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Der Mann mit dem schattigen Gesicht thronte hinter einem riesigen Eichenschreibtisch, die muskulösen Arme hinterm Kopf zu einer Kobrageste gespreizt. Ich blinzelte gegen die tief stehende Sonne, die ihr Zitronenlicht durch die breite Fensterfront der Hotelsuite in meine Augen träufelte. Die Gemälde an den Wänden schienen zu leuchten, feine Staubkörner tanzten durch den herrschaftlichen Raum.

»Nun beruhigen Sie sich doch bitte wieder, liebe Frau Mikula. Niemand will Ihnen ein Haar krümmen, okay?«

»Das ist bereits passiert: Sie haben mich entführt und zu sich schleppen lassen!«

»Ich entschuldige mich in aller Form dafür, falls Ihre Anreise mit Beschwerlichkeiten verbunden war. Aber jetzt habe ich Ihnen doch gesagt, mit wem Sie es zu tun haben und worum es geht. Ich bin kein Krimineller, ganz im Gegenteil.«

»Und warum verhalten Sie sich dann wie einer? Warum lassen Sie mir mein Handy wegnehmen und kappen mich von der Außenwelt ab?«

»Niemand darf von unserem Treffen erfahren. Sonst ist der ganze Plan zum Scheitern verurteilt.« Er ließ seine Hände auf den Schreibtisch sinken.

»Und damit alles unauffällig abläuft, schicken Sie mir eine Stretchlimousine vor das Gebäude der größten Boulevardzeitung dieser Stadt? Toller Plan zur Geheimhaltung, gratuliere!«

»Niemand weiß, dass ich die Limousine geschickt habe. Und wir treffen uns hier im Atlantic, weil es sein kann, dass mein Haus in Blankenese beobachtet wird. Verstehen Sie jetzt?«

»Das rechtfertigt die Sache mit meinem Handy aber noch lange nicht!«

»Niemand, liebe Frau Mikula, darf ein Handy benutzen, wenn er mit mir in einem Raum ist. Wegen der Fotos. Das ist eine Eigenart von mir, vielleicht haben Sie davon schon gelesen.«

Natürlich hatte ich das! Heiner Stagemann – so hatte er sich vorgestellt – grüßte regelmäßig von einem Spitzenrang aus der Liste der reichsten Deutschen. Er musste Ende fünfzig sein, und seine Immobilienfirma StageBau, die er mit seiner Schwester Patricia leitete, hatte ihn steinreich gemacht. Mehrfach hatten die Wirtschaftsteile der überregionalen Zeitungen die Aktien seiner Firma als Investment mit Zukunft empfohlen, da der Wohnraum, gerade in den Städten, immer knapper wurde.

Und schon während meiner Hamburg-Jahre war mir aufgefallen, dass Berichte über ihn stets ohne Foto erschienen – offenbar fürchtete er sich vor einer Entführung. Einmal hatte ein großes Boulevardblatt einen Mann von hinten fotografiert, auch noch unscharf, und die Leser gefragt: »Ist ER das? Sieht so der Hinterkopf eines Immobilien-Milliardärs aus?« Lächerlich – als sähen die Hinterköpfe von Stinkreichen anders als die von Stinknormalen aus.

Ich rutschte auf meinem Stuhl ein Stück nach vorne: »Meinen Sie denn, ich hätte nichts Besseres zu tun, als Sie heimlich mit meinem Handy zu fotografieren?«

»Ein exklusives Foto von mir – das könnte ich Ihnen als Journalistin ja kaum verübeln. Sofern Sie eine gute Journalistin sind. Und davon gehe ich aus, denn darum sitzen Sie ja schließlich hier.«

»Und was wäre auf dem Foto zu sehen? Kein Gesicht, nur ein bisschen Haut hinter einer verspiegelten blauen Sonnenbrille, deren Gläser groß wie Spiegeleier sind. Dass Sie sich einen teuren Zweireiher leisten können, womöglich mit roter Fliege, darauf würden die Leute auch ohne Foto kommen.«

Es ärgerte mich, dass er seine Brille nicht abnahm. Auch wenn sein Gesicht doch durch die Ohren einen gewissen Wiedererkennungswert hatte: Sie standen von seinem länglichen Kopf mit dem grau melierten Haar ab wie die roten Henkel eines Topfes.

»Liebe Frau Mikula, ich brauche Ihre Hilfe! Ich habe eine Journalistin gesucht, die den Riecher und den Mut hat, krumme Dinger aufzudecken. Beides haben Sie in Reinstadt bewiesen, ich habe die Berichte über den Skandal intensiv verfolgt. Wenn jemand Vetternwirtschaft aufdecken kann, dann Sie.«

»Richtig, ich bin Journalistin. Aber was Sie mir vorgeschlagen haben, wäre eine verdeckte Ermittlung. Oder wie soll man es sonst nennen, wenn ich offiziell als Mieterkontaktfrau in Ihrer Firma anfange, heimlich aber hinter Ihrer Schwester herschnüffele?«

»Soweit ich weiß, nennt man das eine investigative Recherche. Und Sie würden sich für eine gute Sache einsetzen. Ich habe Hinweise darauf, dass Mieter mit übelsten Methoden aus unseren Wohnungen vertrieben werden, nur damit die Immobilien zu höheren Preisen veräußert oder vermietet werden können. Zu meiner Zeit waren die Mieter noch Könige. Aber in den letzten Jahren habe ich mich aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen. Und alles, was ich seither höre, beunruhigt mich zutiefst.«

»Sie klingen, als hätten Sie es mit Mietpreissenkungen zu einem Milliardenvermögen gebracht.«

Mir war, als zuckte er leicht zusammen. »Das habe ich nie behauptet. Aber soll ich wegschauen, wenn Psychoterror gegen Mieter ausgeübt wird? Wegschauen, wenn man ihre Wohnungen überschwemmt oder ganze Häuser zu lärmenden Großbaustellen macht, nur um sie zum Kündigen ihrer regulären Verträge zu treiben? Dann wird aufwendig saniert und mit hoher Marge verkauft. Da werden Menschen durch Psychoterror auf die Straße getrieben. Ich bin ein hanseatischer Kaufmann der alten Schule, es beschämt mich, wenn solche schmutzigen Geschäfte unter meinem Namen laufen. Nur fehlen mir die Beweise, wer die treibende Kraft dahinter ist. Ich möchte dieser Sache ein Ende setzen, okay?«

Er klang verzweifelt. Oder spielte er nur Theater? Wer garantierte mir, dass er nicht ganz andere Pläne verfolgte, etwa seiner Schwester Patricia eins auszuwischen und wieder aktiv ins Tagesgeschäft einzusteigen? Ich hätte mich zu seinem Werkzeug gemacht – so wie ich schon einmal das Werkzeug eines Chefs war, mit fatalen Folgen für mich und andere.

Dabei hätte ich das Geld dringend brauchen können. Ich dachte an Sebastian, wie schön es wäre, ihn in London zu besuchen. Oder ihm mal ein paar Euro mehr zu überweisen. Aber wie war die Stelle überhaupt dotiert?

»Vielleicht kenne ich jemanden, der für den Job geeignet ist. Welche Konditionen stellen Sie sich denn vor?«

»Ich könnte Ihnen 7.500 Euro pro Monat anbieten, liebe Frau Mikula – und zusätzlich eine Erfolgsprämie.« Er schien zu durchschauen, dass sich die Frage auf mich bezog. Mit diesem Geld hätte ich in wenigen Monaten meine Gläubiger befriedigen und meine Post wieder öffnen können. Außerdem wollte ich mir schon lange ein Ruderboot an meinen Lieblingssee legen, um dort endlich in den abgelegenen Buchten zu angeln. Überhaupt war ich im letzten Jahr seltener am Wasser gewesen, als es das Andenken an meinen Vater verdiente. Ich vernachlässigte mein Hobby, und ich vernachlässigte mich.

Aber wie wollte ich einen Undercover-Job antreten, wenn ich nicht mal eine Zugfahrt oder ein Vorstellungsgespräch ohne Panikattacke über die Bühne brachte? Ganz von dem Wolf zu schweigen, der mir Fetzen aus meinem Gedächtnis riss. Ich war eben doch ein Wrack. Ein solcher Job hätte mich gnadenlos überfordert.

»Ich glaube, ich bin die Falsche für Sie.«

Er ließ sein Kinn in den Handteller sinken. »Und wenn ich Ihnen jetzt sage, liebe Frau Mikula, dass es um viel mehr als nur Mietermobbing geht?«

Er stockte, und sein Gesicht schien noch schattiger als zuvor. Ich spürte, dass ihm die Worte kaum über die Lippen wollten. Gebannt starrte ich ihn an. »Nämlich?«

»Ich kann nicht ausschließen, dass eine unserer Mieterinnen …« Er legte seinen Kopf in den Nacken und holte tief Luft: »… dass eine unserer Mieterinnen ermordet wurde. Nur weil sie dem Verkauf eines Hauses im Weg stand. Ich habe keine Beweise, aber einen starken Verdacht.«

»Aber so ein Mord bleibt doch nicht unbemerkt«, wandte ich ein.

»Wohl wahr«, sagte er. »Aber die Ermittlungen gehen in eine andere Richtung. Niemand kommt auf die Idee, dass sie von ihrem Vermieter, einer renommierten Immobilienfirma, aus dem Weg geräumt wird. Die Polizei sucht jetzt einen ›Oma-Mörder‹.«