Kapitel 62

Vor etwa einem halben Jahr hatte Louis damit angefangen, am Ende jedes Monats »abzurechnen«, wie er es nannte. Das bedeutete, dass er sich an den Schreibtisch seines Vaters setzte und eine Liste schrieb, die sämtliche Einnahmen und Ausgaben des Monats zusammenfasste. Der Verdienst der neuen Lust auf mehr?-Schokoladen floss größtenteils auf sein Konto, und das war keine unerhebliche Summe. Doch um konkurrenzfähig zu bleiben, plante Louis weitere Neuerungen, unter anderem das Aufstellen von Schokoladenautomaten an Bahnhöfen und vor Gaststätten. Dieses Vorhaben würde jedoch einiges kosten.

Vor allem machte Louis diese monatlichen Abrechnungen jedoch, da er hoffte, Elisa und sich bald eine Wohnung im Stadtkern Berlins finanzieren zu können. Eigentlich war es üblich, dass frisch Vermählte nach der Hochzeit von zu Hause auszogen und sich ein eigenes Domizil einrichteten. Das entsprach damals jedoch weder seinen noch Elisas Wünschen, und die Maison hatte es ihnen leicht gemacht, einander aus dem Weg zu gehen. Nun war das Gegenteil der Fall. Louis wollte am liebsten Tag und Nacht mit Elisa verbringen. Zudem wusste er, wie sehr Elisa die Lebhaftigkeit der Stadt liebte. Er malte sich aus, wie sie nachmittags mit Freundinnen in einem Kaffeehaus eine heiße Schokolade trinken oder spontan in der Stadt bummeln gehen könnte, ohne auf einen Chauffeur angewiesen zu sein.

Inzwischen hatte Louis etwas Geld gespart, und gewiss würde sein Vater ihm gern aushelfen, wenn er ihm von seinem Vorhaben erzählte. Neben dem Abrechnungsbuch lag die Tageszeitung, in der er später nach einer Immobilie suchen wollte. Vielleicht könnte er diese Woche noch die ein oder andere Wohnung besichtigen. Er war sich nur noch nicht sicher, ob er Elisa einweihen oder mit einer Wohnung überraschen sollte.

Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, denn die Tür schwang auf, und Elisa trat ein. Sie lächelte ihr unwiderstehlich hübsches Lächeln und sagte: »Hier steckst du! Ich wollte mir von Emil etwas Briefpapier leihen, um Margot zu schreiben. Ich würde so gern wissen, wie es ihr geht.«

Louis zog eine Schublade auf und holte ein Blatt handgeschöpftes Papier daraus hervor, das er vor sie auf den Tisch legte. »Hier, bitte. Wie war dein Tag?«

Elisa setzte sich auf die Tischkante. »Recht eintönig. Ich habe Hanni geholfen, alte Kleider aus ihrem Schrank zu sortieren. Das war das einzig Spannende.«

»Wenn es dir langweilig ist, könntest du Frau Moretti besuchen. Sie empfängt immer am Donnerstag, also schon morgen. Und ihre Empfänge sollen recht lustig sein, wie ich gehört habe.«

»Ich würde gerne etwas Sinnvolles tun. Warum kann ich dir nicht in der Fabrik zur Hand gehen?«

»Du hast schon genug damit zu tun, den Haushalt zu führen. Und du kennst doch die Leute. Was würden sie tratschen, wenn meine Frau in der Fabrik arbeiten müsste!«

»Seit wann kümmert es dich, was die Leute sagen? Und ich will raus! Ich will …«

»Wenn du möchtest, kannst du mich nächste Woche ins Waisenhaus begleiten, dort schenken wir den Kindern Schokolade«, unterbrach Louis sie in sanftem Tonfall.

Schmollend schob Elisa die Unterlippe vor, doch da fiel ihr Blick auf die Immobilienanzeigen, und sie lachte auf. »Bist du mich schon leid und willst von mir fortziehen?«, scherzte sie.

»Ohne dein nächtliches Gemurmel könnte ich gar nicht schlafen.«

»Ich spreche nicht im Schlaf!«, verteidigte sie sich, aber Louis sah ihr an, dass die Vorstellung sie belustigte.

Er neckte sie, indem er das, was sie in der letzten Nacht ins Kopfkissen gemurmelt hatte, nachmachte, und Elisa kam um den Tisch herum und setzte sich auf seinen Schoß. Eine Hand legte sie in seinen Nacken, und mit der anderen packte sie seine Nase. »Du Lügner! Pass auf, dass deine Nase nicht wächst wie die Nase dieser Holzfigur!«

»Was? Von welcher Holzfigur sprichst du?«, lachte Louis.

»Du weißt schon! Die Holzfigur aus diesem italienischen Kinderbuch, das Hanni in Florenz für Effi und Hedwig gekauft hat. Darin gibt es eine sprechende Puppe, deren Nase ganz lang wird, wenn sie lügt.«

Es war ihm unbegreiflich, wie er jemals ohne sie hatte leben können. Er küsste sie lang und innig. »Wenn du nur wüsstest, wie gern ich dich habe …«

»Wie gern?«, fragte sie und spitzte herausfordernd die Lippen.

Da sagte er es ihr: »So gern, dass ich uns unser eigenes Zuhause schaffen will.«

Mit offenem Mund sah sie ihn an, drehte sich dann um, warf einen Blick auf die Immobilienanzeigen und sagte dann: »Du willst uns eine Wohnung kaufen?«

»Freust du dich?«

Sie umschlang ihn mit beiden Armen und drückte ihre vor Aufregung erhitzte Wange fest an seine. »Und wie ich mich freue! Ich werde das gleich Margot schreiben! Und vielleicht kann ich diese Woche mit Frieda schon nach ein paar hübschen Möbeln Ausschau halten! Du machst mich so glücklich, Louis!«