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13. April 1937

Montgomery, der Butler, waltete mit gewohnt wortkarger Effizienz über das Frühstücksbüfett. Das üppige Angebot, bei dem natürlich auch eine große Schüssel des berühmten Vermonter Ahornsirups auf einem Spiritus-Stövchen nicht fehlen durfte, hätte mit Leichtigkeit auch für zwanzig Gäste gereicht, doch die vier, die am Tisch saßen, griffen kaum zu. Flora Robinson nippte an einer filigranen Kaffeetasse aus dem Service mit Rosendekor, das Iris ausgewählt hatte. Robert Mackenzie sah die Post durch. George Marsh verschanzte sich hinter seiner Zeitung. Und Leonard Holmes Nair stocherte in einer halben Grapefruit herum, ohne ihr ernsthaft Schaden zuzufügen.

»Ob er heute Morgen überhaupt noch herunterkommt?«, wandte er sich an die Runde.

»Ich denke schon«, antwortete Flora. »Wir müssen uns einfach so normal wie möglich verhalten.«

Leo war so nett, nicht lauthals loszulachen.

Die Entführung war jetzt genau ein Jahr her. Ein Jahr des Suchens, des Wartens und des Leidens … ein Jahr des Leugnens, der Gewalt und möglicherweise eines Hauchs von Akzeptanz. Ohne dass sie sich darüber hätten abstimmen müssen, waren sich alle einig, dass niemand das Thema ansprechen würde.

Die Tür zum Frühstücksraum schwang auf und Albert Ellingham kam herein. Er trug einen hellgrauen Anzug und wirkte eigenartig munter.

»Guten Morgen«, begrüßte er die Anwesenden. »Tut mir leid, dass ich so spät komme, ich hatte noch einen Anruf zu erledigen. Ich dachte, wir könnten vielleicht …«

Er beäugte argwöhnisch das Büfett, als hätte er vergessen, wozu Nahrung noch gleich diente. Man musste ihn häufig daran erinnern, überhaupt etwas zu essen.

»… ich dachte, wir könnten vielleicht alle zusammen einen kleinen Ausflug unternehmen.«

»Einen Ausflug?«, wiederholte Flora. »Wohin denn?«

»Nach Burlington. Wir machen einen Segeltörn und übernachten dann in der Stadt. Ich habe das Haus schon vorbereiten lassen. Abfahrt in etwa einer Stunde?«

Darauf gab es nur eine Antwort.

Als sie auf das wartende Auto zugingen, sah Leo vier Lastwagen die Auffahrt hochpoltern, zwei voller Männer und zwei voller Erde und Steine.

»Was ist denn hier los, Albert?«, erkundigte sich Flora.

»Ach, nur ein paar Arbeiten«, antwortete Albert. »Der Tunnel unter dem See ist ja nun … überflüssig. Es gibt keinen See mehr. Darum lasse ich ihn zuschütten.«

Der Tunnel, der Albert verraten und dem Feind Zugang gewährt hatte. Jetzt wurde er erstickt, begraben – das hatte er nun davon. George Marsh stellte seine Tasche ab. Beim Anblick der Erdhaufen huschte ein seltsamer Ausdruck über sein Gesicht.

»Ich überlege«, sagte er, »ob ich nicht lieber hierbleiben und das Ganze beaufsichtigen sollte.«

»Der Vorarbeiter kümmert sich schon darum«, winkte Albert ab.

»Vielleicht wäre es trotzdem besser«, beharrte George. »Für den Fall, dass wieder Reporter oder irgendwelche Gaffer auftauchen.«

»Wenn Sie das für richtig halten«, sagte Albert.

Leo musterte George, der seltsam fasziniert den Schubkarren voller Schüttgut auf ihrem Weg in den Garten nachsah. Da war etwas in seinem Blick, das Leo nicht so ganz deuten konnte. Aber es ließ ihn nicht los.

Seit Flora ihm erzählt hatte, dass George Alice’ leiblicher Vater war, hatte Leo ihn im Auge behalten – den großen, tapferen George Marsh, der Albert Ellingham einst vor einer Bombe gerettet hatte, der die Familie überallhin begleitete, ihr Sicherheit und Schutz bot.

An jenem verhängnisvollen Tag vor einem Jahr war es ihm nicht gelungen, Iris und Alice zu beschützen, aber wer sollte ihm das zum Vorwurf machen? Iris hatte es nun mal geliebt, allein loszuziehen. Und dass er die beiden bei der ersten Lösegeldübergabe nicht hatte zurückholen können, war ebenfalls nicht seine Schuld gewesen – er hatte sich den Entführern gestellt und war zusammengeschlagen worden. Er war nicht gerade ein großer Denker, kein Genie wie Hercule Poirot, der Verbrechen am Frühstückstisch löste, während er sein gekochtes Ei aufklopfte. Er war eher ein Mann fürs Grobe und gerade dadurch nützlich für Albert Ellingham. Na schön, er arbeitete auch für das FBI, doch sonderlich viel zu tun schienen die ihm nicht zu geben. Albert hatte dafür gesorgt, dass er zum Agenten ernannt wurde, und hin und wieder hieß es, er fahnde nach Drogenschmugglern, die aus Kanada über die Grenze kamen, aber bezeichnenderweise hatte er die, mit denen Leo sich regelmäßig traf und die Iris mit ihren Pülverchen und Tränken versorgt hatten, bislang nicht bemerkt.

Oder vielleicht bloß ein Auge zugedrückt.

Eines stand jedenfalls fest: George Marsh verschwieg ihnen den wahren Grund, aus dem er heute hierbleiben wollte. Dass Menschen logen, war für Leo nichts Neues und auch nicht weiter interessant. Es war nicht die Lüge an sich, die zählte, sondern das Motiv dahinter. Manche Leute, wie er selbst, logen zum Vergnügen. Mit einer einzigen wohlplatzierten Lüge konnte man sich einen lustigen Abend verschaffen. Die meisten Leute hingegen logen, um etwas zu verbergen. Vielleicht ging es ja bloß um etwas so Profanes wie eine Liebesaffäre – als ob sich daran irgendjemand gestört hätte. Was auch immer es sein mochte, es war geheim, nicht bloß privat.

George Marsh, dessen war Leo sich sicher, hütete ein Geheimnis.

»Na gut, dann los«, sagte Albert und scheuchte Leo, Flora und Robert weiter Richtung Auto.

George Marsh stand vor dem Eingang der Villa und sah dem Wagen nach. Erst als die Gruppe außer Sichtweite war, stieg er in sein eigenes Auto und verließ das Anwesen.

Er blieb mehrere Stunden weg und kehrte erst nach Einbruch der Dunkelheit zurück. Zunächst überprüfte er, wer sonst noch auf dem Gelände war. Die Arbeiter hatten längst Feierabend gemacht, genau wie die Angestellten, die von außerhalb kamen. Montgomery und die übrigen Bediensteten hatten sich in ihre Quartiere zurückgezogen. Er sprach kurz mit den Wachkräften und schickte sie auf einen Kontrollgang um das Grundstück. Als sie weg waren, schlüpfte George in eine Arbeitshose und ein schlichtes kragenloses Hemd. Mit einer Laterne ging er hinters Haus, schnappte sich eine Schaufel und schlitterte hinunter in die sumpfige Vertiefung, die einmal der See gewesen war. Er lief bis zu dem Hügel in der Mitte, auf dem die Glaskuppel des Observatoriums im Licht des soeben aufgegangenen Mondes glitzerte.

Drinnen war es weniger angenehm. Es roch nach feuchter Erde und abgestandener Luft und alles war voll von den matschigen Fußabdrücken der Arbeiter. Die Felle und Kissen waren verschwunden. Er setzte sich auf die ringsum verlaufende Bank, genau wie damals, als er hier oben Dottie Epstein begegnet war. Sie hatte versucht, sich unter einem der Felle zu verstecken, aber irgendwann hatten ihre Angst und Neugier sie doch übermannt …

»Keine Angst. Du kannst jetzt rauskommen.«

Dottie beäugte argwöhnisch die Sachen, die er auf den Boden gelegt hatte – das Seil, das Fernglas, die Handschellen.

»Das ist alles für das Spiel«, erklärte er.

»Was denn für ein Spiel?«

»Das ist kompliziert. Aber es wird ein Heidenspaß. Ich muss mich verstecken. Bist du auch hier, um dich zu verstecken?«

Damals hatte er geschwitzt wie verrückt, je mehr er spürte, wie alles aus den Fugen geriet. Wie hatte er es bloß geschafft, so ein lockeres Gespräch zu führen?

»Nur zum Lesen«, erwiderte Dottie.

Das Mädchen hatte tatsächlich ein Buch dabei und umklammerte es wie einen Schutzschild.

»Sherlock Holmes? Ich liebe Sherlock Holmes. Welche Geschichte liest du gerade?«

»Eine Studie in Scharlachrot.«

»Die ist gut. Lies ruhig weiter. Lass dich von mir nicht stören.«

Zu diesem Zeitpunkt war noch nichts entschieden gewesen.

Ihm schwirrte der Kopf. Was sollte er bloß mit ihr machen? Doch als Dottie ihn ansah, las er es ihr an den Augen ab – sie wusste es. Aus irgendeinem Grund wusste sie es.

»Ich muss jetzt das Buch zurück in die Bibliothek bringen. Keine Sorge, ich verrate keinem was. Ich kann es nicht ausstehen, wenn andere petzen. Ich muss gehen.«

»Du weißt, ich kann dich nicht gehen lassen«, erwiderte er. »Ich wünschte, ich könnte es.«

Die Worte waren aus seinem Mund, noch bevor er sich ganz darüber im Klaren war, was sie bedeuteten.

»Ich bin gut darin, Geheimnisse zu bewahren. Ehrlich! Bitte.«

Sie presste das Buch an sich.

»Tut mir wirklich leid«, sagte er.

George Marsh vergrub für einen Moment den Kopf in den Händen. Sich auch noch den Rest vor Augen zu rufen brachte er einfach nicht über sich. Wie Dottie das Buch fallen gelassen und den so helden- wie schicksalhaften Sprung durch die Luke gewagt hatte. Wie sie unten auf dem Boden aufgeprallt war. Wie er hastig die Leiter hinuntergeklettert war – das viele Blut. Wie sie stöhnend versucht hatte, vor ihm davonzukriechen.

Er blinzelte, schüttelte die Erinnerungen ab und stand auf. Dann ließ er die Laterne durch die Luke hinunter, warf die Schaufel hinterher und kletterte hinunter. Die Regale beherbergten keine Schnapsflaschen mehr, der kleine Raum war kahl und klamm. George ging durch die Tür und weiter in den Tunnel. Die Arbeiter hatten von der Mitte her angefangen, ihn zuzuschütten, also musste er dorthin, ins schwärzeste Schwarz, das seine kleine Lampe kaum zu durchdringen vermochte.

Es war, als begäbe er sich geradewegs in die Unterwelt. In die Hölle. Den Ort ohne Wiederkehr.

Der Geruch nach Erde wurde stärker und schließlich spürte er welche unter seinen Schuhsohlen. Er blieb stehen, stellte die Laterne ab und stieß testweise die Schaufel in den Boden. Dann schob er die lose Erde beiseite und fing an zu graben. Als das Loch groß genug war, griff er nach der Laterne und kehrte wieder zurück zu den Lebenden. Er verließ die Kuppel, marschierte durch die Senke bis zu seinem Auto und öffnete eine der hinteren Türen.

Auf dem Rücksitz stand eine Metallkiste. Er klappte sie auf.

Es gab Eishäuser in Vermont, vollgepackt mit Eis, Schnee und Heu. Dort hatte er Alice versteckt. Sie war nicht komplett gefroren, aber steif.

»Na komm«, sagte er leise. »Ich bringe dich nach Hause. Jetzt wird alles gut.«

Er schloss die Kiste wieder und hob sie aus dem Wagen. Und so trug George seine traurige Last denselben Weg zurück, setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, um nicht auf der schlammigen Uferböschung des ehemaligen Sees auszurutschen. Im Observatorium seilte er die Kiste in den Schacht ab, ganz langsam, damit sie so sanft wie möglich unten ankam. Schleppte sie weiter in den Tunnel, bis zu dem Loch, das er ausgehoben hatte. Zunächst füllte er die Erde um sie mit den Händen auf. Erst dann, als sie größtenteils bedeckt war, griff er zur Schaufel, bis mindestens ein Meter Erde Alice vom Rest der Welt trennte.

Erst gegen Mitternacht kam er wieder an die Oberfläche, das Gesicht von kaltem Schweiß bedeckt. Lautlos schlich er zum Haus, auf einem Pfad, der nicht durch Montgomerys Fenster zu sehen war.

Kaum, dass er die Tür hinter sich geschlossen hatte, regte sich etwas hinter einem Baum am Rand der Terrasse. Ein Streichholz wurde angezündet, eine Zigarettenspitze glomm auf. Hervor trat Leonard Holmes Nair.

»Was hast du getrieben?«, fragte Leo leise.

Dann ging er durch den Garten, in dieselbe Richtung, aus der Marsh gerade gekommen war.