Keith R. Bradley: Widerstand gegen Sklaverei in Rom, aus: E. Herrmann-Otto
(Hrsg.), Sklaverei und Zwangsarbeit zwischen Akzeptanz und
Widerstand (Sklaverei, Knechtschaft, Zwangsarbeit 8), 355-386,
Hildesheim © 2011 Georg Olms Verlag

Keith R. Bradley

Widerstand gegen Sklaverei in Rom

Unter der Chiffre ‚Widerstand gegen die Sklaverei‘ werden von Historikern gemeinhin Trotz- und Protestaktionen von Sklaven verstanden, welche die grundsätzliche Annahme in Frage stellten, – und dies nicht nur in Rom, sondern in allen Sklavenhaltergesellschaften – daß Sklavenhalter dazu berechtigt seien, von ihnen – den Sklaven – Dienste, vor allem Arbeitsdienste, zu verlangen. Diese Handlungen werden oft der sog. accommodation gegenübergestellt; ein Begriff, der für von Sklaven gezeigte Verhaltensmuster steht, die auf eine gewisse Akzeptanz von Sklaverei, einer Art persönliches Arrangement mit ihrem Los, hindeuten. Zuweilen wird auch ein unterschwellig subversives Verhalten der Sklaven gegenüber ihren Herren unter accommodation subsumiert: Auf den ersten Blick harmlose, unauffällige Widerstandsmodi, die zwar weniger spektakulär – und gefährlich – waren, als der öffentliche Widerstand, die aber dennoch der gleichen Grundmotivation, der gleichen grundsätzlichen Ablehnung von Sklaverei entsprachen. […]

Die offensichtlichste Form des Widerstandes gegen Sklaverei in dem Zeitraum von knapp 450 Jahren zwischen der Zeit des älteren Cato und der Severerdynastie waren die Sklavenaufstände, von denen der Spartakusaufstand von 73 v. Chr. nur der berühmteste – oder berüchtigtste – ist. Spartakus und eine kleine Schar von Anhängern brachen aus einer Gladiatorenschule in der Nähe von Capua aus und sammelten eine große Zahl mittelitalischer Landsklaven um sich. In kurzer Zeit wurde aus einer kleinen Rebellion ein größerer Krieg gegen Rom, an dem sich Zehntausende Sklaven beteiligten. So zumindest sehen unsere Hauptquellen, welche die Erhebung beschreiben, die Dinge. Paramilitärisch ausgerichtet und organisiert konnte sich die Sklavenarmee innerhalb von zwei Jahren halten und besiegte mehrere Truppenabteilungen, die von Rom gegen sie ausgesendet wurden. Ihre Schlachtenerfolge waren so groß, daß sie sogar die Stadt Rom zu bedrohen schienen. Als jedoch mit M. Licinius Crassus der Konsul des Jahres 72 v. Chr. mit der Führung des Sklavenkrieges beauftragt wurde, wendete sich das Kriegsglück gegen die Sklaven. Mit starken Truppenverbänden konnte Crassus den Widerstand der Aufständischen systematisch brechen und sie schließlich in Süditalien in offener Feldschlacht besiegen. Spartakus selbst starb auf dem Schlachtfeld; von dessen Anhängern ließ Crassus 6000 entlang der Via Appia zwischen Capua und Rom kreuzigen.

Die Ziele des Spartakus liegen weitgehend im Dunkeln. Durch Howard Fasts Roman aus dem Jahre 1951 und dessen Verfilmung durch Stanley Kubrick hat sich die Vorstellung eingebürgert, Spartakus habe für eine Abschaffung der Sklaverei und eine utopische, klassenlose Gesellschaft gekämpft, in der sich der Gleichheitsgedanke sogar auf die Gleichstellung von Mann und Frau erstrecken sollte. Diese Vorstellung wird von den Quellen nicht gestützt. Die Befreiung aus der brutalen Unterdrückung seiner Herren in der Gladiatorenschule war das vorrangige Ziel Spartakus‘ und es ist nur wahrscheinlich, daß seine langfristigen Ziele auf den Erhalt der neugewonnenen Freiheit für so viele seiner Anhänger wie möglich beschränkt waren. Die Macht des Willens zur Freiheit sollte niemals unterschätzt werden. Daß Spartakus sein Ziel erreichen würde, wurde unglücklicherweise durch die Ausmaße seines Aufstandes immer unwahrscheinlicher, der in dieser Form aller Wahrscheinlichkeit nach nicht vorgesehen und schon gar nicht geplant war. Die labilen politischen Grundbedingungen des ersten vorchristlichen Jahrhunderts waren einer raschen Ausbreitung des Aufstandes wahrscheinlich dienlich, doch konnte Spartakus letztlich zu keinem Zeitpunkt eine vollständige Kontrolle über die erstaunlich große Zahl der Aufständischen ausüben. Eine einheitliche Zielsetzung und Strategie hat das Rebellenheer wohl nie besessen.

Der Spartakusaufstand war jedoch nicht der erste große Sklavenkrieg, mit dem Rom fertigwerden musste. Ähnliche Aufstände hatten sich in der letzten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts auf Sizilien ereignet. In diese beiden sizilischen Sklavenkriege waren riesige Zahlen von Sklaven involviert und forderten eine grundlegende militärische Antwort der Römer. Auch hier gibt es jedoch sehr wenige Hinweise auf eine organisierte Erhebung oder eine gut koordinierte Kriegsführung von Seiten der Sklaven: Die zwei Aufstände begannen als lokale Erhebungen, die sich fast spontan zu größeren Bewegungen entwickelten. Beide Male waren die aufständischen Sklaven in der Lage, eine militärisch wirksame Streitmacht zu bilden. Indem sie ähnliche Methoden und Strategien übernahmen, wie sie Jahrhunderte später die Maroons anwenden sollten, konnten sie sich für mehrere Jahre gegen die unvermeidliche, römische Intervention verteidigen. Ihre Hauptstützpunkte in den Bergen Siziliens, Enna und Tauromenium, waren für diese Art der Kriegsführung gut geeignet (wie dies auch, in einem anderen Kontext, die Pyrenäen waren1 doch in beiden Fällen war ein letztendlicher Sieg der römischen Militärmacht unausweichlich. Die großen Unterschiede in der Sklavenbevölkerung, die Überzahl an Sklaven der ersten Generation und die rauen Lebensumstände, die eine Folge der mit großer Intensität betriebenen Ausbeutung des Agrarsektors waren, trugen zum großen Ausmaß der Aufstände bei. Sowohl beim Spartakusaufstand wie auch hier bestand das Ziel der Aufständischen, soweit sich das feststellen lässt, vorrangig in der eigenen Befreiung aus der Sklaverei – nicht in einem fundamentalen Wandel der sozialen und ökonomischen Strukturen. Wie in Italien gab es auch auf Sizilien keine Rufe nach einer Abschaffung der Sklaverei als solcher.

In der römischen Geschichte haben sich noch weitere Aufstände und Erhebungen zugetragen, wenn auch in einem deutlich kleineren Maßstab. Die Ermordung des Caesarmörders L. Minucius Basilus (Praetor 45 v. Chr.), von der Appian berichtet, ist ein Beispiel;2 der von Plinius dem Jüngeren erwähnte Mord am Praetorier Larcius Macedo im Jahre 108 n. Chr. ist ein weiteres.3 In beiden Fällen handelte es sich um Angriffe auf Sklavenhalter, die ungewöhnlich grausam gewesen sein sollen. Die Rache an solchen Sklavenhaltern wurde allgemein als besonders häufiges Motiv für Angriffe von Sklaven auf ihre Herren angenommen, selbst wenn diese dabei das Risiko eingingen, als Konsequenz aus ihrer Tat hingerichtet zu werden (z.B. durch Kreuzigung4). Wahrscheinlich hat es viele solcher Fälle gegeben – zumindest legt das senatus consultum Silanianum, das unter Augustus erlassen und von Nero und mehreren Kaisern modifiziert wurde, dies nahe. Dieser Senatsbeschluss legte die Regeln für die strafrechtliche Verfolgung von Sklaven fest, die verdächtigt wurden, ihren Herrn umgebracht zu haben. Beim Tod des Besitzers konnten alle Sklaven seines Haushaltes – mit nur wenigen Ausnahmen – gefoltert werden, bis der Schuldige gefunden war. In der Zwischenzeit blieb das Testament des Verstorbenen versiegelt, so daß keiner der Sklaven von eventuellen testamentarischen Vergünstigungen profitieren konnte. Falls das Testament die Freilassung von Sklaven anordnete, konnten diese dennoch der Folter unterzogen und angemessen bestraft werden. Selbst diejenigen Sklaven, die der Witwe gehörten, konnten befragt werden. Die grausame Strenge dieser Regeln ist bemerkenswert: Wahrscheinlich sollte der Senatsbeschluss auch auf abschreckende Wirkung hinzielen. So bemerkenswert die festgeschriebenen Regeln auch waren, in der Summe sind sie ein Hinweis darauf, daß Angriffe von Sklaven auf ihre Herren häufig genug vorgekommen sein müssen, um eine solche Antwort darauf hervorzurufen. Sklavenhalter, so scheint es, mussten sich vor ihren eigenen Sklaven fürchten und waren stets auf der Hut vor möglichen Aufständen. Seneca erwähnt einen Vorschlag, der im Senat eingebracht wurde und vorsah, Sklaven durch einen speziellen Kleiderzwang auf den ersten Blick kenntlich zu machen – Sklaverei wurde im alten Rom natürlich nicht mit Hautfarbe in Verbindung gebracht. Die Idee wurde aufgegeben, als dann auffiel, daß eine solche Kleiderordnung nur dazu dienen konnte, den Sklaven ihre eigene Überzahl ins Bewusstsein zu rufen.5 Die Anekdote deutet auf eine permanente Feindschaft zwischen Sklaven und Sklavenhaltern hin,6 die sich auch in der häufigen Gleichstellung von Sklaven und Feinden zeigt7 und ein konstantes Bewusstsein über das Gewaltpotential der Sklavenbevölkerung voraussetzt. […]

Was die Geschichte der modernen Sklavenhaltergesellschaften der Neuen Welt zeigt, ist, daß es andere Wege gab, Widerstand gegen die Sklaverei auszuüben, als gewalttätige Aufstände: Sklaven konnten flüchten, den Besitz ihres Herren sabotieren oder diesen hintergehen. Diese Verhaltensmuster finden sich auch in den römischen Quellen.

Wie häufig Sklaven zum Beispiel die Flucht wagten, und welche Bedeutung dieser Handlung beigemessen wurde, zeigt sich in einer Stelle der Digesten, die den Titel De fugitivis trägt, wobei fugitivi der in Rom übliche, pejorativ konnotierte Begriff für entflohene Sklaven war.8 Es handelt sich hier nur um einen kurzen Auszug aus der römischen Gesetzgebung, die sich intensiv mit der Frage entflohener Sklaven befasste, aber als Beispiel reicht es aus, um zu verdeutlichen, unter welchen Bedingungen Sklaven die Flucht ergriffen. […]

Das Gesetz kann als solches nicht dazu dienen, Fluchtversuche zu quantifizieren; seine bloße Existenz weist auf die Bedeutung hin, die den Fluchtversuchen beigemessen wurde. Die einzelnen Paragraphen des Gesetzes lassen darauf schließen, daß (flüchtige) Sklaven in allen Regionen der römischen Welt zu erwarten waren und daß sie auf das Mitgefühl und – unter Umständen – auf die Unterstützung Dritter hoffen konnten. Die Einstellungen zur Sklaverei müssen innerhalb der römischen Gesellschaft vielfältig und unterschiedlich gewesen sein. Gleichzeitig bekräftigt das Gesetz jedoch, daß alle Bürger dazu verpflichtet waren – und es von ihnen erwartet wurde – bei der Festnahme und Rückgabe flüchtiger Sklaven zu assistieren, selbst wenn es, wie Columella sagt, ein großes Ärgernis war, Fremde über das eigene Grundstück reisen zu lassen.9

Aus der Perspektive der Sklaven gesehen verdeutlicht das Gesetz auch, wie wenig erfolgversprechend ein Fluchtversuch scheinen musste. […]

Es bleibt die Frage, ob die überlieferte römische Gesetzgebung nun historische Wirklichkeiten reflektiert. Eine Bestimmung besagt, daß ein auf der Flucht geborenes Sklavenkind nicht als entflohener Sklave zu sehen sei,10 eine andere, daß ein entflohener Sklave selbst dann noch unter der potestas seines Besitzers steht, wenn er sich freiwillig zum Kampf in der Arena meldete,11 weil er unter Umständen Geld von seinem Herrn unterschlagen, gestohlen oder ein anderes Vergehen gegenüber diesem begangen haben könnte. Beide zeigen, welches Interesse am Detail römischen Juristen eigen war. Ein einzelner Fall einer flüchtigen Sklavin, die während ihrer Flucht ein Kind gebar, mag ausgereicht haben, um eine solche gesetzliche Bestimmung nötig erscheinen zu lassen, ebenso wie ein einzelner Sklave, der lieber in der Arena kämpfen mochte, als wieder zu seinem Herrn zurückzukehren. Es ist aber genauso möglich, daß es keine solchen Fälle gegeben hat und daß die entsprechenden Bestimmungen nur auf die Detailversessenheit übereifriger Juristen zurückzuführen sind. Die Tatsache, daß der Gesetzgeber Fluchtversuche von Sklaven als häufig auftretendes Problem ansah, das gelegentlich zu bizarr anmutenden Einzelfällen führen mochte, ist hier wichtiger, als diese Einzelbestimmung selbst. Ferner muss diesen Bestimmungen zumindest eine grundlegende Plausibilität zugrunde gelegen haben, auch wenn konkrete Beispiele selten waren. […]

Das Quellenmaterial aus römischer Zeit ist, was Fluchtversuche betrifft, vielfältig: Neben Bestimmungen in Rechtskodifizierungen gibt es eine Unmenge von Hinweisen und Andeutungen in der lateinischen Literatur und selbst individuelle Flüchtlinge sind auf Papyri bewahrt, die den Belohnungsanzeigen in den Zeitungen und Zeitschriften des 19. Jhs. ähneln. Es gibt allerdings nichts, was sich mit den Sklavenmemoiren z.B. des Henry Brown vergleichen ließe, so daß diese Wissensdimension den Althistorikern verschlossen bleibt. Die Motive hinter den Fluchtversuchen dürften sich freilich nur wenig von denen unterschieden haben, die in modernen Sklavenhaltergesellschaften vorkamen. Römische Sklaven waren, ebenso wie Sklaven in der Neuzeit, physisch und psychisch unterworfen und ebenso von Familientrennung und Verkauf bedroht wie Henry Brown und seine Frau. Fronto berichtet von einem Sklaven, der sagte, er müsse für seinen Herrn zwar 60 Meilen laufen, würde aber für seine Freiheit auch 100 Meilen laufen.12 Die Bereitwilligkeit römischer Sklaven zur Flucht, so die Moral dieser Geschichte, war nicht zu unterschätzen. […]

Römische Sklaven mögen eine bessere Chance gehabt haben, sich erfolgreich als Freie auszugeben und flüchtige Sklaven mögen Gemeinschaften gegründet haben, die denen der Maroons nicht unähnlich waren: Zumindest lässt die Karriere des griechischen Sklaven Drimakos, der eine solche Gemeinde auf der Insel Chios gründete, darauf schließen.13 Plinius der Ältere erwähnt eine ganze Stadt – Adulis, an der Westküste des Roten Meers gelegen – die von flüchtigen Sklaven aus Ägypten gegründet und bewohnt wurde.14 Aber das Fehlen eines spezifischen geographischen Rückzugraumes, an dem sich entflohene Sklaven ihrer Freiheit sicher sein konnten, ebenso wie eine mangelnde intellektuelle oder moralische Auseinandersetzung mit dem System der Sklaverei führten dazu, daß es für flüchtige Sklaven nur wenig Hoffnung gab, auf Dauer frei leben zu können. Die Freiheit, die sich ein Sklave durch seine Flucht erkämpft hatte, war immer prekär, war nie legitim.15 Berücksichtigt man die Tatsache, daß Flucht zwar die am weitesten verbreitete, gleichzeitig aber gefährlichste Form des Widerstandes der Sklaven gegen die Sklaverei war, so bleibt nur, die vielen Versuche flüchtiger Sklaven, ihre Freiheit auf diesem Wege wiederzugewinnen, als lebhaften Ausdruck der unerträglichen Härte des Systems anzusehen, dem sie entfliehen wollten. […]

Es gab im römischen Sklavensystem eine vergleichbare, alltägliche Widerstandsbewegung. Sie ist in einer höchst tendenziösen Form aus Sicht der Sklavenhalter dokumentiert, deren Klagen in der Antike wohl kaum weniger laut gewesen sein dürften als in der Neuzeit: Sklaven seien faul und aufrührerisch, Diebe und Langfinger, Brandstifter, Hinterzieher, Betrüger und Arbeitsschwänzer. Man denke nur an die bereits erwähnte Verfügung, daß Sklaven, die sich als Gladiatoren verdingten, unter Generalverdacht standen, bei ihren Herren Gelder veruntreut oder gestohlen zu haben.16 Bemerkenswert sind auch die von Columella mit einiger Schärfe vorgetragenen Beispiele von plündernden, sabotierenden, unzuverlässigen und vertrauensunwürdigen Landsklaven.17 Die Nachlässigkeit des vilicus war schon sprichwörtlich.18 Weiterhin gibt es noch die Beschwerde Senecas, daß liederliche Sklaven ihren Herren oft Grund zum Zorne seien;19 Plinius der Ältere hält den von Sklaven begangenen Diebstahl an Essen und Wein gar für Räuberei.20 Plutarch erwähnt die Geschichte eines Sklaven, der von seines Herrn Wein stahl und Martial bezeichnet seinen poetischen Sklaven Zoilus als fur und fugitivus. 21 Selbst Galen beschwert sich, daß Hausdiener die von ihm geschriebenen Bücher stehlen würden!22 Jeder Sklave war, so scheint es, ein Dieb, verantwortlich, wie Apuleius sagt, für furta parva atque servilia.23

Eine solche Litanei der Verfehlungen von Sklaven muss eine faktische Basis haben: Viele Sklaven werden wohl im Laufe der Zeit ihre Herren betrogen und bestohlen haben und konnten unter Umständen für großen Schaden auf deren Gütern verantwortlich gewesen sein. Dies war aber nicht die Folge von Verantwortungslosigkeit oder Fahrlässigkeit. Die Ähnlichkeiten zwischen den von den antiken Sklavenhaltern beschriebenen Handlungen römischer Sklaven und denen, die in den Sklavenhaltergesellschaften der Neuzeit begangen wurden, sind frappierend genug, daß man davon ausgehen kann, daß beide von einem beinahe täglichen Widerstand gegen die Sklaverei zeugen: kleiner Widerstand in großem Maßstab. Diese Handlungen waren ein endemisches Charakteristikum der römischen Form der Sklaverei, die für den Sklaven selbst relativ ungefährlich war, zugleich aber Ventile öffnete, die es den Sklaven erlaubten, ihre Frustration, ihren Zorn und ihren Wunsch nach Rache zu artikulieren. […]

Es gibt leider keine direkten Zeugnisse von den inneren Prozessen, die zur Arbeitsverweigerung von Sklaven führten, aber es gibt Hinweise. So stellt zum Beispiel Seneca die rhetorische Frage: „Was für ein Recht habe ich, meinen Sklaven mit Schlägen oder Ketten für eine zu laute Antwort, einen zu aufmüpfigen Blick, ein Murmeln, das ich nicht ganz verstanden habe, zu züchtigen?“24 Auf den ersten Blick mag diese Aufforderung, nicht ungerecht und unverhältnismäßig zu strafen, lobenswert sein: In der Tat handelt es sich um das konstante Streben eines Mannes, sich durch Selbstdisziplin selbst zu verbessern. Aber wie muss sich die Lage für einen Sklaven (und Seneca war Sklavenhalter) gestalten: Wie konnte er abwägen, wenn er einen Dienst verrichtete, den er ohnehin nicht verweigern konnte, ob Tonfall oder Gesichtsausdruck nun angemessen, unterwürfig oder aufmüpfig waren und seinen Herrn in Zorn versetzen würden? In jeder Situation musste der Sklave die Reaktion seines Herrn auf echte und vermeintliche Beleidigungen einkalkulieren – und ein Irrtum konnte schlimme Folgen haben. Seneca schneidet das Thema zumindest an – aber eine Analyse der gegenseitigen Beziehungen aus Sicht des Sklaven zu betreiben, interessierte ihn nicht.

Wer die römische Sklaverei verstehen will, muss anerkennen, daß Sklaven zu jeder Zeit mit einer ungerechtfertigten Reaktion ihrer Herren auf die normalsten Formen zwischenmenschlichen Umgangs zu rechnen hatten. Es wird schwerlich geholfen haben, die Wehklagen der Sklavenhalter zu hören, die Martial in einem wunderbar zynischem Gedicht wiedergibt: Daß nämlich die Verpflichtungen, die sich aus Wohlstand und sozialem Prestige ergaben, das Leben der Sklavenhalter viel beschwerlicher machten, als das der Sklaven.25 Von Sklaven wurde nur erwartet, daß sie sich ihrer Position bewusst waren; das schloss auch Beschränkungen in ihren Umgangsformen mit ein. Alles, was auch nur annähernd nach aufmüpfiger Freimütigkeit klang, musste unterdrückt werden. […]

Die ultimative Form des Widerstandes war Selbstmord, die endgültige Entziehung der Macht und des Besitzes des Sklavenhalters. Der Suizid ist für Sklaven aller Epochen und Regionen hinreichend belegt. […]

In diesem Kontext muss auch der Aufschrei Senecas gesehen werden: „Wie viele Sklaven hat schon der Zorn ihres Herren zur Flucht getrieben, wie viele in den Tod!“26 Es handelt sich hier nicht nur um eine rhetorische Verdichtung, sondern um eine akkurate Wiedergabe der Realität, die von einer erstaunlichen Sensibilität Senecas zeugt. Es zeigt die Extreme, zu denen Sklaven zuweilen durch ihren Status getrieben wurden (römische Juristen reden etwa zuweilen davon, daß sich Sklaven von Klippen stürzen). Laut Seneca war Selbstmord das letzte Mittel, dem Jähzorn des Sklavenbesitzers zu entgehen, oder um die erneute Gefangennahme nach der Flucht zu verhindern: Suizid löste die Ketten des Sklaven und befreite ihn gegen den Willen seines Herrn.27

Vor allem Kriegsgefangene scheinen in der römischen Welt (wenn auch missmutig) oft den Freitod der Versklavung vorgezogen zu haben. Augustin hält den Überlebenswillen des Menschen für ein fundamentales Charakteristikum und erklärt so, warum die Unterwerfung unter den Willen des Feindes dem Freitod vorgezogen werden soll.28 Bei Cassius Dio finden wir jedoch folgende Episode unter Caracalla:29 Eine Gruppe gefangener germanischer Frauen wandte sich an den Kaiser und erklärte ihm, sie würden allesamt eher sterben, als ein Leben in Knechtschaft zu führen. Als Caracalla sie dann dennoch in die Sklaverei verkaufte, kam es zu einem Massensuizid – einige der Frauen töteten selbst ihre eigenen Kinder (vgl. die eindringliche Erklärung einer gefangenen Sitka-Frau des 19. Jhs., daß man ebenso gut sterben als versklavt werden könnte und die bei Plutarch überlieferte Bemerkung einer Spartanerin30). Dieser Bericht findet genügend Parallelen in anderen Kriegsberichten, um der Idee, Kriegsgefangene hätten Selbstmord als echte Alternative zur Sklaverei angesehen, Glaubwürdigkeit zu verleihen. Szenen aus dem Relief der Trajanssäule, in denen sich dakische Gefangene selbst töten, deuten auf das gleiche Phänomen hin: Bildhauer – oder ihr Auftraggeber – wussten, was ein römisches Publikum glaubhaft fand.

Die römische Sklaverei war eine komplexe Institution. Die Sklavenbevölkerung war heterogen, ebenso wie die von ihren Mitgliedern geleisteten Dienste und Arbeiten. Das Spektrum an Lebensverhältnissen der Sklaven war enorm. Auf der einen Seite waren jene kaiserlichen Sklaven zur Zeit des Prinzipats, die zu Wohlstand und Einfluss gelangen konnten – und dies besser als der Großteil der freien Bevölkerung. Schon Galen beschrieb die paradoxe Situation, daß ein Sklave wesentlich reicher sein konnte als ein geachteter Freigeborener.31 Am anderen Ende der Skala fanden sich die Sklaven wieder, die schwerste körperliche Arbeit in der Landwirtschaft oder im Bergbau verrichten mussten, und deren Lebensbedingungen nach allen Maßstäben miserabel waren, ihre eigene Lebenserwartung dementsprechend kurz. Zwischen diesen beiden Extremen hing die konkrete Situation eines Sklaven von vielerlei ab: Lebte er auf dem Land oder in der Stadt? Welche Position nahm er im hierarchisch strukturierten Haushalt ein? Verrichtete er Arbeit, die eine gewisse Ausbildung erforderte? Wie nahe stand er seinem Herrn? Auch Geschlecht, Alter und Reputation des Sklaven konnten ausschlaggebend, die Resultate bisweilen bizarr sein: Drusillanus Rotundus, ein Sklave in der kaiserlichen Verwaltung Spaniens unter Claudius, war noch lange nach seinem Tod für sein vortreffliches Silbergeschirr bekannt.32 In Begräbniskollegien wie dem der Diana und des Antinous in Lanuvium33 speisten Sklaven und Freie (und Freigelassene) Seite an Seite, ohne daß zwischen ihnen ein Unterschied gemacht worden wäre. Es gab selbst eine Regel, die spezielle Feierlichkeiten bei der Freilassung eines Mitgliedes vorsah: Der ehemalige Sklave musste eine Amphore guten Weines stellen. Mit der Zeit gelangten viele Freigelassene zu Wohlstand und Ansehen, ohne offensichtlichen Schaden aus ihrer Zeit als Sklaven genommen zu haben, und integrierten sich schnell und mühelos als römische Bürger in die römische Gesellschaft – viele von ihnen wurden selbst Sklavenhalter. Der Freigelassene C. Furius Chresimus war, laut Plinius ein besonders erfolgreicher Farmer und für die Sorge und gute Behandlung bekannt, die er seinen Sklaven angedeihen ließ.34 Daß Freigelassene selbst zu Sklavenhaltern wurden, zeigt am offensichtlichsten, wie zentral die Institution Sklaverei in der römischen Gesellschaft verankert war und wie wenig Widerstand ihr selbst von denen entgegengebracht wurde, die unter ihr gelitten hatten.

Die Konzentration alleine auf den Widerstand, den Sklaven bisweilen im Alltag ihren Herren und ihrer Situation entgegengebracht haben mögen, ist daher irreführend. Die Komplexität des römischen Phänomens der Sklaverei wird damit nicht fassbar und die historische Realität als bloßes Schema dargestellt. Die Sklaven Roms können nicht als eine einheitliche, homogene Klasse gefasst werden, die tagein, tagaus mit kleinen Widerstandshandlungen beschäftigt war – diese Vorstellung wäre zu vereinfachend. Zu jedem Zeitpunkt gab es ungezählte Sklaven, die ihren Herren klaglos gehorchten, oder die zumindest, durch die großzügige Gewährung von munera und die erbarmungslose Anwendung von poenae, zum stillen Gehorsam gebracht wurden. Unterordnung und Zwang waren zwei Seiten der gleichen Medaille. Es gibt meines Erachtens jedoch genügend Belege für eine weitverbreitete Typologie des Widerstandes im Beziehungsgeflecht zwischen Herren und Sklaven. Belohnungen, Bestrafungen, passiver und aktiver Widerstand gingen Hand in Hand und die Skala der rebellischen Handlungen reichte von der ausgewachsenen Revolte eines Spartakus bis hin zum absichtlichen Trödeln während der Arbeit und der allgemein schlechten Arbeitsmoral, über die sich Sklavenhalter im Lauf der Geschichte so oft beschwert haben. Ob sich daraus nun eine exklusiv den Sklaven vorbehaltene Subkultur entwickelt hat, wie sie für die Sklavengesellschaften der Neuen Welt bekannt ist, kann man nicht eindeutig bestimmen. Es dürfte zumindest unter den Mitgliedern eines großen städtischen Haushaltes oder einer umfangreichen ländlichen familia nicht unmöglich gewesen sein. Rasse wird dabei wohl keine Rolle gespielt haben, doch bleibt der kryptische Hinweis bei Phaedrus, daß den Sklaven eine eigene, geheime Kommunikationsmethode eigen war, die auf einer grundlegenden und zeitlosen Verbindung und Gleichheit untereinander basierte, unabhängig von den spezifischen Unterschieden in Status und Situation.35

Haben sich die Widerstandsmuster im Laufe der Zeit verändert? Der große Aufstand unter Spartakus war der letzte seiner Art, was darauf schließen lässt, daß die drei großen Sklavenkriege der Späten Republik abnormale Erscheinungen waren und daß die Vorstellung eines organisierten und geplanten Aufstandes in solchem Maßstab von den Sklaven selbst als am wenigsten erfolgversprechend erkannt wurde. Natürlich gab es immer wieder spontane, gewalttätige Auflehnungen, die durch konkrete und unmittelbare Provokationen und Zumutungen ausgelöst wurden und spezifische Zwischenfälle haben immer wieder die Aufmerksamkeit der Historiker und Sozialkommentatoren in Anspruch genommen. Sei es nun verbal oder physisch: Der Sklave konnte zu jeder Zeit die Hand gegen seinen Herrn erheben.36 Es musste auch zu jedem Zeitpunkt mit dem Suizid eines Sklaven gerechnet werden. Vielleicht war dieses letzte Aufbäumen verbreiteter als vermutet: Genaue Zahlen gibt es nicht. Fluchtversuche waren jedoch scheinbar zu allen Zeiten häufig und werden von den Quellen auch so dargestellt.

Man könnte vermuten, daß solche Fluchtversuche während der Mittleren und Späten Republik häufiger waren als während dem Prinzipat, da sich ja die Sklavenbestände der Republik größtenteils aus Kriegsgefangenen der zahlreichen großen Kriege dieser Epoche rekrutierten und ein Fluchtversuch bei neuversklavten ehemaligen Kriegern wahrscheinlicher war als bei jenen, die in die Sklaverei hineingeboren wurden, wie das im Prinzipat vermehrt der Fall war – gerade bei fremden Sklaven war die Wahrscheinlichkeit groß, daß sie versuchen würden, in diejenigen Gebiete des Mittelmeerbeckens zurückzugelangen, aus denen sie herausgerissen worden waren. Die speziellen politischen Umstände gerade der Späten Republik mögen diese Tendenz noch verstärkt haben. Es ist jedoch im höchsten Grade anzuzweifeln, daß sich die stete Ergänzung des Sklavenbestandes nur auf diese zwei Methoden – den ‚Import‘ auf der einen, die natürliche Fortpflanzung auf der anderen Seite – reduzieren lässt. Außerdem gibt es gerade für die Kaiserzeit eine große Masse an Belegen für Fluchtversuche. Flucht sollte vielmehr als eine kontinuierliche, weit verbreitete Form des Widerstandes gegen die Sklaverei angesehen werden, die nur unter Umständen durch aktuelle politische Krisen größere Ausmaße annehmen konnte, wie es zum Beispiel Dionysius von Halikarnassos vermutet.37 Das gleiche gilt auch für die alltäglichen Formen des Widerstandes: Sie sind schon seit den Komödien des Plautus belegt und ziehen sich durch die literarischen und juristischen Quellen der gesamten römischen Zeit: Bei Martial findet sich der von Plautus beschriebene servus calllidus als fallax ancilla wieder,38 bei Ulpian als servus onerosus.39

Um es nochmals zu betonen: Alltäglicher Widerstand erfolgte tagtäglich. Hatten diese Formen des Widerstandes auch wirtschaftliche Folgen? Im Afrika des 18. Jhs. führte der erbitterte Widerstand gegen die Sklaverei an den neuralgischen Sklavenhandelsstätten dazu, daß die Zahl der neuversklavten Afrikaner um fast eine halbe Million zurückging und die Kosten, die mit der ‚Rekrutierung‘ neuer Sklaven verbunden waren, beträchtlich anstiegen. Die Folgen des Widerstandes römischer Sklaven können nicht in gleicher Weise belegt oder gemessen werden, doch wird selbst nach nur kursorischer Betrachtung der Situation deutlich, daß der alltägliche Widerstand und Arbeitsentzug nicht ohne Folgen geblieben sein kann. Römische Sklavenhalter waren sich der Kosten stets bewusst, die ihre Sklaven ihnen verursachten und betrachteten deren Besitz stets als Investition. Daß diese Investitionen nicht immer Gewinne abwarfen, zeigt sich an den tendenziösen Beschwerden, die immer wieder seitens der Sklavenhalter laut werden: Sklaven mussten gekleidet und ernährt werden,40 sie mussten geführt und kontrolliert werden41 und waren als Arbeitskräfte ineffizient.42 Es ist allerdings schwer vorstellbar, daß die Sklaverei in Rom so lange Bestand gehabt hätte, wenn sie wirklich unprofitabel gewesen wäre; wenn also die Sklavenhalter nicht genügend Gewinne hätten erwirtschaften können, um ihre Ausgaben zu decken. Das soziale Kapital, über das die Besitzer großer Sklavenhaushalte verfügten, ist ohnehin unkalkulierbar. Die immer wiederkehrenden Beschwerden illustrieren jedoch die anfallenden Ausgaben, die der Sklavenbesitz mit sich brachte: Im schlimmsten Fall konnten Sklaven sterben, was selbst Martial als Katastrophe anerkannte.43

Da die kleineren Widerstandsakte gegen ihre Herren unter römischen Sklaven geradezu endemisch waren, mussten Sklavenbesitzer immer mit einem gewissen finanziellen Schaden rechnen, unabhängig davon, ob die Sklaven nun willentlich Schaden am Besitz des Herren anrichteten (aus Wut, Hass, Rachsucht oder einfacher Engherzigkeit), oder sich ihr eigenes Leben durch gestohlene Essensrationen und Kleider erträglicher machten. Für die Sklaven selbst musste es bisweilen schwierig gewesen sein, die beiden Aspekte voneinander zu trennen. Unternahm ein Sklave einen Fluchtversuch, konnten die Ausgaben sehr schnell in die Höhe schnellen: Sklavenfänger mussten angeheuert und bezahlt werden und die Sklaven selbst erwirtschafteten während ihrer Flucht selbstverständlich keinen Gewinn. Falls der flüchtige Sklave nicht wieder gefangen werden konnte, war die Investition des Herrn verloren – das gilt besonders auch dann, wenn der Sklave Selbstmord beging. Die möglichen Kosten von Schäden, die der Flüchtige am Besitz Dritter angerichtet haben mochte, mussten ebenso mit eingerechnet werden. Verschiedene Formen der Arbeitsverweigerung seitens der Sklaven müssen die Kosten für die Landwirtschaft in die Höhe getrieben haben. Wenn Sklaven gar eine Villa in den Vororten in Brand setzten, wie dies im Fall des M. Aemilius Scaurus (Praetor 56 v. Chr.) geschah,44 mussten die entstehenden Kosten selbst reiche Senatoren wie Scaurus empfindlich getroffen haben. Die betrügerischen Aktivitäten, die tendenziöse Quellen Sklaven immer wieder zuschreiben – das Stehlen des Getreides aus der Tenne, das Fälschen von Finanzbüchern, vorgetäuschte Krankheiten – haben in den Finanzen des Sklavenhalters konstant Spuren hinterlassen.

Von einer modernen Perspektive aus gesehen, könnte jede Handlung, die die Autorität des Sklavenhalters in Frage stellt, als grundsätzliche Ablehnung der Sklaverei interpretiert werden. Soweit bekannt, waren solche Widerstände immer gegen die Versklavung einzelner, spezifischer Gruppen oder Individuen gerichtet und weniger gegen die Sklaverei als solche. Der Widerstand zielte meist darauf hin, die Bedingungen der Sklaverei zu lockern und etwas erträglicher zu machen oder sich ihr ganz zu entziehen – nicht auf eine Reform der Gesellschaftsstruktur. Die Bereitschaft ehemaliger Sklaven, selbst zu Sklavenhaltern zu werden, zeugt auf eine bemerkenswerte Weise davon und es muss auch betont werden, daß die Idee einer Abschaffung der Sklaverei erst in einer späteren Zeit entsteht. Die Vorstellung einer Welt ohne Sklaverei war dabei keineswegs grundsätzlich ausgeschlossen. Bei den Feiern der Saturnalien im Dezember jedes Jahres, entsann sich die gesamte Bevölkerung eines mythischen Goldenen Zeitalters, in dem die Menschen alle gleich waren und keine Sklaverei existierte. Daß Sklavenhalter ihren Sklaven zu diesem Feiertag ein Fest ausrichteten, ihnen bisweilen gar das Essen servierten, konnte nur das Bewusstsein stärken, daß ein Leben jenseits der Sklaverei durchaus möglich war. Die ephemeren Saturnalien haben jedoch zu keinem Zeitpunkt zu einem grundsätzlichen Umdenken der Sklaven geführt, zu einer Massenbewegung innerhalb ihrer Schicht; für die weitaus meisten Sklaven war das tägliche Arbeitspensum und der anstrengende Überlebenskampf zeitaufwendig genug, um solche Überlegungen von vorneherein zu verhindern.

Der Widerstand gegen die Sklaverei in Rom lässt sich nicht genau messen. Nicht jeder Sklave widersetzte sich – auf irgendeine Art – seinem Herrn. Viele von ihnen fügten sich widerstandslos in ihre Situation, unterdrückten jeden Gedanken an Widerstand und arbeiteten so gut sie konnten in dem ihnen von der Gesellschaft vorgegebenen Rahmen auf ihre Freilassung und die damit verbundene Aussicht auf Wohlstand hin. Diejenigen, die dazu neigten, die Autorität ihrer Herren in Frage zu stellen, dürften das kaum kontinuierlich getan haben: Widerstand äußerte sich sporadisch in verschiedenen Formen, die aus dem genauen Moment heraus entstanden und von ihm bedingt wurden. Die Beschäftigung mit dem Thema wirft dennoch Gewinn ab: Es ermöglicht uns, einen großen Teil der römischen Gesellschaft, der zum größten Teil anonym bleiben muss und in den Quellen mit Herablassung behandelt wird, als Gruppe von lebenden Menschen zu sehen, die fähig waren, sich auf menschliche Art aktiv am sozialen Leben zu beteiligen. Die Beziehung zwischen Sklaven und Herren war ein lebhafter, in den Köpfen der Beteiligten ausgetragener Wettbewerb, den, wie Plutarchs Anekdote über Pupius Piso zeigt nicht immer nur die Herren für sich entscheiden konnten.45

Anmerkungen

   1 Caes.b. civ. 3,19.

   2 App. b. civ. 3,98.

   3 Plin. epist. 3,14.

   4 vgl. Sen. clem. 1,26,1.

   5 Sen. clem. 1,24,1.

   6 vgl. Sen. epist. 4,8.

   7 vgl. Dion. Hal. ant. 10,59,6; Sen. epist. 18,14; 47,5; Aug. conf. 9,8.

   8 Dig. 11,4 (Ulp.).

   9 Colum. 1,5,7.

  10 Dig. 11,4,1,5 (Ulp.).

  11 Dig. 11,4,5 (Tryph).

  12 Front. 2,1.

  13 Ath. 6,265c-266e.

  14 Plin. nat. hist. 6,172-173.

  15 vgl. Aug. conf. 3,3.

  16 Dig. 11,4,5 (Tryph).

  17 Colum. 1,1,7; 1,1,20; 3,10,7; 7,4,2.

  18 Val. Max. 4,1 ext. 1.

  19 Sen. de ira 3,34,1.

  20 Plin. nat. hist. 33,26.

  21 Plut. mor. 759f-760a; Martial. 11,54.

  22 Gal. 41 (Kühn).

  23 Apul. met. 4,8.

  24 Sen. de ira 3,29,1.

  25 Martial. 92.

  26 Sen. de ira 3,4,4.

  27 Sen. epist. 4,4; vgl. 70,19-26; de consol. ad Marc. 20,2.

  28 Aug. civ. 18,12.

  29 Cass. Dio 72,14,2.

  30 Plut. mor. 242d.

  31 Gal. 50 (Kühn).

  32 Plin. nat. hist. 33,145; vgl. 34,160.

  33 ILS 7212.

  34 Plin. nat. hist. 18, 41-43.

  35 Phaedr. 3; 33-37.

  36 vgl. Aug. civ. 21,11.

  37 Dion. Hal. ant. 5,26; 6,50,3; 7,1,2.

  38 Martial. 11,49.

  39 Dig. 17,1,8,4 (Paul.).

  40 Sen. de tranqu. an. 8,8; Sen. epist. 17,3; 96,2.

  41 Sen. de brev. vit. 3,2.

  42 Plin. nat. hist. 18,21.

  43 Martial. 6,33.

  44 vgl. Plin. nat. hist. 36,15.

  45 Plut. mor. 511d-e.