Also, ich will Sie nicht lange mit Euphemismen behelligen, die Sache mit dem Mütterchen ist nicht zu hundert Prozent optimal gelaufen. Ja, ich habe sie auf die andere Seite der Straße gebracht, und nur das war Gegenstand des Vertrages. Das heißt, rein juristisch habe ich mir nichts zuschulden kommen lassen.
Aber Sie können sich vorstellen, wie es jemanden mit meinem Anspruch beleidigt, wenn er sich als »Oma-Mörder« in der Zeitung wiederfindet. Über die unglücklichen Umstände, die dazu geführt haben, werde ich Sie noch in Kenntnis setzen.
Doch ist sich der Schmierfink, der einen solchen Begriff verwendet, eigentlich der Wirkung seiner Sprache bewusst? Ist ihm klar, dass er die älteren Damen dieser Stadt in Angst und Schrecken versetzt? Dass er sie dazu bringt, abends noch mal unters Bett zu schauen, ob dort eine mordlustige Bestie lauert? Wer »Oma-Mörder« schreibt, sorgt für unruhigen Schlaf, dabei ist das Herzinfarktrisiko in den frühen Morgenstunden ohnehin am höchsten – das hat mit einem Übertragungsfaktor namens Klf15 zu tun, der die elektrische Stabilität des Herzens beeinflusst, falls Sie sich für solche Details interessieren. Fest steht: Ängste vorm Schlafengehen können tödliche Nebenwirkungen haben.
Ohnehin finde ich den Begriff »Mörder« problematisch, denn ich frage Sie: Mordet ein Herzinfarkt? Mordet ein Schlaganfall? Mordet ein Krebsgeschwür, das seine Metastasen im Körper streut? Und wenn Sie hier den Mord verneinen: Was genau ist anders, wenn ich das Werk der Natur übernehme, ihr also nur ein kleines Stück vorgreife?
Entscheidend finde ich, dass wir alle die Straßenseite wechseln müssen, weniger den Zeitpunkt.
Im Gegenteil: Wer könnte den Nachweis erbringen, dass einem Menschen durch diesen Seitenwechsel nicht sogar ein Vorteil entsteht? Kann es nicht sein, dass das Mütterchen schon am nächsten Tag einen Schlaganfall bekommen, jämmerlich gelitten und die letzten Jahre seines Lebens im Halbdunkel zwischen Leben und Tod vor sich hingedämmert hätte?
Es ist albern, das Leben über den Tod zu stellen, beides bedingt einander. Wenn man einen Menschen zur Welt bringt, ist das nicht gut, und wenn man einen Menschen aus der Welt holt, ist das nicht schlecht. Es ist einfach nur, wie es ist.
Ich weiß, so denken Staatsanwälte nicht, sonst wären sie Philosophen. Wer das Leben in all seiner Vergänglichkeit sieht, wie ich in meinem Hauptberuf, der stellt die Naturgesetze über die Strafgesetze. Ich traue mir da mehr Weitblick als der Gesetzgeber zu.
Warum der Plan mit dem Mütterchen nicht zu hundert Prozent aufgegangen ist? Der Kontakt zum Auftraggeber kam so wie immer zustande: übers Darknet. Sie wissen schon, das ist der dunkle Zwilling des Internets. Dort bin ich prominent platziert und werde oft gefunden, dank meiner hervorragenden Kenntnis der Algorithmen.
Viele Schwachköpfe, die meine exotische Freizeitbeschäftigung als Hauptberuf betreiben, bieten ihre Dienste auf dem Kiez an, durch Mund-zu-Mund-Propaganda, nach dem Motto: »Kennst du jemanden, der vielleicht einen anderen beseitigt haben möchte?« Klar, dass solche Erbsenhirne von den Zivilfahndern wie reife Äpfel von der Straße gepflückt werden.
Im Darknet aber kann ich meine Dienstleistung sichtbar machen und in Bitcoin abrechnen, ohne dass die geringste Spur zu mir führt. Nichts verbindet mich mit dem Auftraggeber: Ich kenne seinen Namen nicht, er nicht den meinen. Das gelingt aber nur, weil ich weiß, dass es für absolute Anonymität noch etwas mehr als einen Volkshochschulkurs in Internet-Sicherheit und einen Tor-Browser braucht.
Der Auftraggeber in der Mütterchensache hatte mich erstklassig versorgt: mit einem Schlüsselprofil für die Wohnung, mit einem Grundriss, in dem das Schlafzimmer mit Bett eingezeichnet war, und mit Informationen über den Tagesablauf des Mütterchens. Ich wusste, wann sie aufstand, wann sie aß, wann sie ins Bett ging – und dass sie schwerhörig und leicht gebrechlich war. Wie gesagt: keine große Herausforderung, eher ein Spaziergang.
Doch ich wäre ein Amateur gewesen, hätte ich mich auf solche Informationen verlassen. Also habe ich den Altbau an der Alster mehrere Nächte unter die Lupe genommen. Ich liebe diesen Kick, nachts draußen zu sein, Menschen zu beobachten, aber nicht gesehen zu werden.
In dem Haus, vier Stockwerke hoch, wohnten nur fünf Parteien, das Mütterchen im zweiten Stock. Ich wollte herausfinden: Ab welcher Zeit konnte ich sicher sein, keine unerwünschten Bekanntschaften im Treppenhaus mehr zu schließen? Denn die größte Gefahr für mich bestand darin, in der Sterbenacht als Fremder im Haus gesehen zu werden. Das hätte Fragen nach der Koinzidenz aufgeworfen, die ich mir unbedingt ersparen wollte – auch wenn ich mein Gesicht grundsätzlich durch einen angeklebten Vollbart tarne.
Meine nächtliche Observation ergab: Ab 1.15 Uhr herrschte unter der Woche absolute Ruhe im Haus.
Die Nacht, in der es geschehen sollte, war ein kalter Septemberabend. Der Vollmond schimmerte matt durch die Smogwolke über der Stadt, wie eine noch blasse Energiesparbirne durch einen verstaubten Lampenschirm.
Ich trug Plastikhandschuhe und lange Kleidung, die frisch gekauft war und meine Haut lückenlos bedeckte. In der Wohnung würde ich mir eine Badekappe über den Kopf stülpen und eine Staubmaske aus dem Baumarkt übers Gesicht, um keine DNA-Grüße zu hinterlassen.
Menschenleer lag die Straße da, die eng am Rand parkenden Autos sahen aus wie ein Spalier. In der Ferne verlor sich ein Martinshorn. Ich huschte über die Straße. Die Haustür freundete sich sofort mit dem Schlüssel an, im Finstern schlich ich die Treppe hinauf, es stank im Flur.
Die Wohnungstür des Mütterchens verhielt sich kooperativ, ich betrat ihr Reich. Der vertraute Geruch nach Medizin, wie so oft bei alten Leuten, ich hätte die Wirkstoffe aufzählen können. Ich stülpte Badekappe und Staubmaske über, schaltete die Schwarzlicht-Taschenlampe an. Ein hoher Altbau, überall schwere, dunkle Möbel. Ein Telefon noch mit Schnur. Daneben ein Nelkenstrauß.
Mühelos fand ich den Weg ins Schlafzimmer, die Tür war angelehnt, ich sah ihren Umriss im Bett, hörte ihren regelmäßigen Atem. Das leise Knarren der Dielen weckte sie nicht auf, sie war ja schwerhörig.
Ein schlafendes Mütterchen, da geht einem doch das Herz auf. Meine sanfte Enkelhand senkte sich hinab zu ihrem welken Gesicht. Dann schob ich meine Handfläche auf den Mund, umfasste die Nase mit Daumen und Zeigefinger und drückte mit beherzter Zärtlichkeit zu, um ihr einen Höhenrausch zu bescheren. Sie zuckte kurz nach oben, ehe sie sich dem Vorschlag meiner Hand fügte, es sich in ihrem Kissen bequem zu machen. Für immer.
In diesem Moment hörte ich das Geräusch hinter mir. Und er stürmte auf mich zu.