Das Verlagsgebäude der Hamburger Allgemeinen schraubte sich vor mir in den Himmel, als wollte es den Wolken die Bäuche kitzeln. Ein Architekt hatte viel Glas verbaut, und der Schriftzug des Blattes lief in großen Leuchtbuchstaben über die Fassade. Entweder war die Krise der Printmedien hier noch nicht angekommen. Oder das Polster der guten Jahre war so fett, dass man es sich leisten konnte, den Einbruch des Anzeigengeschäftes lächelnd zu ignorieren.
Ich betrat das Gebäude, stellte mich am Empfang vor und wurde in einer Sofaecke geparkt. Die Titelblätter der letzten fünf Ausgaben der Hamburger Allgemeinen, alle mit fetten Schlagzeilen, waren neben mir in einer Vitrine drapiert, wie Kunstwerke.
Mein Herz hüpfte in meiner Brust wie ein Knallfrosch herum, und ein leichtes Schwindelgefühl umhüllte mich. Ich fühlte mich so fit wie ein 100-Meter-Läufer mit Gipsbein, und der Startschuss stand unmittelbar bevor.
Nichts lieben Firmen mehr, als Bewerber warten zu lassen. Um 15 Uhr hätte es losgehen sollen, aber es wurde 15.05, 15.10 und 15.15 Uhr, ohne dass mich jemand abholte. Sicher kein Zufall, denn wer froh ist, überhaupt noch empfangen zu werden, kommt nicht auf dumme Ideen. Etwa übermütige Gehaltsforderungen zu stellen.
Als leitende Redakteurin des Tagesboten hatte ich es immer gehasst, Vorstellungsgespräche zu führen, denn in Wirklichkeit waren es Verstellungsgespräche – als träfen sich Pinocchio und Münchhausen.
Ich hatte mich damals entscheiden müssen, wem ich dienen wollte: der Wahrheit oder meinem Arbeitgeber? Und mir war klar, wer von den beiden meine Brötchen bezahlte. Deshalb stellte ich ein »Medienhaus mit großer Tradition« vor, ohne zu erwähnen, dass diese Tradition im Grab des Altverlegers auf dem Stadtfriedhof vor sich hin rottete.
Und was taten die Bewerber? Sie logen genauso schamlos, gaben kinoreife Beispiele für ihre Erfolge, immer passend zur Ausschreibung. Und jede Lücke im Lebenslauf, die nach Weltreise roch, redeten sie zu einer »Sprachreise mit Studium der lokalen Medien«. Ein lächerliches Theater.
»Gleich kommt jemand«, rief die Dame vom Empfang zu mir rüber. Wurde auch Zeit, es war jetzt 15.22 Uhr. Ich stand auf, atmete tief durch und stöckelte an der Vitrine mit den reißerischen Schlagzeilen entlang. Mein Blick blieb kleben am Aufmacher der fünf Tage alten Ausgabe: »Oma-Mörder schlägt zu: 94-Jährige erstickt.«
Ich dachte sofort an Tante Martha.
Der Moment, in dem ich die Kontrolle über mich verlor, kam überraschend. Denn das Gespräch hatte erfreulich begonnen, zwei Vertreter des Verlages saßen mir gegenüber: Frank von Leibringen, der Chefredakteur, ein Zwei-Meter-Hüne mit tiefblauen, leicht vereisten Augen, der sich etwas zu eckig bewegte; und Jane Sternberg, die Leiterin des Lokalressorts, eine mädchenhafte Mittvierzigerin, etwas älter als ich, deren spitzes Kinn vor lauter Tatkraft aus dem sommersprossigen Gesicht zu springen schien, obwohl sie bei der Begrüßung etwas schüchtern gewirkt hatte.
»Erzählen Sie etwas über sich«, hatte von Leibringen das Gespräch eröffnet. Der Knallfrosch in meiner Brust machte Eskapaden, und für einen Moment malte ich mir aus, die Wahrheit zu sagen: »Ich habe meinem letzten Verlag einen bundesweiten Skandal bereitet. Meine große Liebe hat mich aus ihrem Leben gekegelt. Und mein bester Kumpel ist ein Obdachloser, der auf den schönen Namen Ratte hört – noch weitere Fragen?«
Doch ich beherrschte mich und sagte: »Mein Name ist Susanne Mikula, und ich möchte Ihnen drei Gründe nennen, warum wir gut zusammenpassen würden: Erstens suchen Sie jemanden, der Lokaljournalismus lebt – darauf können Sie sich bei mir verlassen, ich habe jahrelang das Lokalressort des Tagesboten in Reinstadt geleitet. Ich habe ein feines Näschen für Storys aus dem Rathaus. Ich weiß, wie man Quellen auf dem Polizeirevier abschöpft. Und ich bin geübt darin, die Themen der großen Politik durch lokale Gesichter sexy zu machen.« Die blauen Augen des Chefredakteurs tauten unter meinen Worten auf. Er nickte mir aufmunternd zu.
»Zweitens ist es Ihnen wichtig, dass Ihre neue Redakteurin einen Bezug zu Hamburg hat – ich habe hier die Journalistenschule besucht und eine Entwicklungsredaktion geleitet. Ich weiß also, wie diese Stadt tickt und wo man den Teppich lupfen muss, um auf spannende Storys zu stoßen.«
Nun wandte ich meinen Blick Jane Sternberg zu, der Leiterin des Lokalteils: »Und drittens legen Sie Wert darauf, dass Ihre neue Stellvertreterin Erfahrung in Menschenführung mitbringt – ich habe eine Lokalredaktion geleitet: Volontäre ausgebildet, Redakteure eingestellt und Mitarbeitergespräche geführt. In diesen Punkten könnte ich Sie, Frau Sternberg, bei Bedarf entlasten.«
Von all den Redakteuren, die ich eiskalt entlassen hatte, erwähnte ich kein Wort. Es reicht ja, dass sie nachts durch meine Albträume spukten. Jane Sternberg nickte mir freundlich zu.
Von Leibringen heftete seinen Blick an meinen Lebenslauf, der vor ihm auf dem Tisch lag: »Und was haben Sie im letzten Jahr gemacht?«
Autsch, mein wunder Punkt! Der Knallfrosch in meiner Brust hüpfte schneller, und das innere Teufelchen soufflierte mir: »Ich habe mir von einem Psychiater erklären lassen, warum ich nicht mehr richtig ticke: warum die Bilder von damals immer wieder über meine Netzhaut stürmen, warum ein Wolf mir Fetzen aus meinem Gedächtnis reißt und warum ich ein einziges Nervenbündel geworden bin.«
Doch ich beherrschte mich und sagte: »Ich bilde mich autodidaktisch fort. Gerade analysiere ich die große Studie der Bertelsmann-Stiftung über Lokalmedien unter dem Aspekt: Wie sieht die Lokalzeitung der Zukunft aus, welche Themen packen die Leser?«
Anders gesagt: Ich hatte einen flüchtigen Blick auf die Studie geworfen, ehe ich mich wieder meinen offenen Rechnungen und dem Trash-TV zuwandte. Aber ein Bewerbungsgespräch hieß so, weil man Werbung für sich machen sollte, und das tat ich. Ich schlug mich tapfer. Und doch kamen mir meine Antworten viel zu glatt vor. Wo blieben meine Ecken und Kanten?
In der zweiten Phase des Gespräches musste ich erzählen, wo ich mich in fünf Jahren sah (nicht auf dem Stuhl meiner Chefin!), welches meine größten Schwächen waren (nur solche, die mit dem Job nichts zu tun haben!) und was ich in meinem Leben am meisten bereute (ein verjährter Fehler aus Schulzeiten!).
Dann, als wäre es die normalste Frage der Welt, wollte von Leibringen wissen: »Und was würde mir Ihr letzter Chef über Sie so erzählen?«
Der Knallfrosch in meiner Brust explodierte. Die Bilder von der Autobahnbrücke rasten durch mein Gehirn wie ein schnell gespulter Film, vorwärts, rückwärts, durcheinander. Meine Hände klammerten sich an der Stuhllehne fest, als wäre sie das Brückengeländer von damals. Ruhig atmen, Susanne, ruhig atmen.
Und wie von fern soufflierte das Teufelchen mir: »Mein letzter Chef kann Ihnen nichts mehr erzählen, weil er tot ist – ich habe eigenhändig dafür gesorgt, es war eine gute Tat! Und alles, was er Ihnen vorher erzählt hätte, wäre faustdick gelogen gewesen. Er war ein Schwein, und er hat mich selbst zum Schwein gemacht. Wenn ich jetzt meinen Verstand verliere – und ich glaube manchmal, das tue ich –, dann nur wegen ihm.«
Ich wollte mich beherrschen, etwas anderes sagen. Aber an der Art, wie Frank von Leibringen seine rechte Augenbraue nach oben zog, als müsse er sich verhört haben; an der Geste, mit der sich Jane Sternberg an ihr fliehendes Kinn fasste, als wollte sie es vor lauter Schrecken festhalten; an dem Schweigen, das sich wie Packeis in den Raum schob – daran merkte ich, dass etwas Unwiderrufliches geschehen war. Die Bilder von damals hatten mir die Kontrolle über mich geraubt, wieder einmal.
Frank von Leibringen kniff die Augen zusammen und visierte mich wie ein Scharfschütze: »Was haben Sie da gerade gesagt, Frau Mikula?«
»Die Wahrheit«, antwortete ich.
Damit war das Gespräch gelaufen.
Kurz vor dem Fahrstuhl holte mich Jane Sternberg ein: »Ich bewundere Sie für Ihren Mut zur Wahrheit, Frau Mikula. Hut ab!«
»Es war nur der Mut zur Dummheit«, sagte ich.
»Ich kenne Ihre Geschichte aus Reinstadt, ich habe das damals in den Medien verfolgt. Das war …« Sie führte den Satz nicht zu Ende. Mir fiel auf, dass ihr Oberkörper von einer Seite zur anderen pendelte, wie bei einer Boxerin.
»Haben Sie mich deshalb eingeladen?«
»Ich schätze investigativen Journalismus.«
Jane Sternberg lächelte und hielt mir ihre Visitenkarte hin. »Vielleicht können wir uns privat mal treffen? Melden Sie sich, wenn Sie wieder in Hamburg sind.«
Ihre Herzlichkeit sprang aus jeder Sommersprosse und tat mir gut. Ich mochte sie, ihre natürliche Art, und nahm die Visitenkarte an.
»Tut mir leid, dass ich Sie vor Ihrem Chef so blamiert habe«, sagte ich.
Sie fasste mich am Arm und sagte ernst: »Sie haben mich nicht blamiert: Er war richtig scharf darauf, eine so bekannte Journalistin kennenzulernen.«