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»Kind, lass dich drücken!« Tante Martha umarmte mich, wie sie es immer tat, erstaunlich lang und sanft, ihre warmen Hände malten zärtliche Kreise auf meinen Rücken. In tiefen Zügen atmete ich ihr Chanel N° 5, ein Geruch aus meiner Kindheit, nach Zitrone, Jasmin, Vanille, ihr Geruch. Wenn ich es an einer anderen Frau roch, zum Beispiel im Bus, war ich für einen Moment so irritiert, als spräche eine Fremde mit Marthas Stimme.

Die Tante hatte sich schick gemacht, sie trug ihre Kette mit den großen Perlen, wie früher bei den Familienfeiern. Ihr weißes, immer noch wallendes Haar war hochgesteckt, ihre blitzenden braunen Augen lachten kess, und die paar Fältchen in ihrem Gesicht hinderten mich nicht, die bildschöne junge Frau von einst zu sehen, die bewunderte ältere Schwester meines Vaters.

Ich wusste, was jetzt käme: Sie würde einen Schritt zurückgehen, ihren Blick an mir hinabwandern lassen, mich fragen, ob ich vielleicht doch noch ein Stück gewachsen sei – und mich dann, nachdem ich lachend verneint hatte, in ihre Wohnung bitten, nicht ohne zu betonen, diese sei ja schon immer »viel, viel zu groß« gewesen, aber erst recht, seit Baldur, ihr Mann, nicht mehr lebe.

Genau so kam es.

Die edlen Dielenbretter knarrten, als wir ins Wohnzimmer trotteten, begleitet vom beruhigenden Ticken der großen Standuhr aus Mahagoni. Ich liebte diese 120-Quadratmeter-Wohnung, ein herrlicher Altbau, hoch wie ein Museum, wozu die Gemälde an den Wänden passten. Martha zog naturalistische Bilder vor: ein mächtiger Wasserfall, von dem ich als Kind sicher war, ihn tosen zu hören; eine Waldlichtung mit Reh, der ich mich immer nur schleichend genähert hatte, um das Tier nicht zu verscheuchen; und eine Bucht im schwedischen Schärengarten mit rotem Häuschen im Hintergrund, in das ich mit meinen Eltern hatte einziehen wollen.

Das Wohnzimmer, hell und geräumig, erstreckte sich als herrschaftlicher Raum mit einer breiten Fensterfront, einem riesigen Balkon und einem spektakulären Blick auf die Alster. Als junges Mädchen war ich sicher gewesen, mit meinen Signalen von hier oben den Schiffsverkehr auf dem Fluss regeln zu können, weshalb ich dort bei Tageslicht herumhampelte und nachts mit der Taschenlampe blinkte.

Tante Martha servierte grünen Lung-Ching-Tee mit Nussgeschmack in ihrem handbemalten Teeservice aus China, das Baldur ihr bei einer Reise geschenkt hatte. Ich liebte es seit meiner Kindheit. Die Henkel der Tassen bestanden aus dem gebogenen, rot-weiß gepunkteten Schwanz eines Drachen, dessen Körper in die Außenseite der Tasse überging. Beim Kännchen bildete ein langer Drachenhals mit offenem Maul die Tülle. Und der goldene Deckel war ein gezackter Drachenkamm.

Tante Martha streichelte den Tassendrachen, während sie sich nach meinem Vorstellungsgespräch erkundigte. Als ich mich zurückhaltend äußerte, legte sich ein Schatten der Enttäuschung auf ihr Gesicht.

»Aber wir hatten doch eine Vereinbarung, Kind, dass du bei mir Quartier beziehst. Wir beiden Frauenzimmer bilden eine Wohnkommune.«

»Mit mir als Mitbewohnerin würdest du keinen guten Fang machen. Ich würde mich den ganzen Tag von dir bekochen lassen und auf dem Sofa gammeln.«

Besorgt sah sie mich an und zog ihre struppigen Augenbrauen nach oben, es sah aus, als würde sich eine Jalousie über ihren Augen heben. Ich kannte diesen Mechanismus, er setzte immer ein, wenn sie tief in mich hineinblicken wollte. »Geht es dir noch so schlecht wie jüngsthin?«

Immer wieder schmuggelten sich Begriffe in Marthas Sprache, die ich nur aus alten Büchern kannte. Oft sagte sie »jüngsthin« statt »kürzlich«, »gewisslich« statt »gewiss«, »allenthalben« statt »überall«. Ich sah sie an und spürte, dass es zwecklos war, sie anzulügen, sie kannte mich zu gut. »Die Attacken sind seltener geworden, aber nicht weg. Und mein Gedächtnis hinkt etwas.«

»Du hast ein hinkendes Gedächtnis, und mein vermaledeiter alter Kopf lahmt noch viel mehr. Wenn wir beides zusammenlegen, entsteht vielleicht ein Supergehirn.«

Ich lachte und sagte: »Nur weil einem mal die Badewanne überläuft, hat man noch lang keinen lahmenden Kopf.«

»Das ist freundlich, dass du mich in Schutz nimmst. Aber du weißt, dass sie mir zweimal übergelaufen ist, Susanne.« Immer, wenn sie mich »Susanne« statt »Kind« nannte, war es ihr besonders ernst. »Und nie konnte ich mich an mein Missgeschick erinnern. Vielleicht muss ich langsam in eine Seniorenanstalt abwandern.«

Ich hatte von den Wasserschäden gehört, der Hausmeister hatte mich angerufen und gefragt, ob meine Tante wirklich noch allein leben könne – was ich sofort bejaht hatte, denn bei unseren Telefonaten wirkte sie immer hellwach.

»Wenn du ins Seniorenheim musst – es heißt ›Heim‹ und nicht ›Anstalt‹, Martha –, dann muss ich erst recht dorthin. Ich habe es heute im Zug fertiggebracht, den Schaffner nicht zu erkennen.«

»Dann musst du nicht in ein Heim, sondern zu einem Optiker.« Tante Martha deutete mit einem schelmischen Lächeln auf ihre Brille.

Sie war immer noch redegewandt und schlagfertig. Jahrelang hatte sie ehrenamtlich für die Telefonseelsorge gearbeitet. Und Baldur, ihr Mann, hatte als Strafverteidiger schwierige Fälle beim Abendessen diskutiert und Plädoyers geübt. Ich wusste noch, dass Martha ihn oft mit besseren Argumenten versorgte. Bis heute nahm sie in unseren Gesprächen gern die Gegenposition ein, um mich zu fordern.

Sie war gut in logischem Denken, fast wäre sie Physikerin geworden, eine Seltenheit für eine Frau ihrer Generation. Aber die Schwangerschaft mit Nathan, ihrem einzigen Kind – heute arbeitete er als Agrarwissenschaftler in Südafrika – hatte sie aus den Laboren der Universität in die heimische Küche versetzt. Für sie kein Problem: Dann experimentierte sie halt mit Kuchenrezepten und testete die Schwerkraft von Pfannkuchen, die sie zum Wenden schwungvoll mit der Pfanne in die Luft schleuderte. Als Kind hatten mich diese kühnen, hohen Würfe, die meine Mutter nie wagte, bei ihr immer sehr beeindruckt. Manchmal bat ich sie, Pfannkuchen zu backen, nur um diese spektakulären Saltos zu sehen.

Sie war eine Kämpferin, die immer wieder aufstand. Als Baldur gestorben war, vor sieben Jahren, trug sie sechs Monate lang Schwarz, ehe sie von einem Tag auf den anderen wieder in helle Kleidung schlüpfte und sagte: »Er hätte sich gewünscht, dass ich noch was aus meinem Leben mache.«

Also hängte sie seine besten Anzüge, mit passenden Hemden und Krawatten kombiniert, liebevoll auf einzelne Bügel und brachte sie Schwung für Schwung beim Roten Kreuz vorbei. Sie trat in einen Chor ein, las Kindern im Krankenhaus Geschichten vor und entdeckte eine neue Liebe: Kreuzworträtsel. Noch heute lagen auf ihrem Nachttisch immer drei bis vier Zeitschriften, das Rätsel aufgeblättert – und jedes einzelne Quadrat mit einem Großbuchstaben ihrer altmodisch-verschnörkelten Handschrift ausgefüllt.

»Susanne, dein Vater war ein honorabler Mann«, sagte sie ins Schweigen – sie wusste, wie oft ich an ihn dachte.

»Und ich habe nicht mal einen Job. Ich werde ihm als Tochter nicht gerecht.«

»O doch, du wirst Medizin studieren und in seine Fußstapfen treten – wie hätte ihn das gefreut.«

»Gefreut? Er selbst ist doch an der Medizin zerbrochen!«

»Kind, wer wachsen will, muss bergauf gehen. Das strengt an, aber die Kräfte wachsen dabei.«

»Vater war weich, zu weich.«

Sie fixierte die Tasse, ihr Finger kreiste durch den Drachenschwanzhenkel wie durch einen Looping, dann sah sie mich fest an. »Die Sonne ist hell, weil sie hell sein muss. Er war nicht zu weich, er war er selbst.«

»Vielleicht bin ich anders.«

»Du bist seine Tochter.«

Ihr Blick glitt in die Ferne, und ein Strahlen wellte ihre Wangen. Sie zeigte zur Fensterfront: »Kind, sieh mal: Da kommt ein Alsterdampfer. Weißt du noch, dass du immer Lotse auf dem Balkon gespielt hast? Davon habe ich vor ein paar Wochen noch Elfriede aus der Nachbarstraße erzählt.« Sie hielt inne und starrte auf die Tischplatte: »Elfriede – die Ärmste!«

Sie nahm die Brille ab und tupfte sich mit einem Taschentuch die Augenwinkel. Ihr Adamsapfel zuckte merkwürdig.

»Ist deine Nachbarin sehr krank?«

»Nein, viel misslicher. Elfriede Jaspers wurde am Wochenende ermordet. Wer tut denn nur so was – eine Frau von 94 Jahren umbringen.«

Ich holte tief Luft. »Martha, wie heißt eigentlich dein Vermieter?«

»Weiß du das nicht, Kind? Das ist die StageBau