»Warum sollte es keine intelligente Lebensform geben, die das menschliche Verständnis bei Weitem übertrifft? Da Gott alle denkbaren Geschöpfe geschaffen hat, gibt es nicht den geringsten Grund, die Existenz von Wesen anzuzweifeln, die uns sowohl in Wissen als auch in Bösartigkeit bei Weitem überlegen sind.«
Leonhard Euler
Karte: © Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, GStA PK, XI Karten, Allgemeine Kartensammlung, A 50695a
Es war acht Uhr am Morgen. Geschlafen hatte Leonhard Euler nur wenig, eine Stunde vielleicht, und schlecht. Statt einer Matratze lag auf dem hölzernen Bettgestell nur ein Strohsack, außerdem hatten die Tiere im Stall des Hotels direkt unter seinem Zimmer die ganze Zeit über unruhig gestampft sowie Stechmücken ihn gepeinigt. Große Quaddeln an seinen Unterarmen zeugten davon. Nun stieg der kalte Schlammgeruch von Fischinnereien durch das offene Fenster herein und verursachte ihm Übelkeit. Draußen war Fischmarkt. Verkäuferinnen mit grauen Hauben auf dem Kopf, barfuß, die blauen, mit weißen Punkten bedruckten und ebenso weißen Bändern vor dem Bauch zusammengebundenen Leinenschürzen blutig, keiften ihre Angebote durch die Luft: »Güsten! Frische Güsten! Eingemachte Bricken! Eingemachte Bricken! Nur ’n Fünfer das Stück!«
Scheuerleute packten Frachtwagen mit Fässern voll. Die Eingeweide von Aalen siedeten in Kesseln, Aalweiber schäumten das Fett ab, das wurde als Schmiere für die Deichseln der Kutschen verkauft. Seiler hielten Seile feil, Besoffene torkelten, Krebse und Schildkröten japsten in Blecheimern nach Luft. Flumfische lagen in Laugen und Salzbrühen, Störe hingen zum Räuchern mit fratzenhaft aufgerissenen Mäulern. Ketzin wurde in Holzschüsseln verkauft: Rogen, noch frisch in der Hechtmilch. Wolken von Fliegen feierten ein Fest, Pferde schnaubten, Fuhrmänner wischten sich ihre Wämser ab, Bürger zogen die Hüte, Flößer und Treidler in Treidlerskluft, mit klimpernden Ledergürteln und schwarzen Stiefeln, spien Tabaksaft. »Ein Schock großer Krebse für einen Groschen! Sonderangebot: Mannsarmdicke Aale, auch nur ’n Taler. Leute!«
Erschöpft ging Euler zum Waschtisch und suchte nach Seife, fand keine, schaute in dem länglichen schwarzen Kasten darunter nach, doch war darin nichts als das abgelaufene Brauchwasser. Eine ungewöhnlich laut surrende, bläulich schillernde Mücke zog vor seiner Nase Achten. Angewidert, da sie in zielgerichtetem Flug auf seinem Gesicht zu landen versuchte, scheuchte er sie weg. Dann beobachtete er sie eine Weile. Ob hinter diesen ellipsenhaften Bahnen ein System, ein Nutzen steckte? Erneut kam sie auf ihn zu, landete unvermittelt auf dem Rücken seiner linken Hand und biss in diesen hinein, was derart schmerzhaft war, dass er unwillkürlich aufschrie. Blut trat aus der Wunde, in der das grauenhafte Tier noch Momente lang verharrte, um sich von der austretenden Pfütze aus Blut, Lymphe und Zellflüssigkeit zu nähren – bis er sie totgeschlagen hatte. Verärgert eilte er zum Waschtisch zurück, zögerte aber, weil er nicht sicher war, ob sich das gelbliche Wasser mit dem moorigen Geruch in der Waschkanne für die Wunde empfahl, und beschloss, stattdessen eines jener Trockenpflaster zu verwenden, die Katharina ihm mitgegeben hatte.
»Bleye! Habe frische Bleye, Güsten auch! Habe Barmen, Schneper, Doebel, Zupen. Bleye! Habe frische Bleye, Güsten auch! Habe Haeseling, Zander, Zehen!«
Wieder stand er am Fenster. Unten lief ein Pastor in die seitliche, von Schweinekot bedeckte Gasse. Irgendwo krähte ein Hahn. Er blickte auf seinen Handrücken, dann auf die Quaddeln auf seinem Unterarm, fluchte leise vor sich hin. Diese Ungezieferplage, das würde das Erste sein, was in einem trockengelegten Bruch verschwand.
»Feine Leuchtquappen! Geben schönes Licht! Feinste Quappenstreifen, gut fett!«
Er ging zur Ablage, auf der sein Gepäck gestapelt war. Ein leichter Geruch von Essig lag in der Luft. Staatsminister von Marschall konnte ihn noch so sehr vor einer Reise mit dem Bateau durch das Bruch warnen: Alles war besser, als in dieser Hölle des Goldenen Löwen zu verweilen. Gedankenverloren betrachtete Euler eine fremdartig wirkende Holzmaske, die über der Anrichte hing. Es war die primitive Darstellung eines männlichen Gesichtes mit unglaublich traurigem Gesichtsausdruck. An irgendetwas erinnerte ihn diese Maske, doch fiel ihm nicht ein, woran.
Nun arrangierte er sein Gepäck. Ja, all dies würde auf dem Boot untergebracht werden. Er öffnete sein Necessaire und nahm eine Paste aus pulverisierten Krötenaugen heraus. Musste man sich wirklich zweimal pro Tag die Zähne putzen, auch auf Reisen? Katharina hatte ihm diese Zubereitung mitgegeben, angeblich gesund für das Zahnfleisch. Er schraubte den Deckel auf, roch daran – ein Hauch von Schilf –, drückte eine erbsengroße Menge auf ein für diesen Zweck zurechtgeschnittenes Läppchen und rieb seine Zähne ein. Angewidert verzog er das Gesicht. An der Geschmacksnote würde der Apotheker noch feilen müssen. Er nahm von dem goldgelben, mineralisch riechenden Wasser in der Schüssel, um sich den Geschmack auszuspülen, doch dieses schmeckte derart metallisch, dass er den Versuch abbrach. Als Nächstes puderte er seine Achselhöhlen mit Talkum, gegen den Schweiß. An diesem drückenden Tag würde er nicht den engen britischen Anzug tragen, sondern entschied sich für weite, luftige Kniehosen, eine dünne Weste. Hauptsache, alles saß bequem. Für Momente betrachtete er sich im Spiegel, der in einem wellenhaft gedrechselten Rahmen in fleckiger Goldfarbe über dem Waschtisch hing. Er bemerkte, dass in dem geflochtenen, ansonsten leeren Weidenkorb unter dem Tisch der Korken einer Weinflasche lag, bückte sich und nahm ihn heraus. Cabernet Franc. Der Korken war noch frisch und duftete nach rotem Wein – und zwar keinem schlechten. Eine filigrane Mücke mit langen Beinchen setzte sich auf seine rechte Wade und stach hinein.
Der Fischmarkt hatte gegen zwölf Uhr seinen Höhepunkt überschritten, die meisten Fuhrwagen waren davongefahren, viele der Stände abgebaut. Ein öliger Dunst von Aal hing in der Luft. Zum Mittagessen, das Euler an einem der Tische vor dem Goldenen Löwen einnahm, gab es eine widerliche Plörre, die sich teutscher Caffee schimpfte und aus Zichorienwurzeln, Wruckenschnitzeln und Eicheln gebraut war, ein übersalzenes Ragout aus Oderkrebsen, bläulich schimmerndes Roggenbrot mit leicht bitterem Geschmack sowie angegorene Buttermilch und ein Holzschüsselchen voller Hirsebrei. Wie gerne hätte er mit Katharina bei Lutter am Gendarmenmarkt gesessen und ein anständiges gebratenes Huhn mit Gurkensalat für acht Groschen verspeist. Bis hierher an den Rand des Bruches waren die Einflüsse der französischen Küche, von denen Berlin so profitierte, offenbar nicht gedrungen. Euler sah sich um. Am Nebentisch saßen drei Binnenkapitäne. Die Inschriften ihrer Mützenschirme verrieten ihre Herkunft: Stettin, Breslau, Cüstrin. Sie hatten die Mützen demonstrativ über ihre unbenutzten Teller gelegt und labten sich lediglich am Gerstenbier, das ihnen die Wirtin, eine ganz und gar ungewöhnlich aussehende Frau mit pechschwarzer Haut, in Steinhumpen servierte, auf die je ein goldener Löwe gepinselt war. Diese Wirtin, die so gar nicht an diesen Ort passte, trug ein knallrotes Kleid, das im Stile des französischen Hochrokoko mit geknüpften Seidensträngen verziert war, ihre Schultern elegant abfallen ließ und ihre Taille betonte. Als sie ihm zum Abschluss seiner Mahlzeit ein Glas Rotwein brachte, bemerkte Leonhard Euler, wie erschöpft sie wirkte.
»Cabernet Franc ist leider aus«, sagte sie mit einer wohlklingenden, freundlichen Stimme. »Ich könnte Ihnen nur dies hier anbieten, ein Kleberoth. Aus Wrietzen. Geht aufs Haus. Geld kann man dafür nämlich wirklich nicht verlangen.«
»Merci beaucoup.« Euler verneigte sich und nahm einen Schluck. Die Wirtin hatte mit ihrer Warnung recht gehabt. Der Wein schmeckte nicht nur sauer, sondern außergewöhnlich bitter. Außerdem schwammen Fasern darin. Er konnte sich nicht erinnern, je etwas Scheußlicheres getrunken zu haben.
»Glauben Sie mir«, sagte sie und konnte ein Lachen kaum unterdrücken, »ist wenigstens etwas Seltenes. Die meisten der Reben sind erfroren, die letzten Winter waren streng. Man sagt, an den Bruchhängen hat es mal stolze Weinberge gegeben. Das hier sind wohl die letzten, traurigen Überreste hiervon. Mein Name ist Lulu.«
»Leonhard Euler, angenehm. Auf jeden Fall ein eigensinniger Charakter. Also, der Wein.« Euler hatte die Fingerspitzen seiner Hände gegeneinandergelegt und betrachtete die schwimmenden Fasern im Glas. Ob hinter ihren vermeintlich chaotischen Bewegungen ein System steckte? Und wenn ja: Wie war dies zu berechnen? »Ich würde Sie gerne etwas fragen«, sagte er, während er noch immer in das Rot hineinschaute, »und zwar zu dem Zimmer, in dem ich die Ehre hatte zu nächtigen.«
»Ist etwas nicht in Ordnung?« Lulu räumte die Reste des Krebsragouts und der Hirse ab. »Hat die Demse gestört?«
Er sah auf. »Wie bitte?«
»Sagt man so nicht in Berlin? Na, die Hitze. Ich habe extra die Lüftungsklappe aufgemacht. Gab’s deshalb Probleme mit Gerüchen? Wir haben häufiger Beschwerden wegen dem Stall direkt darunter. Aber wo Pferde stehen und Vieh … Das Wasser ist schon so hoch, wir können die Tiere nicht mehr auf die Weide bringen.« Sie zuckte mit ihren grazilen Schultern. Nun bemerkte sie die Quaddeln auf seinen Unterarmen. »Ah, ich sehe schon. Versuchen Sie, nicht zu kratzen. Soll ich Ihnen Kamillenumschläge machen?«
»Wirklich sehr aufmerksam, vielen Dank, aber es geht schon. Sagen Sie, hat ein Monsieur Mahistre, der hier ebenfalls nächtigte, auch solche Probleme mit der Demse gehabt?«
Unmittelbar trat Lulu einen Schritt zurück. »Monsieur Mahistre?« Es kam ihm so vor, als husche ein Anflug von Angst über ihr apartes, fremdartiges Gesicht. »Darüber weiß ich nichts.«
Euler nahm den Korken aus der Tasche seines Rockes, hielt ihn in die Höhe und lächelte: »Er hat doch eigenhändig dafür gesorgt, dass der Cabernet Franc alle ist, habe ich recht?«
Der Gesichtsausdruck der Wirtin veränderte sich erneut. »Ich kann Ihnen leider keine Auskunft geben«, sagte sie mit verschlossener Miene und verschwand mit dem benutzten Geschirr im Innern des Hauses.
Nach wenigen Minuten trat ein etwa fünfzig Jahre alter, blasser Mann mit schütterem, rötlich blondem Haar heraus. Er wirkte schlecht gelaunt und blickte Euler aus kleinen, von roten Äderchen durchzogenen hellgrauen Augen abschätzig an. Sein Gesicht sah aus, als sei es permanent sonnenverbrannt. Auf seinen blauen, verdreckten Kittel war ein goldener Löwe genäht, der vor lauter Schmutz allerdings kaum mehr zu erkennen war.
»Ich habe von Lulu gehört, dass Sie rumgeschnüffelt haben. Aber wir verraten hier nix über unsere Gäste«, sagte er mürrisch.
Bevor Euler etwas entgegnen konnte, war die Stimme eines dritten Mannes zu hören, der von der anderen Seite an Eulers Tisch getreten war. »Wissen Sie eigentlich, mit wem Sie es hier zu tun haben?«, fragte er den Wirt. Es war der junge Schreiber des Königs, den Euler beim Diner in Sanssouci gesehen hatte. Er trug eine schwarze Kattunknopfhose und ein schwarzes Seidenhemd, militärische Lederstiefel mit Eisenbeschlägen. Auf seinem Kopf saß die hohe, mit dem preußischen Adler in silbernem Strahlenkranz verzierte Mütze der Garde des Königs. »Ich freue mich, Sie wiederzusehen, Professor Euler.« Er verneigte sich tief. »Der Kammerdirektor von Schmettau hat mich beauftragt, Sie bei Ihrer Reise zu begleiten und Ihnen bei jedwedem Problem zur Seite zu stehen.« Er drehte sich zu dem rotblonden Wirt zurück: »Und es scheint mir, als hätten wir hier ein solches. Oder haben Sie die Frage meines Herrn bezüglich der Räumlichkeit und dem Monsieur Mahistre bereits beantwortet?«
»Irgendwelche Fragen beantworten … in meinem eigenen Laden? Das tut Raule bestimmt nicht.« Wütend drehte der Wirt sich um und verschwand in seiner Gaststube, wobei er fast mit einem dicken Weib zusammenstieß, das ein zitronengelbes Kopftuch trug und einem vor ihr flüchtenden, betrunkenen Mann in Treidlerskluft etwas auf Platt hinterherkeifte.
»Raule also …« Euler paffte einen Zug und blies den Rauch in Richtung der kotigen Gasse. »Ihr Schmettau erwähnte ihn bereits. Offenbar ist dieser Mann nicht glücklich mit unserer Maßnahme. Und dennoch vermietet er Zimmer an die Commission.« Euler schüttelte den Kopf. »Aber nehmen Sie doch Platz.«
»Vielen Dank.« Der Junge setzte sich, zog die kegelförmige Mütze ab und faltete sie zum Schiffchen. »Der Widersacher des Bürgermeisters, ja, ja. Ich bin über die Lage informiert. Wir werden ihn im Auge behalten.«
»Wir?« Euler hob die linke Braue.
»Wie bereits angedeutet: Ich habe den Auftrag, Sie in dieser unwegsamen Wildnis keine Sekunde unbeobachtet zu lassen, Professor. Wenn die Luft mal dicke wird: Ich verteidige Sie mit meinem Leben. Mein Name ist übrigens Rumi. Also der Vorname. Mein Nachname tut nichts zur Sache, der ist armenisch und unmöglich zu merken. Sie müssen wissen, Schmettau hat mich bis zur Grenadier-Garde des Königs gebracht. Schlacht von Hohenfriedberg war meine Feuertaufe.« Rumi zog eine schwere Steinschlosspistole aus seiner Rocktasche und legte sie auf den Tisch. »Habe mich dortselbst bewährt und bin seitdem mit geheimen Aufträgen betraut. Wissen Sie, was ein gutes Geheimnis ist?«
»Es gibt keine Geheimnisse, werter Rumi«, sagte Euler und sah sein Gegenüber prüfend an. »Nur Aufgaben, die noch nicht gelöst sind. Und stecken Sie Ihre Pistole wieder ein, sonst ist hier gar nichts mehr geheim.«
»Wenn nur zwei Männer von einer Sache wissen. Und einer von ihnen liegt im Grab. Das ist ein gutes Geheimnis.« Rumi grinste. »Machen Sie sich im Übrigen keine Sorgen wegen der Pistole. Ich gehe sparsam mit ihr um. Ich bin Stier, was das Sternzeichen betrifft. Stets auf Harmonie bedacht. Wenn die Sonne scheint, das Essen schmeckt, freundliche Gesellschaft mich umgibt und ein gutes Buch in der Nähe ist, bin ich wirklich der friedlichste, glücklichste Mensch auf der Welt.«
»Und wenn das Essen einmal nicht so mundet?«, fragte Euler lächelnd.
»Sie meinen, wenn ich böse werde? Also wenn der Stier brüllt, bekommen alle Angst. Apropos, ich muss unbedingt etwas Flüssiges zu mir nehmen. Ich hatte in der Roten Lilie einen etwas alten Star zum Frühstück, das Fleisch war zu fest und übersalzen. Ein grauslicher Nachgeschmack.« Rumi winkte der Wirtin. Sie räumte gerade den Tisch der Binnenkapitäne ab, die lärmend in Richtung Hafen aufgebrochen waren. Zögernd kam sie näher, und Rumi richtete das Wort an sie: »Werden Sie die Frage des Professors beantworten? Können Sie uns etwas über den verstorbenen Monsieur Mahistre erzählen?«
Lulus Blick huschte in Richtung der zugezogenen Vorhänge der Gaststube. »Möchten Sie noch etwas trinken?«
»Ein Gerstenbier, bitte«, sagte Rumi.
»Sehr wohl«, antwortete sie. Dann fügte sie kaum hörbar hinzu: »Er hat sich in seiner letzten Nacht hier arg betrunken.«
»Wissen Sie, weshalb?«, hakte Euler nach.
»Er war verzweifelt«, antwortete die Wirtin. Erneut war ihr anzusehen, dass sie sich fürchtete. Wieder sah sie unauffällig zur Gaststube hin. »Er sagte, dass er sterben müsse.«
»Weshalb glaubte er das?«
»Es sei etwas in ihm. Etwas, das er nicht mehr loswerden könne. Etwas Fremdes.«
»Etwas Fremdes? Was könnte er damit gemeint haben?« Gespannt blickte Euler sie an. Rechts neben dem Eingang des Hotels wurden die Gardinen zur Seite gezogen. Raule stand dort im Fenster. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, wandte Lulu sich ab und lief hinein.
So kurz vor der Flut war Wrietzen geschäftiger als zu irgendeiner anderen Zeit. Jeder besorgte noch schnell etwas, traf sich mit jemandem, kaufte ein. Auf dem Weg zu Bürgermeister Fritze schlugen sich Euler und Rumi in das Gassengewirr der Unterstadt. Hier war der Lärm beinahe unerträglich. Die Reklamebanner aus Emaille, die vor den Läden hingen, klapperten im Wind, der von der Höhe kam, das Hungergeschrei von Schweinen gellte durch die Gassen. Ratten quiekten, Reiter zügelten lautstark ihre Pferde, und die alte Laurentiuskirche läutete ohrenbetäubend ihre Glocken.
»Es ist entscheidend, dass wir uns ein umfassendes Bild verschaffen«, rief Euler Rumi zu und sah nach oben, wo sich über den Giebeln der gedrungenen Häuser knarzend ein Windmühlenrad drehte. »Alles, was wichtig für unsere Gleichung ist, muss erkannt werden, wobei die Relevanz entscheidend ist. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass wir es uns nicht komplizierter machen, als es möglicherweise ist. Unser Gehirn sucht gerne nach vertrackten Lösungen, daran reibt es sich und entwickelt sich auch. Aber manchmal überhitzt die Raison und kommt auf Abwege.« Sie durchliefen den Kietz in Richtung Faule See. Überall machten sich hier Handwerker zu schaffen, Holzpantoffelmacher klopften, Schubkarren wurden zusammengezimmert, Messer gedengelt. Ein Besenbinder stand vor seiner offenen Werkstatt und pries, wobei er immer wieder einen Schritt vor- und zurücktrat, lautstark seine Ware an.
»Ebendeshalb, damit also die Raison nicht überhitzt«, rief Rumi, »sollten wir bei der Lösung dieser Gleichung, wie Sie den Mordfall nennen, auch die Poesie nicht vergessen.«
»Die Poesie?« Euler hielt inne und sah Rumi voller Verwunderung an. »Was hat die damit zu tun?«
»Sie kann ebenfalls Aufgaben lösen. Mit ihrer Hilfe kommen wir der Wahrheit vielleicht sogar am ehesten auf die Spur.«
»Glaubt man das in Armenien?«
»Das gilt überall.«
Sie liefen nun zwischen den ärmlichen Fischerhäusern des Kietzes hindurch, die deutlich niedriger waren als jene um den Marktplatz herum und gar kein Vergleich zu den Steinhäusern, die an den Hängen von Wrietzen standen. Hier in der Unterstadt staute sich die Hitze ins Unerträgliche und fand keinen Abzug. Penetrant stank es nach Fisch, den Ausdünstungen von Menschen, nach Schweiß und Erbrochenem, vor allem Urin, der hier und dort in Parabelbögen die Lehmwände dunkelte. Spatzen durchsuchten lärmend den an jeder Ecke liegenden Pferdemist. Türen und Fenster der geduckten Gebäude, in denen Kaschemmen wie Zum Fischmaul oder Zur Dotterblume untergebracht waren, standen offen, ebenso der Verschlag des winzigen Kabuffs des Kleiderjuden, der dösend auf seiner Schwelle saß und vor sich hin murmelte. Vor einer Absteige, untergebracht in einem windschiefen Fachwerkhaus, lehnte eine aufreizend gekleidete, etwa dreißig Jahre alte Frau und las in einem Buch. Ebenso wie die Wirtin des Goldenen Löwen war sie schwarzer Hautfarbe. Zur Großfriedrichsburg stand in roten, mehr schlecht als recht hingekrakelten Buchstaben auf einem Holzschild, das über der Eingangstür hing.
Der Himmel hatte sich bedeckt, als Rumi und Euler nach wenigen Minuten einen Schotterplatz erreichten, der an das anthrazitfarben schimmernde Wasser des Hahnengrabens grenzte. Mehrere mit dicken Eisenketten und Vorhängeschlössern gesicherte Holzschuppen säumten dieses Areal. Zwei öde Stellen mit stillgelegten Backöfen passierend, erreichten sie das Ambtshaus. Es diente auch als Gerichtsgebäude und war ein eingeschossiges, in krebsroter Farbe gestrichenes Lehmfachwerk mit gemauertem, turmartigem Anbau, worin sich der Karzer befand. Neben der Eingangstür war der Pranger befestigt, eine Eisenkette mit schwarzeiserner Halsmanschette.
»Verfault.« Euler stieß seine Stiefelspitze in die morsche Schwelle des Eingangs. Er nahm sein Notizbuch heraus und schrieb etwas hinein.
»Hat das ebenfalls Relevanz für unsere Gleichung: eine verfaulte Schwelle?«, fragte Rumi interessiert.
»Möglicherweise. Denn entweder fehlen der Stadt die Mittel, ihre repräsentativen Gebäude in Schuss zu halten, oder es führt jemand nachlässig seine Geschäfte.« Euler betrat den Vorraum. Unmittelbar rümpfte er die Nase. Vor einem ausgeräumten Kamin, um den herum die Wände abblätterten, lag ein toter Hirsch, dessen Bauchdecke der Länge nach aufgeschnitten war. Die glasigen Augen des Kadavers waren von zahllosen Fliegen besetzt. Raschen Schrittes gingen sie auf die Tür der gegenüberliegenden Seite zu. Ein magerer preußischer Adler, der einem krakeelenden Suppenhuhn ähnelte, war daraufgemalt.
Mit aufgeblasenen Backen und ohne sich von den Eintretenden ablenken zu lassen, saß Bürgermeister Fritze, altmodisch gekleidet in tannengrünem Wams, Haarbeutel und angeschnalltem Degen, hinter einem schweren dunkelbraunen Tisch, der mit leicht nach außen gespreizten Beinen in der Ecke der Ambtsstube auf einem Holzpodest stand. Vor ihm kniete ein Jäger in Stulpenstiefeln und Pelzrock, dessen Schöße durch Rosshaar verstärkt waren, und hielt seine Hände nach oben, präsentierte jene Innereien, die dem toten Hirschen draußen fehlten. Fritze warf einen abschätzenden Blick darauf. Hinter ihm und leicht schief an der Wand hing in einem rot gestrichenen Rahmen ein Porträt des Königs mit schwarzem Dreieckspitz.
»Es ist recht.« Der Bürgermeister nickte und zupfte sein Halstuch zurecht. Der Jäger verneigte sich und verließ mit den Innereien den Raum. Umständlich stand Fritze auf, ging auf seine Gäste zu und schüttelte erst Euler, dann Rumi die Hand. Für einen Moment war der Bürgermeister unsicher, wie er sich zu verhalten hatte, da ihm die Hackordnung nicht eindeutig schien. Zwar war er der Hausherr, doch kam der Professor vom Hof und war im Auftrag des Königs unterwegs. Er beschloss, einige unverfängliche Begrüßungsworte zu murmeln, und deutete mit seinem fetten Kinn in Richtung Besucherbank, die etwas niedriger stand als sein eigener Stuhl.
»Da sieht man sich also wieder. Mit erlesenen Erdtoffeln kann ich allerdings nicht dienen. Noch nicht.« Fritze umfasste mit beiden Händen seinen Bauch, weil ihm das Sicherheit verlieh. »Aber wir werden’s dem Sumpf da draußen schon zeigen. Den machen wir so trocken wie einen Furz. Und dann wachsen die Knollen.« Er zog das größte Schubfach seines Schreibtisches auf und nestelte darin herum. »Schlimm genug, was diese Hunde mit Mahistre angestellt haben. Da sieht man mal wieder, mit wem wir’s zu tun haben. Sollte uns eine Warnung sein. Lewin. Da sitzen die bösen Buben.« Er schüttelte den Kopf. »Da ist das Schlangennest. Wie wär’s, wir fangen uns einen von denen, einen, der besonders verdächtig ist. Kapuze über den Kopf, malträtieren ihn, bis er’s zugibt, knüpfen ihn auf.« Fritze nahm einen Krug aus Tonerde sowie drei kurze Gläser aus der Schublade, schenkte ein und reichte seinen Gästen je ein bis zum Rand gefülltes Glas.
»Ihre lokalen Arbeitsmethoden in Ehren, doch wir werden diesen Fall mit den Werkzeugen der Ratio lösen, nicht mit denen des Mittelalters.« Euler schnupperte an seinem Glas. Der Schnaps roch gleichzeitig scharf und widerlich süß. »Nach Schmettaus Kenntnisstand wurde Mahistre zum letzten Mal in Wrietzen gesehen. Wissen Sie, wo genau?«
»Aber das stimmt doch gar nicht.« Fritze zog seine Speckstirn in Falten. »Der ist kurz vor seinem Tod nach Güstebiese. Wollte sich dort mit Haerlem treffen. Fragen Sie den.«
»Wie erklären Sie es dann, dass seine Leiche hier in der Nähe gefunden wurde – und nicht in Güstebiese?«
»Hab ich mich ehrlich gesagt auch schon gefragt.«
»Können Sie mir die genaue Fundstelle auf einer Karte zeigen?«
Fritze öffnete erneut die Schreibtischschublade, kramte eine Weile darin herum und holte zum zweiten Mal den Schnapskrug, aber auch eine an den Rändern zerbröselte Pergamentrolle heraus. Er goss die drei Gläser wieder voll, entrollte die Karte auf seinem Schreibtisch, wischte einige hässliche Brotkäfer zur Seite, die sich darin eingenistet hatten, und kniff die Augen zusammen, um die Datierung zu entziffern: »Ist von 1687. Was Neueres haben wir wohl nicht. Können Sie gerne behalten. Hier! Hier hat mein guter Kurtz den Toten entdeckt.« Er deutete auf eine Insel zwischen zwei Ausflüssen der Oder in die Faule See. »Keine Stunde mit dem Kahn entfernt.«
Euler sah sich die handkolorierte Landkarte aufmerksam an und schüttelte den Kopf. »Da sind ja Nebelbänke eingezeichnet.«
Rumi beugte sich ebenfalls darüber: »Und sehen Sie dieses aufgerissene Hechtmaul hier? Geradezu märchenhaft. Früher hätte man wohl Drachen gemalt.«
»Dort ist das Jäckelsche Loch«, sagte Fritze. »Märchenhaft würd’ ich die Gegend aber nicht unbedingt nennen. Machen Sie lieber einen großen Bogen darum, ist zu Flutzeiten ein ziemlicher Strudel.«
Euler rollte die Karte zusammen. »Können wir jetzt den Toten in Augenschein nehmen?«
»Geht sofort los.« Fritze lief zum Fenster, stieß es auf, öffnete seinen Hosenschlitz und pinkelte ungeniert hinaus.
Der Bürgermeister führte seine Gäste einen modrig riechenden Gang entlang. Der Boden war feucht und gab unter ihren Schritten schmatzend nach. Links wie rechts gingen hinter dicken Eisengittern winzige Zellen ab, vier an der Zahl. Wie jedes Mal, wenn er den Grünen Hut betrat, der seinen Namen von dem moorig grünlichen Schein der Quappenstreifen bezog, geriet Fritze in aufgeräumte Stimmung und fühlte sich ganz in seinem Element. »So, da sind wir auch schon.«
Am Ende des Ganges angekommen, öffnete er eine mit Eisenbeschlägen versehene Tür, nahm die Fackel von der Wand und leuchtete ins Innere eines achteckigen Raumes. Dort stand eine grob gehauene große Holzfigur ohne Kopf, dafür mit eindrucksvollem Fischschwanz. »Unsere Odernixe. Wer mit dem Tod bestraft wird, muss sie umarmen. Unter ihr geht dann eine Klappe auf. Und wer sich nicht mehr an ihr festhalten kann, der fällt ins Loch. Direkt auf die Spieße und Räder, die wir im Loch aufstellen.« Fritze beugte sich herab und zog an einem eisernen Ring, der unterhalb der Odernixe im Boden eingelassen war. »Wir nutzen die Grube auch als Leichenraum. Ist am kühlsten dort.« Er zog die Klappe nach oben, und über eine wacklige Trittleiter gelangten sie in einen dumpfen Raum, in dem aufrechtes Stehen nicht möglich war. In der Ecke stapelte sich allerlei Gerät aus Holz und Metall: die Spieße und Räder, von denen Fritze gesprochen hatte, verschiedene Speere und Schwerter. Vor ihnen auf der Erde lag ein Sarg, in dessen Deckel ein preußischer Adler eingeschnitzt war. In der rechten unteren Ecke waren die Initialen E und K angebracht.
»Ephraim Kirschbaum«, murmelte Euler und dachte an seinen Reisegefährten von Freyenwalde nach Wrietzen.
»Komm, Junge, hilf mir mal«, sagte Fritze zu Rumi. Gemeinsam hoben sie den Sargdeckel an.
Der Leichnam von Mahistre war seziert worden, die Haut über Bauch und Brust aufgeschlitzt und zur Seite geklappt. Zahllose Käfer hatten sich über die Innereien und über das, was die Aale übrig gelassen hatten, hergemacht. Überall wimmelte es von winzigen Fliegen. Fritze schüttelte den Kopf und wandte seinen Blick ab. Rumi starrte auf den zerstörten Schädel Mahistres, der einmal ein lebendiges Gesicht gewesen war. Die beiden leeren Augenhöhlen starrten ihn an. »Als ob er noch immer etwas betrachtet«, sagte Rumi leise. »Doch was er auch sieht – oder gesehen hat: Erzählen kann er nicht mehr davon.«
»Sind Sie sicher?« Leonhard Euler griff in die Brusttasche seiner Weste, zog ein Fliedertuch heraus und hielt es sich vor Nase und Mund. Dann nahm er die achromatische Linse aus der Westentasche und beugte sich nach unten. Eingehend betrachtete er Mahistres Lunge, dann die Leber und weitere Organe.
»Die Milz ist vergrößert«, sagte er nach einer Weile. »Und in der Leber sind dunkel pigmentierte Granulate erkennbar.«
»Granulate?«, fragte Rumi alarmiert: »Sind das womöglich die Fremdkörper, von denen Mahistre zur Wirtin des Goldenen Löwen gesprochen hat?«
»Fremdkörper? Welche Fremdkörper?« Irritiert kniff Fritze die Augen zusammen. Dann deutete er auf die linke Seite von Mahistres Brust: »Sehen Sie doch hier, die neun Löcher über dem Herzen. So ist er ums Leben gekommen. Das war der Fischspeer.«
Ein weich gefederter schwarz lackierter Landauer fuhr sie am Ufer der Faulen See entlang. Das Laub der Weißbuchen, die den Wasserrand säumten, leuchtete, Singdrosseln flöteten weich und zart. »Um eine Sache möchte ich Sie künftig bitten, Rumi. Weder Fritze noch einer anderen Person lassen wir Informationen zukommen, wenn dies für uns, also für die Lösung des Falles, nicht gewinnbringend ist.«
Rumi schwieg eine Weile. »Sie meinen die Fremdkörper?«
»Richtig. Aber Schwamm drüber. Ah, da sind wir schon.«
Das Werfttor des Lukas Koppek stand offen, und der Kutscher fuhr auf den Hof.
Eine malvenfarbige Kutte bedeckte den Kahn. Lukas starrte auf die Brandung der Faulen See, die zittrigen Arme hielt er hinter dem Rücken verschränkt. Seine Hände waren ineinander verschlungen, die Finger fochten einen einsamen Kampf aus, und es gab in ihm ein Gefühl von Nadelstichen überall. Weder gelang es ihm, die Augen richtig offen zu halten, noch wollte er es sich erlauben, sie zu schließen – was seiner Contenance etwas Flatterhaftes verlieh. Achtzehn Tassen Kaffee hatte er getrunken, um das Unterschiff zu teeren: mehrere Schichten, einen ganzen Tag und eine Nacht lang. Das war eine schreckliche Arbeit gewesen. Nicht einmal zur Trauerfeier von Sten hatte er gehen können.
Als er Geräusche vernahm, fuhr er herum und starrte die beiden Besucher zunächst regungslos an. Dann zog er, ohne zu grüßen, mit einem Ruck die malvenfarbene Abdeckung weg.
Etwas Goldenes schwamm da, mit neuen Leinen am Ufer festgemacht. Etwas Freches: Wie ein Raubfisch sah das aus. Wie ein riesiger goldfarbener Stör, ein schnittiger Zander vielleicht. Die Sonne strich über die fachmännisch verarbeitete, Hunderte von Jahren alte Eiche, die zur Flins geworden war. So hieß das Boot, nach dem wendischen Totengott benannt.
Euler legte die rechte Hand an die Relingkante. Makellose Verarbeitung, das sah er sofort. Wie das Holz strahlte. Und wie alles organisiert war: Da lag die Takelage sauber aufgerollt, der Anker war an seinem Platz, das Schwert stak frisch und unbenutzt aus seinem Kasten heraus. Ohne zu zögern, ging er an Bord. Ja, hier gab es das Notwendige, aber auch das Besondere: Ein Räucheröfchen war in eine Nische eingepasst, daneben eine handliche Druckmaschine, die Zigarrenspitzen abschnitt. Er zog die intarsienverzierten Seitentüren des Schreibtisches auf: ein Oktant, Messbänder, ein Richtkreis. In der mittleren Schublade war Papier von edelster Qualität untergebracht, Sauerkleesalz gegen Tintenflecken, handliche Notizbücher mit marmoriertem Einband und eingesteckten Düsseldorfer Schreibfedern, sogar schon angespitzt.
Lukas zeigte ihm die Kajüte. Für die drei schmalen Betten gab es feinste Wäsche aus Eberswalde. Sie konnten durch das Herausnehmen zweier Bretter in ein größeres Canapé verwandelt werden und die Kajüte damit zum Salon. An der eng gerippten, aus Eichenstäben zusammengesetzten Decke hing an einem Zapfen, der die Bewegungen des Kahns im Wasser ausglich, eine blinkende Messinglampe, die mittels getrockneter Quappenstreifen betrieben wurde. Eine große hölzerne Truhe stand für das Gepäck bereit. Der Vorratsschrank in der Kombüse war gefüllt.
Lukas fragte, ob er erklären solle, wie das Gefährt zu manövrieren sei. Euler blickte ihn an. Er habe in jungen Jahren eine Arbeit über die optimale Anordnung von Masten auf Segelbooten verfasst, welche mit einem Preis der Akademie in Paris versehen worden sei, entgegnete er. Sowie sei er gerade dabei, eine Theorie des Schiffsbaus aufzustellen. Dabei gehe er von der allgemeinen Gleichgewichtstheorie schwimmender Körper aus und habe Stabilitätsprobleme sowie Schwankungen in der Nachbarschaft des Gleichgewichtszustandes berechnet. Er habe beschlossen, eine generelle Definition der Schiffsstabilität zu entwickeln. Das Problem würde darin bestehen, dass einige Vorteile bei der Navigation – wie eine größere Geschwindigkeit – anderen Zielen wie der genauen Einhaltung der Richtung widersprachen. Auch produziere das Boot durch seine eigenen Bewegungen Veränderungen in ebenjenem Medium, in dem es sich befand. Es beginne zu rollen, Wellen zu generieren, die es in ein Schaukeln versetzten. Das mache die Rechnung komplex – und somit spannend. Das perfekte Schiff sei keine Hexerei, aber immerhin eine Kunst, und bislang gäbe es keine vereinheitlichende Arbeit hierzu. Dies würde er ändern. Er würde ihm, Lukas Koppek, das Buch, das er Scientia Navalis zu nennen gedachte, beizeiten zukommen lassen.
»Vielen Dank«, antwortete der Kahnbauer. »Doch meine Frage lautete, ob Sie zu rudern imstande sind, selbst in starker Strömung und bei steifem Gegenwind?«
»Sobald unser Gepäck an Bord ist«, sagte Euler unbeirrt, »legen wir ab.«
Lukas sah mit erschöpftem Blick zum Himmel. »Vielleicht kommt die Flut schon diese Nacht. Dann gibt es keine erkennbaren Wasserwege mehr und überall Untiefen. Man kann auflaufen, stecken bleiben, und die Brühe ist scharf, voller Rost, schleimig, wie der Sud von Pökelfleisch. Frisst Löcher in die Füße. Warten Sie das alles lieber ab. In zehn Tagen sieht die Sache anders aus.«
»Eilen Sie in die Stadt zurück«, sagte Euler zu Rumi, als habe er Lukas’ Einwand überhaupt nicht gehört. »Engagieren Sie Scheuerleute für das Gepäck. Ich mache mich derweil mit diesem herrlichen Bateau vertraut. Und suchen Sie Dr. Süßapfel auf. Fragen Sie ihn bitte, ob er verifizieren kann, dass die Speerwunde tatsächlich die Todesursache war. Bitten Sie ihn außerdem um eine Schätzung, wie lange der Leichnam wohl im Wasser gelegen hat.«
In der schnellen, offenen Kutsche fuhr Rumi zum Wrietzener Marktplatz zurück. Nun lag es an ihm, letzte Vorbereitungen zu treffen für etwas, wovon er seit langer Zeit träumte. Seit er fünf Jahre alt war, genauer gesagt: seit dem Tod seiner Mutter. Wie der Landauer am Ufer der Bardaune entlangfuhr, sah er – wieder einmal und wie so häufig – den verhängnisvollen Tag, der seinem Leben eine entscheidende Wendung gegeben hatte, in allen Einzelheiten vor sich. Ja, er hatte sich geschworen, jedes Detail zu behalten, um auf diese Weise möglichst viel von seiner Mutter zu bewahren: ihr Lächeln beim Abschied, ihr heiteres Gemüt an ihrem letzten Tag, ihre tiefen, dunklen Augen, die samtschwarze, hochgesteckte Frisur, während alle anderen Damen der Gesellschaft noch weiße Perücken trugen, ihre hochhackigen Ledersandalen und den kuppelförmigen Rock, der ihr nur bis zu den Knöcheln reichte: ein kleiner Skandal bei Hofe.
Er sah, wie sie an jenem Unglückstag gegen zwei Uhr das Haus in Charlottenburg verließ, um im benachbarten Hopfenbruch, einem Moorgebiet, spazieren zu gehen. Rumi hatte sich – nach einem Schachspiel, dem ersten, das sie ihn hatte gewinnen lassen – mit einem Kuss von ihr verabschiedet, dann ungeduldig auf ihre Rückkehr gewartet und war immer nervöser geworden, als sie nach der verabredeten Zeit nicht aufgetaucht war. Er hatte sie suchen wollen, doch die Kinderfrau hatte es nicht erlaubt, weil er erst fünf Jahre zählte, und er hatte untätig und mit wachsender Angst gebangt, umfangen vom Gefühl der Ohnmacht und der Hilflosigkeit. Irgendwann, als er längst gewusst hatte, dass etwas passiert sein musste, hatte es an der Tür geklopft. Es war der Kammerdirektor von Schmettau gewesen, ein enger Freund seiner Mutter. Er hatte geweint und Rumi in den Arm genommen und ihm erklärt, dass sie einen falschen Tritt gemacht hatte und herabgezogen worden war. Man habe sie nur noch erstickt bergen können, im Moor. Seitdem hatte Rumi sich geschworen, ihren Tod zu rächen, ein schier aussichtsloses Unterfangen, doch nun bekam er tatsächlich Gelegenheit dazu. Er würde dabei helfen, Sumpf zu vernichten, auszutrocknen; Boden fest zu machen, damit nie wieder ein Mensch darin versank.
Nachdem er zwei Scheuermänner beauftragt hatte, das Gepäck des Professors vom Goldenen Löwen zur Werft des Lukas Koppek zu bringen (inklusive eines frisch eingetroffenen Briefes von Marschall), holte Rumi sein eigenes Bündel aus der Roten Lilie, dem Nachbargebäude des Hotels. Dort hatte er für nur drei Pfennige auf dem Dachboden genächtigt, sich diesen allerdings mit Mäusen, Küchenschaben und bepelzten, unangenehm riechenden und ihn sogar beißenden Käfern teilen müssen.
Als Nächstes ging er zur Praxis des Dr. Süßapfel, doch dessen Helferin sagte, der Doktor nehme seine Schlafstunde ernst und komme erst gegen zwei Uhr am Nachmittag. Um die Zeit zu überbrücken, lief Rumi in die Rote Lilie zurück, deren Schankraum um diese Zeit gut gefüllt war. Erneut gab es Star als Mittagstisch, weshalb er beschloss, sich vor der Abreise lediglich mit einem Bier zu stärken. Zu seiner Freude entdeckte er den Pritzstabel Kurtz, der ihn auf Vermittlung Schmettaus am gestrigen Tag in der Stadt empfangen hatte. Zwar wirkte der Mann eine Spur unheimlich, da man nie genau wusste, ob er gerade grinste oder bedrohlich seine Zähne fletschte (und den Mund geschlossen hielt er so gut wie nie), doch war er Rumi dennoch sympathisch. Auch wenn er keine ansehnliche Gestalt war und sich auf dem Fischmarkt die Leute vor ihm fürchteten: Rumi gegenüber hatte sich Kurtz zuvorkommend und korrekt verhalten. Der Pritzstabel mochte simpel und nicht der Hellste sein, immerhin war er aufrichtig, und so zögerte Rumi nicht und setzte sich neben den schwarz gekleideten Mann.
Kurtz war trotz der frühen Stunde beschwipst und machte keinen Hehl daraus. Schließlich war Flutzeit. Auch er freute sich über die Begegnung. Rumi war ein frisches Gesicht in dieser Stadt, in der Kurtz sonst alle Menschen kannte – zu gut kannte, um sie noch zu mögen, wie er manchmal dachte. Er rückte ein Stück zur Seite, damit für beide genug Platz war an der über und über mit Fischmessern bearbeiteten Theke, und bestellte dem Jungen bei Schmitt, dem Wirt, ein Bier. Dann plauderten sie über die anstehende Reise mit dem nagelneuen Kahn, den Kurtz über die Maßen bewunderte. Als Rumi von der Landkarte mit den Nebelbänken und dem aufgemalten Hechtmaul berichtete, weitete Kurtz seine Grimasse zu einem echten Lachen, sodass seine Augen komplett in ihren Höhlen verschwanden, und merkte an, der gute Fritze wolle sie wohl in die Irre leiten. Ob es aktuellere Karten gebe, wusste er allerdings nicht.
»Eine Sache noch. Die Wunde in Mahistres Herzgegend: Haben Sie diese mit eigenen Augen gesehen, gleich als Sie ihn fanden?«
Mit einem schwer zu lesenden Ausdruck im Gesicht blickte Kurtz ihn an, legte seine Stirn in Falten und bleckte den Mund zum Rechteck. »Komisch, dass du mich das fragst.« Er trank seinen Humpen aus und bestellte nach. Dann schüttelte er seinen quadratischen Schädel und hustete. »Aber vielleicht auch gar nicht komisch. Weil zuerst, also im Bruch, da ist mir die Wunde nicht aufgefallen.«
»Aber sie hätte doch für Sie zu sehen sein müssen.«
Kurtz zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung. Ich war ganz schön von den Socken. Erst als Süßapfel zur Stelle war – den ich holen ging, nachdem ich die Leiche in der Ambtsstube ablegt hatte – und als der Doktor die neun Löcher im Herz bei der Obduktion entdeckt hat, da hab ich sie auch gesehen.«
Dr. Süßapfel, der einen engen weißen Kittel über seinem Bäuchlein trug, gähnte gerade herzhaft, als Rumi zum zweiten Mal seine kleine Praxis in der Wrietzener Unterstadt betrat. Er wischte sich mit einem Taschentuch über die Glatze und hörte seinem Besucher aufmerksam zu, musterte ihn mit flinken grauen Augen und entschied, dass dem Jungen zu trauen war. Dann gab er freimütig Auskunft über den, wie er es bezeichnete, interessanten Leichnam des französischen Ingenieurs und sagte, dass ihm die neun Löcher in Mahistres Herzen sofort aufgefallen waren und es bezüglich der Todesursache deshalb keine Zweifel gegeben hatte. Merkwürdig, zumal wenn er jetzt darüber nachdächte, seien ihm allerdings die Gewebeschwellungen und Flecken am gesamten Torso vorgekommen, da sie nicht durch die Stichwunde und nur bedingt durch einen längeren Aufenthalt im Wasser zu erklären seien.
»Was meinen Sie, Doktor, wie lange dieser Aufenthalt im Wasser gewesen sein könnte?«
Süßapfel zuckte mit den Schultern und schob seine fleischige Unterlippe vor. »Einen Tag und eine Nacht, schätze ich mal.«
»Diese Flecken und Schwellungen: Woher könnten sie stammen?«
Süßapfel sah zur Decke. Dann zuckte er mit den Achseln. »Blutungen. Ungewöhnlich starke innere Blutungen. Wenn ich ehrlich bin: So etwas wie diese Leiche hab ich mein Lebtag noch nicht gesehen.«
Es war windstill, und mit der Strömung, die allerdings das präzise Steuern erschwerte, kamen sie rasch voran. Links und rechts am Ufer wuchsen in sattem Grün Brennnesseln, dahinter mannshoch das Schilf, durchsetzt mit den weißen Blüten der Trichterwinden. Die Anstrengung des Ruderns ließ Euler zur Ruhe kommen und auch die Sache um Mahistre, die er immer wieder von allen Seiten beleuchtet hatte, für eine Weile vergessen. Während sie unter einem weiten Himmel das klare hellgrüne Wasser durchschnitten, gelangte er nach einigen Minuten in einen Zustand, der ihn an Schweben erinnerte. Alles war so, wie er es sich vorgestellt hatte: das Gleiten, die Ruhe, die sich ausdehnende Zeit, die beschäftigten Muskeln. Alles an Bord wirkte auf ihn, die ständige Veränderung des Bootes in den Wellen, die Brise auf der Haut, der weite Blick und Luftkreis. Wie die zahllosen Silhouetten der Fische unter der Wasseroberfläche quicklebendig davonglitten, so glitten auch die Gedanken frisch durch ihn hindurch und verließen ihn, sodass er ganz leer wurde und frei. Auch Rumi genoss diese erste Fahrt. Sein Feind, der Sumpf, sah vom Boot aus recht ansehnlich aus, und die Steinschlosspistole, die er neben den Steuerstand gelegt hatte, wirkte in der friedlichen Landschaft deplatziert.
Nach einer guten Stunde hatten sie die gesuchte Insel erreicht und legten dort an, wo sich die Bardaune in die Faule See ergoss. Ausgiebig untersuchten sie das von Schilf auf der einen Seite sowie auf drei Seiten von Wasser umschlossene Uferstück. Die Spuren des Pritzstabels waren deutlich zu erkennen: die Schleifrillen seines Kahns, seine Fußstapfen im Morast sowie die Eindrücke im Boden, die anzeigten, wo der Leichnam gelegen haben musste und welche Strecke Kurtz ihn bewegt hatte, um ihn in sein Boot zu verfrachten. »Woher, Rumi, ist der gute Mahistre wohl gekommen, bevor er als Leiche an dieser Stelle lag?« Aufmerksam sah Euler sich um.
»Entweder landete er per Kahn an, oder er muss durch das Schilf gebrochen sein.«
»Würden Sie so freundlich sein und versuchen, diese Vegetation zu durchdringen?«
Rumi ging auf die grüne Wand aus Schilfrohr zu, die mehr als mannshoch in die Höhe wuchs. Mit beiden Händen probierte er, sich einen Durchgang zu verschaffen, doch auch bei größter Anstrengung gelang es ihm nicht. Beinahe unbeweglich und viel zu dicht standen die armdicken Rohre.
»Er muss also vom Wasser gekommen sein.« Euler blickte über die Faule See hinweg und die Bardaune hinauf. »Doch mit wem? Und was ist dann passiert? Wir finden hier keinerlei Spuren, die auf einen Kampf hindeuten.« Euler deutete auf die Eckpunkte, die das morastige Ufer begrenzten.
»Vielleicht hat ihn jemand tot hier abgelegt.«
»Ich sehe nicht einmal Fußspuren einer weiteren Person. Wer hat ihm den Speerstoß verabreicht?« Euler schüttelte den Kopf. »Wenn Sie mich fragen, bleibt nur eine Möglichkeit: Mahistre kam alleine hier an. Und war zu diesem Zeitpunkt schon tot.«
Kurz hinter der Faulen See, wo sie in den Hahnengraben bogen, endeten die Wegmarken, jene Holzpflöcke, deren Spitzen auf Steuerbordseite mit Zweigen versehen waren, und sie gerieten in ein unübersichtliches Delta aus Schlenken und Armen, niedrigen Fließen und Gräben. Jeden Abzweig notierte Euler und verglich ihn mit der Karte. Häufig waren diese Durchlässe recht kurz und führten in einer Schleife zu ebendem Gewässer zurück, von dem sie abgezweigt waren. Befand es sich so, machte er eine Markierung und schlug vor, einen solchen Mäander zu coupieren, den Verlauf zu begradigen, um schnelleren Verkehr auf dem Hauptstrom zu ermöglichen und dadurch das umliegende Land trocken zu machen.
Für diese Notizen nutzte er eine der klaren, harten Düsseldorfer Federn, legte das Lineal an und zeichnete einen fingerbreiten Doppelstrich durch die betreffenden Gemarkungen. Nicht immer war die Vorgehensweise eindeutig, da es sich bei keinem der Gewässer um stehenden Sumpf handelte, wie er angenommen hatte. Hier floss es überall, der Hauptstrom verteilte sich auf die verschiedensten Stränge und befand sich in dauernder Fluktuation. Umso gewissenhafter ging er seiner Arbeit nach, skizzierte neue, vereinfachte Fließmöglichkeiten und zeichnete jene Erddämme ein (die sogenannten Sommerdeiche von je fünf Fuß Höhe), die Mahistres Plan vorsah, um die Landschaft links und rechts vor künftiger Überschwemmung zu sichern. So kamen sie langsam, aber gewinnbringend voran.
Als Nächstes – und zwar als sie über den Landgraben zum ersten Mal den Hauptarm der Oder erreichten – machte er sich daran, die Strömungsgeschwindigkeit zu messen. »Nun nicht mehr rudern«, bat er Rumi, nahm aus der obersten Schublade des Instrumentenschrankes die Logge heraus, ein viertelkreisförmiges Holzbrett, das mit Blei beschwert und an einer Leine befestigt war, und ließ sie ins Wasser. Dann drehte er das Logglas um, eine einfache Sanduhr, und maß die Zeit, die es brauchte, bis die Strömung die Leine gestrafft hatte. Er notierte den Wert und setzte Zeit und zurückgelegte Strecke ins Verhältnis.
Es war früher Abend, als sie über den Dreetzer Zopf und die Zispe, die sich in engen Kurven durch das Dickicht schlängelte, den Fährkrug bei Schiffmühle erreichten. Die Gaststube war bereits geschlossen, nirgendwo waren Menschen zu sehen, nur eine Gruppe ungewöhnlich großer, stolz wirkender Junghasen mit beeindruckenden Löffeln, deren Innenseiten im Abendlicht rosafarben glühten, tummelte sich im geschnittenen Gras. Es hatte abgekühlt, und die Luft fühlte sich wie eine dezente Umarmung an. In der tief stehenden Sonne, die über den Wellen glitzerte, leuchteten die Binsen und Blätter der mit ihren Wurzeln teils im Wasser stehenden Eschen und Stieleichen golden auf. Zahllose, aus der Ferne wie kleine bunte Tupfer aussehende Vögel jubilierten im Ufergebüsch. Eine Rotbauchunke rief in tiefen Tönen, andere antworteten ebenso tragend. Der Himmel dunkelte silberfarben ab; nur im Westen leuchtete ein Wolkenstreifen orangerot. Die Konturen der Dinge traten noch einmal deutlich hervor.
Euler stopfte eine Pfeife und rauchte zwei rasche Züge, um sie richtig zum Glühen zu bringen. Dann drückte er mit dem Stopfer die Asche nach unten. Wütend umsurrten ihn Stechmücken, kamen aber wegen des Rauches nicht an ihn heran. Er nahm einen weiteren, dieses Mal ruhigeren Zug. »Für mich ist eines unbestreitbar«, sagte er zu Rumi, der sich auf der Heckbank vom Rudern ausruhte, »unsere Bemühungen um Auflösung des Todes des Monsieur Mahistre stehen in einer engen, wenngleich noch unbekannten Relation zu dem tatsächlichen Wert dieses Moores, das wir durch unsere Vermessungsarbeiten zum Verschwinden bringen. Wir müssen hier Dinge in Beziehung setzen, von denen wir vorher nicht glaubten, dass sie in Beziehung stünden. Doch letztlich werden wir dadurch in eine Tiefe vordringen, die uns die Wahrheit erkennen lässt.«
»Nehmen Sie es mir nicht übel, Professor«, Rumi blickte gen Westen in den feuerroten Abendhimmel, »aber das alles klingt nach einer schrecklich komplizierten Angelegenheit.«
»Nennen wir es lieber komplex«, erwiderte Euler. »Lange sieht es so aus, als blicke man auf ein Durcheinander, und die neu aufkommenden Fragen überwiegen die Antworten, die wir bereits geben können. Doch wie bei jedem mathematischen Problem kommt der Moment, an dem es umschlägt, und die Lösung steht klar wie Glas vor einem da.«
Er legte seine Pfeife auf ihrem Untersetzer ab, zog die Schublade auf und holte den Brief Marschalls sowie die dicke Mappe hervor, die Schmettau ihm zur Verfügung gestellt hatte. Zunächst las er Marschalls Zeilen, die Rumi aus Wrietzen mitgebracht hatte. Der Staatsminister erinnerte an ihr Gespräch in Ranfft und schrieb, dass der letzte Brief Mahistres tatsächlich nicht am Krummen Ort, sondern aus Wrietzen abgeschickt worden war.
Nun schlug Euler die Kladde von Schmettau auf. Ganz oben war mit Faden das Gutachten Haerlems eingeheftet, das zugunsten des Mahistre-Plans verworfen worden war. Darin war ein Gewinn durch die Melioration von lediglich 7664 Morgen prognostiziert. Euler überflog das Gutachten zunächst nur, doch an einer Stelle stutzte er. Um die Kosten zu refinanzieren, hatte der Deich-Oberinspektor vorgeschlagen, pro trockengelegten Morgen einen jährlichen Zins einzufordern. Explizit ausgenommen von solchen Zahlungen wurde das Gut Ranfft, obwohl dieses mit 1460 Morgen neuem Land erhebliche Zugewinne hätte. Wie passte dies zu der Behauptung Marschalls, Haerlem wolle ihn zu der übertriebenen Forderung von 65000 Talern zur Rodung seiner Wälder zwingen? Versuchte der Staatsminister zu verdecken, dass er mit dem Friesen zusammenarbeitete? Aufmerksam blätterte Euler in dem einspaltig geschriebenen Gutachten weiter. Was ihn nach einer Weile ebenfalls verwunderte, war die Tatsache, dass Haerlem weder die Kosten des von ihm vorgeschlagenen Grabens budgetierte noch Berechnungen anstellte, welchen Gewinn das Bruch in seinem derzeitigen Zustand seinen Bewohnern, aber auch seinen Besitzern durch Abgaben einbrachte. Den Fischreichtum, von dem so viele sprachen – und der augenscheinlich war, er musste nur über Bord blicken –, tat Haerlem mit der flapsigen Bemerkung ab, dass einer Kuh ein höherer Wert zukomme als ein paar Plötzen. Hatte sich der Deich-Oberinspektor mit den realen Werten nicht beschäftigen wollen, weil er als künftiger Viehzüchter Eigeninteressen vertrat?
In dieser Nacht, die sie am Fährkrug lagen, setzte der heftige Regen ein, der häufig der Flut vorausging. Die Wellen bauschten sich auf und schlugen in unaufhörlichem Rhythmus gegen den Kiel der Flins. Immer schneller fielen die Tropfen, unaufhörlich klopfte es, wie mit eintausend Knöcheln. Uferbänke aus rotem Schlamm rutschten in der Schwärze der Nacht in den angeschwollenen Fluss, Bäume schüttelten ekstatisch ihre Äste, schwarze Wolkenfetzen zerrissen die Zusammenhänge der Sterne, und dann flackerte nur noch das Quappenlicht. Blitze überschrieben das Firmament, zuckten nach unten, um in Haine oder ins Gewässer zu schlagen. Aus tiefster Dunkelheit entsprangen diese Flüsse am Himmel, verzweigten sich rasend, und das Bateau zitterte auf kippliger See. Die Front kam aus dem Osten, zerzauste die Wälder der Endmoränenhänge und warf das Wasser des Sumpflandes zu wüsten Wellen auf. Die Flins zerrte an ihren Leinen, schlug von der einen auf die andere Seite, die Temperaturen sanken, die Stärke des Regens variierte, mal war es ein Tapp-tapp, dann ein Pochen, bald ein Peitschen und Trommeln.
Plötzlich war es auf einen Schlag still. Der Regen hatte aufgehört, und es wehte kein Lüftchen mehr. Etwas anderes war zu hören. Ein Grollen aus der Ferne – wie ein Brechen von Widerstand. Dann wieder Ruhe. Ein Rauschen. Sehr schnell bewegte sich etwas, und es verrutschte das Wasser unter dem Boot so unweigerlich, dass es die Seile zerriss. Eine sanfte, sehr bestimmte und vor allem ungeheuer große Hand schob sich unter die Flins, hob sie nach oben, und das königliche Bateau fing unkontrolliert zu treiben an.
In diesen Stunden kam die Flut. So tief die Menschen auch schliefen, sie bemerkten es, denn sie kannten den Ton der unzähligen aufsteigenden Blasen genau, dieses Schwappen überall und das Plätschern, Glucksen und Rauschen. Das Schlagen von treibendem Holz an die Schutzwälle aus Dung sowie jenes eigentümliche Gefühl, das sich einstellte, wenn alles, was lose gewesen war, angehoben wurde und ins Trudeln geriet.
Es war bekannt, dass in solchen Nächten häufig neue Bruchkinder gezeugt wurden, denn es waren Stunden voller Zauber und Veränderung, und etwas von der Energie, mit der das unbändige Wasser aufgeladen war, übertrug sich auf die Menschen. Endlich, nach so viel eingeschränktem, vorgeschriebenem Lauf zwischen den bekannten Ufern gab es Freiheit, Regellosigkeit und ungehemmte Entfaltung. Endlich nach Herzenslust sich laben können, ohne Zwang, ohne vorgeschriebenes Ziel: endlich zügellos mäandern! So stürzte der mächtig angeschwollene Oderstrom auf jene Felsblöcke zu, die ihn gestern noch in die Schranken gewiesen hatten, brandete an ihnen empor, warf Spritzer darüber und umfloss sie, eilte lärmend in durcheinanderquirlenden Wirbeln über die kleineren Steine abwärts, über die Erde, die sich sättigte mit diesem Fluss, die abtauchte in ihm, während Schaum und Gischt an der Luft versprühten. Bereits in der Nacht wurden Wiesen so hoch überschwemmt, dass nur die Wipfel der Bäume aus dem Wasser ragten.
Flut – die Brücher spürten, wie es die tiefste Tiefe ihrer Seele anrührte: wie lange Verborgenes in diesem Rauschen nach oben stieg. Sie kannten diese Gefühle und genossen sie, denn die Gewaltigkeit des Vorgangs strahlte Ruhe und Schönheit aus und beruhigte alle verwirrten Empfindungen.
Als Oda am Morgen auf ihrem Nachen unter der warmen, sie vor dem Wetter schützenden Leinendecke erwachte, war alles, was das Auge gestern noch abgelenkt hatte, verschwunden. Nirgendwo war ein Ufer zu sehen, nur in der Ferne die Umrahmungen der Endmoränenhänge, die das Bruch wie ein riesiges Tableau einfassten. Mitten auf dem rötlich schimmernden Wasser trieben, schwimmenden Gärten gleich, herausgebrochene Erdstücke voller Orchideen, mit breitblättrigem Knabenkraut besetzt, den Rispenblüten des Baldrians. Schwarzerlen ragten aus dem Nass, griffen mit ihren Ästen im frischen Morgenwind wie nach Hilfe. Schreiend durchzog eine Schar Wildgänse den Himmel.
Oda wurde von einem Gefühl heiliger Erregung gepackt: Für sie war es, als habe Gott sich ausgegossen in die Welt und schlage nun überall seine Augen auf. Auf ihren Armen bildete sich Gänsehaut. Sie wusste, dass in allen Dörfern des Bruches die Menschen erwachten und sich ebenfalls an diesem Schauspiel ergötzten. Sie fühlte sich eins mit ihnen, und Tränen überschwemmten ihre Augen, flossen ihr die Wangen hinab. Alle dort draußen im Bruch würden nach den aufwühlenden Ereignissen der vergangenen Tage und dem Tod des jungen Sten mit dieser Flut die Hoffnung auf einen neuen Anfang verbinden. Ja, sie musste alles tun, um diese Welt vor dem Untergang zu beschützen. Sie blickte in die Ferne. Irgendwo musste es sein, das Bateau mit dem Namen Flins, das mit seinen Instrumenten all das kommende Unglück beschleunigte. Sie umfasste mit beiden Unterarmen ihren Oberkörper und atmete gleichmäßig, bis sie sich ruhiger fühlte.
Noch vor dem Morgengrauen erwachte er. Die Kajüte war zu eng, er schwitzte stark, von draußen schlugen Äste gegen das Boot. Fröstelnd kämpfte sich Leonhard Euler in seinem Schlafrock aus grobem blauem Düssel an Deck. Ihm war übel und schwindlig, und er bekam nicht richtig Luft. Mit letzter Kraft schaffte er es bis zur Reling und übergab sich, sah, wie zahllose Fische sich um sein Erbrochenes balgten – und übergab sich erneut.
Er versuchte ruhig zu werden. Was war nur los mit ihm? Und wo befanden sie sich? Sie trieben ja! Land war in der Dunkelheit nirgendwo zu sehen. Rasch stieg er backbords an der Kajüte vorbei auf den Bug, legte Anker. Das Wasser war recht flach, doch aufgrund der Strömung zog der Anker ein Vielfaches der Wassertiefe an Leine nach. Vorsichtig ging Euler ins Heck zurück, wischte sich den Schweiß von der Stirn, setzte unter Mühen einen Topf Wasser für Tee auf, begab sich an den Schreibtisch. Er zog die Schublade auf, kramte den Tabaksbeutel hervor, suchte sich einige gute Blätter und zerbröselte sie mit fahrigen Bewegungen, füllte den Pfeifenkopf. Am Seitbord riss er ein Zündholz an und nahm den ersten Zug. Schon ging es besser.
Ein erster Lichtstrahl zeigte sich. Zunächst war nur ein heller Punkt zu sehen, doch rasch stieg, zum Teil verdeckt vom Schleier der Wolken, der Kreis der Sonne über die Linie des Horizonts. Nebelbänke lagen auf dem milchig dampfenden Wasser und erinnerten an riesige Kaffenkähne.
Rumi kam an Deck. Eingeschüchtert sah er sich um. Wasser überall, kein Land mehr in Sicht. »Professor, sind wir noch in Brandenburg?« Plötzlich stutzte er: »Hören Sie das?« Ein traurig klingendes Stöhnen zog über die kipplige silbergraue Wasserfläche hinweg. Es schien aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen. »Was ist das?« Behände kletterte Rumi auf das Kajütdach und blickte sich um.
»Der Morast produziert merkwürdige Laute. Schlick setzt sich ab, Wasser steigt auf.« Euler wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Wieder zog das klagende Geräusch über den von Wasser bedeckten Sumpf. »Nein, Professor, das kann es nicht sein. Das ist etwas anderes … eine Seele, ja, eine unterirdisch fließende, tausendfach verzweigte Seele …«
»Lieber Rumi, jetzt geht die Poesie mit Ihnen durch. Denken Sie bitte daran: Die Klinge der Ratio ist unser einziges Werkzeug bei dieser Reise, und sie ist ein ausreichendes. Es gibt in jedem Falle eine wissenschaftliche Erklärung für diese Töne. Dass sie seltsam klingen, da stimme ich Ihnen gerne zu.«
Rumi schüttelte den Kopf. »Seit der Regen in der Nacht eingesetzt hat, beschleicht mich ein Gefühl der Bedrückung. Ich fürchte, dass wir uns gerade in etwas ganz Schreckliches verwickeln. Etwas, das unser Vorstellungsvermögen übersteigt. Der Sumpf ist ein Ort voller Fallen.« Mit düsterer Miene blickte er in Richtung östlichen Horizont, wo zwei strahlend weiße Rauchkraken zu sehen waren. Intensiv leuchteten sie vor dem Hintergrund des dunklen Himmels. »Und wenn manche dieser Fallen verschwinden, tauchen andere dafür auf. Wege, die eben passierbar waren, sind mit einem Male blockiert. Was gerade noch einfach erschien, ist plötzlich verwirrt. Ich sag’ Ihnen was: Durch seine Fäulnisprozesse brütet der Sumpf den Wahnsinn aus.« Mit einem Mal weiteten sich Rumis Augen: »Und schauen Sie doch da! Was zum Teufel ist das?«
Euler drehte den Kopf und folgte Rumis Blick. Kaum mehr als einen Steinwurf entfernt löste sich eine der Nebelbänke auf, und eine von dunklen Flecken zersetzte Ebene kam zum Vorschein. Heiser krächzend stiegen Raben auf, wurden von den niedrig hängenden Wolken verschluckt. »Professor, sehen Sie das?!« Vor ihren Augen veränderte sich die Fleckung aus Nebel und schwarzem Wasser, wirkte immer geometrischer und ähnelte einem riesigen Schachbrett. Mehrere Figuren, größer als Menschen, befanden sich darauf. Waren es Wolken? »Erkennen Sie den weißen Turm?! Wie er loszieht, dort auf das schwarze Ross zu, das im Nebel zu flüchten versucht!«
Euler antwortete nicht, doch er sah es ebenfalls. Das merkwürdige Gebilde, das tatsächlich an einen Turm erinnerte, nahm die Verfolgung der Nebelgestalt auf, die Rumi als Ross bezeichnet hatte. Der Reiter, der auf diesem saß, versuchte zu entkommen, da stieg das Pferd – als fürchte es sich vor dem Turm – mit den Vorderhufen in die Luft. »Er stürzt, Professor, der Reiter stürzt!« Die weiße, vertikal ausgerichtete Wolke des Turms kam immer näher an den abgeworfenen Reiter heran, der sich nicht mehr von der Stelle bewegen konnte und unerbittlich nach unten gezogen wurde, während sich der nebulöse Turm direkt neben ihm befand. »Der Turm versenkt ihn, Professor!« Der Reiter konnte seinen Kopf gerade noch so an der Oberfläche halten, doch sein ganzer Körper war bereits eingesunken, und nun saugte ihn das Moor, das von seinem Griff nicht mehr abließ, vollständig in die Tiefe hinab.
»Bei allem, was mir heilig ist …« Rumi richtete die Steinschlosspistole aus und zielte. »Schauen Sie doch, die Erscheinung bekommt ein Gesicht.«
Euler blickte über die von Dämpfen verhüllte sumpfige Landschaft. Vor seinem Auge verwandelte sich das Nebelgespinst des weißen Turmes in einen von ausufernden Perückenwellen umrahmten Kopf, der ihm nur zu bekannt vorkam. »Guter Gott«, rief Rumi und ließ die Waffe sinken. »Der Turm … es ist der Deich-Inspektor. Es ist Simon von Haerlem. Wissen Sie was, Professor: Das ist ein Zeichen. Haerlem ist unser Mörder!«
Euler schlug mit der flachen Hand auf seinen Unterarm, produzierte eine rote Schliere und wischte die tote Stechmücke von sich ab. Er kniff das linke Auge zusammen, um gegen die Sonne, die durch die Wolken gebrochen war, besser sehen zu können. »Lieber Rumi, es gibt eine eiserne Regel, was die Lösung einer solchen Gleichung betrifft: Niemals dürfen unsere Erkenntnisse irrationalen Gesichten und daraus resultierenden Vermutungen geschuldet sein. Lassen Sie uns wie erwähnt alleine die scharfe Klinge des Verstandes verwenden.«
»Aber selbst dann hat doch Haerlem den allermeisten Grund …« Rumi schnitt zwei Stücke Käse ab und schüttelte den Kopf: »Ist es nicht offensichtlich? Mahistre hatte mit seinem Wunsch, die großen Findlingssteine und die alten Gebeine der Wenden vom Krummen Ort an einen anderen Platz zu verfrachten, eine erhebliche Erhöhung der Kosten riskiert. So hat es Ihnen Frau von Marschall berichtet. Und dies, wo die Finanzen ohnehin knapp sind nach dem Schlesischen Krieg. Haerlem musste fürchten, dass der König die ganze Sache abbläst. Sein Lebensprojekt stand auf dem Spiel, noch bevor es so richtig begonnen hatte. Da hat der ehrgeizige Deich-Oberinspektor Fakten geschaffen. Außerdem hat er es nie verwinden können, dass Mahistres Plan eindeutig der bessere ist und zur Ausführung kommt und nicht sein eigener. Das sind doch mehr als irrationale Vermutungen, Professor.«
»Gekränkte Eitelkeit ist ein starkes Motiv, so viel gestehe ich Ihnen zu. Aber nein, Rumi, wir haben es hier mit einem größeren Bild zu tun. Wir müssen einen Schritt zurücktreten, um es zu erkennen. Und ich befürchte, es bleibt nicht bei Mahistre. Es werden weitere Menschen sterben. Und zwar nicht von Haerlems Hand.«
Rumi schaute über das Wasser. »Glauben Sie das wirklich?«
»Ja, und ich muss sogar annehmen, dass der Täter es auch auf uns abgesehen hat. Denn wir – und zumal ich selbst – stehen für das Gelingen dieser Maßnahme. Deshalb müssen wir ihm rasch auf die Schliche kommen, schneller sein als er. Gleichzeitig muss ich zugeben, dass ich mich verschätzt hatte.«
»Was meinen Sie damit?«
»Ich hatte geglaubt, je tiefer wir in den Sumpf vordringen, desto leichter würde es sein, das dunkle Etwas, das uns alle umgibt, zu erhellen. Doch das Gegenteil ist der Fall.«
»Das Gegenteil?«
»Wenn ich das linke Lid schließe, sehe ich mit dem geistigen Auge einen chaotischen Wirbel an Zahlen. Anstatt ordentliche Reihen, die zu einem Ergebnis führen. Alles ist so wirr wie dieses schlängelnde Wasser hier. Und dort, auf dem Grund, in der Tiefe, liegt das Geheimnis um einen toten Ingenieur, der mithilfe der Ratio einen Kanal graben wollte, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat.« Euler pausierte kurz. »Wir werden diese Tiefe ausloten, Rumi. Wir werden diesen Wirbel beschreiben und in Begriffe fassen, auch wenn es alles andere als einfach wird.«
Ein Kiebitz vollführte mit weit ausholendem Schlag seiner gerundeten Flügel sonderbare Wendungen in der Luft. Unzählige Libellen flogen knapp über dem Wasser, Käfer summten, grün-metallische Fliegen blitzten. Halb versunken am Ufer wuchsen Ehrenpreis, Buch- und Windröschen. Träge zogen am Himmel hochgetürmte Wolken über das Bruch hinweg.
Auf dem Boden der Grube, wo an diesem Tag etwa zweihundertfünfzig Männer schufteten, stand knietief das rostfarbene Wasser. Unermüdlich tauchten die Arbeiter ihre Schippen in den Schlamm, hievten ihn in Holzkübel, die ihre Kollegen in einer Kette zum Grubenrand durchreichten, wo man die Erde zwischen den ausgebrachten Weidenrutenbündeln hinkippte, die man Faschinen nannte und die der aufgeschütteten Erde Halt gaben. So wuchs das künftige, neue Flussbett zur gleichen Zeit wie der Deich, der dieses in Schranken halten würde.
Überall am Krummen Ort war Wasser. Es kam aus dem Boden, füllte die Fußtritte der Männer, machte die Erde schwer und sorgte dafür, dass die Arbeit Plackerei war. Auch drückte es sich durch die linnenen Bodenplanen der Zelte, die in strikten Reihen auf einer ungeschützten Anhöhe standen. Mit Sonnenaufgang begann die Schicht. Wer eine Pause einlegen durfte, Nahrung zu sich nahm und sich aus der Grube auf den Hügel zurückbegab, vernahm auch von dort die niemals verstummenden Geräusche der Baustelle: das Einstechen der Schaufeln, das Schippen der nassen Erde, das helle Klingen, wenn jemand auf einen größeren Stein gestoßen war. Kam dies vor, rief der Betreffende nach Unterstützung – je nach Größe des Findlings konnten Dutzende von Helfern vonnöten sein –, und gemeinsam wurde das Hindernis beiseitegeräumt. Auch nach Feierabend kam das Lager nicht zur Ruhe. Zelte, in denen Glücksspiel betrieben wurde, waren ebenso beliebt wie kleine »Wirtshäuser«, wo Bier und Schnaps in Strömen flossen. Provisorische Schilder priesen dies oder jenes an, meist Hochprozentiges, aber auch Seife, Seile, Werkzeug.
Es war bereits dunkel, als Leonhard Euler und Rumi den Krummen Ort erreichten. Fackeln brannten an der Anlegestelle. Eine Vielzahl von Kähnen lag dort, einige Männer badeten, wuschen sich den Schmutz des Tages von der Haut, andere reinigten ihr Geschirr oder schrubbten ihre einfache Leinenkluft. Die beiden Zelte des Vorarbeiters Kümmerle lagen am oberen Rand der provisorischen Siedlung, von wo aus man alles im Blick hatte. Über einen Trampelpfad, dessen schlammigste Stellen Bretter überbrückten, machten sie sich auf den Weg dorthin. Überall brannten Feuer, Männer saßen daran, ihre Stimmen füllten die Nacht. Hier und dort war Gesang zu hören. Hunde bellten ohne Unterlass.
Wie alle anderen Zelte waren auch die des Vorarbeiters aus ungefärbtem Leinen und mit Weidenstöcken sehr simpel gebaut. Zwischen ihnen waren Schnüre gespannt, an denen nasse Wäsche hing. Kümmerle saß in einem grob gewirkten dunkelgrünen Leinenanzug und einem breitkrempigen schwarzen Hut an seinem Lagerfeuer, in das er einen Stock mit einer in Salz gewälzten, ungeschuppten Maräne hielt. Er war ein dünner, drahtiger Mann mit schmalem Gesicht, sorgfältig geschnittenem Ziegenbart und kurz geschorenem schwarzem Haar. Beflissen sprang er auf, als er seine Besucher näher kommen sah, klemmte sich die Pfeife zwischen die Zähne und begrüßte die beiden Männer mit kräftigem Handschlag. Dann stieg er in das linke seiner Zelte und kam mit zwei großen Kissen und Holzblöcken wieder heraus, errichtete Sitzgelegenheiten und bat seine Gäste, Platz zu nehmen. Er griff nach einer Flasche, die neben dem Eingang des rechten Zeltes stand, und goss in drei Blechtassen ein, die er von der gespannten Schnur nahm.
»Wirklich schön, dass Sie hergefunden haben.« Herzlich stieß Kümmerle mit ihnen an und kippte seinen Schnaps in einem Zug, obwohl der Becher beinahe voll gewesen war. »Mann, schmeckt das schön scheußlich.« Er schüttelte sich. »Na, die Zeiten, wo wir hier guten Rotwein gesüffelt haben, sind passé. Mahistre hatte ja einen gewissen Stil aus Paris mitgebracht.«
»Da Sie ihn so rasch ansprechen …«, sagte Euler und nahm ebenfalls einen großen Schluck. Trotz der lauen Temperaturen fröstelte ihn, und er erhoffte sich, dass der Alkohol ihn wärmte. »Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen oder etwas von ihm gehört?«
Kümmerle überlegte kurz. »Das war am vergangenen Mittwoch. Muss der Fünfte gewesen sein. Da kam ein Brief von ihm, aus Wrietzen. Es ging um die Rekrutierung weiterer Arbeiter, er war im Gespräch mit einem Koppek, Mann aus Reetz. Der hat ihm dreißig Leute versprochen. Ich sollte alles vorbereiten, Zelte aufstellen. War ein Meister im Organisieren, der Mahistre. Der konnte gut mit allen, lebendiger Franzmann, nicht so ’n preußischer Bureaucrat. Der ist auf seinem Ross geritten, nicht auf Paragrafen.« Kümmerle wischte sich über den Mund und setzte erneut seine Tasse an, obwohl nichts mehr darin war. »Arbeitermangel ist unser größtes Problem hier, das hat Mahistre erkannt. Keiner will den Dreck wegschippen, und die Gabower See in unserer Nachbarschaft drückt mächtig. Deshalb ziehen wir ab morgen einen Parallelgraben, dicht am Deichfuß entlang. Wir müssen das verflixte Drängewasser abfangen. Ausfälle können wir uns da wirklich nicht leisten.« Mit ausgestrecktem Arm deutete er auf eine Erhebung, die der Zeltsiedlung gegenüberlag: »Bis zum Wintereinbruch müssen wir’s schaffen, durch die Anhöhe dort. Gelingt’s uns nicht, können wir im nächsten Frühjahr von vorne anfangen.« Er blickte in Richtung Grube und nickte zweimal vor sich hin. »Hat leider nicht den Ruf, gesund zu sein, hier zu malochen. Immer mit den Latschen im Wasser. Und die Leute sind sofort verschwunden, wenn auf dem heimischen Hof die Ernte anfällt oder so was. Viele grapscht mir auch der König selbst durch Militärdienst vor der Nase weg. Außerdem haben wir Engpässe, was den Lohn angeht. Das macht die Sache nicht einfacher.«
Euler sah über die flackernden Feuer des weiten Lagers hinweg und dachte an das orangefarbene Licht, das er am gestrigen Abend in Ranfft gesehen hatte. War es wirklich der Krumme Ort gewesen? »Finden Sie hier viele Knochen?«
»An die Gebeine haben wir uns gewöhnt. Anfangs haben die noch für Schauergeschichten gesorgt. Aber Mahistre hat nicht mit sich spaßen lassen. Hat den Männern eingetrichtert, die unbekannten Toten zu ehren. Er hat gemeint, es könnten ja die Ahnen von jedem von uns sein.«
»Frau von Marschall behauptet, der sorgfältige Umgang mit den Gebeinen halte die Arbeit signifikant auf.«
»Wir haben dadurch pro Tag weniger Erde beiseitegeschafft. Seit Neustem geht’s zackiger. Jetzt werden die Knochen mit der Schippe klein gestoßen und einfach mit der Erde weggekippt. Schädel gehen direkt in die Eimer rein und werden ausgeleert, wo der Deich wächst.«
»Stammt die neue Anweisung, wie mit den Knochen zu verfahren ist, von Ihnen?«
Kümmerle schüttelte den Kopf. »Haerlem führt das Regiment. Ich setze nur um, was mir aufgetragen wird. Er verspricht sich von dieser Vorgehensweise sehr viel. Er behauptet, dass der Deich an Stärke gewinnt, wenn wir die Toten reinwerfen.«
»So etwas sagt der Deich-Oberinspektor?«
»Ja, der Deich würde sich dadurch aufladen, behauptet er.«
Euler runzelte die Brauen. »Wo finden wir den guten Haerlem?«
»Hier nicht, fürchte ich. Ist heute Mittag überstürzt nach Güstebiese aufgebrochen. Weshalb, hat er nicht gesagt. Schien dringend.«
Rumi drehte den Kopf und sah Euler eindringlich an. »Stand noch etwas in dem letzten Brief von Mahistre?«, fragte Euler.
»Ja. Er hatte vor, von Wrietzen aus einen Heiler aufzusuchen, im Niederen Bruch.«
»Einen Heiler? War er krank?«
»Davon schrieb er nichts. Aber einen Arzt hier zu finden, einen guten, ist nicht leicht. Mir fällt nur Süßapfel ein, in Wrietzen.«
»Warum ist er nicht zu dem?«
»Woher soll ich das wissen?« Kümmerle zuckte mit den Achseln. »Er hat sich gern mit den Leuten aus dem Bruch eingelassen. War ja dann wohl auch sein Verhängnis.«
»Was wissen Sie über diesen Heiler?«
»Hab schon ein paarmal von ihm gehört«, antwortete Kümmerle. »Bartok wird der genannt. Kennt angeblich alle Pflanzen des Bruchs.«
»Wissen Sie, wo er lebt?«
»An der Löckeritz. Haust dort in der Pfahlmühle mit seiner ganzen Bagage.«
»Haben Sie jemanden zu ihm geschickt?«
Kümmerle nickte und goss sich erneut ein. »Bartok behauptet, Mahistre sei nie bei ihm gewesen. Aber er soll bei dieser Aussage nervös gewirkt haben.«
»Wir werden diesen Heiler aufsuchen«, sagte Euler zu Rumi. Dann wandte er sich an Kümmerle: »Was glauben Sie, woran Mahistre gestorben ist?«
Kümmerle zog seine Maräne aus dem Feuer, bevor er antwortete. Sie war auf einer Seite goldbraun, an manchen Stellen bereits schwarz, während die andere Seite noch bläulich war. »Was mit dem Mann passiert ist, ist mir ein Rätsel. Gestern kam die Nachricht, dass ein Fischer seinen Rappen gesehen hat, in der Nähe vom Jäckelschen Loch. Der Mann hat das Tier einfangen wollen, aber die Strömung trieb sein Boot ab. Es ist ein sehr schönes, treues Pferd, ich kenne es gut. Mahistre hat es aus Frankreich mitgebracht.«
»Am Jäckelschen Loch?« Euler sah ihn aufmerksam an. »Was hat das Tier dort zu suchen?«
»Vielleicht war’s ein Reitunfall. Mahistre war zwar ein verteufelt guter Reiter, aber man kann immer fehltreten, vor allem im Sumpf. Das Tier erwischt eine weiche Stelle, knickt um, der Reiter fällt ab, stürzt ins Wasser, schlägt mit dem Kopf auf einen Stein, bricht sich das Rückgrat, was weiß ich.«
»Aber weshalb hat man ihn dann bei Wrietzen gefunden, aber sein Pferd ganz wo anders? Ist das nicht merkwürdig?«
»Stimmt auch wieder. Vielleicht ist er per Kahn dorthin?«
»Und lässt sein geliebtes Pferd alleine zurück?« Gedankenverloren blickte Euler ins Feuer. Seine Arme taten ihm von der ungewohnten Anstrengung des Ruderns weh. Es fühlte sich an wie Gliederschmerzen bei Influenza.
Kümmerle wendete die Maräne und hielt ihre blaue Seite gegen die Flammen. In der anderen Hand hatte er einen eisernen Schürhaken und stocherte damit in der Glut herum. »Vor ein paar Tagen war Veit Maltschau hier am Krummen Ort. Veit aus Lewin, der Sohn des Radomeer, so heißt der alte Anführer der Brücher. In Lewin mögen sie es nicht, was wir hier tun. Veit wollte die Arbeiter aufwiegeln, ist abends von Zelt zu Zelt. Er hat’s klug angestellt, mir ist er erst aufgefallen, als er mit seinen Hetzreden schon fertig war. Manche haben seine Worte erhört und gleich am nächsten Morgen die Schippen niedergelegt. Von solchen Leuten wie diesem Veit ist nichts Gutes zu erwarten. Wenn Sie mich fragen: Der schreckt vor nichts zurück.«
»Veit Maltschau …«, sagte Euler, ohne den Satz zu Ende zu führen. Er spürte mit einem Male, wie betrunken er war und wie vernebelt sein Verstand. Gewöhnlich setzte ihm Schnaps nicht so zu. Er sah Kümmerle an, der seine Maräne auf einem Zinnteller ablegte. Hell loderten die Flammen im Hintergrund auf, und für Momente wirkte es so, als ob sie durch den Körper des Vorarbeiters hindurchleuchteten, der dadurch etwas Geisterhaftes bekam.
Mithilfe von Fluchtstangen vermaß Leonhard Euler am nächsten Morgen das Gefälle vom tiefsten Kanalpunkt bis zur Höhe des Sporns, brachte die Elevation vom Krummen Ort bis nach Hohensaaten in Erfahrung und bestimmte die Höhe der Stellen, die es zu durchstechen galt. Dafür nutzte er eine lange Stange, die Rumi aufrichtete, und projektierte von der Unterseite des zu coupierenden Berges die Linie des Kanals.
Als Nächstes nahm er den Oktanten aus dem Instrumentenschrank und lief damit durch den Matsch bis zur tiefsten Grubenstelle. Behutsam schwenkte er die Alhidade und peilte über Kimme und Korn den Winkel zwischen der Basis, an der er sich befand, und der höchsten Stelle. Da die Entfernung bis zu dieser bekannt war, konnte er die Höhe berechnen. Diese Nivellierung ergab, dass das Gefälle auf die Distanz von 453 Ruten fünfeinhalb Fuß betrug. Nachdem ihm Kümmerle mitgeteilt hatte, wie viel Erde ein Arbeiter pro Tag mit Schaufel und Eimer im Schnitt bewegen konnte, rechnete Euler aus, dass die an ihrem Grund zehn Ruten breite Strecke inklusive der wetterbedingten Winterpause in knapp fünfzehn Monaten zu schaffen wäre – und zwar wenn eintausend Männer ohne Unterbrechung und bei voller Ausnutzung des Tageslichtes zum Einsatz kamen.
Des Weiteren schlug Leonhard Euler vor, am Krummen Ort eine Brücke zu errichten, die die Landpassage von Berlin nach Pommern sicherstellte, da ein Übersetzen per Fähre auf dem neuen, viel schneller fließenden Kanal nicht mehr praktikabel sei. Für diesen Bau veranschlagte er weitere einhundert Arbeiter für zwei Jahre. Als Nächstes galt es, die Distanz zwischen dem Krummen Ort und dem Beginn des Kanals bei Güstebiese zu bestimmen sowie ebenfalls das Gefälle. Als er auch diese Aufgabe gelöst hatte, ließ er Rumi alles fein säuberlich abschreiben, während er selbst, obwohl er sich fiebrig fühlte, den Kahn in Ordnung brachte. Dann legten sie ab.
Die Äste der mächtigen Flatterulmen rechts und links der schierlings- und wurzelstockbewachsenen Ufer verschränkten sich über ihnen beinahe lichtdicht, sodass es den Anschein hatte, als ob sie durch einen endlosen hellgrünen Tunnel navigierten. Nach einer Weile war das Fließ, das sie zu Bartok und tiefer hinein in das Niedere Bruch bringen sollte, von Wasserlinsen und Schwimmfarn, zwischen denen die spitzen, zu Rosetten gedrängten Blätter der Krebsschere wie Schwerter die Oberfläche durchstachen, derart überwachsen, dass nur mit äußerster Anstrengung ein Vorwärtskommen war. Doch je kräftiger Leonhard Euler ruderte, um die grüne Brühe zu durchmessen, die ihn an pürierte Erbsensuppe erinnerte (ein Gericht, das er als Kind gehasst hatte und das es in seinem Heimatdorf Riehen im Frühsommer zur Erbsenernte einige peinigende Wochen lang beinahe jeden Tag gegeben hatte), desto mehr schwitzte er in der drückenden Mittagshitze. Und desto unbarmherziger attackierten ihn die daumengroßen Bremsen. Nach allen Seiten verspann Hopfen das Dickicht, Spinnen saßen fett in ihren zwischen den Schlingpflanzen gespannten Netzen. Große Winden, die Spießblättrige Melde, wogende Schlammschachtelhalme nahmen ihm die Sicht. Pestwurz verströmte würzigen Duft. Kreischend kreiselte ein Reiher eine Spirale nach unten, schnappte sich einen Fisch und zog in einer schnurgeraden Linie im Fünfundvierziggradwinkel davon.
Immer wieder musste Euler Fliegen totdrücken, die in seiner Jacke nach oben krochen. Er fühlte sich vollkommen ausgelaugt, jeder Ruderschlag kostete eine unendliche Anstrengung, und es schien ihm, als habe er erneut erhöhte Temperatur. Wurde er krank? Eine Weile lang, während sein Kopf immer stärker zu schmerzen begann, beobachtete er über die Schulter eine Schnatterente, die aufgeregt vor ihnen herschwamm, ohne auf die Idee zu kommen, nach links oder rechts auszuweichen. Offenbar war sie auf ein Boot in dieser Gegend in keinster Weise vorbereitet.
Nach einer weiteren Stunde Fahrt erreichten sie die verbreiterte, von einem Schwarm wilder Gänse bedeckte Stelle, wo die Tremmitze in die Löckeritz trat. Hier stand auf dürren Stelzen eine uralte, aus verwitterten Brettern zusammengenagelte Pfahlmühle. Knarzend drehte sich ihr dunkelgrün gestrichenes, unterschlächtiges Mühlrad. Rumi rollte die Pluderhosen zu den Knien hoch und ging mit der Leine von Bord, machte sie an dem Holzsteg fest, der die Mühle mit dem Ufer verband. Eine Sumpfschildkröte mit gelb-schwarz gemustertem Kopf, die sich neben einem leuchtend blau blühenden Büschel Ehrenpreis gesonnt hatte, glitt lautlos ins Wasser und schwamm davon.
Ein kleines Stück stromauf, durch Lianendickicht geschützt, stand eine Holzkate mit Strohdach und angrenzendem Ziegenstall. In dem einzigen Wohnraum lebte Bartok mit seiner Frau Anna und ihren beiden Töchtern Alena und Hana. Alle vier hatten sie feuerrotes Haar, alle standen sie nebeneinander am Fenster. Bartok war aufs Äußerste erregt und starrte auf das Boot, das an seiner Mühle festmachte. Aufgrund des schwarzen Banners mit dem Adler sowie dem Schriftzug Flins, der vorne seitlich angeschrieben stand, erkannte er es als jenes, das für all sein Unglück verantwortlich zu machen war.
»Ich verstehe nicht, weshalb, aber sie sind tatsächlich hierhergekommen«, flüsterte er Anna zu, ohne dass die Mädchen es mitbekamen. Er ging nach draußen. Seine Stirn verzog sich fürchterlich, und mit offenem Mund, fleckigem, rot erhitztem Gesicht näherte er sich dem Kahn, wobei er beinahe taumelte. Er hatte keine Ahnung, wie er sich verhalten sollte, und starrte die beiden Fremden, von denen der jüngere bereits an sein Ufer gekommen war, mit einer Mischung aus Verblüffung und Feindseligkeit an. Was sollte er bloß tun? Er spürte geradezu körperlich, wie seine Frau jede seiner Bewegungen beobachtete.
Wie in einen Traum verstrickt, aus dem es kein Erwachen gab, näherte er sich, strich mit der rechten Hand über den Teer des Unterschiffs. Dann hielt er inne. Eine Weile lang stand er mit gesenktem Kopf und geschlossenen Lidern einfach nur da und versuchte, ruhig zu atmen, hielt beide Hände auf dem Unterschiff. Immer heftiger fing er zu zittern an, zunächst an Händen und Armen, schließlich am ganzen Körper. Dann, allmählich, mischte sich der Schmerz mit einer eigentümlichen Ruhe. Denn sein Sohn kam zu ihm zurück. Das spürte er, wie er seine Hände, die allmählich aufhörten zu flattern, auf dem geteerten Holz hielt. Der quälende Zustand, dass Sten für immer verschwunden blieb, wandelte sich. Ja, jetzt konnte sein Sohn in ihn übergehen, und Bartok spürte, wie Wärme ihn durchströmte. Es war ein neues, unbekanntes Gefühl, das ihn milde stimmte und ihn auf eine Weise mit seinem Schicksal versöhnte, wie er es nicht mehr für möglich gehalten hatte. »Vergebung«, murmelte er lautlos vor sich hin. »Vergebung.«
Er öffnete die Lider und nahm langsam die Finger vom Unterschiff. Überall leuchtete das Grün des dichten Auenwaldes, der seine Mölle umgab. Durch die unregelmäßig geformten Blätter der Flatterulmen blitzte die Sonne, die hoch am Mittagshimmel stand und warme Strahlen auf all das schickte, was am Ufer blühte, den Eibisch und den wilden Spargel. Dieses Bild war so schön, dass sich Bartok von einer unerwarteten Liebe durchströmt und in der Welt komplett aufgehoben fühlte.
Leonhard Euler blickte den untersetzten Mann mit dem feuerroten Bart aufmerksam an. Noch immer war kein Wort zwischen ihnen gefallen. Dann sagte Euler behutsam und mit leicht zitternder Stimme, da er sich noch schwächer fühlte als zuvor: »Wir bitten die Störung zu entschuldigen. Wir haben gehört, dass ein französischer Ingenieur mit Namen Mahistre durch diese Gegend gekommen sei und Sie besucht haben soll. Seitdem ist ihm etwas zugestoßen, und wir versuchen, die Wahrheit darüber in Erfahrung zu bringen. Können Sie uns etwas zu seinem Besuch hier sagen?«
Bartok drehte den Kopf zu Euler hin. »Der Franzose war hier«, sagte er mit seiner heiseren Stimme. »Letzten Mittwoch. Ja, genau vor einer Woche war das.«
»Warum hat er Sie aufgesucht? War er krank?«
Bartok zögerte mit der Antwort. Dann sagte er: »Am Anfang hab ich gedacht, er hätte das Luchfieber. Doch es war was anderes. Er hat regelrecht … gekocht. Darin hätte man Krebse garen können, in seinem Atem. Er wollte von mir die Kräuter, die wir gegen das Luchfieber verwenden. Aber ich hab ihm gesagt, sie sind für ihn zu schwach. Ich hab ihm geraten, nach Lewin zu reiten und sich unter das Holz zu legen. Eine spezielle Heilmethode, die nur dort angewendet wird. Aber das hat er nicht gewollt. Er hat gesagt, dass er dringend zurückmuss, zum Krummen Ort.«
»Aber er ist nie angekommen«, sagte Euler und wischte sich den Schweiß von der Stirn und aus dem ganzen Gesicht.
»Ich hab ihm vorgeschlagen, über Jäckels Loch zu reiten. Dort wächst ein kräftiger, dunkelroter Mohn. Man sagt, er heilt viele Krankheiten. Aber es ist gefährlich, ihn zu ernten. Dennoch, für manche Leute lohnt es sich.« Bartok sah Euler intensiv an. »Es war nämlich noch etwas mit diesem Mann. Etwas, das Sie wissen sollten.«
»Ja?« Euler hielt sich an der Reling fest.
»Genau wie Sie hatte er rote und blaue Flecken im Gesicht.«
Oda, die einen schwarzen, von der Brust bis zu den Knöcheln reichenden, mit einem hellen Ledergürtel über der Taille zusammengebundenen Friesrock trug, war über die Wucheritze und am Buschlauffer Gehöft vorbei auf den Hauptstrang der Oder gelangt. Dort, stromabwärts bei frischem Gegenwind, der sie langsamer als geplant vorankommen ließ, an einer Stelle, wo Floßholz lagerte, zwischen dessen zusammengebundenen Stämmen fette Büschel von Tataren-Leimkraut wuchsen sowie Wasserschierling, bog sie in die Quartsche ab, die weniger aufgewühlt war. In dieser Ruhe hielten sich große Welse auf, gruben sich dort in den Schlick und ließen die Zeit Zeit sein. Man sagte, in der Quartsche lebten Exemplare, die seien älter als der älteste lebende Mensch. Keine Gegend, die man leichtfertig mit schmalem Nachen befuhr: Dort in ihrer angestammten Heimat ließen sich die stolzen Tiere nur ungern stören und wehrten sich gegen Eindringlinge.
Wer auf Welsjagd ging, musste umsichtig sein. Immer wieder blickte sie in den Bug, wo die Schlinge lag. Sie war geübt darin, große Hechte zu fangen, beißwütige Zander und Störe ebenso, sämtliche Raub- und Herrenfische. Doch eines dieser Ungetüme zu erlegen, war eine andere Sache. Man sagte im Bruch, es sei schwieriger, einen ausgewachsenen großen Wels zu töten als einen Menschen. Ein Wels auf der Höhe seiner Kraft starb nicht leicht. Es hieß, man müsse ihn festhalten und ihm beim Todeskampf ins Auge sehen. Wenn man diesen Blick nicht aushielt, wenn man ihn nicht auch im Geiste niederrang, gewinne die urtümliche Lebenskraft des Tieres wieder die Oberhand, und er könne noch so schwer verwundet sein, er würde sich weigern zu sterben. Es gelinge ihm dann stets, sich aus der Schlinge herauszuwinden und sein Leben starrsinnig weiterzuführen: weiter irgendwo im Schlick sich einzugraben, weiter zu gründeln mit seinem hässlichen Bart. Einen großen Wels zu töten, war bei den Niederbrüchern ein Ritus, den jeder männliche Heranwachsende zu bestehen hatte. Wer einem Wels den Garaus machen konnte, würde sich auch im Krieg bewähren. Mädchen durchliefen diese Prüfung nicht. Doch nun war Krieg – und sie befand sich mittendrin. Deshalb wollte sie sich zunächst bei den großen Welsen bewähren.
Oft hatte sie Radomeer, der im Welsfangen ein Meister war, davon erzählen hören: wie man sich ruhig zu verhalten hatte, da diese Art über ein feines Gehör verfügte. Man musste sich treiben lassen, durfte das Ruderblatt nicht zu tief einstechen, um einen schlauen, mit allen Oderwassern gewaschenen Wels nicht zu warnen. Auch durfte man sich keine Blöße geben, musste stets das Heck im Auge behalten. Welse griffen von hinten an. Es kam vor, dass ein gereiztes Tier einen Nachen attackierte, um ihn umzuwerfen. Radomeer selbst war schon in Berührung mit den flachen, in fünf Reihen im vorragenden Unterkiefer des breiten Welsmauls stehenden Zähnen gekommen. Über Welse hörte man, dass sie Hunde fraßen oder sich über Ziegen hermachten, die ins Wasser gerutscht waren.
Lautlos glitt Odas Nachen die Quartsche entlang. Die Luft war schwül, was bedeutete, dass die stämmigen Fische bis zum Einbruch der Dunkelheit am Grund verharrten, versteckt zwischen Knöterich und Taumellolch oder unter den überhängenden Ufern, zwischen den ins Wasser greifenden Wurzeln der Eschen und Eichen. Lange passierte nichts. Doch gegen Mittag, als die Sonne am höchsten stand, spürte sie etwas. Erst glaubte sie, ein anderes, größeres, ein gutes Stück entferntes Boot werfe eine lange, flache Welle. Doch es war nirgendwo jemand zu sehen, und ein größerer Kahn konnte in diesem Gewässer gar nicht navigieren. Unter ihrem Nachen änderte sich die Strömung. Sie sah einen Schatten, größer als jeder Fisch, den sie je gesehen hatte, doppelt so lang wie ein ausgewachsener Mann. Sie griff nach dem Krug mit Mohnsaft und nahm einen tiefen Schluck. Die Wasseroberfläche zitterte, als das Tier, das sich von der Seite her näherte, höher stieg. Dann tauchte der flach gedrückte, schleimig weiße, schuppenlose Kopf auf und blickte sie mit rötlichen Augen aus längst vergangenen Zeiten kalt und ausdruckslos an. Die großen, geschlitzten Kiemen öffneten und schlossen sich, die Nasenlöcher schnupperten, und die hochbeweglichen Barteln, die am Oberkiefer anwuchsen, vollführten einen bizarren Tanz. Dann kam die Zunge zwischen den fleischigen Lippen hervor. »Töte mich nicht«, sagte das Tier mit einer merkwürdig gequetschten, tiefen Stimme. »Dann helfe ich dir.«
Oda starrte den riesigen Fisch an. Ihre Hand hielt die Schlinge fest und führte sie langsam in seine Richtung. Der Wels sah ihr ruhig dabei zu. Sein Kopf war wieder knapp unter Wasser, doch erkannte sie deutlich, wie er sie musterte. Sie beschloss, sich von seinen Worten nicht täuschen zu lassen, und überlegte, wann zu attackieren war. Vollkommen ruhig wurde sie, sammelte sich, bündelte ihre Kraft, und während sie langsam den Arm hob, visierte sie das Tier mit Entschlossenheit, versuchte, dessen Blick zu bannen, damit es sich nicht mehr von der Stelle bewegte. Ihr rechter Arm mit der Schlinge war nach oben ausgestreckt. Noch immer lag der alte Wels still, so lang wie ihr Nachen und gleichsam wie auf einem riesigen Präsentierteller. Ob sie die Kraft haben würde, ihn niederzuringen, sobald sie ihm die Schlinge umlegte und zuzog? Sie näherte ihren Arm. Doch da erkannte sie, dass der Fisch ihr etwas vormachte, denn in dem Augenblick, in dem sie ihm die Schlinge überwerfen wollte, tauchte er ab und schwamm mit einer Schnelligkeit, die sie ihm nicht zugetraut hätte, unter ihrem Nachen hindurch und hob diesen dabei an, um sie ins Wasser zu werfen. Doch sie fand ihre Balance, packte das Ruder und schlug dem Monstrum derart hart auf den Rücken, dass es abließ und stromabwärts schwamm. Oda wusste von diesem Fließ, dass es bald so flach würde, dass das massige Tier nicht weit kommen würde. Es saß in der Falle, und sie nahm die Verfolgung in aller Ruhe auf.
Eine Weile ruderte sie und war sicher, dass sie den Wels vor sich hertrieb. Ein feiner Schweißfilm bedeckte ihre Haut, und sie ging ganz in der Jagd auf; uralte Instinkte übernahmen die Kontrolle und alle Entscheidungen. Nein, er würde ihr nicht entwischen. Und ebenso wenig würde ihr der Mann in dem königlichen Nachen durch die Lappen gehen. Jener Mann aus der Hauptstadt der Pruzzen mit seinen Instrumenten. Oda legte sich in die Riemen. Immer grüner und brühiger wurde das Wasser, das überall von Linsen und Farn überwachsen war. Sie kannte diese Gegend: Nicht mehr weit war es bis zur Löckeritz. Dort stand die Pfahlmühle Bartoks. Es gab keinen Zweifel: Genau dorthin schwamm unbeirrt der bleiche Wels.
In seiner abgelegenen Gegend bekam Bartok selten so viel Besuch wie in diesen Tagen. Es freute ihn, Oda zu sehen, deren Verschwinden ihm Sorgen bereitet und über deren Pläne ihm Radomeer keine Auskunft hatte geben können. Der Heiler half ihr beim Vertäuen ihres Nachens, lächelte sie aus seinen hellgrünen Augen an und bat sie ins Haus. Oda, die den Wels aus den Augen verloren hatte, aber spürte, dass er irgendwo lauerte – und dass er wusste, wo sie sich befand –, nahm die Einladung nur zögerlich an. Ungern ließ sie sich aufhalten. Doch da sie nun einmal beim besten Freund ihres Vaters vorbeigekommen war, wäre es unhöflich gewesen, nicht kurz einzukehren.
Es wunderte sie, Bartok in einer derart ruhigen, aufgeräumten Stimmung anzutreffen. »Ich werde immer trauern«, erklärte Bartok, der ihr Erstaunen spürte, und wählte vom getrockneten Wasserfenchel, der im hinteren Teil des Zimmers auf einem niedrigen Holztisch lag, die besten Knollen für einen Tee aus. »Wie könnte es anders sein? Aber hör zu, du bist nicht mein erster Besuch am heutigen Tag.« Bartok goss auf. »Sie waren hier. Auf dem Kahn, den Lukas gebaut hat. Oda, es sind wunderliche Dinge passiert.«
Perplex starrte sie ihn an. Der weiße Wels hatte sie also richtig geführt. Verwirrt blies sie in ihre Tasse und nippte bereits, obwohl der Tee noch zu heiß war. »Du hättest sie aufhalten müssen. Wo wollten sie hin?«
»Das weiß ich nicht. Aber hör mir zu: Während die beiden Fremden hier waren, ist etwas mit mir passiert. Ich konnte vergeben. Ich habe Frieden geschlossen.« Er gab ihr Honig in den Tee. »Ich, der Heiler, fühle mich geheilt. Und Anna geht es ebenso.«
»Ja, das stimmt«, sagte seine Frau, die ruhig auf einem Hocker saß und nach draußen blickte. »Es hat sich etwas verändert seit heute Mittag.«
Oda fiel es schwer, ihren Zorn zu verbergen. Besser denn je verstand sie ihren Vater, den kaum etwas mehr verstörte, als wenn man Gefahren schönredete und deshalb versäumte, die nötigen Vorkehrungen zu treffen. »Ihr vergesst beide, dass diese Teufel euren Sten auf dem Gewissen haben.«
»Was in Lukas Koppeks Werft geschehen ist, war ein tragischer Unfall.« Bartok begann, seine Pfeife mit Knaster zu stopfen, und blies über seinen Tee. »Vertrau mir, Oda. Der Geist des Mannes, der heute zu mir kam, hat etwas Versöhnendes. Und seitdem ist auch der Geist von Sten bei mir.«
Sie blickte Bartok mit blitzenden Augen an. Sie musste an den Wels denken und verstand, dass er ihr Verbündeter war. Sie würde nicht mehr versuchen, ihn zu töten. Er hatte ihr den Weg hierhin gewiesen und würde dies auch weiterhin tun. Rasch trank sie ihren Tee aus und verabschiedete sich.
Blau ruhte die Havel, grün rauschten die Fichten, deren Wurzeln den märkischen Sand fixierten, und die Sonne wirkte wie ein Goldstück, das durch die Schlossfenster strahlte. Der Hut, reichlich mit Spitzen und weißen Federn geschmückt, saß ihm in der Stirn, als Schutz gegen das helle Licht: Auf seiner Flöte spielte er die ersten Töne des Musikalischen Opfers von Johann Sebastian Bach, seines Musikalischen Opfers, während der Kämmerer Fredersdorf mit Handtuch und Seife in steifer Haltung nebenan im Badezimmer wartete.
Lächerlich, wer glaubt, einen Kleiderdiener nötig zu haben, dachte der König, der seine Garderobe ohnehin nur ungern wechselte. Er packte die Querflöte beiseite, nahm eine Prise von dem mit Ockererde gelb gefärbten Havanna aus dem Tabaksbeutel, schnallte den Degen mit dem Goldknauf ab, der in einer Scheide aus weißer Fischhaut steckte. Dieses Geld kann eingesparet werden, dachte er und echauffierte sich erneut über Fredersdorfs Vorschlag, einen Fredersdorf’schen Vetter als genau diesen anzustellen: als Kleiderdiener, wenn auch mit bescheidenem Salär von 500 Talern im Jahr (Fredersdorf bekam das Doppelte). Nein, nein, der Krieg um Schlesien war teuer genug gewesen.
Friedrich nahm zielsicher ein dunkelblaues Seidenhemd aus dem Schrank. Dazu würde er – nach dem vermaledeiten wöchentlichen Bade, zu dem Fredersdorf ihn nötigte – hellbraune Hosen anlegen und die schwarzen Reitstiefel, die bis über das Knie gingen und ihm deshalb so pläsierten. Es würde gewittern am Abend, und da er trotzdem in seinen Gärten zu flanieren gedachte, nahm er die schwarze Brokatjacke mit der Kapuze hervor, deren flaumweiches Futter ihn überzeugte – oder sollte er doch lieber den blauen Mantel mit der Wachsleinwand als Regenschutz wählen?
Unschlüssig hängte er beides, Mantel und Jacke, zurück. Ebenso die Hose. Kurz strichen seine Finger erst über den Luchs-, dann den Zobel-, dann seinen Wolfspelz, schließlich über einen violetten, mit Atlas gefütterten Umhang. Er schüttelte den etwas zu großen Kopf: Nein, er würde einen bestickten Offiziersrock wählen, knapp geschnitten, und auch auf die Jabots und Manschetten aus kostbarster Spitze heute verzichten. Ohnehin wollte er ja ein Zeichen setzen, sich weniger prunkvoll, dafür militärischer kleiden. Denn war der Krieg je vorbei? Die österreichische Kaiserin würde ihn Schlesien niemals so einfach behalten lassen. Und auch wenn kein Feind mit Waffen niedergestreckt werden brauchte, gab es genug im Innern zu tun, zu erobern.
Die Weste kaum bis zur Taille: funktional und soldatisch, das war recht so. Mochten sie doch rumlaufen wie die Lackaffen überall, mit ihren weiten Rockschößen und lächerlichen Verzierungen. Man schaue sich nur diesen Haerlem an! Eine knappe Kniehose tat es ebenso, dazu Schnallenschuhe mit Absatz – wenngleich … harmonierte das mit den Seitenlocken, die er heute frei trug? Ob er nicht doch den Zobelpelz umlegen sollte?
Wieder hörte er das Rufen von Fredersdorf: Das Wasser würde kühl. Friedrich entschied sich für ein weißes Halstuch, für die legere Landhausjoppe mit Knöpfen und steckte noch ein paar Schnupftücher in diese, für den auszuniesenden Schnupftabak. All das legte er beiseite, um sich nach dem Bad damit anzukleiden.
Er neigte den Kopf zur linken Schulter und ließ das rechte Ohr zum Himmel streben, um etwaige von dort an ihn übersandte Botschaften zu empfangen. Doch es gab gerade keine. Dann überlegte er, welche Formen die Kolonistendörfer annehmen sollten, die er im neu gewonnenen Oderland anlegen würde. Das einsame hellgrün-blaue Ei, das er gegen acht Uhr dreißig verspeist hatte (in sieben Minuten, mehr Zeit für das Frühstück gönnte er sich nicht), ließ ihn einmal aufstoßen. Kreuze, das war es doch: eine Chaussee, davon im Neunziggradwinkel die Wohnstraßen abgehend, die sich weiterhin in Wege, die von diesen ebenfalls im rechten Winkel abstießen, verzweigten. Schachbrettmuster für die Straßenordnung; übersichtlich, Raum optimal genutzt, günstig. Nur ja keine Kurven. Fertige Häuser, die man mehr zusammensetzte denn baute.
Es klopfte, und mit gespreizten Schritten und wichtiger Miene kam Fredersdorf unaufgefordert herein. Er verbeugte sich, bat vielmals um Verzeihung, ohne es zu meinen, und fragte, ob er beim Auswählen der Kleidung nicht doch behilflich sein könne – im Bade sei alles vorbereitet, das Wasser bleibe nicht ewig warm, auch lägen die Depeschen bereit sowie ein Brief von Marschall.
Unwillig, weil man ihm die Schreiben nicht in seinen Wohnraum gebracht hatte, lief Friedrich in das angrenzende Zimmer: »Man muss sehen, ob es möglich ist, eine alte Canaille jung zu machen. Auch wenn ich solche brutalen Curen nicht ausstehen kann.« Er entkleidete sich rasch, bevor Fredersdorf ihm gefolgt war, und stieg in den Zuber, dessen tatsächlich etwas zu heißes Wasser überschwappte, ihm dann bis zum Halse ging. Ah, war das schrecklich. Die Wärme machte ihn augenblicklich schläfrig, und nichts hasste er mehr als vorzeitige Müdigkeit. In Griffweite lag der Marschall’sche Brief. Der König streckte seine Hände über den Bottichrand, trocknete sie umständlich an einem Baumwolltuch, das über einem Stummen Diener hing, entrollte den Brief und überflog in gewohnter Windeseile die Zeilen. Er stutzte, legte die Stirn in Falten und las den Brief erneut, dieses Mal gewissenhaft. Wie kam sein Minister dazu, den Erfolg der durchzuführenden Ansiedlung von Flüchtenden und Kolonisten auf dem zu trocknenden Bruch plötzlich infrage zu stellen? Marschall selbst war doch genau mit dieser Aufgabe betraut und ergo verantwortlich, sie zu einem Triumph zu führen!
Friedrich legte den Brief, auf den durch seine Erregung einige Spritzer geraten waren, auf die Ablage neben dem Zuber zurück und schürzte die Lippen. Und dann hatte Marschall noch von Schludrigkeiten bei der Buchführung gesprochen. Haerlem nehme es mit den Dukaten, sprich der Notierung getätigter Ausgaben, nicht sonderlich genau. Sogar von eklatanten Fehlkalkulationen sprach der Minister und verhehlte nicht seinen Verdacht, dass diese möglicherweise das Ziel gehabt hätten, den König unter falschen monetären Vorzeichen zum Einleiten der großen Trocknungsmaßnahme zu bewegen. Dies erregte Friedrich ungemein. »Fredersdorf«, rief er laut. Augenblicklich trat der Angesprochene herein. »Bring mir die Karte von den Lüchen und Brüchen.«
»Hier ist sie schon.« Stolz entrollte der Kämmerer – der als Einziger am Hof geduzt wurde – ein Pergament, das er abrufbereit in den Händen hielt. Er bildete sich einiges darauf ein, hin und wieder die Gedanken des Königs lesen zu können beziehungsweise sie bereits zu erspüren, noch bevor sie von Friedrich gedacht worden waren.
Friedrich blickte auf den Plan. Voller Genugtuung betrachtete er die neuen Flüchtlingsdörfer, die bereits eingezeichnet waren. Die auf dem Papier bereits existierten! Er würde die Population des Staates verdoppeln und ihn dadurch mächtig machen. Wieso um alles in der Welt hatte Marschall Zweifel am Gelingen?
»Es geht darum, was für einen Staat man erschaffen will«, sagte er wie zu sich selbst. »Ich will Platz bieten all jenen, die es nach einem frischen Anfang verlangt. Die dort, wo sie derzeit hausen, unglücklich sind, weil man sie wegen ihres Glaubens oder aus ähnlichen Gründen verfolgt. Es ist an der Zeit, dass wir in den Nachbarländern Rekrutierungsstationen errichten, Anzeigen schalten in den populären Journalen. Es soll sich herumsprechen.«
Fredersdorf nahm ein frisches Abreibetuch vom Stapel, da er wusste, dass der König nun aus dem Zuber steigen würde.
»Wir locken diese Menschen in unser Land.« Friedrich nahm das Tuch entgegen. »Zeigen uns als gastfreundlichen Ort. Wir übernehmen sogar die Reisekosten, wenn sie anders nicht kommen können, befreien sie vom Militärdienst und erheben keinerlei Einfuhrsteuer auf ihren Besitz.« Um nicht den Anschein von Milde oder gar königlicher Gutherzigkeit entstehen zu lassen, sah er Fredersdorf mit einem spitzbübischen Lächeln an, während dieser ihn abrubbelte. Dann schlang er sich das Handtuch um seinen schlanken Körper, trat zum Fenster und blickte sinnierend nach draußen, während er selbstverliebt fortfuhr: »Wir geben ihnen gratis Holz und ein Stück Land, dazu Werkzeuge, um es zu bebauen – und Tiere. Und weißt du, weshalb wir so sind? Sie werden es uns durch ihre ehrliche Arbeit noch tausendfach vergüten. Ja, ich will, dass Preußen ein Land der Verheißung wird. Anders, ohne diese Fremden, die zu uns wollen, können wir morgen die Nase nicht vorne haben. Deshalb muss ich Tür und Tor öffnen jenen jungen, ehrgeizigen, energiereichen Menschen. Gerade wir hier in Preußen, einem, wie Voltaire es sagt, abstrakten Staat, der nicht auf einem Volksgedanken basiert wie beispielsweise Frankreich: Wir müssen uns das Volk erst erschaffen. Unser Gebilde ist ein Hohlgefäß: Wir brauchen Menschenmaterial, um es zu füllen. Überall will ich neue Dörfer gründen mit Namen wie Florida und Philadelphia und neue Subjekte darin haben – solche, die etwas anpacken wollen und ohne Blei im Hintern sind.«
»Das klingt märchenhaft schön, Eure königliche Majestät.« Der Kämmerer ging zum Waschbecken für Bedienstete, öffnete seinen Hosenschlitz und urinierte, da es im gesamten Schloss keine Toilette gab außer für den König selbst, routiniert dort hinein.
Der quecksilberbleiche Kammerdirektor Heinrich Wilhelm von Schmettau hatte sich in einen soldatisch sparsam geschnittenen preußischblauen Frack gezwängt, während Deich-Oberinspektor Simon von Haerlem weite Rockschöße trug und eine lange, reich verzierte karmesinrote Weste, Kniehose, Seidenstrümpfe und Schnallenschuhe mit Absatz. Zudem hatte sich Haerlem einen neuen Haarbeutel zugelegt, in den er seine in ausufernden blasslila Wellen liegende Perückenfrisur zwängte.
Nebeneinander hockten sie an einem Tisch in der hintersten Gaststubenecke des Feuchten Willis, des Treffpunkts in Güstebiese, an dessen Eingangstür EINMAL VOLL 1 GROSCHEN – RICHTIG HACKE 2 GROSCHEN geschrieben stand. Pfeifenrauch vernebelte den Raum, billige, rußende Quappenstreifen produzierten schummriges Licht. Schmettau und Haerlem hatten gebratenen Schildkrötenspeck bestellt, Gerstenpfannkuchen, Störeier, Aalpastete, blassrote Quappenleber und Sanddornmarmelade, dazu Güstebieser Fladenkuchen aus Mannagras. All das brachte ihnen der kellnernde Slawenjunge, der seine schrundigen Füße in abgelegte Stücke Fischnetz gewickelt trug, und wuchtete außerdem zwei große Zelliner Biere für nur sechs Pfennige das Quart vor sie hin: »Damit’s auch runtergeht.« Vom zweiten Stock, zu dem eine Treppe neben dem Ausschank führte und wo sich ein Labyrinth aus engen, ineinander übergehenden Kammern befand, drang Gepolter zu ihnen herab. Rufe und Flüche waren zu hören, Schreie, die der Lust, aber auch einer Keilerei geschuldet sein konnten, während im Nebenraum, dessen Doppeltür weit offen stand, die Würfelbecher klackerten und die Karten beim Wendischen Schafkopf auf die Tische knallten.
»Das ist eine Katastrophe, das wissen Sie.« Haerlem deutete auf den Brief des Königs, der vor ihnen lag, und spießte ein Stück Quappenleber auf. »Auch wenn die durchlauchte Majestät verfügt, kein weiteres Geld mehr zur Verfügung zu stellen, solange Eulers Messdaten, Kostenaufstellungen und Rentabilitätsrechnungen nicht auf Seinem Tische liegen, stehen die Leute am Krummen Ort mit Eimern und Schaufeln tagtäglich für uns im Dreck. Wir müssen die Löhne ausbezahlen. Da können wir nicht warten, bis der Mathematicus seine Gleichungen aufgelöst hat.« Haerlem hustete nass und spuckte einen Schleimbatzen auf den mit Sand bestreuten Holzboden. »Dass man diesen Eierkopf in die Sache hineingezogen hat, ist sowieso vollkommen für die Katz.«
»Wie können Sie das sagen?« Schmettau schüttelte verständnislos den Kopf: »Leonhard Euler ist eine Koryphäe nicht nur auf dem Gebiet der Hydromechanik. Der König mag ihn zwar nicht, schenkt ihm aber vollstes Vertrauen, was seine Berechnungen angeht. Wenn le professeur die Sache abnickt, ist sie durch. Dann haben wir Ruhe.«
»Noch so einer, der dazwischenfunkt. Genau wie Mahistre.« Sorgfältig bestrich Haerlem einen Streifen des knusprigen Schildkrötenspecks mit der Marmelade. Genussvoll biss er hinein, dass es krachte. »Es gibt Männer, die machen eine Sache lediglich komplizierter, auch wenn sie das Gegenteil behaupten. Mahistre war so einer.«
»Ich kann es nicht gutheißen, wie Sie über einen Toten sprechen. Und was Professor Euler angeht: Sein Zahlenwerk wird die Sache nicht verwickelter machen, sondern transparent. Der Nutzen wird sofort ins Auge springen und alle Kritiker restlos überzeugen.« Schmettau zwirbelte zur Beruhigung die Enden seines eingeölten, schwarz gefärbten Schnurrbarts. »Er wird ja gleich zu uns stoßen. Dann können Sie sich ein etwas objektiveres Bild von ihm machen. Wir werden ihn fragen, wann mit seiner abschließenden Erhebung zu rechnen ist. Und vergessen wir eines nicht, lieber Kriegs- und Domänenrat: Falls der König den Hahn zudreht, hängt dies wesentlich damit zusammen, dass«, er deutete auf den Brief Friedrichs und schüttelte mit dem Kopf, »Ihre Zahlen nicht stimmen. Sie glauben doch nicht, dass in Berlin und Potsdam nicht auf jeden Guten Groschen nachgerechnet wird? Mit Argusaugen wacht der König über jeden einzelnen Pfennig. Er hasst kaum etwas mehr als monetäre Ungenauigkeit.«
»Der König soll sich nicht so anstellen«, sagte Haerlem. »Er trägt lediglich die Last der Anschubfinanzierung. Das muss er verstehen. Wobei er durch die Beteiligungsverpflichtungen der anderen Grundbesitzer einen Großteil gleich wieder abwälzt.«
»Diese Beteiligungsverpflichtungen sind längst nicht unter Dach und Fach«, widersprach Schmettau erregt. »Es wird dafür eigens eine Konferenz im Berliner Schloss angesetzt. Sie haben es in Sanssouci selbst gehört, wie vor allem«, er senkte seine Stimme und sah sich um, da er sichergehen wollte, dass niemand ihnen zuhörte, »Karl von Brandenburg opponiert. Glücklicherweise steht der Wirt dieses Etablissements auf unserer Gehaltsliste. Von ihm habe ich vorhin erfahren, mit wem der Markgraf sich hier klandestin getroffen hat. Veit Maltschau.«
Haerlem pfiff durch die Zähne, doch dann wedelte er die Worte Schmettaus zusammen mit seinem Pfeifenrauch beiseite. »Lieber Kammerdirektor, wir schaffen hier 130000 Morgen neues Land. Selbst wenn wir von königlichen Ausgaben von einer halben Million ausgehen, macht das je Morgen kaum mehr als drei Taler. Das ist nicht nur moderat, das ist spottbillig. Die Reinerträge, alleine durch die Pacht, werden die Kosten bei Weitem übersteigen. Der König kann von dieser Sache nur profitieren: mehr Untertanen, mehr Ruhm, mehr Steuern. Deshalb darf man jetzt die Gäule nicht scheu machen. Was wir tun müssen, ist weiterhin Fakten schaffen, uns nicht mit Erbsenzählerei aufhalten. Das große Bild, Kammerdirektor, das große Bild.«
Schmettau wurde allmählich wütend, was er stets zu vermeiden suchte, weil er sich dann mitunter nicht mehr unter Kontrolle hatte. Erneut strich er über die Enden seines Schnurrbartes, doch es half nicht. »Wenn Ihre Argumentation mal keine Milchmädchenrechnung ist … oder vielmehr eine Rechnung, die Sie ohne den Wirt gemacht haben.« Hektisch suchte er in seiner Jacketttasche nach einer Zigarre. Als er sie gefunden hatte, schnitt er, sich bereits etwas abregend, das Ende ab und pulte sorgsam – dieser Vorgang besänftigte seine Nerven am allermeisten – einzelne Tabakfäden heraus, um zu verhindern, dass sie ihm beim Rauchen zwischen die Lippen gelangten. »Sie müssen mir versprechen, den Geldern künftig mehr Aufmerksamkeit zu widmen«, sagte er schon etwas ruhiger, öffnete seine Aktentasche, verstaute darin den Brief des Königs und zog dafür ein anderes Schreiben hervor. »Gestern ging dies bei mir ein. Auch keine angenehme Sache: eine Petition der Dörfer Gabow, Medewitz, Glietzen und Cüstrinichen. Sie schreiben darin, sie würden durch die Melioration bis aufs Blut verarmen, und verlangten Entschädigung, da ihnen bald das Wasser bis zum Halse stünde. Und zwar deshalb, weil es ihnen abgegraben werde. Mehrere Dörfer haben letzte Woche die Lieferung der Faschinen verweigert.« Schmettau steckte sich die Zigarre zwischen die Lippen und suchte in seiner Aktentasche nach dem Pinkefeuerzeug.
Haerlem, der ihm zuvorkam, nahm ein Zündholz (Schwefel, was Schmettau nicht mochte, da es den Rauchgenuss beeinträchtigte), hielt es an den Quappenstreifen der Tischlampe, bis es aufloderte, und kippte es nach unten, damit das Flämmchen an Volumen gewann. Dann hielt er es an das Ende von Schmettaus Zigarre. »Kurtz ist dabei, eine Faschinen-Polizey aufzustellen. Die sollte solche Probleme künftig beheben. Es wird eigens eine Ehrfurcht gebietende schwarze Uniform für sie geschneidert. Diese Männer sollen aus dem Hinterhalt auftauchen und Aufsässige und solche, bei denen künftige Aufsässigkeit nicht ausgeschlossen werden kann, gleich mitnehmen. Ich bin darüber mit Fritze in engem Kontakt.«
»So werden Sie die Probleme nicht lösen.« Schmettau gab mit den Lippen Spiel und drehte die Zigarre leicht in der Zündholzflamme. »Ich höre von Kümmerle, er braucht unbedingt Einheimische in den Reihen seiner Arbeiter, weil diese nicht so leicht krank werden wie Zugereiste. Die Brücher können mit dem Klima hier am besten umgehen. Aber wenn sie uns hassen, werden sie kaum für uns schuften.«
»Außer man zwingt sie dazu.« Haerlem warf das Schwefelhölzchen auf den Fußboden und trat mit dem Stiefel darüber, weil es noch glomm.
Schmettau paffte mit eingesogenen Wangen. »So etwas machen vielleicht die Russen. Aber bestimmt nicht wir«, sagte er ruhig, spielte mit seiner Zunge den Rauch durch die Mundhöhle, dann blies er ihn aus. Er nahm die Zigarre aus dem Mund und betrachtete gedankenverloren das glimmende Ende, drehte sie zwischen seinen Fingern hin und her, um zu prüfen, ob sie auch von allen Seiten gleichmäßig brannte. Dann hob er den Kopf. In diesem Augenblick trat ein Totkranker zur Tür des Feuchten Willis herein.
Der Mann mit dem blau und rot gefleckten, geschwollenen Gesicht kam vorsichtig näher, wobei er glaubte, dass der Boden schwanke, dabei war es das Blut in ihm, das noch immer kippelte wie das Wasser draußen. Sein Leinenanzug war komplett durchgeschwitzt. Mit glasigem Blick schaute er die beiden am Tisch Sitzenden an. Eilig zog ihm Schmettau einen Stuhl zurecht.
»Nachdem ich mich bei jetziger Befahrung des Stromes von allen … Umständen gründlich informieret …«, brachte Euler unter Mühen hervor und starrte auf die Speisen. Stark schwankte der Tisch. Mit der rechten Hand hielt er sich an einer Stuhllehne fest, doch auch diese stand nicht sicher. »… ich die Erklärung abgebe«, fuhr er fort, wobei seine lila angelaufenen Lippen zitterten, »dass von der geplanten Veränderung ein sicherer Effect mit Zuverlässigkeit … da die Oder nach ihrem jetzigen Verlauf …«
»Werter Professor, was ist mit Ihnen?«, fragte Schmettau. »Und wo steckt mein Rumi? Hat er sich nicht um Sie gekümmert?«
Euler sprach wie im Halbschlaf: »Lassen Sie ihn, lassen Sie Rumi … ich habe ihm einen Auftrag erteilt. Er ist bereits unterwegs, wir müssen haushalten, können nicht mit dem einen Körper an zwei Orten zugleich sein … müssen unsere Ressourcen gewitzt nützen: unsere Kraft. Und mit mir, mit mir ist nichts … Ich werde sehr alt werden und noch … viele Mathematikbücher schreiben, die keiner liest. Entschuldigen Sie mich …« Mit leicht offen stehendem Mund ging er einige Schritte am Tisch vorbei, die Theke entlang, an der er sich zweimal festhalten musste, und riss die Tür zu den Aborten auf.
Schweiß lief die gekalkten, gelblich schmutzigen Wände hinab, wie von einem riesigen Reptil ausgeschwitzt. Neben der mit bräunlichen Streifen verschmierten Waschschüssel stand eine Kerze aus Rindertalg. Ihr Leinendocht war nicht ordentlich geschneuzt worden, und ihre rußende, einen Gestank nach Blut und Geweberesten verbreitende Flamme beleuchtete einen Teller mit Wasser, auf dessen Boden in blassem Rot das Kreuz der Johanniter gemalt war. Es oszillierte über Eulers Nase, der sich in diesem Spiegel betrachtete. Sein linkes, intaktes Auge blickte ihm entzündet entgegen. Das Oberlid war gereizt und verdickt. Er blinzelte. Die Wimpern ließen den gesunden Schwung vermissen und ragten so entfärbt wie borstig nach unten weg. Da schob sich etwas in sein Spiegelbild: Ein anderes, nämlich silbernes Kreuz legte sich über jenes rote am Tellergrund. Es befand sich jemand hinter ihm, etwas zu nahe. »Darf ich mich vorstellen: Markgraf Karl von Brandenburg.«
Euler drehte sich um. Vor ihm stand ein imposanter Herr in voller Uniform und mit Schwert. Seine Hände steckten in hellgrauen Seidenhandschuhen.
»Ich möchte Ihnen ein Angebot machen«, sagte Karl lächelnd. »Ich schlage Sie zum Ehrenritter des Johanniter-Ordens. Alle Ihre Sorgen, als Bürgerlicher am Hofe nicht für voll genommen zu werden, wären Sie los – und zwar auf einen sprichwörtlichen Schlag. Die Präsidentschaft der Akademie, werter Professor, wäre Ihnen so gut wie sicher: Freiherr Leonhard von Euler – sagen Sie, wie gefällt Ihnen das?« Karl von Brandenburg verneigte sich und fuhr mit einer schmeichelnden Stimme fort: »Und wissen Sie, was mir im Gegenzug gefiele? Wenn Sie eine Rentabilitätsrechnung bezüglich des Bruches aufstellten, die meinen Vetter endgültig die Hände von dieser Sache nehmen lässt.«
Über der anthrazitfarbenen Oberfläche des angeschwollenen Stromes lag eine helle Bahn von Licht. Wie eine blitzende, gebogene Klinge schnitt der Fluss durch den flimmernden Wald: eine Kurve auf einem Blatt. Die Massen an Wasser gleißten und wirkten wie geschmiedet. Doch sobald er etwas fokussierte, das darin trieb, einen abgerissenen Ast zum Beispiel, wurde augenscheinlich, mit welcher Geschwindigkeit die Oder hier floss. Welche Macht dahintersteckte, die sich sekündlich auf sie zubewegte und von hier aus in die Senke des Niederbruchs ergoss.
Leonhard Euler blickte die ansteigende, sich vor seinem Auge merkwürdig wellende Dorfstraße entlang. Auf dem Hügel stand eine Kirche. Ein Junge trieb eine Schar aggressiver Gänse dorthin. Irgendwo bellte ein Hund, sofort fielen andere Hunde ein, als hätten sie nur darauf gewartet, endlich wieder tätig zu sein. Es war die Zeit des Sonnenuntergangs. Stechmücken durchsäuselten im Blutrausch die Luft. Zwei Fischer mit klobigen Pfeifen, die sie zwischen die gebleckten Überreste ihrer Zähne gesteckt hielten, liefen mit dem noch zappelnden Fang in Körben aus Weidengeflecht vorbei, die sie auf ihre Rücken geschnallt hatten. Eine alte Frau im bumswollenen Kleid und schwarzer Haube auf dem Kopf zog einen Handkarren voller Kirschen durch den Matsch.
Euler dachte an das Angebot, das er auf dem Abort des Feuchten Willis erhalten hatte. Erneut schüttelte er den Kopf. Die Wissenschaft war unbestechlich. Das hatte er dem Markgrafen unmittelbar erwidert. Ob Karl dies verstand? Seit dem überraschenden Zusammentreffen mit ihm fühlte es sich für Euler so an, als ob eine schwere Last auf seinen Schultern liege. Keine gedankliche, sondern eine reelle, materielle Last, die ihn zu Boden zwingen wollte. Wenn er auf seine braunen Lederstiefel blickte, kam es ihm so vor, als versänken diese immer tiefer im Morast des von der Flut verschlammten Hauptweges von Güstebiese. Er sah einen Regenwurm, der sich vor dem Wasser rettete und ans Trockene ringelte. Dieser Regenwurm muss ich sein, dachte er und spürte, wie seine Kräfte schwanden. Er ging in die Knie, griff nach einem Schilfblatt, um sich daran festzuhalten, und schlitzte sich die Hand an den scharfen Kanten auf. Da hatten ihn Haerlem und Schmettau bereits unter den Armen gepackt. Mit Mühe richteten sie ihn auf. »Professor, was haben Sie nur? Tun Sie mir den Gefallen, gehen Sie zu einem Arzt.« Schmettau musterte ihn mit ernstem Knopfaugenblick.
Heller Nebel dampfte über dem Wasser. Hier und da ragten einzelne Stängel des Plaggrases wie Finger durch das milchige Weiß. Rumi schloss die Augen, um den Schimmel blind zu reiten, sich mit ihm vertraut zu machen. Es war ein robustes Tier, das auch vor unwegsamem Gelände, vor Schlangen und vor allem vor Wasser nicht scheute. Einerseits beruhigte ihn das zuverlässige Geräusch der schmatzenden Hufe auf dem feuchten Untergrund, gleichzeitig beschlich ihn eine größer werdende Furcht, je weiter er sich von Güstebiese entfernte. Er war alleine im Moor, wie damals vor fünfzehn Jahren seine Mutter. Mehr noch, er ritt hindurch, was gefährlicher war, als sich zu Fuß zu bewegen, doch für Letzteres war der Weg zu weit, den Leonhard Euler ihm aufgetragen hatte.
»Braves Pferd.« Rumi klopfte dem Schimmel auf die Flanken, schlug irgendwann die Augen wieder auf. Die Sonne hing knallgelb im Westen. Der Himmel leuchtete blau. Der schmale, kaum zu erkennende Weg war von einem Gürtel aus hochwüchsigem Knabenkraut gesäumt. Ein Wildschwein rannte keine Mannslänge von ihm entfernt über den Pfad, der Schimmel drohte zu scheuen, doch Rumi sprach in sein linkes Ohr und beruhigte ihn.
Einige Minuten später erschrak er, als er ein merkwürdiges Getöse hörte. Er setzte sich im Sattel ganz aufrecht. Da verstand er, dass es das Rauschen des Flusses war: Sie näherten sich einem überspülten Seitenarm der angeschwollenen Oder. Da mussten sie hindurch. Er stieg ab, warf einen Ast hinein, um die Geschwindigkeit abzuschätzen. Das schäumende Wasser, das vor seinen Augen dahinschoss, trug das Holz so rapide fort, dass er ihm mit dem Blick kaum folgen konnte. Doch er musste es wagen, saß auf und lenkte den Schimmel zielstrebig hinein. Strudel bildeten sich um die Fesseln des Pferdes, das gemessenen Trittes und unerschrocken, obwohl der Grund nicht zu sehen war, vorwärtslief. Als sie die Mitte des Seitenarmes erreichten, reichte das Wasser bis zum Bauch des Tieres. Wild ließ es die Ohren spielen, ging aber mit erhobenem Schweif immer weiter. Endlich wurde es flacher. Sie erreichten das andere Ufer, erklommen es und ritten im Trab über eine Rohrglanzwiese hinweg, die von allen Seiten von Wasser eingeschlossen war.
Und ganz unerwartet sah Rumi Mahistres Rappen. Bis zu den Knien stand er im Morast und hob seinen stolzen, wenn auch abgemagerten Kopf, als Rumi sich näherte. Deutlich standen die Rippen des Tieres hervor. Es war an einer Hainbuche festgebunden, um die herum dunkelroter Mohn wuchs. An ihrem dicksten Ast hing mit leeren Augenhöhlen nach unten glotzend der Schädel eines riesigen Hechts, genauso wie es auf der Landkarte dargestellt war. Um den Kopf des Rappen bildeten Tausende von Kriebelmücken eine Wolke.
Rumi stieg ab. Ein bitterer Geruch hing in der Luft. Der Rappe war gesattelt und trug schönes Zaumzeug. Um seinen Hals hing eine dünne goldene Kette mit einem angehängten goldenen M. Das Pferd blickte auf eine sonderbare Weise zuerst den Schimmel, dann Rumi mit hungrigen, tiefschwarzen, blutunterlaufenen Augen an. »Was ist mit deinem Herrn passiert?« Rumi näherte sich vorsichtig, da er mit jedem Schritt tiefer einsank. »Und was ist mit dir?« Er wedelte die zahllosen Mücken so gut es ging beiseite und streichelte dem Tier über den schwitzenden Hals. Wieder kam ihm der Blick des Pferdes merkwürdig vor. War es krank? Da sah er die blutigen Pferdeäpfel auf dem morastigen Boden und erschrak. Unverwandt schaute das Tier ihn an. Es wirkte auf ihn, als ob es sich nichts weiter als seine Freiheit wünschte, also band er es ab.
»Ich gehe jetzt zu meinem Herrn«, sagte der Rappe mit einer tiefen Stimme. Zumindest kam es dem erschrockenen Rumi so vor, als habe das Pferd genau dies gesagt, und es lief, als ob es nichts mehr zu überlegen gäbe, in Richtung Ufer. Aufgeregt eilte Rumi hinterher. Aus dem schwarzen Boden stieg an mehreren Stellen dünner, heller, nach Schwefel stinkender Rauch. Das Wasser war breiter hier und drehte sich in einem natürlichen Wirbel. Der Rappe ging hinein und stand rasch bis zu den Sprunggelenken darin. Schon hatte sein Bauch das an ihm reißende Wasser erreicht. Aus seinen Nüstern kam stoßweise der Atem, als es mit der Brust in die Fluten tauchte. Ein letztes Mal sah Rumi die goldene Kette mit dem geschwungenen M, dann nur noch den Kopf, dann tauchte das Maul ab, die Nüstern und der Nasenrücken, auf dem das Tier eine schmale Blesse hatte. Die Blesse drehte noch zwei, drei, vier Kreise in dem starken Wirbel der Wasser von Jäckels Loch. Dann saugte der Strudel das Tier vollständig hinab.
So rasch er konnte und mit letzter Kraft stieß er sich ab. Er wollte nur weg von Schmettau, weg von Haerlem, wollte alleine sein auf dem Boot, wo alles in Ordnung war – und irgendwie nach Wrietzen, zum Doktor.
Die Strömung trieb ihn durch die Biegung von Güstebiese. Hier lagen Kähne: ein rotgesichtiger dicker Mann bot blaugrün schimmernden Tabak an, ein anderer, ganz dünner Kerl frische Flumfische, ein dritter Wachteln und Hühner, die in ihren Käfigen flatterten. Die Flins schlug gegen das Boot des Tabakhändlers, Euler erstand Rüdnitzer Ware für fünf Pfennige, schon war er weiter, und es ging, dem Lauf des schnell fließenden Wassers folgend, in das Niedere Bruch hinab.
Weißes Straußgras winkte vom Ufer. Fast hätte er zurückgewinkt. Er schwitzte, ihm war zugleich eiskalt, doch er glaubte, dass er es schaffen würde. Ja, er würde durchkommen, weil er sich trotz allem gut fühlte auf dem Bateau, so ganz allein. Weil der Sumpf ihn so sanft umarmte. Unter ihm schwammen Schildkröten, Hasel, Rapfen, Schmerlinge und Zärten – vielleicht auch Fischarten, die man noch gar nicht kannte. Tief sog er die würzige Luft ein. Sumpfdotterblumen verströmten einen betörenden Duft, die doldigen Blütenstände der Schwanenblumen ragten purpurfarben aus dem Wasser.
Es dämmerte, als der Oderstrom verflachte. An den Ufern leuchtete tiefrot der Blutweiderich mit seinen zur Ähre gehäuften Blüten. Unzählige Wasservögel dümpelten hier, verdauten ihr Abendmahl, schrien drauflos, bevor die Nachtruhe begann. Doch wohin sollte er steuern, wo ging es nach Wrietzen? Überall hatten sich Tümpel gebildet, tieferes Wasser voller Fische. Überall Moder, es kamen Fliegen zur Welt. Überall summte es und stank. Der Kahn glitt an einer halb versunkenen, von Ampfer überwachsenen Wiese vorbei. Im knietiefen Wasser wimmelte es: laichende Hechte. Andauernd schlüpfte es irgendwo, Millionen von Larven, unendlich viele Augen, die starrten.
Die Sonne ging unter, Wolken zogen auf. Nur hier und dort zeigte sich matt ein Stern. Die Luft wurde still, das Gekreisch der Schellenten und Norcken, die Schreie der Milane klangen ab. Da hörte er etwas. Es klang wie Gesang, wie das Lachen einer Frau, wie ein Glucksen, als stiege eine bauchige Blase von unten auf. Es war so finster, dass er kaum mehr die Gegenstände an Bord erkannte. Im Licht der karmesinfarbenen Mondsichel nahmen die Umrisse fantastische Formen an. Ein Strauch wuchs aus dem Wasser, im nächsten Augenblick wirkte er wie ein gestikulierender Mensch. Euler lehnte sich über die Reling. Was schwamm dort? War dieses weiße Ungetüm … ein Wels?
Dann sah er ihren Nachen. Und was ihm zunächst wie ein Traumgespinst erschien, nahm immer deutlichere Formen an. Eine Silhouette stand aufrecht: Die Frau trug einen kurzen, mit Ledergürtel über der Taille zusammengebundenen Rock. Sie hielt eine Schlinge in der Hand, und ihr Blick aus zwei großen dunklen Augen war so durchdringend, dass es ihn schmerzte.
Fledermäuse segelten aus dem Dickicht des nahen Ufers. Er griff nach dem Bug ihres Nachens, zog ihn zur Flins und vertäute die beiden Boote. Im Licht, das der Mond über das Wasser warf, schauten sie sich an, gleichermaßen erstaunt. Er kam ihr sehr fremd vor, in dem hellen Leinen auf seinem goldenen Kahn, wie aus einer unermesslich weit entfernten Welt. Noch hatten sie nichts zueinander gesagt. Ihre Haut leuchtete, deutlich erkannte er die Adern ihrer Schulterpartie, oberhalb ihres Kleides, bis zum Hals. Es rührte ihn an, auf diese Weise in das Innere ihrer Gestalt schauen zu können, dieser Frau, die aus dem Nichts aufgetaucht war und mit einem Mal jene fiebrige Welt, in der er sich seit Stunden befand, in all ihrer merkwürdig schönen, gespenstischen Irrealität verkörperte.
»Habe die Ehre«, sagt er leise und verneigte sich. Eine Strähne hing über ihre linke Wange. Ein hellgrüner Geruch ging von ihr aus wie von einem klaren See. Sie betrachtete seine beiden so unterschiedlichen Augen. Das rechte, leere ging direkt durch sie hindurch, sie hatte nie zuvor so etwas gesehen, es schaute einen Punkt in der Unendlichkeit. Aus dem linken, das sie fixierte, sprach mehr Mitgefühl als bei den meisten Menschen aus beiden. Dennoch würde er sterben müssen.
»Möchten Sie nicht an Bord kommen?« Seine Stimme zitterte leicht. Er war wie in Trance, derart heftig brannte und wütete das Fieber in ihm.
»Natürlich«, antwortete sie mit etwas rauer Stimme. Noch hatte sie nicht begriffen, wie schlimm es um ihn stand, sondern glaubte, er sei lediglich nervös und schwitze deshalb so stark. Behände kletterte sie auf die Flins und staunte, als sie Momente später den Salon betrat, wohin er sie zum Sitzen einlud, geschützt vor den Mücken. Nie zuvor hatte sie derartigen Luxus gesehen, noch dazu auf einem Kahn. Und dann so etwas: Bücher! Die gut ausgestattete Handbibliothek machte den allergrößten Eindruck auf sie. Da war ein Mann, der las! Überrascht sah sie ihn an. Sein Antlitz strahlte vor Hitze wie ein Ballon. Die Erleuchtung – wovon sie schon gehört, die sie aber im Umgang mit den Leuten in Wrietzen noch nie zu Gesicht bekommen hatte, dieser Mann verkörperte sie regelrecht.
Euler nahm die Lampe vom Haken, entzündete einen Quappenstreifen und tauchte alles in ein warmes, gelbgrünes Licht. Draußen vor den runden Kajütfenstern sprangen immer wieder Hechte, um Luft zu schnappen, platschten zurück in das niedrige, sauerstoffarme Flutwasser. Er selbst fühlte sich wie ein solcher Hecht, und sie war das Wasser und die Luft zugleich. Er sah sie an, ihre ruhige Silhouette vor dem Bullauge und dahinter das mittlerweile von Sternen übersäte nächtliche Firmament. Sein Blut kochte. Sie stellten einander vor, wobei er mehr als ihren Namen wissen wollte, auch den Ort erfragte, an dem sie wohnte, und sich nach ihrer Familie erkundigte – alles wie in einem Traum. Im Grunde wollte er nur ihre kehlige Stimme mit diesem leichten Bruchakzent hören und ihr Gesicht dabei betrachten, wenn sie auf ihre melodische Weise sprach … Strähnen hingen ihr wieder über die Stirn, und auch sie transpirierte stark. Es war, als habe sie all die Düfte des unendlichen Sumpfes in sich aufgenommen und gebe sie veredelt weiter: als dünste sie öliges Moschus oder den betörenden Duft doppellippiger Gauklerblumen aus. Sie überlegte, wann sie ihm die Schlinge umlegen sollte. Er taumelte zum Schreibtisch, um seine Pfeife zu holen. Dabei verlor er das Bewusstsein.
Oda hatte ihn auf das Canapé in der Kajüte gelegt und ruderte die ganze Nacht hindurch. Trotz der Schwere des Kahns mit seinen vielen Aufbauten ließ sich die Flins erstaunlich leicht manövrieren. Wirklich ein Meisterstück des guten Lukas, wie sie mehrfach dachte. Doch wohin mit ihrer ungewöhnlichen Fracht? Dass sie sich nicht an einem Wehrlosen vergreifen würde, war Ehrensache. Und dass dieser Fremde aus der Hauptstadt, der mit einer Bibliothek durch das Niederbruch fuhr, ihre Hilfe benötigte, war klar. Er litt unter hohem Fieber, und zunächst hatte sie einen Tee aus Weidenrinde gekocht und ihm unter Schwierigkeiten – denn er wollte partout nicht mehr erwachen – eingeflößt. Ja, es gab Regeln im Bruch und speziell in Zeiten der Flut, und an diese hielt sich Oda. Wer Hilfe benötigte, dem wurde geholfen. In einer Zwiesprache mit Triglaf, dem Gott des Krieges, hatte sie ihre Lage erörtert und den Rat erhalten, als Erstes ihrem Herzen zu folgen und als Zweites ihrem Verstand. Und wenn sie Letzteren konsultierte, sagte nicht auch dieser, es könne womöglich sogar hilfreich sein, den allwissenden Professor, der dem König so nahestand, am Leben zu halten?
Sie ruderte den Holzgraben entlang, dann den Wustrower und den Bergesgraben, schließlich die Wolzitze hinein in das Herz des inneren Bruchs. Hin und wieder machte sie Pause, nahm einen Schluck aus dem Tonkrug mit Mohnsaft und flößte auch ihm davon ein. Der Himmel leuchtete durch die offene Kajüttür. Einmal schlug Euler kurz das Auge auf. Verschwommen sah er Gestalten in Stulpenstiefeln, roten Hosen, schwarzem Frack und Zylinder, mit langen Stöcken bewaffnet, die auf dem Wasser wandelten. Sie drehten ihre Köpfe, schauten zur Flins, wandten sich wieder sich selbst zu und schlugen mit den Stöcken aufeinander ein. »Das ist der Blutige Graben«, hörte er Odas Stimme aus weiter Ferne, schon schlief er wieder.
Nebelschwaden verhüllten Lewin zum Sonnenaufgang. In den Horizont brannte in feurigem Ton der Morgen sich ein. Irgendwo schrien Schweine. Oda fuhr bis zum Haus der Maltschaus. Die nach unten geneigten Blüten des Nickenden Leimkrauts an der Anlegestelle waren noch offen, um Nachtfalter anzulocken. Euler wachte auf, versuchte, sich auf seine Ellbogen zu stützen, was ihm kaum gelang. Ihre Blicke begegneten sich. Und jetzt sprach Oda sich aus, sagte ihm die volle Wahrheit, direkt ins Gesicht: Ihre Augen taten dies und teilten ihm mit, dass sie Hoffnung in ihn lege, all ihre Hoffnung, sie und ihre Familie und alle anderen in diesen Dörfern des Bruchs. Sie sagte ihm, dass er womöglich der Schlüssel sei. Dass er es sein müsse, denn eine andere Chance hätten sie gegen diese Übermacht nicht. Er verstand das, alleine durch den Blickkontakt, und sagte ihr, ebenfalls nur durch die Augen, dass er nichts mehr wünsche, als dass sie den Lauf der Geschichte durch ihre unerwartete Begegnung aufhalten könnten.
Er griff nach ihrer Hand, die sich kühl anfühlte – dabei war es seine, die so heiß war. Ja, in seinem Körper gebe es ein Problem, teilte sie ihm mit, und zwar ein schlimmes, und sie strich ihm das Haar aus der nassen Stirn. Jetzt gehe es darum, gesund zu werden. Dies sei die Stunde der Wahrheit. Nun müsse alles heraus. »Es ist stärker, als wir es sonst kennen, und es gibt nur eine mögliche Heilung«, sagte sie. »Wir müssen die Krankheit herauszwingen. Jeder muss helfen. Wenn gleich der Morgen beginnt und alle erwachen, fangen wir damit an.«
Sie bereitete ihm ein Lager in der Tenne. Veit protestierte, doch sie erinnerte ihn an die Pflicht, die man einem Gast gegenüber hatte, noch dazu, wenn er wehrlos war. Radomeer gab ihr recht, und als Oda ihrem Bruder versicherte, der Professor könne ihnen aufgrund seines Einflusses noch hilfreich sein, fügte sich Veit.
Euler lag auf dem Bauch, mit dem Kopf seitlich, sodass er einen schmalen Ausschnitt an Wasser sah, das gleich dem Himmel farblos wirkte, blank. Kein Lufthauch ging. Manchmal krähte ein Hahn, manchmal waren Schritte zu hören, das Rufen eines Vogels. Alles lief ganz langsam ab, viel bedächtiger, behutsamer als in der Stadt. Die Laute zerdehnten sich in der Luft, all sein Erleben war ein einziges gleichförmiges Band, dessen Ende andere hielten. Auf seinen Rücken und seine Beine wurde eine schwere, sehr breite, aus einer Weide geschnittene Planke gelegt, und auf dieser lagen je zwei Menschen, je ein gutes Stück Zeit. Kam jemand Neues hinzu und löste ab, spürte Euler diese Umschichtung in jedem Knochen, und es knetete ihn vollständig durch. Das Gleiche geschah, wenn man sich über ihm anders positionierte oder das Gewicht verlagerte. Es schmerzte höllisch, und er verstand nicht, was diese Prozedur bedeutete. Folterten sie ihn?
Dann war Mittag, und die Sonne stand wie ein großer bleicher Knopf am Firmament – ein Knopf, der das in der Hitze zerreißen wollende Himmelsgewebe geradeso noch irgendwie zusammenhielt. Ansonsten war ihm nach wie vor schleierhaft, was da passierte, was diese Menschen mit ihm taten. Er bekam kaum Luft. Immer wieder verlor er das Bewusstsein und dämmerte weg.
Einmal wachte er auf, als die beiden Männer über ihm sich erregten und lauter wurden. Eine Stimme sagte: »… das trifft die Ungläubigen an der einzigen Stelle, wo’s ihnen wehtut. Vergessen wir nicht, dass sie alles zerstören, womit der Schöpfer uns umgeben hat. Menschen dürfen wir nichts zuleide tun. Deichen und Dämmen schon. Deshalb sind wir ja auch die Biber.«
In Eulers engem Sichtfenster zwischen Bettstatt und Weidenplanke tauchten zwei weibliche Beine auf. Die Stimmen verstummten. Über ihm bewegte sich jemand, glitt nach unten. Es war Bartok.
»Wie ich schon sagte: Er ist ein Vertrauter des Hofes«, hörte Euler die Stimme von Oda. »Ich habe mir seinen Kahn genauer angeschaut und persönliche Briefe des Königs gefunden. Er ist ein wichtiger Mann. Helfen wir ihm, hilft er uns auch. Ein Unmensch ist er nicht.«
»So, und woher weißt du das?«, hörte er eine männliche Stimme.
»Die Schlange hat heute Morgen allen Fisch gefressen, den ich ihr hingelegt habe. Ich bin auf dem richtigen Weg. Reicht dir das?«
Veit antwortete nicht, doch Euler spürte in jeder Faser seines Körpers, wie der Mann über ihm sein Gewicht verlagerte, erst hierhin, dann dorthin.
Er schwitzte immer stärker, und es fühlte sich für ihn so an, als löse er sich unter den permanenten Verschiebungen der Last vollständig auf. Doch gab dieses stoisch harte Pressen von oben auch Linderung, und in dem Leiden, das es hervorrief, den Schmerzen, lag eine Erleichterung. Auf eine Art war der Druck sogar angenehm, er nahm ihm diese Last von den Schultern und von der Brust, die seit dem Einsetzen des Fiebers immer unerträglicher geworden war, diese innere, dennoch fremde Last, und ersetzte sie durch eine klare äußere. Ja, womöglich versuchten diese Fremden wirklich, ihm zu helfen. Aber vermochte ihn eine derart primitive, an Aberglauben erinnernde Methode tatsächlich zu heilen? Er konnte es sich nicht vorstellen, doch er begann, daran zu glauben, und irgendwann – Oda und Veit waren längst abgelöst worden – war es so: Alle schlechten Gedanken, die in ihm aufstiegen, alle negativen Empfindungen und Ängste verschwanden unter diesem Druck. Alle böse Sumpfluft, die ihn krank gemacht hatte, wurde von dem schweren Gewicht aus ihm herausgepresst, während der Knopf weiterhin über den Himmel wanderte, sich neigte und dabei anschwoll. Die Sonne ging unter, die zunehmende Mondsichel stieg, schwebte über den Wipfeln der Eichen und Weiden und versilberte das Wasser, durch das die Silhouetten der Herrenfische huschten.
In der Nacht saß Oda an seinem Lager. Sie hatte einen besonders fettreichen Quappenriemen entzündet, dessen funkelndes Feuer ihm Zuversicht schenken sollte. Dann massierte sie seinen Rücken. »Das muss sein«, sagte sie, ihre Finger waren fest, sie verschlang damit seine Haut. Nun schwitzte er die letzten Reste seines Fiebers heraus. Nichts war mehr gleich jetzt, jede ihrer Berührungen machte einen Unterschied, und wenn er das Auge schloss, flossen Zahlenreihen durch das Dunkel, die so harmonisch, die einfach wunderbar waren. Alle Gleichungen gingen auf, dann drehte sie ihn um, saß auf ihm und legte ihr weißes, linnenes Oberkleid ab.
Nie hatte er etwas Anziehenderes gesehen, es war die anmutigste Kurve. Doch während man einen Graphen in einem Koordinatensystem zwar begreifen, doch nicht anfassen konnte … er bemerkte, wie sein Kopf zu rasen begann, er an seine Familie dachte, an Katharina, sein Auge öffnete sich, blinzelte mehrfach, die Braue war zu einem gotischen Bogen gewölbt. Er drehte den Kopf nach links, weil er ihren Anblick nicht ertragen konnte, und sah eine grasende Kuh, ihr Fell schimmerte im Mondlicht. Er schlief gut. Als er am nächsten Morgen erwachte, gab sie ihm frische Schwadengrütze mit Molke und Butter und etwas Rübenzucker. Dazu einen Tee aus Baumrinde, dessen Geruch ihm bekannt vorkam und ihn plötzlich wieder an den Mordfall denken ließ.
»Was habt ihr mit mir gemacht?«, fragte er endlich. »Was ist das für ein Medikament?« Er deutete auf den Tee, schon schlief er wieder. Als er erwachte, sagte sie ihm, seine Temperatur sei gesunken und in ein paar Stunden sei er vollständig wiederhergestellt.
»Was war das für ein schreckliches Fieber?« Er schüttelte matt mit dem Kopf.
»Unser Heiler sagt, es kommt von kleinsten Wesen, die durch die Luft schweben und die man nicht sehen kann. Sie entstehen aus Fäulnis. Sie fliegen um uns herum und dringen durch den Mund und die Nase in uns ein.«
Gegen Mittag stand er auf. Vorsichtig lief er einige langsame Schritte durch die offene Seite der Tenne zum Ufer. Ungläubig sah er sich um. Das Wasser, das sich hier zu einem See verbreitert hatte, lag ruhig; Nebelkrähen, die sich ständig nach Gefahren umsahen, suchten Frösche.
Er drehte sich um und betrachtete das rot getünchte Haus der Maltschaus. Auf der Bank davor saß Oda neben ihrem Bruder Veit. Was war in der Nacht geschehen? War es ein Traum gewesen? Die ungleichen Zwillinge beachteten ihn nicht, sondern unterhielten sich angeregt und flickten gemeinsam ein Netz. Wie anmutig Oda aussah, mit ihrem Kopftuch aus schwarzer Baumwolle, das sie über der Stirn verknotet hatte, ihrem einfachen, ungebleichten Leinenkleid. Euler betrachtete wieder den neu entstandenen See. Sie hatte ihn vorhin auf diesen aufmerksam gemacht und ihn gebeten, seinen Wert zu bestimmen.
Er dachte darüber nach. Wie sollte das funktionieren? Was schloss das mit ein: auch die Farne, Blumen, das Pfeilkraut der Ufer? Was bedeutete das genau: ein Wert? Meinte dies auch diese roten, gestreckten Larven im Schlamm – die Libellen, die umherschwirrten, die Frösche, die kopfüber ins Nass abtauchten, wenn er sich näherte? Die Tausenden von Schnecken und Wasserläufer und sattbraunen Maikäfer, die schwebenden Schmetterlinge – die Weiden, die ihre Äste wie lange, glatte Haare ins Wasser hängen ließen? Wie evaluierte man Rastplätze für Kraniche gegenüber Stallplätzen für Rindviehzucht? War nicht sogar eine Spinne etwas wert? Und die Mücken, selbst jene, die ihn gestochen hatten: Waren sie nicht Nahrung für Frösche und diese wiederum für Störche – zog man einen Baustein aus dem Gebäude heraus, war nicht automatisch das Ganze in Gefahr? Diese Landschaft, die sie schaffen wollten, schufen sie für Hunderte von Jahren. Vermisste man irgendwann die Störche, die Kröten, sogar die Spinnen? Wäre man in ferner Zukunft bereit, ein Königreich für ein Bienenvolk zu geben?
Eine Zeit lang beobachtete er eine ungeheuer große Sumpfschildkröte, die knapp unter der Wasseroberfläche gemächliche Bahnen zog. Ihr Panzer schimmerte in allerlei Grün-, Blau- und Braunschattierungen. Ihr großer, faltiger Kopf, der aussah wie aus Leder, die rührenden Schwimmbewegungen ihrer Flossen erweckten sein Mitleid. Etwas derart Friedliches, Kostbares, Schönes ging von ihr aus … Eine gesunde Population dieser majestätischen Kreaturen zu haben: War dies nicht ein Reichtum? Wäre es nicht ein Jammer, wäre diese Spezies hier bald vom Aussterben bedroht?
Er drehte sich um. Veit und Oda waren verschwunden. Stattdessen saß Radomeer vor seinem Haus und strich mit einem langen, an der Klingenspitze abgerundeten Messer Scheibenhonig aus den Waben, die er am Morgen dem Stock entnommen hatte. Tief sog Euler die würzige Luft ein. Sicher konnte man gut und gerne seinen Verstand verlieren bei der Suche nach einer Messgröße für so etwas wie jene Gefühle, die er für Oda und die anderen Menschen in Lewin, die sein Leben gerettet hatten, empfand.
Diese Erkenntnis löste Bestürzung bei ihm aus, aber auch eine ungekannte Euphorie. Er erinnerte sich an einen Brief, den ihm sein Freund Mendelssohn geschrieben hatte. Den Wortlaut hatte er sich eingeprägt: »Der tiefsinnigste Mathematiker ist jener, der die verborgensten Wahrheiten zu ergrübeln trachtet; allein: seine Sinne nehmen häufig an dieser eigentlichen Freude keinen Anteil. So lange schreitet er nur mühsam von Wahrheit zu Wahrheit voran: lauter Arbeit! Lauter mühsame Arbeit!« Die Sinne – für sie waren noch keine quantifizierbaren Parameter entwickelt. Doch erst, wenn erkennbar wurde, welchen Wert ihre Eindrücke für den Menschen hatten, wäre die Kette der Schlüsse vollkommen – wären die Wahrheiten in der besten Ordnung. Welche Lust musste sich dann beim Rechnen, in der Mathematik und Wissenschaft, beim Erkennen auf alle Bereiche des Körpers ergießen. Dies war das Niveau, das ihm vorschwebte – das er aber bislang nicht erreicht hatte. Sobald diese sinnliche Lust Teil seines Denkens würde, gewänne auch seine Mathematik eine Mannigfaltigkeit, die sich in der schönsten, nämlich einer höheren Ordnung ausdrückte und zu Ergebnissen führte, die alle Aspekte des Daseins bewegten. Dann schwämme ich in der größten vorstellbaren Lust, dachte Leonhard Euler. Dann fiele mir auch diese Berechnung, für die der König mich in das Bruch entsandt hat, leicht.
Sein Blick schweifte über das weite, von Blütenfarben und Grünschattierungen durchsprengte Wasser. So etwas bekam man nicht alle Tage zu Gesicht. Und bald, wenn es so weiterging, überhaupt nicht mehr. Wer noch etwas sehen wollte in dieser Welt, musste sich beeilen, und er wollte die Ansicht genießen, solange es noch möglich war: Er konnte sein Auge nicht mehr abwenden und schaute unverwandt, ohne sich zu rühren, diesen Teich an, dieses Wasser, bis es, sein linkes Auge, selbst zum Teich wurde und das, was vor ihm lag, in seinen Tränen sich auflöste: erst verschwamm, dann verschwand.
Die Bank vor dem Haus der Maltschaus war leer, und er setzte sich, stützte den Kopf in die Hand und schaute sich um. Ein verträumter Zauber umspann das stille Runddorf. Eine grüne, tief einsame Abgeschlossenheit und trauliche Stille umhegte es.
Er stand in der schwarzen Küche und bewunderte den gemauerten Mantelschornstein. Über dem Herd hing der Fischkessel, Aalsuppe brodelte darin. Am Tisch stand eine Magd und teilte aus einer hölzernen Mulde Brotschnitten an sie umdrängende Kinder aus. Ein jedes bekam auf die Schnitte eine Kelle dampfender, dick gekochter Milchhirse aus einem Topf. Manche der Kinder leckten die Hirse gleich ab und verlangten Nachschlag, was die Magd standhaft verweigerte.
Vor dem offenen Fenster ging die Sonne unter. Euler hatte bemerkt, dass sich niemand um jene unangenehmen Plagegeister scherte, die in anderen Teilen des Bruchs ein so großes Thema waren. »Gibt es hier keine Mücken?«, fragte er.
»Die können den Qualm nicht ab.« Die Magd nickte in Richtung der rußgeschwärzten Schrägen des Schornsteins. »Außerdem räuchern wir das Haus regelmäßig mit Schwefel. Das hält sie fern. Und die Türrahmen reiben wir mit Essig ein, da fliegen die Biester nicht durch.«
»Mit Essig?« Nachdenklich sah Euler sie an. Hatte nicht auch der Türrahmen seines Zimmers im Goldenen Löwen nach Essig gerochen?
»Aber wir werden hier sowieso kaum gestochen. Die mögen unser Blut nicht, die Viecher. Zu sauer vielleicht, von den eingelegten Gurken, die wir essen.« Die Magd öffnete ihren breiten Mund und griente mit ihrer löchrigen Zahnreihe. »Aber am wichtigsten ist Sauberkeit. Wir waschen uns immer gut, stimmt das nicht?« Sie blickte zu den Kindern. »Seife, das ist der Schlüssel zur Gesundheit.«
In Wrietzen flutete die Faule See mittlerweile bis vor das Ambtshaus, und der Hahnengraben war über die Ufer getreten. Das war dem dicken Fritze recht, denn so konnte er seine Beine schonen und sich zu Terminen bequem rudern lassen. Und in der Überschwemmungsperiode des Hochsommers mangelte es nicht an solchen. Es war eine Zeit der Geschäftigkeit, zumal sich die einflussreiche Wrietzener Hechtreißergilde zu ihrem jährlichen Hechtschmaus traf. Diese Veranstaltung fand in der prunkvollen Hechtreißerhalle statt, die in allem das Gegenteil darstellte zum simplen Heim der Hechtreißer des Niederbruchs. Als zeremonieller Höhepunkt würde dabei die Lade der Gilde von allen ordentlichen Mitgliedern geprüft und dem sogenannten Ehrenreißer, der den Ladenschlüssel verwahrte, für das neue Geschäftsjahr übergeben, damit er sie in genau der Ordnung halte, die alle zweiundvierzig Reißer befriedigte.
Dieser Ehrenreißer, der »die Gewohnheit am besten verstand«, wie es in den Statuten hieß, deckte sich häufig mit dem Bürgermeister der Stadt, und so war es auch jetzt. Bislang hatte Fritze diese Aufgabe zu aller Zufriedenheit besorgt, hatte darauf geachtet, dass bei den Zusammenkünften ein jeder sich »ohne Saufen und Fressen fein stille und ehrbar« verhielt, wie es in den Statuten weiterhin hieß, und »Messerzücken mit acht Groschen Strafe« geahndet wurde. Doch ob seine Mitreißer es ihm bei diesem Hechtschmaus honorieren würden? In jedem Fall versprach die Veranstaltung eine besondere zu werden, war doch die gesamte Gegend im Umbruch und hatte sich mit Staatsminister Samuel von Marschall hoher Besuch angesagt. Außerdem erwartete man die drei Gesandten aus der Hauptstadt, die nach ihrer Bereisung des Bruches für den König berichten würden: den Kammerdirektor Schmettau, den Deich-Oberinspektor Haerlem sowie Leonhard Euler.
Sich in diesem höfischen Glanz zu sonnen, würde für ihn selbst, so glaubte Fritze, nicht unwichtig sein. Denn bei den Hechtreißern rumorte es: Man fürchtete Statusverlust und Einkommenseinbußen durch die Melioration, und manche sprachen sogar davon, dass es in Wrietzen bald keinen frischen Fisch mehr zu kaufen gebe. Dann trockne ebenso wie der Sumpf auch ihr Wohlstand aus. Raule, der zweite Mann in der Gilde – jener grobschlächtige, für seine Rauflust bekannte Betreiber des Goldenen Löwen –, drohte sogar offen mit Palastrevolution, um die Maßnahme noch zu verhindern. Und Raule war ein nicht zu unterschätzender Gegner und gewiefter Strippenzieher. So viel war sicher: Würde Wrietzen die Maßnahme nicht mehr mit ganzer Kraft unterstützen, änderten womöglich auch Freyenwalde und Oderbergk ihre Haltung. Gegen den Willen dieser drei Städte, denen neben den Großgrundbesitzern ein guter Teil des Bruches gehörte, wäre die Trockenlegung – zumal den zusätzlichen Widerstand des Markgrafen Karl von Brandenburg beachtend – kaum durchzuführen.
Fritze, der fahlgelbe Hosen trug, die er in seine dunkelbraunen Lederstiefel gesteckt hatte, einen langen braunen Rock und der in der Hand einen Zylinder hielt, den er nie aufsetzte, der ihm aber einen weltmännischen Anflug verleihen sollte, stieg an der Rückseite des zweigeschossigen Steingebäudes aus, an deren Umfriedung träge die Wellen der Faulen See lappten. Er hatte beschlossen, den umstürzlerischen Tendenzen an diesem Abend ein für alle Mal ein Ende zu bereiten. Man musste das Übel an der Wurzel packen und ausreißen. Immerhin stand eine gewaltige Gratifikation für ihn auf dem Spiel nebst einer stattlichen Fläche des neu zu gewinnenden Ackerlandes. Dort konnte er dann Erdtoffeln anbauen und bis zum Ende seines Lebens satt und zufrieden sein.
Unter seinem Gewicht und der Wärme des Abends stöhnend, stieg Fritze die mit Girlanden geschmückte Freitreppe nach oben. Er schüttelte ein paar Hände, kippte einen ersten Schnaps, den ihm Lulu auf einem Tablett offerierte (der Goldene Löwe besorgte die Verköstigung des Abends, was ihn ärgerte), und gelangte in die große Halle, wo sonst die Hechte gerissen wurden. Für den heutigen Abend war diese festlich dekoriert; die meisten der Plätze waren bereits besetzt, die Hechtreißer mit ihren Gattinnen und Familienmitgliedern auf ihren vorbestimmten Stühlen, ebenso Mitglieder der Wrietzener Bürgerschaft. An prominenter Stelle, vor dem lang gestreckten Podest, stand der Tisch für die Oderbruch-Commission.
Und bald war es auch schon Zeit, die Gäste zu begrüßen und den Abend einzuläuten. Sich nach allen Richtungen vorsichtig umschauend, betrat Fritze das Podest und schwang die Messingglocke. Doch er musste sie ein zweites und sogar noch ein drittes Mal benutzen. So etwas hatte es früher nie gegeben, und es regte ihn schrecklich auf. »Liebe Hechtreißer und sehr geehrte Gäste«, begann er seine Ansprache, musste sich aber gleich unterbrechen, weil er in einen fürchterlichen Husten ausbrach. Nervös, als würde von überallher Gefahr drohen, blickte er sich im Raum um, der allmählich zur Ruhe kam. »Ich will nicht lange um den heißen Brei reden«, fuhr der Bürgermeister fort, »die, die mich kennen, wissen, das ist nicht meine Art. Also um den Brei rumzureden. So was machen wir grundsätzlich nicht, hier in unserem guten Wrietzen.«
»Na, dann schieß halt los!«, rief jemand von Raules Tisch, der neben dem der Commission stand, und erntete Gelächter.
»Also, der Punkt, um den’s uns ja geht«, sagte Fritze mit leicht zittriger Stimme und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn, »das, das sind die Maßnahmen unserer großen weisen durchlauchten königlichen Majestät. Wir reden uns ja alle hier die Köpfe heiß wegen der geplanten Melioration – das heißt ja Verbesserung. Jeder von uns bespricht das mit seinen Freunden und seiner Familie. Deshalb … b-bin ich auch umso froher, dass die hohen Herren der Oderbruch-Commission heute anwesend sind.« Wohlwollend nickte er in Richtung Haerlem und Schmettau. Dass Euler nicht an seinem vorgeschriebenen Platz saß, sondern am anderen Ende des Saales stand und mit seinem jungen Gehilfen Rumi in ein Gespräch verwickelt war, irritierte ihn über die Maßen.
»Sogar der Staatsminister von Marschall hat sich für den Abend angesagt und wird uns alle später noch durch seine Anwesenheit beehren. Ich habe ihn persönlich eingeladen«, sagte Fritze und rieb sich den rechten Unterarm, wo ihn eine Mücke gestochen hatte. Wieder musste er schrecklich husten, räusperte sich und sah sich verzweifelt um, ob er irgendwo ausspucken könne, beschloss aber, einfach weiterzumachen: »Jetzt zum Rechenschaftsbericht. Also das letzte Jahr war wieder sehr erfolgreich hier für uns. Wir haben allein an Hechten über tausend Fässer verkauft, und der Preis pro Fass lag stabil zwischen zehn und elf Talern. Das ist viel, aber wer sich an solchen Zahlen ergötzt, und das tun wir ja alle, der soll sich mal vor Augen halten, was wir erst mit der Landwirtschaft verdienen, also wenn das Bruch, das uns ja immer auch ziemlich viel Ärger macht«, er blickte sich um, weil er hoffte, Zustimmung zu erheischen, doch niemand rief etwas oder klatschte, »also wenn es trockengelegt ist.« Auf einen Schlag war es mucksmäuschenstill im Saal.
»Ein echter Wrietzener, sag ich nämlich, kann überall sein Geschäft machen, vor allem in einem derart riesigen Garten, wie er hier vor unserer Haustür angelegt wird.« Fritze pausierte kurz und überlegte, was er weiterhin sagen konnte, aber das Bild vom paradiesischen Garten gefiel ihm derart, dass er beschloss, es dabei zu belassen. Dann fiel ihm etwas ein: »Na, so viel vielleicht noch … auf diesem Ackerboden, den’s bald in Hülle und Fülle gibt, können wir eine Frucht anbauen, die ihr alle noch nicht kennt, die wir aber heute Abend zum ersten Mal zu unserem Hechtmahl als Beilage servieren. Es ist eine verlockende Frucht, und sie heißt Erdtoffel!« Zufrieden nickte Fritze sich selbst zu. Er war überzeugt davon: Sobald die Leute davon gekostet hatten, gab es kein Zurück mehr. Dann waren alle überzeugt. »Von daher wünsche ich euch einen geselligen Abend voller Genuss, und wenn ihr mit meiner Arbeit als Ehrenreißer für dieses Jahr zufrieden wart – nun, ich mach’s auch gern wieder fürs nächste«, schloss er, winkte etwas linkisch in den Saal und verneigte sich, um den Beifall entgegenzunehmen. Doch es klatschten – so etwas hatte es beim Hechtschmaus noch nie gegeben – nur wenige, vielmehr breitete sich sogar peinliche Stille aus, während Fritze das Podest mit hängendem Kopf verließ.
Raule stand auf und stiefelte nach vorne. Er trug den schwarzen Ausgehfrack der Wrietzener Fischer – obwohl er selbst als Hotelbetreiber nur nebenbei fischte – und nahm seinen grauen Filzzylinder mit der steifen geschwungenen Krempe nicht ab. Das schmale schwarze Band, das diesen umschloss, war auf der Stirnseite mit einer kleinen silbernen Schnalle in der Form eines Hechtes verziert. Raule hatte seine Gefolgschaft gut vorbereitet, sodass der Applaus anschwoll, während er das Rednerpodest erklomm und sich genau zwischen eiserner Elle und eisernem Fisch postierte, den an der Wand hängenden Mindestgrößen für zu reißende Hechte und andere Herrenfische
»Wir wissen nicht, was unser lieber Fritze für seine warmen, etwas fantastischen Worte, die er für die Trockenlegung gesprochen hat, erhält«, begann er ebenso direkt wie verschlagen, da er keine Ahnung hatte, ob ein solches Bestechungsgeld für den Bürgermeister tatsächlich in Aussicht stand. »Hört, hört!«, rief es aus dem Publikum, und ermuntert fuhr Raule fort: »Wir wissen nur, dass wir alle an Macht und Einfluss verlieren sollen, alle außer Fritze vielleicht. Wrietzen, das ist in Europa eine Marke geworden. Gerissen in Wrietzen – das kennt man, dafür haben wir hart und lange gekämpft. Wir exportieren unsere Hechte bis nach Italien, wo sie als Delikatesse gelten. Nach Italien, Leute, ins Mutterland der Fische! Macht es uns nicht Spaß, mit diesem umtriebigen Völkchen dort im Süden zu verhandeln? Wollen wir darauf künftig verzichten? Leute, das Reißen ist unser Handwerk, es hat uns groß gemacht. Denken wir an unsere Väter, die es aufgebaut haben. Und denken wir an unsere Kinder.«
»Was redest du da? Dein Vater ist doch gar nicht von hier!«, rief Fritze aufgebracht. Doch Raule ließ sich davon nicht beirren: »Und unsere Vätersväter! Alle haben sie gerissen, alle haben sie Fisch für den Versand präpariert. Eigens gibt’s dafür einen Salzmarkt in unserer Stadt. Soll der etwa auch verschwinden?« Raule sah sich um. Es war augenscheinlich, dass er den allermeisten Reißern aus tiefster Seele sprach. Endlich, so schien die Stimmung im Raum auszudrücken, sagte einmal einer, was alle dachten. »Ich möchte nur an den Kurfürsten erinnern, der im vorigen Jahrhundert schon bestimmt hat, dass sämtlicher An- und Verkauf des ganzen Reichtums hier durch uns geregelt wird. Weil wir auf richtiges Maß und Gewicht achtgeben.« Er hob die Hände und ließ seine ausgestreckten Zeigefinger auf die beiden Maße rechts und links von ihm deuten, eine Geste, die er einstudiert hatte und die großen Effekt erzielte, wie er den Gesichtern im Raum unmittelbar ablesen konnte: »Weil wir die Qualität der Güter aus Wrietzen kontrollieren.« Er pausierte kurz. Nun war der Moment gekommen, an dem seine Gefolgschaft klatschen sollte, und tatsächlich brandete Zwischenapplaus auf und beruhigte sich erst, als er gebietend die Hand hob: »Und über die Belastungen, die auf unsere Stadt durch die sogenannte Urbarmachung zukämen, haben wir noch gar nicht gesprochen. Dabei wissen wir doch alle, worum’s hier wirklich geht: Es sollen sich bei uns sogenannte Kolonisten breitmachen: Flüchtende von wer weiß woher. Fremde, die unsere angestammte Kultur überhaupt nicht kennen. Ja, kann dann eine ehrbare Wrietzener Frau am Abend noch sicher durch die Straßen gehen, wenn diese Horden uns überfluten?«
Im Saal machte sich Unruhe breit. »Und diesen Fremden«, fuhr Raule fort, »will man das beste Ackerland hinterherwerfen. Die sollen nicht mal dafür bezahlen. Doch wer löhnt für ihre Hütten und Häuser und ihre Tiere und Werkzeuge? Wir, die für dumm verkauften Bürger.«
In diesem Augenblick ging die große Haupttür auf. Marian Caroline und Samuel von Marschall traten herein: sie karmesinrot geschminkt und in eng tailliertem, kegeligem, durch Fischbeinreifen gehaltenem Reifrock, blauer Samtbluse mit Spitzen und einem gefälteten Volant, hohen Stöckelschuhen, die Seidenstrümpfe mit roten und blauen Zwickeln bedruckt – er unter seinem offenen schwarzen Rock mit weißer, bis zu den Knien reichender Piqué-Weste, eine genähte, mit Fischbein verstärkte graue Halsbinde im steifen Hemdkragen. Seine mit Pomade bestrichenen und mit weißem Haarpuder bedeckten Perückenlocken trug er – ganz alte Schule – eingedreht, und die Strümpfe hatte er noch über das untere Ende seiner beigefarbenen Culotten mit den leicht gespreizten Beinen und dem voluminösen Hosenboden gezogen.
Raule ging durch den Tumult, den seine Worte ausgelöst hatten, auf die beiden zu, küsste mit eleganter Verbeugung, die man ihm nicht zugetraut hätte, die Hand von Frau Marian Caroline und schüttelte herzlich jene des Staatsministers. Ganz den Hausherrn spielend, der er ja keineswegs war, wies er vor den verdutzten Blicken Fritzes, der sich vor Schreck und aufgrund seiner Körperfülle nicht schnell genug erhoben hatte, den beiden Ehrengästen die frei gehaltenen Plätze am Tisch der Oderbruch-Commission zu und stand schon wieder auf dem Podest. »Wir begrüßen alle den Staatsminister und seine Gattin. Ihr Erscheinen hier zeigt, dass sie ein offenes Ohr für unsere Belange haben«, rief er und klatschte in die Hände, worin alle einfielen. »Wir Wrietzener«, rief er, um den Lärm zu übertönen, »sind eine stolze Gemeinde. Ich sag’s noch mal: Bewahren wir uns den Reichtum. Bewahren wir unsere Kultur. Bewahren wir Wrietzen. Von daher will ich keinen Hehl daraus machen, denn natürlich hat unser Bürgermeister recht mit dem, was er sagt: Wir reden hier nie um den heißen Brei herum. Wir reden, wie uns das Hechtmaul gewachsen ist. Deshalb hört mir zu: Die Verantwortung, die vor uns liegt, ist eine große, und ich bin bereit, mich ihr zu stellen. Wenn ihr wollt, Leute, und damit’s auch in Zukunft uns Hechtreißer gibt, bin ich ab heute gerne euer Ehrenreißer!«
Euler und Rumi unterhielten sich noch immer angeregt. »Ist Ihnen aufgefallen, wie Raule den Staatsminister begrüßt hat?«, fragte Euler. »Es wirkte auf mich, als ob sich die beiden gut kennen. Wogegen ja nichts einzuwenden ist. Doch was mich stutzig macht: Raule behandelte ihn geradezu so, als ob Marschall den gleichen Standpunkt teile wie er selbst, was ja, nach allem, was wir wissen, durchaus nicht der Fall ist. Irgendetwas geht hier nicht auf.« Eulers Blick schweifte durch den Saal. »Begeben wir uns wieder zu Tisch. Halten Sie Augen und Ohren weit offen. Es könnte sehr wichtig für uns sein, was heute Abend gesprochen wird.«
Jetzt wurden die Hechte serviert, traditionell als Braten in dunkler Fliedermussoße, und nur die gelben Klöpse, die man in Schüsseln herbeitrug, wichen von den Gepflogenheiten ab und stießen auch nicht an jedem der Tische auf Zustimmung. Ausgehend von der Seite, an der Raule mit seiner Gefolgschaft saß und wo man auf die Erdtoffeln komplett verzichtete und zur altbewährten Hirse griff, machte sogar das Gerücht die Runde, diese neumodische Speise sei mit äußerster Vorsicht zu genießen, da der Gattung der Nachtschattengewächse zugehörig und manche Teile davon giftig.
»Das ist natürlich lächerlich.« Marschall schüttelte den Kopf, als am Tisch der Oderbruch-Commission über dieses Thema gesprochen wurde. »Dies betrifft lediglich das aus der Erde herausragende Grünzeug, nicht die Knolle.« Er halbierte eine Kartoffel, spießte sie auf und steckte sie sich in den Mund, der noch eine Spur schiefer stand als bei ihrer ersten Begegnung in Ranfft, wie Euler bemerkte. Tatsächlich hatten sich an diesem Abend die beiden Gesichtshälften des Ministers so deutlich gegeneinander verschoben, dass es wirkte, als würden hier zwei Personen zwangsweise zu einer vereint. Euler, der den Marschalls schräg gegenübersaß, fiel weiterhin auf, dass die beiden Ehegatten es peinlich vermieden, einander zu berühren oder vom anderen berührt zu werden, ganz anders als in jener Nacht, in der er in Ranfft gewesen war.
»Aber wie geht es Ihnen, werter Professor?«, fragte Marschall: »Ich habe von Schmettau gehört, dass sie krank waren. Hoffentlich nichts Ernstes?«
»So unerwartet es gekommen ist, so ist es auch wieder gegangen«, antwortete Euler und trank einen Schluck von seinem lauwarmen Bier.
»Sie wirken jedenfalls etwas grüblerisch«, wandte sich Carolin von Marschall ihm zu: »Was hatten Sie für Beschwerden? Ich frage dies nur, weil am Krummen Ort wieder etwas umgeht. Es sind wohl Gifte, die aus dem Erdreich steigen, wo man dieses aufgräbt. Haben Sie sich vielleicht auf diese Weise Ihre Malaise eingefangen?«
»Ich höre solche Theorien von den schädlichen Erdausdünstungen immer wieder«, entgegnete Euler. »Aber ich glaube nicht daran. Vielmehr gehöre ich zu den Anhängern jener Schule, die davon ausgeht, dass Krankheiten durch kleine lebende Erreger übertragen werden. Alles andere erscheint mir zu animistisch. So etwas hat in der Welt des einen Gottes keinen Platz.« Euler filetierte seinen Hecht, wobei er auch die Bäckchen nicht vergaß. Dann sah er die Gattin des Staatsministers einige Momente lang nachdenklich an. Es kam ihm so vor, als belaste sie etwas. Etwas, worüber sie nicht sprechen konnte. »Leider ist unsere Forschung, was die Frage der Infekte angeht, noch nicht allzu weit«, fuhr er fort. »Zudem bin ich kein Mediziner. Von daher, nein, ich weiß nicht genau, was mit mir passiert ist. Es scheint mir jedoch wahrscheinlich, dass durch den Zuzug aus den verschiedensten Gefilden auch die mannigfaltigsten Infekte eingeschleppt werden. Dessen ungeachtet setzten meine Symptome bereits ein, bevor ich den Krummen Ort erreichte.«
»Ich gebe Ihnen recht«, sagte Kümmerle. »Bestimmt kommt’s von den Württembergern. Die sind immer wieder ein Problem. Überall, wo die auftauchen, schleppen die Ärger und Krankheit mit.« Er lachte kurz, doch da niemand einstimmte, nahm er rasch wieder ein ernstes Gesicht an.
»Ich kann Ihnen jedenfalls versichern«, sagte Euler, »ich bin vollständig wiederhergestellt.«
»Das beruhigt mich«, sagte Marschall und zog eine Gräte aus seinen Zähnen. »Dürfte ich fragen, wie die Heilung zustande gekommen ist?«
Euler zuckte mit den Achseln. »Ich habe wohl einfach Glück gehabt. Und gute Hygiene gehalten. Aber sagen Sie mir bitte, wie es Ihnen geht?« Anteilnehmend blickte er dem Minister ins Gesicht.
»Ach«, antwortete Marschall, beendete den Satz aber zunächst nicht, da sein rechtes Auge unwillkürlich zu zucken begann. Dann fuhr er fort: »Ich gebe zu, es könnte besser sein. In letzter Zeit ist viel zu tun; die Flut gepaart mit den jüngsten Schäden an unseren Deichen … die Anstrengung hinterlässt ihre Spuren.«
»Ihre Gesichtslähmung hat also doch mit Umweltfaktoren zu tun? Sprachen Sie bei meinem nächtlichen Aufenthalt in Ranfft nicht von Vererbung?«
Einen Moment lang blickte Marschall irritiert. »Sicher spielt beides eine Rolle … die Vererbung ebenso sehr wie die täglichen Lebensbedingungen.«
Kurtz trat an ihren Tisch heran. Er trug seinen kragenlosen schwarzen Rock von den Knien bis zum Hals zugeknöpft und eine dünne, goldene, mehrfach geschlungene Kette um den Hals. »Die Herren müssen sich keine Sorgen machen«, sagte er und verbeugte sich vor Marschall: »Bis zur Abstimmung um Mitternacht reden wir mit allen Reißern. Fritze wird das Rennen schon machen.« Er bleckte seine Zähne zu einem Grienen und wollte gerade noch etwas hinzufügen, da erhob sich Rumi und ging aufgeregt auf ihn zu.
»Woher haben Sie das?« Er griff nach der langen dünnen Kette mit ihrem Anhänger um den Hals von Kurtz. Es war ein goldenes, geschwungenes M.
Ohne Vorbehalte erzählte Kurtz, worauf er am Abend bei seiner Kontrollfahrt über die Faule See gestoßen war. An beinahe der gleichen Stelle wie vor genau einer Woche Mahistres Leichnam hatte er nun dessen totes Pferd in ähnlichem Zustand entdeckt. Daraufhin war er zurück nach Wrietzen gerudert, um Verstärkung zu holen. Zu sechst hatten sie den schweren Leib auf einen Kaffenkahn gehievt und in die Stadt verbracht. Doktor Veigelfeld, der Veterinär und Rossdoktor des Ortes, hatte anhand der Schwellungen und Flecken des Kadavers schwere innere Blutungen vermutet.
»Es ist die gleiche Todesursache wie bei Mahistre«, sagte Rumi, als er wenig später mit Euler am Tresen stand, wo sie ungestört waren. »Die Speerwunde hat man dem Franzosen also tatsächlich erst im Nachhinein beigebracht.«
»Noch sind das Theorien, lieber Rumi. Was wir aber sagen können: Der Fundort von Tierkadaver wie der Leiche von Mahistre ist derselbe. Und da das Pferd, wie Sie bezeugen können, eben nicht dort verstarb, sollten wir ruhigen Gewissens anzweifeln, dass Mahistre an jener Stelle den Tod gefunden hat. Wahrscheinlicher ist es, dass er am selben Ort ums Leben kam wie sein Ross, am Jäckelschen Loch.« Euler blickte sich im Saal um. »Lassen Sie uns einem unserer Mitspieler in dieser außerordentlich interessanten Schachpartie einen kleinen Schrecken einjagen. Und beobachten wir, wie er sich darauf verhält.« Euler deutete auf den Wrietzener Bürgermeister, der an einem benachbarten Tisch stand und gestikulierte. »Schauen Sie ihn an, unseren Riesenkrebs, wie er aufgescheucht durch die Gegend läuft und versucht, seine Anhänger um sich zu scharen, um einen möglichen Coup zu verhindern. Ich werde ihm jetzt mal die Leviten lesen.« Ohne Umschweife ging Euler auf Fritze zu und nahm ihn beiseite: »Es tut mir leid, Sie stören zu müssen, doch die Umstände verlangen es.«
»Ja, was ist denn?«, fragte Fritze erschrocken.
»Ihr Pritzstabel Kurtz hat beim Fund der Leiche Mahistres keine Wunde im Herzbereich festgestellt. Dass ihm dies entgangen ist, hat er später auf seine Aufregung geschoben. Doch wir beide wissen, es gibt einen anderen Grund. Die Wunde existierte nämlich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Vielmehr geriet jener Speer erst in Anwendung, als Mahistre tot bei Ihnen im Keller lag.«
»Aber, Professor!« Fritze sah ihn entgeistert an.
»Regen Sie sich nicht über Gebühr auf. Es ist schlecht für das Herz. Und spielen Sie vor allem nicht den ehrlichen, falsch verdächtigten Mann. Sie wissen alles, was es über diese Speerwunde zu wissen gibt. Ist das nicht so?«
»Ich, ich würde niemals … niemals …« Nervös sah Fritze sich in alle Richtungen um.
»Es ist Fakt, dass die neun Löcher entstanden sind, während Kurtz Dr. Süßapfel holte. Und zwar durch Sie mithilfe eines jener Speere, die im Keller des Grünen Huts neben anderen unappetitlichen Gerätschaften verwahrt werden.«
»Aber, aber wieso würde ich so etwas tun?«, fragte Fritze mit einer Mischung aus Verzweiflung und Wut in der Stimme.
»Ganz einfach. Um den Menschen aus dem Bruch einen Mord anzuhängen und mit aller Gewalt gegen sie losschlagen zu können. Es gibt doch nichts, was Ihnen mehr Freude bereitet, als Ihre Folterinstrumente auszumotten. Leugnen Sie es nicht.«
Fritze starrte ihn mit offenem Mund an. Seine sonst so prallen Wangen wirkten eingefallen.
»Sie sehen, wir sind in der letzten Zeit zu gewissen Erkenntnissen gelangt. Und wenn Sie möchten, dass man mit diesen diskret umgeht – gerade auch, was die Abstimmung am heutigen Abend betrifft –, dann beginnen Sie besser sofort, mit offenen Karten zu spielen. Es bringt nichts, die Sache verschleppen zu wollen.«
Fritzes Gesicht war weiß wie Asche. »Aber ich, ich habe mit der Sache, mit dem Tod von Mahistre nichts zu tun«, stammelte er, und seine Stimme glitt ins beinahe Schrille ab, »das schwöre ich bei Gott. Ich habe ihn nicht umgebracht … ich, ich wollte doch nur, dass sein Tod noch zu was nutze ist.«
»Ihr letzter Satz klingt so erbärmlich, dass er zu Ihnen passt und ich dazu tendiere, Ihnen in dieser Hinsicht zu glauben. Aber jetzt muss ich die volle Wahrheit wissen.«
»Ich sage Ihnen alles, Professor, alles, was Sie wissen müssen. Vielleicht …« Zögerlich sah sich der Bürgermeister nach allen Seiten um.
»Ja?«
»Also schauen Sie doch mal in der Großfriedrichsburg vorbei. Sprechen Sie mit einer Frau namens Gloria. Mahistre war in seiner letzten Nacht bei ihr. So hat Kurtz es mir berichtet.«
»Ich werde sehen, was ich mit dieser Information anstelle.« Euler wandte sich von Fritze ab und ging zum Tisch der Commission zurück. Dort sagte er zu Rumi, sodass niemand sonst es hören konnte: »Es sieht tatsächlich so aus, als sei die Todesursache für Mann und Pferd gleich. Und möglicherweise litt auch ich darunter. Es ist ein ungewöhnlich starkes Fieber, das ohne entsprechende Behandlung zum Tode führt. Ich hatte Glück. Ich bin durch die Hilfe, die mir in Lewin zuteilwurde, kuriert worden. Und das Pferd hielt etwas länger durch als sein Herr, weil es …«
»Deutlich schwerer ist?!«
»Richtig. Und meinte nicht Dr. Süßapfel Ihnen gegenüber, Mahistres Leiche sei etwa vierundzwanzig Stunden im Wasser gewesen? Gut, dass wir die Strömungsgeschwindigkeit bestimmt haben. Tragen Sie die Landkarte bei sich?«
»Ja. Doch bevor ich es vergesse, Professor: Während Sie mit Fritze gesprochen haben, bin ich auf Dr. Süßapfel gestoßen. Ich habe ihn sofort wegen einer Frage konsultiert, die mir seit einigen Minuten auf den Nägeln brennt.«
»Und die wäre, Rumi?«
»Ob Gesichtslähmung vererblich ist.«
»Ausgezeichnet, ausgezeichnet. Was hat der Doktor gesagt?«
»In keinem Falle ist sie das.«
Euler nickte befriedigt. »Gute Arbeit. Und jetzt zeigen Sie mir bitte die Landkarte.«
Rumi öffnete seine Ledertasche und holte sie hervor.
»Sehen Sie«, sagte Euler, »von hier nach hier, vom Jäckelschen Loch bis zur Faulen See …« Er beendete den Satz nicht, und die Braue über seinem linken Auge wölbte sich. »Wenn der Leichnam circa vierundzwanzig Stunden im Wasser getrieben ist, wie Dr. Süßapfel geschätzt hat, kann es hinkommen.« Euler deutete auf den verschlungenen Weg zwischen der Stelle, die auf der Karte mit dem Hechtmaul markiert war, und dem Ausfluss von Morinichen und Bardaune bei Wrietzen. »Deshalb konnten wir am Fundort des armen Mahistre auch keinerlei Kampfspuren entdecken.« Euler sah Rumi triumphierend an. »Man wird durch diesen Strudel nach unten gezogen, gelangt in die Grundströmung der Oder und treibt durch das gesamte Niederbruch bis zur Faulen See. Dies beantwortet die Frage, was mit Mahistre zwischen Jäckels Loch, wo er sein Pferd zurückgelassen hat, und der Faulen See passiert ist, wo er tot aufgefunden wurde. Er hat im Niederbruch nicht seinen Mörder getroffen, sondern war bereits tödlich geschwächt, als er in den Wirbel geriet. Gestorben ist er an jenem Infekt, mit dem er bereits tagelang rang. Deshalb war auch der letzte Brief, den er Marschall schrieb, unsauberer und mit für ihn untypischen Fehlern. Weil er da bereits stark fieberte.«
»Dann … dann gibt es also überhaupt keinen Mord?«, fragte Rumi überrascht. »Sondern Mahistre war einfach nur krank? Sind wir die ganze Zeit lang einem Phantom hinterhergejagt?«
»Nicht so schnell, mein Freund, nicht so schnell. Die Welt ist voller offensichtlicher Begebenheiten, und nur weil wir im Augenblick keine Mordwaffe erkennen, heißt es nicht, dass eine solche nicht zur Anwendung gekommen ist. Im Gegenteil: Ich bin mehr denn je davon überzeugt, dass ein Mörder existiert und dass er erneut zuschlagen wird. Dass er sogar jetzt, während wir hier miteinander sprechen, seine nächsten Schritte plant.«
Die Luft war angenehm kühl auf der Haut, die Häuser Wrietzens sahen beschaulich aus im matten Schimmer der Nacht. Nach außen hin wirkte Euler gelassen, rauchte seine Olivenholzpfeife und blies gleichmäßige Wölkchen in Richtung der Giebel, lief am Wursthof und am kleinen Markt, am jüdischen Friedhof und zwei Ecken weiter am Tollhaus vorbei. Knarzend drehte sich in der Dunkelheit das Windmühlenrad über den Dächern.
Auf der von abblätternder dunkelblauer Farbe unzureichend bedeckten Eingangstür des windschiefen Fachwerkhauses der Großfriedrichsburg war mittig ein grünstichiger Bronzeklopfer in Form einer Frauenhand angebracht. Euler betätigte ihn, dann leerte er seine Pfeife an der Hauswand aus. Ein klobiger Mann mit rechteckigem Gesicht, auf dem ein schwarzer Bürstenhaarschnitt wie angeklebt thronte, öffnete. »Ich möchte zu Fräulein Gloria.« Euler drückte ihm einen Guten Groschen in die Hand.
»Treppe hoch, Gang nach links, letzte Tür rechts.« Der Mann nickte mit vorspringendem Kinn eine Stiege nach oben. »Zweimal klopfen, reingehen.«
Gloria saß auf einem französischen Bett neben einem Fenster, das auf die Faule See hinausging, und las in der Bibel. Sie war ein paar Jahre jünger als Lulu, Anfang dreißig, trug ein knappes dunkelblaues Baumwollkleid, das sich im Halbdunkel der Kammer kaum abhob von ihrer blauschwarzen Haut. Ihre Haare hatte sie kunstvoll zu einem Turm aufgeschichtet, der mit Federn, Blumen, Spitzen und Schmuck verziert war. Sie sah verführerisch aus. Es war dieselbe Frau, die Euler und Rumi vor ein paar Tagen vor dem Eingang der Großfriedrichsburg gesehen hatten. Neben ihr hing eine Holzmaske in Form eines vollen Mondes an der Wand.
»Liebe Dame, ich bin nicht gekommen, um Ihre Dienste in Anspruch zu nehmen.« Euler ging auf sie zu und verneigte sich. »Ich wollte Sie vielmehr fragen, ob Sie mir mit einer Auskunft behilflich sein könnten. Ich werde Sie dafür entsprechend entlohnen.«
»Sie wollen nur reden und dafür zahlen?« Gloria sah ihn skeptisch an.
»Es geht um einen Mann mit Namen Mahistre. Ich möchte herausfinden, was mit ihm geschehen ist. Warum er sterben musste. Und ich weiß, dass er kurz vor seinem Tod bei Ihnen war.«
Gloria schlug ihre Augen nieder. Dann schüttelte sie den Kopf. »Dafür verlange ich keinen Lohn.« Leise fuhr sie fort: »Mahistre war mein Freund. Er hat die Menschen geachtet. Auch wenn sie anders waren als er selbst. Und er hat das laut und offen allen gegenüber so gesagt.« Gloria hob den Kopf und sah Euler an: »Wenn ich mit Ihnen sprechen soll, sagen Sie mir: Sind Sie ebenfalls so? Er … er war ein Ritter.«
»Ich strebe danach. Aber ich bin sicher nicht mit ihm zu vergleichen. Ich bin allerhöchstens ein Ritter der Zahlen.«
»Kann man da ritterlich sein?«
Euler dachte einen Moment lang nach. »Auch in der Mathematik ist Mut gefragt. Und Ehrlichkeit. Liebes Fräulein Gloria, helfen Sie mir?«
Erneut betrachtete sie ihn prüfend. Dann klappte sie die Bibel zu, legte sie auf einen Beistelltisch und sagte: »In seiner letzten Nacht, da war er aufgeregt. Er hat mir etwas Merkwürdiges gesagt. Er hatte einen Hinweis erhalten, eine Warnung.«
»Worum ging es dabei?«
»Dass er woanders schlafen solle.«
»Nicht bei Ihnen?«
»So hat er es gedeutet.«
»Haben Sie eine Vermutung, weshalb nicht?«
Gloria sah aus dem Fenster. Es war ihr anzusehen, dass die Erinnerung sie schmerzte. »Sie müssen eines verstehen«, sagte sie langsam, »ich habe ihn wirklich gern gehabt. Doch an diesem Abend war er nicht mehr bei sich. Er hat wie verhext gewirkt und war über und über mit Schweiß bedeckt. Ich hab so was noch nie gesehen. Der Schweiß kam sofort wieder, wenn ich ihn weggewischt habe. Er hatte rote Flecken auf der Haut, überall.« Sie zeigte auf ihre Arme, auf ihren Oberkörper. »Etwas war in ihn gefahren, hat er gesagt. Etwas Schreckliches.«
»Wissen Sie, was er damit gemeint haben könnte?«
»Ich habe mit Lulu darüber gesprochen. Sie kennen sie?«
Euler nickte.
»Sie ist meine beste Freundin.« Gloria pausierte kurz und zuckte mit den Schultern. »Und auch meine einzige. Sie hat mir gesagt, dass es das nur an der Goldküste gegeben hat. Dass der Schweiß nicht mehr verschwunden ist.«
»An der Goldküste?«
»Dort sind wir geboren, Lulu und ich. In Afrika.«
»Afrika«, murmelte Euler und dachte angestrengt nach. »Hat Mahistre gesagt, von wem er diese Warnung erhalten hat?«
Einen Moment lang zögerte Gloria. »Von Raule«, sagte sie dann.
Euler suchte in der Westentasche seinen Tabaksbeutel, zog ihn mit der Pfeife hervor, nahm drei der langen Rüdnitzer Streifen heraus, die er von dem schwimmenden Händler vor Güstebiese erstanden hatte, und breitete den Tabak auf einem der Wirtstische der Roten Lilie aus. »Verraten Sie es mir doch endlich«, sagte Rumi, der neben ihm saß, »was haben Sie von der Dame noch erfahren?«
In aller Ruhe zerriss Euler den ersten Streifen in immer kleinere Stücke. Dann pausierte er und trank einen Schluck Bier. »Wenn ich morgen früh zurückreise, um in Berlin eine Untersuchung in unserer Sache anzustellen, werden Sie hierbleiben.« Er nahm den zerkleinerten Tabak und ließ ihn in den Pfeifenkopf rieseln, bis er voll war. »Finden Sie heraus, was Raule mit seiner Warnung an Mahistre kurz vor dessen Tod gemeint hat. Wovor er ihn warnte und warum er dies tat.«
Rumi nickte. Die Vorstellung, alleine in Wrietzen zu bleiben, um auf eigene Faust zu ermitteln, gefiel ihm außerordentlich. Er krempelte seine weiten Ärmelaufschläge bis zum Ellbogen hoch, als würde er sich an eine Schreibarbeit begeben. »Ist Raule verdächtig?«
Euler trommelte einige Sekunden lang mit dem rechten Zeigefinger leicht gegen den Pfeifenkopf, damit die Tabakteilchen in den Hohlraum rutschten. Dann füllte er weiteren Tabak ein und klopfte erneut. Er drückte die Mischung nach unten. »Ich bin mir noch nicht sicher. Vielleicht schwebt er selbst in Gefahr. Wenn wir Raule verstehen, verstehen wir den ganzen Fall.« Euler zündete mit einem langen Zündholz seine Pfeife rundherum gleichmäßig an, bis die gesamte Oberfläche glühte. Er schüttelte das Brennhölzchen, warf es auf den Boden und trat es aus. »Ab sofort quartieren Sie sich im Goldenen Löwen ein. In einem ordentlichen, bequemen Zimmer, nicht auf einem von Käfern bewohnten Dachboden. Im Löwen sind Sie so nahe an Raule dran wie möglich. Sagen Sie schon, Rumi«, Euler lächelte ihm zu und nahm einen genüsslichen ersten Zug, »wie schmeckt Ihnen das?«
Lulu saß hinter der Rezeption und stickte, als Euler spät am Abend die leere Wirtsstube betrat. Sie legte ihre Handarbeit zur Seite: »Ich habe Sie bereits in der Hechtreißerhalle gesehen. Hat Ihnen der Abend gefallen? Und was sagen Sie zum Ausgang der Wahl?«
»An die Fliedermussoße muss ich mich gewöhnen. Und daran, dass es in diesen Gefilden offenbar keine freien Wahlen gibt und dieser Fritze sich den Sieg doch noch erkaufen konnte. Oder vielleicht muss ich mich daran auch gar nicht gewöhnen, denn ich reise morgen ab.«
»Also nur für eine Nacht ein Zimmer?«
»Bekomme ich dasselbe wie beim letzten Mal?«
»Die 7? Die ist schon an Herrn Kümmerle vergeben.« Bedauernd sah sie ihn an. »Er kam am Vormittag an. Wenn ich es gewusst hätte, Professor, hätte ich es für Sie reserviert.« Sie blickte in das in rotes Leder gebundene Reservierungsbuch. »Ich kann Ihnen aber einen anderen Raum anbieten, direkt daneben.« Sie drehte sich zum Schlüsselbrett um, das an der Wand hinter der Theke hing, und nahm einen Schlüssel ab. »Die Nummer 8.«
»Die Unendlichkeit.« Euler verneigte sich und nahm den Schlüssel entgegen.
»Und welche Zahl stünde für Wahrheit?«
»Also das wäre tatsächlich die 7. Weshalb fragen Sie?«
Mit einem sonderbaren Ausdruck im Gesicht sah sie ihn an. »Als Sie vor einer Woche zum ersten Mal bei uns übernachtet haben, hat Sie der Kammerdirektor von Schmettau als einen Mann angekündigt, der stets die Wahrheit sehen kann.«
»Meinen Sie, es gibt in dieser Hinsicht in Wrietzen eine Art Rückstand?«
Sie lachte kurz auf, und obgleich es ein bitteres Lachen war, verwandelte sich dabei ihr Gesicht, und er sah erneut, wie attraktiv sie war. »Die Menschen hier sind vollkommen unwissend. Was kann dagegen besser helfen als die Wahrheit?«
»Möchten Sie mir etwas sagen, Fräulein Lulu? Etwas, das Raule betrifft?«
Erstaunt sah sie ihn an. Ihre Hände griffen nach der Stickarbeit und spielten nervös mit den Nadeln. »Freuen Sie sich über Ihr Zimmer«, sagte sie dann. »Es ist ruhiger als die Nummer 7 und nicht so heiß. Liegt nicht direkt über dem Stall.«