image

25

»Puh.« Stevie atmete hörbar auf. »Hab ich ihn lange genug hingehalten? So langsam wusste ich echt nicht mehr, was ich noch sagen soll.«

Larry nickte. »Hast du gut gemacht.«

»Mann, war das anstrengend«, stöhnte Stevie und stützte sich am Kaminsims ab. »Im Ernst. In den Büchern wirkt das immer so leicht, aber wenn man dann selbst die ganze Zeit reden und reden muss …«

»Dürfte ich wohl fragen, was Sie hier zu suchen haben?«, wandte Charles sich an den ehemaligen Leiter des Schulsicherheitsdienstes. »Sie arbeiten schließlich nicht mehr für uns.«

»Das ist mir durchaus bewusst«, erwiderte Larry. »Allerdings habe ich wieder eine befristete Stelle bei der Polizei in Burlington angetreten und habe ganz offiziell die Anweisung erhalten, mich davon zu überzeugen, dass es allen gut geht. Mir war klar, dass ich früher oder später hier heraufmüsste, nachdem ich gehört hatte, dass die Schule geschlossen worden war und ein Haufen Irrer beschlossen hatte, während des Schneesturms hierzubleiben. Konnte mir sofort denken, welche Irre auf jeden Fall dabei sein würde. Und dann hat mir genau diese Irre eine E-Mail geschrieben, in der sie mir erklärt hat, was ihr Plan war und dass sie mir ein Wandortungsgerät und Instruktionen hinterlegen würde. Also hab ich mich von einem Schneepflug mitnehmen lassen und bin von der Straße aus hochgelaufen. Du kannst wirklich froh sein, dass ich dir vertraue.«

Stevie senkte den Kopf, damit niemand sie lächeln sah.

»Mit den meisten Büros im ersten Stock bin ich durch«, sagte Larry. »Nur das von Dr. Scott fehlt noch.«

»Ich erhebe Einspruch gegen eine unautorisierte Durchsuchung von Ellingham-Eigentum –«, fing Charles an zu protestieren.

»Larry«, schaltete Dr. Quinn sich ein. »Ich genehmige Ihnen alles, was Sie wollen.«

Charles fuhr herum und starrte Jenny Quinn an, die entschlossen das Kinn vorreckte.

»Jenny«, keuchte er, »das geht gegen jede –«

»Ich habe dieselben Befugnisse wie du«, sagte sie schlicht. »Und ich bin der Meinung, Larry sollte tun, was er für richtig hält.«

Ihre Worte waren wie eine unüberwindbare Mauer.

»Na schön.« Charles zuckte mit den Schultern. »Dann durchsuchen Sie eben mein Büro, wenn es unbedingt sein muss. Aber nur in meinem Beisein.«

»Und wir kommen alle mit!«, verkündete David fröhlich. Und bevor Larry ihn davon abhalten konnte, war David schon an ihm vorbei und alle anderen folgten ihm. Larry gab sich geschlagen.

Die Gruppe machte sich auf den Weg die große Treppe hinauf. Auf dem Absatz blieb Stevie kurz stehen, wie um den Ellinghams die Ehre zu erbieten. Dann ging es weiter, über die Empore und durch die Tür mit der Korkpinnwand, die so vehement darauf bestand, dass Reden helfe. Nun, geredet worden war wirklich genug. Ob es geholfen hatte, würde sich zeigen.

Larry hatte bereits die Regale geleert und von der Wand weggezogen. Dr. Scotts sämtliche Bücher und Bilder stapelten sich in der Zimmermitte.

»Das räumen Sie aber alles wieder zurück«, forderte Charles.

»Aber ja doch«, erwiderte Larry. »So, und jetzt alle mal aus dem Weg. Irgendeine bestimmte Stelle, an der ich anfangen soll?«, fragte er Stevie.

Sie schüttelte den Kopf. Inzwischen ließ sie sich nur noch von ihrer Intuition leiten. Als Charles die Kiste geöffnet und Alice darin entdeckt hatte, musste er sich vermutlich ziemlich rasch überlegen, was er mit ihr anstellen sollte. Darum hatte er sie höchstwahrscheinlich irgendwo hier im Gebäude versteckt. Natürlich war das Schulgelände voller potenzieller Verstecke, aber bei einer Leiche im Wert von siebzig Millionen Dollar musste man sich schon sehr sicher sein, dass niemand sie zufällig fand. Und das bedeutete, dass man sie am besten dicht bei sich behielt, irgendwo, wo man jederzeit im Blick hatte, wer in ihre Nähe kam.

Larry begann an der Fensterseite, Schritt für Schritt. Dann folgte die zweite Wand. Die dritte. Die Atmosphäre im Raum wurde immer angespannter und Stevie versuchte, die zunehmend besorgten Blicke der anderen zu ignorieren. Schließlich trat Larry an die letzte Wand und arbeitete sich um den Kamin herum. Kurz bevor es aussah, als wäre er fertig, hielt er direkt in der Zimmerecke inne.

»Hier ist was«, sagte er. »Nicht groß, insgesamt vielleicht ein halber Quadratmeter.« Er stemmte sich hoch. »Die Tapete wurde eingeschnitten«, fuhr er fort und klopfte an die Wand. Es klang hohl. Systematisch klopfte er weiter, bis er einen Bereich abgegrenzt hatte, der etwa eins zwanzig mal eins zwanzig groß war und sich einen knappen Meter über dem Boden befand.

»Da könnte sich früher der Safe für den Schmuck befunden haben«, überlegte Stevie. »Das hier war ja Iris Ellinghams Ankleidezimmer. Nachdem die Ellinghams alle gestorben waren, wurde der Safe ausgebaut und mitsamt seinem Inhalt der Smithsonian Institution gestiftet. Ich hab Fotos davon gesehen. Von der Größe her würde es hinkommen.«

Larry zog ein Schweizer Messer aus der Tasche und ritzte damit vorsichtig die Tapete ein. »Wir müssen auf jeden Fall hier reinschauen«, sagte er. »Aber dafür brauchen wir Werkzeug. Am besten warten wir, bis –«

»Sie schlagen ganz bestimmt kein Loch in meine Wand. Dazu haben Sie überhaupt keine –«

In dem Moment trat Janelle vor und klopfte ebenfalls ein paarmal auf der Stelle herum. Dann, ohne ein Wort zu sagen, zog sie mit einer fließenden Bewegung die Hand zurück, als würde sie einen Bogen spannen, und stieß kraftvoll den Ballen gegen die Wand. Ein Knacken ertönte und in der Wand war ein Loch. Janelle schüttelte ihre Hand aus und ging zurück zu ihrem Platz auf dem Sofa, wo Vi stolz den Arm um sie legte.

»Alter«, raunte David.

»Kraft gleich Masse mal Beschleunigung«, kommentierte Janelle und überprüfte seelenruhig ihren Nagellack. »Ganz simple Handkantenschlag-Physik, ihr wisst schon, wenn so ein Karatetyp ein Brett durchbricht. Dafür braucht man etwa tausendeinhundert Newton. Eigentlich geht es mehr um die Entschlossenheit dahinter als um Stärke.«

Charles bekam den Mund gar nicht mehr zu. Er mochte mit so einigem gerechnet haben, aber dass Janelle Franklin mit bloßer Hand sein Büro kurz und klein schlug, gehörte mit großer Sicherheit nicht dazu.

»Ich liebe dich«, sagte Vi.

Janelles Grinsen deutete an, dass sie das nicht zum ersten Mal hörte.

»Ich muss echt besser in Physik werden«, murmelte Stevie.

»Okay«, setzte Larry dem Romantikintermezzo ein Ende. Er zog eine Taschenlampe aus der Halterung an seinem Gürtel und leuchtete in das Loch. Das Ticken der Uhr, in deren Geheimschublade der Testamentsnachtrag versteckt gewesen war, schien alle anderen Geräusche im Raum zu übertönen und vermischte sich mit Stevies Herzschlag. Sie ertrug es nicht, Larry weiter zuzusehen.

Was wenn sie sich geirrt hatte?

Die Vorstellung war fast schon witzig und Stevie konnte sich gerade noch ein Lachen verkneifen. Sie fühlte sich so benommen. Der Raum schien sich grau-weiß zu verfärben und langsam zu drehen. Charles hatte den entrückten Gesichtsausdruck von jemandem, der etwas Beängstigendes aus weiter Ferne beobachtete – ein Gewitter vielleicht oder einen Unfall. Etwas, das sich nicht verhindern ließ. Germaine wiederum versuchte, das Ganze möglichst unauffällig mit ihrem Handy zu filmen.

»Ich brauche Handschuhe«, sagte Larry.

Stevies Kopf ruckte hoch, als hätte jemand an einem unsichtbaren Marionettenfaden gezogen.

»Kein Problem«, sagte sie und kramte ein Paar Einweghandschuhe aus der Vordertasche ihres Rucksacks.

»Warum trägst du denn so was mit dir herum?«, erkundigte sich Janelle.

»Fragt die Frau, die zufällig weiß, wie man eine Wand einschlägt«, erwiderte Stevie.

Janelle lächelte stolz.

Larry streifte die Handschuhe über und machte sich erneut mit dem Messer an die Arbeit, bis das Loch so groß war, dass er seine Hand hineinschieben konnte. Dann umfasste er den Rand und riss daran, bis ein Stück Wand nach vorn klappte. Wieder leuchtete er kurz mit der Taschenlampe hinein, bevor er sie ausschaltete und sich zu ihnen umdrehte.

»Alle verlassen bitte sofort den Raum«, sagte er.

»Ich lasse mich bestimmt nicht aus meinem eigenen Büro werfen«, empörte sich Charles, dessen Gesicht einiges an Farbe verloren hatte.

»Das hier ist nicht mehr Ihr Büro«, entgegnete Larry ruhig, »sondern ein potenzieller Tatort. Sie gehen jetzt nach nebenan ins Pfauenzimmer und Mark und Dr. Pixwell werden Ihnen Gesellschaft leisten. Dr. Quinn, wenn Sie so freundlich wären, die Schüler nach unten zu bringen?«

»Bin ich«, sagte sie.

»Ich verstehe überhaupt nicht, was hier los ist«, meldete Charles sich abermals zu Wort, doch es klang schon weit weniger überzeugend. Die Funko Pop!-Figürchen auf der Fensterbank schienen ihn zu verhöhnen. Als Pix und Mark auf ihn zutraten, ging er wortlos mit ihnen.

Stevie erhob sich, um den anderen zu folgen.

»Wo willst du denn hin?«, fragte Larry.

»Sie haben doch gesagt, alle sollen den Raum verlassen.«

»Das gilt aber nicht für dich«, entgegnete Larry. »Mach die Tür zu.«

Stevies Hände zitterten, als sie gehorchte.

»Willst du es selbst sehen?«, fragte Larry nüchtern.

»Was … was ist denn dadrin?«

Ihre Stimme klang erstickt. Nach allem, was passiert war – allem, was sie überstanden hatte –, ging ihr ausgerechnet jetzt die Puste aus? Sie wusste genau, was oder, besser gesagt, wer sie dort in der Wand erwartete, doch der Gedanke daran war einfach zu ungeheuerlich.

»Ist kein schöner Anblick. Aber du hast ja schon so einiges gesehen.«

Ihr blieb keine Wahl.

Es waren nur wenige Schritte, aber mit einem Mal kam es Stevie vor, als lägen Welten zwischen ihr und der Wand. Ganz langsam trat sie vor die dunkle Öffnung, nahm die Taschenlampe, die Larry ihr hinhielt, und registrierte dankbar seine Hand, die sich auf ihre Schulter legte.

Zuerst sah das, was sich in dem Loch befand, aus wie eine große graue Tasche aus rauem Stoff, alt und ausgefranst. Doch dann, als sich ihre Augen und ihr Gehirn langsam an die Lichtverhältnisse gewöhnten, erkannte sie immer mehr Konturen. Eine Hand. Einen Kopf. Einen Schuh.

Es ist doch viel zu eng dadrin, dachte Stevie.

»Wir müssen sie herausholen«, drängte sie.

»Machen wir. Sobald die Spurensicherung hier ist. Ohne die dürfen wir da nicht ran.«

Stevie nickte wie betäubt und wandte sich noch einmal dem Loch in der Wand zu.

»Hallo, Alice«, sagte sie. »Es ist vorbei. Jetzt wird alles gut.«