Der Auftrag war so läppisch, dass ich mit dem Gedanken spielte, ihn abzulehnen. Stellen Sie sich vor, ich sollte einem Mütterchen von 94 Jahren über die Straße helfen. Dafür winkten mir 8.000 Euro, der ortsübliche Tarif. Das Geld reizte mich kaum, meine Girokonten waren so voll, dass mein Bankberater nervöse Anfälle bekam. Zumindest rief er einmal pro Monat an, um mich davon zu überzeugen, das Geld in den Rachen irgendeines windigen Fonds zu schieben. Aber für solche riskanten Finanzspielchen bin ich zu clever.
Was mich an diesem Auftrag deutlich mehr interessierte, war die Frage: Warum nahm jemand so viel Geld in die Hand, um zu beschleunigen, was ohnehin bevorstand? Manchmal leuchten mir Aufträge ein. Warum ein Zuhälter dem anderen kein langes Leben wünscht – geschenkt. Aber warum ich bei einer 94-Jährigen, die schon fast auf der anderen Straßenseite war, mit einem Schubser nachhelfen sollte – rätselhaft.
Vielleicht sagen Sie: Der Sensenmann wartet auf uns alle. Das ist bei einer 94-Jährigen grob untertrieben. Auf ein solches Mütterchen »wartet« der Tod nicht – er tritt ungeduldig von einem Bein aufs andere, greift nach ihr, um sie auf seine Straßenseite zu zerren. Er erledigt seinen Job immer, nur muss man ihm ein paar Tage geben. Aber Zeit schien mein Auftraggeber nicht zu haben
Warum mir der Auftrag läppisch erschien? Ich bitte Sie, es war ein groteskes Wettrennen: Wer würde das Mütterchen schneller erreichen, er oder ich? Stellen Sie sich vor, ich schleiche in ihre Altbauwohnung an der Alster, finde sie unter ihrer Bettdecke, taste nach ihrem Mund und bemerke: Sie ist kalt wie eine Tiefkühlpizza, der natürliche Tod war schneller. Sicher, mein Auftraggeber wäre von meiner scheinbaren Diskretion begeistert. Aber welcher Fußballer wird gern als Torschütze gefeiert, obwohl ein anderer den Ball versenkt hat? Solche Almosen gehen gegen meine Berufsehre.
Der zweite Haken lag darin, dass ich kaum gefordert war. Ich hätte mir eine sportliche Herausforderung gewünscht, die mir jenen Kick gab, den ich in meinem bürgerlichen Beruf nicht mehr fand. Dass ich eine 94-Jährige ins Visier nahm, war genauso langweilig wie ein Schuss aufs leere Tor.
Weil Sie es sind, will ich es verraten: Mein Hauptberuf ist es, Menschen auf der hiesigen Straßenseite zu halten. Ich verlängere Leben, statt sie abzukürzen. Meine exotische Freizeitbeschäftigung stellt dazu nur einen gesunden Ausgleich dar. Oder haben Sie noch nie gehört, dass dieser Planet überbevölkert ist? Leute wie ich tragen beruflich dazu bei. Wenn Sie so wollen, bessere ich in meiner Freizeit nur meine Ökobilanz auf. Mal wieder einer weniger, der seine Supermarkttomaten in ein Plastiksäcklein packt, unter Trinkwasser duscht und mit jeder Autofahrt die Luft verpestet.
Je länger ich über den Mütterchen-Auftrag nachdachte, desto mehr ging mir ein reizvoller Aspekt auf. Normalerweise stieß ich die Menschen überraschend auf die andere Straßenseite, aber diesmal würde ich erwartet werden. Glauben Sie nicht auch, dass eine 94-Jährige den Sensenmann längst um ihr Haus schleichen hört? Dass sie schon weiß, dass alle Pillen, die sie schluckt, alle Ärzte, die sie besucht, alle Gebete, die sie ausstößt, nur um ihm zu entgehen – dass diese ganze Überlebensakrobatik den Sensenmann nicht aufhalten kann.
Und nun würde er tatsächlich kommen, aber völlig unerwartet in meiner Gestalt. Das war ein herrlicher Gag. Halten Sie mich jetzt nicht für eitel, aber ich habe mit einem Straftäter so wenig Ähnlichkeit wie eine Friedenstaube mit einer Fledermaus. Vielleicht sind Sie mir gestern noch begegnet, als Sie besorgt um Ihre Gesundheit waren. Vielleicht haben Sie gedacht: was für ein hilfsbereiter, netter, empathischer Mann. Oder, falls Sie eine Frau sind: was für ein smarter Typ!
Dass ich anderen über die Straße helfe, ohne ihre, sagen wir, ausdrückliche Zustimmung – nie wären Sie darauf gekommen. Und lassen Sie bitte Klischees beiseite, sehen Sie mich nicht als »Berufskiller«. Erstens übe ich, wie erwähnt, einen anderen Hauptberuf aus. Und zweitens dürfen Sie jedes Mal, wenn laut Medien ein Berufskiller zugeschlagen hat, ganz sicher sein: Das war ein Stümper.
Denn wer diesen Job wirklich beherrscht, so wie ich, schlägt zu, ohne eine Visitenkarte am Tatort zu hinterlassen. Hier hat mich meine Expertise zu einem gefragten Mann gemacht. Egal wie jung oder gesund Sie sind, in kürzester Zeit könnte ich Sie unauffällig auf die andere Straßenseite bringen.
Theoretisch könnten Sie bei Ihrer nächsten Autofahrt einschlafen und gegen einen Baum fahren – so was passiert jeden Tag. Theoretisch könnten Sie einen Herzinfarkt erleiden – so was passiert jeden Tag. Oder Sie Ärmster könnten von einer Depression gepackt und zu einem Spaziergang auf den Bahngleisen verleitet werden – so was passiert jeden Tag. Es braucht nur ein wenig Fachwissen, um geschehen zu lassen, was oft von allein geschieht.
Aber Sie können beruhigt sein, ich bin ein zivilisierter Mensch: Ich schiebe kein Schnellfeuergewehr durch das Fenster eines gestohlenen Autos, um Ihren Brustkorb zu durchlöchern. Ich schlitze Ihren Hals nicht mit einem Teppichmesser auf, trete mit meinen Stiefeln Ihr Gehirn nicht zu Brei und sehe auch davon ab, Fleischermesser abseits der Küche zu verwenden. Ich mache Tatortreiniger arbeitslos, denn ich hinterlasse keinen Tatort.
Alle, die durch Blutlachen waten, sind für mich Pöbel. Gescheiterte Bordellbesitzer, abgehalfterte Kampfsportler oder eichengroße Türsteher, deren Fäuste ebenso hart sind, wie ihr Gehirn weich ist – solche Typen tummeln sich in meinem Metier.
Bei mir aber dürfen Sie gehobene Manieren voraussetzen, wenn ich Sie verabschiede. Sei es durch einen Handschlag. Oder sei es für immer.
Also gut, ich werde dem Mütterchen über die Straße helfen – durch sanftes Ersticken. Ich besuche es bei Nacht, lege wie ein zärtlicher Enkel meine Hand auf ihren Mund und ihre Nase. Kein Schrei wird ihrem Hals entweichen, kein Kratzer ihre Haut beschädigen, keine Schürfung, kein Würgemal. Kein Gerichtsmediziner wird die Todesursache nachweisen können – erst recht kein Hausarzt, der den Totenschein einer 94-Jährigen im Halbschlaf der Routine ausfüllt.
Das Ersticken, sollten Sie wissen, läuft in fünf Phasen ab, die erste ist die Atemnot. Für jüngere Opfer kann das anspruchsvoll sein, denn wenn sie sich wehren, steigt im Blut der Kohlendioxidspiegel. Dann landen sie unsanft auf der anderen Seite der Straße: durch asphyktisches Ersticken. Und ihre Haut, ihre Lippen und ihre Fingernägel können sich blau wie ein Winterhimmel färben, wir nennen das Zyanose.
Das Mütterchen jedoch, das verspreche ich Ihnen, wird sanft über die Straße gleiten: schnell geschockt und ohne große Gegenwehr. Wenn nur der Sauerstoffgehalt im Blut sinkt, es also zu einem primär nicht asphyktischen Ersticken kommt, sind die letzten Sekunden sogar ein Highlight: Sie kann eine Art Höhenrausch erleben, ehe das Bewusstsein aus ihr weicht wie schmutziges Wasser aus einem gewrungenen Schwamm.
In der zweiten Phase, geprägt durch Sauerstoffmangel, gleicht das Gehirn einem stotternden Motor; es kommt zu Erstickungskrämpfen. Noch rast der Puls, noch schießt der Blutdruck nach oben.
Aber dann, in der dritten Phase, setzt die präterminale Atempause ein: Der Motor geht aus, der Blutdruck sackt ab, nur der Puls galoppiert noch. In der vierten Phase – bitte nicht erschrecken, falls Sie mal jemanden ersticken – kann der Motor noch einmal kurz anspringen: Die Atmung setzt wieder ein, laut und schlürfend, wir nennen das terminale Schnappatmung. Und in der fünften Phase schmiert der Motor endgültig ab: Der Atem bleibt stehen, der Kreislauf macht langsam schlapp, und das Gehirn ist hinüber. Gute Nacht!
Ich hoffe, meine Auskünfte beruhigen Sie. Ich werde das Mütterchen fachmännisch über die Straße begleiten. Sie hat wirklich Glück, dass sie an mich gerät. Ein anderer würde sie eine Treppe hinabstoßen. Und Gewalt – da sind wir uns sicher einig – muss nun wirklich nicht sein.