Jede Menge Kätzchen

Lili Hart konnte sich nicht vom Anblick der Kätzchen losreißen, die in einer Kiste auf dem Behandlungstisch ihres Vaters saßen. Ebenso erging es ihrer besten Freundin Jessi Forester.

Lilis Eltern betrieben die Tierklinik Helfende Pfote. Diese befand sich in der umgebauten Scheune im Garten ihres Hauses. Jessi und ihr Vater wohnten gegenüber auf der anderen Straßenseite. Sie hatten die Kätzchen heute Morgen in ihrem Schuppen gefunden.

„Ich werde sie jetzt untersuchen“, sagte Herr Hart.

Nacheinander hob er die vier getigerten Kätzchen aus der Kiste und kontrollierte ihre Augen und Zähne. Als er das kleinste zurück in die Kiste setzte, rollte es sich auf den Rücken und miaute. Die Spitze seiner rosafarbenen Zunge war zu sehen. Lili kitzelte es am Bauch.

„Wir waren ziemlich überrascht, als wir sie gefunden haben“, sagte Herr Forester. „Jessi hat ein Bellen gehört und einen Hund gesehen, der eine Katze von unserem Schuppen wegjagte. Das muss die Mutter der Kätzchen gewesen sein. Als sie nicht zurückkam, haben wir im Schuppen nachgesehen und die Kätzchen entdeckt.“

„Wir haben Zettel in der Nachbarschaft verteilt, um herauszufinden, wem die Katze gehört“, fügte Jessi hinzu. „Aber wir wussten, dass der beste Platz für die Kleinen erstmal hier bei euch ist.“

„Ich bin froh, dass ihr sie hergebracht habt“, sagte Lili und nahm eines der kleinen, zappelnden Tiere hoch. Das Kätzchen spielte mit Lilis dunklem Haar und alle mussten lachen.

„Wir versorgen sie mit Wärme und Milch, dann wird es ihnen gut gehen“, erklärte Lilis Vater. Er zeigte den Mädchen, wie sie die Kätzchen mit Milch aus kleinen Pipetten füttern sollten. Dann ging er mit Herrn Forester zu Lilis Mutter ins Haus, um eine Tasse Tee zu trinken.

Die Mädchen begannen, die Kätzchen zu füttern, und schon purzelten diese ganz aufgeregt übereinander, um an die Milch zu kommen.

„Sie sind ganz schön gierig“, sagte Jessi lachend.

Als die Kleinen satt waren, kuschelten sie sich aneinander und schliefen ein.

„Wer wohl eure Mama ist?“, überlegte Lili und streichelte ein Kätzchen mit weißer Schwanzspitze. „Eine ganz besondere Katze kennen wir ja schon, nicht wahr, Jessi?“

Die Freundinnen lächelten sich an und dachten an ihre magische Katzenfreundin Goldi. Sie kam aus dem Wald der Freundschaft, einer geheimen Welt voll sprechender Tiere. Die Mädchen hatten dort mit Goldi schon viele spannende Abenteuer erlebt. Die böse Hexe Griselda wollte schon oft die Tiere aus dem Wald vertreiben und ihn ganz für sich allein haben. Doch Lili und Jessi hatten geholfen, dies zu verhindern.

„Wann wir Goldi wohl wieder mal treffen werden?“, grübelte Jessi laut.

Kaum hatte sie die Frage zu Ende gestellt, hörten die Mädchen ein sanftes Pochen am Fenster. Sie blickten hinüber und entdeckten eine wunderschöne Katze, die mit der Pfote gegen die Scheibe klopfte. Sie hatte goldenes Fell und Augen so grün wie frisches Gras im ersten Morgenlicht.

„Goldi!“, rief Lili und öffnete das Fenster. „Gerade eben haben wir über dich gesprochen!“

Die Katze sprang herein und rieb ihren Kopf an Lilis Bein und dann an dem von Jessi.

„Du weißt, was das bedeutet, oder?“, fragte Lili ihre Freundin.

Jessi nickte aufgeregt. „Immer, wenn Goldi zu uns kommt, erleben wir kurz danach ein neues Abenteuer im Wald der Freundschaft!“

Goldi maunzte. Die Mädchen wussten, dass sie der Katze folgen sollten.

„Wir kommen, Goldi“, sagte Lili. Schnell sah sie nochmal nach, ob mit den Kätzchen alles in Ordnung war, dann rannten sie nach draußen.

Die Mädchen folgten Goldi über die Trittsteine im Bach auf die große Wiese auf der anderen Seite. Goldi rannte auf eine alte, abgestorbene Eiche zu, die mitten auf der Wiese stand und plötzlich zum Leben erwachte, als sie sich ihr näherten. Neue Blätter wuchsen an den vertrockneten Ästen und Blüten öffneten ihre Kelche. Vögel zwitscherten von den Zweigen. Die Mädchen hatten dieses Wunder schon mehrmals erlebt, aber trotzdem lächelten sie vor Entzücken.

Goldi tippte mit der Pfote gegen die Baumrinde, in die einige Wörter eingeritzt waren. Jessi und Lili kannten sie gut. Wenn sie die Wörter laut aussprachen, würde Magisches geschehen.

Sie hielten sich an der Hand und sagten gleichzeitig: „Wald der Freundschaft!“

Eine Tür erschien, die den Mädchen bis etwa zur Schulter reichte. Lili griff nach dem blattförmigen Türknauf und öffnete sie.

Schimmerndes goldenes Licht strömte heraus. Lili und Jessi duckten sich und folgten Goldi durch die Tür. Ein vertrautes Kribbeln war auf ihrer Haut zu spüren.

„Wir schrumpfen wieder“, dachte Jessi aufgeregt.

Das Licht verschwand. Sie standen mitten auf einer Lichtung, die in strahlendes Sonnenlicht getaucht und von hohen Bäumen umringt war. Zwischen den Bäumen befanden sich kleine Häuser, in denen die Tiere des Waldes wohnten.

„Wir sind wieder da“, sagte Lili mit glänzenden Augen.

„Und darüber freuen wir uns sehr“, entgegnete eine sanfte Stimme.

Die Mädchen wandten sich um und sahen Goldi, die nun aufrecht auf den Hinterbeinen stand und einen glitzernden Schal um den Hals trug. Da die Mädchen ein Stück geschrumpft waren, reichte ihnen die Katze nun bis zu den Schultern.

Neben Goldi standen drei getigerte Katzen – zwei Erwachsene und ein Kind. Ihr silbriges Fell war mit dunkelgrauen Streifen durchsetzt. Das Katzenmädchen trug einen Rucksack auf dem Rücken und um seinen Hals baumelte ein merkwürdig aussehendes Fernglas. Mit weit aufgerissenen Augen starrte es die Mädchen an.

Goldi umarmte Jessi und Lili, dann stellte sie den Freundinnen die Katzenfamilie vor.

„Das sind Herr und Frau Samtpfote“, erklärte sie. „Wie ihr wisst, bin ich früher durch die Menschenwelt gestreunt. Als ich aber zurück in den Wald der Freundschaft gefunden habe, hat Familie Samtpfote sich um mich gekümmert. Ihr bedeutet mir alle sehr viel, deshalb wollte ich, dass ihr euch kennenlernt.“

„Wir sind sehr erfreut, eure Bekanntschaft zu machen, Jessi und Lili“, sagte Frau Samtpfote. „Ihr seid uns allen hier wunderbare Freunde.“

„Das ist wahr“, stimmte Herr Samtpfote seiner Frau zu. „Wir haben davon gehört, dass ihr Griselda daran gehindert habt, unseren geliebten Wald zu zerstören. Drei Mal bereits!“

„Papa! Papa!“, unterbrach ihn das Katzenmädchen ungeduldig.

„Das ist unsere Tochter Susi“, erklärte Herr Samtpfote. „Sie freut sich, euch zu treffen.“

„Goldi hat mir alles von euch erzählt“, sagte Susi. „Wir wohnen weit weg im Butterblumen-Wäldchen. Aber wisst ihr was? Heute darf ich zum allerersten Mal bei einer Übernachtungsparty in Goldis Grotte mitmachen!“

Herr und Frau Samtpfote mussten schließlich aufbrechen, um noch vor der Dunkelheit zu Hause zu sein. Sie umarmten Susi und küssten sie zum Abschied.

„Auf Wiedersehen, Lili und Jessi“, verabschiedeten sie sich. „Hat uns sehr gefreut. Tschüss, Goldi.“

Und schon verschwanden sie zwischen den Bäumen.

„Lasst uns ins Café Fliegenpilz gehen“, sagte Goldi.

„Oh, ja!“, jubelte Susi. „Lili und Jessi kommen auch mit, ja? Und auch zur Übernachtungsparty, ja? Könnt ihr, bitte? Ihr könnt mir Geschichten aus eurer Welt erzählen. Ich liebe es, Neues zu erfahren. Bitte!“

„Ihr seid herzlich eingeladen“, sagte Goldi lächelnd.

Jessi sah Lili an. „Warum nicht?“, meinte sie. „Die Zeit steht still, solange wir im Wald der Freundschaft sind. Wir können also bleiben, so lange wir wollen.“

„Liebend gern“, stimmte auch Lili zu.

Susi war überglücklich und jubelte: „Hurra!“