Es reicht oft bereits, den Arbeitsplatz und -ablauf nur etwas umzustrukturieren, um einem autistischen Menschen annehmbare Arbeitsbedingungen zu bieten. Dazu gehören eindeutige Arbeitsanweisungen, Tages- und Wochenpläne, eine konstante Bezugsperson, ein Rückzugsraum und die Option, sozialen Aktivitäten nicht zwingend beiwohnen zu müssen.
Mit der Aufnahme einer ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen entsprechenden Tätigkeit erfahren autistische Menschen eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität. Wichtig sind daher Aktivitäten, die die Chancen der Betroffenen im Hinblick auf Bildung, Arbeit und Beruf erhöhen. Dazu ist es notwendig, zunächst die Faktoren zu ermitteln, die eine Eingliederung ins Arbeitsleben erschweren, um nachfolgend Hilfsmaßnahmen zu erarbeiten. Als problematisch stellen sich dabei immer wieder folgende Faktoren dar:
Generell gilt, dass auch einige autistische Menschen in Berufen, die als eigentlich nur wenig empfehlenswert beschrieben werden, ihr Glück gefunden haben und dort eine gute Arbeit leisten können. Dennoch ist es sinnvoll, zur Orientierung hier solche Bereiche vorzustellen, die sich als günstiger erwiesen haben. Beachtung finden sollten dabei die speziellen Stärken und Fähigkeiten, die die Betroffenen einem Arbeitgeber bieten können (Attwood 2008, 351; Preißmann 2009):
Für die Berufswahl ist es wichtig, diese Stärken autistischer Menschen möglichst gezielt zu nutzen. Die Betroffenen konzentrieren sich nämlich besonders auf Details, sie zeigen daher Schwächen in der ganzheitlichen, kontextgebundenen Wahrnehmung (»schwache zentrale Kohärenz«). Dies beschreibt ja auch Kilian Sterff in seinem Bericht. Daraus ergeben sich andererseits jedoch auch die Stärken von Menschen mit Autismus, die darin liegen, Bilder in Einzelelemente aufzugliedern, komplizierte visuelle Muster zu erkennen, geometrische Figuren oder Objekte exakt abzuzeichnen, große Mengen an Fakten auswendig zu lernen, winzige Fehler in Texten zu erkennen usw. Sie können also Anforderungen, bei denen eine Ablenkung auf die Umgebung und das Umfeld eher störend ist, besonders gut und in der Regel besser erledigen als Menschen mit nicht autistischer Wahrnehmung.
Obwohl natürlich jeder autistische Mensch ein individuelles Fähigkeitsprofil hat, gibt es dennoch generelle Empfehlungen, die den meisten Betroffenen im Arbeitsleben helfen.
Bereits im Vorfeld eines Stellenantritts sollten Menschen mit Autismus detaillierte Informationen über die Anforderungen des Arbeitsplatzes, das Umfeld, die Räumlichkeiten etc. erhalten, um sich möglichst frühzeitig auf die umfangreichen Veränderungen einstellen zu können und dadurch etwas Sicherheit zu erhalten. Neben Informationsbroschüren etc. wird auch empfohlen, den Betroffenen eine »virtuelle Führung« zur Verfügung zu stellen, die es ihnen ermöglicht, sich zu Hause am Computer in aller Ruhe ohne Zeitdruck über alle wichtigen Punkte zu informieren, die den zukünftigen Arbeitsplatz, den Arbeitgeber, eventuelle Mitarbeiter und die bestehenden Arbeitsanforderungen betreffen (Baumgartner et al. 2009, 43).
Es kommen für Menschen mit Autismus besonders solche Tätigkeiten in Betracht, bei denen bestimmte Aspekte im Vordergrund stehen (Baumgartner et al. 2009, 72–73). Also Tätigkeiten,
Insgesamt aber ist es sicher wichtiger, die Rahmenbedingungen für Menschen mit Autismus so zu gestalten, dass diese eine gute Arbeit leisten können. Dann kann eine erfolgreiche Tätigkeit in vielen verschiedenen Bereichen möglich sein. Das betonen die Schreiber der beiden Erfahrungsberichte ebenso wie viele andere Betroffene, die in vermeintlich »schwierigen« Berufen arbeiten. Auch hoch qualifizierte Tätigkeiten in Wissenschaft und Forschung sind dabei durchaus denkbar. Tony Attwood beschreibt Universitäten etwa als »Behindertenwerkstätten für Menschen mit sozialen Problemen« (Attwood 2008, 356).
Umgekehrt ist leider auch bei exzellenten Fachkenntnissen ein Scheitern möglich, wenn es nicht gelingt, realistisch die Erwartungen einzuschätzen, die an die eigene Person gestellt werden. Das müssen auch nicht autistische Menschen oft schmerzvoll erfahren. Ein gutes Beispiel ist der ehemalige Fußballprofi Sebastian Deisler, der, obwohl als begnadeter Fußballer und »Ausnahmetalent« allseits bewundert, scheiterte, da er mit den sozialen und kommunikativen Anforderungen, die dieser Beruf eben auch mit sich bringt, nicht zurechtkam und schließlich aufgab. Auch Simone Pinke beschreibt, wie wichtig die Rahmenbedingungen und die Unterstützung durch ihre Kollegen für sie waren, die ihre Schwierigkeiten, aber vor allem auch ihre Ressourcen wahrnahmen und ihre wertvolle Arbeitskraft erkannten: »Ich hatte nach der Ausbildung das Glück, in einem kleinen Druckereibetrieb tätig sein zu können, in einem nur kleinen Kollegenkreis. Meine Arbeit war übersichtlich strukturiert und in gewisser Weise auch routiniert. Auf meinem Schreibtisch lagen die Aufträge, nach Auslieferungstermin oder anderer Priorität übersichtlich sortiert, sodass ich einen nach dem anderen bearbeiten konnte. Und wenn sich bei der Auftragsabwicklung für mich unlösbare Schwierigkeiten ergaben, so stand mir stets ein Kollege hilfreich und geduldig zur Seite, der mir vor allem unmissverständliche Erklärungen sowie auch direkte Arbeitsanweisungen in freundlichem Ton erteilte (…). Dem rücksichtsvollen Engagement meines Vorgesetzten und der wenigen Kollegen, die meine Stärken erkannt hatten und zu schätzen wussten, habe ich es zu verdanken, dass ich über so viele Jahre hinweg diesen Arbeitsplatz ausfüllen konnte« (Pinke 2011).
Äußerst problematisch ist für autistische Menschen in der Regel der Kontakt zu Kollegen und sonstigen Mitarbeitern. Oft gelingt es nicht, die Schwierigkeiten zu verbalisieren, und andere Menschen kommen von selbst oft gar nicht auf die Idee, welche Dinge (häufig Kleinigkeiten, für die leicht eine Lösung gefunden werden könnte) für die Betroffenen belastend sind. Vielleicht kann es gelingen, entweder schriftlich oder durch eine Vertrauensperson (z. B. den Therapeuten oder einen geeigneten Mitarbeiter) die Kollegen zu informieren, um so das Miteinander zu verbessern und dem Menschen mit Autismus die Möglichkeit zu geben, eine gute Arbeit zu leisten. Manchmal lassen sich auf diese Weise auch wichtige Informationen oder Adressen erhalten, die für die weitere Planung wichtig sein können, wie es auch bei Kilian Sterff der Fall war. Sein Bericht macht sehr deutlich, dass die Menschen, die eine größere Zeitspanne mit dem Betroffenen verbringen konnten, nach einiger Zeit durchaus die Fähigkeiten und Ressourcen erkannten, die auf den ersten Blick nicht auffielen. Äußerst wichtig sind daher in vielen Bereichen persönliche Beziehungen. Entscheidend ist es, dabei so viele Informationen einzuholen wie möglich, freie Zeit durch Praktika o. Ä. zu überbrücken, um Erfahrungen zu sammeln und etwaige Arbeitsplätze kennen zu lernen, aber auch um in der vielen freien Zeit keine Langeweile aufkommen zu lassen. Optimal wird es sicher sein, wenn es, wie von Kilian Sterff beschrieben, gelingen kann, das eigene bereits seit der Kindheit bestehende spezielle Interesse beruflich zu nutzen. Die dann bestehende Motivation im Hinblick auf den Beruf und die Freude an der Tätigkeit sind sicher von anderen Menschen auch nicht ansatzweise zu erreichen, was den Betroffenen zu einem unglaublich wertvollen Mitarbeiter machen wird.
Das persönliche Budget als Unterstützung
Das persönliche Budget für Menschen mit Behinderung ist eine neue Form der Leistungsgewährung als Ergänzung zu den bisher üblichen Sach- oder Dienstleistungen. Bei einem persönlichen Budget wird ein Geldbetrag ausgezahlt, mit dem der Betroffene sich die zuvor bestimmten Leistungen zur Teilhabe selbst einkaufen kann, die auch für den Bereich Arbeit und Beruf zur Verfügung stehen. Dies gibt auch Menschen mit Autismus die Möglichkeit, die nötige Hilfe und Unterstützung noch besser an die eigenen Bedürfnisse anzupassen. Nähere Informationen dazu finden sich bei Dalferth (2010) bzw. Gellert (2009) sowie im Handbuch Die Rechte behinderter Menschen und ihrer Angehörigen (Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte e.V. 2007).
Deutlich wird in Sterffs Bericht auch, dass es sich lohnt, nicht aufzugeben und hartnäckig zu bleiben bezüglich der Suche nach einer geeigneten Arbeitsstelle, aber auch hinsichtlich der Forderungen, wenn es etwa darum geht, die eigenen Rechte einzufordern. Dabei benötigen autistische Menschen aber in der Regel Unterstützung durch Eltern oder sonstige Bezugspersonen.
Inzwischen beginnt man allmählich, die Vorteile der veränderten Wahrnehmung autistischer Menschen beruflich zu nutzen und so den Betroffenen qualifizierte Tätigkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt anzubieten. Es gibt bereits einige Firmen in Dänemark, Schweden, den USA, den Niederlanden und der Schweiz, die gerne Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen einstellen, weil sie sich der Vorteile bewusst sind (Attwood 2008, 355). Der Arbeitsalltag in diesen Betrieben ist geprägt von klaren Arbeitsanweisungen, die Arbeit folgt einer übersichtlichen Struktur, auf Teamarbeit und Zeitdruck wird weitestgehend verzichtet (Pinke 2011). In einer Studie gaben die Betriebe, die gegenwärtig autistische Menschen beschäftigen, an, dass sie mit deren Produktivität hochzufrieden sind (Baumgartner et al. 2009, 140).
Außerdem beginnt die Gründung von Organisationen, die als Vermittler auftreten und die Betroffenen als reguläre Arbeitskräfte in Betrieben des ersten Arbeitsmarktes unterbringen (Sonne 2007), nachdem dort über die spezifischen Ressourcen autistischer Menschen informiert wurde. Auch hier sind die ersten Erfahrungen sehr positiv, weil auch dabei die vorhandenen Fähigkeiten optimal genutzt werden konnten.
Man beschritt dabei Neuland für den Bereich Autismus; bereits seit einiger Zeit existieren jedoch Integrationsfirmen, die Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen in den Arbeitsmarkt vermitteln. Hierbei zeigte sich, dass die Mitarbeiter durchaus in der Lage sind, in einer Leistungsgesellschaft zu bestehen. Sie werden intensiv eingearbeitet und auch später regelmäßig in größeren Abständen betreut, aber sie erhalten keine Zugeständnisse, sie müssen ihre Leistung genauso bringen wie alle anderen Arbeitnehmer. Alle Beteiligten profitieren von diesen Angeboten, wie ein Vorgesetzter berichtet: »Vier Monate lang musste man (dem Mitarbeiter) beinahe täglich neu erklären, wie die Waschmaschine funktioniert (…). Man braucht Geduld. Dafür habe ich jetzt einen Mitarbeiter, dem seine Arbeit wichtig ist und der Verantwortung übernimmt. Er macht sie besser als andere, weil er sie genau macht« (Sywottek 2010). In diesen Firmen herrscht ein Betriebsklima, das auch autistischen Menschen entgegen käme: »Hier muss ich mich nicht verstellen, und jeder springt für den anderen ein, wenn es ihm schlecht geht. Das nimmt den Druck, und mit der Zeit gewinnt man Sicherheit (…). Was heißt schon behindert? Die einen haben Kreuzschmerzen, die anderen eine Depression (…). Beide sind zeitweilig in ihrer Leistung eingeschränkt. Die Übergänge sind doch fließend« (ebd.). Vielleicht wird es künftig möglich sein, solche Angebote auszubauen und sie in größerem Ausmaß auch für autistische Menschen nutzbar zu machen.