklavinnen als freie Frauen stillten ihre eigenen Kinder, was bedeutet, daß sie dadurch eine längere Stillzeit und größere Abstände zwischen Schwangerschaften hatten. Zudem sollten wir nicht die Tatsache beiseite wischen, daß in erheblichen Teilen des Römischen Reiches der Nachwuchs von Sklavinnen nicht als Sklaven erachtet wurde, wenn der Vater frei war.7 Die Kinder von Sklaven konnten zudem ausgesetzt werden (daher gab es eine Überschneidung zwischen den Quellen (1) und (5)).8 Und aus meiner Sicht war das Geschlechterverhältnis der Sklavenbevölkerung in jedem Fall weit davon entfernt, ein natürliches zu sein: es war sehr unausgeglichen, was bedeutet, daß die Männer die Frauen zahlenmäßig weit übertrafen,9 mit höchst negativen Konsequenzen für die Sklavenfertilität.
Ein singulärer antiker Text scheint anzudeuten, daß römische Sklaven zu einer bestimmten Zeit keine geringere, sondern eine höhere Fruchtbarkeit als die freie Bevölkerung hatten: Appian schreibt Ti. Gracchus die Aussage zu, daß die unterstellte Unfruchtbarkeit der freien Italiker durch die polupaidia der Sklaven aufgefangen würde.10 Die Meinungen werden sich weiterhin darin unterscheiden, ob diese Angabe für die 130er Jahre v. Chr. gilt oder ob es sich um eine spätere ausschmückende Überlieferung handelt. Legt man die verhältnismäßig hohe Qualität der Informationen Appians über die Zeit von 133 bis 70 zugrunde, so kann eine echte Aussage des Ti. Gracchus oder zumindest eine Erfindung aus dieser Epoche vorliegen. Wenn dem so ist, kann die Anspielung rein rhetorisch gemeint sein, um reiche Latifundienbesitzer in Verruf zu bringen; oder sie kann auf Beobachtungen des Gracchus zurückgehen, bei denen er an die Folgen der massenhaften Versklavung von Zivilisten während der großen Expansion des Reiches in der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. in Iberien, Griechenland und Nordafrika dachte, die wenige Parallelen in der nachaugusteischen Zeit hatte, auch wenn es natürlich welche gab.11
Auch Varro lässt uns nicht wirklich an ein hohes Niveau der Sklavenfertilität glauben.12 Er zeigt keinerlei Interesse an Sklavennachwuchs, mit Ausnahme der pastores, die eine außergewöhnlich verantwortungsbewusste Tätigkeit haben. Auf der anderen Seite schätzte bekanntlich Columella die Fruchtbarkeit von Sklavinnen auf den Landgütern, und das mag durchaus ein Anzeichen für die veränderten Voraussetzungen der Kaiserzeit sein. Er scheint in diesem Zusammenhang nicht besonders ausgefallen zu sein, doch sein Belohnungssystem spiegelt seine persönliche Eigenart wider.13 Sklavenbesitzer müssten ein weitverbreitetes und differenziertes Belohnungssystem gehabt haben, um einen großen demographischen Effekt zu erzielen; eine nicht zu belegende, wenn auch nicht unmögliche Annahme. Wie auch immer: weder diese Texte noch andere unterstützen die Vermutung, daß Besitzer von vielen Sklaven deren Reproduktion auch in den städtischen Haushalten effektiv anregten.14
Die Haltung der Sklavenbesitzer zur Fertilität ihrer Gewaltunterworfenen muss in den korrekten Zusammenhang gestellt werden, den die Frage nach der Sklavenbehandlung allgemein darstellt. Diese besteht aus einem Mix aus Belohnungen und Härte – aber meist, aus römischer Sicht, aus Härte. Xenophon drückte wahrscheinlich die Einstellung des gewöhnlichen Sklavenbesitzers aus, wenn er seinen Protagonisten Ischomachus sagen lässt: ‚Die Braven werden, sobald sie einmal Kinder haben, in der Regel freundlicher, die Schlechten dagegen werden im Joch der Ehe erfahrener, betrügerisch zu handeln‘ (εὐπορώτεροι πρὸς τὸ κακουργεῖν γίγνονται: Oec. 9,5); Xenophon stellt Ischomachus so dar, daß dieser die Sklaven daran hinderte, ohne seine Einwilligung Kinder zu bekommen. Dies würde für die Römer ebenfalls durchaus Sinn machen.15 Der Erwerb von Sklavinnen zu dem Zweck, von deren Fruchtbarkeit zu profitieren, scheint selten gewesen zu sein.16
Die Gültigkeit der Scheidelschen Theorie hängt in hohem Maße von der Sklavenfertilität ab, daher ist es umso erstaunlicher, daß dieser Punkt nur in einer Fußnote und einem Appendix behandelt wird. Uns wird die gängige Beobachtung angeboten, daß die Einfuhr von Sklaven in ein Sklavensystem dessen Fertilität beeinflussen kann. ‚One might therefore wonder‘, wird die Argumentation weitergeführt,17 ‚to what extent the slave populations of the Caribbean and Latin America which were shaped by continuous selective import and failed fully to reproduce themselves were intrinsically more ‘typical’ than the self contained and highly reproductive slave population of the United States.‘ Aber der Punkt ist nicht, daß diese Bevölkerungen demographisch ‚typisch‘ sind, sondern eher deren demographische Ähnlichkeit mit der römischen Sklavenbevölkerung. Und tatsächlich ist die US-Sklaverei zwischen 1808 und 1865 atypisch, da sie ein beinahe geschlossenes System darstellte, während in den meisten Sklavensystemen die Sklavenbevölkerung Zuwachs von außerhalb erhält. Sie mag in einem anderen Punkte ebenfalls atypisch gewesen sein: während des rasanten Wachstums der US-Wollwirtschaft nach der Erfindung der cotton gin durch Whitney im Jahre 1793 favorisierten die sklavenbesitzenden Wollproduzenten in den Carolinas und in Georgia Sklavinnen, ‚since it was supposed that the sensitive harvesting of cotton demanded female labor‘.18 Demgegenüber waren die Tätigkeiten, für die römische Sklavenbesitzer Sklavinnen bevorzugten – und sie dachten über Beschäftigungsmöglichkeiten nach19 –, auffallend gering (siehe unten).
Das römische System ähnelte den ‚offenen‘ westlichen Systemen, bei denen neue Sklaven importiert wurden, darin, daß das Geschlechterverhältnis der gesamten Sklavenbevölkerung starken Schwankungen unterworfen war. Wie allgemein bekannt wurden im atlantischen Sklavenhandel im 18. und 19. Jahrhundert wesentlich mehr erwachsene Sklaven als erwachsene Sklavinnen verschifft. Gewöhnlich wurde angenommen, daß eine abweichende Nachfrage der Grund dafür sei; seit kurzem wird jedoch vermutet, daß die bestimmenden Faktoren zumindest teilweise in den Zielregionen zu suchen seien,20 doch so lange niemand in der Lage ist, eine insgesamt überzeugende Auflistung dieser Faktoren zu bieten, sollte man diesen Punkt nicht dogmatisch behandeln.21 Auf jeden Fall unterstützen die römischen Belege, so unvollständig sie auch sein mögen, die Annahme, daß die Nachfrage nach Sklaven höher war als die nach Sklavinnen.22
Niemand hat jemals in Zweifel gezogen, daß eine geschlossene Sklavenbevölkerung eine positive Nettoreproduktionsrate (NRR = net reproduction rate) haben kann,23 oder, daß sie auf lange Sicht eine natürliche Zunahme erfahren kann; das amerikanische Beispiel des 19. Jahrhunderts belegt dies. Die Frage ist aber, ob das römische Sklavensystem dem amerikanischen des 19. Jahrhunderts und den wenigen anderen bekannten Beispielen einer sich selbst reproduzierenden Sklavenbevölkerung ähnelt, oder den Systemen, die überwiegend in der Karibik und überall sonst in der westlichen Hemisphäre vorherrschten, und die demographisch sehr verschieden waren. Ich behaupte, daß es ein gravierender Fehler historischer Perspektive ist, das römische System unter die relativ milden Systeme einzuordnen. Scheidel hat die servi vincti vergessen.
Es ist schwierig, herauszufinden, warum sich einige Sklavenbevölkerungen des 19. Jahrhunderts besser reproduzierten als andere. Hilfreich waren sicherlich Familien mit beiden Elternteilen,24 und dieser Faktor allein ist ein deutlicher Hinweis, daß die römische Sklavenbevölkerung sich nicht selbst reproduzierte. Allerdings gibt es noch viel mehr zu sagen über die Unterschiede der Lebensbedingungen der Sklaven im Römischen Reich, der Karibik und den Vereinigten Staaten – sowie einer ganzen Menge anderer Sklavensysteme. In einer Zeit, in der die Lebensbedingungen von Sklaven in letzterem Milieu durch solche Bücher wie Tony Morrisons Beloved wieder hervorgehoben werden, erscheint jeder Versuch, ein Sklavensystem als schlechter darzustellen als ein anderes, geschmacklos. Auf der anderen Seite gibt es eine lange und lästige Tradition unter Altertumswissenschaftlern, die Realität des römischen Sklavensystems schönzureden. Ein gutes Gegenmittel ist, jene Berichte darüber zu lesen, wie die antiken Menschen die Sklaven folterten, um eine rechtlich brauchbare Aussage zu erhalten. Sachlicher ist, daß in der besonders unangenehmen Welt der karibischen Sklaverei im 18. Jahrhundert, die durch Unterernährung und körperliche Strafen charakterisiert wird, nichtsdestotrotz verschiedene Maßnahmen für das körperliche Wohlergehen der Sklaven getroffen wurden, was für das Römische Reich undenkbar wäre. Unzweifelhaft waren die Bedingungen an vielen Orten in Westindien schlimm genug, um einen negativen Effekt auf die Fertilität zu haben. Dennoch gab es manchmal Sklavenkodifikationen, die darauf abzielten, die Ausbeutung der Sklavenarbeit zu beschränken, in Trinidad z.B. 1789 und 1800.25 Es gab recht oft mehr oder weniger wissenschaftlich arbeitende Ärzte (die manchmal schnell reich wurden, wenn sie überlebten).26 Bereits in den 1640er Jahren besaß Curaçao zwei Krankenhäuser für Sklaven, ‚aimed at enhancing the exchange value of the slaves‘, und im späten 17. Jahrhundert war ein Arzt dort mit der Behandlung der Sklaven betraut.27 Oft verschlimmerte deren Medizin, anstatt zu helfen,28 aber je weiter das 19. Jahrhundert voranschritt, desto mehr änderte sich dies; und wir können annehmen, daß die Motive, die Sklavenbesitzer dazu veranlassten, für diese medizinische Behandlung zu bezahlen, auch dafür sorgten, daß sie sich Gedanken über die Ernährung und Unterbringung der Sklaven machten. Die medizinische Betreuung für Sklaven in den USA vor dem Sezessionskrieg war enorm,29 und erneut ein wichtiger Hinweis auf die allgemeine Behandlung von Sklaven. Nun, der Unterschied zur klassischen Welt ist nicht absolut und wir können nicht annehmen, das Sklavenkrankenstuben, die von Columella (11,1,18; 12,3,7; 8) genannten valetudinaria, einzigartig waren – zumindest sieht er keine Notwendigkeit, diese seinen Lesern zu erklären. Aber es ist wohl angebracht anzunehmen, daß römische Ansichten über die Gesundheit von Sklaven allgemein geringer waren als die karibischer und nordamerikanischer Sklavenbesitzer.30
Zwischen der römischen Sklaverei und der in den USA vor dem Sezessionskrieg besteht ein scharfer Gegensatz bezüglich des entscheidenden Faktors des Familienlebens. Es ist hier wohl kaum nötig, die Belege aufzuführen, daß nur ein kleiner Teil der römischen Sklaven in eigenen Familien lebten (was schlicht der Grund ist, warum Freigelassene – nimmt man ihre Grabinschriften als Maßstab – über ihr Familienleben frohlockten),31 aber es lohnt sich, darauf hinzuweisen, daß nordamerikanische Sklaven im 19. Jahrhundert, die selbstreproduzierende Sklavenbevölkerung par excellence, normalerweise in Familienunterkünften und Langzeitbeziehungen lebten. In diesem Zusammenhang war Time on the Cross kaum irreführend.32 Wir wissen zu wenig, um sicher zu sein, daß römische Sklavenbesitzer beim Verkauf von Sklaven weniger Rücksicht auf Familienbande nahmen als amerikanische Besitzer, aber ihre Rücksichtslosigkeit in diesem Punkt hat zumindest eine Forscherin hervorgehoben.33
Ein weiterer extrem wichtiger Faktor für die Fähigkeit der römischen Sklavenbevölkerung, sich selbst zu reproduzieren, ja vielleicht der wichtigste Faktor überhaupt, war das Geschlechterverhältnis dieser Bevölkerungsgruppe.34 Die Belege des ägyptischen Zensus geben an, daß in der sehr kleinen Gruppe der Bevölkerung außerhalb Alexandrias (N = 102) das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Sklaven 1:2 war (in gewöhnlichen Begriffen war die Geschlechterrelation somit 50,0). Forscher haben dazu jüngst beobachtet, daß, obwohl es mehr weibliche als männliche Sklaven in Ägypten (besser: Ägypten ohne Alexandria) gegeben haben mag,35 die Zensusangaben das weibliche Übergewicht übertrieben hätten, ‚since it appears that male slaves were typically manumitted earlier than females‘.36 Dieselben Forscher haben auch festgestellt, daß es keinerlei Anzeichen in diesen Dokumenten gibt, daß Sklavenherren das Ziel verfolgten, Sklavenfamilien zu fördern.37 Aber das Geschlechterverhältnis der ägyptischen Städte und Dörfer hat wenig gemein mit Alexandria oder den Provinzen, in denen Landwirtschaftssklaverei üblich war.
Alle Belege und alle logischen Ausführungen über das Geschlechterverhältnis der Sklavenbevölkerung in den großen Städten und den Provinzen, wo Sklaven einen beträchtlichen Teil der ländlichen Bevölkerung und der Handwerker bildeten, deuten auf ein extremes Ungleichgewicht in die andere Richtung hin, d.h. wesentlich mehr männliche als weibliche Sklaven. Gleiches gilt offensichtlich auch für Orte, wo Bergwerke und Steinbrüche und ähnliche wirtschaftliche Aktivitäten wichtig waren. Im Haushalt scheinen männliche Sklaven gegenüber weiblichen in einem möglicherweise überraschenden Maß in der Überzahl gewesen zu sein.38 Ich denke, daß man über das Römische Reich niemals sagen kann, was über die britische Karibik des 19. Jahrhunderts gesagt wurde, daß ‚the towns always had low slave sex ratios [d.h. ein geringer Anteil männlicher zu weiblicher Sklaven] because of the demand for females in domestic employment‘.39
Zur Behauptung, daß die Sklavenbevölkerung des Reiches als ganzes überwiegend männlich war, könnte eine längere Ausführung gemacht werden. Man kann mit den städtischen familiae beginnen, da es nicht a priori unvorstellbar ist, daß zumindest dort das Muster verschieden war, besonders in der griechischen Welt. Das epigraphische Material bedarf anerkanntermaßen einer wesentlich vorsichtigeren Behandlung als es sie vor 35 Jahren erfahren hat, und mag im Grunde genommen unbrauchbar sein. Es ist nicht so, daß Forschern, auch in diesen fernen Zeiten, unbekannt war, daß in vielen antiken Milieus Männer als würdiger für Grabinschriften erachtet wurden als Frauen.40 Detailliertere Untersuchungen wurde mittlerweile durchgeführt, die zeigen, daß der Usus der Erinnerungsinschriften das angebliche Geschlechterverhältnis verschieben kann – in jede Richtung.41 Zudem dürften die Sklaven der Schwerreichen in diesem Zusammenhang atypisch sein. Nichtsdestotrotz ist es bemerkenswert, daß die Grabinschriften aus diesen Haushalten mehrere Male männliche Sklaven gegenüber weiblichen im Verhältnis 3 zu 1 in der Überzahl zeigen,42 ein Ungleichgewicht, daß größer ist als die, welche Shaws Untersuchungen lateinischer Grabinschriften für alle Bereiche der freien Bevölkerung aufgezeigt haben. Und wir dürfen, da wir uns in diesen Fällen mit privilegierten Sklaven beschäftigen, die ungewöhnlich gute Chancen für das Eingehen sexueller und häuslicher Gemeinschaften hatten, berechtigterweise davon ausgehen, daß wir unter diesen eine geringere, d.h. eher natürlichere Geschlechterrelation finden als in anderen Haushalten. Noch bemerkenswerter als Beleg für städtische familiae ist das Verzeichnis der Stadtsklaven des reichen Alexandriners Ti. Iulius Theon, der 111n. Chr. starb: von den 59 Sklaven, deren Geschlecht in diesem beschädigten Dokument bestimmt werden kann, sind lediglich zwei weiblich.43 All dies wird unterstützt durch Hinweise, daß für viele Tätigkeiten, die sowohl von Frauen wie von Männern ausgeführt werden konnten, Männer bevorzugt wurden.
Auf der Suche nach Belegen für die Geschlechterrelation unter Sklaven hat De Ste. Croix behauptet, Columella sei an weiblicher Sklavenarbeit interessierter gewesen als die früheren Agrarschriftsteller.44 Dies wäre nur logisch, doch die zwei Textstellen, die De Ste. Croix zitiert, sind wenig aussagekräftig.45 Die Wahrscheinlichkeit, daß Landbesitzer, die in diesem Punkt die Wahl hatten (eingeschlossen kleinere Landbesitzer, die veranlassten, hausgeborene Sklaven auszusetzen), männliche Sklaven bevorzugten, ist sehr groß. Sklavinnen, die während der hohen Kaiserzeit auf dem Land arbeiteten, dürften eine Rarität gewesen sein. […]
Sehen wir uns die Fertilität eines typischen Jahrgangs römischer Sklavinnen (diejenigen, die innerhalb eines einzigen Jahres geborenen wurden) an und vergleichen wir sie mit der eines zeitgenössischen Jahrganges freier römischer Frauen.46 In Bezug auf die letztere Gruppe s. Tabelle 4.1.
Tabelle 4.1. Hypothetische ‚net reproduction rate (NRR)‘ (= Netto-Reproduktions-Rate) und ‚gross reproduction rate (GRR)‘ (= Brutto-Reproduktions-Rate) freier Frauen, basierend auf der Coale-Demeny Lebensstatistiktabelle Model West Level 3 Female und Model South Level 3 Female.47
Tabelle 4.2. Hypothetische Zahl der Lebendgeburten, die nötig ist, um eine Reproduktionsrate von 80 % der Sklavenbevölkerung zu ermöglichen, Version A
Tabelle 4.3. Hypothetische Zahl der Lebendgeburten, die nötig ist, um eine Reproduktionsrate von 80 % der Sklavenbevölkerung zu ermöglichen, Version B
Wenn die Bevölkerungszahl des Römischen Reiches in der hohen Kaiserzeit stabil blieb (Eroberungen ausgenommen), war der langfristige gesamte NRR dieser Bevölkerung < 1.00 (da es mehr Immigration als Emigration gegeben haben muss); ich benutze die Zahl 0.95 aus rein illustrativen Gründen. In Wirklichkeit scheint es sporadischen Zuwachs durch die ganze Epoche von Augustus bis zur antoninischen Seuche hindurch gegeben zu haben,48 so daß wir nicht komplett falsch liegen dürften, wenn wir einen NRR von 1.00 annehmen. Das bedeutet, daß entsprechend Model West die durchschnittliche Frau, die bis zu ihren reproduktiven Jahren überlebte, 2,54 Mädchen und 5,16 Kinder insgesamt gehabt hat.49 Das ist nicht unmöglich. Sehen wir uns nun aber unseren Jahrgang von Sklavinnen an. Ein bestimmter Prozentsatz (m) deren Kinder wurde entweder nach der Freilassung der Mutter geboren oder kamen aufgrund nicht-römischer Gesetze mit freiem Status auf die Welt. Die Lebenserwartung dürfte niedriger gewesen sein als bei der freien Bevölkerung: Ich betrachte sogar e0 = 20 als eine zu hohe Zahl,50 aber um einen fruchtlosen Disput zu verhindern (und auch aus praktischen Gründen, da ich keine Lebensstatistik für einen e0 Wert unter 20 gefunden habe), wenden wir Model West Level 1 Female an.
Es zeichnet sich schnell ab, daß SRH nicht haltbar ist. Wie viele Lebendgeburten pro Frau müsste eine solche Bevölkerungsgrupe hervorbringen, um stabil zu bleiben, oder um 80 % ihrer selbst zu ersetzen (Scheidels Annahme)? Tabelle 4.2 zeigt, wie viele Lebendgeburten nötig wären, um eine Reproduktionsrate von 80 % zu gewährleisten, wenn m = 10 ist, während Tabelle 4.3 dies zeigt, wenn m = 20 ist.51 Es ist in zweierlei Hinsicht höchst unlogisch, anzunehmen, daß sowohl die Sklavenbevölkerung ein natürliches Geschlechterverhältnis hatte als auch, daß sie ein so hohes Niveau an Fertilität besaß.52 […]
Wie sieht es mit anderen möglichen wichtigen Quellen aus? Zuallererst die Importe. Sie werden gewöhnlich nicht als große Quelle des Nachschubs in der Kaiserzeit angesehen, obwohl es viele verstreute Belege gibt. Scheidel äußerte die nachzuvollziehende Ansicht, daß die betreffenden Regionen nicht dicht genug besiedelt waren, um die Nachfrage des Römischen Reiches nach Sklaven zu erfüllen. Er führt als diese Regionen Irland (!), Schottland, Germanien, Südrussland, den Kaukasus, die arabische Halbinsel und den Sudan auf; Mesopotamien und der Iran, so meint er, hätten den Sklavennachschub für das Partherreich geliefert.53 Wir sollten auch die Sklaven berücksichtigen, die aus dem Handel auf dem Indischen Ozean (vielleicht in der Hauptsache aus Somalia) und aus dem Saharahandel stammen.54 Es wurde vermutet, daß die Region, aus der das Römische Reich seine Sklaven importierte, wahrscheinlich eine Bevölkerung von unter 15 Millionen hatte.55 Das ist eine höchst spekulative Zahl, die einem eigenwilligen Plädoyer gleicht, aber Scheidel hat unzweifelhaft Recht in der Annahme, daß der bloße Mangel an Bewohnern die äußere Peripherie davon abhielt, einen großen Anteil an der Sklavennachfrage des Römischen Reiches zu decken. Die betreffenden europäischen und afrikanischen Bevölkerungen waren kaum urbanisiert, und in denselben Gebieten war selbst das Ausmaß an kleinbäuerlicher Landwirtschaft sehr begrenzt. Die Schwäche dieser Argumentation liegt darin, anzunehmen, daß die Bevölkerungen in diesen ‚Fang‘-Gebieten stabil waren. In Wirklichkeit dürften sie durch die Nähe zu den Römern abgenommen haben; und eine weitere Möglichkeit ist die, daß die in unmittelbarer Nähe zur römischen Grenze gelegenen Gebiete von außerhalb wiederbevölkert wurden. Die römische Wirtschaft dürfte eine große Anziehungskraft gehabt haben, die die nächsten auswärtigen Gebiete vor einer Entvölkerung bewahrte.56
Die doch reichlichen Belege für Sklavenimporte helfen wenig, deren Zahl zu bestimmen.57 Das Problem ist verknüpft mit der nicht zu vernachlässigenden Frage nach den Kriegsgefangenen. Einige haben die Zahl der in Friedenszeiten importieren Sklaven zwischen 20.000 und 25.000 geschätzt, aber es wurde kein Grund angeführt, warum die Zahl nicht niedriger oder höher liegen könnte.58 Außer der Tatsache, daß es ohne Importe vermutlich einen Versorgungsengpass gegeben hätte, für den es jedoch keine Anzeichen gibt.
Wie groß war der Anteil des Selbstverkaufs? Historiker haben diese Praxis einige Male verworfen,59 vermutlich, da dies eine atrocissima war, über die die würdevolle römische Gesellschaft nicht bereitwillig schrieb (was exakt der Grund ist, warum es in Petronius, Sat. 57,4 vorkommt). Aber in der Textpassage, mit der Ramin und Veyne ihre Untersuchung beginnen, fasst Seneca die mangones unter diejenigen, die, obwohl sie nützlich für andere waren, nicht wirklich beneficia förderten (da sie vom Verkaufsverlauf persönlich profitierten). Er sieht es als offensichtlich an, daß mangones für diejenigen, die sie verkauften, nützlich waren (mango venalibus prodest)60 Mit diesen Begünstigten kann er nur diejenigen meinen, die wünschten, verkauft zu werden. Senecas Annahme, daß seine Ausführungen für den neronianischen Leser Sinn machen würden, ist ein wertvolles Indiz. Sowohl Clemens, Bischof von Rom, wie Papinian weisen auf die Regelmäßigkeit dieser Praxis hin, während Petronius, Dio Chrysostomos und Ulpian ziemlich deutlich machen, daß Selbstverkauf ein gewöhnlicher Vorgang war.61 Wenn es auch nur wenige literarische Erwähnungen gibt, so ist dies vor dem Hintergrund verständlich, daß Selbstverkauf gegen eines der Kardinalprinzipien des Römischen Rechts verstieß: die Unveräußerlichkeit der Freiheit.62 Die Juristen mussten mit dieser Schwierigkeit zurechtkommen und hinterließen pflichtgemäß eine massive Lücke im Recht.
Dies war aus zweierlei Gründen wichtig, die beide von Ramin und Veyne angeführt wurden. Das eine war lebensbedrohliche Armut, das andere die – in den Augen vieler – erstrebenswerte Position eines versklavten actor, des Sklaven, der in jedem vermögenden römischen Haushalt die finanziellen Transaktionen durchführte.63 Die Tätigkeit als actor war höchst begehrt, betraf aber lediglich einige hundert Männer pro Jahr, aber die Furcht vor Hunger wird in schlechten Erntejahren tausende betroffen haben. Man wird feststellen, daß die eben zitierten Autoren aus Nordafrika und dem griechischen Osten sowie aus Italien kamen und sowohl römische Bürger wie Nichtbürger umfassten.64 Uns ist heute bekannt, daß Hunger regelmäßig diverse Regionen des Römischen Reiches heimsuchte, und daß die Reaktion der Magistrate häufig unzureichend war.65 Die zu erwartenden Folgen sind Kindesaussetzung und Selbstverkauf, so wie, nach Braudels Bericht, ein persischer Botschafter im 17. Jahrhundert in Indien ‚unzählige Sklaven … wegen der Hungersnot fast umsonst‘ erwarb.66
Die Versklavung von Findlingen ist ein Phänomen, dem Historiker manchmal auszuweichen versuchten, aber es ist unnötig, erneut die Belege dafür zu zitieren, daß es eine weitverbreitete Praxis im Römischen Reich war, oder die Belege, daß es ähnlich dem Selbstverkauf als Einrichtung diente, Freigeborene in Sklaven zu verwandeln.67 Es mag manchmal einen gewissen Grad an stillschweigender Übereinkunft zwischen Aussetzer und ‚Retter‘ gegeben haben,68 es sei denn, Hinweise auf solches Verhalten sind Teil der sich selbstrechtfertigenden Mythologie dieses Themas.
Zwei Quoten sind für die Theorie wichtig, daß Findlinge einen großen Teil der Nachfrage nach Sklaven innerhalb des Römischen Reiches bedienten: Die Quote der Kinderaussetzung und die Quote des Überlebens. Für ersteres versucht Scheidel, uns damit zu schockieren, daß er schreibt, ‚every other mother [or rather, every other mother who survived to menopause] would have exposed one of her children‘.69 Aber selbst höhere Quoten der Kindesaussetzung als diese sind für eine Reihe von Milieus belegt und dürften bei vielen anderen Bevölkerungen vorgeherrscht haben. Wie David Kertzer auf der Grundlage jüngster Arbeiten hervorhob,70 reichte der Grad der Aussetzung von 20 % bis über 35 % aller Geburten in Städten wie Paris, Wien, Mailand und Florenz zu verschiedenen Zeiten des 18. und 19. Jahrhunderts.
Warum sollten wir die Möglichkeit ausschließen, daß eine vergleichbare Quote in vielen städtischen und ländlichen Regionen des Römischen Reiches existierte?71 Dies bedeutet nicht, die römische Offenheit gegenüber der von Apuleius so genannten insita matribus pietas (Met. 10,23) außer Acht zu lassen. Was die Überlebensquote angeht, haben wir sehr wenig Material. Ich mag gegenüber der schwachen Argumentation, die John Boswell zugunsten einer hohen Überlebensrate ins Feld geführt hat, überreagiert haben, und ich betrachte die desaströse Sterblichkeitsrate von Findelhäusern heute nicht als starken Beweis für das Überleben weniger expositi. Sollte, nur einmal angenommen, die freie Bevölkerung des Römischen Reiches um 100 n. Chr. 50 Millionen betragen haben, sollte seine Geburtenrate bei 47,38 % auf 1.000 liegen (Frier), 20 % der Neugeborenen ausgesetzt worden und ein Drittel dieser in die Sklaverei geraten sein, so würde dies 157.933 neue Sklaven pro Jahr bedeuten.
Ein weiterer ernster Schwachpunkt der SRH ist seine vollkommene Unvereinbarkeit mit den umfassenden Belegen für einen Sklavenhandel im großen Stil innerhalb des Römischen Reiches, und zwar einem, der aus bestimmten Regionen – besonders Thrakien, Kleinasien und Syrien – nach Italien und andere überseeische Absatzmärkten führte. Ephesos war am Ende der Republik und in der hohen Kaiserzeit Mittelpunkt des Sklavenhandels, wie das neue Zollgesetz zu bestätigen scheint.72 Dieser weitreichende Handel hätte entsprechend der SRH nach der Abnahme der Expansionskriege kaum eine Berechtigungsgrundlage. Die SRH nimmt an, daß die große Mehrheit der benötigten Sklaven beispielsweise in Italien ebendort geboren wurden. Daher unterlässt sie es, den gerade erwähnten Sklavenfluss aus den Provinzen gen Westen zu erklären. Über die Jahre ist das ohnehin bereits hinreichende Corpus an Texten vergrößert worden73 und hat z.B. gezeigt, daß ein statarion, ein Sklavenmarkt, in Sardis existierte,74 ebenso wie in Ephesos, Thyatira, Magnesia am Meander, Acmonia und vermutlich an Dutzenden anderen Orten in dieser Region.75 Diese Gebäude bestanden nicht für einen gelegentlichen Handel mit ein paar Dutzend Sklaven (dieser hätte in den gewöhnlichen Markthallen durchgeführt werden können), sondern für ein permanentes Geschäft in großem Stil.76
Einige werden die SRH auch deshalb als nachteilig erachten, da sie Caesar Augustus als einen „Tölpel“ (blunderer) darstellt. Um für die Bezahlung der 7.000 vigiles in Rom und einiger anderer Ausgaben zu sorgen, führte er (7 n. Chr.) eine Steuer von 2 % aus Sklavenverkäufen ein (Dio 55,31). Dies bedeutet, daß er davon ausging, daß Hunderte von Tausenden zu versteuernder Sklavenverkäufe (ich habe einmal 250.000 vermutet) jedes Jahr stattfanden. Irgendwann zwischen den Jahren 7 und 43 wurde die Steuer verdoppelt, vermutlich von Caligula.77 Aber erneut: das ganze Vorgehen ist unverständlich, wenn große Haushalte in der Lage waren, den größten Teil ihres Bedarfes an Sklavenarbeit selbst durch Reproduktion zu decken.
Zum Schluss: Integration. Sowohl Finley wie Duncan-Jones haben verschiedentlich darauf hingewiesen, daß die wirtschaftlichen Kräfte des Römischen Reiches kaum untereinander vernetzt waren und daher eher als Ansammlung lokaler und regionaler Märkte zu betrachten seien. Die Beschaffenheit des Sklavenhandels dürfte ein weiterer Grund sein, dieses Modell zu verwerfen – wenn wir mehr darüber wissen würden, im besonderen über die Preise. Ich vermute, daß die Sklavenpreise in Rom, Karthago, Ephesos, Alexandria und dem kleinasiatischen Inland entsprechend der Schnelligkeit römischer Informationsübermittlung aufeinander reagierten – es gibt keine Anhaltspunkt, das Gegenteil anzunehmen. Aber diese These kann nicht belegt werden.
Es ist sowohl richtig wie falsch, daß das Verhältnis der verschiedenen Quellen der römischen Sklaverei in ihrer Bedeutung zueinander ‚cannot be gauged from ancient texts‘.78 Wir wissen allerdings genug, um die Unwahrscheinlichkeit der SRH, wie Scheidel sie aufgestellt hat, zu belegen und die Bedeutung der Importe und besonders des Selbstverkaufs und der Versklavung von Findlingen erneut herauszustellen. Aber dies ist eine Sache der hohen Kaiserzeit und so etwas wie Scheidels Modell (nochmals: wir sollten nicht ein reines ‚entweder/oder‘ sehen) muss sich im Endeffekt selber ausschließen. Nur wann?
Wie schon gesagt: das in diesem Aufsatz vorgestellte Hauptargument wäre kaum glaubhaft, wenn die freie Bevölkerung des Römischen Reiches in irgendeiner Form ihre natürliche Fertilität um ein beträchtliches Maß reduziert hätte (und dadurch weniger Notwendigkeit für die Aussetzung von Kindern bestanden hätte), so z.B. durch Kräutermedizin, wie sie John Riddle beschrieben hat. Ich scheine einer der wenigen Althistoriker zu sein, die dies als eine echte Alternative betrachten.79 Man könnte so argumentieren, daß einige Regionen diesem Muster folgten, andere jenem.
Die Zurückweisung dieses Artikels durch Scheidel (S. 73-91 in diesem Band) offenbart eine Schwäche in sich. Sie basiert auf einer Anzahl nicht zu belegender Annahmen und ignoriert viele entscheidende Belege. Ich lasse die unerklärliche Vermutung (S. 74) unbeachtet, daß die Nachfrage nach Wein im römischen Italien lediglich städtisch bedingt war (was zu einer geringeren Zahl an Sklaven, die in der Weinproduktion eingesetzt wurden, führen würde). Es gibt keine ‚rein mathematischen Gründen‘ (S. 75f.), weshalb die Geschlechterrelation römischer Sklaven in Italien in der mittleren oder späten Republik ein natürliches Niveau erreicht haben sollte; dieses hängt hauptsächlich von den Lebensbedingungen der Sklaven und der Relation zwischen männlichen und weiblichen Sklaven unter den neuen Sklaven ab. Vieles bleibt bei letzterem Punkt natürlich unbekannt, aber ich habe Gründe, anzunehmen, daß die Nachfrage nach männlichen Arbeitern größer war als nach weiblichen. Bisher habe ich nichts Überzeugendes für das Gegenteil gelesen. Die Annahme, Frauen und Kinder seien eher im Krieg versklavt worden, eignet sich nicht für eine Verallgemeinerung (erneut: die Nachfrage ist entscheidend). Das Geschlechterverhältnis der Sklaven im kaiserzeitlichen römischen Ägypten kann ‚nichts für das spätrepublikanische Italien belegen‘, wie Scheidel selbst einsieht (S. 77), noch, würde ich meinen, für irgendeine andere Region der römischen Welt, die Kaufsklaverei in großem Stil betrieb. Die nicht durch Belege gestützt Behauptung, daß ‚ancient sources stress the availability of women and children‘ im Sklavenhandel, ist meines Wissens ohne Grundlage und führt ohnehin nicht weiter, da niemand bezweifeln wird, daß in allen in Frage kommenden Epochen viele Frauen und Kinder gekauft und verkauft wurden. Was zählt, ist die Relation der Männer einschließlich der Jungen gegenüber den Frauen, und dafür haben wir lediglich drei Indikatoren: kriegerischen Einfluss, die Art der Nachfrage und schließlich die komparativen Belege (über die bereits oben genug gesagt wurde). Aber was am meisten gegen jede Wahrscheinlichkeit und jeden Beleg spricht, ist die Behauptung (S. 80), daß in den Regionen, die stark auf Kaufsklaverei zurückgriffen, Sklaven gewöhnlich ein reproduktionsfreundliches Familienleben führten. Es ist wahr und trivial, daß wir ‚keine Möglichkeit haben, die Zahl der römischen Sklaven zu bestimmen, die in einer festen Beziehung lebten‘, aber ich nehme an, daß nicht einmal das optimistischste und sentimentalste Deuten der Quellen, wie oben ausreichend dargelegt, den Schluss zulässt, daß solche Partnerschaften die Norm oder auch nur üblich waren.
Zur Unfruchtbarkeit frühneuzeitlicher Sklavenbevölkerungen in Africa vgl. Meillassoux.80
In seinem Aufsatz ‚On the Populousness of the Antient nations‘ (Political Discourses, Edinburgh 1752, 167-80), brachte David Hume schlagende Argumente gegen die Fruchtbarkeit der griechischen und römischen Sklavenbevölkerungen. Lo Cascio bemerkte richtigerweise, daß Scheidels und mein Ansatz zu statisch sei, bietet aber selbst keine Alternative.81 Sollte ich mich mit dem Problem nochmals beschäftigen, würde ich für eine steigende Kurve beim Anteil der bereits als Unfreie geborenen römischen Sklaven plädieren. Diese Kurve dürfte nach den zahlreichen Expansionskriegen des Augustus begonnen haben. Columellas Belohnung für fruchtbare Sklaven (1,8,19) sollte als Indiz gesehen werden, daß die intelligenteren Landbesitzer die Abnahme im Sklavenangebot bemerkt und etwas dagegen getan haben. Später dürften solche Beispiele vermutlich gesteigerte Wirkung gezeigt haben, besonders nachdem durch Hadrians passivere Grenzsicherung der Nachschub an fremden Gefangenen drastisch abnahm (obwohl die Unterdrückung des Bar-Kochba-Aufstandes im Jahr 135 den Römern etwas Entspannung brachte)82. Um es kurz zu machen: Die Kurve wurde stetig steiler (obwohl jüngste Arbeiten regelmäßige Aufstände in den Provinzen selbst im 2. Jahrhundert herausgearbeitet haben). Ein Indiz dafür dürften die Fragmenta de iure Fisci 13 sein,83 das – was immer es auch exakt meint – ohne Zweifel sehr fruchtbare Sklavinnen innerhalb des kaiserlichen Haushaltes belohnte – zu einem nicht näher zu bestimmenden Zeitpunkt im 2. Jahrhundert. Zur Zeit der severischen Rechtsgelehrten war es klar, daß die Käufer von Sklavinnen gewöhnlich in deren Fähigkeit, Kinder zu bekommen, interessiert waren (dies wird nicht neu sein), obwohl selbst zu dieser Zeit Ulpian noch äußerte, daß ‚Sklavinnen gewöhnlich nicht erworben werden, damit sie Kinder gebähren‘. Einige mögen anführen (ich nicht), daß die wieder aufkommende Aggressivität in der severischen Grenzpolitik durch einen spürbaren Mangel an Sklaven beeinflusst wurde. Auf jeden Fall misst Diokletians Preisedikt, wie Scheidel dies gezeigt hat, Sklavinnen zwischen 8 und 16 Jahren einen besonderen Wert bei, der teilweise durch die Fertilität bedingt sein mag.84 Im frühen – oder mittleren – 3. Jahrhundert könnte es möglich gewesen sein, wie Scheidel dies für die hohe Kaiserzeit annimmt, daß Sklavengeburt tatsächlich die wichtigste Quelle war. Es überrascht nicht, daß in der größten spätantiken Sklaveninventarliste, die uns bekannt ist (aus Thera)85 ‚Männer und Frauen in etwa gleich stark vertreten sind (N = 115).
Anmerkungen
∗ Ich danke den Herausgebern des JRS für ihren Einsatz sowie ihre fachkundigen Anmerkungen zum 1. Entwurf. Ebenso geht mein Dank an Walter Scheidel, daß er mir seinen Aufsatz von 1997 vor der Drucklegung zur Verfügung gestellt hat, an den Wirtschaftswissenschaftler Michael Haines für seine Hilfe mit der Demographie der US-Sklaverei im 19. Jahrhundert und an viele Freunde, besonders Richard Duncan-Jones, Keith Hopkins, Elio Lo Cascio und Brent Shaw für die Diskussion. Für weitere Ausführungen, überzeugend oder nicht, vgl. E. Lo Cascio, Considerazioni sul numero e sulle fonti di approwigionamento degli schiavi in età imperiale, in: W. Suder (Hrsg.), Études de démographie du monde gréco-romain, Wroclaw 2002; K.R. Bradley, On Captives under the Principate, in: Phoenix 58, 2004, 298-318; W. Scheidel, Human Mobility in Roman Italy, II: The Slave Population, in: JRS 95, 2005, 64-79.
1 De lingua Latina 8,21.
2 W. Harris, Towards a study of the Roman slave trade, MAAR 36 (= J.H. D’Arms/E.C. Kopff (Hrsg.), The Seaborne Commerce of Ancient Rome: Studies in Archaeology and History, Rom 1980), 117-140. J. Ramin/P. Veyne, Droit romain et societe: les hommes libres qui passent pour esclaves et l’esclavage volontaire, Historia 30 (1981), 475, waren weniger vorsichtig: ausgesetzte Kinder ‚sont surement la source principale des esclaves sous l’Empire’.
3 Ebd.
4 W. Scheidel, Quantifying the Sources of Slaves in the Roman Empire, in: JRS 87, 1997, 159-169; E.M. Staerman, Die Blütezeit der Sklavenwirtschaft in der römischen Republik, Wiesbaden 1969 (russ. Originalausg. 1964), 70; E. Staerman/M.K. Trofimova, La schiavitù nell’Italia imperiale. I-III secolo, Rom 1975 (russ. Originalausg. 1971), bes. 17 u. 24. Ihre Schlussfolgerung ist moderater und glaubwürdiger als die Scheidels.
5 Scheidel (s. Anm.4), 165. Ich schrieb (Towards a Study (s. Anm.2), 123), daß die Versklavung von ausgesetzten Kindern ‚a far more important source‘ für Sklaven war als jede andere italische oder provinziale Quelle, mit Ausnahme der Sklavengeburt. Die Ausführungen von Ramin und Veyne lassen mich zweifeln, ob ich hätte ‚far‘ schreiben sollen. Ich habe, nebenbei bemerkt, nie die seltsame Bezeichnung ‚social life expectancy‘ gebraucht, wie Scheidel (s. Anm.4), 156 meint.
6 Vgl. z.B. B.W. Higman, Household Structure and Fertility on Jamaican Slave Plantations: a Nineteenth-Century Example, in: Population Studies 27, 1973, 527 (wiederabgedruckt in H. Beckles und V. Shepherd (Hrsg.), Caribbean Slave Society and Economy: A Student Reader, London 1991, 250).
7 Ramin/Veyne (s. Anm.2), 481. Vgl. z.B. Dio Chrys. 15,3-5.
8 Vgl. Child-Exposure in the Roman Empire, in: JRS 84, 1994, 14.
9 Towards a Study (s. Anm.2), 119f. Vgl. ferner Lo Cascio (s. Anm.∗), 58f. für diese unausgeglichene Geschlechterverteilung.
10 BC 1,7,29, eine Annahme, die von E. Gabba (s. Anm.∗), 17f. zurückgewiesen wird. Herrmann-Otto, die diese Passage untersucht, ohne zu einer genauen Schlussfolgerung zu kommen, irrt in der Behauptung (E. Herrmann-Otto, Ex Ancilla Natus, 1994, 234, Anm.6), daß die Forscher, die sie auflistet, u.a. mich selbst, so weit gehen würden, anzunehmen, daß es keine nennenswerte natürliche Reproduktion von Sklaven während der Republik gab. Dies wäre eine bizarre Ansicht. [Korrektur durch die Autorin: Hier wurde aus dem Zusammenhang gerissen zitiert: „Kriegsgefangenschaft in der Republik und Aussetzung in der Kaiserzeit verbunden mit Handel sind die vorrangigen Quellen für die römische Sklaverei.“ Dafür nenne ich Harris als Vertreter.]
11 Man könnte annehmen, daß Appians Bemerkung ein besserer Beleg wäre, wenn er nicht authentisch republikanisch wäre, aber in jedem Fall ist es ein dürftiger Quellenbeleg.
12 Varro rust. 2,10,6, und Colum. 1,8,19 werden von W. Scheidel, Quantifying the Sources of Slaves in the Roman Empire, in: JRS 87, 1997, 169 aufgeführt.
13 Nos quidem […] feminis quoque fecundioribus, quarum in subole certus numerus honorari debet, otium nonnumquam et libertatem dedimus, cum complures natos educassent. Nam cui tres erant filii [sons or children?] vacatio, cui plures libertas quoque contingebat. (‚Kinderreicheren weiblichen Sklaven, bei denen ja eine bestimmte Kinderzahl einer Ehrung würdig ist, habe ich die Arbeit erlassen, ja manchmal die Freiheit geschenkt, wenn sie mehrere Söhne aufgezogen haben. Hatte nämlich eine Sklavin drei Söhne [oder Kinder?], dann erhielt sie Arbeitsbefreiung, hatte sie mehr, dann auch die persönliche Freiheit‘). Vgl. T.G. Parkin, Demography and Roman Society, Baltimore/London 1992, 122. Eine solche Regel musste die weiblichen Kleinkinder einem hohen Risiko aussetzen. Zur Attraktivität und Erschwinglichkeit von vernae vgl. Towards a study (s. Anm.2), 118-120.
14 Für das Fragmenta de iure fisci 13 (FIRA hrsg. Riccobono II, 629) vgl. das Addendum dieses Aufsatzes.
15 Cicero übersetzte das Buch in seiner Jugend (De off. 2,87) und seine Übersetzung war weit bekannt; vgl. Pomeroys Kommentar (S.B. Pomeroy: Xenophon – Oeconomicus. A Social and Historical Commentary, Oxford 1994, 70). Sie liegt jedoch in ihrer Annahme falsch (299), für Xenophon wären nur hausgeborene Sklaven akzeptabel gewesen: so weit ich sehe äußert er nirgends eine solche Meinung. Außerdem stellt Oec. 7,34 keinen Beleg dafür dar, daß, selbst in Xenophons Darstellung, ‚Ischomachus’ slaves evidently do more than reproduce their numbers‘.
16 Unter Berücksichtigung vorseverischer Zeiten beruht diese Vermutung auf einer Argumentation des Schweigens und der Wahrscheinlichkeit. Dann gibt es Ulpians Kommentar in Dig. 5,3,27pr.: quia non temere ancillae eius rei causa comparantur ut pariant, ‚da Sklavinnen schwerlich aus dem Grund gekauft werden, damit sie gebären‘; für die Bedeutung von non temere vgl. Sueton, De gramm. 4,5, Gellius 20,5,4 und das Oxford Latin Dictionary, Bedeutung 3. Es wurde darüber gestritten, ob non temere interpoliert sei: F. De Martino, Wirtschaftsgeschichte des alten Rom. München 1985, 265f. (T. Kinsey übersetzte in A. Watson, The Digest of Justinian (1985) falsch: ‚Slave girls are not acquired solely as breeding stock‘.) Es besteht kein Widerspruch zwischen Ulpians Aussage und Dig. 21,1,14,1 (auch Ulpian) oder 19,l,21pr. (Paulus), beides Texte, die die offensichtliche Tatsache bestätigen, daß Käufer beim Kauf von Sklavinnen manchmal (wie sie es normalerweise sein müssten) an deren Fähigkeit, Kinder zu bekommen, interessiert waren.
17 Scheidel (s. Anm.4), 157 Anm. 14.
18 H. Thomas, The Story of Atlantic Slave Trade 1440-1870, London 1997, 572. Allerdings lehnen andere Historiker wie z.B. H.S. Klein diese Ansicht ab (persönlicher Kontakt).
19 S. Tac. Germ. 25.
20 S. D. Eltis/S.L. Engerman, Fluctuations in Sex and Age Rations in the transatlantic Slave Trade, 1663-1864, in: Economic History Review 46, 1993, 308-323, die das Geschlechterungleichgewicht als normal für eine Migrationsbevölkerung erachten. Für einen interessanten Ansatz, der die Faktoren der Zielregionen mit der abweichenden Nachfrage verbindet, s. R. Olwell, Masters, Slaves and Subjects: the Culture of Power in the South Carolina Low Country 1740-1790, Ithaca 1998, 28 Anm.44. S. auch H.S. Klein, The Atlantic Slave Trade, Cambridge 1999.
21 Vgl. D. Eltis/D. Richardson, West Africa and the Transatlantic Slave Trade: New Evidence of Longrun Trends, in: Dies. (Hrsg.), Routes to Slavery: Direction, Ethnicity and Mortality in the Transatlantic Slave Trade, London 1997, 32f.
22 Vgl. Harris (s. Anm.2), 119f.
23 Das ist ‚the number of daughters that a cohort of newborn girl babies will bear during their lifetime assuming a fixed schedule of age-specific fertility rates and a fixed set of mortality rates‘. H.S. Shryock/J.S. Siegel, The Methods and Materials of Demography, San Diego 1976, 315 [[und (2004), 431). Die Bruttoreproduktionsrate (GRR = gross reproduction rate) berücksichtigt die Sterblichkeit der Mütter nicht, daher ist sie für vormoderne Gesellschaften wesentlich höher als die NRR; vgl. Parkin (s. Anm. 13), 87]].
24 Scheidel (s. Anm.4), 169 liegt mit der Annahme falsch, wir wüssten, daß solche Familien unter römischen Sklaven verbreitet gewesen wären, und irrt, wenn er annimmt, R.S. Bagnall/B.W. Frier, The Demography of Roman Egypt (Cambridge Studies in Population, Economy and Society in Past Time 23), Cambridge 1994, würden seine Sicht teilen (s.S. 156-159 für die einschlägigsten Aussagen). S. unten die Ausführungen, daß das Geschlechterverhältnis, das in den Zensusnachweisen aus der ägyptischen chora aufgeführt ist (mehr Sklavinnen als Sklaven), das vorherrschende Muster im Römischen Reich als Ganzes verdreht.
25 Für genauere Angaben s. A.M. John, The Plantation Slaves of Trinidad, 1783-1816: a Mathematical and Demographic Enquire, New York/Cambridge (1988).
26 S. z.B. M. Craton, Death, Disease and Medicine on the Jamaican Slave Plantations: the Example of Worthy Park, 1767-1838, in: Histoire Sociale 9, 1976, 237-255; R.B. Sheridan, Doctors and Slaves: A Medical and Demographic History of Slavery in the Britisch West Indies, 1680-1834, Cambridge 1985.
27 H. Lamur, Demographic Performance of Two Slave Populations oft the Dutch Speaking Caribbean, in: Buletin de Estudios Latino Americanos y del Caribe 30, 1981, zitiert aus: H. Beckles/V. Shepherd, (Hrsg.), Caribbean Slave Society and Economy, London 1991, 216.
28 Für einige der tödlichen Arzneimittel, die von Ärzten während der Atlantikreise verabreicht wurden, s. K.F. Kiple/B.T. Higgins, Mortality Caused by Dehydration during the Middle Passage, in: J.E. Inikori/S.L. Engerman (Hrsg.), The Atlantic Slave Trade. Effects on Economies, Societies, and Peoples in Africa, the Americas and Europe, Durham/London 1992, 321-337, bes. 327.
29 S. kürzlich K.O. Bankole, Slavery and Medicine. Enslavement and Medical Practices in Antebellum Louisiana, New York 1998.
30 Im 2. Jahrhundert gab es kurzzeitige Versuche von staatlicher Seite, Sklaven vor übermäßiger Bestrafung und Überarbeitung zu schützen; vgl. P. Garnsey, Ideas of Slavery from Aristotle to Augustine, Cambridge 1996, 93-97.
31 P.D. Shaw, The Cultural Meaning of Death: Age and Gender in the Roman Familiy, in: D.I. Kretzer/R.P. Saller, The Familiy in Italy from Antiquity to the Present, Yale University Press 1991, 87, unter Benutzung der Arbeiten von P. Zanker und D.E.E. Kleiner. Einige Sklaven lebten natürlich in stabilen Familienstrukturen.
32 R.W. Fogel/S.L. Engerman, Time on the Cross. The Economics of American Negro Slavery, Boston/Toronto 1974, 126-144. Die grundlegende, ebenfalls stark debattiert Untersuchung ist H.G. Gutman, The Black Family in Slavery and Freedom, 1750-1925, New York 1974, Kap. 2-4; s. auch P. Kolchin, American Slavery, 1619-1877, New York 1993, 138-143. Scheidel (s. Anm.4), 163 Anm.29 vermittelt in diesem Punkt ein falsches Bild.
33 Herrmann-Otto (s. Anm.10), bes. 264.
34 Diese Sache bleibt bei Scheidel unerwähnt.
35 Dieses wurde durch R.S. Bagnall, Missing Females, in: Roman Egypt, Scripta Classica Israelica 16, 1997, 121-138 bekräftigt.
36 Bagnall/Frier (s. Anm.24), 94.
37 S. Anm.24, 157.
38 Towards a Study (s. Anm.2), 119.
39 B.W. Higman, Slave Populations of the British Caribbean 1807-1834, Baltimore 1984, 118.
40 Z.B. S. Treggiari, Family Life Among the Staff of the Volusii, in: TAPhA 105, 1975, 395.
41 Vgl. bes. Shaw (s. Anm. 31), 81f.
42 77 % der inschriftlich bedachten Mitglieder des Haushaltes der Livia scheinen männlich gewesen zu sein (S. Treggiari, Jobs in the Household of Livia, in: PBSR 43, 1975, 58), ebenso 66 % der inschriftlich bedachten servi urbani der Statilii und Volusii (diese Zahl beinhaltet die Freigelassenen) (Treggiari, (s. Anm.40), bes. 395, die zögernd äußert, Anm.10, daß, da für Frauen geöffnete Begräbnisvereine bekannt sind, ‚they should have had an equal chance of being commemorated‘). In Karthago waren 76 % der inschriftlich bezeugten Mitglieder des kaiserlichen Haushaltes männlich: P.R.C. Weaver, Familia Caesaris. A Social Study of the Emperor’ s freedmen and Slaves, Cambridge 1972, 172.
43 P. Oxy. XLIV, 3197. Keine andere römische Inventarliste von vergleichbarer Größe wurde bisher veröffentlicht. S. dazu aber das Addendum.
44 G.E.M. de Ste. Croix, The Class Struggle in the Ancient Greek World. From the Archaic Age to the Arab Conquests, Ithaca/New York 1981, 588, mit angemessener Zurückhaltung bzgl. der möglichen Bedeutung solcher Belege.
45 12,4,3: einige Fachleute meinten, daß die Nahrung vor allem Personen ohne sexuelle Kontakte vorbehalten werden sollte, d.h. Jungen oder Mädchen; 8,2,7: ein Junge oder eine alte Frau sollen die Aufsicht über das herumlaufende Geflügel haben. Das ist keine reiche Ausbeute für mehrere hundert Seiten. In 12,3,5-9 beschreibt er die Pflichten der vilica, der Frau des Gutsverwalters, und sie erscheint seltsam isoliert von den anderen Frauen.
46 Für das Konzept der Jahrgangsfertilität vgl. z.B. C. Newell, Methods and Models in Demography London 1988, 52-62; S.S. Halli/K.V. Rao, Advanced Techniques of Population Analysis, Berlin 1992, 42-45. Der Jahrgang, den wir betrachten, ist natürlich nicht ausschließlich in die Sklaverei hineingeboren.
47 A.J. Coale/P. Demeny u.a., Regional Model Life Tables and Stable Populations, New York 21983, 57, 82, 399, 449. Die Verwendbarkeit des Model West (oder South) für die antike Welt muss unter Berücksichtigung der Geschichte der Todesursachen neu untersucht werden (keine der 130 Tabellen, auf denen Model West basiert, reichen weiter zurück als 1870 (S. 12), eine Zeit, die neben anderem später liegt als Listers Entdeckung der Antiseptik; 5 der 22 Tabellen, auf denen Model South basiert, sind aus dem Italien der Jahre 1876-1910, alle anderen sind von 1900 oder später (ibid.)), aber das Problem kann hier nicht weiter verfolgt werden. Es ist z.B. unwahrscheinlich, daß viele Länder, wenn überhaupt welche, deren Statistik dazu diente, Model West zu bestimmen, ein annähernd hohes Niveau an Kindersterblichkeit durch Kindesaussetzung hatten wie die Antike. Level 3 meint übrigens, das die Tabelle eine Bevölkerung betrifft, in der e0 = 25 ist.
48 H.W. Pleket, Wirtschaft, in: W. Fischer u.a., Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Stuttgart 1990, I, 57, B.D. Shaw, Rez.: T.G. Parkin, Demography and Roman Society, in: CPh 89, 1994, 190f.
49 Unter der Annahme, daß es etwa 105 männliche Lebendgeburten auf 100 weibliche gab.
50 Vgl. R. Duncan-Jones, Structure and Scale in the Roman Economy, Cambridge 1990, l00f.
51 Wenn die Geschlechterrelation der Sklavenbevölkerung wirklich so groß wie 300 war, würde die Selbstreproduktion ein noch absurderes Niveau an Fertilität benötigt haben; aber ich bestreite nicht die Möglichkeit, daß eine solche Bevölkerung nach etwas Rückgang die Geschlechterrelation erreicht haben könnte, die im Text angegeben ist.
52 Würde man Model South anwenden, wäre ein noch größerer GRR nötig.
53 Scheidel (s. Anm.4), 159.
54 Somalia: vgl. bes. Periplous Maris Erythraei 13. Sahara: CIL VIII, 4508, mit D.J. Mattingly, Tripolitania, London 1995, 156; M. Brett/E. Fentress, The Berbers, Oxford 1996, 68f. Für Mauretanien vgl. Towards a study (s. Anm.2), 126.
55 Scheidel (s. Anm.4), 159f.
56 Die Auffassung, in römischer Zeit habe es große Bevölkerungswanderungen in Nordost-Europa gegeben, scheint, nachdem sie zwischenzeitlich verworfen wurde, wieder Fuß zu fassen; vgl. P. Heather, The Goths. The Peoples of Europe, Oxford 1996, 48-50.
57 Für eine Untersuchung dieser Belege vgl. Towards a Study (s. Anm.2), 124. Wenn Tacitus davon spricht (Germ. 19), daß die Germanen Kinder nicht aussetzten, dann mag dies daran gelegen haben, daß sie, wenn es nötig geworden wäre, einige davon als Sklaven exportierten. Sie exportieren angeblich Leute, die wegen Spielschulden versklavt worden waren (Germ. 24).
58 Es gibt keinen demographischen Grund, den langfristigen Import von 40.000 Sklaven pro Jahr in Zweifel zu ziehen. Müsste ich mich festlegen, würde ich mich jedoch für eine geringere Zahl entscheiden. Scheidel (s. Anm.4), 164 Anm. 34 scheint anzudeuten, daß die Zahl von 70.000 pro Jahr, die die Höchstzahl im Atlantischen Sklavenhandel war, bedeutet, daß 40.000 eine zu große Zahl sei. Aber die eine Zahl hat nichts mit der anderen zu tun.
59 Vgl. aber J. Crook, Law and Life of Rome, 90 B.C.-A.D. 212, Ithaca 1967, 59f.; G. Alföldy, Die Freilassung von Sklaven und die Struktur der Sklaverei in der römischen Kaiserzeit, in: RSA 2, 1972, 125 (315 im Nachdruck von 1986).
60 De ben. 4,13,3. Sie werden unter denen aufgeführt, die summam utilitatem aliis adferunt, (‚von großem Nutzen für andere sind‘). S. in: Ramin/Veyne (s. Anm.2), 472.
61 Clemens Romanus 1,55,2; Papinian in Dig. 41.3.44pr. (frequenter ignorantia liberos emimus (‚wir kaufen regelmäßig unwissend Freie‘)); Petronius Sat. 57,4; Dio Chrysostom 15,23 (?); Ulpian in Dig. 21,1,17,12; 28,3,6,5.
62 Für einen Soldaten war der Selbstverkauf – wenig überraschend – ein Kapitalverbrechen, Dig. 48,19,14 (Macer).
63 Vgl. J.-J. Aubert, Business Managers in Ancient Rome: a Social and Economic Study of Institores, 200 B.C.-A.D. 250 (Columbia Studies in the Classical Tradition 21), Leiden/New York/Köln 1994, 194.
64 Ramin/Veyne (s. Anm.2), 496 betrachten den Selbstverkauf als dritte große Quelle der Sklaverei neben Findlingen und Reproduktion.
65 Vgl. P. Garnsey, Famine and Food Supply in the Graeco-Roman World (1988); W. Harris, Poverty and Destitution in the Roman Empire, in: W. Harris, Rome’s Imperial Economy. Twelve Essays, New York 2011,27-54.
66 F. Braudel, Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts, Bd. 1: Der Alltag, München 1985 (Originalausg. 1979), 72f.
67 Vgl. Child-Exposure (s. Anm.8), l,20f.
68 Ramin/Veyne (s. Anm.2), 477.
69 Scheidel (s. Anm.4), 164.
70 In L.A. Tilly u.a., Child Abandonment in European History: a Symposium, in: Journal of Family History 17, 1992, 15. Vgl. auch W. Harris, The Theoretical Possibility of Extensive Infanticide in the Graeco-Roman world, in: CQ 32, 1982, 114-116. P. Brulé (Enquête démographique sur la famille grecque antique, in: REA 92, 1990, 233-258) hat gemutmaßt, daß mehr als 50 % der weiblichen Neugeborenen in einigen hellenistischen Städten ausgesetzt wurden.
71 Scheidel (s. Anm.4), 165 Anm.37 scheint behaupten zu wollen, daß hohe Zahlen von Aussetzung durch die Existenz von Findelhäusern begünstigt wurden, die es natürlich in der Antike nicht gab. Hohe Aussetzungszahlen sind aber in anderen Gesellschaften ohne Findelhäuser ebenso bekannt (M. Dickeman, Demographic Consequences of Infanticide in: Man, Annual Review of Ecology and Systematics 6, 1975, 130); die Grundannahme ist zudem falsch, da aussetzende Eltern zumindest eine gewisse Ahnung davon gehabt haben, daß Findelhäuser gefährlich waren – und, da sie Brutstätten für Krankheiten waren, ist es durchaus möglich, daß die traditionellen Findelhäuser zu einer höheren Sterblichkeit führten als die griechisch-römische Aussetzung.
72 H. Engelmann/D. Knibbe, Das Zollgesetz der Provinz Asia, in: Epigraphica Anatolica 14, 1989, Z. 11-12, 98f., 117-122. Vgl. nun den Band von M. Cottier u.a., The Customs Law of Asia, Oxford 2008.
73 Vgl. Towards a Study (s. Anm.2), 126-128. Ich sollte noch den Hinweis auf den Sklavenhandel im aus hadrianischer Zeit (nicht aus dem 1. Jahrhundert) stammenden Zollgesetz von Kaunos nennen (G.E. Bean, Notes and Inscriptions from Caunus, in: JHS 74, 1954, 97-105 = SEG XIV (1957), Nr. 639 = C. Marek (Hrsg.), Die Inschriften von Kaunos, München 2006, Nr. 35.
74 Vgl. die vermutlich flavische Inschrift, die P. Herrmann, Neues vom Sklavenmarkt in Sardeis, in: Arkeoloji Dergisi 4, 1996, 175-187 veröffentlicht hat (der Text wurde andernorts zitiert, z.B. SEG XLIII (1994), S. 311. Vgl. SEG XLV (1996), Nr. 1524.
75 Das Thema der charakteristischen Architektur griechisch-römischer Sklavenmärkte wurde oft diskutiert. Vgl. W. Harris, Towards a Study of the Roman Slave Trade, in: W. Harris, Rome’s Imperial Economy. Twelve Essays, New York 2011, 57-87, hier 87.
76 Über den Sklavenhandel gibt es an anderer Stelle in Anbetracht von Untersuchungen wie der von F. Coarelli, „Magistri capitolini“ e mercanti di schiavi nella Roma repubblicana, in: Index 15, 1987, 175-190 mehr zu sagen.
77 Towards a Study (s. Anm.2), 121. Für eine detaillierte, aber ergebnislose Untersuchung über die Bezahlung der vigiles vgl. R. Sablayrolles, Libertinus miles. Les cohortes de vigiles, Rom 1996, 333-342.
78 Scheidel (s. Anm.4), 156.
79 W. Harris, Rez.: J. Riddle, Contraception and Abortion from Antiquity to the Renaissance, und Rez.: T.G. Parkin, Demography and Roman Society, beide in: New York Review of Books (18. September 1993), 52-54. Vgl. auf der anderen Seite B.W. Frier, Natural Fertility and Family Limitation in Roman Marriage, in: CPh 89, 1994, 318-333; W. Scheidel, Demography, in: W. Scheidel, I. Morris and R. Saller (Hrsg.), The Cambridge Economic History of the Greco-Roman World, Cambridge 2007, 38-86, bes. 67.
80 C. Meillassoux, The Antropology of Slavery: The Womb of Iron and Gold, übers. v.A. Dasnois, Chicago 1991, 78-84.
81 Lo Cascio (s. Anm.∗), 61 Fn. 27.
82 Harris (s. Anm.2), 122.
83 Harris (s. Anm.2), 135 Fn. 34.
84 W. Scheidel, Reflections in the Differential Valuation of Slaves in Diocletian’s Price Edict and in the United States, in: MBAH 15,1, 1996, 67-79.
85 E. Geroussi-Bendermacher, Propriété foncière et inventaire d’esclaves: un texte inédit de Perissa (Thera) tardo-antique, in: V.I. Anastasiadis und P.N. Doukellis (Hrsg.), Esclavage antique et discriminations socioculturelles, Bern 2005, 335-358.