Das Treffen musste einfach in Albert Ellinghams Arbeitszimmer stattfinden, dort, wo im April des Jahres 1936 alles damit begonnen hatte, dass ein verzweifelter Mann Geld aus seinem Safe in der Wand räumte. Dieser Raum mit seiner Galerie, von dem ein schweigendes Publikum aus Büchern auf die Dramen herabblickte, die sich vor ihm abspielten, hatte schon einiges erlebt, war Zeuge all dessen geworden, was Reichtum erschaffen und zerstören konnte.
Allerdings gab es nur eine begrenzte Anzahl an Sitzplätzen. Dr. Quinn und Hunter hatten die Sessel am kalten Kamin gewählt. Nennt-mich-ruhig-Charles hockte in seiner typischen »Arbeit kann auch Spaß machen!«-Pose auf einem der beiden Schreibtische. Janelle, Nate und Vi hatten sich Plätze auf dem Boden gesucht und dabei sorgsam das Leopardenfell gemieden, das Vi immer wieder entsetzt beäugte. Germaine hatte sich mit ihrem Notizbuch auf der Treppe zur Galerie niedergelassen. David tigerte vor den Fenstern auf und ab. Mark Parsons und Pix lehnten an der Wand neben der Tür.
Stevie positionierte sich in der Mitte des Raums, wie es sich für die Detektivin gehörte.
Die Gesichter ringsum spiegelten alles von Verwirrung über Genervtheit bis hin zu leichter Belustigung und Neugier. Egal, wie die anderen zu ihr standen, das letzte Mal, als Stevie genau hier eine ähnliche Versammlung einberufen hatte, war das Ganze in Ellies Tod gemündet.
Stevie widerstand dem Drang, ihren Vortrag mit »Sie fragen sich jetzt bestimmt, warum ich Sie alle hierhergebeten habe« zu eröffnen. Dann aber wurde ihr klar, dass die Ermittler in den Krimis das immer deswegen sagten, weil es nun mal wirklich eine berechtigte Frage war. Also ging Stevie im Kopf alle möglichen Formulierungen durch und hörte sich schließlich stammeln: »Tja, also der Grund, warum … äh …«
Nein. Noch mal von vorne.
»Es sind Menschen gestorben«, fing sie erneut an. »Und das waren keine Unfälle.«
»Okay, Stevie«, unterbrach Dr Quinn sie, »was soll das –«
»Bitte lassen Sie mich ausreden«, sagte sie und klang dabei so eindringlich, dass selbst Dr. Quinn verstummte. Trotzdem ärgerte sie sich über sich selbst – Hercule Poirot und Sherlock Holmes mussten ihre Zuhörer nie bitten, sie ausreden zu lassen.
Nennt-mich-ruhig-Charles, der bekanntermaßen der Meinung war, dass Reden half, nickte.
»Wir haben ja sowieso nichts Wichtigeres zu tun«, befand er. »Warum hören wir uns nicht einfach an, was Stevie zu sagen hat?«
Stevie atmete tief durch, ignorierte, so gut es ging, die grellen Panikfunken, die in ihrem Blickfeld aufglommen, und sprach weiter.
»Diese Menschen sind nicht bei Unfällen ums Leben gekommen«, bekräftigte sie erneut, »sondern wurden ermordet.«
Keine Reaktion. In den Büchern wirkte das alles immer so einfach – man rief die Verdächtigen zusammen, die sich brav die Bezichtigungen anhörten und, wenn sie an der Reihe waren, jede Schuld von sich wiesen, woraufhin der Detektiv enthüllen konnte, dass er sie sowieso nie für den Mörder gehalten hatte. So lauteten die Regeln. In der Wirklichkeit hingegen sah man sich den halb hoffnungsvollen, halb peinlich berührten Blicken seiner Freunde ausgesetzt, während die anwesenden Lehrer und sonstigen Erwachsenen sich zu fragen schienen, womit um alles in der Welt sie das hier eigentlich verdient hatten. Egal, selbst für Hercule Poirot hatte es irgendwann ein erstes Mal gegeben und alle hatten sich über den ulkigen kleinen Belgier mit seiner peniblen Art lustig gemacht, bis er schließlich mit seiner Schlussfolgerungskeule ausholte und …
»Stevie?«, riss Nate sie aus ihren Gedanken.
Ihr Mund stand offen. Schnell klappte sie ihn zu und marschierte entschlossen zum Kamin.
»Hayes Major«, begann sie von Neuem. »Von der Sekunde an, in der ich ihn kennengelernt habe, hat er über nichts anderes geredet als Hollywood. Am liebsten hätte er die Schule geschmissen und wäre so schnell wie möglich dorthin gezogen. Anfangs, nachdem Hayes gerade gestorben und Ellie abgehauen war – da dachte ich noch, es ginge um seine Serie, Das Ende von allem. Logisch, oder? Warum sonst hätte Hayes sterben müssen? Absolut logisch. Hayes war jemand, der sich gern von anderen holte, was er brauchte. Der immer nach einer Abkürzung suchte. Der seine Mitmenschen ausnutzte. Gretchen, seine Ex-Freundin, musste seine Hausaufgaben für ihn machen. Wir mussten die meiste Arbeit für sein Videoprojekt erledigen. Und er hatte jemanden dazu gebracht, seine Serie für ihn zu schreiben.«
Die Worte reihten sich wie von Zauberhand in Stevies Geist auf, bevor sie aus ihrem Mund kamen.
»Nur eine Person hätte ein Motiv gehabt, Hayes wegen dieser Serie zu töten«, fuhr Stevie fort. »Und das war Ellie. Aber Ellie hat sich nie für Geld interessiert. Sie hat ihre Bezahlung erhalten – fünfhundert Dollar – und sich davon ihr Saxofon gekauft. Was aus der Serie wurde, war ihr egal, weil sie viel zu beschäftigt mit ihrer eigenen Kunst gewesen war.«
»Nur, warum ist Ellie dann abgehauen?«, wollte Vi wissen.
»Weil sie Angst hatte«, antwortete Stevie. »Sie ist abgehauen, weil ich sie beschuldigt hatte. Aber sie wusste noch von einer anderen Sache, die sich hier abgespielt hat. Keine Ahnung, ob sie überhaupt je die Tragweite des Ganzen geahnt hat oder nur, dass Hayes da in etwas hineingeraten war, womit er sich ein kleines bisschen übernommen hatte. Es ging ja schon immer das Gerücht um, dass ein Nachtrag zu Albert Ellinghams Testament existiert, in dem er demjenigen, der Alice findet, eine Menge Geld hinterlässt. Das Ganze ist eher so eine Art populärer Mythos, kaum jemand glaubt ernsthaft daran. Bis auf Dr. Fenton, die überzeugt war, dass es stimmte. Sie hatte nämlich Robert Mackenzie, Albert Ellinghams Privatsekretär, interviewt, der ihr kurz vor seinem Tod versichert hatte, dass der Nachtrag echt ist. Und genau so ist es.«
Stevie zog ihr Handy aus der Tasche und las vor: »›Zusätzlich zu den genannten Zuwendungen soll der Betrag von zehn Millionen Dollar treuhänderisch für meine Tochter Alice Madeline Ellingham verwaltet werden. Sollte sie nicht mehr am Leben sein, bestimme ich jede Person, Personengruppe oder Organisation, die Alice’ sterbliche Überreste ausfindig macht – vorausgesetzt, eine Verbindung zum Verschwinden meiner Tochter kann nachweislich ausgeschlossen werden –, zum Empfänger dieser Geldsumme. Sollte Alice bis zu ihrem neunzigsten Geburtstag nicht gefunden werden, darf das Vermögen nach Gutdünken des Vorstandes zugunsten der Ellingham Academy eingesetzt werden. Von dieser Regelung ausgenommen sind sämtliche Mitglieder des Lehrerkollegiums und der Verwaltung. Diese dürfen das Geld nicht für sich privat beanspruchen.‹«
Stevie sah Charles an.
»Ich habe Sie gefragt«, klagte sie ihn an, »ob es den Nachtrag gibt. Und Sie haben Nein gesagt. Sie haben mich angelogen.«
Charles zuckte mit den kaschmirumhüllten Schultern. »Natürlich. Die Antwort bekommt jeder, der uns danach fragt. Bis vor ein paar Jahren wussten wir ja nicht mal selbst Bescheid. Erinnerst du dich an die Uhr in meinem Büro? Die aus grünem Marmor? Wir haben sie reinigen und reparieren lassen und dabei wurde eine geheime Schublade entdeckt. Darin war der Nachtrag, ganz klein zusammengefaltet. Den hatte ganz offensichtlich jemand dort versteckt, um die Schule davor zu bewahren, von Schatzsuchern überrannt zu werden. Was wir sehr nachvollziehbar fanden.«
»Das stimmt«, schaltete sich nun Dr. Quinn auf der anderen Seite des Raums ein. »Ansonsten hätten sie hier wahrscheinlich schon längst irgend so eine Realityshow über die Schatzsuche nach Alice gefilmt.«
»Also geht das Geld an die Schule?«, vergewisserte sich Stevie.
»Darum haben wir schon mit der Arbeit am Kunstschuppen angefangen«, erklärte Dr. Quinn.
»Denkst du etwa, jemand hat versucht, Alice zu finden, um die Belohnung einzuheimsen?«, fragte Charles Stevie.
»Das erscheint mir am naheliegendsten«, erwiderte sie. »Wir reden hier immerhin von einem unglaublichen Vermögen, das heute mit den ganzen Zinsen und allem … wie hoch ist?«
»Aktuell sind wir bei knapp unter siebzig Millionen Dollar«, antwortete Dr. Quinn. »Das wird uns viele Jahre über Wasser halten können.«
»Für siebzig Millionen Dollar würde der eine oder andere wohl einen Mord begehen«, sagte Stevie. »Allerdings gibt es Einschränkungen. Kein Angestellter der Ellingham Academy darf das Geld erhalten. Nur jemand von außerhalb oder ein Schüler … Jemand wie Hayes. Oder Ellie. Oder Dr. Irene Fenton.«
Hunter hob den Kopf.
»Die drei sind auf völlig verschiedene Arten ums Leben gekommen, aber es gab einen Aspekt, den sie alle gemeinsam hatten – jeder von ihnen war irgendwo gefangen. Hayes saß in einer Kammer fest. Ellie in einem Tunnel. Dr. Fenton in einem brennenden Haus. Das hatte nichts Persönliches, Impulsives an sich. Die drei wurden ganz nüchtern, fast klinisch, aus dem Weg geräumt. Und bei allen wirkte es wie ein Unfall. Aber irgendwie hatten Hayes, Ellie und Dr. Fenton alle etwas mit dem Geld zu tun. Das habe ich erst begriffen, nachdem ich drei Dinge miteinander in Verbindung gesetzt hatte – Janelles gestohlene Chipkarte, die Botschaft an meiner Wand und mein Telefonat mit Dr. Fenton. Ich fange mal mit dem letzten Punkt an. An dem Abend, als Dr. Fenton gestorben ist, habe ich sie nämlich angerufen und sie hat sich ganz schön seltsam verhalten. Erst wollte sie mich abwimmeln, dann hat sie gesagt: ›Die Kleine ist …‹, und einfach aufgelegt. Was wenn sie damit Alice gemeint hat?, dachte ich mir. Und dass sie hier ist, an der Ellingham? Jedenfalls hätten dann ziemlich viele andere Sachen auf einmal Sinn ergeben. Aber erst mal musste ich noch weiter zurückgehen, um alles unter einen Hut zu bringen. Deine Tante …« Sie wandte sich Hunter zu. »… war Alkoholikerin.«
»Ja.«
»Und sie hatte ihren Geruchssinn verloren.«
»Ja, und?«
»Sie hatte also so ihre Probleme. Aber wie viel, würdest du sagen, hat ihr der Ellingham-Fall bedeutet? So im tiefsten Innern?«
»Alles«, entgegnete Hunter. »Er hat ihr alles bedeutet.«
»Alles«, wiederholte Stevie. »Genau. Und darum hat sie sich an dem Abend, als sie gestorben ist, für den Fall entschieden. Für Alice. Darum musste sie sterben. Weil sie sich geweigert hat, weiter bei dem Plan mitzumachen. Sie wusste, dass es den Testamentsnachtrag wirklich gab, und sie wusste, wo Alice war. Letzteres hatte sie nämlich gerade erst herausgefunden …«
Stevie hatte die Szene glasklar vor Augen: Fenton, wie sie am Tisch saß. Wie sie den Entschluss fällte. Wie sie nach ihren Zigaretten griff …
»Alles hat mit dem Bau des Kunstschuppens angefangen«, erklärte Stevie weiter. »Die Schule hat schon fest mit dem Geld gerechnet, also wurde ein Anbau geplant. Aber dafür musste als Erstes der Tunnel freigelegt werden. Die Arbeiter haben Alice gefunden, sie wussten es bloß nicht. Sie haben eine Kiste entdeckt. Und die Person, die diese Kiste geöffnet hat, hatte plötzlich ein Problem. Sie wusste, dass der Inhalt siebzig Millionen Dollar wert war. Siebzig Millionen Dollar zum Greifen nahe. Aber einfach zugreifen durfte diese Person nicht.«
Sie wandte sich um und sah Nennt-mich-ruhig-Charles an.