Es funktionierte nicht. Es würde niemals funktionieren.
Zunächst mal war es eiskalt im Zimmer und Stevie musste immer wieder aufstehen und sich andere Sachen anziehen – einen wärmeren Schlafanzug, dann einen zweiten darüber, eine weitere Lage Socken, ihren schwarzen Hoodie, dann ihren Bademantel. Eingewickelt wie ein Burrito ließ sie sich zurück ins Bett fallen.
Und dann erst der Lärm – dieses unaufhörliche Pfeifen und Heulen. Als wäre sie umzingelt von einem Dutzend altmodischer Teekessel, die Dampf und heißes Wasser spien. Mittlerweile war der Schneesturm in voller Fahrt und die Aggression, mit der er zu Werke ging, jagte Stevie Angst ein. Der Wind versuchte, die Finger durch den Fensterrahmen zu schieben. Sie griff nach ihren Ohrhörern und schaltete einen Podcast ein, um sich abzulenken, um sich irgendeine Art von Normalität vorzugaukeln, aber heute kamen die vertrauten Stimmen ihr fremd vor. Ihre Zimmerwände machten sie nervös.
Warum hatte David ihr kein Tablet geben wollen? Warum war er zurückgekommen und ließ Stevie dann nicht mitmachen, wenn er doch angeblich so dringend Hilfe brauchte? War das eine Art Test? Ein Spiel? Eine Lektion? Eine Kombination aus allen dreien?
Die Ungewissheit sandte ein Kribbeln durch ihren Körper.
Jetzt nach oben zu gehen, wäre ein Fehler. Das wollte er doch nur. Aber sie wollte es auch.
Warum waren Menschen bloß so? Warum erlitten ihre Vernunft und ihr Urteilsvermögen so häufig einen Kurzschluss? Warum waren sie so voller Hormone, die sie auf irgendwelche dummen Abwege führten? Wie konnten sie gleichzeitig so aufgedreht und wütend sein, als bohrten sich ihnen tausend gefühlsverseuchte Nadeln auf einmal ins Hirn?
Nein, sie würde nicht nach oben gehen.
Sie stand einfach nur mal kurz auf, mehr nicht. Aber sie würde nicht nach oben gehen.
Bis zur Tür, aber das war’s.
Auf keinen Fall weiter als bis ans Ende des Flurs.
Okay, die unterste Treppenstufe. Aber dann war wirklich Schluss.
Halb die Treppe hoch. Na gut, ganz, aber dann wieder zurück.
Und da stand sie, im dunklen Flur, vor seiner Tür. Kein Licht drang heraus, kein Geräusch. Sie spitzte die Ohren, versuchte abzuschätzen, was drinnen vor sich ging. Stimmen waren nicht zu vernehmen. Nervös trat sie von einem Fuß auf den anderen.
Nein. Sie musste zurück in ihr Zimmer. Lass dich nicht auf dieses Spielchen ein.
»Komm doch rein«, tönte es von innen.
Sie hörte, wie jemand scharf die Luft einsog, um kurz darauf festzustellen, dass sie es selbst gewesen war. Immer musste einen der Körper verraten, dieser blöde Fleischsack. Sie legte die Hand auf den Türknauf, fluchte noch einmal lautlos auf ausnahmslos alles und öffnete die Tür einen Spalt. David lag angezogen auf dem Bett und hielt sein Tablet in den Händen.
»Wolltest du was Bestimmtes?«, fragte er.
Sie hatte keine Ahnung, was sie wollte. Irgendwie hatte sie erwartet, dass sich das von allein ergeben würde, wenn sie erst mal in Davids Tür stand. Dass die Natur sie leiten würde und ihn genauso. Dass keine Worte vonnöten sein würden. Aber anscheinend hatte niemand der Natur Bescheid gesagt und so verharrte Stevie reglos auf der Schwelle wie ein Vampir.
Davids Zimmer war voller Sachen, die man aus Katalogen bestellen konnte, wenn man nicht auf den Preis achten musste. Es war, als bildeten sie einen neutralen Hintergrund, vor dem das, was ihn wirklich ausmachte, erst richtig zur Geltung kam. Der verschlissene Rucksack, der verbotene Grasgeruch, sein achtlos zu Boden gepfefferter Sherlock-Holmes-Mantel, ein Becher Instantnudeln, sein ramponiertes Handy. Sie suchte nach Hinweisen, die ihn ihr besser erklärten, aber alles, was sie fand, ließ ihre Synapsen noch wilder tanzen.
»Du hast mir kein Tablet gegeben«, merkte sie an.
»Stimmt.«
»Wieso nicht?«
»Du hast doch immer so viel zu tun«, entgegnete er. »Da wollte ich deine Zeit nicht beanspruchen.«
Die Fensterscheiben wurden in ihren Rahmen durchgerüttelt. Das Licht des Tabletdisplays erleuchtete die Konturen seines Gesichts und die ausgeprägten Wangenknochen. Am liebsten wäre sie zu ihm gegangen und hätte sich neben ihn aufs Bett gelegt. Sie musste etwas tun. Egal, was.
Zögernd machte sie ein paar Schritte auf ihn zu. Er legte das Tablet in den Schoß.
»Ach, wolltest du etwa ein bisschen rummachen?« Er faltete ordentlich die Hände über dem Tablet und kreuzte die Knöchel. »So richtig schöne Fummel-Action?«
Aber sein Spott klang nicht so scharf wie gewohnt. Das Messer war stumpf.
»Können wir –«
»Nein«, unterbrach er sie. »Können wir nicht.«
»Warum bist du zurückgekommen?«, verlangte sie zu wissen. »Du hättest diesen Kram genauso gut allein lesen können.«
»Wo bleibt denn da der Spaß?«, erwiderte er. »Und außerdem bin ich viel zu langsam. Da lasse ich mich doch lieber von ein paar Superhirnen unterstützen.«
»Blödsinn.«
»Was denkst denn du? Etwa, dass ich deinetwegen zurückgekommen bin?«, höhnte er. »Im Ernst? Nachdem du für meinen Vater gearbeitet, mich für ihn ausspioniert hast?«
»Ich hab dich nicht ausspioniert«, widersprach sie. »Und ich mag deinen Vater genauso wenig wie du. Meine Eltern arbeiten für ihn und ich tue alles, was ich kann, um das zu sabotieren.«
»Ja, hast du erzählt. Du hast SeaWorld auf die Anrufliste für den Wahlkampf gesetzt. Super.«
»Dein Dad«, fuhr sie unbeirrt fort, »hat ein riesengroßes, rassistisches Plakat bei uns in der Straße aufhängen lassen. Glaubst du wirklich, für den Typen würde ich arbeiten?«
David behielt seine lässige Pose bei – die Beine lang ausgestreckt, äußerlich ganz locker. Aber in dem, was er sagte, verriet sich seine Anspannung.
»Gehen wir doch mal kurz die Faktenlage durch«, schlug er vor. »Mein Dad hat dich in seinem Privatflugzeug hergeflogen, damit du mich im Auge behältst und ich keinen Scheiß mehr baue. Ich hab dir vertraut. Mich dir anvertraut. Ich hab dir von meiner Mom und meiner Schwester erzählt, von allem, was mein Dad uns angetan hat.«
»Aber erst hast du mich nach Strich und Faden belogen«, hielt sie dagegen. »Du hast gesagt, deine komplette Familie wäre tot …«
»Und dafür hab ich mich auch entschuldigt. Nur anscheinend nicht überzeugend genug. Tja, ich hab jedenfalls getan, was ich konnte. Mich dir geöffnet.«
Das stimmte. An jenem Abend im Tunnel hatte er Stevie die Wahrheit über sein Leben gesagt. Und als sie auf Ellies Leiche gestoßen waren, hatte er vor ihr geweint. Er hatte sich ihr absolut verwundbar gezeigt, woraufhin Stevie in Panik geraten war und ihm von dem Deal mit seinem Vater erzählt hatte: Dass sie nur an die Ellingham Academy hatte zurückkommen dürfen, nachdem sie ihm versprochen hatte, David auf dem rechten Pfad zu halten.
»Was die Sache mit deinem Dad angeht – wie schon gesagt, ich hab dich nicht ausspioniert. Er hat mich hierher zurückgebracht. Aber das war auch schon alles. Keine Ahnung, was genau er von mir wollte.«
»Auf jeden Fall etwas, von dem er sich sicher war, dass du es ihm geben könntest«, sagte David. »So läuft das bei meinem Dad. Er hat einen sechsten Sinn für die Schwachstellen anderer Leute. Deshalb hat er es ja überhaupt so weit gebracht. Und deshalb weiß ich auch so genau, dass ich irgendwas finden werde, wenn ich seinen Kram durchsehe. Eine krumme Tour zieht die nächste nach sich, verstehst du? Das Böse frisst seine eigenen Kinder. Darum brauchte ich halt ein paar kluge Köpfe, Leute wie Vi, die sich mit Politik auskennen. Und dieser Hunter ist auch ein ziemlicher Glücksgriff. Leute, die ein Interesse daran haben, die Zukunft mitzugestalten. Du dagegen …«
Stevie konnte sein Gesicht im Dunkeln nicht gut erkennen, aber sie war sich sicher, dass ein verächtliches Grinsen darauf lag.
»… willst bloß die großen Verbrechen der Vergangenheit aufklären, damit dich alle für Miss Marple junior halten. Ob dabei nun Ellie auf der Strecke bleibt oder –«
Er unterbrach sich. Doch das Messer steckte schon zu tief. Es spielte keine Rolle, dass sie Edward King nichts geliefert hatte. Edward King hielt sie für schwach.
»Vielleicht ist es besser, wenn du wieder nach unten gehst«, sagte er. »Wärm dich auf. Soll ja noch kälter werden, wie man hört. Eiskalt.«