Als ich zurück in Reinstadt war, empfing mich ein Briefkasten voller Rechnungen. Ich warf sie in eine Ecke und vergammelte den Tag. Erst am nächsten Morgen zwang ich mich, die Umschläge zu öffnen. Es waren Mahnungen von Inkasso-Instituten. Die Stromwerke drohten, mir das Licht auszuknipsen. Der Telefonanbieter drohte, mich vom Netz zu nehmen. Ein Online-Händler drohte damit, seine Waren mitsamt einer saftigen Mahngebühr zurückzufordern. Aber am härtesten traf mich der Brief meiner Bank. Hatten sie je zuvor das Wort »Zwangsversteigerung« verwendet?
Ich riss eine Schublade meines Schreibtisches auf, um die Rechnungen hineinzustopfen. Doch sofort knisterte mir anderes Papier entgegen, richtete sich trotzig wieder auf. Mit Gewalt quetschte ich die neuen Rechnungen zu den alten. Die Schublade blockierte, mit meinem Hüftknochen stieß ich sie zu.
Früher hatte ich Menschen, die ihre Rechnungen entsorgten, für Dummköpfe gehalten. Heute wusste ich, warum sie das taten, denn Rechnungen konnten sprechen: Du bist eine Versagerin, Susanne, du kannst dir dein Leben, dein Haus, deinen Sohn nicht mehr leisten! Hör auf zu essen, hör auf zu wohnen, hör auf zu atmen! Dieselben Sätze riefen die Rechnungen auch noch in der Schublade – aber etwas leiser, sodass ich sie zwischendurch vergessen konnte.
Ein Klingeln an der Tür schreckte mich auf. Das musste Iris sein! Für einen Moment wisperte die Schublade nicht mehr, ein Lächeln hob meine hängenden Mundwinkel an, ich flog zur Tür.
»Susanne Mikula?«, fragte der Mann mit der Aktentasche und der Nickelbrille, die ihm spitz auf der Nase saß.
»Ja«, sagte ich vorsichtig.
»Gegen Sie liegt ein Vollstreckungstitel vor.« Er kramte aus seiner Tasche ein Papier mit Briefbogen eines Gerichts und hielt es mir unter die Nase.
»Darf ich reinkommen, damit wir das unter vier Augen klären?« Er sprach auffallend laut und warf einen drohenden Blick auf das Nachbargrundstück, wo Elli Wiener gerade Laub zusammenrechte und neugierig rübersah. Es reichte, dass ich pleite war, ich musste in der Straße nicht auch noch »Pleite-Susanne« heißen; deshalb nahm ich ihn rasch mit ins Haus.
Eine Viertelstunde später, als er ging, hatte er sich einen Teil meines Bargelds unter den Nagel gerissen – ich hatte mein Portemonnaie vor ihm öffnen müssen, es fühlte sich wie Nacktmachen an. Ebenso war mein großer Plasma-Fernseher weg, der kleine Zweitfernseher Sebastians reichte für diesen Haushalt. Das alles wäre zu verschmerzen gewesen. Nicht zu verschmerzen aber war, dass er aus meinem Schmuckkästchen einen Armreif aus Gold nahm, ein kostbares Erbstück – ich sah meine Mutter noch vor mir, blass auf ihrem Bett liegend, vom Krebs fast schon aufgefressen, wie sie mir den Reif in die Hand drückte: »Er hat mich über dreißig Jahre begleitet, jetzt ist es deiner.«
Ich hätte schreien können vor Schmerz und Wut. Der Gerichtsvollzieher meinte, ich könne das Erbstück zurückkaufen, sofern ich rasch genug wieder zu Geld käme.
Schließlich sackte er noch meine hochwertige Espressomaschine und meine E-Gitarre ein, die ich ohnehin nie richtig hatte spielen können.
Als er das Haus verließ, war jedem meiner Nachbarn klar, dass hier kein Umzug anstand. Ich hielt mich im Flur verborgen und schob die Tür ganz rasch zu.
So weit war es gekommen. Ein fremder Mann durfte sich an meinem Eigentum bedienen. Ich musste den Armreif meiner Mutter zurückkaufen – aber wie, ohne Geld? 7.500 Euro im Monat, schoss es mir durch den Kopf, 7.500.
Was würde Sebastian sagen, wenn er aus London zurückkam, wir aber nicht mehr in diesem hellen, geräumigen Haus mit Garten, sondern in einem nass-feuchten Zwei-Zimmer-Apartment ohne Balkon am Stadtrand wohnten, womöglich mit einem Alkoholiker als Nachbarn, der die ganze Nacht randalierte? Ein Gefühl der Scham zog sich wie ein Schloss um meinen Hals. Der Knallfrosch in meiner Brust hüpfte los. Ich spürte das Geländer in meinem Rücken, den heißen Atem des Hundes, ich war wieder auf der Brücke. Tief atmen, Susanne, tief atmen.
Ich war dabei, in eine Panikattacke abzustürzen – doch das Läuten des Telefons riss mich in die Gegenwart zurück.