Zusammengekauert lag ich da, die Oberschenkel an den Bauch gezogen, während der Mann mich ansprach. Je lauter er wurde, desto mehr erstarrte ich. Mein Körper fühlte sich an wie ein viel zu enges Kleidungsstück, in das jemand meine inneren Organe gepresst hatte. Der Brustkorb quetschte mein Herz zusammen und ließ es hektisch zittern. Mein Mund war trocken wie Schmirgelpapier. Und die Luft, die ich atmete, schmeckte nach verbranntem Gummi und erreichte meine Lunge nicht. Als hätte mir jemand einen Korken in den Hals gehämmert.
Der Mann packte mich am Arm und begann zu rütteln. »Nein!«, rief ich, »loslassen, ich will da nicht runterfallen!« Meine Arme ruderten, ich schlug um mich. Die Augen hielt ich dabei geschlossen, das Licht sollte nicht wie ein blitzendes Messer in sie fahren.
Es war immer dasselbe Duell: er oder ich? Und jedes Mal hatte ich die schlechteren Karten, denn er war ein Mann von über hundert Kilo, mit harten Muskeln und ohne Hemmungen. Und unten, auf der Fahrbahn, kam der Tod angebraust und lauerte darauf, dass ich ihm vor die Räder stürzte. Ich wollte mich nicht ergeben, ich musste kämpfen. Aber der Schrei, der mir auf den Lippen lag, geriet nur zu einem Krächzen, ich spürte Speichelfäden über mein Kinn rinnen.
Endlich vernahm ich die Männerstimme deutlicher: »Hören Sie auf mit diesem Theater! Mich können Sie nicht täuschen. Ich weiß genau, worum es Ihnen geht.«
Ich blinzelte einen schnauzbärtigen Mann in Uniform an, dessen fülliges Gesicht wie ein Vollmond über mir aufging. Ich sah alles nur verschwommen, wie durch dichten Nebel, und hatte keine Ahnung, wer der Typ war und was er hier wollte. Ich richtete mich auf.
»Was wollen Sie von mir? Wer sind Sie überhaupt?« Ich strengte mich an, meine Schnappatmung zu unterdrücken.
»Sie wissen genau, was ich will. Machen Sie sich nicht lächerlich! Und dass Sie sich jetzt blöd stellen, bestätigt mich in meinem Verdacht.«
»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen, wirklich nicht.«
»O doch, das wissen Sie! Sich schlafend stellen, wenn ich komme, ist der älteste Trick der Welt. Das erlebe ich jeden Tag. Und Sie haben noch die Mitleidsnummer obendrauf gepackt – husten, keuchen, zappeln. Aber nicht mit mir!«
Mein Herz sprang wie ein Knallfrosch in meiner Brust herum, und meine Gedanken fuhren Karussell. Ich fühlte mich hilflos und ausgeliefert, immer noch sah ich alles verschleiert. Ruhig atmen, Susanne, ruhig atmen.
»Sagen Sie mir endlich, was Sie von mir wollen.«
»Ihre Fahrkarte will ich sehen«, antwortete er gereizt. »Aber nach diesem Schauspiel bin ich sicher: Sie haben keine!«
Erst jetzt verstand ich, wo ich war. Mein Blick wurde klarer und suchte das Fenster. Draußen rauschte gerade ein herbstlich gesprenkelter Laubwald vorbei, wie von einem riesigen Fließband fortgerissen. Darüber spannte sich ein blauer Himmel mit weißen Schlieren. Und ich nahm das rhythmische Stampfen wahr, das gedämpfte Rauschen der Luft vorm Fenster, das Fahrtgeräusch.
Ich kramte ein frisches Papiertaschentuch aus der Verpackung und fuhr mir über den Mund, um den Speichel wegzuwischen.
»Ich will kein Taschentuch sehen, sondern Ihre Fahrkarte!«, fuhr mich der Schaffner an. »Oder Sie geben mir gleich Ihre Personalien.«
»Ich muss mich von Ihnen nicht so behandeln lassen. Ich bin Fahrgast in diesem Zug.«
»Bis jetzt sind Sie Schwarzfahrerin. Ich habe immer noch kein Ticket gesehen.«
Hektisch durchsuchte ich meine Tasche. Wo hatte ich bloß die Fahrkarte verstaut? Mein Gedächtnis glich in letzter Zeit einem Buch, aus dem dauernd jemand die wichtigsten Seiten herausriss.
Das Mondgesicht des Schaffners verzerrte sich zu einem hämischen Grinsen. »Hab ich’s doch gewusst! Dann brauche ich Ihren Personalausweis. Und kommen Sie mir nicht mit weiteren Ausreden!«
In diesem Moment ertastete ich mein Handy, und es fiel mir wieder ein. Ich rief die digitale Fahrkarte auf und hielt ihm das Display mit zitternder Hand unter die Nase.
»Glück gehabt«, murmelte er, zog einen Scanner über den Code und sagte: »Hamburg Hauptbahnhof dann bitte aussteigen, der Zug fährt bis Altona durch.« Er klang kalt. »Noch eine gute Reise.« Ohne Entschuldigung verließ er das Abteil, in dem ich allein saß. Auf ein gebrochenes Bein hätte er vermutlich Rücksicht genommen, den Gips gesehen, dachte ich. Aber eine gebrochene Seele sieht man eben nicht. Pech gehabt, Susanne!
Ich setzte mich aufrecht hin, atmete tief aus, wie es mir mein Therapeut empfohlen hatte, und zählte bis drei, ehe ich wieder einatmete. »Durch diese Pause atmen Sie tiefer ein, das beruhigt Ihren Organismus«, hatte er gesagt. Diesen Vorgang wiederholte ich 25 Mal, bis sich mein Brustkorb geweitet hatte und das Taubheitsgefühl aus meinen eiskalten Fingern wich. Langsam schaltete mein Herz vom Vibrieren wieder auf regelmäßiges Schlagen um.
Ich rief Iris an, sie meldete sich überschwänglich: »Hey, Prinzessin, die haben dich mit Handkuss genommen, stimmt’s?«
»Iris, ich sitze noch im Zug.«
»Dann werden Sie dich noch mit Handkuss nehmen, ist doch klar wie Kloßbrühe. Du bist die Idealbesetzung für diesen Posten, du kannst Boulevard.«
Sie schwieg einen Moment, als ich nichts sagte, dann fragte sie etwas leiser: »Geht’s dir gut?«
»Abgesehen davon, dass ich schon wieder eine Attacke hatte und dabei fast einen Schaffner erschlagen hätte, ist alles in bester Ordnung. Um diesen Schaffner wäre es allerdings nicht schade gewesen. Der einzige Ort, wo man mich noch mit Handkuss nimmt, ist eine Irrenanstalt.«
»Prinzessin, jetzt mach mal halblang! Du bist durch die Hölle gegangen, da ist es doch klar, dass hier oder dort mal was anbrennt. Das ist deine Post-Last, da klebt ein hohes Porto drauf.«
Iris konnte es nicht lassen, alles Schwere im Leben mit dem Lachgas ihres sonnigen Gemüts zu besprühen. Eine posttraumatische Belastungsstörung zur frankierten »Post-Last« schönzureden brachte auch nur sie fertig.
»Ich weiß nicht, ob ich schon so weit bin. Ich habe immer noch diese Aussetzer – als würde ein Wolf mir Fetzen aus meinem Gedächtnis reißen. Stell dir vor, gerade wusste ich nicht mehr, dass ich in einem Zug bin. Der Schaffner hat mich so was von runtergeputzt. Ich werde das Gespräch abblasen.«
»Hey, Prinzessin, jetzt mach keinen Mist! Du gehst da hübsch hin, und zwar ohne Asche aufm Haupt! Du hast Reinstadt von einem Scheißkerl befreit. Sebastian ist so was von stolz auf dich.«
»Sebastian muss mich jeden Monat anbetteln, damit ich ihm meinen Anteil des Unterhalts nach London überweise. Und das klappt nur, weil ich es von den Raten fürs Haus abzwacke. Ich mache die Umschläge mit den Mahnungen schon nicht mehr auf.«
»Das ändert sich, wenn du den Job hast. Dann fließt die Kohle wieder in Strömen. Wahrscheinlich streichst du da ein Traumgehalt ein.«
»Vergiss nicht, ich müsste in Hamburg leben. Der Markt für Wohnungen ist leer gefegt, jeder Quadratmeter wird mit Gold aufgewogen. Da würde ich am Ende noch Geld drauflegen. Aber ich fühle mich einfach noch nicht fit genug.«
Sie ignorierte meinen zweiten Einwand, aber knöpfte sich den ersten vor: »Hast du nicht erzählt, dass du bei Martha einziehen kannst? Ich fresse einen Besen, wenn die einen Cent Miete von dir verlangt.«
Martha, die ältere Schwester meines Vaters, war meine Lieblingstante und wohnte allein in einer herrschaftlichen Altbauwohnung an der Alster. Durch meine Krankheit hatte ich sie im letzten Jahr viel zu selten gesehen. Nach dem Tod meines Vaters waren wir eng zusammengerückt. Noch auf dem Totenbett hatte ihr mein Vater sein größtes und gruseligstes Geheimnis anvertraut.
Ich schüttelte meinen Kopf. »Martha wäre nur eine Übergangslösung, Iris – außerdem hab ich doch eh keine Chance auf den Job. Warum sollten die ein Wrack wie mich nehmen? Die haben doch Dutzende von jungen, fitten Bewerbern.«
»Du bist kein Wrack, hey, sondern ein prächtiges Segelschiff, Prinzessin. Klar, der Sturm hat dir in letzter Zeit ein paar Fetzen aus dem Segel gerissen, die Sache mit Markus war ja auch richtig heftig. Aber ich bin sicher: Du wirst den Laden rocken!«
Der Name »Markus« bohrte sich wie eine heiße, spitze Nadel in meinen Körper. Ich spürte, wie mein Herz beschleunigte und mein Brustkorb wieder enger wurde. Tief atmen, Susanne, tief atmen.
Iris deutete mein Schweigen falsch: »Genieß das Bild: Du segelst auf einen neuen Hafen zu.«
»Auf den falschen Hafen, und das weißt du! Oder warum wollte ich den Journalismus aufgeben und Medizin studieren – weil ich so hochmotiviert bin, neue Schlagzeilen zu fabrizieren?«
»Ruhig Blut, Prinzessin. Es dauert halt noch ein paar Wartesemester, bis du den Doktorkittel überstreifst, na und? Bis dahin bringst du deine PS als Journalistin wieder auf die Straße – heimlich freust du dich doch darauf!«
»Ich freue mich darauf, meine Rechnungen wieder bezahlen zu können.«
»Sag ich doch: Du freust dich. Die Details spielen keine Rolle.«
»Details? Ich meine ein finanzielles Desaster. Und das geht ganz allein auf meine Kappe.«
Ich hörte sie unwirsch schnaufen. »So ein Quatsch! Dass Sebastian als Austauschschüler ein Vermögen kostet, darauf wäre nicht mal ich gekommen.« Sie lachte, weil sie wusste, dass sie mit Geld nicht umgehen konnte.
»Habe ich gewusst, dass ich die Raten für unser Haus bezahlen muss? Ja! War mir klar, dass sich am Ausgang jedes Supermarktes eine Kasse befindet? Ja. Es war total naiv von mir, mit über vierzig noch studieren zu wollen. Jetzt zahle ich den Preis dafür.«
»Welchen Preis? Du kommst zurück nach Hamburg, Prinzessin: Alster, Elbe, Jungfernstieg. Wie damals, als wir an der Journalistenschule waren. Du wirst dich wieder sauwohl fühlen.«
»Du weißt, wie sie mich das letzte Mal aus Hamburg verabschiedet haben?«
»Du hast Charakter gezeigt. Das wirst du jetzt wieder tun.«
»Ich werde anrufen und sagen, dass ich nicht komme. Ich hatte schließlich gerade eine neue Attacke.«
»Und ich bekomm eine Attacke, wenn du nicht hingehst! Du rechnest doch ohnehin mit einem Arschtritt. Also hol ihn dir gefälligst persönlich ab. Oder bist du feige geworden?«
Damit hatte sie mich am Haken, ich musste an einen Satz meines Psychologen denken: »Angst wächst, wenn Sie meiden, was Sie fürchten. Aber Angst schrumpft, wenn Sie nach vorne gehen und sich ihr stellen.«
Vor einem knappen Jahr auf der Autobahnbrücke, als es um Leben und Tod gegangen war, hatte ich Mut bewiesen. Und noch dazu meine größte Phobie überwunden. Im Vergleich dazu fühlte sich ein Vorstellungsgespräch in der Tat nicht mehr ganz so schlimm an.
»Also gut, ich geh hin – aber nur unter einer Bedingung: Die Absage geht dann auf deine Kappe.«
»Abgemacht«, rief sie so fröhlich, als hielte sie schon ein Sektglas zum Anstoßen auf den neuen Job in der Hand.
»Iris, der Job ist meilenweit entfernt. Und außerdem geht das Gespräch erst in zwei Stunden los.«
»Dann ist der Job eben noch etwas mehr als zwei Stunden entfernt. Ruf mich wieder an, Prinzessin, hörst du?!«
Sie gab mir einen dicken Schmatzer und legte auf. Die naheliegende Idee, ich könnte beim Vorstellungsgespräch eine Panikattacke bekommen, lag für sie so fern wie ein unentdeckter Planet.