Viele Menschen mit Autismus fühlen sich »fremd auf dieser Welt«, sie gehören nicht dazu. Die schulische und mit Abstrichen auch die berufliche Integration der Betroffenen sind in der letzten Zeit zunehmend Themen bei Fachveranstaltungen, die gesellschaftliche Teilhabe dagegen wird bislang in der Regel noch sehr wenig betrachtet.
Die Einbeziehung in die Gesellschaft stellt vermutlich die größte Herausforderung dar im Hinblick auf eine Integration autistischer Menschen. Es sind viele verschiedene Punkte zu berücksichtigen, in denen die Betroffenen in jeweils unterschiedlichem Ausmaß beeinträchtigt sind. Dazu gehören Mobilität, Zugang zu Medien, Wissenschaft, Politik und dem Gesundheitssystem oder Angebote zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.
Auf die speziellen Vorlieben autistischer Menschen und ihre oft skurrilen Ausnahmebegabungen reagieren andere oft im besten Fall mit Gleichgültigkeit und Desinteresse, häufiger jedoch mit Unverständnis und Ablehnung. Dies erhöht nicht nur das Ausmaß an sozialer Isolation, sondern führt außerdem auch zu mangelnder Akzeptanz. Im Freizeitbereich kommt insgesamt die Andersartigkeit autistischer Menschen besonders zum Ausdruck, vieles an ihnen erscheint fremd und rätselhaft, weshalb sich soziale Ablehnung durch Altersgenossen vor allen Dingen auf diesem Gebiet zeigt.
Der Mensch aber braucht neben Schutz und Rückzugsmöglichkeit auch die Gemeinschaft mit anderen und den sozialen Austausch. Wichtig sind daher Information und Aufklärung. Die Öffentlichkeitsarbeit muss verstärkt werden, um in Schulen, Betrieben und der Gesellschaft Informationen zu bieten über die Vielfalt der autistischen Störungen und die speziellen Bedürfnisse der betroffenen Menschen, aber auch über ihre Schwierigkeiten, insbesondere im sozialen Kontakt, über häufige Auffälligkeiten und die mögliche Wirkung auf das Gegenüber. Informationen darüber, dass es in der Regel kein böser Wille ist, der die Betroffenen auf ihre spezielle Art und Weise mit der Umgebung in Kontakt treten lässt, sondern dass sie oftmals gar nicht in der Lage sind, diese ihre Verhaltensweisen zu reflektieren und den jeweiligen Erfordernissen anzupassen. Daraus folgt, dass es ihnen häufig nicht auf Anhieb gelingt, auf andere Menschen freundlich und liebenswürdig zu wirken.
Genauso wichtig ist es, im jeweiligen Umfeld Lehrer, Mitschüler, Arbeitskollegen, Vorgesetzte, Nachbarn, Freunde usw. zu informieren, um ein Verständnis zu ermöglichen und gemeinsam nach Lösungen für schwierige Situationen zu suchen. Dabei ist natürlich vorher zu überlegen, wie sinnvoll es ist, wahllos alle auch nur flüchtigen Bekannten einzuweihen. Diese Erfahrung musste auch Simone Pinke machen, als sie der Hausgemeinschaft von der Diagnose berichtet hatte, wie sie in ihrem Bericht beschreibt.
Im Hinblick auf eine Integration autistischer Menschen ist es aber auch notwendig, sich mit den Begriffen Anpassung und Individualität zu beschäftigen. Jede Integration erfordert in gewissem Umfang eine Anpassung an geltende Regeln und Normen, mal mehr, mal weniger. Jeder Mensch, ob behindert oder nicht, muss also für sich selbst herausfinden, bei welchen Gruppen, Institutionen usw. er dazugehören möchte, und in diesem Fall in Kauf nehmen, sich den dort geltenden Regeln zu unterwerfen. Das ist bei autistischen Menschen nicht anders. In manchen Fällen ist eine Anpassung kein Problem, weil der Wunsch teilzuhaben groß ist und die Voraussetzungen günstig sind. In anderen Fällen, beispielsweise dann, wenn die Stimmung eher indifferent ist, fällt die Anpassung schwer, und häufig ist sie aufgrund der bestehenden Probleme sogar unmöglich.
Praktisch bedeutet das, dass man mit jedem einzelnen Menschen überlegen muss, was ihm wichtig ist, wo er gern dabei sein möchte, um dann zu klären, welche Hilfen von dieser Gruppe, Institution etc. möglich sind, welche Leistung der betroffene Mensch aber auch selbst erbringen muss. In jedem Einzelfall sind dabei die Wünsche und Lebensziele, aber auch die individuellen Voraussetzungen unterschiedlich.
Manchmal wird es aber auch möglich sein, die Offenheit und das Interesse anderer Menschen so geschickt einzusetzen, dass die Anpassung gering gehalten werden kann. Es ist fantastisch, wenn ein Mensch die Erfahrung machen darf, dass er ein Stück weit »die Welt selbst erfinden darf und nicht allein die Welt ihn erfindet. Dass er etwas wagen darf, um Perspektivenwechsel und Veränderung hervorzurufen und nicht nur in ausgetretene Sehkanäle und Pfade gezwungen werden muss« (Meckel 2010, 165). Die meisten Menschen werden zu »pflegeleichten« Erwachsenen erzogen, zu Menschen, die nicht sich selbst repräsentieren, sondern die Erwartungen ihrer Umwelt, nicht viel Mühe mit ihnen zu haben, nicht viel Aufhebens um sie machen zu müssen. Meiner Meinung nach sollten wir uns aber Mühe machen mit den anderen. Die Menschen sollten sich umeinander kümmern, sie sollten einander einladen, Teil des jeweils eigenen Lebens zu werden. Aber sie müssen ein Zusammenleben anstreben mit Regeln, Ideen und Wünschen, die sie gemeinsam miteinander aushandeln.
Und schließlich gibt es auch Grenzen bei der Integration, auch solche, die die betroffenen Menschen selbst ziehen. Bei mir ist es so, dass meine Aktivitäten sich manchmal deutlich von denen anderer Menschen unterscheiden. Da ist eine Integration nicht immer möglich und auch von mir nicht immer gewünscht. Ich möchte nicht dabei sein, wenn andere Leute zum Tanzen gehen, ins Kino oder ins Theater. Damit kann ich nichts anfangen, denn ich bin motorisch ungeschickt, und der Handlung in Filmen etc. kann ich nicht folgen, sodass ich nicht mitbekomme, worum es geht. Ich möchte in meinem Urlaub nicht stundenlang an einem Hotelpool liegen und mich abends durch die Mitarbeiter zu Gesellschaftsspielen animieren lassen. Aber ich habe andere Interessen und nicht das Gefühl, langweilig zu sein, was mir früher manchmal von meinen Klassenkameraden vorgeworfen wurde. Stundenlang kann ich an einem Flussufer sitzen und dem Treiben im Wasser zusehen. Gern setze ich mich außerdem in ein nettes Café im Künstlerviertel von Darmstadt, das auf meinem Nachhauseweg liegt. Dort darf ich sein, wie ich bin, dort bin ich nur eine von vielen Menschen, die sich von der breiten Mehrheit unterscheiden und ihren Platz in dieser Welt suchen. Es ist sehr entspannend für mich, hier nach der Arbeit noch etwas zu trinken. Ich liebe es, solche Gegenden aufzusuchen, in denen das bunte Miteinander unterschiedlicher Menschen gelebt und als schön und bereichernd empfunden wird.
Alle Menschen sind verschieden. Aber »nicht alles, was aus der Reihe fällt, was also ›abnorm‹ ist, muss deshalb auch schon minderwertig sein« (Hans Asperger, zit. in Attwood 2008, 14). Alle Menschen haben Fähigkeiten und sind alle gleich viel wert. Verschieden zu sein, ist ein Gewinn für alle Menschen. Vielfalt ist die Basis für Lebendigkeit, Kreativität und Innovation – und sie ist eine Herausforderung. Es ist nicht immer einfach, Menschen und Situationen zu verstehen, die »anders« sind – aber es ist inspirierend und bereichernd.