Viele Betroffene sehnen sich wie jeder andere Mensch auch nach Freundschaften, einer Partnerschaft oder auch einer Familie mit eigenen Kindern. Für diese Menschen ist es nur ungleich schwerer, solche Wünsche wahr werden zu lassen. Zwei Frauen mit dem Asperger-Syndrom erzählen von ihren Beziehungserfahrungen und wie ihre heutigen Freundschaften und ihre Partnerschaft aussehen.
Bislang existieren nur vereinzelte Erfahrungsberichte von Partnerschaften zwischen autistischen und nicht autistischen Menschen (Carstensen 2009, Schmidt 2009, Newport u. Newport 2005, Slater-Walker u. Slater-Walker 2002), sodass ermutigende Darstellungen der Betroffenen wichtig sind. Nicole Höhlriegel und Simone Pinke schildern ihre Erfahrungen mit jeweils langjähriger Partnerschaft, in der sie immer wieder mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, dabei aber durch zahlreiche klärende Gespräche sowie Wohlwollen und Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten Lösungen finden konnten, die die Beziehungen für sie und ihre Partner zu schönen und bereichernden Erfahrungen werden ließen.
Viele Menschen mit Autismus wünschen sich eine Beziehung, sie benötigen dabei jedoch häufig Unterstützung. Auffällig ist die doch erhebliche Ambivalenz – einerseits besteht der große Wunsch nach Freundschaft und Partnerschaft, die Suche nach Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen und Humor, andererseits aber auch die starke Angst davor, mit einem zunächst fremden Menschen in Kontakt zu treten. Auch Simone Pinke beschreibt dieses Dilemma in ihrem Bericht. Bereits der Gedanke an den Kontakt kann zur verstärkten Flucht in die sichere autistische Welt, zum zunehmenden Rückzug führen.
Im Bericht von Simone Pinke werden weitere Schwierigkeiten beschrieben, die sich für beide Partner ergeben können:
Autistische Menschen sagen die Dinge so, wie sie sie meinen. Sie sind oft nicht in der Lage, nur angedeutete oder indirekte Bemerkungen ihres Gegenübers zu verstehen, auf der anderen Seite aber muss man auch nicht mühsam analysieren, was sie gesagt und wie sie es gemeint haben könnten – man darf es einfach wörtlich nehmen. Daraus ergibt sich aber auch die Bitte, Aufforderungen oder Erklärungen so klar und präzise wie möglich mitzuteilen, um ein Verständnis zu ermöglichen. Andernfalls wird es dem autistischen Menschen oft nicht möglich sein, adäquat zu reagieren. Das macht den Kontakt anfangs vielleicht ungewohnt und anstrengend, längerfristig aber auch erfrischend offen und einfach: »Wenn ich einen Wunsch hatte, dann artikulierte ich ihn deutlich, denn er war keiner der Männer, die Wünsche von den Augen ablasen. Auch merkte ich, dass es absolut sinnlos war, irgendetwas durch die Blume anzudeuten. Klare Botschaften waren nötig, um seine Ziele mit meinen in Einklang zu bringen« (Schmidt 2009, 569).
In vielen Berichten wird aber auch nach oft problematischer Anfangszeit eine erstaunlich tragfähige Beziehung beschrieben, die doch einigen Belastungen standhält (Schmidt 2009, Slater-Walker u. Slater-Walker 2002). Der autistische Mensch profitiert von dem nicht autistischen Partner und kann von ihm viel lernen, ohne dass sich hierdurch jedoch eine Abhängigkeitsbeziehung oder ein Betreuungsverhältnis entwickeln darf. Die Partnerschaften von Nicole Höhlriegel und Simone Pinke sind vielmehr geprägt durch gegenseitige Rücksichtnahme und Unterstützung, teilweise auch aufgrund von unterschiedlichen Beeinträchtigungen auf beiden Seiten.
Bei allem Chaos gab es doch immer wieder Menschen, die für mich da waren
Nicole Höhlriegel
Ich habe noch keine endgültige Meinung zur Bedeutung meiner Eltern und meiner drei Jahre jüngeren Schwester für den Verlauf meines Lebens. Erst seit wenigen Monaten (seit meiner offiziellen Autismusdiagnose) habe ich ernsthaft die Chance, Verhaltensweisen innerhalb meiner Familie zu überdenken. Jetzt erst begreife ich, wie ungewöhnlich mein Leben und Verhalten gewesen sein müssen, besonders als Kind, aber auch noch heute.
Ich bin in einer »Kuddelmuddelfamilie« aufgewachsen
Mein Vater und seine Mutter (meine Lieblingsoma) sind aus heutiger Sicht vermutlich Autisten. Deshalb denke ich, dass unsere Familie nie wirklich »normal« war, was allen Beteiligten erst durch die Diagnose bei mir allmählich klar wurde. Es gab immer Probleme, die irgendwie anders erschienen als die Schwierigkeiten in den Familien um uns herum.
Wo sich andere über den Bau des Hauses unterhielten, war bei uns das Renovieren der abgebrannten Küche jahrelanges Thema. Die einen wollten die alten, gewohnten Sachen trotz der Beschädigung durch das Feuer behalten (mein Vater und ich als Autisten). Die anderen konnten nicht verstehen, warum nicht schon längst eine neue Küche angeschafft worden war (meine Mutter und meine Schwester als Nichtautisten). Wenn andere Leute die nächste Urlaubsreise planten, gab es bei uns eine Familienkrise. Für meinen Vater war diese Urlaubsplanung mit Auslandsaufenthalt und Fremdsprache ein unüberwindbares Hindernis. Für meine Mutter dagegen war ein Fernurlaub ein sehnsüchtiger Traum, der sich innerhalb dieser Familie jedoch nie erfüllen ließ.
Auch der Rest der Familie fand keine Erklärung für die seltsamen Ereignisse bei uns, und es gab immer das Gefühl, nicht wirklich zusammenzupassen. Familienfeiern endeten nicht selten mit stundenlangen Karteikasten-Vorführungen meines Vaters, denn er sammelt Daten zu Malern und anderen Künstlern. Ein Teil der Familie hatte wirklich Interesse daran, für andere war es einfach nur gähnende Langeweile und nicht zu verstehen. Bis heute durchschaut der Großteil meiner Familie diese unterschiedlichen Vorstellungen der Welt nicht. Letztendlich führten diese ungeklärten Unterschiede zur Scheidung meiner Eltern. Inzwischen haben beide jeweils neue Partner auf ihrer Wellenlänge gefunden. Für mich als nicht erkanntes autistisches Kind in dieser »Kuddelmuddelfamilie« gab es häufig nur die Flucht, denn ich konnte dieses Durcheinander von Gefühlen und Anforderungen nicht einordnen. Ich spürte, dass irgendetwas gar nicht passte und dass ich oft der Auslöser für die Eskalation der dauerhaft angespannten Situation war.
Ich spürte, dass irgendetwas gar nicht passte und dass ich oft der Auslöser für die Eskalation der dauerhaft angespannten Situation war.
Die Eltern sind auch für Autisten wichtige Bezugspersonen. Besonders für erwachsene, lange Jahre nicht erkannte Autisten kann es sein, dass die Beziehung zu den Eltern von zwei Dingen geprägt ist. Auf der einen Seite steht die biologische Bindung, die nicht zu verleugnen ist und die lebenslang ein Zusammengehörigkeitsgefühl bewirkt. Auf der anderen Seite gibt es die vielen Missverständnisse durch das Nicht-Verstehen und Anders-Einordnen von Sprache und Handlung. Hierdurch entstehen auf beiden Seiten Verletzungen, die nicht einfach durch die Namensgebung einer Diagnose beseitigt werden können. Alle Beteiligten müssen einen Weg finden, damit umzugehen, und vielleicht wird es durch ein gegenseitiges Verständnis – dank des Wissens um die Existenz von Autismus – möglich sein, aufeinander zuzugehen. Auf der Wahrnehmungs- und Kommunikationsebene wird allerdings die Diskrepanz bestehen bleiben, sodass durch die Diagnose allein keine »Normalisierung der Beziehung« möglich werden kann.
Ich bin dankbar dafür, diese Eltern und damit die Möglichkeit bekommen zu haben, zwei unterschiedliche Wahrnehmungsformen kennen zu lernen. Besonders die autistischen Fähigkeiten in unserer Familie möchte ich nicht missen.
Die Beziehung zu meiner Schwester war früher sehr angespannt
Ich habe eine drei Jahre jüngere Schwester. Unsere Beziehung war während der Kindheit sehr angespannt. Aus Sicht meiner Schwester war ich vermutlich der unberechenbare, übersensible, oft auch aggressive und jähzornige Störfaktor in der häuslichen Umgebung. Sie war froh, als ich noch während der Schulzeit auszog und sie endlich ihre Ruhe und ein eigenes Zimmer hatte. Nach einer mehrjährigen Kontaktpause konnten wir im Verlauf unseres Studiums, das an unterschiedlichen Orten stattfand, eine neue Geschwisterbeziehung aufbauen. Unsere Kommunikation fand seither überwiegend am Telefon statt und wurde im Laufe der Zeit besser und weniger konfliktreich.
Mittlerweile möchte ich sagen, dass meine kleine Schwester eine Freundin geworden ist. Wir sind regelmäßig in Kontakt und haben Themen gefunden, über die wir uns gut austauschen können. Bei vielen Inhalten haben wir sehr unterschiedliche Ansichten und manche Themen vermeiden wir auch. Seit meiner Autismusdiagnose konnten wir einige der langjährigen Missverständnisse aufklären. Die vielen Verletzungen, die auf beiden Seiten, besonders während der gemeinsamen Phase in der Elternwohnung, entstanden, bedürfen aber vermutlich noch einiger Zeit der Aufarbeitung.
Es bleibt weiterhin eine Herausforderung, innerhalb einer Familie mit differenten Wahrnehmungen und Kommunikationsformen umzugehen, und ich bin neugierig, wie es weitergeht. Ich bin sehr dankbar dafür, diese Schwester zu haben, obwohl mir viele ihrer Verhaltensweisen immer ein Rätsel bleiben werden.
Freunde – ich hatte immer Menschen, die für mich da waren
Als Freunde würde ich Menschen bezeichnen, die mich so nehmen, wie ich bin. Ich hatte bisher das Glück, dass es immer Menschen gab, die für mich da waren, mich ernst nahmen und mir das Gefühl gaben, nicht ganz allein auf dieser fremden Welt zu sein. Somit möchte ich sagen, dass ich immer Freunde hatte.
Aus heutiger Sicht kann ich meine Freunde in zwei Gruppen einteilen. Es gibt die eine Gruppe, die, wenn man es streng nimmt, einen rein organisatorischen Zweck erfüllt. Das sind Menschen, die sich durch Fähigkeiten auszeichnen, die ich nicht besitze. Dadurch war es mir möglich, notwendige Kompetenzen zu erlernen, um selbst zu existieren. Am Ende konnte ich in diesen Bereichen dann selbstständig entscheiden und handeln. Nun stellt sich die Frage, ob ich diese Menschen vielleicht nur benutzt oder gar ausgenutzt habe? Oder war es vielmehr ein gegenseitiges Geben und Nehmen? Denn meine Freunde profitierten durchaus auch von manchen meiner Fähigkeiten. Ich hoffe, dass dies meist der Fall war, denn ich möchte nicht mit dem Vorwurf leben müssen, meine Freunde nur benutzt zu haben.
Eine Gruppe von Freunden erfüllte, streng genommen, rein organisatorische Zwecke. Sie ermöglichten mir ein Überleben in meinem Chaos.
Zu dieser Gruppe zähle ich auch diejenigen Menschen, die mir ein Überleben in meinem Chaos ermöglichten. Ob es die Familien meiner Volleyballkolleginnen waren, die mir Obdach gewährten, mich mit Essen und Transporten von einem Ort zum anderen unterstützten, oder die Deutschlehrerin, die mir anstelle meiner Eltern eine Befreiung vom Schulsport schrieb, als ich eine Beinverletzung hatte und nicht weiter wusste: Es waren all die inoffiziellen Lösungen, die gefunden wurden, denn eine offizielle und korrekte war mangels Kenntnis des Autismus und seiner Folgen nicht möglich. Ohne all diese Menschen und ihre kreativen Lösungen hätte ich keine Chance gehabt, dieses Leben in einer mir nicht verständlichen Welt mit meinen ungewöhnlichen Problemen zu meistern. Ich bin sehr dankbar für alles, was diese Menschen aus Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein oder einfach deswegen, weil sie mich mochten, für mich getan haben. Ohne sie wäre ich nie an der heutigen Stelle angekommen.
Dann gibt es noch eine zweite Gruppe von Freunden. Es sind die, die irgendwie mit mir auf einer emotionalen und kognitiven Wellenlänge liegen. Diejenigen Menschen, die es immer gab und mit denen ich stundenlange konstruktive und bereichernde Gespräche führen konnte. Über Themen, die vielleicht verrückt oder daneben waren. An Orten, die möglicherweise unpassend wirkten (zum Beispiel mit einem Kommilitonen sonntagelang in einem Fastfood-Restaurant). All dies in einer Form, in der ich ich selbst sein konnte, ohne Schauspielern, ohne Verkleiden, ohne Verstecken. Es tat mir gut, einfach nur meinen Gedanken freien Lauf lassen zu können und ein Gegenüber zu haben, das mich verstand und sogar mitredete und eigene Argumente fand. Am Ende stand das Gefühl, vorangekommen und ernst genommen worden zu sein. Das waren die Stunden, in denen die fremde Welt weniger fremd erschien und die unverständliche Sprache plötzlich verstehbar wurde. Das Chaos war geordnet – zumindest für eine gewisse Zeit. Insgesamt gesehen waren diese Momente sehr selten, aber es gab sie und sie führten dazu, dass ich meine oft bedenklich leeren Akkus wieder aufladen konnte. Manchmal durfte ich diese schönen Zeiten mit wirklichen Freunden erleben, meist aber waren es einfach zufällige Begegnungen, die oft so beeindruckend waren, dass sich daraus langjährige Kontakte entwickelten.
Es ist sehr schwierig, den Begriff Freund genau zu definieren. Ich würde sagen, dass sich aus beiden der genannten Gruppen ein paar Leute herauskristallisiert haben, mit denen ich echte Freundschaften pflege. Es gibt drei Mädels aus meiner ehemaligen Volleyballmannschaft, bei denen ich mir sicher bin, dass sie immer für mich da sein werden. Egal, wie lange wir uns nicht sehen, egal, wie unterschiedlich unsere Lebenswege sich entwickelt haben. Nach allen Erfahrungen, die wir bereits gemeinsam gemacht haben, kann ich mir nicht vorstellen, dass einer den anderen fallen ließe, wenn es ein ernsthaftes Problem gäbe. Auch ich selbst würde jederzeit mein Möglichstes versuchen, würde mich eine dieser Freundinnen um Rat oder Hilfe bitten.
Auch meine Freundin aus Studienzeiten, bei der ich Trauzeugin sein durfte und die mittlerweile zwei süße Kinder hat, möchte ich aus meinem Leben nicht mehr wegdenken. Wir sehen uns nicht mehr allzu oft, denn unsere Wege sind nach Beendigung des Studiums sehr unterschiedlich verlaufen. Durch meinen unerfüllten Kinderwunsch fällt es mir manchmal schwer, die Familienidylle bei ihr auszuhalten. Aber wir haben eine langjährige gemeinsame Basis.
Dann gibt es noch eine zweite Gruppe von Freunden. Es sind die, die irgendwie mit mir auf einer emotionalen und kognitiven Wellenlänge liegen.
Dann gibt es noch eine mir sehr wichtige Familie am Wohnort meines Partners, die ich als langjährige Freunde bezeichne. Ursprünglich waren es die Bekannten meines Partners, aber nach zehn Jahren gemeinsamer Erlebnisse haben wir uns trotz zahlreicher Schwierigkeiten und Missverständnisse zusammengerauft. Wir haben sehr viel Zeit miteinander verbracht, und die Gewohnheit und Sicherheit im Umgang miteinander hat allmählich eine Freundschaft entstehen lassen. Die Tatsache, dass diese Freunde mit ihrer behinderten, aber von allen geliebten Tochter viele Grenzerfahrungen machen, ließ meine Bewunderung für ihr Verhalten und ihren Umgang mit dem Schicksal wachsen. Für viele Situationen sind sie mir Vorbilder geworden, und ich hoffe, noch viel von ihnen lernen zu dürfen. Neben diesen Freunden gibt es noch weitere Menschen, die für mich Bedeutung haben. Es ist eine andere Ebene als Freundschaft, allerdings denke ich, dass aus Bezugspersonen Freunde werden können, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind.
Die Sozialarbeiterin im Autismus-Kompetenzzentrum wurde zu meiner wichtigsten Bezugsperson
Zunächst gibt es da meine Ansprechpartnerin im Autismus-Kompetenzzentrum. Bei ihr landete ich zufällig vor etwa einem Jahr, nachdem mein Partner einen Fernsehbericht über eine Autistin gesehen hatte und mir in einer Konfliktsituation an den Kopf warf, Autistin zu sein. Über das Internet fand ich die Telefonnummer und führte am gleichen Tag das erste richtige Telefongespräch meines Lebens, von dem ich noch heute beeindruckt bin. Diese mir bis dahin fremde Frau sagte einfach, dass sie für Fragen rund um Autismus zuständig sei, und gab mir Datum, Uhrzeit und Ort für ein persönliches Gespräch. Sie machte diese Angaben ohne zu zögern und ohne unklare Formulierungen zu benutzen. Wir verabschiedeten uns ohne große Floskeln. Direkt nach diesem Telefonat sagte ich zu meinem Freund, dass es ein unnormales Gespräch war. Ich wusste konkret, was ich tun sollte, ohne das sonst übliche stundenlange Nachdenken und Zweifeln. Irgendwie ahnte ich, dass dies mein Leben verändern sollte. Diese Frau verhalf mir nicht nur zu einer offiziellen Diagnose, sondern sie wurde im vergangenen Jahr zu meiner wichtigsten Bezugsperson. Das funktionierte nur deshalb, weil sie unkonventionelle Wege und Methoden zuließ, wofür ich ihr unendlich dankbar bin. Mir war es nicht möglich, die vorgegebenen Termine ohne konkrete Themen in den mich verunsichernden dunklen Räumen des Zentrums mit der schrecklich knatternden Heizung und dem sich ständig einschaltenden Anrufbeantworter wahrzunehmen. Stattdessen durfte ich Fragestellungen in schriftlicher Form abgeben. Zusätzlich fanden wir einen Weg der verbalen Kommunikation. Wir trafen uns außerhalb des Zentrums zum Radfahren oder Spazierengehen, und dabei hatte ich die Möglichkeit, mir wichtige Themen anzusprechen. Mir wurde bald bewusst, dass dies nicht wirklich der Job dieser besonderen Sozialarbeiterin war, denn eigentlich waren eher Tätigkeiten wie das Ausfüllen von Formularen für Behörden oder die Organisation bestimmter Hilfsmaßnahmen vorgesehen.
Ich wusste, was ich tun sollte, ohne Nachdenken und Zweifeln.
Dies zeigt, dass angebotene offizielle Hilfen zwar gut gemeint, aber häufig nicht relevant für den Betroffenen sind. Vielmehr war es für mich nach der Autismusdiagnose wichtig, Antworten auf einen Teil meiner unendlich vielen nie gestellten Fragen zu bekommen. Entscheidend war für mich, einen Menschen gefunden zu haben, der mich ernst nahm und mir die geschilderten Probleme glaubte. Hätte die Mitarbeiterin des Kompetenzzentrums einfach nur ihren Job gemacht, dann wäre ich vermutlich nach dem ersten Termin und der für mich danach bestehenden Sicherheit, dass Autismus mein ganzes bisheriges Leben erklärt, nicht mehr dorthin gegangen. So aber bekam ich die Möglichkeit, einen Teil des Chaos’ in meinem Kopf zu beseitigen und bisherige Erlebnisse zu sortieren. Erst dadurch habe ich die Chance erhalten, einige meiner Probleme zu lösen und negative Erlebnisse zu verarbeiten.
Umso schwerer war es für mich, als ich vor einiger Zeit erfuhr, dass diese Frau ihre Stelle wechseln wird. Seither kann ich niemandem mehr meine Lebensgeschichten erzählen oder dumme Fragen stellen, und darüber bin ich sehr traurig. Ich verlor den Menschen, der mir im vergangenen Jahr am wichtigsten geworden war.
Weitere wichtig Bezugspersonen
Auch in der Abteilung, in der ich im Moment arbeite, gibt es einen mir sehr wichtigen Menschen. Er war während der schwierigen letzten Jahre vor der Autismusdiagnose für mich da. Er gab mir die Möglichkeit, meiner Einsamkeit und Verzweiflung aufgrund der mir nicht erklärbaren Welt um mich herum und des immer bedrohlicher werdenden Gefühls, dass irgendetwas gar nicht passt, Ausdruck zu verleihen. So habe ich die Zeit überstanden, bis sich das Geheimnis um mein Anderssein endlich – und fast zu spät – lüftete. Leider haben wir uns zuletzt etwas auseinandergelebt, aber ich hoffe, dass wir wieder einen Zugang zueinander finden können.
Als Bezugspersonen würde ich auch diejenigen Bekannten bezeichnen, die ich auf meinen Reisen durch Namibia und Sarawak (Malaysia) kennen gelernt habe. Dies waren die schönsten, weil ruhigsten Phasen meines Lebens. Die Menschen, mit denen ich unterwegs sein durfte, haben mich auf meine natürlichste Art kennen gelernt. Anscheinend war ich ihnen so sympathisch, dass sie sich noch heute regelmäßig bei mir melden. Leider finde ich nur selten eine Möglichkeit, diese Bekanntschaften am Leben zu erhalten.
All meinen Freunden und Bezugspersonen ist gemeinsam, dass sie die Fähigkeit besitzen, hinter meinen offensichtlichen Schwächen den Menschen zu erkennen, der mich ausmacht. Ihnen allen bin ich dankbar dafür, dass sie sich die Mühe machen, hinter Fassaden zu blicken.
Meine erste richtige Beziehung hatte ich mit einem anderen Medizinstudenten
In der Schule wunderte ich mich über die mit der Zeit häufiger werdenden Beziehungen zwischen den Mitschülern. Ich konnte nicht nachvollziehen, warum dies relevanter Inhalt von Gesprächen war. Hier wurde mir wieder einmal bewusst, dass ich die Welt um mich herum nicht verstand und dass ich wirklich anders war. Ich hatte keinerlei Vorstellung von Partnerschaft, Liebe und allem, was damit verbunden schien. Bis zum Ende der Schulzeit war für dieses Thema in meinem Leben kein Platz, und auch noch zu Beginn des Studiums fragte ich mich oft, wofür man einen Partner brauchte. Ich konnte nicht nachvollziehen, warum manche Leute für eine Beziehung ihre Ausbildung oder gar ihren Beruf vernachlässigten.
Als ich am Ende des Grundstudiums ins Studentenwohnheim zog, lernte ich kennen, was es heißt, einen Menschen zu haben, dem man vertraut und mit dem man über bis dahin gehütete Geheimnisse spricht. Nach und nach gewöhnte ich mich daran, auch körperlichen Kontakt zu einem anderen Menschen zu haben. Zum ersten Mal verstand ich, was andere meinten, wenn sie sagten, sie bräuchten einen Menschen. Ich glaube, seither ist mir bewusst, was Zuneigung und vielleicht sogar Liebe ist. Gleichzeitig spürte ich, dass ich damit auch abhängig von einem Menschen wurde, und dieses Gefühl war für mich bedrohlich. Es machte mich verwundbar. Bis heute weigert sich etwas in mir, diese Abhängigkeit zuzulassen. Mit dem bewussten, aber auch erzwungenen Auszug aus dem Elternhaus während der Schulzeit löste ich mich von der größten Abhängigkeit, die es für ein Kind geben kann, von der zu den eigenen Eltern. Es fällt mir seither sehr schwer, mich von einem anderen Menschen abhängig zu wissen.
Ich spürte, dass ich mit der Zuneigung auch abhängig von einem Menschen wurde, und dieses Gefühl war für mich bedrohlich. Es machte mich verwundbar.
Meine erste richtige Beziehung hatte ich mit einem anderen Medizinstudenten. Er war ein Mensch, der in vielen Bereichen mit mir auf einer Wellenlänge lag. Aus heutiger Sicht denke ich, dass auch er Autist ist. Leider gab es in dieser Beziehung jedoch viele Missverständnisse. Er hatte eine ganz andere Art, an die Medizin heranzugehen als ich. Es folgten häufige Auseinandersetzungen wegen der Prüfungsvorbereitungen, da ich große Probleme mit seiner Art des Lernens hatte. Gemeinsam aber war uns beiden das Bedürfnis nach einem Raum des Rückzugs und der Ruhe, wozu wir in zwei verschiedenen Wohnheimzimmern jederzeit die Möglichkeit hatten. Auch die Diskrepanz zwischen dem Bedürfnis nach körperlicher Zuneigung und der Unsicherheit im Körperkontakt einte uns und machte die Beziehung spannend. Ich hätte keinen Partner akzeptiert, der mit meinem Horror vor Berührung am Hals nicht hätte umgehen können. Er aber akzeptierte es, als wäre es normal. Es schien für ihn nicht ungewöhnlich zu sein, dass es Stellen am Körper gibt, die indiskutabel sind.
Bis zu meinem Auszug aus dem Studentenwohnheim wurde unsere Beziehung zunehmend problematisch. Es gab viele Verletzungen auf beiden Seiten, und bis heute weiß ich den eigentlichen Grund für unsere Trennung nicht. Vielleicht waren wir trotz unserer Gemeinsamkeiten zu verschieden? Vielleicht aber hatte auch jeder von uns schon zu dieser Zeit zu viele eigene Probleme und Fragen, in die er versunken war. Zumindest für mich dürfte dies der Hauptgrund für die Trennung gewesen sein. Ich war verunsichert und deprimiert und ohne Halt, denn ich suchte nach einem »Zuhause« und nach einer Erklärung für das Unverständnis für meine Umwelt.
Mit meinem jetzigen Partner bin ich schon seit zehn Jahren zusammen – wir nehmen uns so, wie wir sind
Schon immer fragte ich mich, was wohl mit »Liebe auf den ersten Blick« gemeint ist. Ich war überzeugt davon, dass es so etwas bei mir nicht gibt. Man muss doch einen Menschen zunächst kennen lernen und schauen, welche Wahrnehmung und Kommunikation er hat. Und nur wenn diese Ebenen passen, kann sich aus meiner Sicht eine Beziehung entwickeln.
So zumindest kam es mit meinem damaligen Nachbarn und mittlerweile zehnjährigen Partner. Zunächst hatten wir eine sehr schöne Zeit mit täglichem gemeinsamen Abendessen und guten Gesprächen. Wir sind komplett verschieden, was Hobbys und Interessengebiete angeht. Er beschäftigt sich gerne und auch beruflich mit Computern, entspannt bei lauter Musik, geht spät ins Bett und schläft lange, hasst Sport und Hitze. Ich dagegen benutze Computer nur für ihren Zweck, flippe aus bei lauter Musik, bin Frühaufsteher und liebe es, stundenlang und bis zur Erschöpfung Rad zu fahren oder zu joggen, und dies umso lieber, je wärmer es ist. Trotz dieser Unterschiede gab es schon immer eine gemeinsame Wellenlänge, die ich nicht gut beschreiben kann. Vielleicht ist dies der Autismus – obwohl ich mir noch immer nicht sicher bin, ob mein Freund auch Autist ist. Eine offizielle Diagnose hat er nicht, und für unsere Beziehung spielt das auch keine Rolle. Wir nehmen uns gegenseitig so, wie wir eben sind, was seit nunmehr zehn Jahren funktioniert. Jeder von uns hat Stärken und Schwächen. Mein Freund tut sich beispielsweise sehr schwer mit Papieren von Behörden und deren Konsequenzen. Ich dagegen kann dies ganz gut sortieren, habe dann aber Probleme, Kontakt zu den Behörden aufzunehmen und mich dort adäquat zu verhalten. Gemeinsam bekommen wir dies meist hin.
Wir haben vermutlich eine ungewöhnliche Art, unsere Zuneigung zu zeigen. Wo sich andere Paare küssen, räume ich seine meist sehr chaotische Wohnung auf.
Aus unserem zunächst nachbarschaftlichen Verhältnis entwickelte sich allmählich eine Partnerschaft. Wir bemerkten sehr früh, dass für uns ein gemeinsames Leben in einer Wohnung nicht dauerhaft möglich ist. Unter dem Vorwand meiner beruflichen Laufbahn zog ich in der Folge an Orte, die eine gewisse Distanz brachten. Somit hatten wir fast immer getrennte Wohnungen. Wir sehen uns an jedem freien Wochenende und zusätzlich, wenn einer von uns Urlaub hat, und wir telefonieren an jedem Tag, den wir uns nicht sehen.
Im Vergleich zu Beziehungen unter Nichtautisten haben wir vermutlich eine ungewöhnliche Art, unsere Zuneigung zu zeigen. Wo sich andere Paare küssen, ist es vielleicht eher so, dass ich in der Zeit, in der mein Freund auf der Arbeit ist, seine meist sehr chaotische Wohnung aufräume. Er wusste dies schon immer zu schätzen und wunderte sich nie über seine nach Farbe und Größe (statt nach Inhalt) sortierten Bücher. Dies ist meine Art, ihm zu zeigen, dass ich ihn liebe, die er schon immer verstand.
Wenn wir gemeinsam in der Wohnung sind, macht oft jeder seine eigenen Dinge. Wenn ich ein Bild male, bastelt er an seinem PC, wenn ich joggen gehe, hört mein Freund seine Musik. Aber wir machen auch vieles gemeinsam. So ist es für uns einfacher, zusammen einkaufen zu gehen, Behördengänge zu erledigen oder Familienbesuche zu absolvieren. Hierbei bringt jeder seine Fähigkeiten ein und kann somit die Schwächen des anderen ausgleichen.
Sexualität und Körperkontakt sind ein kompliziertes Thema
Mein Freund und ich haben seit mehreren Jahren und vielen Verunsicherungen einen Weg gefunden, der für den Moment passt. Obwohl Autisten den Ruf haben, Berührungen nicht zu mögen, trifft dies für mich und viele mir bekannte Autisten nicht zu. Ich werde gerne berührt, aber nur auf bestimmte Art. Zum Beispiel mag ich ein leichtes, zögerliches Berühren nur mit den Fingerspitzen gar nicht. Es löst bei mir Gänsehaut und ein sehr ungutes Gefühl aus. Im Gegensatz dazu gefällt es mir sehr, wenn ich mit festem Griff angefasst werde. Am liebsten mag ich einfach ein Festhalten ohne Bewegung. Ich habe kein Problem damit, jemandem die Hand zu geben, beispielsweise zur Begrüßung, allerdings finde ich es unangenehm, wenn mein Gegenüber dann nur leicht die Fingerspitzen statt die ganze Hand reicht.
Mit meinem Partner dauerte es einige Zeit, bis wir herausfanden, in welcher Form Körperkontakt angenehm ist und wann es zu Stress oder gar Abwehr kommt. Somit kann ich diesbezüglich keine allgemeinen Tipps geben. Es macht Sinn, einfach auszuprobieren, und ich denke, jeder findet seine Lösungen. Auch verändern sich diese Bedürfnisse mit der Zeit und ein Anpassen an die aktuellen Bedürfnisse kann eine Beziehung spannend halten.
Für mich ist es wichtig, meinen Freund zur Zuflucht zu haben in dieser Welt und einer Umgebung, in der ich mich die meiste Zeit unverstanden und minderwertig fühle.
Für mich ist es wichtig, meinen Freund zur Zuflucht zu haben in dieser Welt und einer Umgebung, in der ich mich die meiste Zeit unverstanden und minderwertig fühle. In unserer Beziehung spielt Sexualität im Vergleich zum Austausch von Meinungen und Erlebnissen nur eine untergeordnete Rolle. Gegen meine häufige Einsamkeit hilft es mir, zumindest bei meinem Freund für eine gewisse Zeit ich selbst sein zu dürfen und das Schauspielern zu reduzieren. Draußen in der »richtigen Welt« und der nicht autistischen Realität ist es für mich sehr anstrengend und mühsam, und mein Partner und unsere Beziehung geben mir ein Gefühl des »Zuhauseseins«. Leider schaffen wir es immer nur für eine begrenzte Zeit, gemeinsam an einem Ort zu sein. Meist fühle ich mich nach ein paar Tagen eingeengt und überfordert und fahre dann wieder in meine Wohnung, wo ich Zeit für mich alleine brauche. Dies finde ich komisch und auch sehr schade, denn ich weiß noch immer nicht, ob es uns je möglich sein wird, eine richtige gemeinsame Beziehung zu führen. Vielleicht ist aber diese Partnerschaft mit gewisser räumlicher Distanz zumindest eine Möglichkeit für Autisten, Gemeinsamkeit zu erleben. Ich selbst bin dafür sehr dankbar.
Ich wünsche mir sehr eigene Kinder, habe aber auch Angst davor
Seit ich mit meinem Partner zusammen bin, beschäftigt uns die Frage nach eigenen Kindern. Ich wünsche mir schon immer zwei oder drei Kinder. Sogar die möglichen Namen habe ich mir schon vor vielen Jahren notiert.
Für mein Kind wäre es ein unnormales Leben, denn eine schwerbehinderte autistische Mutter zu haben, ist vermutlich auch in der nächsten Generation noch eine komplexe Herausforderung.
Zunächst war ich sehr zögerlich, denn mir war immer klar, dass man Kindern eine gewisse Basis bieten muss. Unter anderem aus diesem Grund kämpfte ich sehr um einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Diese Basis war irgendwann geschaffen, dennoch blieben Zweifel, die aber eher von meinen Gefühlen als vom Verstand geprägt waren. Die äußeren Bedingungen schienen zu passen: solider Beruf, lange Partnerschaft, finanzielle Basis, Rückmeldung von Freunden, dass ich vermutlich eine gute Mutter wäre. Ich hatte das Gefühl, für die primäre Versorgung eines Babys alle Fähigkeiten zu besitzen, und genau dies war einer meiner sehnsüchtigsten Wünsche. Gleichzeitig kamen die Bedenken: Was ist, wenn das Kind älter wird? Dinge wie Kindergarten, Schule, Sportverein mit all dem zugehörigen organisatorischen und sozialen Drumherum. Ich hatte das Gefühl, hiermit überfordert zu sein. Dies war ein häufiges Thema bei Gesprächen und Diskussionen mit meinem Freund. Wir kamen nie zu einem Ergebnis, meine Zweifel blieben und wuchsen sogar mit den zunehmenden eigenen Problemen, die vor allem in meiner beruflichen Umgebung entstanden. Ich hatte immer mehr das Gefühl, dass es nicht gut ist, Kinder zu haben, wenn man selbst die Welt nicht versteht und sich ständig infrage stellt.
Bis heute habe ich keine Antwort auf die Frage nach eigenen Kindern. Auf der einen Seite wünsche ich es mir sehr, Verantwortung für einen Menschen zu haben, der mir viel bedeutet, und meine Vorstellungen von Moral und Miteinander weitergeben zu können. Andererseits weiß ich, wie mühsam das Leben am Rande der Gesellschaft ist. Für mein Kind wäre es ein unnormales Leben, denn eine schwerbehinderte autistische Mutter zu haben, ist vermutlich auch in der nächsten Generation noch eine komplexe Herausforderung.
Zusätzlich kommen seit der Autismusdiagnose bei mir und dem Verdacht auf einen dominanten Erbgang in unserer Familie weitere Bedenken hinzu. Jeder wünscht sich ein gesundes Kind. Ich auch. Aber käme ich mit einem nicht-autistischen Kind klar? Was wäre – auf der anderen Seite – wenn mein Kind auch Autist wäre? Vielleicht in schwererer Ausprägung als es bei mir der Fall ist (denn in unserer Familie scheint jede Generation etwas mehr autistische Eigenschaften zu haben). Es wäre vermutlich ein Vorteil für das Kind, dass ich seine Wahrnehmungs- und Kommunikationsebene besser nachvollziehen könnte. Wahrscheinlich wäre ich aber komplett überfordert. Auch musste ich mir bereits sagen lassen, dass ich »als Behinderte keine Kinder zu bekommen habe«, was in dieser Gesellschaft eine weit verbreitete Meinung zu sein scheint.
Somit sind meine Gedanken zu diesem Thema hin und her gerissen. Ich weiß keine Antwort und die biologische Uhr tickt. Mein Freund ist zwölf Jahre älter als ich, sodass die Vernunft eigentlich die Familienplanung für erledigt ansehen sollte. Das Gefühl sagt mir oft etwas anderes. Wie das Ergebnis sein wird, wird die Zukunft zeigen.
Viele Autisten sind einsam und allein
Aus meiner Sicht ist es nicht wirklich der Wunsch der meisten Autisten, allein zu sein und nur wenig Kontakt zu anderen Menschen zu haben. Vielmehr scheint es das Resultat vieler negativer Erlebnisse, Frustrationen und Missverständnisse zu sein. Vermutlich würde jeder Mensch, der in der Kommunikation mit anderen ständig auf negatives Feedback stößt und bei jeder Handlung kritisiert wird, irgendwann das Alleinsein bevorzugen. Nicht, weil er wirklich allein sein möchte, sondern weil der Energieaufwand für das Schauspielern, um in einer Gruppe anerkannt zu werden, immens hoch ist. Die meisten Autisten unternehmen unendlich viele Anläufe, um dazuzugehören. Fast alle enden früher oder später in Missverständnissen, die durch die unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Kommunikationsebenen bedingt sind.
Hinzu kommt, dass in vielen Umgebungen eine hohe Intensität zusätzlicher Reize besteht und hierdurch ein Miteinander für viele Autisten erschwert wird. Beispielsweise kann es sehr mühsam sein, einem Gespräch zu folgen, wenn nebenbei das Radio spielt. Somit sind auch die Rahmenbedingungen entscheidend, ob es zu einer Interaktion mit anderen kommen kann. Ich habe eine Freundin, die, wenn ich zu ihr komme oder mit ihr im Auto fahre, das Radio ausschaltet. Allerdings gehört dazu sehr viel Verständnis und Rücksichtnahme und ich bin ihr sehr dankbar für dieses Verhalten. Ich würde mich nur selten trauen, jemanden darum zu bitten, das Radio abzustellen, damit wir uns besser unterhalten können. Am interessantesten finde ich bei dieser Freundin, dass ich sie nie darum bitten muss. Sie tut es einfach – solche Freunde gibt es sehr selten.
Vermutlich würde jeder Mensch, der in der Kommunikation mit anderen ständig auf negatives Feedback stößt und bei jeder Handlung kritisiert wird, irgendwann das Alleinsein bevorzugen.
Nach vielen Frustrationen und Enttäuschungen bevorzugen viele Autisten irgendwann die Einsamkeit. Die Energiereserven für das »gegen Wände anlaufen« sind aufgebraucht. Dennoch sind Alleinsein und Einsamkeit auch für autistische Menschen, ebenso wie für vermutlich jeden anderen Menschen, schrecklich und deprimierend.
Dass Autisten anders mit Gefühlen umgehen, bedeutet nicht, dass sie keine haben!
Mir tut es weh, wenn ich in Fachartikeln über Autismus lesen muss, dass Autisten »sowieso keine Gefühle haben«, »nicht in der Lage sind, Stimmungen wahrzunehmen«, »nicht trauern oder lieben können«. Jeder, der mich kennt, kann Beispiele dafür nennen, warum dies nicht der Fall ist. Oft ist sogar das Gegenteil richtig, denn viele Autisten nehmen besonders gut Stimmungen in Gruppen auf und spüren, wenn beispielsweise schlechte Laune in der Luft liegt. Nur weil autistische Menschen mit der Wahrnehmung dieser Gefühle anders umgehen als Nichtautisten, heißt das nicht, dass es diese Wahrnehmung nicht gibt. Nur weil Autisten in angespannten Gefühlssituationen anders agieren und reagieren, heißt dies nicht, dass sie unsensibel sein wollen, obwohl es beim Gegenüber eventuell so ankommt.
Obwohl ich als Autistin nicht über das intuitive Handwerkszeug der verbalen und nonverbalen Kommunikation verfüge, das in dieser Gesellschaft als normal gilt, wünsche ich mir in vielen Situationen nichts sehnlicher, als zu ahnen, wie man auf einen Nicht-Autisten reagieren soll, damit er sich getröstet fühlt. Leider kann ich dies nur auf meiner Kommunikationsebene intuitiv, und das hat nicht viel mit dem gesellschaftlich Erwünschten gemeinsam. Ich musste bitter lernen, dass mein Weggehen, wenn es meinem Gegenüber wahrnehmbar schlecht ging, nicht passend war. Da ich, wenn es mir nicht gut geht, meist meine Ruhe möchte, nahm ich fälschlicherweise an, dass auch andere dann allein gelassen werden wollen. Im Laufe vieler Jahre und vieler negativer Erlebnisse musste ich erkennen, dass in solchen Situationen oft eher ein mitfühlendes Gespräch oder aber ein gemeinsames Essen und Ähnliches für mein Gegenüber entlastend wirkten. Es fällt mir noch immer sehr schwer, dies zu erkennen und dann auch helfend zu handeln. Umgekehrt kann ich mittlerweile verstehen, dass es für viele schwierig ist, mich in offensichtlich belastenden Situationen alleine zu lassen.
Nach dem Tod meiner Oma trauerte ich auf meine Art
Da ich, wenn es mir nicht gut geht, meist meine Ruhe möchte, nahm ich fälschlicherweise an, dass auch andere dann allein gelassen werden wollen.
Am Beispiel des Todes meiner Oma möchte ich beschreiben, wie sehr mich das Vorurteil der mangelnden Gefühle bei Autisten kränkt. Als ich erfuhr, dass meine Großmutter gestorben ist, wollte ich einfach alleine sein. Ich wollte kein Reden, keinen Körperkontakt, sondern meine Ruhe. Danach wollte ich normalen Alltag, ohne meine Oma und ihren Tod zum Thema zu machen. Mein Kopf dachte in der Zeit sehr viel nach, aber ich war nicht in der Lage, darüber zu sprechen. An der Beerdigung nahm ich sehr unbeteiligt teil, und danach ging mein Alltag äußerlich unverändert weiter. Ohne Besuche auf dem Friedhof, ohne Teilnahme an Gottesdiensten und ohne Gespräche mit meiner Familie über das, was passiert war. Nach außen hin sah es so aus, als ließe mich die Situation komplett kalt. Dies war für alle, die mich kannten, unerklärlich, denn ich war meiner Oma sehr nah, hatte viel mit ihr gemeinsam und habe sehr viel Zeit mit ihr verbracht. Umso unverständlicher war es für alle, dass ihr Tod mir scheinbar gleichgültig war.
Ich weinte nicht, ich sprach nicht über die Vergangenheit, ich sprach nicht über die schrecklichen Umstände ihres Todes.
Heute ist mir klar, warum dies für mein Umfeld so wirken musste, denn auf üblicher Wahrnehmungsebene zeigte ich nichts, was auf ein Mitfühlen hätte hinweisen können. Ich weinte nicht, ich sprach nicht über die Vergangenheit, ich sprach nicht über die schrecklichen Umstände ihres Todes. Ich war nicht wütend, klagte niemanden an, suchte bei niemandem Trost. Die offiziellen Trauerrituale umging ich. Das alles war für mein Umfeld nicht zu verstehen und sorgte für Enttäuschung und Unverständnis. Nach außen wirkte ich einfach nur egoistisch und selbstbezogen (erfüllte also das, was das Wort autistisch eigentlich sagen will). Leider ließ ich mir von diesen ausgesprochenen und auch unausgesprochenen Vorwürfen mal wieder ein schlechtes Gewissen machen. Dieses schlechte Gewissen trieb mich sogar dazu, den Steinkasten auf dem Friedhof zu besuchen, auf dem der Name meiner Oma steht. Ich tat dies heimlich und war frustriert über den aus meiner Sicht lieblosen Anblick, der nichts mit meiner Oma zu tun hatte. Noch weniger konnte ich auf diese Art Trost finden – es war mal wieder eine Handlung, die ich tat, weil es sich so gehörte.
Mein Alleinsein war meine Art der Bewältigung dieses für mich sehr großen Verlustes.
Wie ich seit meiner Autismusdiagnose weiß, trauerte ich auf meine andere Art. Mein Alleinsein war meine Art der Bewältigung dieses für mich sehr großen Verlustes. Der weiterlaufende Alltag war vermutlich meine einzige Chance, mit den nächtlichen Gedanken an meine Großmutter und dem Unverständnis ihres Todes umzugehen. Das Weiterschreiben meiner Klinikskripte verschaffte mir die Ruhe und Energie, zu begreifen, dass dieser für mich sehr wichtige Mensch nicht mehr da war. Ich trauerte einfach anders. Es war und ist bis heute für mein Umfeld nicht zu verstehen. Aber ich kann versichern, dass ich noch immer sehr traurig darüber bin, dass meine Oma so früh und auf diese Weise gestorben ist.
Dies ist nur eines von vielen Beispielen, das näher bringen soll, was hinter unterschiedlichen Verhaltensweisen stecken kann. Natürlich trauert und fühlt jeder Mensch anders und verhält sich unterschiedlich. Autisten verhalten sich oft außerhalb der normalen Bandbreite an Gefühlsäußerungen, und dies führt, wenn man nicht hinter die Fassade blickt, sehr schnell zu der Meinung, dass ein Autist unsensibel sei. Es kostet viel Aufmerksamkeit und vermutlich auch ein längerfristiges Erleben eines autistischen Menschen, um zu erkennen, dass hinter dem zunächst seltsam erscheinenden Verhalten echte Gefühle, wirkliche Zuneigung und Liebe oder aber Verzweiflung und Trauer stecken. All diese Zustände kennen Autisten sehr wohl, obwohl dies oft erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist. Mein Wunsch an mein Umfeld wäre, dass meine Art der Gefühlsäußerung akzeptiert würde. Es tut mir weh, verurteilt zu werden, weil ich meine Gefühle nicht auf die gewünschte Art und Weise zeige.
Ich lebe bereits seit 16 Jahren mit einem Nichtautisten zusammen
Simone Pinke
Mit meinem Bericht möchte ich belegen, dass eine Partnerschaft zwischen Autisten und Nichtautisten durchaus gelingen kann, sofern beide Seiten dazu bereit sind, aufeinander Rücksicht zu nehmen, sich auf den jeweiligen Partner einzustellen und auf ihn einzugehen. Ich selbst bin knapp über 40 Jahre alt, lebe bereits seit 16 Jahren mit einem Nichtautisten zusammen und bin sehr froh darüber, mich damals dauerhaft auf diese Beziehung eingelassen zu haben, obwohl es in den Anfängen zunächst galt, für einige Situationen, von denen ich jetzt hier unter anderem berichten möchte, die richtigen Wege zu finden.
Obwohl ich damals noch lange nichts von meinem Asperger-Syndrom wusste, waren Männer für mich von Anfang an irgendwie suspekte Wesen, auf die man sich im Rahmen einer Beziehung besser nicht einlassen sollte. Der Versuch einer Freundschaft im jungen Erwachsenenalter erwies sich nämlich als eine sehr große Enttäuschung, die ich nicht noch einmal ertragen wollte. Schwierig war für mich vor allem das ständige Bedürfnis meines damaligen Partners nach Nähe, die ich ihm nicht entgegenbringen konnte. Diese Erkenntnis und sein Unverständnis für mein sonstiges nicht ganz der Norm entsprechendes Verhalten bedeuteten schließlich das Ende unserer Beziehung in beiderseitigem Einvernehmen. So kam es, dass für mich das Thema Partnerschaft im jungen Alter von 25 Jahren zunächst erst einmal abgeschlossen schien.
Bekannte brachten Martin und mich zusammen
Zu jener Zeit lebte ich in einer kleinen Stadt und hatte keine Ahnung davon, dass am Stadtrand desselben Ortes ein Mann wohnte, mit dem eine Beziehung tatsächlich realisierbar gewesen wäre. Doch gemeinsame Bekannte ahnten bereits im Vorfeld, dass wir möglicherweise zusammenpassen könnten, und planten daher mit reiflicher Überlegung unsere partnerschaftliche Verbindung. Sie fingen an, uns einmal wöchentlich unter dem Vorwand eines Kartenabends zu sich nach Hause einzuladen. Karten gespielt haben wir an diesen Abenden tatsächlich, obwohl sich anfangs meine Begeisterung dafür doch recht in Grenzen hielt. Spielkarten mit roten und schwarzen Symbolen waren für mich schlichtweg uninteressant, man hätte sie meiner Meinung nach genauso gut auch zwischen die Briketts stapeln können (die Bekannten hatten eine Ofenheizung).
Sie fingen an, uns einmal wöchentlich unter dem Vorwand eines Kartenabends zu sich nach Hause einzuladen.
Doch dass andere Menschen Interesse an mir zeigten und mich sogar zu sich nach Hause baten, kam in meinem damaligen Leben nicht oft vor, und so war das in jedem Fall ein lukratives Angebot, das ich nicht so einfach ausschlagen wollte. Also stand ich am vereinbarten Tag pünktlich vor der Haustür, nahm kommentarlos die Karten zur Hand und damit gleichzeitig die Chance wahr, mit anderen Menschen in engeren Kontakt zu kommen.
Diese Kartenrunde erwies sich dann aber doch als recht amüsant, und so kam ich den weiteren Einladungen mit Vergnügen nach. Das Ganze lief über einen Zeitraum von etlichen Wochen, und außer ein paar verstohlenen Blicken über die Kartenränder geschah zunächst nichts, abgesehen von ein paar geköpften Schokoladen-Nikoläusen. Denn was ich nicht zu Wort bringen konnte, zeigte sich nach einiger Zeit recht deutlich durch ziemlich ausgelassenes Verhalten, vor allem, nachdem ich mir sicher sein konnte, dass ich mir das in diesem Kreise erlauben konnte. Jeder Schokoladenweihnachtsmann, den ich an jenen Abenden zu essen gedachte, wurde zuvor über Martins Glatze aufgeschlagen, als wäre er ein rohes Ei, was für erhebliche Stimmung und reichlich Gelächter sorgte und in Wirklichkeit nichts anderes war als der Versuch einer Äußerung meiner Verliebtheit.
Martin gab mir Fahrunterricht. Doch so ganz bei der Sache war ich dabei natürlich nicht, denn ich hatte plötzlich ganz andere Gedanken im Kopf.
Ich hatte damals gerade erst meinen Führerschein erworben und erzählte an einem der darauffolgenden Kartenabenden von dem plötzlichen und auch recht kostspieligen Beweisfoto eines »Starenkastens«, und die Panik um meinen recht mühsam erstandenen Führerschein, dessen Probezeit noch lief, machte sich deutlich bemerkbar. Das war das Stichwort für Martin, der erklärte, ich bräuchte als Anfängerin doch einen erfahrenen Fahrer an meiner Seite, und so saßen wir zwei Tage später im Auto, um gründlich die Fahrpraxis zu trainieren. Doch so ganz bei der Sache war ich dabei natürlich nicht, denn ich hatte plötzlich ganz andere Gedanken im Kopf. Martin ging es wohl ähnlich, er dirigierte mich nämlich recht bald zu einem Café mit der Begründung, meine Aufmerksamkeit hätte nachgelassen und dann müsste man doch schließlich eine Pause einlegen. Das war vor über 16 Jahren der Beginn unserer bis heute bestehenden Beziehung.
Damals lebte ich vorübergehend allein und kam damit nicht wirklich zurecht. Auf der einen Seite bestand der Wunsch, andere Menschen kennen zu lernen, aber auf der anderen Seite hatte ich Angst, Kontakte zu knüpfen. Daher war mein Radius auf die wenigen Menschen beschränkt, die ich zuvor schon kannte und auch ziemlich oft getroffen hatte. Es entstand der allgemeine Eindruck, ich hätte einen großen Bekanntenkreis. In Wirklichkeit aber flüchtete ich vor dem Alleinsein und war daher sehr dankbar, als ich plötzlich von den erwähnten Bekannten regelmäßig eingeladen wurde. Diese wurden für mich so innerhalb weniger Wochen zu guten Freunden, die Martin und mich mit gut überlegtem Geschick zu einer Partnerschaft führten.
Martins Eltern fanden mich zwar nett, aber auch recht nervös und unbeholfen
Doch nicht mit allen Menschen gestaltete sich der Umgang so problemlos wie mit diesen neu gewonnen Freunden. Denn wenn man eine Beziehung eingeht, hat man ja folglich auch Berührungspunkte mit der Familie des Partners. Der erste Eindruck, den diese von mir hatten, war jedoch, dass ich zwar sehr nett, aber doch auch recht nervös sei. Das tatsächliche Ausmaß zeigte sich erst ein halbes Jahr später, als wir gemeinsam mit Martins Eltern und Geschwistern in den Urlaub fuhren.
Martins Familie stellte mit Enttäuschung fest, dass ich nicht gerade dem üblichen Bild einer jungen Frau Mitte Zwanzig entsprach.
Es stellte sich nach kurzer Zeit heraus, dass mir das selbstständige und vorausschauende Denken in der Haushaltsführung vollständig fehlte. Dass ich keinen Überblick hatte, was an Lebensmitteln eingekauft werden musste, dass ich mich nicht ohne genaue Anweisung bei der Essenszubereitung einbringen konnte und nur die Aufgaben im Einzelnen ausführte, um die ich auf meine Frage, wie ich mich denn an der Arbeit beteiligen könnte, direkt gebeten wurde. Hinzu kamen mein unzureichendes erwachsenes Verhalten mit oft nicht ganz situationsangemessenen Bemerkungen und Reaktionen sowie mein eher jungenhaftes äußeres Erscheinungsbild.
Martins Familie stellte mit Enttäuschung fest, dass ich nicht gerade dem üblichen Bild einer jungen Frau Mitte Zwanzig entsprach. Und ich selbst war enttäuscht darüber, dass Martins Familie mit mir in diesem Bereich offensichtlich unzufrieden war und mich mit ihrem eigenen Verhalten und ihren eigenen Fähigkeiten verglich. Auch Martin hatte diese und ähnliche Verhaltensweisen bereits längst an mir bemerkt, aber er wusste eigentlich von Anfang an damit umzugehen. Doch wenn mein Umzug in seine Wohnung nicht schon zum großen Teil über die Bühne gegangen wäre, hätte ich unsere Beziehung möglicherweise noch einmal gründlich überdacht, denn mir kamen die ersten ernsthaften Zweifel, ob meine Entscheidung für eine Partnerschaft wohl richtig war. Ich merkte nämlich nach und nach immer mehr, dass mich irgendetwas von anderen Menschen unterschied. Zu einem Partner gehört schließlich auch dessen Familie, und es ist mir ein wichtiges Anliegen, mit meinem nächsten Umfeld in gutem Einvernehmen zu leben.
Meine Angehörigen waren höchst erfreut darüber, dass ich einen netten jungen Mann kennen gelernt hatte und mein Lebensweg doch noch einer üblichen Normalität entgegenzugehen schien.
Zu jener Zeit ahnte noch niemand in meiner Umgebung etwas vom Asperger-Syndrom. Auch für meine eigene Familie war meine damals nur unzureichende Selbstständigkeit eine nicht unwesentliche Belastung, ganz abgesehen von all den anderen Auffälligkeiten, die ein vom Autismus betroffener Mensch im Alltag zeigt. Dass meine mangelnde Fähigkeit zum vorausschauenden Denken bis weit ins Erwachsenenalter hinein auf das Behinderungsbild des autistischen Spektrums zurückzuführen war, das bei mir erst vor wenigen Jahren diagnostiziert wurde, konnte niemand wissen. Dies aber hat absolut nichts mit einem Mangel an Intelligenz zu tun. Jedenfalls waren auch meine Angehörigen seinerzeit höchst erfreut darüber, dass ich einen netten jungen Mann kennen gelernt hatte und mein Lebensweg wohl offensichtlich doch noch einer üblichen Normalität entgegenzugehen schien.
Ich lebte nun mit Martin in der inzwischen gemeinsamen Wohnung
Seine Familie hatte ihre Meinung über mich im Laufe der Zeit dahingehend korrigiert, dass ich zwar weiterhin als ein wenig unbeholfen und übermäßig nervös galt, aber bei all dem doch ein sehr gutmütiges Wesen hatte und hilfsbereit war. Sie glaubten, ich bräuchte einfach noch ein wenig Zeit, um mich zu einer Frau zu entwickeln, die sich altersgemäß verhielt. Auch Martin und ich hatten anfangs gedacht, dass sich mit der Zeit so manches bessern würde, nachdem ich erhebliche Probleme mit der räumlichen Nähe im gemeinsamen Schlafzimmer bekam. So trennten wir bis auf Weiteres erst einmal die Nachtquartiere.
Auch in vielen weiteren Situationen unterschied ich mich von anderen Frauen deutlich. So konnte ich zum Beispiel nicht nachvollziehen, warum man nicht überall in Jeans und Sweatshirt erscheinen sollte, oder weshalb man nicht bei allen Menschen ungehemmt äußern kann, was man denkt und gerne mitteilen möchte. Ich fühlte mich oft unwohl, wenn ich über einen längeren Zeitraum mit unterschiedlichen Menschen zusammentraf, die nicht zu meinem eng ausgewählten Personenkreis zählten, und konnte mit vielen ihrer Gesprächsthemen oder auch sonstigen Interessen nichts anfangen. Die Folge war, dass irgendwann unwillkürlich meine Konzentration abschweifte und die Leute an meinen Augen oder meinem Gesichtsausdruck registrierten, dass ich nicht mehr ganz bei der Sache war.
Martin und ich merkten permanent, dass ich immer wieder völlig anders reagierte, als man es von mir, der Norm entsprechend, erwartete.
Martin und ich merkten überhaupt permanent, dass ich immer wieder völlig anders reagierte, als man es von mir, der Norm entsprechend, erwartete. Zum Beispiel verstand ich oft nicht den Sinn einer witzigen oder ironischen Bemerkung, nahm das Gesagte ganz genau wörtlich, konnte einem häufigen Wechsel des Gesprächsthemas nicht recht folgen, brachte unbedachte Bemerkungen in eine Unterhaltung ein, weil ich die Zusammenhänge nur unzureichend erkannte, oder fiel durch Fragestellungen auf, die nicht direkt zum Thema passten beziehungsweise einer völlig anderen Denkweise entsprachen. Oder aber ich vertiefte mich in irgendwelche Monologe, ohne zu bemerken, dass das Interesse der Gesprächsteilnehmer zurückging beziehungsweise ihre Aufnahmefähigkeit nachließ. Denn ich war nicht in der Lage, gleichzeitig zu sprechen und auf die Blicke, die Mimik und die Gestik der beteiligten Personen zu achten.
Wir wählen gemeinsame Bekannte gezielter aus
Bei Familienfeiern oder anderen festlichen Anlässen wie z. B. Geburtstagen geriet ich am Anfang unserer Beziehung immer besonders in die Kritik, vor allem, wenn bei der Garderobe eine gewisse Etikette gewahrt werden musste. Ich versuchte mich zwar vom Bekleidungsstil her nach und nach einigermaßen anzupassen, aber bei der Frisur oder der Kosmetik waren meine Grenzen eindeutig ersichtlich.
Ich zog mich ein Stück weit von Martins Familie und auch von einigen Bekannten zurück, da wir bemerkten, dass sie mit meinem Anderssein nicht gut umgehen konnten.
Da Martin schon immer andere Menschen relativ gut einschätzen konnte, überlegten wir nun genau, welche Kontakte uns wichtig erschienen und welche Bekannte tolerant genug waren, dass ich mich einigermaßen ungezwungen mit ihnen einlassen konnte, ohne allzu große Gefahr zu laufen, in negative Kritik zu geraten. So zog ich mich zum Beispiel ein Stück weit von Martins Familie und auch von einigen Bekannten zurück, da wir bemerkten, dass sie mit meinem Anderssein nicht gut umgehen konnten. Bei all dem sollte aber Martins Verhältnis zu seiner Familie nicht in Mitleidenschaft gezogen werden, daher war es mir sehr wichtig, dass er seine Angehörigen nach wie vor regelmäßig besuchte, aber dann eben meist ohne mich. So wurde das Verhältnis zu diesen Menschen nach einiger Zeit entspannter und wir konnten über die gewonnene Distanz wesentlich besser miteinander umgehen, weil sich durch die reduzierten Kontakte folglich auch weniger Anlässe für Auseinandersetzungen ergaben, was für mich mit deutlich geringeren sozialen Ängsten einherging.
Auf diese Weise vergingen nun etliche Jahre. Wir stellten immer deutlicher fest, dass sich über den gesamten Zeitraum eigentlich kaum etwas an meinen zum Teil etwas ungewöhnlichen Eigenschaften verändert hatte, und fragten uns permanent, was dem wohl zugrunde liegen könnte. Mittlerweile hatte man bei mir eine sogenannte Sozialphobie diagnostiziert, und in einer Verhaltenstherapie sollte ich lernen, meine Unsicherheit im sozialen Kontext zu überwinden. Doch all das führte nicht im Geringsten zum angestrebten Erfolg.
Martin und ich ergänzen uns gegenseitig
Da mir oft die Kreativität für einen abwechslungsreichen Speiseplan fehlt, überlegen wir gemeinsam, was gekocht werden könnte.
So begannen Martin und ich damit, uns Strategien zu überlegen, wie wir bestmöglich und ohne allzu große Probleme unser gemeinsames Leben und den Alltag bewerkstelligen könnten. Dabei ergänzen wir uns gegenseitig, denn auch Martin ist beeinträchtigt: Er ist schwerhörig und kann daher beispielsweise ebenfalls nicht viele Menschen um sich herum ertragen, da in diesen Situationen oft aus allen Richtungen die Akustik zu ihm vordringt. Einem Schwerhörigen bereitet es nämlich ebenfalls erhebliche Schwierigkeiten, seine Geräuschkulisse nach der gewünschten Priorität zu filtern, auch er nimmt alles nahezu gleich laut wahr und versteht dabei oft nur unzureichend, was das jeweilige Gegenüber im Einzelnen gesagt hat.
Unsere privaten Kontakte beschränken sich also in der Regel auf kleinere Gesprächskreise oder Aktivitätsgruppen. Des Weiteren bitten wir möglichst darum, dass nicht mehrere Unterhaltungen parallel geführt werden, sondern stattdessen einer nach dem andern erzählt, sodass auch wir beide uns an den Gesprächen beteiligen können.
Abgesehen von ein paar organisatorischen Hilfestellungen bin ich eigenständig im Haushalt, genauso wie andere Frauen auch.
Was die Organisation des Haushaltes betrifft, so haben wir hier von Anfang an recht schnell eine Lösung gefunden. Da mir oft die Kreativität für einen abwechslungsreichen Speiseplan fehlt, überlegen wir gemeinsam, was gekocht werden könnte. Die Anregungen kommen dabei meistens von Martin. Doch danach entscheide ich letztendlich schon selbst, was dann tatsächlich auf den Tisch kommt. Ich kann zwar recht gut kochen, aber die einzelnen Vorgänge bei der Zubereitung müssen für mich klar überschaubar sein. Allerdings, was das Thema Backen betrifft, so scheitert meine Haushaltskunst gewaltig, aber das betrachten wir keineswegs als Einschränkung, denn niemand ist perfekt und muss es auch gar nicht sein. Außerdem gibt es überall Fertiggebäck zu kaufen, und wer bei uns zum Kaffeetrinken eingeladen wird, der weiß, dass er dann eben meist den Kuchen aus der Tiefkühltruhe auf seinem Teller liegen hat, abgesehen von ein paar einfach herzustellenden Rezepten.
Ich gebe mir große Mühe, die unausgesprochenen Regeln des sozialen Miteinanders weitgehend einzuhalten.
Im Übrigen habe ich von Anfang an den Hauptanteil der Hausarbeit übernommen, zum einen deshalb, weil Martin voll berufstätig ist, und außerdem möchte ich mir meine inzwischen erlernte Selbstständigkeit unbedingt erhalten. Das heißt, abgesehen von ein paar organisatorischen Hilfestellungen bin ich eigenständig im Haushalt, genauso wie andere Frauen auch. Das Gleiche gilt auch für das Einkaufen. Ich liste vorher genau auf, was im Haushalt gebraucht wird und welche Zutaten ich zum Kochen benötige. Doch würde ich diese Einkäufe jedes Mal selbst erledigen, wäre der Lebensmittelbestand des täglichen Bedarfs alles andere als abwechslungsreich. Denn ich bin nicht gerade das, was man als flexibel bezeichnet, und das zeichnet sich auch deutlich in der Haushaltsführung ab. Mit anderen Worten, es gäbe morgens und abends fast immer das Gleiche zu essen, und würde Martin nicht darauf achten, hätten wir auch mittags oft recht ähnliche Varianten einer Mahlzeit auf dem Tisch stehen. Um dies möglichst zu vermeiden, erledigen wir den geplanten Einkauf in der Regel gemeinsam.
Außerdem habe ich im Laufe der Zeit festgestellt, dass soziale Fertigkeiten, die andere Menschen intuitiv beherrschen, durchaus zum Teil erlernbar sind. Es war mir immer schon sehr wichtig, möglichst an die Normalität angepasst und dementsprechend relativ unauffällig zu leben. So versuche ich, während eines Gespräches darauf zu achten, dass auch das Gegenüber ausreichend zu Wort kommt und ich nicht zu lange über ein Thema spreche. Umgekehrt ist es aber natürlich auch wichtig, dass man sich an der Unterhaltung aktiv beteiligt und auch einen gewissen Anteil zu solchen Gesprächsthemen beiträgt, die einem selbst als eher uninteressant erscheinen. Zudem sollte man die Gesprächspartner zwischendurch auch mal anschauen. Diese Beispiele sind natürlich situationsbedingt nicht immer im erforderlichen Umfang realisierbar, aber ich gebe mir große Mühe, die unausgesprochenen Regeln des sozialen Miteinanders weitgehend einzuhalten.
Die Diagnose Asperger-Syndrom war eine Erleichterung
Vor ungefähr vier Jahren kam es dann recht zügig zur Diagnose Asperger-Syndrom. Eine umsichtige Therapeutin hatte erkannt, dass sich trotz der langen Behandlung bei mir kaum Fortschritte zeigten, und aus ärztlicher Sicht vermutete man daher möglicherweise ein ADHS. Weitere Untersuchungen in einer Fachklinik bestätigten dies zunächst auch. Doch eine darauf abgestimmte psychologische und medikamentöse Behandlung führte ebenfalls nicht zum gewünschten Erfolg, sodass wieder Zweifel an der richtigen Diagnose aufkamen. Ein weiterer Termin in einer anderen Fachklinik brachte dann endlich Klarheit, und die nachfolgenden Untersuchungen bestätigten die endgültige Diagnose.
Auf der einen Seite war ich erleichtert, endlich eine Erklärung für all meine Schwierigkeiten gefunden zu haben, und Martin ging es ganz genauso. Andererseits empfand ich es aber auch als Stigma, dass gewisse Defizite wohl ein Leben lang werden bestehen bleiben. Das zu verarbeiten war nicht einfach für mich. Aber Martin und ich sprachen viel darüber, und nach einiger Zeit ging diese Tatsache in den allgemeinen Alltag über. Im Grunde war das Wissen um die Ursache meines Andersseins eine spürbare Erleichterung für uns beide.
Bald nach der Diagnosestellung kam ich zu einem Autismus-Therapiezentrum und konnte dort durch eine therapeutische Begleitung lernen, mit den Besonderheiten des Asperger-Syndroms umzugehen. Außerdem habe ich erfahren, dass die betroffenen Menschen auch ausgesprochen positive Eigenschaften haben wie zum Beispiel Detailgenauigkeit, Hilfsbereitschaft, Zuverlässigkeit, diverse Spezialinteressen in verschiedenen Bereichen und vieles mehr.
Autistische Menschen leben selten in einer Partnerschaft
In Partnerschaften leben autistische Menschen jedoch eher seltener, aber auch das ist möglich, denn wir sind durchaus beziehungsfähig, allerdings mit gewissen Grenzen. Doch wer mit diesen Besonderheiten leben kann, wird auch mit uns eine gut funktionierende Partnerschaft erleben. Natürlich gibt es gewisse Schwierigkeiten, die dauerhaft bestehen bleiben, auch wenn wir uns noch so viele soziale Fertigkeiten aneignen. Wir werden immer wieder Probleme damit bekommen, soziale Situationen richtig einzuschätzen, da uns die hierfür notwendige Fähigkeit fehlt, das Verhalten der Menschen anhand ihrer Blicke oder der Körperhaltung einzuordnen beziehungsweise die einzelnen Aussagen richtig zu interpretieren. Dadurch laufen wir immer wieder Gefahr, in ein Missverständnis mit unseren Mitmenschen verwickelt zu werden.
Missverständnisse vermeiden
Doch eines Tages kam mir eine Idee, wie ich solche Missgeschicke vielleicht ansatzweise vermeiden könnte. So versuche ich seitdem, mir stellenweise die für mich unverständlichen Gesprächsinhalte zu merken, bevor ich im Nachhinein Martin nach deren tatsächlicher Bedeutung frage. Denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass es in bestimmten Situationen durchaus von Vorteil sein kann, hier und da auch mal zu schweigen, anstatt die gerade aktuelle Thematik mit einer eventuell unpassenden Bemerkung zu kommentieren und damit womöglich eine negative Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. So konnte Martin mir später in Ruhe zu Hause schon so manche Gesprächsinhalte richtig darlegen, die ich während einer laufenden Unterhaltung nur unzureichend mitbekommen oder auch völlig falsch aufgefasst hatte. Dadurch kann ich inzwischen viele schwierige Situationen im Alltag vermeiden.
Und nun folgt ein Beispiel dafür, welche Auswirkungen es haben kann, wenn die Aussagen anderer Menschen von uns genau wörtlich verstanden und anschließend auch noch in die Tat umgesetzt werden. Als man mir in der erwähnten Fachklinik die Diagnose des Asperger-Syndroms mitgeteilt hatte, wurde mir dort aus ärztlicher Sicht dringend angeraten, diese Tatsache doch unbedingt meinem nächsten Umfeld mitzuteilen, um ein besseres Verständnis für meine Situation und die bestehende Behinderung zu erreichen. Ich nahm diese Aussage ganz genau wörtlich und informierte bei nächster Gelegenheit sogleich unsere Nachbarschaft innerhalb des Hauses. Diese wusste mit solch einer plötzlichen Information natürlich nicht viel anzufangen, da wir an sich kein sehr enges Verhältnis untereinander hatten und man sich daher auch nicht unbedingt mit den persönlichen Angelegenheiten der anderen Hausbewohner befasste. Die folgende recht distanzierte und verunsicherte Reaktion der Nachbarn irritierte mich dann wiederum völlig, und ich bemerkte mit Entsetzen, dass ich wohl einen Fehler gemacht hatte.
Den Rat, „mein nächstes Umfeld zu informieren“, nahm ich wörtlich und informierte bei nächster Gelegenheit sogleich unsere Nachbarschaft über meine Asperger-Diagnose.
Leider hatte Martin aufgrund seiner Schwerhörigkeit von der ärztlichen Empfehlung nichts mitbekommen, sonst hätte er mein Handeln sicher zu verhindern gewusst und mir verständlich gemacht, dass der Diagnostiker mit seiner Aussage »Information des nächsten Umfeldes« mit Sicherheit nicht die Nachbarschaft, sondern vielmehr die Familie, die Verwandtschaft und den Freundeskreis gemeint hatte. Zumindest habe ich aus dieser Situation gelernt und gehe seither nicht mehr so leichtfertig mit den Erklärungen in Bezug auf das Asperger-Syndrom um. Martin und ich überlegen stattdessen genau, wem wir diese Information zukommen lassen und wem nicht.
Freunde und Bekannte reagierten positiv auf die Mitteilung der Diagnose
Bei unseren Bekannten durften Martin und ich nach der Information in Bezug auf mein Asperger-Syndrom dabei weitaus bessere Erfahrungen machen als ursprünglich erwartet. Sämtliche Freunde und Bekannte sagten hierzu sofort übereinstimmend, dass das doch überhaupt nichts ändere, ich doch immer schon so gewesen sei, ein wenig anders eben, und damit bliebe doch natürlich alles so wie gehabt. Trotz der positiven Erfahrungen möchte ich hier aber auch gerne anraten, die Freunde nicht immer mit allzu vielen Informationen zu konfrontieren, denn ich habe gemerkt, dass bei manchen Leuten nicht unbedingt das Interesse besteht, sich alles bis ins kleinste Detail anzuhören. Denn gerade in der heutigen Zeit sind etliche Menschen mit den eigenen Problemen häufig so sehr belastet, dass das Aufnahmekontingent für länger anhaltende persönliche Vorträge recht schnell ausgeschöpft ist.
Um es genauer zu sagen: Es wurde mir von ein paar Seiten auch ganz direkt zugetragen, dass man ja nun Bescheid wüsste und das Thema allmählich zu langatmig würde. Im ersten Moment war ich tief getroffen, weil ich nicht immer in der Lage bin, zwischen einer persönlichen Abwertung und der Kritik eines Sachverhaltes sofort zu differenzieren, was übrigens für autistische Menschen typisch ist. Erst nach einer Weile konnte ich erkennen, dass diese Äußerungen berechtigt und nicht gegen mich als Person gerichtet waren. Im Nachhinein
war ich den Freunden sogar ein wenig dankbar dafür gewesen, denn durch gut gemeinte Rückmeldungen anderer Menschen kann ich mein eigenes Verhalten oft ein Stück weit korrigieren. Ich denke, diese Offenheit ist definitiv besser, als wenn hinterrücks gesagt würde, ich hätte ja nur Interesse für meine eigenen Belange.
Gespräche über Spezialinteressen kontra Small Talk
Aus diesen Gründen habe ich mir auch schon vor einiger Zeit weitgehend abgewöhnt, andere Menschen mit den für Autisten typischen Spezialinteressen zu unterhalten. Ich neige dann nämlich tatsächlich zu längeren Monologen, die andere Menschen nicht immer so wirklich interessieren, jedenfalls nicht in dem Ausmaß, wie ich mitunter gerne davon zu berichten weiß. Im Laufe der Zeit bemerkte ich, dass viele Menschen gerne Small Talk führen, anstatt sich in lange Diskussionen zu vertiefen. Auch für Martin mit seiner Schwerhörigkeit sind solche Unterhaltungen im Kreise mehrerer Menschen wesentlich unkomplizierter. Daher versuche ich, mich der Situation entsprechend anzupassen, aber es ist oft sehr schwer, denn für mich selbst ist Small Talk eher mühsam. Doch wenn Martin und ich allein sind, führen wir oft längere Gespräche und finden immer wieder Themenbereiche, die uns beide interessieren. Dabei passiert es allerdings gelegentlich, dass ich manche Punkte zum wiederholten Male ausführe, aber das sagt Martin mir dann einfach, und damit ist das Thema in der Regel erledigt. Mit Martins Kritik kann ich überhaupt gut umgehen, und umgekehrt ist das genauso. Wir können über alles sprechen und sind beide der Meinung, dass dies ein ganz wesentlicher Bestandteil einer gut funktionierenden Partnerschaft darstellt.
Entscheidungen zu treffen, fällt mir schwer
Schwierig wird es für mich aber immer dann, wenn Entscheidungen getroffen werden müssen. Das fängt bei Kleinigkeiten an, etwa der Essensauswahl auf der Speisekarte beim gelegentlichen Lokalbesuch mit Freunden, und geht bis hin zu größeren Anschaffungen, die für die Wohnung oder den Garten getätigt werden müssen. Dabei benötige ich oft Martins Unterstützung; es fällt mir schwer, die richtigen Entscheidungen zu treffen, weil ich Probleme damit habe, vorausschauend zu planen und zu organisieren.
Ohnehin ergänzen Martin und ich uns im täglichen Leben in vielerlei Hinsicht, wie ich bereits erwähnt habe. Als Schwerhöriger kann Martin nicht gut telefonieren, daher übernehme ich dies in sämtlichen Alltagssituationen. Mit privaten Telefongesprächen habe ich im Allgemeinen auch keine nennenswerten Schwierigkeiten. Wenn es allerdings um organisatorische Details geht, die am Telefon mit fremden Leuten wie Handwerkern oder Versicherungsvertretern geklärt werden müssen, kostet mich jeder Anruf eine ziemliche Überwindung, und manchmal bedarf es dann auch eines zweiten Anlaufes.
Martin bezeichnet mich nicht nur als hilfsbereit, er betont auch mein liebenswertes Wesen, das unsere Partnerschaft für ihn so wertvoll mache.
Martin bezeichnet mich nicht nur als hilfsbereit, er betont auch mein liebenswertes Wesen, das unsere Partnerschaft für ihn so wertvoll mache. Auch findet er einige meiner Besonderheiten im Alltag durchaus praktisch. Ein Beispiel dafür ist mein Blick für das Detail. Diese Eigenschaft ist bezeichnend für viele Menschen mit Autismus und hat nichts mit einer besonderen Beschaffenheit der Augen oder einem außergewöhnlichen Sehvermögen zu tun. Mir fallen vielmehr einfach Gegebenheiten oder Gegenstände auf, die andere Leute nicht sofort bemerken, während mir das ganz Gewöhnliche, was jeder sieht, nicht unbedingt immer gleich ins Auge fällt.
Ich habe ein gutes Auge für Details
Das hat mitunter auch Vorteile beim Einkaufen. So habe ich zum Beispiel schon manchen guten Einkauf getätigt, weil mir in den für andere Leute eher unauffällig wirkenden Bereichen der Geschäftsräume Angebotsware auffiel, speziell im Textilbereich. So konnte ich schon manch ursprünglich teure Markenkleidung
zu wirklich günstigen Preisen erstehen. Eine Freundin berichtete, sie mache gerne mit mir Bekleidungseinkäufe, weil ich immer etwas Schönes und gleichzeitig Preiswertes für sie finde. Mein detailliertes Augenmerk war auch eine erhebliche Hilfe, als Martin und ich vor einigen Jahren umziehen wollten. Wir sahen uns mehrere Wohnungen an, und niemandem fielen die Mängel auf, die ich bemerkte. Immerhin hatten wir für die Wohnungsbesichtigungen extra noch einen fachkundigen Bekannten mitgenommen. Angefangen bei schlecht verfugten Fliesen in Badezimmer und Küche über unsachgemäß eingesetzte Fenster und Türen bis hin zu kleinen Defekten, die man zum Beispiel durch überklebte Tapetenreste zu vertuschen versuchte – all diese Fehler entdeckte ich in kurzer Zeit.
Meinen Beruf als Schriftsetzerin kann ich nicht mehr ausüben
Beruflich war ich einige Jahre als Schriftsetzerin in einem kleinen Druckereibetrieb tätig. Doch schließlich stellte sich immer stärker heraus, dass ich mit diesem Berufsbild, das heute Mediengestalter genannt wird, überfordert war. Denn in den letzten Jahren wurden die Arbeitsbedingungen im Betrieb immer weniger vorhersehbar und erforderten eine deutlich höhere Flexibilität. Der EDV-Bereich und die Auftragslage veränderten sich kontinuierlich, wurden immer komplexer, es gab immer weniger Struktur, die für mich so wichtig war. Dennoch konnte ich die Aufgaben in der Druckerei noch einige Jahre erfüllen, was ich vor allem einem langjährigen Vorgesetzten verdanke, der stets bemüht war, mich nach Kräften zu unterstützen. Schließlich aber führten weitreichende innerbetriebliche Veränderungen zu einer deutlichen Verschlechterung meiner Arbeitsfähigkeit, sodass mein Arzt die Aufhebung des Arbeitsverhältnisses für unumgänglich hielt und diese Maßnahme in die Wege leitete.
Martin tat der Verlust meines Arbeitsplatzes sehr leid. Er wusste natürlich, dass dies nicht auf menschliches Versagen zurückzuführen war, weder auf das aller im Betrieb beschäftigten Mitarbeiter, noch auf mein eigenes, sondern dass die geschilderten Gesamtumstände zu dieser unausweichlichen Maßnahme geführt hatten. Aber auch Martin war der Ansicht, dass es für mich die beste Lösung war, nicht mehr im normalen Arbeitsprozess bestehen zu müssen, der mich wirklich deutlich überforderte. Denn immer öfter erfuhr er abends durch meine Erzählungen, wie sehr der Arbeitsalltag für mich zur zunehmenden Belastung wurde. Da mir das Thema wichtig war, nahm es immer mehr Raum in unserer Beziehung ein, bis schließlich auch Martins eigene Belastungsgrenze erreicht war.
Die gegenwärtigen Bedingungen am Arbeitsplatz, die eine hohe Flexibilität erfordern, über die wir leider nicht verfügen, machen es für Menschen wie uns immer schwerer, den heutigen Anforderungen der Arbeitswelt umfassend gerecht zu werden. Es dauerte jedoch einige Zeit, bis ich diese Tatsache einigermaßen verarbeitet hatte. Auch dabei war Martin mir wieder eine große emotionale Hilfe. Er verdeutlichte mir, dass der Wert eines Menschen nicht von dessen Leistungsfähigkeit abhängt.
Im Autismuszentrum lernte ich andere Betroffene kennen
Gegenseitige Freiräume in der Partnerschaft sind uns generell sehr wichtig, und zwischendurch verbringen wir auch einige Zeit getrennt voneinander.
Dieselbe Erfahrung durfte ich auch im Autismuszentrum machen, wo ich qualifizierte und fachlich kompetente Unterstützung erhielt. Dort habe ich viele andere vom autistischen Spektrum betroffene Menschen kennen gelernt. Auch Martin ist offen für diese neu gewonnenen Kontakte, die mir mittlerweile zu guten Freunden geworden sind. Manche von ihnen waren schon mehrmals bei uns zu Hause, und überhaupt treffen wir uns ziemlich regelmäßig, um einen Teil unserer Freizeit miteinander zu verbringen. Manchmal ist Martin mit dabei, meist aber sind wir bei diesen Treffen unter uns.
Gegenseitige Freiräume in der Partnerschaft sind uns generell sehr wichtig, und zwischendurch verbringen wir auch einige Zeit getrennt voneinander. Ich bleibe auch mal gerne allein zu Hause, wenn Martin einen Freund besucht, und umgekehrt ist das ganz genauso. Andererseits haben wir aber auch gemeinsame Interessen, beispielsweise das Fahrradfahren. Es ist einfach schön, auf diese Weise miteinander die Natur zu genießen.
Martin und ich werden mit Sicherheit heiraten
Martin und ich leben jetzt schon seit 16 Jahren zusammen, und manch einer im Familien- und Freundeskreis hat sich auch schon gefragt, warum wir denn nicht längst verheiratet sind. Ich glaube, das liegt hauptsächlich an mir. Ich habe Probleme mit großen feierlichen Anlässen und überhaupt irgendwie Befürchtungen vor dem üblichen Zeremoniell einer Hochzeit, denn dabei steht man ja sehr im Mittelpunkt des Geschehens, was mir Schwierigkeiten bereitet. Natürlich könnte man diesen Anlass auch im kleineren Rahmen feiern, aber das gestaltet sich gerade bei einer Hochzeit oft recht schwierig, und wenn man auswärts heiratet, feiert man die Hochzeit in der Regel dann doch nach der Rückkehr mit einigen Gästen nach. Denn der Bund der Ehe ist ja schließlich etwas ganz Besonderes, an dem der Familien- und Freundeskreis verständlicherweise auch direkt teilhaben möchte. Irgendwann in naher Zukunft aber werden wir mit Sicherheit heiraten, auch wenn wir noch nicht genau wissen, wann das sein wird und wie wir die Feier gestalten wollen.
In unserem Autismuszentrum bin ich derzeit die einzige Klientin, die in einer partnerschaftlichen Beziehung lebt. Doch ich weiß von anderen Betroffenen, dass dieses Bedürfnis durchaus besteht. Allerdings ist mir aus eigener Erfahrung bekannt, unter welch erschwerten Bedingungen eine Partnerschaft für uns Autisten in der Regel überhaupt erst zu ermöglichen ist, da wir schließlich oft erhebliche Probleme aufweisen, auf uns unbekannte Personen zuzugehen. Somit sind unsere Möglichkeiten, andere Menschen kennen zu lernen, sehr begrenzt.
Ich erhoffe mir mehr Toleranz im Umgang mit uns Autisten
Wer nun meinen gesamten Bericht gelesen hat, ist ja inzwischen in allen Einzelheiten darüber informiert, dass Martin und ich uns nicht im allgemein üblichen Rahmen kennen gelernt haben, sondern das große Glück hatten, dass unsere Freunde im Vorfeld schon erkannt hatten, dass ein gemeinsamer Lebensweg für Martin und mich vorherbestimmt sein könnte. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass ich vom Asperger-Syndrom betroffen bin, weiß ich dieses große Glück noch einmal ganz besonders zu schätzen.
Ich würde mir für die Zukunft von Herzen wünschen, dass sich derartige Gelegenheiten auch für andere Betroffene ergeben könnten. Ich erhoffe mir mehr Toleranz im Umgang mit uns Autisten, damit nicht nur unsere Defizite, sondern ebenso auch die positiven Anteile, die uns auszeichnen, deutlich werden und man erkennen kann, wie viele liebenswerte Inhalte eine partnerschaftliche Beziehung mit autistischen Menschen mit sich bringt. Es würde mich sehr freuen, wenn auch andere vom Autismus betroffene Menschen die Möglichkeit erhalten könnten, zu erfahren, wie wunderschön das Leben in einer Partnerschaft sein kann und welch vielfältige Erfahrungen sich im Zusammenleben für beide Seiten ergeben können. – Mein Bericht sei den guten Freunden gewidmet, die unsere Partnerschaft überhaupt erst ermöglicht haben.
Anmerkung der Herausgeberin: Inzwischen hat Simone Pinke ihren langjährigen Lebensgefährten tatsächlich im kleinen Kreis geheiratet, so wie sie es sich gewünscht hat. Auch das stellt ein ermutigendes Beispiel dar, dass es trotz vieler Sorgen und Schwierigkeiten gelingen kann, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Von Herzen alles Gute für Euer weiteres gemeinsames Leben, nun als Eheleute!
Manchmal lohnt es sich durchaus, auch kreative Lösungen anzustreben, die von den Lebensentwürfen anderer Menschen abweichen. Ein buntes Miteinander ist für alle schön und bereichernd.