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20. April 1936

Flora Robinson und Leonard Holmes Nair spazierten auf der Steinterrasse auf und ab. Es war jetzt eine Woche her, dass das Telefon geklingelt und ihre Welt in Scherben gelegt hatte. Danach hatte Albert sich die meiste Zeit über mit Mackenzie in seinem Arbeitszimmer verschanzt und auf Nachrichten gewartet. Doch seit der nächtlichen Geldübergabe am Rock Point hatte es keine mehr gegeben und das Schweigen wurde mit jedem Tag unheilvoller.

Niemand zwang Flora und Leonard hierzubleiben, aber die Welt dort draußen war wild und gefährlich und voller Menschen, die nur darauf lauerten, sie mit Fragen bombardieren zu können, um auch noch den letzten Fetzen Fleisch vom Knochen dieses Skandals zu nagen.

Und so verbrachten sie ihre Tage damit, ziellos durchs Haus zu streifen, zu rauchen und sich hin und wieder ein Sandwich von einer der Platten zu nehmen, die unaufhörlich aus der Küche geliefert wurden. Und mit Warten. Darauf, dass etwas geschah. Egal, was. Die Polizei suchte das Gelände genauestens ab, stocherte mit Stöcken in jeder Senke, verlegte zusätzliche Telefonleitungen und verscheuchte Presse und Gaffer.

An diesem Abend sahen sie zu, wie die Sonne hinter den Bergen versank, bis Leo die Stille schließlich nicht mehr ertrug.

»Iris hat mich nach dem Vater gefragt«, sagte er und fuhr mit dem Finger über die steinerne Brüstung. Dann drehte er sich zu Flora um, die einen langen, nervösen Zug von ihrer Zigarette nahm.

»Natürlich konnte ich ihr dazu nichts sagen«, fuhr er fort. »Aber es hat mich zum Nachdenken gebracht. Flora, Liebes …«

»Es spielt keine Rolle.«

»Vorher vielleicht nicht«, wandte Leo ein. »Doch jetzt … könnte es die Dinge verkomplizieren.«

»Gar nichts verkompliziert sich. Sie werden die beiden finden und damit hat es sich.«

Leo ließ einen tiefen Seufzer vernehmen und trat seine Zigarette aus. Dann ging er zu Flora und setzte sich neben sie auf die Brüstung.

»Es wird jede Menge Tratsch über die kleine Alice geben«, sagte er leise. »Wahrscheinlich brodelt die Gerüchteküche schon längst. Irgendwann haben die Reporter keine Lust mehr, jeden Tag dasselbe zu schreiben. Die wollen mehr. Alice’ Foto ist in jeder Zeitung der Welt zu sehen. Da wird dem einen oder anderen wohl auffallen, dass sie weder Albert noch Iris sonderlich ähnelt.«

»Als ob jedes kleine Kind seinen Eltern ähnelt.«

»Und dann werden sie sich fragen, warum Iris sie eigentlich so dringend in der Schweiz zur Welt bringen musste …«

»Um der Presse zu entgehen, das haben sie damals doch extra so verbreitet …«

»Und früher oder später wird irgendein besonders eifriger Reporter auf die Idee kommen, einfach mal das Klinikpersonal zu befragen. Egal, wie gut Albert sie bezahlt hat – irgendjemand wird ganz sicher bereit sein, sein Wissen gewinnbringend zu verkaufen.«

»Es ist doch nichts Falsches daran, ein Kind zu adoptieren.«

»Natürlich nicht«, entgegnete Leo. »Aber um richtig oder falsch geht es hier auch nicht. Sondern darum, dass die ganze Welt nach einer Story lechzt. Alice ist derzeit das berühmteste Kind auf dem Planeten. Und da du und ich nun mal gemeinsam in diesem Schlamassel stecken, dachte ich, du könntest dich vielleicht dazu durchringen, mir diese eine Information anzuvertrauen. Damit ich dich und Iris und Alice besser schützen kann. Die Öffentlichkeit braucht davon nichts zu erfahren. Ich möchte es nur wissen für den Fall, dass sich da draußen noch mehr Leute herumtreiben, die glauben, sie könnten mit der Geschichte das schnelle Geld verdienen. Sag es mir, Flora. Es geht mir nur um Alice und dich. Und du weißt, wie gut ich Geheimnisse hüten kann.«

Sie unterbrachen ihr Gespräch kurz, als zwei Polizisten dicht an ihnen vorbeipatrouillierten.

Als die Männer außer Hörweite waren, erwiderte Flora: »Bis jetzt war das nie wichtig. Weil ich wusste, dass sie hier das bestmögliche Zuhause haben würde. Dass sie reich sein würde. Und in Sicherheit. Dass sie von allem nur das Beste bekommen würde. Albert hat bezahlt. Er hat bezahlt und darum werden sie die beiden freilassen. Sie müssen …«

Irgendetwas fesselte Floras Aufmerksamkeit und Leo folgte ihrem Blick. Robert Mackenzie und George Marsh umrundeten gerade den Zierteich am Fuß der Terrasse und wendeten sich Richtung Haus. Und in dem Moment sah Leo es. Alice’ Kinn. Ihre Augen.

Blau wie die von George Marsh.

»Also er«, murmelte Leo. »Wieso hab ich das bloß nicht früher erkannt?«

»Es ging nicht lange«, erklärte Flora. »Nur ein paar Wochen. Du weißt ja selbst, wie öde es hier oben bei schlechtem Wetter sein kann.«

»Hast du es ihm gesagt?«, wollte Leo wissen.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Er hat keine Ahnung.«

»Gut«, befand Leo. »Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass er die Geschichte an die Presse verkaufen würde, aber besser, er weiß es gar nicht erst.«

»Alice kommt wieder nach Hause«, sagte Flora, mehr zu sich selbst. »Sie kommen beide unbeschadet zurück und dann gehen wir alle zusammen nach New York und so was passiert nie wieder. Sie ist in Sicherheit. Das weiß ich. Ich würde es spüren, wenn es nicht so wäre. Ganz bestimmt.«

Die Sonne versank hinter dem Horizont und die Vögel drehten ihre letzten Runden am Himmel. Leo legte Flora die Hand auf die Schulter. Er hätte ihr so gern versichert, dass alles gut werden würde, doch das hätte einfach nicht der Wahrheit entsprochen. Man konnte Leo so einiges vorwerfen, aber nicht, dass er ein Lügner war.

»Wie wär’s mit einem Tee?«, schlug er vor und nahm sie sanft beim Ellbogen. »Oder was Stärkerem? Lass uns reingehen. Hier draußen sind mir zu viele Leute.«