Jeder Mensch, der anders als die anderen ist, läuft Gefahr, geärgert, gehänselt und ausgeschlossen zu werden. Eine Befragung unter 400 Kindern mit Asperger-Syndrom zwischen vier und 17 Jahren ergab, dass sie viermal häufiger Mobbing ausgesetzt waren als andere Kinder (Little 2002).
Die Betroffenen
Hinzu kommt, dass es insbesondere jüngeren Kindern mit Asperger-Syndrom schwer fällt zu erkennen, wer ihnen wohlgesonnen ist und wer sie ärgern will. Es gelingt ihnen oft nicht, die Gedanken und Absichten anderer Menschen richtig einzuschätzen. Manchmal werden sie daher anfangs auch gar nicht bemerken, dass sie gehänselt und geärgert werden, sondern die Taten der Klassenkameraden als ein weiteres Beispiel für das verwirrende Verhalten ihrer Umgebung auffassen.
Auch mir ging es in der Schule so. Ich stand abseits, war nicht einbezogen in die Gespräche der anderen über den letzten Nachmittag oder das vergangene Wochenende, hätte aber auch nicht gewusst, was ich da hätte beitragen sollen. Die Mädchen unterhielten sich über die neuesten Modetrends, Musikgruppen, ihre Menstruation oder ein anderes Thema ohne wirkliche Substanz. Mich dagegen interessierten das Weihnachtsfest und große Flughäfen. Das passte nicht recht zusammen, und natürlich bemerkten das beide Seiten, die anderen Kinder genauso wie ich selbst. Bei Kindergeburtstagen wollte man mich nicht haben, im Sportunterricht wurde ich stets als eine der Letzten in die zu bildenden Mannschaften gewählt, meine Fehler wurden bestenfalls beschimpft, meist aber wurde ich eher ausgelacht, was mir noch mehr wehtat, da ich mir ja Mühe gab. Witze und Sprichwörter verstand ich nicht und verstehe sie auch heute noch nicht immer, sodass es viele Missverständnisse gab. Insgesamt wirkte ich oft naiv und nur wenig intelligent und wurde auch entsprechend behandelt.
Mobbing bei Kindern mit Asperger-Syndrom geschieht viel häufiger als bei nicht autistischen Kindern in Form der Ausgrenzung und des sozialen Ausschlusses aus einer Gruppe, etwa, indem man nicht mehr mit dem Kind zusammen spielt, seine Fragen nicht mehr beantwortet oder es von einer gemeinsamen Veranstaltung ausschließt (Attwood 2008). Eine weitere Form, die auftreten kann, ist das Anstiften zu verbotenen Handlungen, da die Betroffenen oft sozial naiv und vertrauensselig sind und zudem den starken Wunsch haben, einer Gruppe anzugehören. So kann ein anderes Kind den Vorschlag machen, etwas sozial Unangemessenes oder Verrücktes zu tun, und das Kind mit Asperger-Syndrom, das nur über ein begrenztes soziales Verständnis verfügt, wird dann möglicherweise überredet, dies auch auszuführen. In meiner Klasse war immer ich diejenige, die man vorschickte, wenn es darum ging, etwa die Deutschlehrerin zu ärgern. Man erklärte mir, was ich zu tun hätte, und ich führte es aus. Ich verstand nicht, was das sollte, aber die Mitschüler machten mir klar, sie hätten das so beschlossen, und es sei eine Regel, dass ich es dann tun müsse. Ich liebte Regeln für das tägliche Miteinander und hatte daher keine Chance. Die mögliche Strafe, die das Kind für seine Tat erleidet, kann dann von denjenigen, die es dazu angestiftet haben, genüsslich ausgekostet werden.
Auch durch den Lehrer jedoch kann Mobbing geschehen, wenn dieser sich beispielsweise über das Kind lustig macht, es bestraft oder seine Missachtung ihm gegenüber zum Ausdruck bringt. Manche Lehrkräfte bestärken zudem die mobbenden Schüler eher in ihrem Verhalten, als dem Opfer zu helfen. So berichteten die Eltern eines Jungen mit Asperger-Syndrom von einem Mitschüler, der ihren Sohn mit einem brennenden Feuerzeug bedrohte. Der autistische Junge erzählte seinen Eltern später, er habe gedacht, nun sterben zu müssen. Die befragte Lehrerin kommentierte auf Nachfrage, das sei doch nur ein harmloser Schülerstreich gewesen… (Weber u. Bülow 2009, 195). Demütigungen durch Lehrer schließlich sind ein besonders erschreckendes Kapitel der Pädagogik und können weitreichende Folgen für den Schüler haben. Ich musste beispielsweise im Fach Deutsch oder auch in den Fremdsprachen meine Aufsätze laut vorlesen, allerdings nicht, weil sie als Vorbild dienen sollten, sondern als »abschreckende Beispiele«. Das hat mich selbstverständlich gekränkt.
Für Eltern und Lehrer von Schülern mit Autismus-Spektrum-Störung ist Mobbing oft noch schwerer zu erkennen als bei anderen Kindern. Meist berichten die Kinder von selbst nur wenig von ihren Erlebnissen, auch deswegen, weil ihr Tag ausgefüllt ist mit verwirrenden Eindrücken und sie nicht einschätzen können, was davon für die Umgebung interessant sein könnte.
Man muss daher sehr aufmerksam beobachten, auch auf Kleinigkeiten achten und aktiv nachfragen. Mögliche Hinweise können sein:
Die psychosozialen Folgen eines regelmäßigen Mobbings können oft jahrelang andauern. Sie stellen einen entscheidenden Faktor dar für die Entstehung von Angststörungen und Depressionen mit teils erheblicher Suizidalität. Menschen mit Asperger-Syndrom sind häufig bis ins Erwachsenenalter hinein mit der Frage beschäftigt, warum sie so oft zur Zielscheibe für andere Kinder wurden. Oftmals gehen sie die erlebten Situationen immer wieder in Gedanken durch, weil sie sich dadurch Antworten erhoffen, und durchleiden die Kränkungen und Demütigungen somit immer wieder aufs Neue. Sie benötigen dann nicht selten therapeutische Unterstützung, um die Erlebnisse verarbeiten und damit abschließen zu können.
Eine Therapiemaßnahme ist eine Möglichkeit der Unterstützung von betroffenen Schülern. Es kann dann versucht werden, beispielsweise mithilfe von Comic-Geschichten (Gray 1998) Zugang zu den Gedanken, der Gefühlswelt und den Interaktionsmustern des Betroffenen zu gewinnen und auf diese Weise alternative Strategien zur Problemlösung zu finden.
Vielleicht ist es außerdem möglich, einen Mitschüler, der über ein gutes Gefühl für soziale Gerechtigkeit und ein natürliches Selbstbewusstsein verfügt, als »Paten« für den autistischen Klassenkameraden zu gewinnen. Es wäre sehr hilfreich, wenn der Betroffene auf diese Weise einen Ansprechpartner für seine Fragen und Nöte finden könnte. Diese Erfahrung beschreibt auch Marco Hoppe in seinem Bericht.
Sinnvoll kann auch das Erstellen einer «Landkarte der sicheren Orte« (Gray 2004) sein. Hierbei soll der Schüler mit Asperger-Syndrom zunächst die Orte identifizieren, an denen er besonders stark der Gefahr des Mobbings ausgesetzt ist, um diese künftig meiden zu können, und anschließend Orte benennen, die ihm Schutz und Sicherheit bieten und an denen er sich bevorzugt aufhalten sollte. Häufig ist Mobbing in der Schule an abgelegenen Stellen des Schulhofes anzutreffen, in Fluren, im Sportunterricht und allgemein meist dort, wo ein solcher Vorfall nur schwer von Erwachsenen entdeckt werden kann.
Und natürlich ist bei diesem Thema die Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern gefordert. Pädagogen müssen der Klasse mit gutem Beispiel vorangehen. Sie sollten auch in schwierigen Zeiten immer wieder Worte der Ermutigung finden und Ansprechpartner sein für Fragen und Anliegen aller Art. Eltern sollten ihr Kind immer wieder ermutigen, sich ihnen anzuvertrauen, wenn es schwierige Erlebnisse gemacht hat, insbesondere dann, wenn es diese nicht recht verstehen kann. Ein Schulwechsel schließlich wird nur in wenigen Fällen dauerhaft Abhilfe schaffen können, solange sich die Interaktionsfähigkeiten des autistischen Schülers nicht verbessert haben.
Die wirksamste Maßnahme aber gegen Demütigungen von Menschen, die anders sind als die breite Masse, die sich anders verhalten und abweichende Interessen haben, besteht wohl in Aufklärung und Information. Im schulischen Alltag sollten also auch die Lehrer und die Klassenkameraden angeleitet werden, wie der Umgang mit einem autistischen (Mit-)Schüler so gestaltet werden kann, dass er für beide Seiten angenehm und bereichernd wird. Sehr hilfreich wird es sein, wenn zu diesem Zweck der Therapeut oder eine andere Bezugsperson des Betroffenen zur Verfügung stehen kann.
Eine wichtige Maßnahme zur Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit ist ein wohlwollendes, unterstützendes und motivierendes Verhalten der Bezugspersonen, Eltern wie Lehrer. Häufig werden autistischen Kindern schwierige Dinge abgenommen mit dem Kommentar »Das kannstdu nicht, ich mache es für dich«. Sicher ist man sich oft gar nicht bewusst, wie negativ sich solche immer wiederkehrenden Äußerungen auf das Selbstbewusstsein des Kindes auswirken. Besser wäre stattdessen eine Intervention im Sinne von »Komm, lass es uns gemeinsam machen, ich glaube, du schaffst das«, die Motivation und zugleich Bestärkung und Zuversicht in die eigenen Fähigkeiten bietet.
Wichtig sind häufige Erklärungen der als so verwirrend erlebten Umwelt. Wiederholtes Nachfragen ist sinnvoll, die Anweisungen sollten klar und eindeutig sein. Für solche Situationen, für die das Verständnis fehlt, wenn es etwa um Gedanken oder Gefühle geht, lassen sich alternativ manchmal Regeln aufstellen, die dann auch einzuhalten sind. Autistische Menschen lieben Regeln als Hilfestellung für das tägliche Miteinander und können auf diese Weise viele schwierige Situationen vermeiden.
Zudem kann es sinnvoll sein, eine Therapie oder eine ähnliche Maßnahmezu empfehlen, um das adäquate Verhalten in Gruppensituationen, Alltagskompetenzen und auch soziale Kompetenzen zu trainieren, um ein bisschen sichererzu werden im Umgang mit Emotionen (Herbrecht u. Bölte 2009, Jenny 2010). Alternativ oder auch zusätzlich ist für viele Betroffene ein Austausch mit anderen autistischen Menschen sinnvoll, beispielsweise in einer Selbsthilfegruppe oder einem Internetforum. Und auch durch den Pädagogen ist es sinnvoll, einen Schüler auf bemerkte Schwierigkeiten anzusprechen und Unterstützung anzubieten, statt das unverständliche Verhalten einfach zu verurteilen. Manchmal kann es schon allein durch das Hinterfragen der Verhaltensauffälligkeiten gelingen, Vorurteile abzubauen und zu erkennen, dass etwa hinter auf den ersten Blick als faul oder nur wenig intelligent imponierendem Verhalten in Wirklichkeit ganz spezifische Schwierigkeiten stecken (Preißmann 2010).
Aber man darf sich nichts vormachen: Trotz aller Bemühungen wird es nicht möglich sein, Mobbing ganz zu verhindern, weil eben autistische Menschen so sind, wie sie sind, weil sie nicht selten provozierend wirken und weil Mitschüler und Lehrer, auch dann, wenn sie informiert und vielleicht sogar wohlwollend auftreten, eben auch nur Menschen sind, denen beispielsweise Worte herausrutschen, die so nicht hätten gesagt werden dürfen.
Die psychologische Forschung beschäftigt sich seit einiger Zeit nicht nur mit den Faktoren, die uns krank machen, sondern auch mit der Frage, wie es einigen Menschen gelingt, selbst schwere Schicksalsschläge oder emotionale Verletzungen relativ unbeschadetzu überstehen. Man hat herausgefunden, dass es Faktoren gibt, die dabei helfen können, eine stabile und kompetente Persönlichkeit zu entwickeln.
Wichtig sind hierbei