Seltsame Geräusche

Auf dem Weg zum Café plapperte Susi weiter munter drauflos.

„Ich erkunde und erforsche gern alles um mich herum“, erzählte sie und beäugte die wilden Blumen, die auf der Lichtung wuchsen. „Oh, eine Hummel! Habt ihr schon mal so viele Streifen gesehen?“

„Betrachte sie doch durch dein Fernglas“, schlug Lili vor.

Susi kicherte. „Das ist doch kein Fernglas“, erklärte sie. „Das ist ein Nachtsichtgerät, um im Dunkeln sehen zu können. Herr Federschlau, der Uhu, hat es erfunden.“

„Wenn Susi älter wird, wird sie nachts so perfekt sehen können wie ich“, erklärte Goldi. „Aber im Moment braucht sie dazu noch etwas Hilfe.“

Lili wollte gerade etwas erwidern, als sie ein Grunzen hörte. „Was war das?“, fragte sie. „Es kam von dahinten, aus dem Sternblumenbusch.“

Jessi ging nachsehen, entdeckte aber niemanden dort. „Das ist ja merkwürdig“, wunderte sie sich.

Goldi machte ein besorgtes Gesicht und bedeutete ihnen, weiterzugehen.

Am Rand der Lichtung stand ein rot gestrichenes Haus mit weißen Tupfen auf dem Dach. Das war das Café Fliegenpilz. Die Tische und Stühle, die verstreut davorstanden, waren zu klein für die Mädchen. Sie setzten sich einfach auf den moosweichen Boden.

Ein kleines Kaninchen kam aus dem Café gerannt und verlor in seiner Hast beinahe seinen roten Sonnenhut.

„Hasi Hoppel!“, freute Jessi sich. Sie kitzelte Hasi zwischen den Schlappohren. Sie hatten das Kaninchen bei ihrem ersten Besuch im magischen Wald kennengelernt.

Familie Hoppel gehörte das Café. Hasis Schnurrhaare bebten vor Freude, die Mädchen wiederzusehen. Schnell eilte sie zurück ins Haus, um ein Tablett mit Haselnuss-Milchshakes in Nussschalentassen zu holen.

„Ich habe für jede von euch sechs Tassen gefüllt“, sagte sie zu Jessi und Lili. „Weil ihr so groß seid!“ Sie wandte sich an Susi. „Komm mit und sieh dir unsere neue Milchshake-Maschine an“, sagte sie. „Sie rüttelt so sehr, dass einem die Zähne klappern!“

Susi und Hasi rannten ins Haus.

„Jessi, Lili, erinnert ihr euch an das Geräusch hinter dem Sternblumenbusch?“, fragte Goldi.

Die Mädchen nickten.

„Heute Morgen haben Familie Samtpfote und ich im Wald schon einmal seltsame Geräusche gehört. Es klang wie das Grunzen von eben“, erzählte sie.

Jessi runzelte die Stirn. „Könnten es die Boggits gewesen sein?“

Die Boggits waren die gemeinen schmutzigen Diener von Griselda. Die Hexe hatte den Boggits ein neues schlammiges Zuhause versprochen, wenn sie ihr halfen, die Tiere aus dem Wald zu vertreiben.

Bevor Goldi antworten konnte, ertönte aus dem Haus ein lautes Krachen. Sie eilte hinein. Jessi und Lili knieten sich hin und sahen durch die Türöffnung.

Herr und Frau Hoppel kratzten sich an den Ohren und blickten auf einen Stapel Kochtöpfe, die auf dem Boden lagen.

„Was ist passiert?“, wunderte Frau Hoppel sich. „Vor einer Sekunde standen sie noch auf dem Abtropfgestell am Fenster.“

Goldis Ohren zuckten nachdenklich, als sie wieder nach draußen zu den Mädchen kam. „Etwas Seltsames geschieht im Wald der Freundschaft“, sagte sie. „Wenn ich nur wüsste, was das zu bedeuten hat.“

Eine Stunde später kamen Goldi, Susi und die Mädchen an Goldis Grotte an. Die Höhle lag am Rand einer wunderschönen Lichtung. Neben der Grotte wuchs der Busch der ewigen Blüten, ein baumhoher Strauch mit bunten Blüten, die so groß wie Fußbälle waren. Die Mädchen wussten, dass der Busch mit allen Blumen im Wald verbunden war. Solange es ihm gut ging, gediehen auch alle anderen Blumen.

Goldi öffnete die rote Eingangstür mit dem kleinen Fenster, das wie der Buchstabe G geformt war, und sie betraten die Höhle. Auf dem weichen Moosboden standen ein gemütliches Bett, ein zerknautschter Sessel, ein Tisch und ein runder Fußschemel.

Sie aßen Kürbissuppe mit Pinienkernen und dazu Brot mit wildem Knoblauch zu Abend. Dann bauten sie aus Decken und Kissen ein kuscheliges Lager auf dem Boden. Susi hängte ihren Rucksack an einen Haken und machte es sich auf Jessis Schoß gemütlich.

„Das ist so bequem und behaglich“, sagte Jessi und streichelte das Kätzchen.

Susi fing an zu schnurren. „Erzählt mir von der Menschenwelt“, bat sie.

Lili erzählte Susi von der Tierklinik. Als sie fertig war, bat Susi: „Mehr!“ Also erzählte Jessi von der Schule und ihren Lehrern.

„Mehr! Mehr!“, bettelte Susi.

„Ich weiß etwas“, sagte Goldi. „Ich erzähle euch die Legende vom Wald der Freundschaft.“

„Was ist eine Legende?“, fragte Susi.

„Eine sehr, sehr alte Geschichte, von der man nicht genau weiß, ob sie wahr ist“, erklärte Goldi.

„Oh!“, staunte Susi.

Goldi begann: „Tief unter dem Wald der Freundschaft gibt es viele längst vergessene Tunnel …“

„Oh!“, sagte Susi mit weit aufgerissenen Augen. „Wer wohnt da?“

„Keiner weiß es“, erwiderte Goldi. „Die Legende erzählt, dass in den Tunneln wunderschöne Edelsteine zu finden sind. Manche so klein wie Apfelkerne und manche so groß wie ein Kätzchen!“

„Oh!“, machte Susi wieder. „Ich würde total gern die Tunnel erkunden und ein paar Edelsteine finden.“ Sie gähnte herzhaft und rollte sich zu einem kleinen Knäuel zusammen. Nur einen kurzen Augenblick später war sie auch schon eingeschlafen.

Goldi gluckste leise. „Ich erzähle die Legende ein andermal zu Ende.“

Vorsichtig hob Jessi Susi von ihrem Schoß und legte sie auf eine Decke. Ihre Pfoten zuckten. „Ich glaube, sie träumt“, wisperte Jessi lächelnd.

Die Mädchen und Goldi kuschelten sich ebenfalls in die Kissen und Decken. Sie waren gerade am Einschlafen, als sie von draußen ein raues, ruppiges Geräusch hörten.

„Har! Har!“

Jessi und Lili setzten sich kerzengerade auf.

Was war das?

Goldi spitzte die Ohren. „Da treibt sich jemand draußen vor der Tür herum“, wisperte sie.

Jessi sprang auf und rannte hinaus. Goldi und Lili folgten ihr.

Zwischen den Bäumen entdeckte sie eine schemenhafte Gestalt.

„Da drüben!“ Jessi zeigte in die Richtung, aber der Schatten war bereits verschwunden.

Sie gingen zurück in die Höhle und Goldi machte ihnen heiße Honigmilch.

Susi schnarchte leise. Sie hatte nichts von der Aufregung mitgekriegt.

„Das war komisch“, murmelte Lili, als sie sich zurück in die Decken kuschelten. Sie streichelte das schlafende Katzenmädchen. „Hoffentlich ist Griselda nicht mit ihren Boggits zurück …“