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Der Himmel trank Rotwein, und spiegelglatt lag die Binnenalster da, nur von ein paar hektischen Enten durchpflügt. Irgendwo hupten Autos, ein Motor heulte auf, die Stadt machte Feierabend.

Ich saß auf einer Bank und schaute aufs Wasser hinaus. War meine Entscheidung richtig gewesen? Ich hatte ein Monatsgehalt von 7.500 Euro abgelehnt, als würde ich in Geld schwimmen, dabei ging mein Hintern auf Grundeis. Ich hatte einem womöglich aufrichtigen Geschäftsmann zu verstehen gegeben, er solle sich selbst um die Schweinereien in seiner Firma kümmern. Nicht mal ein Mordverdacht brachte mich auf Trab. Wollte ich wirklich nicht? Oder hatte ich meine wacklige Gesundheit mal wieder als Alibi genommen?

Die ersten Wochen nach dem Drama auf der Autobahnbrücke waren ein einziger Rausch gewesen, Reinstadt feierte mich, und ich strotzte vor Tatkraft. Ich kaufte mir medizinische Fachbücher und büffelte los, als hätte ich meinen Studienplatz schon ergattert. Ich wirbelte durch unser Haus als gute Kochfee, las Sebastian jeden Wunsch von den Augen ab. Er war stolz auf mich, führte mich sogar mitsamt Lena ins Kino aus; wenn die Mama in Gegenwart der Freundin nicht peinlich ist, will das bei einem 15-Jährigen schon was heißen.

Dann, ausgerechnet wieder beim Joggen, brach mein Leben zusammen: Die Bilder des Todeskampfes fielen über meine Netzhaut her, rissen mich aus der Gegenwart und schubsten mich zurück auf die Brücke. Ich spürte wieder das Geländer in meinem Rücken, spürte, wie ich das Gleichgewicht zu verlieren drohte, fürchtete mich vor dem Sturz in die Tiefe. Und dann stürzte er statt meiner in den Tod, Hans-Otto Gleim.

Dieses Szenario überrollte mich so wuchtig, dass es die Gegenwart ausradierte, meine Brust zuschnürte und mich auf den Boden des Waldweges drückte, wo ich zuckend liegen blieb und Schaum spuckte. Bis mich zwei Wanderer fanden und den Notarzt riefen. Der sprach von einer Panikattacke, das könne immer mal passieren. Aufstehen und weitermachen.

Doch die Anfälle häuften sich, ich bekam nichts mehr auf die Reihe, nicht mal den Haushalt. Sebastian kümmerte sich mehr um mich als ich um ihn. Iris redete mich mit Engelszungen in eine Fachklinik für psychische Erkrankungen. Dort überraschte mich Dr. Menders, der erfahrene Chefarzt, mit seiner Diagnose: posttraumatische Belastungsstörung.

»Vielleicht haben Sie bislang gedacht, das kriegen nur Soldaten«, sagte er. »Aber das ist nicht wahr. Jeder, der eine lebensbedrohliche Situation erlebt hat, kann diese Krankheit bekommen. Flashbacks, verbunden mit Panikattacken, sind dabei ganz normal.« Eine Therapie, Medikamente und sehr viel Zeit – damit, meinte er, ließe sich die Krankheit überwinden.

Ich kann gar nicht sagen, wie erleichtert ich über diese Diagnose war. Ich kam mir vor wie eine Schülerin, beschenkt mit einem Attest, das sie vom Unterricht befreite. Nur dass der »Unterricht« meine berufliche Zukunft war. Ich warf meine medizinischen Handbücher in die Ecke, betrachtete die Wartesemester fürs Medizinstudium als endgültige Absage und gab mich dem Nachmittags-TV hin. Nur in den Keif-Talkshows fand ich noch Menschen, die mir durchgeknallter als ich selbst vorkamen. Auch wenn ich mir nicht ganz sicher war, ob dieser Eindruck stimmte.

Die Panikattacken überfielen mich aus dem Nichts und schnürten mich ein. Aber zugleich zog meine Krankheit einen Schutzwall zwischen mich und die Welt. Alles, was schiefging, lag jetzt an meiner gesundheitlichen Krise, nicht an mir. Ich traf keine Freunde, ich war ja krank. Ich machte keinen Haushalt, ich war ja krank. Ich bezahlte keine Rechnungen, ich war ja krank. Ich plante keine Zukunft, ich war ja krank.

Und was mich zurück in ein geregeltes Leben hätte führen können, wehrte ich energisch ab. Wann immer sich beruflich eine Tür öffnete, trat ich sie wieder zu. Etliche Vorstellungsgespräche hatte ich abgesagt, Aufträge als freie Journalistin abgelehnt. Ich war eine Soldatin, die den Kampf nur knapp überlebt hatte, Kranksein wurde mein Hauptberuf.

Nur Iris trat mir immer wieder in den Hintern. Sie diktierte mir Bewerbungen in den Block und verschickte mich zu Vorstellungsgesprächen wie ein Kind ins Ferienlager. Sie war die Einzige, die über meine Krankheit Scherze riss, sonst gab es wenig zu lachen.

Als Sebastian die Chance bekam, als Austauschschüler nach London zu gehen, nahm ich meine letzten Ersparnisse in die Hand – um ihm die Auslandserfahrung zu ermöglichen. Und um ihm die Erfahrung dieser Mutter zu ersparen.

Wo war die Susanne von früher geblieben? Die Susanne, die ihren Hut in den Ring warf, auch wenn sie verlieren konnte? Die Susanne, die Ehrgeiz für zwei hatte? Die Susanne, die zwar oft auf die Schnauze gefallen, aber immer wieder aufgestanden war?

Ich dachte an den Hund im Tenger Forst, der mein junges Leben fast in Stücke gerissen hätte, die Hundeattacke beim Joggen. Aber ich hatte mich nicht unterkriegen lassen und meine große Hundephobie am Ende sogar abgeschüttelt. Ich dachte an meine beruflichen Niederlagen, an den Tiefschlag in Hamburg, wo ich entlassen worden war, an das Desaster in Reinstadt. Aber nie war ich am Boden liegen geblieben, immer war ich wieder auf die Beine gekommen. Ich dachte an meine gescheiterte Ehe mit Heiko, die mich stärker gemacht hatte – zu stark und zu hart, das gebe ich zu, aber nie hatte ich mich hängen lassen. Und sogar eine neue Liebe hatte ich gewagt, Markus, wenn auch mit verheerenden Folgen.

Der Knallfrosch in meiner Brust hüpfte wieder los. Ich spürte, wie sich meine Finger um etwas krampften, und blickte nach unten: ein Zettel, jetzt zerknüllt. Dort wellte sich in blauer Tinte die geheime Handynummer von Heiner Stagemann, die er mir »für alle Fälle« zugesteckt hatte. Als er hörte, dass ich bei meiner Tante übernachten würde, hatte er mir angeboten, mich mit der Limousine fahren zu lassen. Ich hatte abgelehnt, mein Bedarf an solchen Fahrten war fürs Erste gedeckt.

Aber je länger ich über Stagemann nachdachte, desto sicherer war ich, dass ich diese Nummer niemals wählen würde. Ein obskurer Typ mit gespiegelter Sonnenbrille, der genau weiß, zu welcher Zeit ich an welchem Ort der Stadt bin, der mich einfangen lässt wie einen streunenden Hund, mir mal eben das Handy entwendet, bei der Audienz rührselige Geschichten erzählt und dann mit einem großen Geldbündel winkt – das war völlig indiskutabel. Sogar ohne meine Krankheit.

Auch wenn ich schon ahnte, dass Iris die Sache komplett anders sehen würde.