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Als ich das Verlagsgebäude verlassen hatte, fühlten sich meine Beine so schwer an, als hätte sie jemand mit Blei übergossen. Vor lauter Müdigkeit hätte ich im Stehen einschlafen können. Ich war beschämt über meinen Auftritt und wütend auf mich selbst: Warum hatte ich mir dieses Gespräch von Iris aufschwatzen lassen? Wenn Sebastian wüsste, was ich hier abgeliefert hatte, würde er sich wieder für seine Mutter schämen – wie damals, als ich noch die eiskalte Redaktionsmanagerin war. Nur dass ich jetzt keine anderen Existenzen mehr zerstörte, sondern unsere eigene.

Gedankenverloren ließ ich meinen Blick die Straße hinaufschweifen. Sie schmiegte sich wie mit dem Lineal gezogen an hanseatische Firmengebäude, die nicht mit Reichtum protzen wollten, es aber gerade deshalb taten. Eine schwarze Limousine, übertrieben lang, die Scheiben getönt, rollte die Straße hinab und hielt vor dem Verlagsgebäude, nur ein Stück von mir entfernt. Ich war gespannt, welcher Superstar zum Interview vorgefahren wurde. Ich tippte aufs Showbusiness, vielleicht gab es in Hamburg eine Filmpremiere. Oder war es der Verleger persönlich, der es für nötig hielt, in einem solchen Schlitten durch die Stadt zu gleiten?

Ein livrierter Chauffeur, höchstens 1,65 Meter groß, braunes Haar mit elegantem Seitenscheitel, erhob sich aus dem Wagen, wechselte in erhabenem Gang die Seite. Aber statt die Beifahrertür zu öffnen, stolzierte er auf den Eingang des Verlages zu. Aha, er brachte keinen Promi, er holte einen ab.

Auf meiner Höhe blieb er stehen: »Susanne Mikula?« Seine Stimme klang wie flüssiger Honig, beruhigend.

Ich starrte ihn an. »Woher kennen Sie mich?«

»Ich habe die Ehre, Sie abzuholen.«

»Mich abholen?« Bestimmt machte ich ein Gesicht, das mich für die Geisterbahn qualifiziert hätte. »Das muss ein Missverständnis sein.«

»Voilà, bitte steigen Sie ein.« Er verbeugte sich, öffnete die hintere Tür und wies mir mit einladender Hand den Weg. »Darf ich bitten!«

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Hamburger Allgemeine mich mit einer Limousine zurück zum Bahnhof fahren ließ, lag weit unter null. Aber hatte der Chauffeur nicht meinen Namen genannt? Es konnte keine Verwechslung sein.

»Jetzt mal ganz langsam. Wer schickt Sie?«

»Dazu darf ich mich nicht äußern, aber selbstverständlich werden Sie alle nötigen Informationen noch erhalten.« Er nickte in den Fond des Wagens hinein.

Ich stand wie angenagelt auf dem Asphalt. »Dann werden Sie wohl ohne mich fahren müssen.«

»Das würde ich zutiefst bedauern. Und ich fürchte, Madame: Sie würden es noch viel mehr bedauern.«

Allmählich spürte ich, dass mein Kampfgeist erwachte. »Wollen Sie mir etwa drohen?«

Er lächelte gegen meinen Zorn an. »Ich will Sie nur darauf aufmerksam machen, dass Ihnen eine exquisite Chance entgehen könnte.«

»Die Chance, mich von Ihnen entführen zu lassen! Darauf kann ich verzichten.«

Er beugte sich etwas in meine Richtung, und seine Honigstimme sagte: »Mit Verlaub, Madame: Für Entführungen gäbe es unauffälligere Kraftfahrzeuge als dieses.«

Wo er recht hatte, hatte er recht. Und meine Beine wogen so schwer, dass ich mich allzu gern in die weichen Polster hätte fallen lassen. Zumal sich die Müdigkeit immer mehr in meinem ganzen Körper ausbreitete. Allmählich wurde ich neugierig: Wer wollte mich so dringend sprechen? Wer wusste überhaupt, dass ich heute in Hamburg war, zu dieser Minute an diesem Ort? Das war unheimlich. Und welches Thema war wichtig genug, mir eine Limousine vorbeizuschicken, groß wie ein Ein-Zimmer-Appartement und wohl so teuer, dass ich von der Tagesmiete meine Jahresstromrechnung endlich hätte bezahlen können?

Mein inneres Teufelchen wisperte: Bloß jetzt keine Fahrt ins Blaue, nachdem du heute schon zwei Attacken hattest. Wer garantiert dir, dass du beim nächsten Anfall an deiner Angst nicht erstickst? Die Brust kann dir auch in der größten Limousine verdammt eng werden.

Der Chauffeur sah mich aufmunternd an: »Madame, bitte lassen Sie mich wissen, wie ich Sie überzeugen kann.«

»Sagen Sie mir, worum es bei unserem Ausflug geht.«

»Das darf ich nicht, bedauere. Mein Auftraggeber legt allergrößten Wert auf Diskretion.«

»Dann werde ich Ihren Auftraggeber nie kennenlernen. Ich wünsche Ihnen noch eine gute Fahrt.« Ich drehte mich um und lief so schnell, wie es meine müden Beine zuließen, in Richtung Rathausmarkt.

»Madame«, rief er mir hinterher, »ich darf Ihnen aber sagen, wohin es geht.«

Ich blieb stehen und drehte mich um.

»Zum Hotel Atlantic

Eine halbe Minute später sanken meine müden Knochen in die weichen Polster der Limousine. Sofort wollte ich Iris anrufen, damit jemand wusste, wo ich war. Ich kramte mein Handy aus der Handtasche und legte es auf meinen Schoß. Die Polster fühlten sich wie Wolken an, ich versank immer tiefer, meine Müdigkeit riss mich mit sich. Ich tauchte in einen Traum mit unscharfen Konturen ein.

Als ich wieder aufwachte, befand ich mich in einer Tiefgarage – und mein Handy war verschwunden.