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»Weißt du, was lustig ist?«, versuchte Stevie, die Stimmung in dem riesigen, finsteren Raum aufzulockern. »Genau so einen Kamin wie den hier hatte Heinrich VIII. in Hampton Court Palace. Albert Ellingham hat ihn eins zu eins nachbauen lassen.«

»Weißt du, was lustig ist?«, entgegnete Nate. »Heinrich VIII. hat zwei von seinen Frauen köpfen lassen. Wer bitte wünscht sich einen Kopf-ab-Kamin?«

Nate und Stevie waren als Erste in der Villa eingetroffen, wohin die Bewohner von Minerva nach dem Stromausfall umgesiedelt werden sollten, weil das Gebäude über einen eigenen Generator verfügte. Die Entfernung betrug zwar nur wenige Hundert Meter, aber zum Laufen war es mittlerweile zu gefährlich, darum hatte Mark Parsons sie mit der Pistenraupe hergebracht, die er vor dem Sturm schon mal in weiser Voraussicht unter dem Vordach geparkt hatte. Neben Mark passten nur zwei weitere Personen in die Kabine und es dauerte eine Weile, bis sich alle einig waren, wer mit wem fahren würde und in welcher Reihenfolge. Vi und Janelle schlichen immer noch unsicher umeinander herum. Hunter schien sich zutiefst unwohl zu fühlen in diesem neuen, verwirrenden Universum, in dem er unversehens gelandet war. Und David schoss düstere Blicke in sämtliche Richtungen.

»Ich fahre mit Stevie«, hatte Nate dem Hickhack schließlich ein Ende gesetzt.

In den wenigen Sekunden, die sie draußen verbrachten, pustete der Wind Stevie beinahe um. Zum Glück jedoch hielt der Schnee, der ihr jetzt schon bis übers Knie reichte, sie aufrecht. Die Pistenraupe tuckerte die Pfade entlang und außer ihren Lichtkegeln und dem darin aufwirbelnden Schnee schien nichts auf der Welt mehr zu existieren. Mark wirkte nicht unbedingt begeistert, dass er das warme Haus hatte verlassen müssen, um ein paar hirnlose Schüler durch den Schneesturm zu kutschieren, aber er sagte nichts. Vermutlich hatte er im Lauf der Jahre einfach schon zu viele Hirnlosigkeiten miterlebt.

In der Villa wurden sie bereits von Charles und Dr. Quinn erwartet. Charles war legerer gekleidet als gewohnt und trug eine dicke Fleecejacke und eine Jogginghose. Dr. Quinn dagegen war mit ihrem rosé-grauen Kaschmirpullover und dem schwingenden Wollrock zu schwarzer Kaschmirstrumpfhose und hohen schwarzen Stiefeln der Situation mehr als gewachsen. Kein Unwetter der Welt würde diese Frau ihrer königinnenhaften Eleganz berauben. Charles hatte sein »Ich bin nicht wütend, nur enttäuscht«-Gesicht aufgesetzt, während Dr. Quinns Miene zu sagen schien: Der da mag vielleicht passiv-aggressiv sein, aber ich bin es nicht. Ich bin einfach nur aggressiv. Und ihr wärt nicht die Ersten, denen ich den Kopf abreiße.

»Wir unterhalten uns, sobald die anderen auch hier sind«, bestimmte Charles. »Bis dahin könnt ihr euch ans Feuer setzen.«

Also hockten Nate und Stevie sich nebeneinander und wärmten sich auf. Am Anfang war das mit den lodernden Kaminen, während draußen der Schneesturm wütete, ja noch ganz nett gewesen, aber inzwischen hatte es einiges von seinem Reiz verloren. Entweder saß man zu dicht dran oder zu weit weg. Wurde von einer Seite gegrillt, während einem die andere fast abfror. Also blieb man gezwungenermaßen ständig in Bewegung, schob sich näher ran, zog sich zurück, schwitzte, zitterte.

Die weitläufige Eingangshalle war von bräunlichen Schatten erfüllt. Ein paar Lichter brannten, aber die Devise lautete ganz eindeutig: Strom sparen. Die mächtige Villa, gebaut, um den Vermonter Schneestürmen zu trotzen, ächzte unter der Wucht des Windes. Kalte Luft kroch durch die Schornsteine hinab und unter den Massivholztüren hindurch. Sie wirbelte durch die Eingangshalle, jagte die große Treppe hoch und strich flüsternd über die Emporen.

Stevie fiel auf, wie stark sich der Charakter dieses Hauses mit wechselnder Beleuchtung veränderte. An dem schönen Spätsommertag, als sie die Villa zum ersten Mal betreten hatte, war es drinnen kühl und still wie in einem Museum gewesen, all die Pracht gedämpft von der strahlenden Sonne. Bei der Silent Party hatte das von den kristallenen Kronleuchtern und Türknäufen reflektierte Licht ihr Inneres zum Funkeln gebracht. Und auch heute zeigte sie wieder eine völlig andere Facette ihrer Persönlichkeit, stoisch und voller Schatten und verschwiegener Nischen. Das hier war ein Ort, an dem man Zuflucht vor dem Sturm fand. Stevie staunte immer wieder aufs Neue darüber, dass dieser Palast aus Marmor, Glas und Kunst ursprünglich nur drei Menschen hatte beherbergen sollen. Na gut, und deren Bedienstete und Gäste – aber im Grunde eben doch nur drei Menschen. Und das auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise, als andere in Pappkartons im Park schliefen. Geld ermöglichte einigen wenigen ein Leben in Saus und Braus, während viele elendig zugrunde gingen.

»Manchmal weiß ich gar nicht, was ich eigentlich hier mache«, hörte sie sich sagen. »Ich meine, wozu denn das alles? Den Ellinghams kann doch sowieso keiner mehr helfen. Die sind alle tot. Alice wird nie gefunden werden.«

»Vielleicht ja doch«, widersprach Nate. »Es wär schließlich möglich, dass sie noch am Leben ist, oder? Und es tauchen doch andauernd irgendwelche ewig verschollen geglaubten Leute wieder auf, in Gendatenbanken oder so.«

»Aber selbst wenn ich sie fände, würde ihr das nichts mehr bringen«, beharrte Stevie. »Sie wurde 1936 entführt. Nichts, was ich tue, hilft irgendjemandem.«

Nate musterte sie müde.

»Ich glaube, du hast gerade einfach nur ein bisschen mit Selbstzweifeln zu kämpfen«, sagte er dann. »Das geht uns doch allen hin und wieder so. Ich zum Beispiel, ich weiß, dass ich schreiben kann, weil ich schon mal was geschrieben habe. Aber jetzt gerade bin ich überzeugt, dass ich nie wieder was schreiben kann, weil ich Angst habe. Angst davor, dass das, was ich schreibe, nicht so gut wird, wie ich es mir vorgestellt habe. Weil ich nämlich gar nicht weiß, wie ich das überhaupt mache, es passiert einfach. Und außerdem, weil ich stinkfaul bin. Wir zweifeln alle an uns. Doch du hast so was Tolles geschafft. Du hast schon einen riesengroßen Teil dieses Falls aufgeklärt. Du musst es nur endlich mal jemandem sagen.«

Stevie kaute an ihrem Daumennagel.

»Und wenn ich falschliege?«, fragte sie.

»Dann liegst du halt falsch. Wie du gerade gesagt hast, die sind alle tot. Toter können sie nicht mehr werden. Und du hast immerhin dieses ganze … Zeugs. Beweise. Zeig jemandem, was du erarbeitet hast.«

»Aber dann ist es vorbei«, wandte sie ein.

»Na und? Willst du das denn nicht?«

Stevie hatte keine Ahnung, was sie darauf antworten sollte. Glücklicherweise kamen in diesem Moment Vi und Janelle zur Tür herein und unterbrachen das Gespräch. Die beiden waren warm eingepackt – Vi trug Klamotten von Janelle, schließlich hatte sie nach dem Frühstück nicht mal eben auf einen Sprung in ihr Haus gehen können. Und egal, wie dicke Luft zwischen den beiden herrschte, Janelle würde Vi niemals Pullover, Schal und Mütze verweigern.

Dahinter folgten Hunter und David, das Schlusslicht bildete Pix. Sobald alle versammelt waren, legten Nennt-mich-ruhig-Charles und Dr. Quinn mit ihrer Gardinenpredigt los – wie enttäuscht sie wären, und ja, natürlich könnte Charles (Dr. Quinn äußerte sich nicht dazu) verstehen, dass es nicht leicht sei, der Schule den Rücken zu kehren. Aber sie hätten mit ihrer Aktion nicht nur sich selbst in Gefahr gebracht, sondern auch andere, wie zum Beispiel Mark, der heute Abend allein ihretwegen rausgemusst hatte und nach den vielen Fahrten mit der Pistenraupe nun krebsrot und zitternd am Feuer kauerte.

»Oben ist es zu kalt zum Schlafen«, merkte Mark jetzt an. »Wir müssen die Wärme konservieren. Ich könnte den Morgensalon auf eine halbwegs annehmbare Temperatur bringen.«

»Gut, dann machen wir es so«, sagte Charles. »Ich gehe mit Ihnen das Bettzeug holen.«

»Wir können doch alle mithelfen«, bot Pix an.

»Nein. Der Rest bleibt hier. Ich will nicht riskieren, dass irgendwer im Dunkeln stolpert und sich was bricht.«

Also blieben sie am Feuer sitzen, schweigend und zerknirscht. Mit Ausnahme von David, der sein Tablet herausholte und weiterlas, als wäre alles in bester Ordnung. Mark und Charles warfen Decken und Kissen von der Empore hinab, um nicht ständig rauf- und runterzumüssen. Die anderen sammelten die Sachen auf und brachten sie in den Morgensalon, in dem es eisiger war, als es innerhalb von vier Wänden erlaubt sein dürfte.

»Pritschen haben wir keine«, erklärte Charles. »Aber immerhin diese Gummimatten, mit denen wir manchmal den Ballsaal auslegen. Die werden die Kälte etwas abhalten und außerdem liegt ihr darauf weicher. Auf dem Boden schlafen müsst ihr in jedem Fall. Meinetwegen auch auf dem Sofa und den Sesseln, wenn ihr euch bei der Aufteilung einig werdet. Hauptsache, ihr bleibt alle hier drin oder in der Eingangshalle. Die oberen Etagen sind tabu. Und raus dürft ihr natürlich erst recht nicht. Essen und Trinken findet ihr in der Personalküche. Tut mir leid, aber anders geht es nicht.«

Dann ließen sie die Minerva-Bewohner allein, damit sie sich einrichten konnten. Die Wandlampen tauchten den Raum in schummriges Licht und waren so weit gedimmt, dass man gerade genug sah, um nicht gegen die filigranen französischen Möbel zu laufen.

»Sucht euch jeder einen Platz und macht’s euch gemütlich«, wies Pix sie an. »Sieht aus, als würden wir eine Weile hierbleiben.«

Alle stürzten sich auf den Haufen mit dem Bettzeug. Es gab zwei Decken für jeden, aber das reichte längst nicht aus, schon gar nicht, wenn man auf dem Boden lag.

»Was ein Spaß«, brummte Nate und griff sich ein Kissen. »Das ist wie einer von diesen lustigen Mount-Everest-Ausflügen. Ihr wisst schon, die mit der zehnprozentigen Sterberate, wo die Hälfte der Wegweiser tiefgekühlte Leichen sind.«

»Immerhin gibt’s WLAN«, sagte Vi. »Das ist doch was.«

»Findest du?«, fragte Nate.

David richtete sich auf einem der Sessel ein, deckte sich zu und las weiter. Arschiger wäre es nur noch gewesen, wenn er sich gleich das Sofa geschnappt hätte. Aber irgendwie kam diese geringfügig weniger arschige Aktion erst recht arschig rüber. Janelle und Vi wechselten einen Blick und guckten schnell wieder weg, während sich jede ein Nest zwischen den niedrigen Ziertischchen voller Ellingham-Broschüren baute.

»Was ist denn mit den beiden los?«, raunte Pix Stevie zu.

»Nichts«, antwortete Stevie. »Keine Ahnung.«

Stevie beschloss, mit dem Fußboden hinter dem Sofa vorliebzunehmen. Dort lag ein Teppich und vielleicht würde das Sofa zumindest einen Teil der Zugluft abhalten. Nate igelte sich in einer Zimmerecke ein. Das Sofa selbst bekam Hunter, dem eine Nacht auf dem kalten, harten Boden nicht gut bekommen würde.

Sobald die Territorien abgesteckt waren, teilte der Raum sich in zwei Lager auf: die Leute mit Tablet und die ohne. Vi, Hunter und David saßen relativ nahe beieinander, lasen und tauschten sich hin und wieder aus. Auf der anderen Zimmerseite hockten Stevie, Janelle und Nate, zusammen und doch jeder für sich allein, versunken in seiner eigenen Welt. Janelle hatte Kopfhörer auf und den Ton so laut gedreht, dass man die Musik mithören konnte. Gleichzeitig las sie in einem Buch über Mechanik mit einer Menge Diagramme darin. Es hätte kaum deutlicher sein können, wie sehr sie sich bemühte, Vi und ihr Tun zu ignorieren. Nate wechselte zwischen Lesen und seinem Laptop hin und her. Stevie hätte schwören können, dass er einmal sogar das Dokument mit seinem Buch darauf geöffnet hatte. Zumindest stand das Wort »Kapitel« oben auf einigen Seiten, als er durchscrollte. Was ein Zeichen dafür war, wie sehr ihn die ganze Situation stresste, denn Stevie wusste, dass er nur unter Zwang daran schrieb.

Sie selbst dümpelte in einem Zustand zwischen Verwirrung und vager, undefinierbarer Panik vor sich hin. Wenn es nicht so auffällig gewesen wäre, hätte sie am liebsten einfach nur dagesessen und David angestarrt. Noch immer meinte sie, sein Haar unter den Fingerspitzen zu spüren, seine Schultermuskeln. Ihre Lippen erinnerten sich an jeden einzelnen Kuss. An seine Wärme – das Gefühl, jemandem so nahe zu sein.

Aber er hätte sich genauso gut auf der anderen Seite eines Ozeans befinden können, nicht bloß drei, vier Meter entfernt hinter einem rosaroten Sofa und einem Tisch mit vergoldeten Beinen.

Nicht mal mit dem aktuellen Fall konnte sie sich ablenken, weil sie nicht allein war und zum Denken nun mal ihre Ruhe brauchte. Sie musste dabei auf und ab tigern, Klebezettel an den Wänden verteilen und vor sich hin murmeln können.

Und vielleicht gab es ja auch gar keinen Fall. Vielleicht waren Hayes, Ellie und Fenton genau so zu Tode gekommen, wie alle anderen dachten. Unfälle passierten eben, besonders, wenn man leichtsinnig war. Dafür waren sie und ihre Freunde wohl der beste Beweis. Sie hatten das Wetter herausgefordert und gegen die Regeln verstoßen und jetzt saßen sie alle zusammen hier fest.

Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus.

Die Toilette.

Da durfte sie hin.

Stevie stand auf, schnappte sich ihren Rucksack und ging in die Eingangshalle. Die Toiletten lagen hinter der Treppe, vorbei an den geschlossenen Türen des Ballsaals und von Albert Ellinghams Arbeitszimmer. Sie schlug ein wenig Zeit tot, indem sie sich die Zähne putzte und das Gesicht wusch, dann starrte sie in den Spiegel. Das Blond ihres Haars war mittlerweile ziemlich herausgewachsen und der dunkle Ansatz deutlich zu sehen. Ihre Haut war trocken vor Kälte, die Lippen aufgesprungen. Sie lehnte sich ans Waschbecken, dasselbe Waschbecken, an dem einst die Damen der feinen Gesellschaft ihren Lippenstift nachgezogen hatten.

Vielleicht war ihre Zeit an der Ellingham einfach um. Sie hatte den Entführungsfall aufgeklärt – zumindest in ihrem Kopf –, auch wenn die Beweislage dünn war. Vielleicht sollte sie nach Hause fahren und ihre Theorie aufschreiben. Sie in ein paar ihrer Onlineforen posten und schauen, ob sie Zustimmung fand. Zeigen, was sie bis jetzt erarbeitet hatte.

Vielleicht war tatsächlich bald alles vorbei. Und dann?

Sie stieß geräuschvoll den Atem aus, sammelte ihre Sachen ein und ging zurück in die Eingangshalle.

Auf einem der Ledersessel dort saß David und wartete auf sie.

»Weißt du noch, der Gefallen, den ich Hunter tun sollte?«, fragte er. »Ich hätte hier was, falls es dich interessiert.«

Er hob sein Handy.

AN: jimmalloy@waehltedwardking.com

Heute 09:18 Uhr

VON: jquinn@ellingham.edu

CC: cscott@ellingham.edu

Mr Malloy,

ich wüsste nicht, was den Senator dieses Dokument anginge.

Gruß

Dr. J. Quinn

»Das nenn ich mal abgeblitzt«, lobte David. »Irgendwie heiß, unsere Dr. Quinn.«

»Ha!«, rief Stevie, der das Blut in die Wangen gestiegen war. »Sie hat ›dieses Dokument‹ geschrieben. Was bedeutet, es gibt eins. Es gibt ein Dokument.«

»Klingt ganz danach«, stimmte er zu.

»Da müssen wir irgendwie drankommen. Wir antworten ihr. Ich meine, Jim könnte antworten. Sollte er.«

»Jim hat zu tun«, lehnte David ab. »Der kann nicht die ganze Zeit nach deiner Pfeife tanzen.«

Sie wandte sich ihm ruckartig zu.

»David. Bitte. Hör mal, ich weiß, du bist sauer auf mich. Aber das hier ist echt wichtig.«

»Warum?«

»Wenn dieser Testamentsnachtrag existiert, dann heißt das, es gibt ein Motiv. Es gibt Geld. Und darum muss ich dieses Dokument sehen.«

»Ich meinte, inwiefern das wichtig für mich sein sollte«, präzisierte er. »Klar, es geht nicht immer nur um mich, wie du ja gerne betonst, aber …«

»Im Ernst jetzt?«, stöhnte Stevie.

»Und wenn sie es mir schickt? Wie wär’s, wenn ich sage, ich mache das für dich, aber dann musst du mich anschließend in Ruhe lassen?«

»Was?«

»Ich mache, was du willst«, erklärte er. »Ich antworte ihr. Helfe dir, an deine Informationen zu kommen. Aber das mit dir und mir ist dann gelaufen. Wir reden kein Wort mehr miteinander.«

»Was ist das denn für eine bescheuerte Bedingung?«, fragte sie mit zugeschnürter Kehle.

»Gar nicht bescheuert. Und eigentlich sogar ganz simpel. Mein Dad hat dir gegeben, was du wolltest, im Austausch dafür, dass du mich hier bespitzelst. Der Deal, den ich dir vorschlage, ist ziemlich ähnlich. Ich will einfach wissen, was dir wichtiger ist: ich oder das, was ich für dich tun kann.«

Die Villa schien plötzlich zur Seite zu kippen.

»Lass dir ruhig Zeit mit der Antwort«, ätzte er.

»Das ist nicht fair.«

»Nicht fair?«, wiederholte er.

»Während du mich hier zwingst, eine moralische Entscheidung zu treffen, lässt du andere Leute den Kram von deinem Dad durchwühlen. Den du ihm geklaut hast.«

»Nur, um zu verhindern, dass er noch mehr Macht erhält.«

»Und ich versuche herauszufinden, was mit Hayes und Ellie und Fenton passiert ist.«

»Ach, darum geht’s also?«

»Ja«, fauchte Stevie. »Ganz genau.«

»Weil es nämlich eher so wirkt, als wärst du krampfhaft auf der Suche nach irgendwelchen Verschwörungen, um damit deine kleinen Theorien zu untermauern.«

Kleine Theorien. Das war zu viel. Blau-weißer Zorn flackerte hinter ihren Augen auf.

»Ich nehme die Informationen«, knurrte sie.

Und da war es wieder, dieses träge Lächeln, das besagte: »Wusste ich’s doch. So läuft’s nun mal auf der Welt.«

»Okay«, entgegnete er übertrieben gut gelaunt. »Dann hauen wir mal was Nettes in die Tasten, was?«

Die Antwort schrieb sich fast von selbst. David murmelte beim Tippen vor sich hin. Vielleicht war es ja ganz ähnlich gewesen, als damals Francis und Eddie die Köpfe zusammengesteckt und den Brief des Wahrhaftigen Lügners verfasst hatten:

Der Senator ist der Auffassung, dass er durchaus ein Recht darauf hat, Einblick in das Dokument zu erhalten, nicht zuletzt, weil sein Sohn Schüler der Ellingham Academy ist. Vielleicht darf ich Sie daran erinnern, dass der Senator Ihrer Schule aus diesem Grund erst kürzlich ein Sicherheitssystem finanziert hat. Ganz zu schweigen davon, dass zwei Schüler ums Leben gekommen sind und es dem Sohn des Senators gelungen ist auszureißen, während er sich unter Ihrer Aufsicht befand.

Der Senator würde sich gern ein Bild davon machen, ob sich aus Ihrer Fahrlässigkeit weitere Probleme ergeben könnten, und das schließt nun mal auch die mediale Berichterstattung über diverse Aspekte der früheren Schulgeschichte mit ein. Wir hätten es vorgezogen, diese Informationen höflich zu erbitten, aber falls Sie sich weiterhin unkooperativ zeigen, sehen wir uns gezwungen, rechtliche Schritte einzuleiten.

Gruß
J. Malloy

»Na bitte«, sagte er. »Irgendwann musste es sich schließlich mal auszahlen, dass ich so viele Jahre von diesen Wichsern umgeben war. Da hast du deine Antwort. Und jetzt sind wir fertig miteinander.«

Damit klickte er auf Senden, stand auf und ging zurück in den Morgensalon.