Nicht, dass man irgendetwas davon gemerkt hätte, aber es war Morgen.
Der Schnee hatte den Horizont ausradiert, sodass man unmöglich sagen konnte, wo der Himmel endete und die Erde anfing. Andeutungsweise waren Bäume zu erkennen, aber sie wurden durch den tiefen Schnee optisch verkürzt und ihre dürren, nackten Äste steckten in weißen Handschuhen. Nur die Kuppel auf der kleinen Insel schien sich mit einem Mal wieder am richtigen Ort zu befinden. Der versunkene Garten war aufgefüllt, die Welt wie gelöscht und auf null gesetzt.
Der Morgensalon, in dem alle ihr Lager aufgeschlagen hatten, brachte es irgendwie fertig, dass es darin eisig und stickig zugleich war. Stevie wachte stocksteif und noch immer hundemüde auf und guckte sich verschlafen um. All die Gummimatten und Decken auf dem Boden hatten kaum geholfen, die Kälte abzuhalten. Zu dem wenigen, was sie von ihrem Platz hinter dem Sofa aus sehen konnte, gehörte Janelles Arm, der Richtung Vi ausgestreckt war, obwohl die mehrere Meter weit weg im Sitzen schlief, das Tablet noch auf dem Schoß. Nate hatte sich unter einem Haufen Decken vergraben, nicht mal sein Kopf lugte hervor. Irgendjemand schnarchte leise.
Stevie wischte sich ein bisschen Sabber aus dem Mundwinkel und stand leise auf. Sogar David schlief über seinen Sessel drapiert, die Beine über der Armlehne hängend, sein Tablet neben sich. Hunter, von dem das Schnarchen herrührte, lag rücklings auf dem Sofa, die Wollmütze über die Augen gezogen wie eine Schlafmaske. Es hatte etwas seltsam Gemütliches, wie das schummrige Licht ihre schlafenden Freunde in Szene setzte – fast als hätten die Ellinghams in ihrer Villa sogar ein Zimmer mit besonders sanfter Beleuchtung für Partygäste geschaffen, die ihren Rausch ausschliefen.
Sie schnappte sich ihren Rucksack und schlich sich auf Zehenspitzen raus in die Eingangshalle, wo Nennt-mich-ruhig-Charles mit seinem Laptop und einem Stapel Ordner am Feuer saß. Eine Begegnung mit dem Schulleiter war zwar nicht ganz das, was sie um, wie ihr Handy sie informierte, sechs Uhr morgens gebrauchen konnte, aber nun hatte er sie schon entdeckt und winkte sie zu sich.
»Ich weiß ja nicht, wie’s dir ergangen ist«, plauderte er drauflos, »ich jedenfalls hab nicht besonders gut geschlafen. Also dachte ich, ich hole ein bisschen Arbeit nach und sichte schon mal Bewerbungen fürs nächste Schuljahr.«
Bewerbungen. Von Leuten, die sich um dieselbe Chance rissen, wie Stevie sie erhalten hatte – die ihre Interessen schilderten, in der Hoffnung, dass jemand einen Funken von etwas Besonderem in ihnen erkennen und sie an der Ellingham Academy aufnehmen würde. Es war seltsam, sich vorzustellen, wer nach ihr folgen würde.
»Wenn es denn eins gibt«, fügte Charles hinzu.
»Glauben Sie denn, die Schule darf nicht wieder öffnen?«, fragte Stevie.
Charles klappte seufzend seinen Laptop zu.
»Irgendwann hat selbst eine Katze all ihre Leben aufgebraucht«, antwortete er. »Aber wir bemühen uns nach Kräften und wer weiß, vielleicht schaffen wir es ja. Die Hoffnung stirbt immer noch zuletzt, was?«
Er nahm einen Schluck aus seiner Kaffeetasse und blickte eine Weile schweigend ins Feuer.
»Eine Frage«, sagte er dann. »Der Ellingham-Fall. Hast du das Gefühl, dass du damit ein bisschen weitergekommen bist, seit du hier bist?«
Stevie lag es auf der Zunge: Tja, könnte man so sagen – ich hab ihn nämlich aufgeklärt. Aber dafür war die Zeit noch nicht reif und Charles sollte nicht ihr offizielles Sprachrohr zur Welt werden.
»Schon, ja«, antwortete sie unverbindlich. »Wieso?«
»Nur so«, erwiderte er, »weil du deswegen schließlich hier angenommen wurdest.«
»Haben Sie damals eigentlich wirklich geglaubt, dass ich den Fall lösen würde?«
»Was ich damals geglaubt habe und immer noch glaube«, erklärte er, »ist, dass da jemand mit Begeisterung bei der Sache ist. Allerdings hab ich ein bisschen Sorge, dass du dich vielleicht langweilst, darum bin ich gestern Abend noch mal auf dem Dachboden gewesen und hab dir was geholt.«
Er deutete auf das kleine Tischchen neben sich, auf dem vier dicke grüne Bücher lagen. Stevie erkannte sie sofort, an der goldenen Beschriftung auf dem Rücken, die Monat und Jahr angab.
»Die Haushaltsbücher.«
»Ich dachte mir, da würdest du vielleicht gern mal reinschauen«, erläuterte er. »Natürlich nur, wenn du Lust hast.«
Stevie hatte die Aufzeichnungen von Montgomery, dem Butler, schon einmal gelesen. Der hatte in diesen Büchern alles dokumentiert, was im Haus passierte – welche Menüs serviert, welche Feste gefeiert und welche Gäste dazu eingeladen wurden.
»Danke«, sagte Stevie und nahm die Bücher vom Tisch.
Über ihnen kam gerade Dr. Quinn aus einem der Büros. Sie trug einen Kaschmirpullover und eine elegante Yogahose mit aufgestickten Blumenranken an den Seiten. Noch stand die Ellingham also nicht komplett still.
»Darf ich mich zum Lesen in den Ballsaal setzen?«, fragte Stevie.
»Ich wüsste nicht, was dagegenspräche«, sagte Charles. »Außer vielleicht, dass es da drinnen eiskalt ist.«
»Das macht mir nichts aus.«
Er erhob sich und schloss ihr auf.
Der Raum war ein prächtiger Spiegelsaal und als solcher tatsächlich ziemlich kalt und leer. Stevie setzte sich mitten auf die Tanzfläche, umringt von Tausenden weiterer Stevies, legte die Haushaltsbücher beiseite und wühlte in ihrem Rucksack nach dem roten Tagebuch. Sie strich mit dem Finger über die Seiten, die sich trotz ihres Alters erstaunlich weich anfühlten. Teures Papier in einem hochwertig gefertigten Buch, die Handschrift formell und elegant, mit einem Tintenklecks hier und da. Francis Josephine Crane, die Erbin eines Mehlimperiums, hatte eine ganze Menge über die Schule und die Leute, die hier lebten, zu sagen. Angefangen beim Gründer selbst, von dem sie offenbar nicht allzu viel hielt.
13. November 1935
Albert, der Allmächtige, dieser Mann muss sich wirklich für einen Gott halten. Sonst hätte er sich hier wohl kaum seinen persönlichen kleinen Olymp gebaut und ihn mit griechischen Gottheiten bevölkert. Und da kann er noch so sehr von diesem ach so wichtigen sozialen Experiment schwärmen, in Wahrheit will er doch nur einen Haufen von Nachwuchs-Alberts hervorbringen oder wofür auch immer er sich hält. Zu seinem Glück hat er reiche Freunde, die ihm dafür ihre Kinder überlassen (meine Eltern konnten mich ja gar nicht schnell genug loswerden). Und was ist mit den Armen? Nun, wer würde seinen Sohn oder seine Tochter denn nicht dem großen Albert Ellingham anvertrauen? Besonders seine Besessenheit von Spielen ist ermüdend. Seine Frau dagegen scheint ganz in Ordnung zu sein. Ich sehe sie manchmal, wenn sie in ihrem Automobil ausfährt. (Ein überaus schickes Modell. Kirschrot. So eines könnte mir auch gefallen.) Außerdem glaube ich, sie läuft Ski und ist einem Gläschen hier und da nicht abgeneigt. Und sie ist mit Leonard Holmes Nair befreundet, der oft zu Besuch kommt und hier malt.
16. November 1935
Heute hat mich der große Albert Ellingham, dieser herablassende Mistkerl, auf dem Schulgelände herumgeführt. An jeder Ecke musste ich Begeisterung heucheln, in der Hoffnung, dass er mir irgendwann endlich die interessanten Dinge zeigt. Und dann hat er mich auch noch ausgelacht. Das wird er bereuen.
Aber auch über Iris wusste Francis Überraschendes zu berichten.
1. Dezember 1935
Was für eine Entdeckung! Heute haben Eddie und ich uns nach hinten in den Garten geschlichen, wo die Ellinghams ihren Privatsee haben. Dort saßen Iris und ihre Freundin in ihre Pelzmäntel gewickelt in der Kälte und kicherten über irgendetwas. Plötzlich sahen wir, wie Iris eine kleine Dose aus ihrer Handtasche nahm, mit einem länglichen silbernen Gegenstand etwas herauslöffelte und es aufschnupfte! Danach machte ihre Freundin dasselbe. Sieht aus, als hätte unsere geschätzte Madame Ellingham eine Vorliebe für Kokain! Eddie war entzückt und wäre am liebsten direkt zu ihnen gegangen, um zu fragen, ob wir etwas abbekommen dürften – er liebt dieses Zeug. Ich habe es noch nie ausprobiert, aber Eddie sagt, damit könne man ferne Galaxien sehen. Natürlich haben wir uns den beiden dann nicht gezeigt, aber es ist in jedem Fall eine interessante Information. Wer weiß, ob sie uns nicht noch einmal nützlich sein wird.
In der allgemeinen Berichterstattung hatte es immer wieder Anspielungen darauf gegeben, dass Iris Ellingham gern und viel feierte, aber von Kokain war nie die Rede gewesen.
Aber Francis hielt sich in ihrem Tagebuch auch mit ihrem vernichtendem Urteil über ihre Mitbewohnerinnen und die Hauslehrerin von Minerva nicht zurück:
3. Dezember 1935
Gertie van Coevorden hat eine spitze Bemerkung über mich und Eddie fallen lassen: »Was treibt ihr nur die ganze Zeit miteinander?« – »Dasselbe wie dein Vater mit dem Hausmädchen«, habe ich ihr geantwortet. Aber strohdumm, wie sie ist, hat sie es nicht begriffen.
6. Dezember 1935
Die einzige halbwegs Vernünftige hier außer Eddie und mir ist Dottie Epstein und das liegt hauptsächlich daran, dass sie eine kleine Schnüfflerin ist.
8. Dezember 1935
Die Nelson ist eine solche Plage. Ständig schreibt sie uns vor, wann wir zu Bett gehen sollen oder zu lernen haben, und stolziert in ihrem einzigen halbwegs annehmbaren Rock und Pullover durchs Haus. Bei den Jungen gibt es viel weniger Regeln, sagt Eddie. Diese Frau hat ein Geheimnis. Ich weiß noch nicht, was es ist, aber ich werde es herausfinden.
16. Januar 1936
Gertie van Coevorden trinkt Unmengen von Gin – wenn man ein Streichholz an sie hielte, würde sie eine Woche lang brennen.
In den späteren Einträgen ging es zunehmend um Autos, Waffen, Techniken zum Knacken von Safes und Fluchtrouten Richtung Westen.
Hin und wieder fanden sich darunter auch Bemerkungen über Eddie wieder, die auf einmal einen völlig anderen Unterton hatten als die schwärmerischen ganz zu Beginn von Francis’ Tagebuch.
5. Februar 1936
Ich frage mich, ob Eddie überhaupt das Durchhaltevermögen für unser Vorhaben hat. Um mich selbst mache ich mir keine Sorgen. Er redet ständig von Lyrik und seinem dunklen Stern und einem wilden, ausschweifenden Leben in Freiheit, aber begreift er auch wirklich, was das bedeutet? Was wenn er am Ende doch genauso ist wie alle anderen? Das würde ich nicht ertragen.
9. Februar 1936
Jungen kamen mir schon immer willensschwach vor. Im Grunde können sie wahrscheinlich gar nichts dafür. Anfangs dachte ich, Eddie wäre anders. Aber er ist auch nicht mehr als ein sittenloser Trinker. Das sind zwar in gewisser Hinsicht auch Qualitäten, aber ich dachte, er hätte noch weitere zu bieten. Vielleicht habe ich mich in ihm getäuscht.
18. Februar 1936
Er ist so furchtbar verwöhnt. Gut, das bin ich natürlich auch, aber mich hat es nicht so verdorben wie ihn. Das Geld hat ihn innerlich verrotten lassen. Warum wirkt Verfall bloß derart anziehend auf mich?
Zu einem Eintrag aber blätterte Stevie immer wieder zurück:
UNSER SCHATZ
Mit neun beginnt alles, was lieb mir und teuer
Tanz zwölfhundert Schritte, nach Nord weist das Steuer
Dann nach links bis zum Rand dreihundertmal
E+A
Zeig Flagge
Auf Zehenspitzen
Stevie legte das Tagebuch auf ihren Schoß.
Langsam hatte sie die Nase voll von Leuten, die nicht geradeheraus sagten, was Sache war. Obwohl genau die vermutlich irgendwann einen großen Teil ihrer Arbeit als Kriminalermittlerin ausmachen würden. Man würde sie nach Strich und Faden belügen, immer das Wichtigste unterschlagen. Daran würde sie sich gewöhnen müssen.
Aber David … Er konnte das gestern Abend doch unmöglich ernst gemeint haben – dass sie einander ab jetzt für immer ignorieren sollten. Das musste eins von seinen Spielchen sein. Ein Test.
Warum war er wirklich zurückgekommen?
Irgendwann am frühen Vormittag hatte sie keine Lust mehr, in das Tagebuch und die Haushaltsbücher zu starren. Selbst ihr Enthusiasmus für Wegbeschreibungen und Menülisten von 1935 hatte seine Grenzen. Also stand sie auf und ging zurück zu ihren Freunden.
Die Tür des Morgensalons war angelehnt und leises Gemurmel drang nach draußen. Als Stevie hineinging, sah sie als Erstes Janelle und Nate, die dasaßen und so gebannt das Geschehen im Raum beobachteten wie Zuschauer bei einer Sportveranstaltung.
»Was macht ihr da?«, fragte Stevie ihre Freunde auf der anderen Seite des Salons.
Keiner von ihnen antwortete oder sah auch nur hoch. Also wandte sich Stevie an Nate und Janelle. Letztere winkte sie herüber.
»Da ist irgendwas im Gange«, erklärte sie gedämpft. »Vor einer Stunde waren auf einmal alle in Riesenaufregung.«
Stevie ging zu David, der gerade die Dokumente auf zwei Tablets miteinander verglich. Sie setzte sich auf die Armlehne des Sofas und spähte ihm über die Schulter.
»Was gibt’s?«, fragte sie.
Vi machte nur »Pssst!«, was ihr so gar nicht ähnlich sah.
»Also all diese Transaktionen …«, sagte David jetzt zu Hunter.
»… sind deckungsgleich mit denen hier, ja. Und die Daten passen auch.«
»Plus diese ganzen E-Mails«, fügte Vi hinzu. »Da sind alle Spender aufgeführt. Bei denen mit Sternchen dran taucht immer dieser Typ hier auf, der Privatdetektiv.«
Stevie versuchte, sich einen Reim auf das alles zu machen. Transaktionen. Privatdetektive.
»Redet ihr von Erpressung?«, fragte sie.
Drei Gesichter drehten sich ihr zu.
»Sieht jedenfalls ganz danach aus«, antwortete Hunter grinsend.
»Und wer wird erpresst?«, bohrte Stevie weiter. Egal, wie die Dinge zwischen ihr und David standen, wenn es um Privatdetektive und Erpressung ging, war sie nun mal interessiert. Dennoch wandte sie sich hauptsächlich an Hunter und Vi und vermied den Blickkontakt mit David.
»Bisher sieht’s nach Folgendem aus«, erklärte Vi. »Jedes Mal wenn dieser Mann, von dem wir herausgefunden haben, dass er Privatdetektiv ist, in den Akten über wichtige Unterstützer des King-Wahlkampfs auftaucht, werden deren Spenden plötzlich viel großzügiger und auch regelmäßiger. Manche von denen haben sogar eigene Organisationen ins Leben gerufen, um noch mehr Geld zusammenzukriegen.«
»Und was genau macht dieser Privatdetektiv?«, fragte Stevie.
»Irgendwas mit Zahlungspapieren«, sagte David, ohne hochzublicken. »Er versorgt das Wahlkampfteam immer fleißig mit diesen Tabellen. Noch sind wir nicht dahintergekommen, was genau dadrin dokumentiert wird, weil uns dazu noch ein paar Bausteine fehlen, aber es scheinen definitiv irgendwelche Aktivitäten zu sein, die diese Leute lieber geheim halten wollen. Steuerhinterziehung oder so was. Sieht jedenfalls stark danach aus, als wüsste mein Dad von diesen Sachen und würde plötzlich jede Menge Kohle für seinen Wahlkampf hereinkriegen. Das ist Erpressung.«
»Und diese Leute«, stieß Vi atemlos hervor, »das sind die größten Schweine, die man sich nur vorstellen kann. Der hier zum Beispiel« – sie deutete auf eine Zeile in ihrer Tabelle – »hat mehr oder weniger im Alleingang eine riesige Ölkatastrophe vertuscht.«
»Riiiiiiesige Ölkatastrophe«, bekräftigte Hunter.
»Also so hat er das gedeichselt«, murmelte David vor sich hin. »Anfangs hatte er nie genug Geld für seinen Präsidentschaftswahlkampf und dann kam es auf einmal von allen Seiten reingeflattert. Da ist er auf keinen Fall komplett legal drangekommen. Er verschafft sich Informationen über irgendwelche unlauteren Machenschaften und setzt sie als Turbo für seinen Wahlkampf ein. Kriminalität, die Kriminalität generiert.«
»Das ist der absolute Jackpot«, stimmte Vi ihm zu. »Wenn man diesen ganzen Kram an die Presse weiterleiten würde, wäre die Hölle los. Damit könnte man einige der schlimmsten Übeltäter dingfest machen, die es da draußen gibt.«
»Oder ihr könntet alles vernichten«, schaltete Janelle sich ein. Sie und Nate waren ebenfalls herübergekommen und hörten zu. Janelle setzte sich kerzengerade aufs Sofa und schaffte es irgendwie, trotz ihres Katzenpyjamas seriös zu wirken.
»Vernichten?«, wiederholte Vi.
»Wenn es euch nur darum geht, Edward King aufzuhalten«, erklärte Janelle, »nehmt ihm einfach das weg, womit er an sein Geld kommt. Sobald diese Informationen vernichtet sind, hat er nichts mehr gegen diese Spender in der Hand.«
»Wir allerdings auch nichts mehr gegen ihn«, wandte Vi ein. »Und gegen die.«
»Euer Ziel hättet ihr doch trotzdem erreicht«, beharrte Janelle. »Wenn diese Informationen auf illegalem Weg beschafft wurden, vernichtet sie. Lasst die Verbrechenskette an dieser Stelle enden und setzt sie nicht noch fort. Wenn ihr was Gutes tun wollt, dann auf die richtige Weise.«
»Aber diese ganzen Leute …«, sagte Vi.
»Wenn King diese Informationen eigentlich gar nicht haben dürfte«, wiederholte Janelle, »vernichtet sie.«
»Puh«, machte Hunter. »Schwere Entscheidung.«
David lehnte sich zurück und starrte auf die Tablets.
»Ganz ehrlich«, sagte er, »solange wir meinen Dad ausschalten, ist mir der Rest total egal. Vi, entscheide du.«
Vi starrte auf die Tablets und die Tüte mit den USB-Sticks.
»Da ist so viel«, sagte sie wehmütig.
»Diese Leute werden ihre Strafe erhalten«, versprach Janelle. »Aber das hier wäre der falsche Weg.«
Vi sah Janelle an und irgendetwas ging zwischen den beiden vor, etwas nahezu Greifbares. Kurz darauf stand Vi auf, sammelte die Tablets ein und legte sie auf den Steinboden vor dem Kamin. Dann griff sie nach dem Schürhaken und fing an, die Geräte kurz und klein zu schlagen. Janelle richtete sich noch ein bisschen gerader auf und Stevie sah, dass sie Tränen in den Augen hatte.
»Ich spüle den Kram im Klo runter«, sagte David, schnappte sich die Tüte mit den Sticks und kratzte die Überreste der Tablets zusammen.
Vi setzte sich neben Janelle und nahm ihre Hände, woraufhin die anderen sich zurückzogen, um den beiden ein wenig Privatsphäre zu geben.
Stevie hätte schwören können, dass David ihr auf dem Weg zur Tür einen Blick zugeworfen hatte. Zumindest irgendjemand schien sie zu beobachten. Das spürte sie.