Wenn Iris irritiert war, glich der Pagenschnitt ihres schwarzen Haares einem leicht verrutschten Helm, unter dem sie fragend hervorblinzelte. Wir saßen in der Bäckerei Fritsche, an einem kleinen Holztisch am Fenster, der warme Duft nach frischem Brot quoll aus der Backstube. Sie spielte an einem ihrer zahlreichen Armreife, sie liebte Modeschmuck.
Mein Gewissen pochte wie ein eitriger Finger, denn ich hatte Iris nur von meinem Auftritt bei der Hamburger Allgemeinen erzählt, nicht von meiner kuriosen Begegnung mit Heiner Stagemann. Ich fürchtete, sie würde mich in diesen Job drängen. Und ich kannte ihren Sturkopf und ihre Energie, dieser Power war ich im Moment nicht gewachsen.
Seit mich Tante Martha angerufen und von der letzten Nacht erzählt hatte, war ich in noch größerer Sorge als zuvor. Ich musste mit jemandem sprechen, ich fürchtete das Allerschlimmste.
Iris beugte sich ein Stück nach vorne. »Jetzt noch mal zum Mitschreiben, Prinzessin: Martha sagt, da ist letzte Nacht jemand durch ihre Wohnung gegeistert?«
Ich wiederholte, was sie mir am Telefon erzählt hatte. »Ja. Sie lag schlaflos im Bett und hat dann Schritte in ihrer Wohnung gehört. So gegen drei Uhr.«
»Hey, dein Tantchen hat fast neunzig Lenze auf dem Buckel, da kann sie doch mal was durcheinanderbringen.«
»Im Kopf ist sie hellwach.«
»Ich hab ja nicht behauptet, dass sie einen Knall hat. Aber im Halbschlaf könnte jeder die Schritte aus der Wohnung über ihm falsch zuordnen.«
»Sie wohnt seit vierzig Jahren dort. Die Schritte von oben sind kaum zu hören – aber ihre Dielenbretter knarren richtig laut. Das kann man nicht verwechseln, glaub es mir.«
Sie nahm einen Schluck Kaffee. »Aber wer, Prinzessin, sollte um drei Uhr einen Spaziergang durch ihre Wohnung machen, einfach so zum Spaß? Du sagst doch, sie ist nicht beklaut worden.«
Zu gern hätte ich ihr eröffnet, wen ich im Verdacht hatte. Doch dazu hätte ich die ganze Geschichte aufdecken müssen.
»Aber das Gas, Iris – das Gas an ihrem alten Herd war ganz leicht aufgedreht! Hätte sie es nicht abgestellt, wäre die ganze Wohnung womöglich in die Luft geflogen. Da reicht der kleinste Funke, beim Einschalten des Lichts zum Beispiel.«
»Wie hat deine Tante das mit dem Gas gemerkt? Hat sie es im Schlafzimmer gerochen?«
»Nein, es war mehr eine Ahnung. Sie ist in die Küche gelaufen, weil die Schritte in diese Richtung gegangen waren – und dann hat sie ein leises Zischen an ihrem alten Herd gehört.«
Iris pustete in ihr Haar, eine Strähne sprang nach oben und fiel zurück. »Meine Story geht anders, Prinzessin: Dein Tantchen kann nicht schlafen, will sich noch einen Tee machen, ist am Herd etwas schusselig. Dann schlurft sie zurück zu ihrem Bett, erinnert sich an ihren Fehler und bügelt ihn aus. Sag jetzt nicht, das klingt unwahrscheinlich.«
»Meine Tante trinkt nach zwanzig Uhr keinen Schluck mehr. Sie hat Schwierigkeiten mit ihrer Blase.«
»Dann hatte sie Heißhunger und wollte sich was kochen, weiß der Teufel. Aber es ist doch lächerlich, dass jemand in der Wohnung war. Du sagst ja selbst, die Tür war nicht aufgebrochen. Wie kam der Eindringling rein? Ist er durch die Wand gegangen?«
Diese Frage hatte ich mir auch schon gestellt. Aber war es nicht klar, dass der Vermieter einen Zweitschlüssel besaß? Ich konnte Iris nicht länger im Unklaren lassen, ich musste ihr die ganze Wahrheit sagen – zumal ich wusste, dass sie vor Jahren mal eine Mietrechtsstory recherchiert hatte und sich gut mit dem Thema auskannte.
»Hör gut zu, Iris«, hob ich an – und dann erzählte ich alles der Reihe nach: von der Limousine vor dem Verlagsgebäude, vom Gespräch im Hotel, dem schrecklichen Verdacht Heiner Stagemanns und der Tatsache, dass die ermordete 94-Jährige eine Nachbarin meiner Tante war und wie sie Mieterin der StageBau.
Iris riss ihre Augen immer weiter auf und klatschte sich beide Hände gegen ihre Wangen. »Dann ergibt alles Sinn! Ein Mietvertrag löst sich nur auf drei Wegen auf: indem der Mieter kündigt – aber wer würde das nach über vierzig Jahren bei den momentanen Mietpreisen in Hamburg tun, die Neumieten sind ja viel höher! Indem der Vermieter kündigt – aber das ist rechtlich höchst kompliziert. Oder indem der Mieter stirbt, denn ein Mietvertrag lässt sich nicht vererben. Bingo. Schon hat der Vermieter freie Hand. Er renoviert frisch und schraubt den Mietpreis in den Himmel. Oder er verkauft mit Riesengewinn.«
»Glaubst du mir jetzt, dass da was nicht stimmt?«
»Ich halt’s immer noch für möglich, dass deine Tante nur schusselig war. Aber ich halt’s auch nicht für unmöglich, dass die StageBau unbequeme Mieter nach Ohlsdorf umziehen lässt.«
Ich wusste, was sie meinte. Im Stadtteil Ohlsdorf lag der größte Friedhof Europas, während unserer Ausbildung an der Journalistenschule hatten Iris und ich in diesem riesigen Park so manchen Spaziergang unternommen.
Iris fixierte mich mit ernstem Blick. »Hey, Prinzessin, du kannst jeden Job der Welt ablehnen. Aber du kannst nicht riskieren, dass die deine Tante kaltmachen. Ist doch klar wie Kloßbrühe: Entweder ist sie ein Risiko für sich selbst, weil sie nicht mehr weiß, was sie tut. Oder sie ist jemand anderem im Weg, und der wird einen zweiten Anlauf nehmen.«
Ich schwieg und dachte über ihre Worte nach. Vielleicht hatte Tante Martha den offenen Gashahn vergessen, so wie sie ja auch den Wasserhahn ihrer Badewanne vergessen hatte. Vielleicht hatte sie sich die Schritte in der Wohnung nur eingebildet, Traum und Wirklichkeit vermengt. Oder aber … Und das wollte ich gar nicht zu Ende denken.
In mir reifte eine Erkenntnis. »Stimmt, zuschauen wäre unverantwortlich. Heiner Stagemann braucht Hilfe. Eine erfahrene Journalistin muss sich an die Recherche machen.«
Sie nickte zufrieden. »Du nimmst seinen Job also an, Prinzessin?«
»Nein«, sagte ich und war mir meiner Sache ganz sicher. »Ich werde den Job an jemanden vermitteln, der gesünder ist als ich.«
Sie kniff die Augen zusammen. »An wen denkst du da?«
»An dich.«